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        <title>Der Fürstenzug auf dem Sgraffito-Fries am Königl. Schlosse zu Dresden.</title>
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        Der Fürstenzug 
auf dem Sgraffito-Fries am 
Königql. Schlosse zu Dresden 
(Gedanken bei Betrachtung desselben) 
Von 
Clemens Freiherrn von Hausen 
Verlag und Druck von C. Heinrich, Dresden.
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        Seiner Majestät 
dem König Georg 
in tiefster Ehrerbietung.
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        Vorbemerkung. 
Indem die nachfolgenden Blätter in das Sachsenland hinaus gehen, 
hegt der Verfasser den innigen Wunsch, daß es ihnen beschieden sein möge, 
beizutragen zur Neubelebung historischen Sinnes und historischen Empfindens, 
als der wichtigsten Faktoren zur Kräftigung echter Vaterlandsliebe, die 
man in unseren Tagen so oft von dem Egoismus des Partei-Interesses 
überwuchert sehen muß. 
Daß Seine Majestät der König die Gnade gehabt hat, die 
Widmung dieser Schrift zu genehmigen, ist derselben eine Vorbedeutung 
freudigster Art. 
Möge das Büchlein eine wohlwollende Aufnahme finden! 
Loschwitz, Rosenhof, im September 1903. 
Der Verfasser.
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        Inhaltsübersicht. 
Einleitung . 
Entstehung des 5 grafnto-Srieles 
VPolitisch-Geschichtliches I. Zeitraum von rund 900 bis 1288. 
Die Zeit König Heinrichs I. von Deutschland. Entstehung der Markgrasschaften. 
Gründung von Meißen. Graf Heinrich von Wettin zu Eilenburg wird Mark- 
graf von Meißen 1089. Alteste Geschichte der Grafen von Wettin. 
Markgraf Konrad von Meißen 1123— 1156 
Aufgabe der Markgrafen und Burggrafen. Verfassung der Burg Meißen. Bis- 
tümer und Herzogtümer. Besiedelung der den Slaven genommenen Landstriche. 
Altestes bekanntes Wappen der Wettiner. Markgraf Konrads Teilung und Tod. 
Markgraf Otto der Reiche 1157—1190 
Gründung von Freiberg. Silberbergbau. 
Markgrasf Dietrich der Bedrängte ...·..... 
Ritterschaft. Klöster. Städte. Leipzig. Dresden. Zeit der Hohenstaufen. 
Markgraf Heinrich der Erlauchte 1221—1288 
Minnesang. Turniere. 
Kulturgeschichtliches I. Zeitraum rund 900 bis rund 1200 
Rosse. Rüstung und Friedensgewandung. Rufer. Musikanten. Ritter. 
Politisch-Geschichtliches II. Zeitraum 1288 bis 1381 
Das deutsche Königtum. Rudolf von Habsburg. 
Markgraf Albrecht der Entartete 1288—1307 
Markgraf Friedrich der Gebissene 1307—1324 
Markgraf Friedrich der Ernsthafte 1324— 1349 
Stegreifräuber. 
Markgraf Friedrich der Strenge 1349—1381 
Pest in Deutschland. Reichsoberjägermeister. Erbverbrüderung mit Hessen Ver- 
schiedene Linien. 
Kulturgeschichtliches II. Zeitraum rund 1200 bis rund 1400 
Rittertum. Minnesänger. Obergewand und Niederkleid. Sendelbinde. Zügel. 
Kapuze. Schellentracht. 
Volitisch-Geschichtliches IIII. geitraum von 1382 bis 1553 
Markgraf von Meißen und Herzog zu Sachsen, Erzmarschall. 
Kurfürst Friedrich der Streitbare 1382—1428 
Erlangung von Kurwürde und Erzmarschallsamt 1423. Hussitenkriege. Uni- 
versität Leipzig. 
Kurfürst Friedrich der Sanftmütige 1428—14666 
Burggrafschaft Meißen kommt an das Wettinsche Kurhaus. Bruderkrieg. Prinzen- 
raub. Bede und Ziese. Die Städte. Anteil an den Beratungen. 
Kurfürst Ernst 1464—1486 . 
Teilung vom 26. August 1485. Ernestinische und Albertinische Linie. 
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        — XII — 
Herzog Albrecht der Beherzte 1485— 1500. . 
Herzog Heinrich, „erblicher Gubernator“ von Friesland. Verwaltung. Necht- 
sprechung. Münzwesen. Herzogin Sidonie. 
Kürfürst Friedrich der Weise (Ernestiner) 1486—1525 
Kurfürst Johann der Beständige (Ernestiner) 1525—1532 
Kurfürst Johann Friedrich der Großmütige (Ernestiner) 1532—1547 
Martin Luther. Karl V. Melanchthon. Reformation. Schmalkaldischer Bund. 
Schlacht bei Mühlberg 24. April 1547. Die Kurwürde kommt an die Albertiner. 
Herzog Georg der Bärtige (Albertiner) 1500—1539 
Augsburger Interim. Reform von oben erwünscht. Schloß zu Dresden. 
Papst Leo X. 
Herzog Heinrich der Fromme (Albertiner) 1539—1541 
Luthers Lehre eingeführt. 
Herzog und Kurfürst Moritz (Albertiner) 1541—155053 
Kurwürde an die Albertinische Linie 1547. Fürstenschulen. Schlacht bei Sievers- 
hausen. 
Kulturgeschichtliches III. Zeitraum rund 1400 bis rund 1550 
Erzmarschall-Würde. Plattenrüstung. Schnabelschuhe. Orden. Landsknechts- 
wesen und Landsknechtstracht. Bauernkrieg. Zwerge und Narren. 
Politisch-Geschichtliches IV. Zeitraum 1553 bis 1694 
Kurfürst August 1553—1586 ............. 
Vater August. Mutter Anna. Unverfälschte Augsburger Konfession. Kalvinis- 
mus und Kryptokalvinismus. Exorcismus. Ober-Steuer-Kollegium. Ober- 
Apellationsgericht. Geheimratskollegium. 
Kurfürst Christian I. 1586— 1591 
Kanzler Crell. 
Kurfürst Christian II. 1591—1611 
Beziehungen zu Brandenburg und Osterreich. Jülich- Kleve- Berg. Schiffer 
Zeibig aus Söbrigen. 
Kurfürst Johann Georg I. 1611—1166688 
Der große Religionskrieg. Gustav Adolf. Die Schweden nach ihres Königs 
Tode. Jagdliebhaberei. Schrecknisse und Folgen des dreißigjährigen Krieges. 
Anfänge des stehenden Heeres in Sachsen. Kriegsartikel. Meinen Jesum laß 
ich nicht. 
Kurfürst Johann Georg II. 1656— 1686C0 
Krönung Kaiser Leopolds. Sachsische Reichshilfe gegen die Türken. Bußtage. 
Post-Einrichtungen. Vergleich mit Sachsen-Lauenburg. 
Kurfürst Johann Georg III. 1680—1691. 
Der sächsische Mars. Schöpfung der noch jetzt bestehenden schsischen Armee. 
Belagerung von Wien. Münzkonvention von Zinna. 
Kurfürst Johann Georg IV. 1691—1694 . 
Kronprinz von Dänemark. Feldmarschall von Schöning. Hannover. 
Kulturgeschichtliches IV. Zeitraum rund 1550 bis rund 1700 
Kurfürst Moritz. Feldbinde, Partei-Abzeichen. Spanische Tracht. Spitzenkrause. 
Hut mit Feder. Wallonische Kragen. Gliederung der Beinbekleidung. Reiter- 
stiefel. Karakolieren. Faveurs. Mähnenartiges Haupthaar Vorläufer der 
Perücke. Einfluß Ludwig XIV. a la mode. Allonge-Perücke. 
Seite 
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        — XIII — 
Volitisch-Geschichtliches V. Zeitraum 1694 bis 1827 
Kurfürst Friedrich August I. 1694— 1733. König von Polen 
Sächsischer Herkules. Prachtentfaltung. Erlangung des polnischen Königsthrones. 
Der nordische Krieg. Paikull. Karl XII. Peter der Große. Böttger. Porzellan. 
Kurfürst Friedrich August II. 1733— 1763. König von Polen 
Graf Brühl. Die Friedericianischen Kriege. Kapitulation am Lilienstein. 
Kurfürst Friedrich Christian 1763, 5. Oktober bis 17. Dezember 
Reformen und Besserungen. Graf Wackerbarth. 
Kurfürst Friedrich August 1763.— 1806. Als König Friedrich 
August I. der Gerechte 1806— 1827 
Der bayrische Erbfolgekrieg. Friedrich II. von Preußen. Französische Revolution. 
Die Napoleonischen Kriege. Jena 1806. Rheinbund. Königreich. Politik des 
ehrlichen Mannes. Wiener Kongreß. Abtrennung der Provinz Sachsen. Tod 
des Königs 1827. 
Kulturgeschichtliches V. Zeitraum rund 1700 bis 1800 
Allonge-Perücke. Stutz-Perücke. Beutel-Perücke. Zopf. Gamaschenwesen. Der 
Sonntagsrock des Bauern wird zum Soldatenrocke und Hofkleidungsstück. Es- 
karpins. Frack. 
Politisch-Geschichtliches VI. gZeitraum 1827 bis Gegenwart 
König Anton der Gütige 1827—186 
Ausläufer der französischen Julirevolution 1830. Prinz Friedrich August Mit- 
regent. Erteilung der Konstitution 4. September 1831. 
König Friedrich August II. 1836—1854 
Sächsische Reichshilfe in Schleswig-Holstein. Frankfurter Parlament. Revolution 
von 1849. Mai-Aufstand. König Friedrich August verunglückt auf einer Reise 
in Tirol. 
König Johann 1854—1873 ......... 
Gelehrsamkeit des Königs. Politische Spannungen. Feldzug in Böhmen 1866. 
Königgrätz. Friede zu Nikolsburg. Sachsens Eintritt in den Norddeutschen Bund. 
„Mit derselben Treue wie ich zu dem alten Bunde gehalten, werde ich zu dem 
neuen stehen.“ Feldzug in Frankreich 1870/71. Anteilnahme der Sachsen. 
Kronprinz Albert Feldmarschall. Deutsches Kaisertum. Föderalismus. 
König Albert 1873—1902 . .... ......... 
Gewerbliche Fortschritte. Innere Zustände. Königin Carola. Tod des Königs. 
König Georg. Regierungsantritt am 19. Juni 1902. 
Namen der Vertreter einiger der hervorragendsten Staatsämter. Die Königliche 
Familie. 
Kulturgeschichtliches VI. Zeitraum rund 1800 bis zur Gegenwart 
Neuere Bekleidungsart. Rückblicke auf einzelne Waffentaten der sächsischen Armee 
und einzelner ihrer Angehörigen. Wehrstand. Lehrstand. Nährstand. Gleicher 
Wert aller Berufsstände. Einzelne Vertreter derselben, welche auf dem Wand- 
gemälde angebracht sind. Der Schöpfer des letzteren, Professor Walther. 
Gierzu 2 Aunlagen. 
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        I 
ie ein geschickt angelegtes und mit Liebe wie mit Verständnis 
geführtes Stammbuch gar vielerei bietet und erzählt — Namen 
* und Erinnerungen dem Gedächtnisse auffrischend —, so tut dies 
in ähnlicher Weise, nicht aber auf Papier und Pergament, sondern 
auf Stein und Mörtel, das Sgraffitogemälde des Fürstenzuges an der Schloß- 
wand zu Dresden. 
Diese eigenartige Zusammenstellung von Personen, Daten und Wappen 
kann mit Recht als eine gleichermaßen künstlerische wie historische, nicht 
zuletzt aber als eine von hohem Idealismus getragene, patriotische Dar- 
stellung bezeichnet und gerühmt werden. In seiner Geschlossenheit und Ein- 
heit ist der, so vieles bietende, Fries unzweifelhaft wert, wenn auch immer 
unter demselben Gesichtswinkel, nämlich dem der Vaterlandsliebe, doch 
von verschiedenen Gesichtspunkten aus betrachtet zu werden. Er bietet 
dem Sehenden, der nicht nur hinblickt, sondern wirklich anschaut, ge- 
nügenden Stoff des Interessanten, Wissenswerten und Unterhaltenden. 
Zum ersten — um mit der Praxis des gegenwärtig pulsierenden Lebens, 
infolgedessen aber mit dem zuerst ins Auge springenden äußeren Zwecke 
des Objektes zu beginnen — bedeutet jener Fries eine besonders schöne 
Zierde und kunstvolle Ausschmückung, auf deren Vorhandensein die Stadt mit 
Recht stolz sein kann, die diesen „steinernen Bilderbogen“ enthält: Dresden. 
Zum zweiten ist die Herstellungsart, das Technische des Kunstwerkes, 
so interessant, daß es die volle Aufmerksamkeit und Würdigung auf sich zu 
ziehen, voll berechtigt ist. 
Zum dritten (vom Standpunkte der Ethik und des Idealismus, sowie 
des historischen Sinnes aus) ist das Vorhandensein dieses Wandgemäldes, 
was seinen Stoff anlangt, ein deutliches und ein erfreuliches Zeichen der 
Tatsache, daß wahre Liebe und gegenseitige Treue Sachsens Fürstenhaus 
und Sachsens Volk umschlingt. Das hier in greifbarer Gestalt zur Ver- 
wirklichung gekommene Bedürfnis der getreuen Untertanen, die Gestalten 
ihrer Fürsten und deren Begleiter von den frühesten Zeiten an vor Augen 
   
5
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        — 2 — 
haben zu können, ist wahrlich geeignet, in den weitesten Kreisen vorbildlich 
zu wirken und zu sinngemäßer Nacheiferung in allen monarchischen Ländern 
— in allen Ländern mit großen Erinnerungen — aufzufordern. 
Zum vierten führen uns die Bilder des Fürstenzuges in das Trachten- 
wesen der jeweiligen Zeitperioden ein. Sehr erfreulicherweise und wie es 
von einem wirklich durchdachten historischen Denkmale nicht anders zu er- 
warten steht, sind nämlich alle Figuren mit ihren Details streng im Charakter 
ihrer Zeit gehalten, so daß — wenn auch des verfügbar gewesenen Raumes 
wegen in verhältnismäßig beschränktem Maße — ein gut Teil Kostümkunde 
von jenem Wandgemälde abgelesen werden kann. · 
Endlich hat auch die Heraldik einen Platz erhalten; da die Wappen 
der einzelnen Grafschaften und Gebietsteile, aus denen das Gesamt-Fürstentum 
der Wettiner sich zusammensetzt und teilweise noch besteht, ebensowohl wie 
die Wappen der adeligen Lehensleute und Vasallen, zur Blasonierung auf— 
fordern und gekannt sein wollen. 
Das Betrachten der auf dem Sgraffito-Fries zur Erscheinung gelangenden 
Haupt- und Nebenfiguren sowie ihren Beiwerkes — eine richtige und wirk— 
same Unterstützung des leiblichen Auges, welches Greifbares sieht, durch 
das geistige Auge, dem sich die Geschichte jener Gestalten offenbart — 
dient ebensowohl dem Patriotismus und dem Kunstsinn, wie dem historischen 
Gefühle überhaupt, zur Stärkung und Unterstützung. Dieser Gedanke möge 
aufgegriffen sein und festgehalten werden; er übernehme die Rolle des 
„roten Fadens“. 
Er möge zur Stärkung der Vaterlandsliebe das Seinige beitragen; in 
einer Zeit, wo gewissenlose Hetzer dieses schöne Gefühl aus den Herzen 
ihrer Landsleute heraus zu reißen bestrebt sind und Gleichgültigkeit gegen 
die Geschichte der Väter, vereint mit allgemeiner Unzufriedenheit und Gott- 
entfremdung, als Zersetzungsmittel benutzen wollen. Demgegenüber kann 
nicht genug die Wichtigkeit der Schulung historischen Sinnes betont werden, 
der mit der Liebe zur engeren wie zur weiteren und zum „Volke der 
Heimat“" erweiterten Familie auf engste verbunden ist. Dem Volke muß 
nicht nur die Religion im engeren Sinne erhalten werden, sondern auch 
alles was aus Wahrung derselben an geistigen Gütern, ihren Segen in sich 
tragend, hervorgeht; insbesondere also auch Vaterlandsliebe und Königstreue. 
Von diesem grundlegenden Gedanken beseelt, legt der Verfasser in ehrlicher 
Absicht seinen Volksgenossen die vorliegende Schrift ans Herz, welche aus 
der Beschäftigung mit eben diesem Gedanken entstanden ist. Tief beschämender- 
weise — aber freilich nicht ohne Unrecht — konnte der, jetzt an der Spitze 
der Kommission für sächsische Geschichte stehende Geheime Archivrat Ermisch 
(im Januar 1901) aussprechen, daß es ihm, als er vor 25 Jahren von 
Preußen nach Sachsen übersiedelte, aufgefallen sei, in wie verhältnismäßig 
geringem Grade hier der Sinn für die Geschichte des eigenen Landes und 
Volkes entwickelt sei. Erfreulich ist es, daß im allgemeinen das Interesse 
an der eigenen Vergangenheit gewachsen ist, mit der die Gegenwart durch
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        — 3 — 
tausendfache Fäden inniger Beziehungen zusammenhängt. Ganz erspart 
werden aber kann auch heute jener Vorwurf unserem Volk und denen nicht, 
denen es obläge, den Sinn für vaterländische Geschichte mehr zu fördern und 
zu pflegen. Insbesondere dann aber werden die angeführten Worte zum 
Kassandra-Rufe, wenn selbst der Wunsch fehlt, so zu handeln, daß ihnen 
die Berechtigung genommen werden könnte. „Während in Preußen“, sagt 
Geheimrat Ermisch weiter, „höhere und niedere Schulen dafür sorgen, daß 
jeder wenigstens einen ungefähren Begriff von der Geschichte des Staates, 
dem er angehört, und seines Herrscherhauses ins Leben mitnimmt, vermißt 
man bei uns sogar bei hochgebildeten nicht selten selbst die allgemeinsten 
Kenntnisse der Geschichte Sachsens, ja auch den Wunsch, sie sich anzueignen.“ 
Weit genug verbreitet und genügend gefestigt — besonders auch an 
Stellen, die man eigentlich als Hort und Ausgangspunkt solch vaterländischer 
Ideen ansehen sollte — sind diese Ansichten immer noch nicht. Und doch 
zeigt uns die Geschichte unseres engeren Vaterlandes so bedeutende Persönlich- 
keiten und herrliche Taten; ist dieselbe so reich an Beispielen von Helden- 
größe und treuer Pflichterfüllung, von Aufopferung im kleinen wie im 
großen, von blendender wie wärmender Gelehrsamkeit und Kunst, von 
wahrer Religiosität; ist sie reich an Vorbildern für das lebende Geschlecht, 
für Enkel und Enkelkinder. 
Es dürfte daher für die Liebe zur heimischen Geschichte, welche mit 
derjenigen des angestammten Fürstenhauses eng verbunden ist, nicht ohne 
Nutzen sein, wenn der oben berührte „Gedanke bei Betrachtung des Fürsten- 
zuges“ von vielen — von allen — geteilt würde, und man an der Hand 
der Bearbeitung dieses Gedankens, die allgemeinste Kenntnis von Fürsten- 
stamm, Volk und Land in sich aufnehmen wollte, welche aus der stummen 
Sprache gehört werden kann, die jene Gestalten zum Beschauer reden. 
Heimatkunde, Vaterlandslehre kann nicht genugsam jedem ans Herz ge- 
legt werden. Liebe zur Heimat, Treue zum Vaterland wird mächtig dadurch 
gefördert. Das Wort Otto Kaemmels, des großen Historikers, wird von 
einem jeden dann um so mehr verstanden und beherzigt werden, daß das 
höchste irdische Gut des gebildeten Mannes das Vaterland ist, und daß der 
Staat nichts Geringeres sei, als die notwendige Folgerung aus der sittlichen 
Natur des Menschen, das rechtlich zur selbständig wollenden Persönlichkeit 
geeinte Volk. Keine Herde aber, selbst der intelligentesten Teilnehmer, ohne 
Hirten. Wohl also dem Volke, dessen Fürsten edel sind, die das gemeinsame 
Vaterland mit gleicher Treue lieben wie ihre Untertanen, für deren Heil 
sie besorgt sind, mit denen das Band gegenseitigen Vertrauens sie verbindet, 
die leben und sterben für das Vaterland. 
