5538  222.  Neujahrsgruss  an  die  Akademie.  der  Wissenschaften  (1849).

sonderen  Gründen  erst  nach  einiger  Zeit  zurückzutreten:  er  hat  dies  vor  der  gesetzwidrigen
  Bekanntmachung  der  Adresse  an  Se.  Maj.  geäufsert;  nachher  konnte  er
noch  weniger  Veranlassung  haben,  seine  Ansicht  zu  ändern.  Die  Akademie  tlut,
das  ist  meine  Überzeugung,  nicht  wohl,  Hrn.  v.  Raumer  in  seinem  Vorhaben,  das
Anerkennung  und  Achtung  verdient,  zu  irren:  dem  Könige  gegenüber  hat  sie  die
Verpflichtung.  die  freiwillig  dargebotene  Entsagung  anzunehmen.  Zudeın  enthält
das  Königliche  Antwortschreiben  an  die  Akademie  durchaus  nichts,  was  eine  Änderung
  in  dem  Entschlusse  Sr.  Maj.  angedeutet  hätte.

Anders  stellt  sich  die  Sache,  wenn  Hr.  v.  Raumer,  noch  weiter  gehend,  auch
als  Mitglied  austreten  will.  Das  ältere  und  wichtigere  Verhältnifs  aufzulösen,  scheinen
keine  Gründe  vorhanden.  Demnach  habe  ich  darauf  angetragen,  die  Akademie
möge,  hierin  einstimmig,  Hrn.  v.  Raumer  den  Wunsch  ausdrücken,  seinen  Vorsatz
zu  ändern,  und  ilın  bitten,  fernerhin  in  unserer  Mitte  zu  ‚bleiben,  zugleich  aber  ihr
aufrichtiges  Bedauern  hinzufügen,  wenn  er  bei  seinem  Entschlufs  beharren  sollte.
Hätte  die  Akademie  in  dieseın  Sinne  ebenso  offenherzig  als  schonend  geschrieben.
so  würde  nach  allen  Seiten  das  Angeınessene  geschehen  sein,  und  vielleicht  Hr.  v.
Raumer  selbst,  ruhiker  Erwägung  folgend.  seine  Beistimmung  gegeben  haben.

222.

(Vergl.  Geschichte  der  Akademie  S.  945).

Neujahrsgruss  an  die  Akademie  der  Wissenschaften  (1839).
[-Berlinische  Nachrichten.«  Nr.  4.  Freitag,  den  5.  Januar  1849.)

Das  Jahr  1848  hat  eine  Menge  von  Beziehungen  zwischen  Behörden  und  Staatsbürgern
  wieder  ins  Leben  gerufen,  die  zum  grölsten  Nachtheil  der  Verwaltung  und
der  Verwalteten  fast  gauz  aufgehoben  waren;  auch  die  Justiz  soll,  nachdem  sie
schon  der  Öffentlichkeit  anheim  gegeben  ist,  jetzt  durch  die  Einrichtung  der  Geschworenen
  wieder  zu  einem  wahrhaft  volksthümlichen  Institut  werden:  von  einer
Behörde  hat  indessen  bisher  auch  noch  nicht  ahnungsweise  verlautet,  dafs  sie  geneigt
  sey,  sich  in  ihr  natürliches  Verhältnifs  zum  Publikum  und  zur  Nation  zu  setzen.
nämlich  von  der  hiesixgen  Akademie  der  Wissenschaften;  sie  scheint,  ohne  alle  Rücksicht
  auf  die  veränderte  Zeit  und  die  ihr  dadurch  gewordene  höhere  und  weitere
Aufgabe,  ganz  in  dem  althergebrachten  Stil  fortleben  und  nach  wie  vor  hinter  verschlossenen
  Thüren  das  pflegen  zu  wollen,  was  sie  so  gern  mit  dem  hohen  Nanıen
der  reinen  Wissenschaft  benennt.  Richtet  Jemand  an  sie  die  Forderung  einer  allgemeinen
  oder  unter  gewissen  Bedinzungen  zu  gestattenden  Öffentlichkeit  ihrer
Classensitzungen,  so  pflegt  sie  sich  hochmüthig  in  ihren  königlichen  Mantel  zu  hüllen
und  zu  erwiedern,  dafs  sie  Monatsberichte  und  Memoiren  drucken  lasse  und  einoder
  zweimal  im  Jahre  zu  einer  öffentlichen  Rede  den  Zutritt  gestatte.  Solche  Antwort
  aber  zeigt,  dafs  die  Akademie  nur  den  Zuschnitt  der  Welt  von  ehemals,  nicht
jedoch  die  Anforderungen  der  Gegenwart  kennt,  und  ihr  pytlischer  Ausspruch:
die  reine  Wissenschaft  seyv  das  ewig  sich  selbst  Gleiche,  Unveränderliche,  das  sich
dem  grofsen  Haufen  entziehe  und  nur  dem  Weisen  in  der  Verborgenheit  offenbar
werde,  setzt  diesem  ganzen  altfränkischen  Raisonnement  die  Krone  auf.  Denn  die
Wissenschaft  ist  auch  nur  um  der  Völker  willen  da  und  kann  Achtung  und  Stütze
nur  von  ihnen  verlangen,  wenn  sie  Alles  im  innersten  und  tiefsten  Kerne  lebendig
ergreift  und  nicht  so  ohne  alle  Rücksicht  auf  die  Nation,  der  sie  zunächst  angehört.
der  Nase  nach  forscht;  verzeihe  man  diesen  Ausdruck.

Deutschland  hat  jetzt  eine  Aufgabe  zu  erfüllen,  wie  sie  ihın  im  Laufe  seiner
Geschichte  noch  niemals  vorgestanden  hat,  und  es  bedarf  dabei  vor  allen  Dingen
der  Vernunft  und  der  Wissenschaft.  und  nun  frage  Jemand  in  den  Memoiren  der