604  238,  Verhandlungen  über  die  Errichtung  einer  Deutschen  Akademie  (1333.39).

6.  Das  Stiftungscapital  von  100000  Mark  und  die  ferneren  Dotationen  sollen
in  Schuldscheinen  der  Reichsanleihe  angelegt  und  in  der  Reichsbank  auf  den  Namen
der  Deutschen  Akadeınie  deponirt  werden.

7.  Die  überilüssigen,  zur  Ausführung  der  Aufgabe  der  Deutschen  Akademie
nicht  notliwendigen  Gelder  sollen  vom  Directorium  als  lebenslängliche  Pensionen  an
verdienstvolle  deutsche  Gelehrte  und  Künstler  vertheilt  werden.  —  |

Die  Akademie  setzte  im  October  1888  eine  Commission  (bestehend  aus  den
vier  Secretaren  du  Bois-Reymond,  Curtius,  Mominsen,  Auwers  und  den  HH.  Rotlı,
Joh.  Sehmidt  und  Zeller)  zur  Vorberathung  der  Antwort  ein.  Nach  Ablehnung
mehrerer  Entwürfe!  und  nachdem  eine  Subcommission  (die  HH.  Auwers  und

I  Der  Entwurf  des  Hrn.  du  Bois-Reymond  lautet  wie  folgt:
Eure  Excellenz

haben  durch  hohen  Erlafs  vom  31.  August  d.  J.  —  U.  I.  12760  (mit  vier  Anlagen)  —  die  ehrerbietig
  unterzeichnete  Akademie  von  dem  von  privater  Seite  angeregten  Plan  der  Gründung
einer  »Deutschen  Akademie.  in  Kenntnifs  gesetzt  und  sie  zu  einer  Äufserung  über  dieses
Unternelimen  aufzefordert.  Eine  Summe-von  100000  Mark  ist  von  dem  sichtlich  ebeiuso  ideal
wie  patriotisch  gesinnten  Urheber  des  Planes  für  dessen  Verwirklichung  hinterlegt,  und  auch
eine  Art  von  Statut  hat  derselbe  schon  seinen  an  den  Herrm  Reichskanzler  gerichteten  Erörterungen
  beigefügt.

X  2  dieses  Statuts  bezeichnet  als  Aufgabe  der  „Deutschen  Akademie-,  die  wohl  richtiger
  »Akademie  der  Deutschen  Sprache-  heifsen  würde,  die  Ausbildung  und  Feststellung
der  Deutschen  Sprache.

Die  unterzeichnete  Akademie  verkennt  nicht,  dafs  der  gegenwärtige  Zustand  unserer
Sprache  ein  wenig  erfreulicher  ist.  Die  Unsicherheit  und  Verwirrung  der  Rechtschreibung
war  nie  gröfser  als_jetzt.  Die  Hast  der  politischen,  litterarischen  und  wissenschaftlichen
Schriftstellerei,  das  Überwiegen  der  materiellen  Interessen.  die  gesunkene  litterarisch  -aesthetische
  Bildung  des  jüngeren  Geschlechtes:  Alles  dieses  führt  zu  einer  Geriugschätzung  und
Vernachlässigung  des  sprachlichen  Ausdruckes,  wie  sie  bei  keinem  anderen  der  groisen  Culturvölker
  geduldet  würde.  Sie  wird  leider  begünstigt  durch  den  bei  uns  im  Vergleich  zu
den  lateinischen  Völkern  geringeren  Sinn  für  die  schöne  Form.

Natürlich  wäre  es  wünschenswerth,  dieser  Verwilderung  eine  Schranke  ziehen.  für
Richtigkeit  und  Schönheit  des  sprachlichen  Ausdruckes  in  weiteren  Kreisen,  ja  bei  der  Nation
im  Ganzen  Theilnahme  erwecken  und  auf  die  Fortentwickelung  der  Sprache  lenkend,  regelud
und  fördernd  einwirken  zu  können.

Es  ist  wohl  anzunchmen,  dafs  der  Urheber  des  Planes  einer  „Deutschen  Akademievornehmlich,
  wenn  nicht  ausschliesslich,  eine  solche  Besserung  unserer  sprachlichen  Zustände
im  Auge  gehabt  hat.  Die  Zahl  von  vierzig  Mitgliedern,  welche  er  in  $  3  seines  Statuts  vorschlägt,
  scheint  unmittelbar  der  Academie  frangaise  entlehnt,  welche  für  die  Französische
Sprache  seit  zwei  Jahrhunderten  dasjenige  zu  leisten  beansprucht,  was  wir  für  die  Deutsche
Sprache  wohl  erreichen  möchten.

Allein  es  ist  sehr  die  Frage,  ob  solche  Einrichtung  in  Deutschland  praktischen  Ertulg
haben  würde.  Der  Sinn  für  Unabhängigkeit,  ja  Ungebundenheit  ist  bei  dem  Deutschen  30
überwiegend.  dafs  nie  darauf  zu  rechnen  ist,  ihn  einer  Vorschrift,  wäre  sie  auch  noch  so
heilsam,  aus  freien  Stücken,  ohne  staatlichen  oder  militärischen  Zwang,  sich  fügen  zu  sehen.
Den  Entscheidungen  einer  litterarischen  Körperschaft,  wenn  sie  auch  die  besten  Kräfte  der
Nation  in  sich  vereinte,  würde  doch  keine  bindende  Auctorität  zugestanden  werden,  und  der
Wunsch.  dereinst  deren  Mitglied  zu  heifsen,  was  in  Frankreich  das  höchste  Ziel  eines
Schriftstellers  ist,  dürfte  bei  uns  schwerlich  ein  Sporn  zu  ernsten  Anstrengungen  sein.

Es  ist  auch  nicht  leicht,  sich  vorzustellen.  worin  die  regelmäfsigen,  jahrelang  fortgesetzten
  Beschäftigungen  solcher  Akademie  bestehen  sollten.  Die  Bestimmung  des  X  5  des
Statuts:  »Die  Sitzungen  der  Deutschen  Akademie  sind  öffentlich  und  finden  wenigstens  einmal
  monatlich  am  ersten  Sonntag  des  Monats  in  Berlin  statt-  —  sagt  nicht,  was  diese
Sitzungen  ausfüllen  solle.  und  verräth  ein  äutserst  geringes  Mafs  von  Einsicht  in  die  wirklichen
  Verhältnisse.