„Ans Vaterland, ans teure, schließ dich an, 
Das halte fest mit deinem ganzen Herzen: 
Hier sind die starken Wurzeln deiner Kraft.“ 
Diese begeisterten und begeisternden Worte Schillers gelten für Re- 
gierende wie für Regierte. Wer kennt sie nicht? O, möge jeder, jeder sie 
17
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        — 4 — 
beherzigen! Ja, in der Heimatliebe liegt die Wurzel der Kraft eines jeden 
Volksstammes. Wie aus der väterlichen Scholle das ihrem Boden an— 
vertraute Weizenkorn in tausendfacher Gestalt entsprießt, um leibliche Nahrung 
zu geben, so wächst aus ihr und der Liebe zu ihr, jene ethische, geistige 
Nahrung, ohne welche die Völker moralisch verkommen müßten. Und wie 
jede Liebe, vertieft sich auch diese Liebe durch immer genaueres Kennen— 
lernen des zu liebenden Gegenstandes. 
Nicht nur auf die engere Familie der eigenen Sippe und der Geschlechts- 
vettern, nein, auch auf die erweiterte Familie der Volksgenossen und Stammes- 
angehörigen bezieht sich das Goethesche Wort: 
„Wohl dem, der seiner Väter gern gedenkt, 
Der froh von ihren Taten, ihrer Größe 
Den Hörer unterhält; und still sich freuend, 
Ans Ende dieser schönen Reihe sich geschlossen sieht.“ 
So stehen unsere beiden großen deutschen Dichterfürsten mit ihren edlen 
Worten und treffenden Aussprüchen gewissermaßen an der Wiege der vor- 
liegenden patriotischen Darbietung, welche in ihrer Einfachheit — nur ge- 
tragen von glühender Liebe zu König und Vaterland — derjenigen Paten 
entratet, welche in der Jetztzeit so häufig für das Gedeihen eines Kindes, 
selbst der prosaischsten Muse, als unumgänglich nötig erachtet werden: 
Sensation und Reklame, Geschrei und Aufsehen. 
Entstehung des Sgraffito-Frieses. 
Eine der poetischsten, vom Hauche mittelalterlich-ritterlicher Vergangen- 
heit durchweheter Punkte — ja, man könnte, seiner verhältnismäßigen Kleinheit 
und relativen Abgelegenheit vom großen Verkehre wegen, beinahe sagen 
„Winkel“ in Sachsens schöner Hauptstadt Dresden ist unstreitig die alte 
„Stechbahn“, eine Zeit lang „Jagdhof“, jetzt „Stallhof“ genannt. 
Von dichtem, grün, braun und rot schimmerdem wilden Wein wie von 
treu rankendem Efeu gleich ehrwürdigen Alters besponnen und überwuchert, 
lugen die graugewordenen Giebelfassaden des alten Fürstenbaues — jetzt 
teilweise neu wieder hergestellt, wo sie verfallen waren — hervor, und blicken 
auf eine friedvoll eingeschlossene Umgebung, die malerischer und „feudaler" 
kaum gedacht werden könnte. 
Zwar ist der kleine eingemauerte Teich, der in alten Zeiten zur Roß- 
tränke und dann zum Wagenwaschen diente, jetzt leider eingetrocknet; und
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        Die alte „Stechbahn“, jetzt „Stallhof“ des Königlichen Schlosses.
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        — 5 — 
die gurrenden Täublein, die hausschützenden Schwalben wie die vereinzelten 
Finken und das Heer der frechen Sperlinge samt den vom nahen Turme 
herunterflatternden krächzenden Dohlen haben sich einen anderen Platz zu 
ihren Zwecken aussuchen müssen. Aber weder diese Einbuße an überschuß 
von Poesie, noch das durch Anbringung elektrischer Bogenlampen stark hervor— 
tretende Motiv der raschlebigen Neuzeit sind ernstlich im stande, jenem Orte 
den Nimbus des Märchenhaften ganz zu nehmen. Und wenn der königliche 
Weidmann, Albert, der vielgeliebte Monarch — heimkehrend von den luftigen 
Höhen der, Rehwild und stattliche Hirsche, Birkhahn und Auerhahn bergenden 
sächsischen Schweiz, aus dem Dunkel der Forsten, in denen noch immer 
Eber, Sauen und Füchse hausen, wie von den heiterlachenden an Hühnern 
wie Fasanen reichen Fluren seines Jagdgebietes — unter Hörnerschall durch 
das „Jagdtor“ einfuhr und unseres jetzigen Königs Georg Majestät, auch in 
dieser Hinsicht seinem teuren verewigten königlichen Bruder gleich, dies noch 
jetzt tut, um die auf den Steinplatten jenes Hofes ausgebreitet liegende 
„Strecke“ zu besichtigen; wenn greller Fackelschein, die grünen Röcke der 
Jägerei streifend und an den „Brüchen“ der vornehmen Gäste, an Buchen— 
wie Eichenblatt, Tannen- wie Fichtenreis hin und her hüpfend, tiefdunkle 
Schlagschatten geheimnisvoll hervorbringt, der „ausgehauene“ Rittersmann 
aber (gewissermaßen als steinerner Gast) vom Gemäuer des ehemaligen Reit— 
saales stumm von seiner Höhe herunterblickt, und die Nachtluft Wiehern und 
Stampfen hinüberträgt — dann kommt es wie ein Traum von vergangenen 
Zeiten, die voll gewesen sind an Pracht und Herrlichkeit, an Trauer und 
Wehmut, voll aber auch bei Leid und Freud an Treue von Fürst und 
Mann, über Schloß und Hof. 
Ja, gewiß. Könnten die Steine reden, Eisen und Kupfer den Mund 
öffnen, die Blätter des Eppich flüsternd dem Winde und den Menschen an— 
vertrauen, was ihnen ihre Eltern und Voreltern zugeraunt haben, so würde 
man gerade an diesem Orte gar manches zu hören bekommen, was mit der 
Absicht nachstehender Darlegungen in innerster Wechselbeziehung steht. 
Wie der Name Stechbahn und Stechhof besagt, wurden hier ehemals 
die am herzoglichen, später kurfürstlichen Hofe zur Schau gelangenden Turniere 
und ritterlichen übungen, Ringstechen und Karussellreiten, abgehalten. Dar- 
stellungen von Turnierscenen befinden sich unter der bildnerischen Aus- 
schmückung, mit welcher die im Obergeschoß des ehemaligen „langen Ganges“ 
untergebrachte Gewehrgalerie ausgestattet ist. An den beiden, mit kunst- 
reichen Reliefs kriegerischer Embleme meisterhaft verzierten Bronzesäulen 
aber, welche 1588 in diesem Hofe aufgestellt wurden, sind noch heute die 
Vorrichtungen zu erkennen, an denen die eisernen Arme angebracht werden 
konnten, welche die hängenden Ringlein hielten. Auch Tierkämpfe ver- 
schiedener Art fanden innerhalb dieses, hierzu vortrefflich geeigneten, zwinger- 
artigen Ortes statt, von dessen Innengalerien aus Damen und Herren den 
Vorgängen zuschauten. An demjenigen Stücke der nach der alten Schloß- 
kanzlei gelegenen Mauer, welches ein Teil der ältesten Stadtmauer Dresdens
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        — 6 — 
ist, befindet sich in der beträchtlichen Höhe von ziemlich fünf Metern ein 
lebensgroßer Ochsenkopf, in Metall getrieben, der den Punkt bezeichnen soll, 
bis zu welchem seinerzeit ein von Hunden gehetzter und wütend gemachter 
Stier in die Höhe gesprungen ist. Kurz erwähnt möge hierbei werden, daß 
jene einst offenen, auf 22 toskanischen Säulen ruhenden Galerien durch Ver- 
mauern zu den Räumlichkeiten umgestaltet worden sind, welche seit 1730, 
in Form von langen Gängen, zur Aufnahme der wertvollen Königlichen 
Gewehrsammlung dienen. Die von verschiedenen Einzelteilen des großen 
Schloßgebäudes gebildeten Innenmauern des Stechhofes, einschließlich der 
besagten Galerien, hatten schon frühzeitig bildnerischen Schmuck erhalten, 
dessen Motive hauptsächlich der Mythologie und der symbolisierenden Heraldik 
entlehnt waren. In erweiterter Gestalt dehnte sich dann diese Wand- 
ausschmückung auch auf die Außenmauern aus. Die in langer Reihe einander 
folgenden Taten des Herkules führten den Beschauer mitten hinein in das 
antike Heidentum und dessen Götterwelt. — Indessen hielten die bunten 
Fresken den Angriffen der Witterung nicht stand, und so kam es, daß auch 
jene langgestreckte Mauer, den kurfürstlichen Klepperställen gegenüber (an 
deren Statt im 18. Jahrhundert Graf Brühl sein Palais hatte errichten 
lassen, welches er mit einem kunstreichen Garten auf der Elbfront der 
Festungswerke — der Brühlschen Terrasse — verband), weit über ein 
Menschenalter hinaus in einem kahlen Zustande der Ode und Leere sich be- 
funden hat. 
Juno und Minerva (oder, wie manche sagen, die allegorischen Statuen 
von Wissenschaft und Wachsamkeit), welche in Stein gehauen am Haupt- 
portale jenes herrlichen Rokokobaues Wache hielten, welches man jetzt nieder- 
gerissen hat, 1) um an seiner Stelle ein neues Ständehaus zu errichten, mögen 
oft verlangend nach einem bildnerischen Schmucke ausgeschaut haben, zu dem 
jene Längsfläche ihnen gegenüber in so hohem Maße geeignet ist. 
1) Dieser, vom Grafen Brühl durch den Baumeister Knöffel in den Jahren 1737 bis 
1750 errichtete Palast, welcher in architektonischer wie allgemein künstlerischer Beziehung 
eines der schönsten Muster des Rokoko war, barg hierauf bezüglich schier unermeßliche 
Schätze. Weit berühmt, ja man kann wohl sagen weltberühmt, waren insonderheit die 
Freskomalereien des genialen Franzosen Louis Sylvestre. Aus diesem Grunde ist unter 
Leitung des Professors Donadini das besonders schöne Deckengemälde des einen Parade- 
saales mit Vorsicht und unendlicher Mühe abgenommen worden, um in gleicher Weise in 
der zu errichtenden Aula der staatlichen Kunstgewerbeschule wieder angebracht zu werden, 
als welche dieser ganze dorthin überzuführende Saal — ein Kunstwerk ersten Ranges — 
neu erstehen soll. Auch die Sandsteinfiguren des genialen Barockmeisters Lorenzo Matielli, 
des Schöpfers der berühmten achtzig Statuen der katholischen Hofkirche sowie des in seiner 
Schönheit unerreichbar dastehenden Neptunbrunnens, einige kostbare Holzschnitzereien von 
Teibl und die Mehrzahl der außerhalb wie innerhalb jenes Palais angebracht gewesenen 
kunstvollen Eisengitter und Bronzearbeiten sind glücklicherweise in erhaltende Aufbewahrung 
genommen worden. Nichtsdestoweniger ist das Verschwinden des Brühlschen Palais von 
der Erdoberfläche nur zu geeignet, aufrichtiges Bedauern des Vaterlandsfreundes wie des 
Kunstfreundes darüber zu erwecken, daß ein Denkmal alter Zeiten und alter Stile nach 
dem anderen den Ansprüchen der Neuzeit zum Opfer fällt. Wie man beim bloßen Hören
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        — 7 — 
Dasselbe Gefühl, von welchem die steinernen Herzen der Göttinnen 
bewegt wurden, beschlich auch die in Fleisch und Bein an der Schloßwand 
vorüber wandelnden Sterblichen; es ward mit der Zeit zu einem immer 
regeren, zu einem allgemeinen. Wunsch und Meinung, daß etwas geschehen 
möge, war zur vox populi, zur Volkesstimme geworden. Das Wie und 
das Was der Ausführung erwies sich indessen lange als ein großes 
Hemmnis. Man beriet hin und her und kam in der Hauptsache immer 
wieder zu dem Resultat, daß der alte Erfahrungssatz richtig sei: „Es ist 
schwer, verschiedene Menschen unter Einen Hut zu bringen; verschiedene 
künstlerische Ansichten aber zu vereinen, ist noch weit schwieriger.“ 
Merkwürdiger, beinahe providentieller Zufall! — Der Beginn des so 
Großes in seinem Schoße bergenden Jahres 1870, welches in seinem Ver— 
laufe die verschiedenen deutschen Stämme unter Einem Hute — der Kaiser— 
krone — einte, brachte auch hier Einigung unter Künstlern und Kommission. 
Noch im selben Jahre konnte alles zur Ausführung eines von allen ge— 
billigten Planes in Vorbereitung genommen werden. König Johanns 
der Namen Nürnberg oder Rothenburg sich im Geiste in die Mitte altdeutscher Städte- 
Architektur hinein versetzt fühlt, wie Versailles und Moskau, Danzig und Lübeck ganz-be- 
sonders ausgesprochene Typen besonderer Bauweisen sind, so war Dresden bekannt und 
berühmt als die Stadt des Barock und des Rokoko. Leider hört das jetzt auf. Selbst wenn 
zwingende Gründe unbedingter Notwendigkeit praktischer Bedürfnisse die Triebfedern des 
Nivellierens und Modernisierens sind, ist, vom Standpunkte des Gemütes aus, beides zu 
bedauern, ohne indessen etwa daraus zu resultieren, daß den in der Person des unstreitig 
sehr verdienstvollen Herrn Oberbürgermeister Beutler verkörperten Anschauungen der Neuzeit 
die Berechtigung abgesprochen werden solle. Im Gegenteil muß anerkannt werden, daß 
Bürgermeister und Rat nach Kräften bemüht sind, Dresden zu verschönern. Für zahlreiche 
moderne Menschen, die das alte „überwunden“ haben, hat anderseits das Aufhören aller 
und jeder Sonderheiten, sei es auf ethischem oder materiellem, sozialem, künstlerischem oder 
politischem Gebiete, ja sei es auf dem der Natur, etwas Berauschendes. Den Bestrebungen 
und Ideen dieser Menschen leisten die Umwandlungen der Städtebilder nach neuzeitlichen 
Mustern gewaltigen Vorschub, weil sie die Eigenarten verwischen. Ausschwung und Er- 
weiterung der Stadt in allen Ehren — so ist es dennoch Tatsache, daß in den letzten 
Jahren gar stark unter den Barock= und Rokokobauten Dresdens aufgeräumt worden ist. 
Der dringende Wunsch dürfte daher nicht ungerechtfertigt sein, dieser Bewegung — wenn 
anders es sich mit den etwa obwaltenden höheren Interessen verträgt — Einhalt zu tun. 
Noch steht das Kurländer Palais, noch ist dem Coselschen nicht das Todesurteil gesprochen. 
Möchten diese beiden Perlen der Baudenkmäler Dresdens erhalten bleiben, für welche 
Hofrat Gurlitt ein so warmes Herz hat. Auf die Gefahr hin, der Abschweifung geziehen 
zu werden, kann Schreiber dieser Zeilen nicht umhin, mit dem von ihm in Bezug auf 
Bauten Gesagten eine Außerung des „Vereins für Geschichte Dresdens“ in Parallele zu 
stellen, welche einer Sammlung alter Ansichten besonders landschaftlichen Charakters als 
Vorwort dient: „. Diese Bilder mögen vor Augen führen, mit welchem Opfer an 
Naturschönheiten unsere Stadt den industriellen Aufschwung der letzten Jahrzehnte erkauft 
hat. Gewiß haben viele Zerstörungen am Landschaftsbilde nur der Förderung der all- 
gemeinen Wohlfahrt gedient und dürfen nicht beklagt werden; aber wenn ohne Not die 
Felsgruppen am Plauenschen Grunde durch Steinbrüche verwüstet, wenn die herrlichen 
Loschwitzer Elbgelände durch unförmliche Eisengerüste entstellt werden“ usw. usw.
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        — 8 — 
„Königliche Gedanken“, die so oft und so vielfach dem treuen Sachsenvolke 
zum Segen gereicht haben, waren auch hier ausschlaggebend gewesen. 
Ein Figuren-Cyklus zusammenhängender Art und von patriotischem 
Gepräge sollte jener Wandfläche anvertraut werden. Nicht aber ein von 
Hochmut und übermut diktierter Triumphzug etwa, ähnlich denen auf alt— 
römischen Siegessäulen, welche (daselbst in Spiralen gewunden) die Nieder- 
werfung feindlicher Volksstämme vor Augen führen und zur Demütigung 
der letzteren beitragen sollten; sondern ein Zug, von deutschem Empfinden 
eingegeben, von sächsischer Treue diktiert. Die Darstellung eines Zuges 
war geplant, ähnlich demjenigen Werle Albrecht Dürers, welches unter dem 
Namen „Der Zug Kaiser Maximilians“ bekannt ist. Was aber konnte an 
einer, zum sächsischen Königsschlosse gehörenden Mauer, an einer von 
Fremden wie Einheimischen gleich stark frequentierten Stelle der schönen 
Sachsenhauptstadt Passenderes angebracht werden, als eine Darstellung, die 
sich an die Geschichte des Hauses Wettin anlehnt, und aus welcher die 
Treue, Liebe und Verehrung des Volkes für dies, sein angestammtes Herrscher- 
haus spricht? 
Im Historienmaler W. A. Walther (der inzwischen außer anderen Aus- 
zeichnungen auch den Titel Professor erhalten hat) war ein im Figurenfache 
ganz besonders tüchtiger Künstler gefunden worden, dem man die ganze 
Sache vertrauensvoll in die Hände legen konnte. Was die Ausführungsart 
des Kunstwerkes betrifft, so wurde die von Walther vorgeschlagene Manier 
al sgraffito mit Freuden als schön, originell und zweckdienlich begrüßt. 
Der Archäolog und Kunsthistoriker Professor Freiherr von Weißenbach gab 
alle diejenigen Winke und Ratschläge, die dazu erforderlich sind, einem 
künstlerischen Gemälde durch historische Treue, auch der Einzelheiten, die 
Weihe einer Anerkennung der Geschichtsforschung sowie den Stempel des 
Urkundenwertes aufzudrücken. 
Hoch zu Roß ziehen die naturgetreuen Gestalten der Fürsten Wettinschen 
Stammes, von Konrad dem Großen beginnend, als Markgrafen von Meißen 
und der Lausitz, Herzöge zu Thüringen und zu Sachsen, wie dann als Kur- 
fürsten und Könige, am Blicke des Beschauers vorüber. Spielleute und 
Bannerträger, einem Herold folgend, eröffnen den Zug; Vertreter der 
Vasallenschaft, der ritterlichen Lehensleute, schreiten begleitend neben den 
Fürstlichkeiten einher. Den Darstellungen der letzteren sind, nicht ohne 
große Mühe seitens des ausführenden Künstlers, mit höchst dankenswerter 
Unterstützung der betreffenden Ressortbeamten im Hofmarschallamt, Bibliothek 
und Archiv, die besten und ähnlichsten Porträts zu Grunde gelegt; während 
die Personen der Begleitung zumeist die Züge noch lebender Vertreter der 
jeweiligen Adelsfamilien zeigen. Rüstkammer, Gemäldegalerie und historisches 
Museum, sowie die hervorragendsten Werke über Trachtenwesen dienten für 
die „Kleider“ als Unterlage, welche bekanntlich „Leute“ machen, waren 
maßgebend für Zeichnung und Anbringungsart von Ausrüstungsstücken und 
jener Menge „Kleinigkeiten“, die, wenn sie richtig dargestellt sind, beinahe
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Außenseite des „Stallhofes" mit dem Fürstenzug.
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        — 9 — 
gar nicht wesentlich bemerkt, oder doch wenigstens nicht auf die Schwierigkeit 
ihrer Feststellung hin, beachtet und anerkannt werden; wenn sie indessen 
falsch oder nicht ganz und gar richtig sind, plötzlich einen Kapitalwert haben 
und einen Sturm der Entrüstung heraufbeschwören. 
