228.  Verhandlungen  über  die  Errichtung  einer  Deutschen  Akademie  (1888/89).  613

Aber  auch  die  wissenschaftliche  Arbeit,  um  welche  es  sich  handelt,
  würde  durch  ihre  Theilung  zwischen  die  vorhandenen  Universitäten,
  die  beiden  Akademieen  in  Berlin  und  München,  die  Goethe-Stiftung
  in  Weimar  und  die  neue  Reichsanstalt  keineswegs  gewinnen.
Die  Organe  für  solche  Arbeiten  sind  da.  Gerade  die  von  ihnen  hervorgebrachten
und  getragenen  Leistungen  der  germanistischen  Wissenschaft  bilden  einen  der
schönsten  Ruhmestitel  deutscher  Geistesarbeit.  Die  ganz  überflüssige  Herstellung
eines  neuen  grolsen  wissenschaftlichen  Apparats,  wie  eine  solche  Reichsanstalt  sein
würde,  .mülste  den  gröfsten  Theil  der  für  diesen  beschränkten  Zweck  verwendbaren
Mittel  verschlingen.  Wenn  die  germanistische  Forschung  und  Editionskunst  durch
ihre  bisherige  Verbindung  mit  der  klassischen  Philologie  ihre  methodische  Strenge,
durch  ihren  Zusammenhang  mit  allgemeiner  und  deutscher  Geschichte  ihre  Fruchtbarkeit
  erhielt,  so  würde  ihre  Loslösung  aus  diesen  Verbindungen  in  der  Reichsanstalt
  sie  solcher  unschätzbaren  Vortheile  berauben  und  so  die  Gefahr  des  Dilettantismus
  und  der  Schnellarbeit  heraufbeschwören.  Auch  würde  wirklich  die  beschränkte
  Consumtionsfähigkeit  des  Publikums  in  Bezug  auf  Editionen  unserer
Schriftsteller  nicht  dem  Wettstreit  von  Leistungen  der  Universitäten,  der  Akademieen,
  der  Goethe-Stiftung  und  der  neuen  Reichsanstalt  folgen  können.

Andererseits  mülste  aber  die  Errichtung  einer  solchen  Reichsanstalt
  eine  Verkümmerung  der  hiesigen  wie  der  Münchener  Akadenie
  der  Wissenschaften  in  deren  historischen  Classen  unvermeidlich
  herbeiführen.  Denn  eine  unserer  Sprache  und  Litteratur  ausdrücklich
gewidinete  Reichsanstalt  würde  alle  Aufgaben  und  Geldmittel  an  sich  zielien,  die
diesen  Gebiete  zugehören.  Selbst  der  Fortbestand  von  zwei  diesen  Studien  gewidmeten
  Stellen  in  unserer  Akademie  würde  seinen  Sinn  verlieren.  Und  da  nun
gerade  die  germanistischen  Studien  auf  das  Innigste  mit  der  Erforschung  deutscher
Geschichte  und  deutschen  Rechtes  zusaımmenhängen,  so  mülste  ihr  Zurücktreten  in
den  Akademieen  auf  das  ganze  wissenschaftliche  Zusammenleben  in  deren  historischen
  Classen  höchst  nachtheilig  wirken.  Ja  noch  mehr.  Die  Tradition  unserer
Akademie  von  Leibniz  und  Friedrich  dem  Grossen  her  erfordert,  dafs  auch  für
ihre  historische  Classe  der  Weg  von  der  Gelehrsamkeit  zum  allgemeinen  Nutzen
offen  sei.  Und  von  den  Tagen  der  beiden  Grimm  her  ist  gerade  unserer  Akademie
  vergönnt  gewesen,  durch  ihre  Germanisten  auf  die  Wiederbelebung  einer
nationalen  Gesinnung  und  auf  die  Pflege  des  geschichtlichen  Zusammenhangs  init
dem  ernsten,  gemüthstiefen,  treuen,  alten  deutschen  Geiste  zu  wirken.  Nach  der
innigsten  Überzeugung  der  Unterzeichneten  liegt  gerade  in  der  Pflege  dieser  nationalen
  Studien  heute  die  schönste  Aufgabe  unserer  Akademie.  Und  sie  besitzt  in
ihrer  Tradition  von  den  beiden  Grimm  und  Lachmann  her  Mittel,  eine  solche
Aufgabe  zu  lösen,  die  eine  neue  Reichsanstalt  entbehren  würde.  Kann  es  ratlısaın
erscheinen,  diese  durch  eine  grofse  geschichtliche  Tradition  getragene  Akademie  in
ihrer  historischen  Classe  doch  zu  einem  guten  Theil  zu  opfern?  und  zwar  für  eine
moderne  Gründung,  die  nach  ihrer  ganzen  Zusammensetzung  an  der  Stelle  der  Beziehungen
  zu  den  anderen  geschichtlichen  und  philologischen  Studien  die  zu  den
Strömungen  des  Moments  und  der  Litteratur  des  Tages  pflegen  würde?

Denn  schlie[slich  würde  eine  solche  Reichsanstalt  auch  bei  Aufwendung
  grolser  Geldmittel  doch  nicht  die  für  ein  ernstes  Studium
unserer  Sprache  und  Litteratur  erforderlichen  Bedingungen  besitzen.
Das  germanistische  Studium  und  die  Editionskunst  sind  bekanntlich  auf  dein  Boden
unserer  klassischen  Philologie  erwachsen.  Der  tägliche  Austausch  zwischen  den
klassischen  Philologen  und  Germanisten  hat  diesen  Studien  eine  Reinheit  und  Strenge
der  Technik,  eine  Findigkeit  der  Metliwden  gesichert,  um  die  uns  alle  anderen  Nationen
  beneiden.  Und  nun  würde  in  der  neuen  Reichsanstalt  diese  Verbindung