614  228.  Verhandlungen  über  die  Errichtung  einer  Deutschen  Akademie  (1888/89).

nicht  mehr  fortbestehen.  Arbeiten  wie  das  Grimm’sche  Wörterbuch  und  die  Monumenta
  Germaniae  würden  aufser  dein  Zusaminenhang  mit  dieser  Reichsanstalt
verbleiben.  Zugleich  würden  die  Studien  in  dieser  Reichsanstalt  die  Verbindung
ınit  der  deutschen  Rechtswissenschaft,  der  deutschen  Geschichtswissenschaft  verlieren,
  deren  sie  sich  in  den  Universitäten  und  den  Akademieen  erfreuten.  So  würde
der  Reichsanstalt  die  Bedingungen  dafür,  dafs  nur  sie  ein  Centrum  echter  Pileze
unserer  Sprache  und  Litteratur  würde,  durchaus  fehlen.  Auch  würde  der  Hinzutritt
  von  Schriftstellern  und  Dichtern  die  Leistungsfähigkeit  einer
solchen  Reichsanstalt  für  ihren  wissenschaftlichen  Zweck  kaum  erheblich
  steigern.  Denn  unter  denselben  befinden  sich  wohl  nur  wenige,  die,
wie  Gustav  Freytag,  durch  ihre  bisherigen  Studien  gerade  zur  Sprachforschung
oder  Editionskunst  hingeführt  worden  sind.  Ja,  man  kann  sagen:  von  dem  Augenblick
  ab,  in  welchen  Dichter  und  Schriftsteller  in  einer  solchen  Anstalt  Platz
nehmen,  müssen  sie  eine  Agitatiou  beginnen,  dieser  eine  andere  Bestimmung  zu
geben,  als  welche  ihr  das  Gutachten  unserer  Akademie  in  der  wissenschattlichen
Arbeit  für  Sprache  und  Litteratur  zuweist.  Eine  solche  Agitation  würde  schon
darum  unausbleiblich  eintreten,  weil  die  Bezeichnung:  »Reichsanstalt  für  deutsche
Sprache  und  Litteratur«  viel  gröfsere  Erwartungen  herausfordert,  als  diese  Anstalt
dann  innerhalb  der  ihr  statutarisch  zugewiesenen  Competenzen  erfüllen  könnte.
Und  was  würde  das  Ergebnifs  sein?  Wir  sind  weit  davon  entfernt,  das  groise
Talent  und  die  intensive  Arbeit  zu  unterschätzen,  die  sich  in  unserer  heutigen  Litteratur
  kund  thut.  Aber  ihr  fehlt  die  innere  Einheit,  die  allein  ein  solches  Zusammenwirken
  unserer  Schriftsteller  und  Dichter  fruchtbar  machen  könnte.  Aus  einer
Vereinigung  von  Wildenbruch  und  Spielhagen,  Freytag  und  Paul  Lindau  kann
kaum  ein  Zusaminenwirken  in  Einer  Richtung  entspringen.  Ja,  das  Anspruchsvolle
der  Form  einer  solchen  Reichsanstalt  mülste  mit  dem  Problematischen  ilırer  Ergebnisse
  in  ein  Mifsverhältnifs  treten,  das  dem  Ansehen  unserer  Litteratur  im  Inund
  Ausland  unmöglich  förderlich  sein  kann.

Möchte  also  die  königliche  Staatsregierung  ihren  Einilufs  bei  dem  hohen  Bundesrathe
  dahin  geltend  machen,  dafs  die  angebotenen  Geldmittel,  so  beschränkt
wie  sie  selbst  bei  ihrer  Verdoppelung  oder  Verdreifachung  durch  den  Geber  bleiben
  würden,  in  einem  diesem  ihren  Umfange  entsprechenden  Sinne  für  eine  Stittung
  mit  dem  angegebenen  Zwecke  verwendet  werden.  Gelänge  eine  solche  Vereinbarung
  mit  dem  Geber  durchaus  nicht,  dann  würden  wir  den  Verzicht  auf
diese  Geldmittel  lieber  sehen,  als  dafs  das  Reich  für  eine  überflüssige,  ja  in  ihrer
Leistungsfähigkeit  zweifelhafte  Einrichtung  die  erforderlichen,  im  Verhältnis  zur
Schenkung  selber  so  sehr  grolsen  Mittel  verwenden  würde.

Berlin,  den  23.  Januar  1889.

(zez.)  Brunner,  Diels,  Dilthey,  Pernice,  Schmoller.

Es  waren,  wie  diese  Actenstücke  lelıren,  drei  ganz  verschiedene  Meinungen
in  der  Akademie  vertreten.  Man  erkennt  daraus,  dass  die  Frage  nicht  spruchreif
wewesen  ist  und  es  vielleicht  nie  werden  wird,  weil  die  wissenschaftlichen  Institutionen
  und  Institute,  die  sich  bei  uns  ausgebildet  haben,  für  eine  neue  Form.  sei
es  nun  eine  »Deutsche  Akademie«  oder  eine  »Reichsanstalt  für  die  Deutsche  Sprache«,
  keinen  Raum  lassen.  Eben  deshalb  wird  man  sich  mit  freien  Vereinigungen
und  Gesellschaften  auf  dem  Gebiete  unserer  Sprache  und  Litteratur  neben  der  von
den  Universitäten  und  Akademieen  geleisteten  Arbeit  begnügen  müssen.  Die  Akademie
  hat  übrirens,  nachdem  sie  ihre  (sutachten  abgesandt,  keine  Nachricht  über
den  weiteren  Verlauf  der  Angelegenheit  erhalten.  Das  Anerbieten  ist  wohl  zurückgezogen
  worden,  da  sich  die  »Deutsche  Akademie«  nicht  verwirklichen  liess.