Gewissermaßen als Prolog aber steht folgender Spruch am Anfange 
der Darstellung: 
„Ein Fürstenstamm, deß Heldenlauf 
Reicht bis zu unsren Tagen; 
In grauer Vorzeit ging er auf, 
Mit unsres Volkes Sagen.“ 
Um dem Wandgemälde einen passenden stimmungsvollen Untergrund 
zu geben, ist — im Stile der Renaissance-Architektur des Königl. Schlosses 
gehalten — die Mauer mit einem auf ihrer ganzen Länge ausgespannt er— 
scheinenden Teppich bemalt worden, der einen integrierenden Bestandteil des 
ganzen Frieses bildet. Voll edelster Wirkung heben sich die figürlichen 
Darstellungen, welche den eigentlichen Fürstenzug bilden, von jenem Teppich 
ab; dessen untere Borde ein fünf Meter hoher Sandsteinsockel vom Fuß- 
steige trennt. 
Ausgeführt ist das Ganze, wie schon kurz erwähnt worden, in Kratz- 
Manier; von den Italienern, die diese Art der Zeichnung im 15. Jahr- 
hundert zuerst aufbrachten, allo Ssgraffito genannt, herrührend von dem 
Worte Sgraffiare, das heißt kratzen oder schaben. Nicht nur ist die künst- 
lerische Wirkung eines auf solche Art hergestellten Gemäldes eine hervor- 
ragend schöne und originelle, sondern, wenn die vorbereitenden Grundierungs- 
arbeiten sorgsam ausgeführt worden sind, hält das Kunstwerk auch jeder 
Witterung stand. Außerdem ist die Technik eine sehr interessante. Freilich 
muß die Hand des Künstlers sehr sicher sein, denn ein Übermalen oder 
Wegwischen irgend welchen Fehlers ist hier nicht möglich. Die zu dekorierende 
Wandfläche wird vorerst mit einer schwarzen Masse, bestehend aus einer 
Mischung von Kalk, Zement und fein gemahlenen Schlacken, gleichmäßig 
bedeckt. Während jener dunkle Putz noch feucht ist, kommt auf denselben 
eine hellfarbige, besonders präparierte Kalkschicht, welche sich, dank ihrer 
chemischen Bestandteile, mit der unteren fest und dauernd zu einem Ganzen 
verbindet und nicht abblättern darf. Auch die eigentliche Grundlage für das 
Ganze, die betreffende Steinmauer selbst, ist in dieser innigen Verbindung 
inbegriffen. Mit der Wahl einer gelblich gefärbten Oberschicht hat man 
gerade hier, für Dresden, einen sehr glücklichen Griff getan. Denn jenes 
helle Erbsengelb gleicht völlig dem Tone des Sandsteines von Pirna und 
Postelwitz, welcher zu den Roh-Fassaden der hervorragenderen Bauwerke in 
und um Dresden hauptsächlich benutzt wird. Mit einem spitzen und scharfen 
Eiseninstrument werden die Linien, Striche und Schraffierungen der Zeich- 
nung in die Oberschicht geritzt, und der Eindruck des Bildes ist vollkommen 
der einer Ausführung in schwarzer Kreide.
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        — 10 — 
Fünf Jahre angestrengtester Tätigkeit brauchte der Künstler, um seine 
vortreffliche Kartons auf die Wandfläche zu übertragen. Die Übernahmen 
erfolgte am 21. Juli 1876 in Vertretung des abwesenden Königs Albert 
Majestät durch den damaligen Prinzen Georg, Königl. Hoheit. Ganz Sachsen 
erfreute sich der Fertigstellung, wenn auch des Landes Hauptstadt natur— 
gemäß den direktesten Vorteil von jenem Gemälde hat. Trotzdem jährlich 
Tausende vor demselben stehen bleiben oder seine Reize im Vorübergehen 
auf sich wirken lassen, so muß doch beklagt werden — und im Interesse des 
sächsischen Patriotismus beklagt werden — daß eine noch ungleich größere 
Zahl von Tausenden treuer Landeskinder wegen der Entfernung ihrer 
Heimatsorte von der Residenz keine oder nur eine hbchst oberflächliche 
Kenntnis des „Fürstenzuges“ und seiner Bedeutung haben. Die Hofkunst- 
handlung von Gutbier hat zwar gleich im Jahre der Entstehung desselben 
Abbildungen erscheinen lassen und Adolf Stern hatte den einzelnen Figuren 
kurze biographische Notizen beigegeben. Indessen bezogen sich letztere im 
allgemeinen nur auf Lebens= und Regierungsdauer der betreffenden Herrscher, 
ohne auf die weitere Geschichte oder irgend welche Wechselbeziehungen ein- 
zugehen. Der ethische und moralische Wert jenes Wandgemäldes wird 
und kann niemals untergehen; auf das aufmerksam zu machen, was er 
bietet, ist der Zweck dieser Arbeit. Wohl aber hat leider die chemische 
Beschaffenheit des Materials den an sie gestellten Anforderungen nicht voll- 
kommen entsprochen, so daß die unbegrenzte Haltbarkeit des Frieses selbst in 
Frage gestellt ist. Loyalerweise hat der Landtag eine Summe bewilligt, um 
die Konservierung jenes „einzig dastehenden“ Kunstwerkes zu ermöglichen. 
In Anlehnung an die Vorschläge eines Düsseldorfer Künstlers wird jetzt von 
den Malern Schultz und Hausmann am Reparieren des Wandgemäldes 
gearbeitet, auf welchem da und dort einige Risse sich bemerkbar zu machen 
drohen, während eventuell für später eine Erneuerung mit Keimscher Kasein- 
Farbe in Aussicht genommen werden soll. 
Als ein Zeichen dafür, welch hoher Wert dem in Rede stehenden 
Fürstenzuge als Sinnbild und Sammelpunkt sächsischen Vaterlandssinnes 
allüberall da beigemessen wird, wo brave Sachsenherzen in treuer deutscher 
Brust schlagen, kann auch der Umstand reden, daß das Offiziers-Kasino 
des „zu Straßburg auf der Schanz“ im Elsaß garnisonierenden 6. Königl. 
Sächs. Infanterie-Regiments Nr. 105 als herrlichen Wandschmuck seines 
Saales den Dresdener Fürstenzug gewählt und denselben, vom Straßburger 
Maler Nawothnig in Kreidezeichnung übertragen, erhalten hat. Auch in 
der Ferne also, am Rhein und an den Vogesen, wecken die Gestalten dieser 
Waltherschen Schöpfung Erinnerungen an Wettin und Sachsen, führen die- 
selben unter dem hohen Kuppelbau des gemeinsamen Vaterlandes in die 
Altarnische der engeren Heimat. — Es ist zwar der Ausspruch eines fran- 
zösischen Historikers (Cayon): „Les evenements font les hommes, et 
les hommes à leur tour font les evenements“, in wörtlicher Über- 
setzung: Die Ereignisse machen die Menschen, und die Menschen ihrerseits
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        — 11 — 
machen die Ereignisse. Aber die Wahrheit dieses Wortes ist so augen— 
scheinlich, daß dasselbe — als von allgemeiner internationaler Geltung — 
wohl getrost auch an die Spitze deutscher Abhandlungen gestellt werden 
darf, welche, anknüpfend an Erscheinungen auf dem Bilde, in kurzen Zügen 
von den Taten der also Verewigten sowie über die Wechselwirkungen be— 
richten wollen, welche zwischen ihnen und den Ereignissen ihrer Zeit 
bestanden haben. Es seien diese kurzen geschichtlichen Abrisse unter der Be— 
zeichnung Politisch-Geschichtliches hier bei einer jeden Gruppe eingereiht, 
während sodann die vorkommenden Momente der Kulturgeschichte berücksichtigt 
werden sollen. 
Politisch-Geschichtliches. 
J. 
Nachdem das, in seinem Bestreben, nach Osten sich auszubreiten, gegen 
die sorbischen Slaven nicht immer siegreich gewesene Deutschtum unter 
Kaiser Heinrich seine Herrschaft jenseits der Elbe bis in die Gegend der 
Pulsnitz befestigt hatte, begründete Heinrich Anno 928 im Gebiete der 
unterworfenen Daleminzier auf hohem, gegen die Elbe vorspringenden Berges— 
rücken an der Einmündung der Misna die Burg Misnia oder Meißen. 
Hierdurch war eins der ersten, zum Schutze der neu festgelegten, über die 
bisherige hinausgehenden Reichsgrenze oder Mark, notwendigen Bollwerke 
geschaffen; wie anderseits durch eben dieses weitere Ausdehnen nach Osten die 
bisher bestandenen, nun rückwärts liegenden Markgrafschaften, ihrem Zwecke 
nach überflüssig und deshalb allmählich mit der Mark Meißen vereinigt wurden. 
Der hier in seinem vorgeschobenen Posten als Reichsfürst eingesetzte, 
auf Grenzwacht stehende Markgraf hatte ebensowohl die Aufgabe, die ihm 
unterstellten inländischen Grenzbezirke zu verwalten und zu schützen, als auch 
die Verpflichtung, nach Möglichkeit jenseits der Grenze Fuß zu fassen und 
dementsprechend die Grenze des Reiches hinaus zu schieben. Kaiser Otto der 
Große, dem es in Betätigung seiner, sich selbst vorgeschriebenen Aufgabe, 
ein christlicher deutscher König zu sein, nicht nur darauf ankam, die 
Marken in politischer Beziehung zu erweitern, sondern mit dieser Erweiterung 
gleichzeitig das Christentum zu verbreiten, unterstellte das gesamte, bisher 
den Slaven abgenommene Land in kirchlicher Beziehung dem Erzbistum 
Magdeburg 968. In den drei Markgrafschaften jenes Gebietes, nämlich 
Zeitz, Merseburg und Meißen, richtete er die gleichnamigen Bistümer ein. 
Dasselbe geschah dann auch im nördlicheren Osten, wo Havelberg und 
Brandenburg — das alte slavische Brennaborch — die gleiche Bedeutung 
erlangten. Zur Befestigung der Verhältnisse trug unzweifelhaft die Maß- 
nahme bei, daß das so wichtige Reichsamt der Markgrafen bald, und zwar 
früher als das der Herzöge, innerhalb der Lehensbedingungen, erblich wurde. 
Die Inhaber jener Amter waren infolgedessen mehr noch als vielleicht sonst
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        — 12 — 
auf Ordnungschaffen in ihren Territorien bedacht, und mehr noch bestrebt, 
durch Eroberungen jenseits der Grenze die Marken zu vergrößern, da die 
eroberten Landesteile, und somit der Machtzuwachs, in erster Linie ihren 
eigenen Geschlechtern zu gute kam.?) 
Das Verdienst der Wettiner und Askanier, die, wie nachgehends erzählt 
werden soll, als Grafen der deutschen Grenzmarken einesteils dieselben nach 
Osten ausgedehnt, andernteils in zweckmäßiger national-ethischer wie sozial- 
praktischer Weise ausgebaut und dem Deutschtum nutzbar gemacht haben, 
darf niemals unterschätzt werden. Diese, in der Hauptsache von ihnen ge- 
leitete Germanisierung und Kolonisation des Ostens hat sich in der Folge 
als eine größere Tat erwiesen als das, an sich so schöne Bestreben der 
herrlichen Ottonen und Staufen, ein großes deutsch-abendländisches Kaisertum 
zu gründen. So sehr anerkanntermaßen das Ideale und Zauberhafte, welches 
dieser, schließlich unausgeführten, weil unausführbaren, Kaiser-Idee zu Grunde 
lag, im Verlaufe sämtlicher Jahrhunderte dazu gedient hat, die Sehnsucht 
Germaniens nach einem geeinten Kaisertume wach zu halten, so würde ein 
solches ohne jene stillen Arbeiten im Osten noch heute nicht haben zu stande 
kommen können. Heute sind Dresden und Berlin Horte des Deutschtums. 
Sie wären es nicht ohne das einstige Vorgehen der Wettiner und deren Helfer. 
Bis zum Jahre 1047 war die Markgrafenwürde von Meißen in der 
alten Familie der Ekardinger mehr oder weniger bestimmt erblich gewesen. 
Nach einer kurzen Zeit des Interregnums, welche auf deren Aussterben 
gefolgt war und mehrere hervorragende Personen mit jenem Amte be- 
kleidet gesehen hatte, übertrug wahrscheinlich im Jahre 1089 Kaiser 
Heinrich IV. die Mark Meißen an den zu Eilenburg gesessenen 
Grafen Heinrich von Wettin, seiner Hauptbesitzung nach Heinrich 
von Eilenburg genannt. 
Die Wiege des erlauchten Hauses Wettin, einer alten Dynastenfamilie 
des deutschen Uradels — jener echt germanischen Einrichtung, nach welcher 
die Tüchtigsten des freien Volkes freiwillig von demselben zu dessen Führern 
gewählt worden, Rang und Ansehen aber in dem Maße in ihren Sippen 
forterbte, als die Gesinnungen der Vorfahren den Nachkommen erhalten 
2) Schon Karl der Große hatte in seiner Weise und nach den Machtmitteln, die ihm 
zu Gebote standen, denselben Grundsatz der Ausdehnung und „Mehrung“ des Reiches be- 
folgt, den rund einhundert Jahre später Heinrich mit erneueter Offensivkraft wieder auf- 
nahm und der von Otto auch politisch weiter ausgebaut wurde. Was früher die Saale, 
war nun die Elbe und sollte die Oder werden; hätte die Weichsel sein müssen, wenn 
Dr. Peters Definition des Begriffes Germanien als das Land zwischen Rhein und Weichsel 
schon damals zur praktischen Geltung gekommen wäre. Während es aber dem Franken 
Karl nicht darauf angekommen zu sein scheint, Heiden, die sich nicht entschließen konnten, 
Tor und Wodan gegen Christum umzutauschen, ums Leben bringen zu lassen, vollzog 
sich unter seinen Nachfolgern aus dem Hause Sachsen die Missionierung in verhältnismäßig 
ruhiger Weise, so daß der Historiker Knothe sagen kann: „Die Eroberung der slavischen 
Länder zwischen Saale und Oder ist zwar durch die Gewalt der Waffen, Christianisierung 
und Germanisierung derselben, aber durchaus auf friedlichem Wege erfolgt.“
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        — 13 — 
blieben — ist zwischen Saale, Wipper und Bode, also ungefähr im Gebiete 
des Harzgebirges, zu suchen, während die Wurzelfasern dieses rasch zu einem 
besonders großen und starken Stamme herangewachsenen Geschlechtes sich 
tief in die Vorzeit hinein verlieren, speziell des germanischen Volksstammes 
der Sueven oder Schwaben. Als die alte Wanderlust unserer deutschen 
Vorfahren, durch welche von jeher Reibereien zwischen den einzelnen Stämmen 
des Gesamtvolkes hervorgerufen wurden und vermöge welcher dieselben den 
Römern und Galliern als unruhige Nachbarn galten, wieder einmal erwacht 
gewesen, war der größere Teil der zwischen Saale und Oder angesessenen 
Sueven nach Süden abgezogen und hatte sich, dem Laufe der Saale bis in 
deren Quellgebiete folgend, in den Donaugegenden angesiedelt, die noch heute 
ihren Namen führen. Die in ihrer ursprünglichen Heimat verbliebenen Nord- 
schwaben oder Semnonen breiteten sich ihrerseits weiter nach Thüringen aus, 
einem Drucke von Osten folgend. Die bisher östlich der Weichsel gesessenen 
slavischen Völkerschaften der Wenden und Sorben, Lusizen und Milzenen 
hatten sich nämlich zu jener Zeit nach Westen in die ostgermanische Tiefebene 
geschoben.s) Der Südabzug der Schwaben hatte damals blutigen Kriegen 
in dieser Gegend vorgebeugt. Mit der Zeit indessen rückte die Wahrscheinlich- 
keit eines Zusammenstoßes zwischen Slaven und Germanen immer näher, 
dies aber von dem Zeitpunkte an um so mehr, von dem an die deutschen 
Könige die Ausdehnung nach Osten auf ihr Programm gesetzt hatten. An 
diesem germanischen Vordringen beteiligten sich auch die Nordschwaben unter 
ihren ursprünglich nur für die Dauer des Kriegszuges gewählten Herzögen 
und den auch im Frieden ihr Amt ausübenden Burggrafen. Mit dem Er- 
starken des Lehenswesens und Feudalstaates, im Sinne der mit Königtum 
und Gefolgschaft zusammenhängenden gegenseitigen Treue von Herr und 
Diener einerseits und dem Entstehen eines Ministerialstandes anderseits, 
gewannen jene Stellungen hervorragender Häupter mehr und mehr an 
Möglichkeit, ebendiese Stellungen dauernd an ihre Familie verknüpft zu sehen. 
Es entstanden Dynasten= und Grafen-Geschlechter, erstere auf uralten 
Traditionen und einer relativen Erblichkeit fortbauend und den oberen 
Teil der Grafenhäuser bildend, letztere zusammen mit den durch erfolgreiche 
Kriegszüge mit Landbesitz belohnten Herrengeschlechtern sich dieses immer 
:) G. Oertel sagt in Bezug auf den hier berührten Gegenstand folgendes: „Wenn auch 
die Meinungen der Forscher über die Urbevölkerung unseres Vaterlandes im einzelnen 
auseinandergehen, so scheint doch darin übereinstimmung zu herrschen, daß in vorhistorischer 
Zeit eine keltische Urbevölkerung auzunehmen sei, daß um Christi Geburt ein germanischer 
Stamm, die Hermunduren, im jetzigen Königreich Sachsen gewohnt haben und die slavischen 
Sorben erst am Ende des 6. Jahrhunderts von Osten her eingedrungen seien und das 
germanische Element allmählich durch diese Eindringlinge zurückgedrängt worden sei. Im 
8. Jahrhundert begannen dann die Kämpfe der germanischen Stämme, die unter fränkischer 
Führung geeint waren, gegen die slavischen Nachbarn. Die deutschen Könige aus dem 
Hause Sachsen, besonders Heinrich I. und Otto I., richteten ihre Angriffe besonders gegen 
die in unserem Vaterlande wohnenden Sorben. Diese wurden über die Elbe zurückgedrängt 
und deutsche Einwanderer kamen in das Land.
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        — 14 — 
größer werdenden Grundbesitzes wegen von den übrigen Gemeinfreien sondernd. 
Die Gliederung des Feudalwesens brachte es mit sich, daß kleinere sich an 
größere anschlossen, die größeren Vasallen unter der Oberlehenshoheit des 
Königs stehend. Die Grafen von Wettin erwarben, abgesehen von dem 
Ansehen alter Dynasten, das sie an die Spitze des Volkes stellte, in hervor- 
ragendem Maße neue Würden und Grundbesitz, in erster Linie die Graf- 
schaften Zörbig, Eilenburg und Landsberg, von denen letztere als wichtiger 
Stützpunkt zur Verteidigung der Grenzmark des Reiches den Charakter einer 
Markgrafschaft hatte. Von diesen persönlichen Besitzungen nahmen, der all- 
gemeinen Sitte der Zeit folgend, die jeweiligen Inhaber derselben ihre Namen 
an, ja räumten diesen — von Amt und Land oder Burg des betreffenden 
Reichslehens herrührenden — Namen sogar den Vorrang vor ihrem eigent- 
lichen ererbten Geschlechtsnamen ein. So kam es, daß es z. B. einen Grafen 
von Eilenburg, einen von Zörbig und einen Markgrafen von Landsberg, 
wie Grafen von Brena usw. gab, die allesamt Geschlechtsvettern und Grafen 
von Wettin waren, diesen ihren gemeinsamen Familiennamen aber beinahe 
gar nicht führten. 
Der erste Wettiner, dessen Vornamen uns überliefert worden, ist Dedi, 
der vermutlich an der großen Ungarnschlacht bei Merseburg 933 teilgenommen 
hat, denn er lebte zu jener Zeit und in jener Gegend, nämlich auf der 
Riethenburg an der oberen Unstrut unweit Artern, und hat mit König 
Heinrich, dem er dienstbar war, unzweifelhaft in guten Beziehungen gestanden. 
