216.  Monusen’s  Denkschrift  (Corpus  Inser.  Latinarum)  1847.  535

ist  der  Grund,  welshalb  man  in  Italien  nicht  so  leicht  wie  in  Deutschland  auf  argen
Mifsbrauch  der  epigraphischen  Kritik  stöfst.  Die  Mittel  zur  Constituirung  des  Textes
sind  theils  Vergleichung  der  verschiedenen  Abschriften,  theils,  wo  diese  nicht  ausreicht,
  Konjektur,  wie  denn  auch  Restitution  gebrochener  Steine  nicht  auszuschliefsen
ist.  Hier  ist  indels  die  Klippe  zu  vermeiden,  in  kommentirende  Weitläuftigkeit  zu
verfallen.  Leitender  Grundsatz  sei  es,  die  Inschriften  lesbar  und  verständlich  herzustellen,
  sei  es  durch  Verbesserung  falscher  Lesarten,  sei  es  durch  Supplemente;  wo
dagegen  Konjektur  und  Restitution  nur  das  Resultat  einer  längeren,  auf  die  sachlichen
historischen  oder  antiquarischen  Verhältnisse  eingehenden  Erörterung  sein  kann,  da
bleibe  sie  dem  Specialforscher  überlassen.  Dieser  Mittelweg  scheint  mir  dem  Charakter
  eines  solchen  Quellenwerkes  zu  entsprechen,  das  nicht  so  sehr  wissenschaftliche
  Resultate  zu  geben  hat,  als  die  Mittel  sie  zu  gewinnen.  Der  Gelelırte,  der  z.B.
ein  Verzeichnifs  der  Statthalter  einer  Provinz  liefern  will,  kann  wohl  verlangen,  dafs
man  ihm  seinen  Weg  ebne  durch  Hinzufügung  leicht  sich  ergebender  Supplemente
und  Ausmerzung  gewöhnlicher  Kopistenfehler  (zumal  da  bei  der  präsumtiv  grölseren
Gewandtheit  des  Herausgebers  in  der  so  sehr  eigenthümlichen  epigraphischen  Kritik
er  hiezu  im  Ganzen  melhır  befähigt  sein  wird  als  andere  Gelehrte);  aber  Verbesserung
  heillos  verdorbener  Namen,  Ergänzung  der  marmora  acephala  ist  eben  seine
Arbeit.  Wo  indels  dies  schon  von  früheren  Gelehrten  ınit  Probabilität  geschehen
ist,  wird  in  den  Noten  die  Angabe  der  Supplemente  desselben  mit  Verweisung  auf
ihn  aın  Orte  sein.  —  Bei  Angabe  der  var.  lect.  scheint  mir  Kellermann  die  Genauigkeit
  übertrieben  zu  haben.  Ich  habe  es  namentlich  bei  Steinen,  die  ich  selbst
gesehen,  nöthig  gefunden,  die  Varianten  ganz  schlechter  Abschreiber  zu  beseitigen.
Wo  Smetius,  Marini,  A.S.  Mazochi  anders  lasen  als  ich,  ist  es  imıner  angegeben.

Nach  demselben  Grundsatz,  den  Gebrauch  des  C.  1.  L.  dem  gröfseren  gelehrten
Publikum  zu  erleichtern,  werden  selbst  erklärende  Noten  in  der  weisen  Beschränkung
  der  Orelli'schen  zweckmäfsig  sein,  z.  B.  Angabe  der  Jahreszahlen  bei  den  Konsulaten,
  trib.  potest.,  praef.  urbis,  Auflösung  seltnerer  Siglen,  Verweisung  auf
Exegesen  der  einzelnen  Inschriften,  namentlich  in  der  bisherigen  epigraphischen
Literatur,  um  diese  auch  dem  späteren  Studium  zugänglich  zu  erhalten.  —  Dals
die  früheren  Herausgeber  der  Inschrift  in  den  Noten  citirt  werden  müssen,  versteht
  sich  von  selbst;  um  indefs  nicht  unnütz  Citate  zu  häufen  wird  dies  dahin  zu
beschränken  sein,  dafs  man  die  Verweisungen  auf  die  grofsen  Inschriftensammlunven
  alle  aufnimınt,  sonst  aber  nur  die  selbständigen,  nicht  aus  gedruckten  Büchern
entnommenen  Abschriften  anführt.

IV.  Indices  und  wissenschaftliche  Bearbeitung  der  Inschriften.

Ein  C.I.L.  erhält  erst  durch  genaue  Indices  allgemeine  Brauchbarkeit,  und
zweckimäfsige  Anlage  derselben  ist  ebenso  wichtig  wie  die  Anordnung  der  Inschriften
  selbst.  Die  Scaliger'schen,  musterhaft  für  ihre  Zeit  und  bis  jetzt  von  allen
Späteren  nachgeahmt,  können  keineswegs  unbedingt  zur  Richtschnur  dienen,  manche
Klassen  sind  überflüssig,  andre  nothwendige  fehlen,  überhaupt  sind  die  Zahlen  oft
zu  sehr  gehäuft  und  genaueres  Detailliren  Bedürfnifs.  Wenn  z.B.  Scaliger  bei  den
einzelnen  Ämtern  blofs  die  nackten  Zahlen  giebt,  so  wird  man  jetzt  bei  den  höheren
Magistraten  alle  Namen,  bei  den  municipalen  wenigstens  die  Städte,  wo  sie  vorkommen,
  specifieiren  müssen;  hiedurch  wird  aulser  einem  leichteren  Finden  auch
das  erreicht,  was  in  der  Eintheilung  nicht  auszuführen  und  doch  so  wünschenswerth
  ist:  die  Zusammenstellung  aller  Konsuln,  Prätoren  u.s.  w.  Für  die  Konsuln
hat  dies  ausnahmsweise  schon  Scaliger  selbst  zethan.  Ähnliche  Detaillirung  wird
in  dein  Katalog  der  Gottheiten  eintreten  müssen,  wo  die  lokale  Verbreitung  eines
jeden  Kults  vor  Augen  zu  legen  ist.  Fafst  man  überhaupt  die  Indices  nicht  als