540  216.  Monnsen’s  Deukschrift  (Corpus  Inser.  Latinarum)  1847.

günstigsten  Falle  möchte  ein  Jahr  genügen.  Mittlerweile  könnte  man  in  Deutschland
die  mechanischen  Vorbereitungen  (das  Zerschneiden  der  grofsen  Sammlungen  u.s.w.)
vornehmen  lassen,  so  dals  bei  der  Zurückkunft  des  Herausgebers  die  Ordnung  und
Sichtung  der  Inschriften  beginnen  könnte,  nach  deren  Beendigung  eine  wahrscheinlich
  nicht  über  ein  Jahr  dauernde  zweite  Reise  die  im  l.aufe  der  Arbeit  entstandenen
  Bedenklichkeiten  lösen  und  die  Arbeit  abschliefsen  würde.  Hiebei  ist  auf
Neapel  keine  Rücksicht  genommen,  weil  dies  durch  ıneine  Vorarbeiten  erledigt
ist;  was  die  aufseritalischen  Länder  betrifft,  so  bleibt  für  lateinische  Inschriften
Italien  immer  das  Hauptland  in  dem  Mafse,  dafs  der  Herausgeber  eines  C.I.L.,
wenn  ihm  für  Italien  genügende  Mittel  geboten  sind,  für  die  übrigen  Provinzen
sich  mit  dem  begnügen  kann,  was  die  Literatur  und  seine  Praxis  ihm  an  die  Hand
giebt.  Sehr  wünschenswerth  wäre  es  allerdings,  dafs  fir  Spanien  und  die  Unterdonauländer,
  namentlich  Ungarn,  etwas  geschähe,  indem  dort  die  falschen,  hier
die  schlecht  algeschriebenen  Inschriften  so  zahlreich  sind,  dafs  die  Kritik  es  schwer
finden  wird,  sich  Bahn  zu  machen.  .
Kosten  und  Dauer  der  Unternehmung  lassen  sich  vielleicht  überhaupt  im
Voraus  nicht  bestimmen;  jedenfalls  aber  kann  auch  eine  approximative  Vermuthung
erst  dann  gewagt  werden,  wenn  man  sich  über  die  Modalitäten,  namentlich  über
die  Ausdehnung  der  Hülfsarbeiten  und  der  Reisepläne  geeinigt  hat.  Wohl  aber
darf,  nachdem  nun  so  oftınals  ähnliche  Unternehmungen  gescheitert  sind,  nachdem
sie  schon  begonnen  waren,  auch  jetzt  der  Gedanke  an  eine  mögliche  Unterbrechung
der  Arbeit  laut  werden  und  damit  der  Wunsch,  die  Arbeit  so  einzurichten,  da/s  wenigstens
  das  bis  zu  der  Unterbrechung  Gearbeitete  nicht  ganz  verloren  sei.  Die  Auflösung  der
grolsen  Sammlungen,  die  unumgänglich  nothwendige  mühsame  Grundlage  jeder  neuen,
ist  weggeworfene  Mühe,  wenn  das  Unternehmen  scheitert;  es  ist  dies  einmal  nicht
zu  ändern.  Der  übrige  Theil  der  Vorarbeiten  ist  dagegen  in  einem  solchen  Falle
nicht  verloren,  wofern  man  die  Sammlung  und  Sichtung  in  streng  topographischer
Reihenfolge  vornimmt.  So  behält  meine  Sammlung  der  Inschriften  des  Königreichs
Neapel  immer  ihren  Werth,  auch  wenn  sich  die  Aussichten  zu  einem  C.  I.  zerschlagen
  sollten;  in  ähnlicher  Weise  kann  man  demnächst  die  toscanischen,  römischen,
lombardischen  bearbeiten.  Mufs  dann  aufgehört  werden,  so  bleibt  in  dem  Druck
dieser  Sammlungen  wenigstens  ein  ehrenvoller  Rückzug  gesichert.  Möchte  aber
endlich  die  Zeit  gekommen  sein,  wo  dies  in  Deutschland,  Frankreich  und  Italien
so  oft  begonnene,  so  ungeduldig  erwartete  Werk  mit  Ernst  und  Nachdruck  begründet
  und  seiner  Vollendung  zugeführt  wird!  Der  gegenwärtige  Augenblick  biete
tm  Ganzen  günstige  Aussichten  dar.  Zwar  ist  der  Vatican  noch  nach  wie  vor  ge
schlossen,  aber  von  der  jetzigen  päpstlichen  Regierung  darf  man  humane  und  liberale
  Maisregeln  erwarten,  zu  denen  noch  vor  wenigen  Monaten  keine  Aussicht  war.
Borghesi,  obgleich  hochbejahrt,  ist  noch  frisch  und  thätig,  und  würde  einem
solchen  Werke  seinen  eifrigsten  Beistand  widınen,  namentlich  wenn  Deutsche  es
leiten,  von  denen  er  immer  vorzugsweise  dessen  Ausführung  gewünscht  und  gehofft
  hat.  Die  von  mir  in  Folge  der  liberalen  Bewilligungen  der  Königl.  Preufsischen
  Akademie  der  Wissenschaften  gesammelten  Materialien  setzen  mich  jetzt  schon
in  den  Stand  zur  Ilerausgabe  der  sämmtlichen  Inschriften  des  Königreichs
  Neapel  —  auch  in  epigraphischer  Hinsicht  der  vernachlässigtste  und  unbekannteste
  Theil  Italiens  —,  gestützt  auf  Abschriften  aller  Steine  im  Museo  Borbonico,
  deren  über  2000  sind,  und  der  sämmtlichen  noch  existirenden  Dipinte  und
Graftite  von  Pompeji,  auf  Bereisung  der  meisten  und  wichtigsten  Provinzen  des  Königreichs
  dies-  und  jenseit  des  Faro  und  auf  ein  umfassendes  Studium  der  einheimischen
Literatur.  Es  ist  dies  für  ein  künftiges  C.I.L.  kein  geringer  Gewinn  und  für  mich
keine  kleine  Freude,  diese  meine  Sammlungen  als  Vorarbeit  dazu  betrachten  zu  dürfen.
Rom,  im  Januar  1847.