Fünfzig Jahre später ist Dedis Sohn, Dietherich oder Dietrich, unter Otto dem 
Großen in der Schlacht bei Cotrone gegen die Araber gefallen. Sein Sohn 
Dietrich II. erbte Eilenburg und ward mit der Markgrafschaft Lausitz be- 
lehnt, welche indessen seinem Sohne Dedo durch Heinrich IV. wieder ent- 
zogen wurde. (Derselbe hatte sich nämlich, auf Anregung seiner Gemahlin 
Adela, einer Gräfin von Orlamünde, an dem Aufstande der Sachsen gegen 
diesen Kaiser beteiligt) Dedos und Adelas Sohn war Graf Heinrich 
von Wettin — nach seiner Hauptbesitzung von Eilenburg genannt. Geboren 
um 1070, hatte derselbe als dreijähriges Kind von seiner Mutter wegen 
deren zweifelhafter Treue für König Heinrich an letzteren als Geisel aus- 
geliefert werden müssen. Er wurde jedoch befreit und seinem Oheim Thiemo 
von Wettin, Grafen zu Brehna, zur Erziehung übergeben. Übrigens scheinen 
sich die Gegensätze bald ausgeglichen zu haben, denn schon 1086 verlieh 
König Heinrich diesem noch überaus jugendlichen Heinrich von Wettin zu 
Eilenburg die Mark Lausitz, und drei Jahre später — wie bereits erwähnt — 
die Mark Meißen. Diese Huld lohnte der Wettiner jenem unglücklichen 
König und Kaiser durch fortwährende besondere Treue und Anhänglichkeit, 
hierdurch dem Grundgedanken des Feudalismus, dem „Treue um Treue“ 
auch in trüben Zeiten aufs glänzendste entsprechend. 
Der genannte erste Markgraf von Meißen aus Wettinschen Stamme 
vermählte sich mit Gertrud, einer Schwester Eckberts, des letzten Markgrafen 
von Meißen Eckardingischen Stammes und Witwe Heinrichs von Nordheim.
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        — 15 — 
Durch diese Heirat kamen die Erbgüter der Brunonen, von denen der Nord— 
heimer abstammte (Braunschweig usw.) an Markgraf Heinrich. Dem Sohne 
dieser Ehe, Heinrich II., rettete innerhalb vieler Wirrnisse die Tatkraft 
Gertrudes das väterliche Allodial-Erbe mit samt der Lehensanwartschaft 
gegen die anmaßenden Ansprüche und Angriffe von dessen Vettern Dedo 
und Konrad, den Söhnen des schon einmal erwähnten Thiemo von Wettin 
zu Brehna oder Brena. Durch Heinrichs II. Tod erlosch die Eilenburgische 
Linie des Hauses Wettin, und während die Allode an Dedo und Konrad 
kamen, wurden die beiden Marken von Kaiser Heinrich V. als erledigte 
Reichslehen eingezogen. Derselbe gab — alle allerdings nur durch Gebrauch 
und Herkommen sanktionierten Ansprüche der Lehensverwandten seinerseits 
beiseite schiebend — im Jahre 1123 die Lausitz an Hermann von Winzen— 
burg, Meißen an Wiprecht von Groitzsch. König Lothar dagegen, der 1125 
auf Heinrich V. gefolgt war, setzte, von anderen Rechtsanschauungen aus- 
gehend und nach den aus dem Sachsenrecht überlieferten Rechtsgebräuchen 
handelnd, in der Ostmark Lausitz den Askanier Albrecht (den Bären) von 
Ballenstedt und in Meißen den Wettiner Konrad von Brena ein. Das 
Milzenerland, die spätere Oberlausitz, ward abgetrennt und kam an Böhmen. 
Sonach hatte die Herrschaft Wiprechts von Groitzsch über Meißen nur eine 
derartig kurze Zeit gewährt, daß durch diesen Zwischenfall die Kontinuität 
der legitimen Erbfolge des Hauses Wettin im Besitze von Meißen seit 1089 
nicht wohl in Frage gestellt werden kann. 
Das ganze, bisher dem älteren Eilenburgischen Zweige desselben zu- 
ständig gewesene Gebiet (mit wenigen Abbröckelungen) wurde dem jüngeren 
Zweige dieser Familie in der Person Konrads von Brena — dessen Bruder 
Dedo gerade um diese Zeit gestorben war — von Kaiser und Reich bestätigt, 
so daß der neue Markgraf einen weit ausgedehnten Länderkomplex sein Eigen 
nennen konnte. Hierzu traten nach dem Tode Heinrichs von Groitzsch 
(Wiprechts Sohn) 1135 erst ein Teil und 1144 ein anderer Teil der 
großen Besitzungen jenes Geschlechtes mit den Mittelpunkten Pegau und 
Zwickau. Im Jahre 1136 war dem Wettiner die Mark Lausitz (Nieder- 
lausitz) endgültig zugefallen, während die ursprüngliche älteste Ostmark (den 
Kern des späteren Kurlandes Sachsen-Wittenberg umfassend) an die Askanier 
gekommen war. Diejenigen Teile der ehemals Greitzscher Besitzungen, 
welche durch Erbschaft an die Grafen von Abensberg gekommen waren, 
nämlich die Herrschaften Leisnig, Kolditz, Lausigk und Mohrungen, formte 
später, unter Zuziehung noch anderer Ländereien Friedrich Barbarossa zur 
Reichsdomäne Pleißen, mit welcher dann ebenfalls die Markgrafen von 
Meißen belehnt wurden. Auch fiel nach einiger Zeit die aus der Eckardingi- 
schen Allodialerbschaft stammende Grafschaft Rochlitz an die Wettiner. 
Konrad, von 1123 bis 1156 Markgraf von Meißen, heftete, 
dem begeisterten und begeisternden Rufe Bernhards von Clairveaux folgend, 
gleich den meisten seiner Zeitgenossen, die sich glücklich priesen, ihre christ- 
liche Ritterschaft betätigen zu können, das Kreuz auf seine Brust. Als ein
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        — 16 — 
Beweis praktischen Sinnes und klarer Auffassung der Verhältnisse, des ver— 
nünftigerweise „nicht weiter Schweifens, wo das Gute so nahe liegt“ muß 
es dabei gelten, daß der Papst ihm wie einer ganzen Anzahl Meißnischer 
Edelen genehmigte, das Kreuzzugsgelübde im Kampfe gegen die unmittelbar 
benachbarten, noch heidnischen Slaven einzulösen.“) Zu der Zeit, während 
welcher Konrad von Wettin gegen die angrenzenden Heiden kämpfte, fochten 
übrigens die Askanier gegen deren nördliche Stammesgenossen, und brachten 
1157 Brandenburg an das Deutsche Reich. 
Am Andreastage des Jahres 1156, den 30. November, legte der alternde 
Markgraf Konrad Rüstung und Waffen in feierlicher Weise vor dem Hoch- 
altare des Domes zu Meißen nieder, und zog sich in das von ihm gegründete 
Kloster auf dem Petersberge bei Halle, unweit der Burg Wettin, zurück, 
woselbst er am 5. Februar 1157 gestorben ist und beigesetzt wurde.') Wenige 
Jahre vor seinem Tode war es dem gemeiniglich als Stammvater unseres 
Fürstenhauses angesehenen und auch auf dem Sgraffito-Fries als solcher be- 
handelten Wettiner vergönnt, dem jungen Hohenstaufen Friedrich von Schwaben 
in Merseburg huldigen zu dürfen, und somit die Morgenröte der herrlichen 
Zeit aufsteigen zu sehen, die — ach nur zu kurz — dem deutschen Vater- 
lande durch Kaiser Rotbart und seine (an sich und für sich freilich friedlose 
und von geradezu dramatischem Unglück verfolgte) großdenkende, großangelegte 
Herrscherfamilie gebracht worden ist. Nicht vergessen darf man hierbei die 
Opferfreudigkeit und Selbstlosigkeit des von wahrer Liebe zum Vaterlande 
beseelten ersten Hohenstaufen, Konrad III., der, als er den Tod nahen 
fühlte, die“ Blicke der Reichsfürsten, das eigene noch zu junge Söhnlein 
übergehend, auf seinen kraftvollen Neffen Friedrich gelenkt hatte. Wie 
  
!) Möchten doch auch heute Kreuzritter aufstehen unter uns und streiten für des Er- 
lösers Lehre und zu Gottes Ehre, ohne nach dem Morgenlande zu ziehen, sondern in mög- 
lichster Nähe der Heimat bleibend. Möchten doch wir alle das Kreuzzugsgelübde, das wir 
stillschweigend am Altare niedergelegt haben, indem wir bewußte Christen wurden und als 
wir in der Konfirmations-Einsegnung die geistige Wehrhaftmachung als Streiter Gottes 
und des Heilandes empfingen, einlösen durch ehrlichen Kampf gegen den unchristlichen 
Geist unserer Zeit, gegen Atheismus, Egoismus und Materialismus — der uns allent- 
halben als Erzfeind des Reiches Gottes entgegenstarrt in verhüllter und unverhüllter Gestalt, 
in deutlich und undeutlich erkennbarer Form. Er tritt gefährlicher in unmittelbarster Nähe 
an uns heran als in der Person außereur opäischer Heiden. Den Feind innerhalb des 
eigenen Vaterlandes — ja innerhalb des eigenen Herzens — zu bekämpfen und zu besiegen 
ist wahrlich weit wichtiger noch als es der Kampf gegen Saracenen und Türken, gegen 
Sorben und Wenden gewesen ist! 
5) Hier, wo schon seine Gemahlin Luitgard, Schwester Kaiser Konrads III., ihre 
Ruhestätte gefunden hatte, sollten Markgraf Konrads Bestimmung nach dessen sämtliche 
Nachkommen, soweit sie regierende Herren gewesen, begraben werden. Schon sein Sohn 
Otto indessen wählte zum Orte seiner Beisetzung das von ihm gegründete Kloster Altzelle, 
und dort befinden sich die Grabmale der Wettiner bis auf Friedrich den Strengen. Dann 
genossen diesen Vorzug die Dome zu Meißen und Freiberg, später die Kirchen zu Wittenberg 
und Dresden, so daß das Kloster Petersberg nur die überreste der Stammeltern des 
Hauses birgt. ·
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        Markgraf Konrad von Meißen, in der Geschichte „der Große“ genannt, 
einst dem König Lothar auf dessen Römerzuge wesentliche Dienste geleistet 
hatte, so war er dessen Nachfolger Konrad auf dem Kriegszuge nach Polen 
gefolgt, nachdem er inzwischen, eine Pause der Ruhe im Getriebe der Völker 
benutzend, Jerusalem als Pilger besucht hatte. Konrads von Wettin Macht— 
stellung war im Verlaufe seiner Regierung immer noch mehr gestiegen. 
Ein äußerlich sichtbares Zeichen hierfür gibt unter anderem sein großes 
Insiegel, ein sogenanntes Reitersiegel, auf welchem aber irgend ein Wappen— 
bild nicht zu erkennen ist. Dieses Siegel zeigt die Umschrift Cuonradus 
Dei Gratia Marchio Misnensis, also „von Gottes Gnaden“ — ein 
Zusatz und ein Vorrecht, welches nur den höchsten Fürsten des Reiches 
zustand. Der letzteren Stellungen entfernten sich überhaupt mit der Zeit 
zusehends von der ursprünglichen Eigenschaft als Beamte des Königs, wie 
denn es nicht geleugnet werden kann, daß etwa mit dem Tode des deutschen 
Königs Heinrich V. gewissermaßen der Beginn endgültiger Entwickelung der 
Fürstengewalt und Loslösung derselben vom Königtum eingetreten ist. 
Diesem letzteren erstand gerade zu jener Zeit, d. h. seit 1077, bedauerlicher- 
weise im Papsttum ein unversöhnlicher, in seinen Mitteln leider nicht 
wählerischer Gegner, ein Moment, welches seine Widerstandskraft nicht gerade 
zu stärken geeignet war. Und es kann den Ruhm wie die tiefinnerliche 
Größe der Hohenstaufen nur vergrößern, wenn alle ihre Herrschereigenschaften 
zur hohen Entwickelung kamen, trotzdem von allen Seiten der Entfaltung 
kraftvoller Königsgewalt Schwierigkeiten entgegentraten. Die hohen Reichs- 
beamten, Markgrafen und Herzöge strebten immer deutlicher nach Selb- 
ständigkeit; Würden und Besitz derselben gewannen immer mehr an Festigkeit 
und wurden mehr oder weniger ausgesprochen erblich. Auch das Landgebiet, 
welches dem Markgrafen zu Meißen unterstellt war, hatte an Ausdehnung 
derartig zugenommen, daß es für diesen Reichsfürsten unmöglich ward, auf 
allen Punkten, an denen sich sein Eingreifen notwendig machte, persönlich 
zu erscheinen. Es wurden daher hier wie auch gleichzeitig in den anderen 
deutschen Ländern an besonders wichtigen und daher stark befestigten Plätzen 
Burggrafen eingesetzt. Obwohl von den Königen ernannt, waren diese neuen 
Burggrafen doch den Markgrafen, denen sie gleichzeitig zur Unterstützung 
bei der inneren Verwaltung dienen sollten, Gehorsam schuldig. Auch war 
den Burggrafen mitunter noch ein ganz besonderer Pflichtenkreis angewiesen. 
So hatte z. B. der zu Dohna die Aufgabe, die gleichnamige Burg, auf der 
er saß, als den Schlüsselpunkt zu dem verkehrsreichen Müglitztal, jenem 
schon damals hochbedeutsamen Verbindungswege zwischen Meißen und Böhmen, 
zur Verteidigung bereit zu halten und für Ordnung in dem dortigen Ge- 
lände zu sorgen. Auch in der Stadt Meißen selbst, der eigenen Residenz“) 
des vielbeschäftigten Markgrafen, wurde ein Burggraf eingesetzt. 
69) Eigentümlich mutet die Wehrverfassung der Burg Meißen zur ältesten Zeit, also 
vor Einsetzung des Burggrafenamtes an, wie sie bei Posse S. 293 geschildert wird. „Noch 
zu Bischof Thietmars Zeit, also ungefähr neunzig Jahre nach der ersten Anlegung, zogen 
2
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        Mit dem Vordringen des Deutschtums nach Osten und dem Fußfassen 
der Fürstengewalt auch jenseits der bisherigen Grenzen ging naturgemäß 
Hand in Hand die Besiedelung durch Urdeutsche und das Auftreten von 
aus dem Inneren des Reiches (hier besonders Thüringen) mit Schwert, Pflug 
und Kreuz die Kolonisierung betreibenden Geschlechtern..) Teils waren die- 
selben Vasallen der Könige, teils Hintersassen der Markgrafen, jener beiden 
weltlichen Gewalten, welche schließlich im großen und ganzen einem gemein- 
samen Ziele zustrebten — der Germanisierung. Neben den hiermit ver- 
bundenen weltlichen Pflichten politischer und sozialer Natur unterzogen sich diese 
ritterlichen Lehensleute (und zwar aus vollster überzeugung) auch den Missions- 
bestrebungen der Kirche. Gleichzeitig gründeten sie — ihrer Aufgabe als 
Mittel= und Bindeglied zwischen Königtum und Volk sich bewußt — ihrer- 
seits neue Afterlehen und halfen auch durch Anknüpfung von Familien- 
verbindungen mit den alteingesessenen Häuptlingsgeschlechtern des Landes 
das Band befestigen, welches sich zum Heile des Ganzen durch Toleranz 
einerseits und durch Vermeiden von Unbotmäßigkeit anderseits, um alte und 
neue Beziehungen zu schlingen begann. Wo und wie übrigens die Grenz- 
scheide des Ursprunges so mancher Meißnischer Geschlechter zu suchen ist, 
die unzweifelhaft altflavische Namen führen, seit Jahrhunderten mindestens 
aber gut Deutsche sind, dürfte schwer festzustellen sein. Die Schlieben (ehe- 
mals ESlovin), die Schleinitz (Zlinicz), die Selmnitz (Czelwenicz), die 
Zehmen (Cimin), die Zezschwitz (Zceczewiz), die Planitz (Plevenicz) und 
andere mehr können ebensowohl die Abkömmlinge alter sorbischer Häuptlings- 
geschlechter sein, wie es möglich und wohl auch wahrscheinlich ist, daß sie 
eingewanderten, kolonisierenden thüringischen, fränkischen oder überhaupt 
deutschen Adelsfamilien entstammen, welche sich — wie damals üblich — 
nach ihren Rittersitzen, hier also nach den altsorbischen Sitzen nannten, die 
sie nach erfolgter Eroberung derselben eingenommen hatten, denn die Sitte 
und der Rechtsgebrauch der Annahme ständiger erblicher Familiennamen fällt 
erst etwa in die Mitte des 12. Jahrhunderts. 
Zahlreich erhoben sich immer neue Burgen auf hohen Bergesspitzen 
wie hinter schützenden Wassergräben; die Städte gediehen und die Dörfers) — 
nach einem gewissen Turnus die einzelnen Herren des limes Sorabicus (also der dortigen 
Grenzgegend), geistliche und weltliche, zur Burgwache (custodia urbis) nach Meißen, und 
übergaben die Burg nach Ablauf von vier Wochen einem zu gleichem Dienste verpflichteten 
Nachfolger. Die ihnen untergebene Besatzung bestand aus königlichen Vasallen oder 
Dienstmannen und wurde, wie es scheint, gleichfalls zum öfteren abgelöst und erneuert." 
7) So traten z. B. in dieser nutzbarmachenden Weise schon Mitte des 11. Jahrhunderts 
die Grafen von Lobdaburg von ihrer neuen Burg Elsterberg aus, vorbildlich in dem später 
reußischen Vogtlande auf. 
5) Die Rundlingform der sorbischen und wendischen Dörfer war vorzüglich für die 
Verteidigung geeignet und weist — da der Mittelpunkt von einem freien Platze rings um 
den Gemeindeteich und mit besonderen Befestigungsanlagen versehen, einen vorzüglichen 
Pferch für die Herden abgab — auf den großen Wert der Viehzucht hin, der bei jenen 
Völkern herrschte. Ahnlich den Wagenburgen und Zeltlagern, die das Wertvollste rings.
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        — 19 — 
teils nach wendischen Grundsätzen, teils nach deutscher Art aungelegt — wurden 
immer wohlhabender. Kirchen und Klöster entstanden, Waldungen und 
Sumpfgebiet wurden in reichlichem Maße urbar gemacht. 
Das Bistum Meißen, in geistlichen Dingen dem erzbischöflichen Stuhle 
zu Magdeburg, in weltlichen dem Markgrafen von Meißen unterworfen, 
umfaßte einen Sprengel von der Mulde bis zum Bober und zur Spree. 
Bistum, Burggrafentum und Markgrafschaft Meißen hatten natürlich 
verschiedene Wappen. 
Das des Burggrafentums (welches, mit samt der Institution selbst, 
später ganz an das Haus Wettin gekommen ist) zeigt im goldenen Schilde ein 
schräggelegtes schwarzes Kreuz (Andreaskreuz). Der Markgraf von Meißen 
führt im goldenen Schilde einen schwarzen Löwen. Das Geschlechtswappen 
der Familie von Wettin selbst aber ist nicht ohne weiteres festzustellen, 
denn bis zum 12. Jahrhundert ist von keinem Angehörigen dieses Hauses 
das Wappen urkundlich bekannt, oder — anders ausgedrückt, aber dasselbe 
bedeutend — von keinem Wettiner ist, von der Zeit vor dem 12. Jahr- 
hundert, eine Abbildung oder Beschreibung des von ihm als Schutzwaffe 
und Familienabzeichen geführten Schildes beziehungsweise eines Petschaftes 
oder mit demselben aufgedrückten Siegels auf unsere Zeit gekommen. Das 
älteste erhaltene Wettinsche sigillum ist dasjenige der Grafen von Wettin 
als Grafen und Markgrafen von Landsberg. Und dieses zeigt zwei blaue 
Pfähle auf goldenem Felde.?) 
