612  228.  Verhandlungen  über  die  Errichtung  einer  Deutschen  Akademie  (1888.89).

Das  Separatvotum  der  Hrn.  BRUNNER  und  Genossen  lautete:

Die  Unterzeichneten  sind  mit  der  Mehrheit  der  Akademie  in  der  Verwerfung
jeder  Nachahmung  der  Academie  frangaise  einverstanden.  Eine  solche  würde  das
natürliche  Wachsthum  unserer  Sprache  aus  den  Dialekten  der  mündlichen  Rede
und  den  Sprachleben  der  verschiedenen  Landschaften  unter  das  Messer  und  die
Scheere  einer  Anzahl  von  hauptstädtischen  Gelehrten  und  Schriftstellern  bringen.
Die  Rexlementirung  der  Grammatik,  des  Stils  und  der  Orthographie,  die  in  Frankreich
  aus  der  Centralisation  des  Landes  und  dem  Formsinn  seiner  Schriftsteller
entstanden  sind,  würde  bei  uns  als  unerträglicher  Sprachzwang  empfunden  werden.
Lernen  wir  von  der  Geschichte  der  Acadeımie  in  Frankreich  selbst.  Sie  hat  keine
der  grofsen  Bewegungen  des  französischen  Geistes  hervorgebracht  oder  geleitet.  Sie
hat  ebenso  einst  Descartes,  Pascal,  Moliere,  Le  Sage,  Jean  Jacques  Rousseau  und
Diderot  ausgeschlossen,  als  in  der  letzten  Generation  Beranger  und  Balzac.  Und
sie  wird  von  den  leitenden  französischen  Dichtern  unserer  Tage  verurtheilt.

Die  Unterzeichneten  sind  ferner  mit  der  Mehrheit  der  Akademie  darin  einverstanden,
  dafs  die  gebotenen  Geldmittel  aın  besten  für  eine  Stiftung  verwandt
werden,  welche  der  Erforschung  unserer  Sprache  und  Litteratur  sowie  der  Herstellung
  von  Editionen  unserer  hervorragenden  Schriftsteller  dient.  Eine  solche
würde  am  schicklichsten  nach  der  Analogie  der  Savigny-Stiftung  oder  der  Münchener
  historischen  Commission  ınit  den  vorhandenen  wissenschaftlichen  Anstalten,
den  Universitäten  und  den  Akademieen  der  Wissenschaften  zu  Berlin  und  München
in  Verbindung  gesetzt  werden.  Wir  halten  an  der  Hoffnung  fest,  dafs  sich  in  den
Verhandlungen  mit  dem  Urheber  der  dankenswerthen  Schenkung  irgend  eine  Form
werde  finden  lassen,  die  deinselben  genehm  ist,  und  wir  zweifeln  nicht,  dafs  die
Akademie  gern  bei  solchen  weiteren  Verhandlungen  ihre  Beihilfe  leisten  wird.

Wenn  nun  aber  die  Mehrheit  der  Akadeınie  für  den  Fall,  dafs  eine  Vereinbarung
  über  eine  solche  Stiftung  nicht  erreichbar  ist,  auch  dem  Plane  einer  besonderen
  Reichsanstalt  zustimmt,  welche  diesen  Zwecken  der  Erforschung  unserer
Sprache  und  Litteratur,  sowie  der  Herstellung  von  Editionen  bedeutender  Schriftsteller
  gewidmet  wäre:  so  finden  sich  die  Unterzeichneten  bei  der  grolsen  Wichugkeit
  dieser  Sache  gedrungen,  aus  folgenden  Gründen  von  der  Errichtung  einer
solchen  Reichsanstalt  abzurathen.

Liefse  sich  schon  darüber  streiten,  ob  nicht  durch  eine  solche  Reiclısanstalt
die  bestehende  Competenz  des  Reiches  überschritten  würde:  jedenfalls  träte
doch  diese  Einrichtung  mit  den  bisherigen  Traditionen  der  Reichsverwaltung
  in  Widerspruch.  Diese  Traditionen  würden  sicher  der  Verwandlung
  unserer  preufsischen  Akademie  in  eine  deutsche,  die  sich  doch  für  den  vorliegenden
  Zweck  noch  am  ehesten  empfelilen  würde,  entgegenstehen.  Aber  sie
widerstreiten  auch  dem  Plan  einer  solchen  Reichsanstalt  für  deutsche  Sprache  und
Litteratur,  und  sie  würden  sicher  mit  der  unvermeidlichen  Weiterentwickelung  derselben
  in  immer  härteren  Widerstreit  gerathen.  Denn  die  technischen  Reichsanstalten
  stehen  mit  dem  Mafs-  und  Gewichtswesen,  dem  Telegraphen-  und  Eisenbahnwesen
  des  Reiches  in  Verbindung.  Dagegen  würde  eine  Reichsanstalt  für
deutsche  Sprache  ıumd  Litteratur  gerade  die  Interessen,  welche  bisher  durch  die
liebevolle  Pilege  der  einzelnen  Staaten  von  besonderen  Mittelpunkten  aus  in  der
elücklichsten,  dem  deutschen  \Wesen  angemessensten  Weise  gefördert  wurden.
ohne  einen  erheblichen  Grund  in  französischer  Art  centralisiren.  Indem  eine  solche
Reichsanstalt  dahin  wirken  würde,  unsere  Dichter  und  Schriftsteller  in  Berlin  zu
versammeln,  mülsten  allmählich  die  anderen  geistigen  Centren  verarmen.  Danı
würde  auch  der  eigene  stille  und  tiefe  Geist  der  Poesie  von  Goethe  und  Schiller
bald  ganz  aus  unserer  Litteratur  schwinden.