610  228.  Verhandlungen  über  die  Errichtung  einer  Deutschen  Akademie  (1883:89.

Reich  diesem  wesentlichen  Werkzeuge  zu  seiner  Herstellung  beilegt.  Sie  wäre
ein  Mittelpunkt  für  die  auf  die  Reinigung,  Reinhaltung,  Veredlung  der  Sprache
gerichteten  Bestrebungen,  an  denen  es  zwar  nie  ganz  gefehlt  hatte,  welche  aber
in  ihrer  Vereinzelung  wirkungslos  blieben.  Ich  bemühte  mich  zu  zeigen,  wie  die
gegen  die  Academie  Frangaise  üblichen  Anklagen  und  Vorurtheile  nicht  nothwendig
auf  die  von  mir  vorgeschlagene  Deutsche  Akademie  zu  passen  brauchten.  Diese
dachte  ich  mir  übrigens  nicht,  wie  die  Academie  Frangaise,  aus  in  der  Reaichshauptstadt
  ansässigen  Schriftstellern  zusammengesetzt,  sondern  theils  aus  Schriftstellern,
  theils  aus  Sprachgelehrten  bestehend,  welche  überall  im  Deutschen  Reiche.
auch  über  dessen  Grenzen  hinaus,  ihren  Wohnsitz  haben  könnten,  während  allerdings
  Berlin  den  geschäftlichen  Mittelpunkt  für  die  Akademie  abgäbe.

Mein  Vorschlag  wurde  von  der  Tagespresse  zur  Zielscheibe  leichtfertigen
Spottes  gemacht.  Dafür  hatte  ich  die  Genugthuung,  dafs  mehrere  gewichtige  Kenner
  mir  ihre  Zustimmung  aussprachen,  der  verstorbene  W.Scherer,  die  HH.Ilerman
Grimm  und  Daniel  Sanders.  Ein  Zwischenfall  bewies,  nicht  lange  naclıher,  die
Unrichtigkeit  der  Behauptung,  dafs  eine  Akademie  aufser  Stande  sein  würde,  Eintlufs
  auf  die  äufsere  Gestaltung  der  Sprache  zu  gewinnen.  Die  von  dein  hohen
Ministerium  zum  Gebrauch  in  den  Preufsischen  Schulen  vorgeschriebene  Reclıschreibung,
  obwohl  an  sich  keinesweges  beifällig  aufgenommen,  wurde  auch  aufserhalb
  Preufsens  von  Schriftstellern,  Redactionen,  Verlegern,  Druckereien  freiwillig
eingeführt,  zum  Zeichen,  dafs  das  Deutsche  Volk  wohl  bereit  ist,  einer  Regelung
seiner  Sprache  sich  zu  unterwerfen,  um  den  unerträglichen  Mifsständen  ein  Ende
zu  machen,  welche  aus  der  gegenwärtigen  Unsicherheit  entspringen.  Ob  die  ehrenvolle
  Aussicht,  ein  Mitglied  der  Deutschen  Akademie  zu  heifsen,  für  die  Deutschen
Schriftsteller  ein  ganz  wirkungsloser  Sporn  bleiben  würde,  einer  edlen  und  reinen
Form  ihrer  Erzeugnisse  sich  zu  beileilsigen,  mag  fraglich  erscheinen;  immerhin
wäre,  wie  ich  weiterhin  ausführte,  die  Gründung  einer  solchen  Akademie  des
Versuches  werth.

Seitdem  sind  fünfzehn  Jahre  vertlossen,  während  welcher  die  Verwilderung
unseres  Schriftstellerthums  reifsend  zunahm.  Die  Hast  der  politischen,  litterarischen.
wissenschaftlichen  Schriftstellerei,  das  Überwiegen  der  materiellen  Interessen.  die
gesunkene  ästhetisch  -litterarische  Bildung  des  jüngeren  Geschlechtes,  von  welcher
die  Universitätslehrer,  die  Examinatoren  fortwährend  nur  allzu  sichere  Kunde  erhalten:
  Alles  dies  trägt  dazu  bei,  die  rohe  Gleichgültigkeit  gegen  die  äufsere  Form
der  Sprache  zu  steigern,  welche  doch  eine  Gewähr  für  den  Werth  der  darin  gekleideten
  Gedanken  in  sich  trägt,  und  einer  wahren  Neobarbarei  Thor  und  Thür
zu  öffnen.

Ich  stehe  der  jetzt  von  Hrn.  Krohn  ausgegangenen  Initiative  völlig  fern.
kann  aber  doch  nicht  umhin,  darin  den  Versuch  zu  einer  Verwirklichung  meiner
Idee  zu  erblicken,  denn  aus  dem  Anschluss  des  Krohn’schen  Gründungsplanes  an
die  Academie  Francaise  (vierzig  Mitglieder)  geht  für  mich  klar  hervor,  dafs  damit
eine  ästhetisch-litterarische  Akademie  gemeint  sei.  Der  Mehrheitsbericht  weist
ein  solches  Project  mit  äufserster  Schärfe  von  der  Hand  und  bemüht  sich  im
Übrigen  nur  noch,  für  die  von  Hrn.  Krohn  zur  Gründung  einer  Deutschen  Akademie
angebotene  Geldspende  eine  anderweitige,  seinen  Absichten  einigermafsen  sich  anschlielsende
  Verwendung  zu  finden.  Er  bleibt  bei  dem  Project  einer  bei  der  Akadeinie
  zu  errichtenden  Krohn-Stiftung  für  ein  Fach  stehen,  welches  man.  da  es
seinen  Bereich  nur  bis  zu  Luther  rückwärts  erstrecken  soll,  als  neuere  Gerinanistik
  bezeichnen  könnte.  Er  würde  sich  auch  allenfalls  mit  der  Gründung  einer
selbständigen  Anstalt  zum  gleichen  Zwecke  einverstanden  erklären,  nur  unter  zwei
Bedingungen:  erstens  müsten  bei  weiten  reichere  Geldmittel  dazu  vorhanden  sein
als  die  Zinsen  des  von  IIrn.  Krohn  angebotenen  Capitals;  für’s  zweite  verwirft  der