Ob nun jene beiden Pfähle das allerälteste und ursprünglichste Schild= 
zeichen bilden, welches dem Geschlechte Wettin seit Urzeiten zugestanden hat, 
also das Stammwappen des gemeinsamen Hauses, welches die zu Markgrafen 
von Landsberg gewordenen Geschlechtsvettern auch als solche weiter führten, 
oder aber, ob dieser Schild mit den Pfählen etwa „Amt und Besitz Lands- 
berg“ bedeutend, von den Wettinern übernommen und als Hauswappen 
beibehalten sei, darüber fehlt positive Gewißheit. Tatsache aber ist, daß jener 
goldene oder gelbe Schild mit den blauen Pfählen das älteste von den 
Wettinern nachweisbar geführte Wappen darstellt und füglich schon in An- 
betracht dieser Eigenschaft der Ehrwürdigkeit als deren Hauswappen angesehen 
werden muß. Wenn von einigen als ursprüngliches Hauswappen von Wettin 
ein roter Löwe vermutet wird, so entbehrt dies aller und jeder Berechtigung. 
Ebenso verhält es sich mit dem weißen Roß, wobei für das letztere immerhin 
wenigstens der Umstand eintreten könnte, daß — die Ideenverbindung 
  
umschlossen hielten, war diese Art der Form von Niederlassungen bei Viehzucht treibenden 
und dem Nomadenzustande noch nicht lange entwachsenen Völkern etwas geradezu Gebotenes 
und Selbstverständliches. Mit der Zeit setzten sich straßenartige Anbauten an, und die so 
häufige Beutelfigur der Dörfer entstand. 
") Hierbei möchte ganz kurz die Bemerkung Platz finden, daß in der Heraldik der 
Ausdruck „Pfahl“ einen senkrechten, der Ausdruck „Balken“ einen wagerechten Streifen 
bedeutet. "
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        — 20 — 
zwischen Wettin, Wittin und Wittukind, so fraglich sie ist, für möglich an— 
genommen — Wittukind oder Wittinkind als Herzog der Sachsen tatsächlich 
das uraltvolkstümliche Roß Wodans im nationalen Banner und in seinem 
Schilde geführt hat.io) Zum großen Gerichtstage, dem auf uraltgermanischer 
Volksverfassung beruhenden „Ding“ des Landes oder Landding (daraus 
Landtag geworden), der in der Regel auf dem Gipfel des weit in das sich 
hier merklich abflachende Meißner Land hinausschauenden Kolmberges bei 
Oschatz abgehalten wurde, fanden sich alljährlich (meist in der Maienzeit — 
daher Maifahrt) unter Vorsitz des Markgrafen die geistlichen und weltlichen 
Lehensträger und Dienstmannen ein, um über das gemeine Wohl des Landes 
zu beraten. Wie schon erwähnt, hatte sich diese, den hohen Reichsministerialen, 
Herzögen und Markgrafen zustehende Befugnis des Vorsitzes im Frieden 
und Führens im Kriege zur Fürstengewalt, ja schließlich zu einer — soweit 
dies mit den Grundsätzen des Lehensstaates vereinbar war — erblichen 
Fürstengewalt ausgewachsen. Dementsprechend hinterließ Konrad seinem 
Hause die Markgrafschaft als ein relativ erblich gewordenes Fürstentum. u) 
Leider konnte sich Markgraf Konrad nicht enthalten, eine Teilung seiner 
Ländereien vorzunehmen. Heinrich, sein erstgeborener Sohn, war als Kind 
gestorben. Der nunmehr älteste Sohn, Otto, erhielt die Mark Meißen, 
Dietrich die Mark Lausitz mit der Grasschaft Eilenburg, Dedo die ehemals 
Groitzschen Gebiete mit der Grafschaft Rochlitz, der jüngere Heinrich die 
Grafschaft Wettin, Friedrich die Grafschaft Brena. 
Diese Teilung wird von Konrads Verteidigern als eine, allerdings un- 
gerechtfertigte, Üübertragung des deutschen Landrechtes (nach welchem alle 
Söhne gleiches Erbrecht hatten) auf die gerade entgegengesetzen Prinzipien 
10) Merkwürdig ist übrigens auf jeden Fall der Gleichklang des Geschlechtsnamens 
Wettin oder Wittin mit der Burg gleichen Namens im Heimatslande der Wettiner, welche 
der Sohn jenes berühmten Sachsenführers, als Christ getauft, Anno 809 an der Saale 
erbaut haben soll und welche gleichzeitig als Stammburg der Wettiner gilt. Auch der 
Name der Stadt Wittenberg oder Wittinberg, von welcher ebenfalls erzählt wird, Wittekinds 
Sohn habe sie 812 an der Elbe gegründet, könnte zu denken geben. Anderseits dürfte die 
Silbe wit und weiß eines gleichen Stammes sein. 
11) An sich, und wenn der Begriff Erblichkeit immer im erhaltenden Sinne des freilich 
aus diesem Grunde nicht selten herben Begriffes „Majorat“ aufgefaßt worden wäre, würde 
die Institution der Erblichkeit stets gutes im Gefolge gehabt haben, denn sie hätte dann 
eine stetige ununterbrochene Entwickelung von Land und Leuten gewährleistet. Da sie aber 
durch das Vorwiegen rein menschlicher Gedanken über politisch weitschauende Erwägungen 
nur zu oft zu Teilungen und Zersplitterungen führte, so ist sie die Quelle manches Un- 
heils geworden. Dieser Umstand hat oft im Laufe der Zeit durch seine Resultate zu Un- 
gunsten der Erblichkeit gesprochen, deren große Wohltat anderseits darin liegt, daß die 
väterliche Fürsorge für seine Untertanen dem erblichen Fürsten — wenn anders er seinen 
hohen Beruf richtig auffaßt — sozusagen in Fleisch und Blut übergegangen ist. Kaemmel 
sagt, indem er von Markgraf Konrads Teilungsmaßnahmen spricht: Der Ursprung des 
weltlichen Fürstentums, aus einer Verbindung von Grundbesitz und Amtsrechten, macht es 
erklärlich, daß der privatrechtliche Gedanke der Teilbarkeit, der bei jenem so natürlich war, 
so lange den politischen der staatlichen Einheit nicht hat aufkommen lassen.
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        — 21 — 
des Lehensrechtes hingestellt. Jedenfalls fühlte sich der Kaiser!?) — und 
wohl nicht mit Unrecht — verletzt, als Oberlehensherr nicht um die Ein— 
willigung zu dieser Teilung von Gebieten befragt worden zu sein, die zwar 
de facto unter der Gewalt des Markgrafen standen, streng genommen 
indessen doch nur anvertrautes Lehensgut darstellten. Das von Konrad 
geführte „große Reitersiegel“ mit der Umschrift Marchio Dei gratia billigt 
freilich, da dasselbe unmöglich ohne Einwilligung des Reichsoberhauptes hat 
in Gebrauch genommen werden dürfen, dem Fürsten „von Gottes Gnaden“ 
mindestens „mildernde Umstände“ zu. 
Übrigens sind, wenigstens der Hauptsache nach, im Laufe der Zeit die 
sonach in verschiedene Hände gelangten Ländereien wieder unter einem 
Szepter vereinigt worden.) 
Auf dem Wandgemälde reiten hinter Markgraf Konrad dessen Sohn 
Otto der Reiche (1157— 1190) mit seinem Sohne Albrecht dem 
Stolzen (1190—1195) friedlich nebeneinander. Im Leben mag das 
nicht allzuoft der Fall gewesen sein. 
„Der Reiche" wird Markgraf Otto genannt nach dem Reichtum, den 
ihm die Erträgnisse des Silberbergbaues brachten. Wohl ihm und seinem 
Lande ob dieses Reichtumes, der, weil richtig verwendet, ein Quell reichen 
Segens geworden ist. Aber auch desjenigen, ethischen Reichtums war 
er teilhaftig, wegen dessen Besitzes — wegen des noch weit höher stehenden 
Besitzes — Uhland die versammelten Fürsten den Grafen Eberhard beglück- 
wünschen läßt: Der Liebe seiner Untertanen. Um so tiefer ist Otto zu be- 
klagen, daß er, freilich nicht ohne eigene Schuld, mit seinem Sohne Albrecht 
in Unfrieden lebte. Über die Art der Entdeckung der Meißner Silberschätze 
wird erzählt, daß durch das Scharren ungeduldiger Rosse im Walde rastender 
Reiter an jener Stelle des das Erzgebirge umfassenden Miriquidiwaldes, 
wo sich seitdem die Bergstadt Freiberg erhebt, blinkende Erzstufen zu Tage 
12) Die deutschen Könige waren nicht unbedingt und von Hause aus römische Koaiser, 
sondern erhielten diesen Titel (der durch die vom Papst Leo III. am Weihnachtstage des 
Jahres 800 vollzogenen Kaiserkrönung Karls des Großen eingeführt und seit Otto I. noch 
enger mit dem deutschen Königtum verbunden worden war) erst, wenn sie in Rom dazu 
gekrönt worden waren. Erst spät, beim Ausgange des Mittelalters, nachdem die als lästig 
empfundenen Römerzüge ausgegeben worden waren, ward stillschweigend angenommen, daß 
der gewählte Herrscher des „heiligen römischen Reiches Deutscher Nation“ als „Kaiser“ die 
Würden des deutschen Königs und römischen Kaisers in sich vereine. 
16) Manches allerdings ging ganz verloren, wie z. B. die Burg Wettin, die unbegreif- 
licherweise von einem Wettiner selbst (Otto 1289) aus freien Stücken an das Erzstift 
Magdeburg geschenkt worden ist. Im Jahre 1446 gelangte sie durch Kauf an die Herren 
von Krosigk aus dem Winkel. Noch eine andere Mitteilung über Wettinsche Seitenzweige 
dürfte nicht ohne Interesse sein. Durch Agnes, Tochter des Dedo von Landsberg, der 1190 
gestorben ist, kam das Wettinsche Blut in ferne Länder. Aus deren Ehe mit dem Grafen 
Berthold von Meran gingen nämlich hervor: Agnes, Gemahlin König Philipps von Frank- 
reich, Gertrud, Gemahlin des Königs Andreas von Ungarn, und durch ihn Mutter der 
heiligen Elisabeth, sowie Hedwig, Gemahlin Herzogs Heinrich von Liegnitz. Ahnliches zeigt 
(zumeist auf dem Wege über Koburg) das 18. und 19. Jahrhundert.
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        getreten seien, denen man dann eifrig nachforschte. Auf dem Marktplatze 
jener Stadt, deren Namen ebensowohl von dem Urgrunde ihres Daseins 
redet, wie von den mancherlei Freiheiten, mit denen sie durch den beglückten 
Landesherrn begnadet worden war, erhebt sich seit einigen Jahren das 
Standbild Markgraf Ottos, der hier aus dem gewonnenen Schatze die ersten 
Meißnischen Münzen prägen ließ. Den über Erwarten reichen Segen des 
Bergbaues — wesentlich gefördert durch den übertritt des sehr tüchtigen 
braunschweigischen Bergvogtes Hermann von der Gowisch, mit seinen be— 
deutenden Mansfelder Erfahrungen, in den Dienst des Markgrafen — ver— 
wandte Otto teils zur Wohlfahrt seines Landes überhaupt, indem dadurch 
alle geplanten heilsamen Ordnungen mit um so größerem Nachdrucke durch- 
geführt werden konnten, teils zur Stiftung von Klöstern, wie Altenzelle bei 
Freiberg und Himmelspforte bei Naumburg, teils zum Ankauf neuer Gebiets- 
teile, wie z. B. Weißenfels. Dem Bedürfnisse nach regerer Ausbreitung des 
Handels und praktischer Nutzbarmachung des sich mächtig aufschwingenden 
Gewerbes kam Markgraf Otto durch Verleihen vielfacher Freiheiten an die 
Städte seines Landes entgegen. Indem er der Stadt Leipzig zwei jährliche 
große Märkte mit Privilegien zu Ostern und Michaelis bewilligte, die sich 
später zu den weltbekannten Messen erweiterten, legte er den Grund zu dem 
Reichtum dieser Stadt, jenes größten Handelsplatzes in Mitteldeutschland. 
(Die Neujahrsmesse ist erst später von Friedrich dem Sanftmütigen ein- 
geführt worden.) Nicht vergessen werden darf auch der rege Anteil Ottos 
am Emporblühen der ländlichen Kultur. Der rationelle Weinbau im ganzen 
Elbgelände ist ein nicht zu unterschätzendes Verdienst dieses Fürsten. Dazu 
nahm das Cisterzienserkloster Altenzelle mit seiner weitberühmten tüchtigen 
Klosterschule ziemlich von Anfang seines Bestehens an den Rang einer be- 
deutenden Bildungsanstalt ein; ganz Meißen glänzte als Perle im Reiche. 
Anno 1184 fiel dem Markgrafen Otto durch den Tod seines Bruders Dietrich 
die Lausitz zu. 
Mit seinem ältesten Sohne, Albrecht, war Otto, dessen hochfahrenden 
übermütigen Wesens wegen, unzufrieden. So kam es, daß er auf Anraten 
seiner Gemahlin Hedwig, einer Tochter Albrecht des Bären von Branden- 
burg, entgegen der deutschen Lehensverfassung, den jüngeren Sohn, Dietrich, 
als seinen Nachfolger in Meißen bestimmte. Darüber ergrimmt, befehdete 
Albrecht mit Hilfe einiger, durch Versprechungen gewonnener, Großen seinen 
Vater, nahm denselben 1188 gefangen und ließ ihn auf dem festen Schlosse 
Döben bei Grimma verwahren. Erst auf Befehl Kaiser Friedrichs gab der 
Sohn dem Vater die Freiheit wieder. Doch erreichte Albrecht seinen Zweck 
und wurde 1198 nach seines Vaters Tode Markgraf. 
Dem frommen, mildtätigen und leutseligen Otto zum Gegensatz, soll 
Albrecht unnahbar, selbstsüchtig und hochmütig gewesen sein und hat den 
Namen „der Stolze“ erhalten, wie schon kurz erwähnt war.4) 
11) Im vorliegenden Falle scheint der Begriff „Stolz“ das ausdrücken zu sollen, was 
in dem Sprüchworte enthalten ist „Dummheit und Stolz wachsen auf einem Holz“. Und
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        — 23 — 
Da Markgraf Albrecht (einem allerdings unerwiesenen, jedoch allgemein 
als wahr angenommenen Gerüchte zufolge, durch Giftmord) im Jahre 1195 
ohne Hinterlassung männlicher Erben starb, so war sein Bruder Dietrich 
sein Nachfolger. Den Namen „der Bedrängte" hat derselbe in Wahrheit 
verdient. Denn selbst als nach dem Tode seines Bruders Albrecht dessen 
unaufhörliche Reibereien und Befehdungen eine Endschaft erreichten, konnte 
Dietrich noch lange Zeit nicht seines Lebens froh werden. Kaiser Heinrich VI. 
hatte nämlich, wenn auch gegen alles Herkommen, Meißen als erledigtes 
Reichslehen eingezogen. Möglicherweise sollte diese ungewöhnliche und harte 
Maßregel eine Antwort des gegenwärtigen Königtums auf eine frühere 
eigenmächtige Landesverteilung (seiten Konrads) und dadurch an den Tag 
gelegte reichsfürstliche Anmaßung bedeuten. Jedenfalls entsprach dieser Akt 
Heinrichs VI. ganz dem großen politischen Ziele nach Herstellung einer 
Reichseinheit unter möglichst erblichen Kaisern, welches dem Hause Hohen- 
staufen von jeher vorgeschwebt hat. Übrigens hatte Dietrich, trotz des 
Kaisers, sofort nach seines Bruders Tode tatsächlichen Besitz von der Mark 
Meißen und Zubehör ergriffen und der (ihm freilich außerordentlich gelegen 
kommende) Tod des Reichsoberhauptes im Jahre 1197 brachte in Bezug 
auf die Wettiner kaum eine Anderung der in praxi bestehenden Verhältnisse, 
nur das damit alle Zweifel über die Gültigkeit von Dietrichs Herrschaft 
gelöst waren. Denn man focht dieselbe nicht ernstlich weiter an, bis sie 
bestätigt wurde. Im allgemeinen aber, und für ganz Deutschland im be- 
sonderen, bedeutete des sechsten Heinrich Tod (1197) den Eintritt großer 
Verwirrungen. Die zahlreichen Feinde der Hohenstaufischen Macht, unter 
Führung der Welfen und unterstützt vom Papste, regten sich zu ihrer Ver- 
nichtung. Des verstorbenen Kaisers Bruder, Philipp von Schwaben, ward 
zwar von den meisten deutschen Fürsten zum Könige erwählt, und die 
Wettiner standen treulich auf seiner Seite, indessen hatte er gegen den vom 
Papste aufgestellten Gegenkönig Otto von Braunschweig einen harten Stand. 
Schließlich wurde Heinrichs Sohn als Friedrich II. 1218 deutscher König. 
(Seine Tochter, die letzte Hohenstaufin, wurde — dies mag hier vorweg 
erwähnt werden — die Gemahlin Albrechts des Unartigen von Meißen.) 
In der Tat, Dietrich war nicht auf Rosen gebettet. Bedrängt erst vom 
eigenen Bruder, dann vom Gegenkönig, Papst und Geistlichkeit, hatte er 
auch noch einen harten Strauß mit den Bürgern der guten Stadt Leipzig 
auszufechten, denen sich ein Teil des osterländischen Adels angeschlossen hatte.15) 
leider wird so oft „Hochmut“ mit „Stolz“ identifiziert, während dies doch zwei verschiedene 
Eigenschaften sind. Zwar halten manche den Begriff „Stolz“ — eben weil sie ihn mit 
„Arroganz“ verwechseln —, auf Stelzen gehend, ohne weiteres für unsittlich, da es das 
Geltendmachen wirklicher oder eingebildeter Vorzüge bedeute. Indessen dürfte wahrer Stolz, 
in dem Sinne wie Cicero ihn meint, wenn er denjenigen für keinen ehrliebenden Mann hält, 
der nicht auf seine Bäter stolz sei, von wahrer Demut und dem Bestreben, gut, tüchtig 
und edel sowie dessen würdig sein zu wollen, was man ererbt hat, doch unzertrennlich sein. 
15) Der Begriff „Osterland“, d. h. östliches Land, aus den Zeiten stammend, in denen 
Saale und Mulde ungefähr die Reichsgrenze bezeichneten (ganz in der Weise, wie die „Öst-
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        Entstanden war die Empörung dadurch, daß die Leipziger in dem Bau 
des Thomasklosters die Errichtung einer markgräflichen Burg innerhalb ihrer 
Stadtmauern zu erblicken glaubten. Der Aufstand wurde 1216 durch einen 
Vertrag beigelegt. Möglicherweise aber hat derselbe gerade durch den Ver— 
dacht, wegen dem er entstanden war, den Gedanken an die wirkliche Er— 
richtung einer landesherrlichen Burg innerhalb jenes Gemeinwesens im 
Markgrafen erstehen lassen; denn noch unter Dietrich wurde die Pleißenburg 
erbaut.0) Wesentliche Hilfe und tatkräftigen Beistand in seinen Nöten und 
Bedrängnissen — besonders auch gegen den Kaiser, dem es nach den Meiß- 
nischen Silberschätzen verlangte — hatte Markgraf Dietrich durch seinen 
Schwiegervater, den Landgrafen Hermann I. von Thüringen erfahren. Und 
wenn es wahr ist, was die Geschichtsschreiber erzählen, daß er, um dieses 
Schutzes teilhaftig zu werden, Hermanns unschöne Tochter Jutta zur Ge- 
mahlin genommen habe, so hat dieser Schritt unzweifelhaft sein Gutes gehabt, 
ganz abgesehen davon, daß Jutta ihm eine treusorgende Gattin gewesen ist. 
(Nach Dietrichs Tode heiratete sie den Grafen Poppo von Henneberg.) Bei 
aller Bedrängnis war es Dietrich (welcher 1221 starb) doch vergönnt, durch 
den Umstand des Aussterbens dreier Nebenlinien begünstigt, die Mark Meißen 
annähernd so wieder herzustellen wie zur Zeit vor der Teilung Konrads. 
Die größte Ausdehnung gab aber dem Besitze und der Machtfülle der 
Wettiner der Nachfolger Dietrichs, sein und seiner Gemahlin Jutta Sohn 
Heinrich, mit dem Beinamen „der Erlauchte"“ (1221—1288). 
Wohl mit Recht kann die Periode dieses Fürsten als die der Machthöhe 
des Hauses Wettin bezeichnet werden. Gleichzeitig fiel sie in die Blütezeit 
des Rittertums und der höfischen Kultur, wie nicht minder die des Minne- 
gesanges. Ja, der erlauchte Heinrich, dessen Bezeichnung IIIustris eben- 
sowohl auf seine vornehmen Charaktereigenschaften wie auf die Pracht und 
den Reichtum paßt, den er (selbst den Kaiser in Staunen versetzend) bei 
seinem ganzen Auftreten zum Ausdruck brachte, gehörte auch persönlich unter 
die Zahl der singenden ritterlichen Minne-Dichter.1) Als Gemahl Constanzens 
mark" nach ihrer geographischen Lage bezeichnet worden war und der Name „Österreich" 
gleichen Erwägungen sein Entstehen verdankt), deckt sich jetzt im allgemeinen mit der Kreis- 
hauptmannschaft Leipzig, zuzüglich einiger Teile der thüringischen Herzogtümer. Osterstein 
in Zwickau und in Gera, Osterburg in Weida, Osterfeld und Osterhausen wahren die Er- 
innerung. 
16) Erst ganz neuerdings, nämlich im Jahre 1900, ist dieselbe der erdrückenden Um- 
armung der Großstadt zum Opfer gefallen. Beinahe sieben Jahrhunderte lang diente ihr 
trutziges Gemäuer als Stützpunkt der Befestigungen und als stolze Zitadelle, zuletzt Kaserne. 
Und von manchem wichtigen historischen Ereignis, das sich in ihrem Inneren abgespielt hat, 
konnte die alte Burg erzählen. Es sei nur an die Disputation zwischen Luther und Eck (1519) 
und an den Tod Pappenheims (1632) erinnert. 
1„) Eine Probe aus seinen Minneliedern mögen folgende Strophen geben: 
„Was hat die Welt zu geben je 
Davon ein bittres Leid vergeh, 
Denn Weibes Minn' alleine. —
        <pb n="43" />
        — 25 — 
von 'sterreich, deren Bruder, der letzte Babenberger, unvermählt gestorben 
war, hatte Markgraf Heinrich volles Anrecht auf das Herzogtum Österreich; 
indessen entging ihm diese große Erbschaft infolge allerhand widerwärtiger 
Intriguen seiner zahlreichen und durch ihren Zusammenhalt mächtigen Feinde. 
Doch erhielt Markgraf Heinrich, der in Betätigung seines ritterlichen Sinnes, 
trotz aller mit dem „Treue halten“ verbundenen Gefahren, und trotzdem 
ihm der Papst deswegen mit dem Banne drohte, unweigerlich zum Kaiser 
stand, von letzterem in Form einer Lehensanwartschafts-Sanktionierung oder 
Eventualbelehnung die feierliche Bestätigung seines unbestreitbaren Anrechtes 
auf das durch Erbfolge ihm zustehende Thüringen für den Fall des Ab- 
sterbens der dortigen Herrscher. Auch verlobte dieser hohenstaufische Kaiser 
Friedrich, zum besonderen Beweise gegenseitiger Freundschaft, seine Tochter 
Margarethe mit des Wettiners ältestem Sohne Albrecht, demselben (zunächst 
pfandweise) das Reichsland Pleißen mit Chemnitz einräumend. Auf welch 
schwankendem Boden gutes Recht und besiegelte Anwartschaftsbestätigungen 
auch damals gestanden haben, wenn rücksichtslose Fäuste mit dem Schwerte 
dagegen anstürmen, beweist der langanhaltende und blutige thüringische Erb- 
folgekrieg, den Heinrich gegen Siegfried von Anhalt, besonders aber gegen 
Sophie, die Gemahlin Herzog Heinrichs von Brabant, zwei Enkelkinder des 
Landgrafen Hermann, also seines Großvaters, zu führen genötigt war. Der 
Umstand, daß Sophie ½), die Tochter der allenthalben verehrten, geliebten 
und gefeierten „heiligen Elisabeth“ und deren nicht minder tugendreichen 
Eheherren, des Landgrafen Ludwig, also jenes Ehepaares war, dessen Lob 
in aller Mund und aller Herzen lebte, trug wesentlich dazu bei, ihr und 
ihrem Söhnlein Heinrich (dem „Kinde von Hessen") Anhänger zu verschaffen, 
unbeschadet des Rechtsstandpunktes. Der langwierige Krieg endete nach 
vielen Wechselfällen damit, daß Hessen an Sophie von Brabant, Thüringen 
an Heinrich von Meißen fiel, und zwar außer mit der Würde eines Land- 
grafen auch mit der eines Pfalzgrafen von Thüringen. 
Nun war Markgraf Heinrich der Erlauchte tatsächlich der mächtigste 
Reichsfürst. Für politisch Kurzsichtige, für solche, die die Erfüllung des 
Wortes „Wem viel gegeben ist, von dem wird viel gefordert werden“ nur 
Ein Weib, das schalkhaft lachen kann 
Gen einen wohlgemuten Mann, 
Deß Freude ist nicht kleine. — 
Wenn sie ihm steht zu Angesicht 
Und mit den Augen zu ihm spricht, 
Daß sie ihn herzlich meine.“ 
(„meine“ d. h. „minne"). Sei es gestattet, hier bei dem Ausdrucke „meinen“ für „minnen“ 
auf das bekannte Lied von Schenkendorff hinzuweisen: „Freiheit, die ich meine.“ Wie 
viele denken, der Sänger „meine“ hier „die ich im Sinne habe“, und er „meint“ „die ich 
minne“, also „die ich liebe“. 
16) Sophies Bruder, der einzige Sohn des Landgrafen Ludwig und der heiligen 
Elisabeth, war im jugendlichen Alter von 19 Jahren an Gift gestorben, welches ihm 
Bertha von Seebach beigebracht haben soll.
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        — 26 — 
in blendenden Außerlichkeiten erblicken, machte er dieser selten hervor- 
ragenden Stellung allerdings Ehre. Heinrichs romantischer Richtung und 
seiner Prachtliebe — auf der soliden Basis des Könnens stehend, weil die 
Mittel dazu vorhanden waren — entsprangen die drei berühmten Turniere, 
zu Nordhausen 1263, zu Merseburg 1265 und zu Meißen 1268, Schau- 
stellungen von höfischem Prunk und fürstlich-ritterlichem Glanze, wie sie in 
Wahrheit sehr selten vorgekommen sind. Namentlich das erstgenannte Turnier 
erregte durch geradezu märchen= und zauberhaften Nimbus die gerechte Be- 
wunderung der Mit= und Nachwelt.75) 
So gerechtfertigt es ohne Zweifel ist, daß seine vornehme Denkungsart, 
seine ritterlichen Einzeltaten und persönlichen Vorzüge wie seine große Be- 
geisterung für alles Schöne und Erhabene den Erlauchten Heinrich vor aller 
Welt mit einem Strahlenglanze umgaben, der auch indirekt für sein Land 
wie dessen Stellung und Ansehen unbestritten förderlich war, so unglücklich 
sind die meisten seiner Regierungsmaßnahmen gewesen. Hätte dieser an sich 
so mächtige Markgraf eine nur einigermaßen praktischere realere Politik ge- 
trieben, ja hätte er überhaupt einen wirklich weit ausschauenden staats- 
männischen Blick gehabt, so wäre Meißen und alles, was an diesem 
Kristallisationspunkt sich angliederte, einer vollständig anderen Entwickelung 
entgegengegangen; würde der so eminent erstarkte Wettinsche Besitz dem 
Lande und dem Fürstenhause eine ganz andere Rolle zugebracht haben, als 
es geschehen ist. Meißen hätte nicht nur ein fester Kern, sondern der feste 
Kern für ganz Deutschland, mindestens für Mitteldeutschland, werden müssen. 
Als starke deutsche Vormacht gegen Böhmen und Polen, ja in weiterer Aus- 
dehnung gegen die Türken, hätte ein ungebrochener Machtfaktor des Hauses 
Wettin für sehr viele Sachen von historischer Wichtigkeit das Zünglein der 
Wage werden können, werden müssen. Haben solche Betrachtungen auch 
keinen praktischen Wert, weil und wenn sie mehrere Jahrhunderte post festum 
angestellt werden, so kann man ihnen doch immerhin einen inneren Wert 
wohl kaum absprechen. Lehrreiche Tatsachen positiver wie negativer Natur, 
die einer ganzen Epoche den Stempel aufdrücken, dem Werden der Zukunft 
vorarbeitend, können nicht genügend auch von später Lebenden auf ihren 
Wert, ihren Unwert, ihren Einfluß hin betrachtet werden. Allen Kombinationen 
des „Menschen, der das Wenn und das Aber erdacht“, besonders aber 
allen Aussichten für die politische Größe seines Hauses, machte ein einziger 
Schritt Heinrichs des Erlauchten ein Ende — eine Teilung. 
10) Ganz abgesehen von den vielen und ausgesuchten Genüssen jeglicher Art, welche 
von der Schönheit und Mannigfaltigkeit der ganzen Veranstaltung geboten wurden, an 
der die aus fernsten Landen Geladenen sich ergötzen konnten, wird von einem neben den 
Schranken stehenden, aus getriebenem Silber kunstvoll gefertigten herrlich verzweigten Baume 
berichtet, dessen silberne Blätter und goldenen Früchte, von zarten Händen gereicht, die 
Preise für die Sieger bildeten. Materiell kostbarer ist hier unzweifelhaft der „Turnier= 
Dank“ gewesen, als bei jenem Turnei, von dem Titurel redet. Bei diesem bildeten nämlich 
den — ethisch freilich unbezahlbaren — Preis ein Kranz blühender Rosen samt den Küssen 
von achtzig der holdesten und anmutigsten Jungfrauen des Landes.
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        — 27 — 
Nicht einmal Gebrechlichkeit oder Alter des Markgrafen können als 
Entschuldigungsgründe angeführt werden oder erleichtern das Verständnis. 
In voller Kraft des Lebens stehend, nahm er diese Teilung vor, eine jener 
unseligen Maßregeln, die schon den größten Geschlechtern verhängnisvoll 
geworden sind und die fundiertesten Besitze an den Rand des Abgrundes 
gebracht haben. 
Nach einem kurzen überblick über den Zustand des Landes soll weiter 
über diese Teilung gesprochen werden. 
Der letzte Teil der Regierungszeit des Minnesingers auf dem Markgrafen- 
stuhle, der den Höhepunkt der Entwickelung des Rittertums erlebt hatte, 
fällt so ziemlich mit derjenigen Epoche zusammen, in welcher die Ausbildung 
des Städtewesens sich mächtig zu regen begann und letzteres aufblühend an 
die Seite des allmählich, wenn auch damals noch fast unbemerkt, zum Welken 
neigenden Rittertums trat. Wäre von beiden Seiten der rechte gute Wille 
gegenseitiger verständnisvoller Hilfsbereitschaft bei wahrhaft national-patrio- 
tischem Empfinden die Triebfeder des Tuns gewesen, anstatt daß Neid und 
Mißgunst, Engherzigkeit und Selbstsucht — von beiden Seiten ins Gefecht 
geführt — einander bis aufs Blut befehdeten, so würden vermutlich, ja sicher, 
der durch Städtewesen und Bürgertum korrigierte, aufgefrischte und zu neuer 
Höhe gelangende Adel einerseits, wie das durch jenen auf richtige Weise 
angeregte, in seiner Tüchtigkeit immer mehr erstarkende und dabei duldsam 
bleibende, nicht in den Fehler der Selbstgerechtigkeit verfallende Bürgertum ander- 
seits zwei gleich feurige, gleich lenksame und gleichmäßig einem Ziele zustrebende 
Rosse vor dem Siegeswagen Germaniens geworden sein. Leider zogen beide 
vor, in der Hauptsache verschiedene Wege einzuschlagen oder doch, wenn sie 
zusammengingen, dies mehr oder weniger als feindliche Brüder zu tun. 
Für die Markgrafschaft Meißen, dieses den Slaven und deren Unkultur 
so nahe deutsche Grenzgebiet, mußte die unter Heinrich dem Erlauchten voll- 
zogene enge Vereinigung mit dem der alten Franken-Kultur von jeher weit 
näheren Thüringen von besonders segensreichem Einfluß sein. Durch die 
innige Anlehnung an jenes gesegnete Land, welches zweimal in der Geschichte 
dem Höhepunkte deutschen Geisteslebens, im Mittelalter und in der Neuzeit, 
eine traute Heimstätte sein durfte; durch die Verschmelzung mit jenem 
Thüringen, in dessen lieblichen Tälern und auf dessen andachtheischenden 
Waldgebirgen Walther von der Vogelweide und Wolfram von Eschenbach, 
Friedrich Schiller und Wolfgang Goethe wandelten und geschaffen haben, 
ist Meißen erst so recht eigentlich in der umfassenden ethischen Bedeutung 
ein deutscher Staat geworden. Die höfischen Sitten auf Burgen und Schlössern 
des höheren waren vorbildlich für diejenigen des niederen Adels geworden, 
und es wäre sehr ungerecht, den, wenn auch oft rauhen so doch nicht 
rohen Herren, deren Stand und Aufgaben durch die Gebote der Ritterregeln 
wesentlich veredelt worden waren, ihren Anteil an der Kulturarbeit streitig 
machen zu wollen. Als feste Horte von Religion und Wissenschaft, Kunst 
und Kunsthandwerk, wie nicht minder als belebende und belehrende Ausgangs-
        <pb n="46" />
        — 28 — 
punkte landwirtschaftlicher Fortschritte können überdies die Klöster nicht 
genug gepriesen werden, die in jenen, oft schweren, von Kriegsfurien zer— 
rissenen Zeiten ihre Aufgabe glänzend gelöst haben. Solcher geistigen Boll- 
werke waren auch im Meißner Land mehr und mehr entstanden, mit damals 
tiefinnerlicher Berechtigung und zum Segen auch derjenigen kommenden 
Geschlechter, die ihrer nicht mehr bedurften. Zu den Klöstern auf dem 
Petersberge und in Brena waren hinzugetreten Altenzelle und Himmelpforte 
1175 (im Volksmunde später kurz Zelle und Pforte genannt), Buch bei 
Leisnig 1192, Dobrilugk, Nimpschen und Zschillen, sowie zu Merseburg, 
Meißen, Leipzig und anderen Städten. Mit dem Kloster St. Afra zu 
Meißen entstand 1205 die bekannte und noch florierende Schule daselbst. 
Ahnliche blühten in Leipzig und Erfurt, Pegau, Zwickau und Chemnitz empor. 
Der geistige Verkehr unter den Gelehrten erwuchs immer deutlicher zu einer 
Macht an. 
Je mehr auch der weltliche Handel und Wandel sich regte, um so 
größere Bedeutung erhielten die Handelsstraßen und deren Knotenpunkte — 
die Städte. Markgraf Heinrich hatte, trotz seiner Vorliebe für Romantik 
und Rittertum, als deren besten Repräsentanten einer er mit Recht bezeichnet 
werden kann, auch volles Verständnis und weitgehendes Wohlwollen für 
Bürgertum und Städtewesen. Hierfür legt unter anderem das Privilegium 
Zeugnis ab, welches er (außer vielen direkten auch an andere Städte ge- 
gebenen) der Stadt Leipzig indirekt erteilte, die bereits zu einem Handels- 
mittelpunkte geworden war. Er bewilligte nämlich allen nach und von 
Leipzig reisenden Kaufleuten samt ihren Waren auch dann sicheres Geleit, 
wenn deren Landesherren etwa mit ihm in Fehde liegen sollten. In dem 
Erlauchten Heinrich verkörperte sich also gewissermaßen eine Personal-Union 
zwischen Adel und Bürgertum, von der es gut gewesen wäre, sie wäre 
niemals in den Jahrhunderten erloschen, hätte sich vielmehr weit früher als 
es dann geworden, zu einer wirklichen Union herausgebildet. Naturgemäß 
wuchs Wichtigkeit und Bedeutung der Städte, außer durch die Handels- 
beziehungen, die Kunstfertigkeit und den Gewerbefleiß ihrer Einwohner, des 
weiteren in dem Maße an, in dem ihnen strategische wie politische Aufgaben 
zufielen. Von den ältesten Zeiten her ruhte eine solche Wichtigkeit auf dem- 
jenigen Elbübergangspunkte zwischen dem Einflusse der Prießnitz und der 
Weißeritz, an dem das altslavische Fischerdorf Drjezdjenje entstanden war. 
Aus diesem an uralter Verkehrsstraße als Brückenkopf dienenden Orte ent- 
wickelte sich allmählich Dresden, die jetzige Haupt= und Residenzstadt.0 
  
20) Zu den von den Sorben seit dem 6. Jahrhundert im Elbtale angelegten Dörfern 
gehörte auch Drjezsense. Von Osten her kommend, setzten sich diese wendischen Slaven 
zuerst am rechten Ufer der Elbe fest und dehnten sich erst allmählich auf das linke Ufer 
aus. Das Heideland des rechten Ufers war der Viehzucht günstig, während die Seen und 
Teiche des linken die Fischzucht beförderten. Drezja (die vermutliche Wurzel des Namens 
Dresden= Drezjana) bedeutet Sumpfland und Röhricht; ist mithin wohl ohne Zweifel zuerst 
der linkselbischen Niederlassung zu teil geworden. Dieses Fischerdorf (zwischen Elbberg
        <pb n="47" />
        Die im Jahre 1206 zum ersten Male in Urkunden erwähnte Pfarrkirche 
Unserer Lieben Frauen sowie das markgräfliche Burgwesen, welches den 
Elbübergang direkt beherrschte, dienten der schnell größeren Umfang an— 
nehmenden Siedelung als Mittelpunkte. Heinrich der Erlauchte baute 1287 
die erste steinerne Brücke über die Elbe (jetzige Augustusbrücke) und wies 
die durch deren Benutzung entfallenden bedeutenden Zolleinnahmen an eine 
gleichfalls von ihm gegründete Kapelle des heiligen Nikolaus, des Patrons 
der Schiffer und Fischer. Weil Heinrichs erste Gemahlin, Constantia von 
Ssterreich, jener Kapelle einen Splitter vom Kreuze Christi schenkte, wuchs 
deren Ansehen immer mehr; es entstand die Kreuzkirche. Im Jahre der 
Vollendung der berühmten Brücke (also 1287) erhielt der schon unter Dietrich 
dem Bedrängten stark befestigte Ort das Stadtrecht, während bereits über 
hundert Jahre früher (1165) Leipzig oder Lipzk und sodann Pirna 1244, 
Altenburg 1256 dieses Privilegiums teilhaftig geworden waren. 
Aus seiner Ehe mit der 1243 gestorbenen Constanze von Ssterreich 
hatte Heinrich der Erlauchte zwei Söhne, Albrecht, geboren 1240 und Dietrich, 
geboren 1242. Seine zweite Ehe mit Agnes, Tochter des Böhmenkönigs 
Ottokar Przmislav, welche 1268 starb, war kinderlos. Darauf hatte der 
Markgraf ein Meißnisches Edelfräulein, Elisabeth von Maltitz, geheiratet, 
welche, zusammen mit dem Sohne Friedrich, den sie geboren hatte (in der 
Geschichte „der Kleine“ benannt), 1279 vom Kaiser Rudolph (zu Znaym) 
für ebenbürtig und fähig zur Erbfolge in Reichslehen erklärt wurde. Große 
Zukunft winkte dem Hause Wettin. Um so bedauerlicher war die Teilung. 
Der älteste Sohn Albrecht, wie es scheint, von Jugend auf ein wider- 
wärtiger Charakter, erhielt das Hauptland Thüringen mit der Landgrafen- 
würde und dem Pfalzgrafenamt. Dietrich erhielt das OÖsterland mit dem 
Mittelpunkte Leipzig; Friedrich das Gebiet um Dresden, bis Großenhain 
auf der einen und Radeburg auf der anderen Seite, mit dem Sitze in 
Dresden. Die Markgrafschaften Meißen und Lausitz behielt Heinrich der 
Erlauchte auf seine Lebzeiten sich selbst vor. 
Bevor von der sympathischen ritterlichen Gestalt des Erlauchten Heinrich 
Abschied genommen werden muß, der, im Grunde genommen, allen Menschen 
wohlwollend, ja vielleicht allzu wohlwollend gegenüber stand, möchte einer 
Episode kurz Erwähnung getan werden, die ihn in falschem Lichte erscheinen 
und Fischergasse) mag mit der Zeit die rechtselbische Kolonie an Bedeutung überflügelt 
haben, so daß der Name der letzteren allmählich verloren worden ist. Die mit der Er- 
oberung der Daleminzierfeste Jana wie mit der Errichtung der deutschen Burgen Meißen 
und Briesnitz im Gau Nisani um 930 eingetretene Germanisierung des ganzen Landstriches 
gestaltete dieses Verhältnis (nämlich das überwiegen des linkselbischen Ortes) immer hervor- 
tretender. Denn hier wurde (zuerst nur als eine Filiale der um 970 gegründeten Pfarr- 
kirche zu Briesnitz) Anfang des 11. Jahrhunderts die Frauenkirche errichtet. Mit der Kirche 
war aber auch in diesem Falle ein allgemeiner Ausschwung verbunden. Die Heiden zogen 
sich in die Haiden rechts der Elbe zurück, bis auch sie christianisiert wurden. Das alte 
Fischerdorf liegt, deutlich geschieden von der regelmäßig angelegten deutschen Kolonialstadt, 
um die Frauenkirche.
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        — 30 — 
lassen könnte, fände sie nicht in den ganzen Zeitverhältnissen und der ganz 
allgemeinen Anschauungsweise jetzt längst vergangener Jahrhunderte Er— 
klärung, die von übergroßer Humanität und Sentimentalität ziemlich weit ent- 
fernt waren, wenn es galt, Strafen zu verfügen oder abschreckende Urteile 
zu fällen. Grausamkeit und Frömmigkeit konnten sogar unter Umständen 
sogar Hand in Hand gehen; jedenfalls wurde durch Härten das Gefühl nicht 
verletzt. Man denke an die ganze Art der Kriegführung, bei welcher Recken- 
gestalten wie die der Nibelungen noch immer mehr oder weniger stark vor- 
ausgesetzt wurden. Man denke an die Folter, deren Existenz einen scharfen 
Schlagschatten auf vergangene Zeiten wirft. Man denke aber auch daran, 
daß eben bei jenen starken Naturen das Gerechtigkeitsgefühl eine sofortige 
Sühne verlangte, deren Maß nicht immer erst abgewogen wurde. Von 
diesem Gesichtspunkte aus ist der Racheakt zu beurteilen, oder auch Gerechtig- 
keits= oder Sühneakt, in welchem Heinrich hingerissen wurde, den Eisenacher 
Ratsherrn Ludwig von Velspach, durch dessen Verrat die Stadt Eisenach 
in die Hände der Feinde gefallen war, aus einer großen Wurfmaschine 
Quasi als Geschoß von der Höhe der Wartburg in die Stadt hinunter- 
schleudern zu lassen. Was nun die von Heinrich unüberlegt vorgenommene 
Teilung anlangt, so zeigte sich als die erste und direkteste, von ihm selbst 
noch — wie man zu sagen pflegt — „am eigenen Leibe zu verspürende“ 
Folge dieses unseligen Schrittes das Eintreten von Zerwürfnissen ernstester 
Art, steten Unfrieden sowie fortwährender harter Befehdungen zwischen den 
Söhnen untereinander sowohl, wie zwischen ihnen und dem seine Unklugheit 
und Übereilung wohl bitter bereuenden Vater. Wie die eigene Familie des 
Fürsten, so wurden naturgemäß auch Land und Leute, wurde das ganze 
Wettinsche Gebiet durch arge Verwüstungen mitgenommen und geschädigt. 
Sehr viel ernster und schwieriger noch waren die politischen Folgen nach 
Heinrichs des Erlauchten Tode. Die gesamte, schön aufgebaute Wettinsche 
Schöpfung kam hart an den Rand des völligen Unterganges, wobei freilich 
nicht alles Übel der Teilung zuzuschreiben ist, vielmehr in der Hauptsache 
dem völlig entarteten Albrecht stark zur Last fällt. 
Sicherlich wird durch das Betrachten des „Fürstenzuges“ der Beschauer 
nicht nur dazu angeregt, über die Personen desselben und deren Stellung 
zum Sachsenlande, wie über den Zusammenhang Belehrung zu suchen, in 
welcher diese Personen zueinander und zu den Geschicken ihres Volkes stehen. 
Vielmehr dürfte, nachdem die politische Geschichte einer jeweiligen Epoche 
über diese Fragen Auskunft erteilt hat, die Annahme nicht ungerechtfertigt 
erscheinen, daß der Anblick jener Gestalten in deren historisch treuer bild- 
nerischen Darstellung auch dazu Veranlassung bieten werde, einen Blick auf 
das „Kulturgeschichtliche“ im engeren Sinne zu werfen. 
Nicht uninteressant dürfte es sein, an der Hand des dem leiblichen Auge 
hier Gebotenen, auch auf die Formen äußerer Erscheinung zu achten und
        <pb n="49" />
        — 31 — 
deren Nebenwerke, welche — trotzdem sie im Vergleich zu den geistigen 
Errungenschaften, die sich nicht durch Meißel oder Pinsel festhalten lassen, 
tot genannt werden müssen — immerhin nicht geistlos genannt zu werden 
brauchen. Denn nichts (selbst das Unbedeutendste nicht) wird von Menschen 
erfunden oder geschaffen, an dem nicht wenigstens ein Stücklein seines Geistes 
haftet, auch wenn Hand und Arm die direkten Verfertiger sind. 
Der Erforschung oder Besprechung des als unsichtbares Gebilde durch 
den menschlichen Geist Hervorgebrachten, durch welches gute wie böse Taten 
in Wechselwirkung mit den Ereignissen in bestimmte Bahnen gebracht und 
mehr oder weniger direkt die Völkergeschicke gelenkt werden, steht an Interesse 
die Beobachtung dessen nicht nach, was aus den materiellen Bedürfnissen 
des täglichen Lebens heraus durch Menschenhand entstanden ist. 
Wie — cum grano Salis — das Sprichwort Berechtigung hat: 
„Kleider machen Leute“, so liegt viel Wahres auch darin, aus der sichtbaren 
Umgebung eines Menschen auf diesen selbst und seine Einschätzung in die 
Kultur zu schließen. 
Kunst und Gewerbe gehen — den Geschmack läuternd und die Bedürfnisse 
adelnd, ebenso Hand in Hand, wie dies — die Sitten fördernd und die 
Menschen selbst veredelnd — schon seit dem frühesten Anfang der Kultur 
der Trieb der Selbsterhaltung im Verein mit dem Streben nach Ver- 
schönerung des Daseins und dem Bemühen, dem gesamten Menschengeschlecht 
Bequemlichkeiten zu bieten, getan haben. 
Ein Abstecher in die Ausläufer der Kulturgeschichte, wenigstens in die- 
jenigen ihrer Unterabteilungen, die vom Wesen der Trachten und Geräte 
handeln, dürfte daher — an der Hand der Darstellungen des Fürstenzuges — 
nicht unwillkommen sein, wenn derselbe auch naturgemäß — weil er der 
Führung jener Hand sich nicht leichthin entledigen darf — nur verhältnis- 
mäßig kleine Gebiete betreffen kann. 
So mögen denn den kurzen Darlegungen aus der Staatsgeschichte 
solche kulturgeschichtlicher Art folgen. — 
Kulturgeschichtliches. 
J. 
Auf mächtigem Streitroß eröffnet ein Herold den Zug der Fürsten und 
deren Getreuen. Den Stab hält er in der Rechten, der schon im Altertum 
als Attribut derer galt, die eine Botschaft auszurichten hatten. Die Bot- 
schaft, die hier verkündet wird, redet von Treue um Treue, von Liebe um 
Liebe, redet davon, daß die Gestalten eines allverehrten Fürstenhauses sich 
bereiten, an den Augen ihrer Landeskinder vorbeizuziehen. Deshalb herrscht 
eitel Freude im ganzen Volk, in dessen Mitte hinein der Zug durch eine 
Ehrenpforte zu treten im Begriff ist. Triumpfbogen verherrlichen
        <pb n="50" />
        — 32 — 
wohl Glanz und Ruhm und Siege äußerlicher Waffen, aber wie oft sind 
mit diesen Machtfaktoren Kälte des Herzens und Starrheit des Gefühls 
verbunden. Ehrenpforten werden immer von Liebe errichtet, jenem ewig 
dauernden Siegeszeichen innerer Erfolge. Mit Fruchtgewinden ist der 
Pfeiler umwunden, an den der Eröffner des Zuges schon nahe heran— 
gekommen ist. Zum Zeichen, daß er in friedlicher Absicht naht, erscheint 
des Herolds Stab mit grünem Kranz versehen, und bunte Bänder flattern, 
die Freudigkeit der Feststimmung andeutend, lustig im Winde. Croyirer 
und Krieer, also Ausrufer (vom altfranzösischen Croyer und Krier), 
wurden auch in Deutschland während des frühen Mittelalters, jene mit den 
Sitten und Gebräuchen der Völker verschiedendster Gegenden wie mit den 
Beziehungen der Höfe untereinander und den dort üblichen höfischen Formen 
gleich vertrauten waffen= und wappenkundigen Leute genannt, denen es 
oblag, Kunde von einem zum andern zu bringen. Ohne im Dienste eines 
bestimmten Herren zu stehen, waren dieselben demjenigen am meisten zu- 
getan, von dem sich am meisten erzählen ließ, dessen Eigenschaften am meisten 
Veranlassung gaben, sein Lob zu verkünden. Eine besondere Art jener Aus- 
rufer und Ausposauner waren die vertrauten, im Gegensatz zum Bekannt- 
geben an alle Welt mit geheimen Aufträgen entsendeten reitenden Boten, 
zu denen in der Regel junge und dabei doch erfahrene, mindestens hervor- 
ragend geschickte Krieger (meist erbare Kint, das heißt Junker) ausgesucht 
wurden. Der Weg, selbst Ritter zu werden, stand denselben durch ihre 
Aufführung offen, und man kann bei ihnen an die auf der Vorstufe zum 
Offizier stehenden französischen Guiden oder preußischen Feldjäger denken. 
Alle die Krieer oder Croyer aber, aus denen dann die Herolde hervor- 
gingen, dürften füglich prosaische Sänger genannt werden können. Denn, 
wie der überall gern gesehene (freilich gesellschaftlich höher stehende) Sänger 
von Hof zu Hof, von Burg zu Burg zog, in melodischen Versen alle Ge- 
schehnisse und Tagesereignisse an jenen oft gar einsamen Stätten zu berichten, 
so kamen die Rufer beim Beginne von Turnieren oder ähnlichen Ver- 
anstaltungen von überall her zusammen, um im Feldlager und in den Zelt- 
reihen, wie nicht minder auf den Straßen der Städte, die den herbeiströmenden 
reisigen Kriegshaufen als Sammelpunkte dienten, Namen und Wappen, 
Heimatszugehörigkeit, Rang und Würden der jeweilig neu eintreffenden 
Fürsten und Herrn dem Heer und Volke vorzustellen. Insonderheit machte 
es Rufenden wie Hörenden stets große Freude, von den bereits verrichteten 
Taten vernehmen oder berichten zu können. Allenthalben aber wird von 
Dichtern wie Geschichtsschreibern rühmend hervorgehoben, daß hierbei allzeit 
vollständig objektiv und unparteiisch verfahren und das Lob nur nach Gebühr 
verkündet worden sei. Gefallsucht und Schmeichelei sind überhaupt dem 
wahren deutschen Wesen abhold. 
Bevor von den einzelnen Gruppen und Persönlichkeiten des Zuges, 
unter Hinweis auf deren Tracht und Erscheinung, gesprochen werden soll, 
sei es vergönnt, erst einen Blick auf die Rosse zu werfen; jene Haus-
        <pb n="51" />
        — 33 — 
genossen der Menschen, deren Zugehörigkeit zur gesamten Kulturentwickelung 
von alters her eine so große und innige gewesen ist. 
Durch seine tatsächlich oft menschenähnlichen Eigenschaften der Treue 
und Aufopferung, der Klugheit, der Ausdauer und des Verständnisses im 
Dienste seines Herrn, hat jenes edle Tier schon von Urzeiten her eine der— 
artig vertraute Stellung dem Menschen gegenüber inne, daß kein Helden— 
gesang existiert, in dem nicht neben den Helden auch deren schöne Rosse 
aufgeführt und besprochen werden, die Dichter und Erzähler als in einem 
von Liebe und Vertrauen getragenen Freundschaftsverhältnis zu jenen 
stehend schildern. 
Kein Geringerer als Homer leitet die Darstellung großer Erreignisse 
mit den Worten ein: „Wer denn war wohl der Beste von Männern und 
Rossen, die des Atreus Söhnen gefolgt sind?“ — und führt nun zunächst 
die Rosse auf. Und wie die Griechen, so sind sämtliche arische Volksstämme 
vermöge ihrer auf Kriegstüchtigkeit fußenden Neigung zum Vollbringen 
großer Taten mit dem mächtigen Kulturgenossen geradezu verwachsen, als 
den sich das Pferd von den ersten Zeiten des gemeinsamen Auftretens an 
erwiesen hat.a#) 
Wenn auch ihrem Ursprung nach kein eigentliches Reitervolk, wie die 
Schthen und Perser, Ungarn und Araber, ist gerade aus der Art, wie die 
Germanen sich mit dem Pferde und dessen Dienstbarkeit beschäftigt haben, 
verbunden mit ihrem tiefinnerlichen Empfinden und ihrem Streben, alles 
zu veredeln, was ihnen auf dem Lebenswege vorkommt (und der Lebensweg 
einer Nation ist lang), das Reitertum zum Rittertum, zur herrlichsten und 
edelsten Entwickelung gediehen. Mit der französischen Auffassung und Aus- 
übung vereint, hat es jene schönste Blüte des kindlich frohen, heiteren 
Mittelalters hervorgebracht, welche im Minnedienst und Frauenverehrung 
gipfelt. Omnis nobilitas ab equo (aller Adel kommt vom Rosse) sagt 
ein Sprichwort jener Tage, und wenn dasselbe auch nicht durchaus wahr 
ist, so liegt doch viel Wahres in ihm. 
Als Kriegsroß ist das Pferd seit Jahrtausenden der treue Genosse und 
Verbündete aller Helden, in den großen Entwickelungskämpfen der Menschheit, 
wie in den kleineren Streiten innerhalb derselben gewesen. Eine uralte 
ägyptische Sage gibt hierzu weitere Bestätigung. Osiris fragte nämlich 
den Horus, welches Tier er für das zum Kriege nützlichste halte, und erhielt 
21) In der griechischen Sage entsteht das Pferd durch Aufstampfen Poseidons mit 
dem Dreizack auf die Erde; die Verwandtschaft des schnellfüßigen Rosses mit den reißenden 
Bächen und Strömen andeutend, die in unaufhörlichem Laufe dem Meere entgegen eilen. 
Allvater, der oberste Gott der Germanen, der als Wodan selbst auf dem aus einer Wetter- 
wolke zu einem Götterpferde gewordenen Grauschimmel Stleipnir reitet, schuf sofort, nach- 
dem er Nacht und Tag eingesetzt hatte — gleichfalls aus Wetterwolken —, der Nacht ein 
schwarzes, weißschäumendes, dem Tage ein hellschimmernd weißes, goldmähniges Roß. 
Allah aber, dem Gott der Araber, der den Menschen aus Erde, das Pferd aus dem 
Winde hat erstehen lassen, gibt Mohamed die Worte in den Mund: „Nichts habe ich 
erschaffen, was mir teurer wäre, als den Menschen und das Pferd.“ 
3
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        — 34 — 
die Antwort: „das Roß.“ Als er sich nun wunderte, daß die Wahl nicht 
auf den starken und unwiderstehlichen Löwen gefallen sei, begründete jener 
seine Meinung damit, daß er anführte, für den Schwachen sei der gewaltige 
Löwe wohl nützlich, um mit ihm oder an seiner Statt zu kämpfen, der 
Starke aber bedürfe des schnellen und gewandten Rosses, mit dem er den 
Feind nicht nur angreifen, sondern auch verfolgen könne.“ Diesen Gedanken— 
gang haben im Laufe der Zeiten alle Völker zu dem ihrigen gemacht, und 
nicht zum wenigsten die streitbar kühnen Stammesgenossen Armins und Thus- 
neldas. Trotzdem ist der Ackergaul eine spezifisch germanische Erscheinung; 
Griechen und Römer kannten nur Stiere vor den Pflügen. 
Es war dem Herzens= und Seelen-Adel aller unserer Vorfahren Be- 
dürfnis, dort Treue zu halten, wo ihnen Treue entgegengebracht wurde — 
auch Tieren, ja selbst leblosen Gegenständen gegenüber. Die Personen- 
namen der Rosse, der Schwerter und der Helme legen Zeugnis hierfür ab. 
Wie Goten und Vandalen eine neue Richtung in der Kunst aufbrachten, 
und vielerlei Morsches von ihnen gestürzt wurde, um dann, von frischem 
Hauche belebt, wieder aufgerichtet zu werden, so hatten sie auch Einfluß auf 
die Pferdezucht. 
Die antike Welt hatte eigentlich nur eine einzige Art von Pferden 
gekannt, die leichte Gattung, wie sie sich von den Bergen des Iran wie 
aus den Tälern des Oxus und Yaxartes kommend, auf den immer grünen 
Auen von Hellas und unter einem ewig blauen Himmel Roms entwickelt hatte. 
Mit dem Eintreten der germanischen Stämme in den Reigen der Welt- 
geschichte tritt auch das schwere oder doch schwerere Roß auf, wie es in Sumpf 
gebieten und Heidestrecken, auf hartem Boden und bei rauhem Klima sich 
umgeschaffen und den Bedürfnissen der Ger-Mannern sich angepaßt hatte. 
„Das Roß“ und „daz ors“ erscheinen auf der Bildfläche, beides 
gleichbedeutende Begriffe und gleichen germanischen Namens. 
Das lateinische equus wird in den Hintergrund gedrängt, dafür geht 
der Nebenausdruck cavallus (wohl weil volltönender und besser klingend) 
in den Wortschatz der romanischen, das ebenfalls aus dem Lateinischen 
stammende paraveredus aber (aus gleichem Grunde des größeren Wohl- 
klanges anstatt des alten veredus) in die Sprachweise der germanischen 
Völker über und wird hier schließlich zum „Pferd“. Im Französischen ist 
es zum Palefrois geworden, ein besonders stattliches Roß bedeutend. 
Dextrarius und destrier aber wurde die Bezeichnung für dasjenige 
Pferd, welches, besonders befähigt, als Streitroß zu dienen, dem auf dem 
Reisegaul reitenden, leicht geharnischten Herrn, vom gleichfalls auf einem 
solchen sitzenden Knappen an dessen rechter Hand (dextra) ledig geführt 
wurde, um zum Kampfe vollständig frisch zu sein. Die schwere Eisenrüstung 
des Ritters, welche von demselben ebenfalls erst kurz vor Beginn des 
Kampfes angelegt wurde, trug ein tüchtiger Gaul oder March. 
Märe sowohl wie Gaul hatten durchaus nicht den Beigeschmack von 
etwas mehr oder weniger Lächerlichem, wie dies jetzt leider beliebt wird.
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        — 35 — 
Im Gegenteil ist mare oder March (marcher — marschieren, guten Schritt 
haben) ein altehrwürdiges Wort und bezeichnete auch die in den heiligen 
Hainen gehaltenen, den Göttern geheiligten Pferde, während Gaul, oder 
eigentlich Caul die Verdeutschung von Cavallus ist. Auch ein Klepper 
war durchaus kein schlechtes Pferd, nur war es nicht kunstgerecht zugeritten, 
so daß es mit den Hufen klappte. Und Gurre, Curre kommt von currere, 
rennen, war also ein leichtfüßiges Kurierpferd. Hess oder Hez das leicht— 
füßige Fohlen, welches ohne Überlegung springt und hetzt. (Daher „blinder 
Hesse"). 2 
Gutes und tüchtiges Pferdematerial lieferte im frühen Mittelalter ein 
jedes Land. Als besonders schön und mit den vorzüglichsten Eigenschaften 
ausgestattet galten aber schon damals die Rosse der kastilisch-spanischen Rasse, 
die schon damals mit arabischem Blut durchsetzt waren — dem Edelsten, was 
es unwidersprochen im Bezug hierauf überhaupt jemals gegeben hat. 
Die Pferde aus Friesland, Ungarn und der Türkei traten als hervor- 
ragend begehrenswert hinzu. Und in der Tat bildete ein mittelalterliches 
Roß das Urbild von Schönheit, Gewandtheit und Kraft. Die heutigen, oft 
bis zur Karikatur und Unnatur dürren, spinnenähnlichen englischen Renner 
waren noch nicht „erfunden". Auch das angelsächsische Roß mußte stark- 
knochig und starknervig sein, wie dessen Ahnen Hengest und Horsa. 
Diese beiden Figuren, die man lange Zeit für die Heerkönige der 
Angeln und Sachsen gehalten hat, welche im 5. Jahrhunderte von Jütland 
aus nach Britannien zogen, scheinen weniger menschliche Personen als viel- 
mehr heilige Rosse gewesen zu sein (ein hengest und ein ors). In feier- 
licher Weise werden sie — so dürfte man etwa annehmen — den Heerzug 
eröffnet haben, die Gottheit, der sie geheiligt waren, ebenso versinnbildlichend 
wie heutigen Tages noch die Fahne mit seinem Wappen die Person des 
Kriegsherrn. Unterstützt wird diese Annahme (die auch Jähns teilt) durch 
die Tatsache, daß es z. B. in Persien von alters her Sitte gewesen ist, 
zwei der Sonne geheiligte Pferde an der Spitze des Heerzuges, gefolgt vom 
Könige, zu führen. 
Die Gangarten im ritterlichen Mittelalter waren Stapfes, trapfes, 
wWalapp und rapiene. Und wem tönte nicht bei dem bloßen Klange des 
Wortes Stapfes das Stapfen und Stampfen der schweren Hufe auf den 
Eichenbohlen der Zugbrücken in die Ohren? Als Schlacht= und Turnier-Rosse 
wurden ausnahmslos Hengste geritten. Mähne und Schweif, über deren 
22) Erinnert nicht das arabische Wort fars und farz (d. h. Stute) an feredus, sowie 
hissan und hassan (d. h. Hengst), an Hez und hezzen sowie den schnellenteilenden Hasen? 
Das unvermischte arabische Vollblutpferd im allgemeinen heißt Atik. Wie dasselbe verehrt 
wird, geht schon daraus hervor, daß die Orientalen den Begriff von Hoheit und Macht in 
„Roßschweife“ umsetzen. Ein Atik ist so edel und steht in so nahen Beziehungen zu Allah 
selbst, daß der Teufel kein Zelt oder Haus zu betreten wagt, in oder an dem ein Atik sich 
befindet.
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        — 36 — 
Dicke und Mächtigkeit man sich freute, wurden uneingeschränkt ihrem natür— 
lichen Wachstum überlassen; ja, auch die Fesselhaare an den Füßen blieben 
ungeschoren und erhöhten den Eindruck des Wilden und Unbändigen. Jene 
Zeit, in der langwallende Locken noch als ältestes Symbol freier Geburt 
des Mannes galten, kannte die häßliche Unsitte des Schweifstutzens nicht 
und erwähnt nur ein Abschneiden von Schweif und Mähne als entehrende 
Straf-Maßregel. Dagegen kommt das Zopfflechten häufig vor. Unter 
allen Farben, von denen dem blendenden Weiß der Schimmel oder Blank- 
rosse der unbestrittene Vorzug gegeben wurde, waren auch Schecken, Tiger 
und Mohrenköpfe nicht nur an der Tagesordnung, sondern sogar beliebt — 
entsprechend dem Gefallen unserer Altvordern am Bunten und Bizarren —. 
Der Schecken von Wallensteins Vetter, vor dessen Besteigen Piccolomini, 
„der Treueste im ganzen Lager“, gewarnt hatte, dürfte einer der letzten 
dieser Pferdegattung gewesen sein, die im Heere geritten wurden. Die 
Jetztzeit, die in ihren praktisch-nüchternen Erwägungen dem Landmanne 
gleicht, der „stets auf reine Aussaat streng gehalten“ und daher seinem 
Knaben die Freude nimmt, „Kornblumen, Mohn und bunte Raden" zu 
finden, hält sich an uniforme Farben, da sie Spielereien abhold ist. — 
Geritten wurde anfangs nur mit einfacher Trense bis etwa zur Mitte des 
14. Jahrhunderts. Von da an kommen Kandarevorrichtungen mit Doppel- 
zügeln auf, und es kamen Gebisse vor, die recht grausam erscheinen. Aber 
freilich mögen dieselben bei den so starken Pferden nötig gewesen sein, um 
sie unter allen Umständen in der Gewalt zu haben. 
Die einfache Trense (trens heißt niederdeutsch Schnure und Strick) 
ist allem Anscheine nach eine der ältesten Vorrichtungen, wenn nicht die 
älteste überhaupt, durch welche der Mensch versucht hat, unter Benutzung 
der Empfindsamkeit des Pferdemaules, Herr des Rosses zu werden. Trensen 
von fest gedrehtem Bast oder Holz werden noch jetzt zur ersten Gewöhnung 
benutzt. Die ungleich schärfere Kandare (mehr oder weniger auf Hebelsystem 
begründet) stammt wahrscheinlich von Kante, als dem Begriff von etwas 
Scharfem, Eckigem. Der auf Hebelkraft beruhende „Kanthaken“ dürfte 
unzweifelhaft etymologische Verwandtschaft mit jenem Stangengebiß haben. 
Vom Gebisse des Rosses Kaiser Constantins erzählt die Sage, es sei aus 
den umgeschmiedeten Nägeln des Kreuzes Christi hergestellt worden, damit 
es Roß und Reiter zum Siege führe. 
Während die wilden Reitervölker des Ostens, denen eine möglichst große 
elementare Freiheit, in Verbindung mit möglichst unbegrenzter Schnelligkeit 
der Bewegungen Bedürfnis ist, sich noch jetzt ohne weiteres auf den blanken 
Rücken des Pferdes schwingen, gewann im ritterlichen West-Europa, schon 
von der fränkischen Epoche an, die Benutzung von Decke, Sattel und Steig- 
bügel eine immer größere Bedeutung. Die gepolsterten Kissen, welche von 
den Römern der Kaiserzeit als Sitze auf den Pferden benutzt wurden, 
galten den Germanen als Ausfluß der Verweichlichung. Indessen — ohne 
damit sagen zu wollen, daß böse Beispiele gute Sitten verderben — begannen
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        auch sie bald, Felle erlegter Tiere aufzulegen. Als nach der Völkerwanderung 
ruhigere Zeiten eingetreten waren und das Reisen zu Pferd allgemein üblich 
wurde, entstanden die verschiedensten Arten von Sätteln; zuweilen mit ihren 
hohen Rückenlehnen, beim Gebrauche für die Geistlichkeit, an einen tragbaren 
Stuhl erinnernd. Bis zum modernen Sattel von glattem Leder, auf dem 
man, streng genommen, nur im Schritt ruhig sitzt, haben die Sättel unendlich 
viel Wandlungen durchgemacht. Jedenfalls war man auf einem Sattel des 
Mittelalters aufgehoben wie in Abrahams Schoß. Steigbügel kamen erst 
ziemlich spät, im 12. Jahrhunderte, auf und anfangs nur zur Erleichterung 
des Aufsitzens. Später ließ man die ganze Schwere des Fußes, dessen 
Höhlung fest auftrat, in ihm ruhen, ganz im Gegensatz zu dem heutigen 
Berühren mit den Fußspitzen. Den Steigbügel halten war ein Akt der 
Höflichkeit und Freundschaft, als welcher er auch von Damen regelmäßig 
ausgeübt worden ist. 
Der reisige Mann, dessen Ausrüstung immer schwerer wurde, bedurfte 
eines festen Sitzes. Allzuhohe Gangarten einzuschlagen außerhalb des Tjostes 
und Turniers war nicht üblich. Bis zum Anfange des 13. Jahrhunderts 
blieben die Rosse auch im Schlachtgetümmel ungeschützt, wenigstens war die 
Cuvertiure mehr Zierat als Schutz. Dann aber begann man, entsprechend 
der immer dichter werdenden Eisenkleidung des Reiters und Kriegers, die 
Rosse ebenfalls mit Rüstung zu umgeben. Das Hauptstück war hierbei 
eine aus Eisenringen, gleich den Panzerhemden der Männer, geflochtene 
Panzerung, welche — den ganzen Oberteil des Rosses umschließend — 
Kopf, Hals, Brust und Leib über einer eben so großen Unterdecke von 
dickem weichen Filzgewebe lag, die das Reiben und Scheuern der Eisenringe 
verhindern sollte. Der Vorderteil hieß — ein neuer Beweis dafür, wie 
die Worte der damaligen Ausdrucksweise aus französischen und deutschen 
Begriffen zusammengestückelt waren — brustenier, der hintere Teil Krupiere 
(croupièere), der Kopfschutz testiere, zügerle oder tétière. Über das 
Ganze ward (entsprechend dem figurenreichen Waffenrocke des Ritters) die, 
meistens aus kostbarem Stoffe gefertigte, eigentlich allein sichtbare Roßdecke 
gelegt, die immer bunt war und das Wappen des Ritters von zarter Hand 
eingestickt zeigte. Zum Kampfe wurde die Cuvertiure oder daz Kleit des 
orses zurückgeschlagen, da es oft bis zu den Hufen reichte und das Tier 
sonst leicht gestolpert wäre. Im Laufe der Zeiten machte die schwere 
Kuvertiure leichteren und kleineren Decken Platz, bis im 17. Jahrhunderte — 
jedenfalls durch die Einwirkung türkischen Geschmackes und Wesens, mit 
dem das Abendland mehr in Berührung kam als ihm lieb war (Zrini- 
Wien) — die „Schabracke“ aufkam, die noch heute existiert. 
Es kann natürlich nicht noch detaillierter auf „Satteln und Packen“ 
sowohl in der Periode des Rittertums wie in den darauf folgenden ein- 
gegangen werden, vielmehr sei in dieser Beziehung auf eigenes Anschauen 
hingewiesen. Auch möchte bei dieser Gelegenheit überhaupt die Erwähnung 
Platz finden, daß die vorliegende Bearbeitung wohl den Blick und das
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        — 38 — 
Interesse für das Gemälde schärfen und stärken, nicht aber durch das Be— 
schreiben das Betrachten überflüssig machen will.?) 
Charakteristisch ist auch der Schellenbehang an der Pferde-Ausrüstung, 
welcher uns an der Kleidung der Menschen noch oft begegnen wird. Man 
braucht nicht weit zu suchen, um den Ursprung der Anwendung von Glöcklein 
oder Schellen zu finden, und keine gekünstelte Hypothesen aufzustellen. Schon 
in den ältesten Zeiten (und nicht nur in den verschiedenen Gegenden, die 
den Schauplatz der Odyssee bilden, sondern gerade auch in den wild zer— 
klüfteten Waldgeländen unserer deutschen Heimat) wurden die Tiere — min— 
destens aber die Leittiere einer Herde — welche auf den Fluren grasend 
sich ihre Nahrung suchen mußten, um des leichteren Wiederfindens willen 
mit einem Glöcklein behangen, ganz wie es noch heute dort üblich ist, wo 
Weidegang herrscht. Auch die Rosse weideten in dieser Weise, und das helle 
Klingen ihrer Glöcklein mag schon früh die Reiter belustigt haben. 
Das Zeitalter des erwachenden Minnegesanges, welches Blumenduft 
und Sonnenschein, Vogelgesang und Hörnerschall über alles liebte, und 
Frohsinn, Lust und Heiterkeit gern auch äußerlich zur Schau trug, hat diese 
gehenden, fahrenden und reitenden Glockenspiele beibehalten und ausgebaut. 
Es erfreute sich des Geklingels der Glöcklein und Schellen an der Zäumung 
der Rosse, an der Kleidung kriegerischer Helden, an der Gewandung schöner 
Damen. Erst sehr spät sanken die Schellen zur Charakteristik der Narren- 
tracht herab und paradieren jetzt nur noch bei den Schlittenpferden. — Sic 
transit gloria mundi. 
Wie bei der Pferde-Equipierung, so hat der ausführende Künstler auch 
bei Darstellung der am Auge des Beschauers vorbeigleitenden Figuren der 
Fürsten und Mannen das große Verständnis an den Tag gelegt, welches 
er für historische Erscheinungen, für Kunst und Kunstgewerbe, für die Ge- 
schichte der Menschen und diejenige der Kostüme besitzt. Spangen und 
Schnallen, Knöpfe und Agraffen, Riemen und Bänder sind, wie die Be- 
kleidungsstücke selbst, deren Formen und Schnitte, Tragart und Anbringungs- 
weise, allenthalben der beurkundeten Richtigkeit entsprechend, im Bilde fest- 
gehalten. Auch die Haartracht, sowie die wechselnde Art, die Bärte zu 
tragen, läßt sich genau beobachten. Die lang und frei herabwallenden alt- 
germanischen Locken, welche die Deutschen sich zurückerobert hatten, indem 
  
  
2,) Viel, oft viel zu viel Geld ward für die Ausschmückung von Roß und Mann 
ausgegeben. Um die Tugend der Genügsamkeit aufrecht zu erhalten, verbot deshalb den 
Tempelherren die Ordensregel ausdrücklich, Zügel und Gurte usw. mit Silber, Gold und 
Edelsteinen zu verzieren. Denn die Zeit, in welcher die ritterlichen Ordensbrüder durch 
Leben und Verhalten dem Bilde ihres Insiegels etnsprachen, auf welchem zwei Ritter auf 
einem Pferde saßen zum Zeichen der Bescheidenheit und dessen, daß ihnen alles gemeinsam 
gehöre, war nur zu bald vergangen. Auch wurden wiederholt päpstliche Edikte in dieser 
Richtung erlassen, um der Verschwendung vorzubeugen, die allenthalben begann, ein fressender 
Krebsschaden am Wohle des einzelnen wie des gesamten Volkes, besonders aber der rttter- 
lichen Gesellschaft, zu werden. Man denke mit Dankgefühl an die Kabinetts-Ordres der 
neueren Zeit. Aber freilich: in erster Linie muß das Beispiel wirken.
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        — 39 — 
sie sich von dem römischen Einflusse des Kurzscherens emanzipierten, dessen 
Banne sie eine Zeitlang unterlegen waren, hielten sich, bis die Rücksicht 
praktischer Zweckmäßigkeit, welche es nicht ermöglichte, unter Topfhelm und 
Sturmhaube eine Haarfülle unterzubringen, eine Kürzung verlangte. Nur 
erscheint — das darf nicht verschwiegen werden — die Möglichkeit des 
Schnurrbartes zum Kettenhemd sehr fraglich. Die Kreuzfahrer sind seinerzeit 
sämtlich bartlos in den heiligen Krieg gezogen, und auch später blickt aus 
der Kapuze des Panzerhemdes immer ein glattes Gesicht in die Welt. 
Sonst aber könnte selbst der „alte Wrangel"“, der einst dem Künstler, welcher 
ihm ein Paar Ahnenbilder malen sollte, den Grundsatz einschärfte: „Die 
größte Hauptsache ist der ordonnanzmäßige Anzug“, mit dem ganzen Ge- 
mälde zufrieden sein. Ja auch die Ahnlichkeit der Gesichtszüge, auf welche 
der greise Feldmarschall zu Gunsten des „ordonnanzmäßigen Anzuges“ ver- 
zichten zu sollen glaubte, ist neben jener Bedingung innegehalten. 
Faßt man nun die erste Gruppe des Zuges besonders ins Auge, so 
fällt unwillkürlich die bauschige Weite der Friedensgewandung auf, deren 
Angelpunkt — wenn man so sagen darf — in der von den Römern über- 
nommenen Tunika bestand. Über dieselbe ward der über die Schulter ge- 
worfene, mit einer Fürspange gehaltene Mantel getragen. Dieser faltigen, 
fast könnte man versucht sein zu sagen weibischen, von den alten Senatoren 
entlehnten Tracht steht die enganschließende der eisernen Kriegskleidung schroff 
gegenüber. Letztere, das ganze Mittelalter hindurch unter dem Sammel- 
begriff „Harnasch“ zusammengefaßt, besteht zu jenen Zeiten, das heißt etwa 
vom 11. bis 13. Jahrhundert, teils aus dem altüberlieferten ledernen Wams, 
mit übereinander darauf genähten und gesteppten Eisen = Schuppen, der 
Brünne, teils aus dem engen Kettengeflecht eiserner Ringe, dem Panzerhemd. 
An beiden dieser Rüststücke waren zur Verstärkung und nochmaliger Sicherung 
besonders gefährdeter Körperstellen eiserne Dichtungsteile angebracht. Über 
die eisengeflochtene Kapuze (Caput, caputze) stülpte man den Sturm= oder 
Eisenhut, später den Topfhelm, in noch späterer Zeit den Kübelhelm. Die 
Beine staken in der maschengeflochtenen Eisenhose, einem trikotartigen Gewebe 
von Eisendraht, welches auch die Füße umfaßte, also gleichzeitig Strumpf 
war. Die schon gelegentlich der Pferdeausrüstung erwähnte Unterlage von 
weichem Stoff, zum Schutze des Körpers gegen den sonst einschneidenden 
Druck des Kettengeflechtes, durfte auch bei den Menschen natürlich nicht fehlen. 
Deutlich läßt sich die Befestigungsart der Sporen wahrnehmen, ebenso 
wie die Manipulation der Befestigung des Schwertgurtes, nämlich mittelst 
Durchsteckens des einen Riemen-Endes durch einen Schlitz am anderen Ende. 
Lehrreich ist auch die Beobachtung des verschiedenen Schuhwerkes, resp. 
der Fußbekleidung überhaupt. Nicht minder sind die zur Anschauung ge- 
langenden verschiedenen Kopfbedeckungen interessant, ausgehend von der 
Urform des Schepel. Daß fröhliche Weisen den Zug begleiten und daher 
Musikanten die erste Stelle hinter dem Herold einnehmen, ist nicht mehr 
wie recht und billig. Keiner von uns allen würde sich — ganz abgesehen
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        — 40 — 
von dem Aufziehen der Wachtparade oder dem Einrücken eines Regimentes, 
bei welchen Gelegenheiten unserm gesamten Volke der Klang von Hörnern 
oder Trompeten, wie der Schall von Pauken oder Trommeln etwas absolut 
Selbstverständliches, in Fleisch und Blut Übergegangenes ist — einen Festzug 
vorstellen können, ohne Beteiligung eines Musikkorps. 
Was die Musik des Mittelalters betrifft, soweit sie mehr oder weniger 
kriegerischen Zwecken diente und aus dem Rahmen des Fiedelns und Geigens, 
dem Klange der Harfen, Zimbeln, Flöten und Schalmeien heraustritt, die 
auf dem Dorfanger wie im Palas ihre Rolle spielten, so darf nicht un- 
erwähnt bleiben, daß nicht die große Vorliebe für dieselbe allein es gewesen 
ist, welche allerhand tönende Instrumente erfinden und die alt überlieferten 
verbessern ließ, ") sowie aufs ausgiebigste verwendete. Vielmehr mußte das 
Schmettern der Trumetten, nachdem es die Kampfeslust von Mann und 
Roß, die bereits von Hause aus keine geringe war, noch erhöht hatte, neben 
dem Rasseln der Tamburen, sowie dem Schlagen und Dröhnen der Pauken, 
vereint mit dem übrigen Getöse des Schlachtgetümmels, auch dazu dienen, 
das Schreien und Stöhnen der zum Tode Verwundeten zu übertönen, die 
oft arg zugerichtet waren. Die auf den ersten, oberflächlichen Blick so überaus 
heiter anmutende Sache hatte also auch ihren sehr ernsten Hintergrund, denn 
das Schreien und Wehklagen der in Schlacht oder Gefecht durch Schwert- 
hieb und Lanzenstich, durch Messer und Dolch, durch Pfeile und Wurfgeschosse, 
Axte, Keulen und Streitkolben zu Tode Verwundeten und Verstümmelten, 
das Stöhnen und Achzen der unter die Hufe der Rosse Gekommenen, sowie 
das Jammern derer, die im Gewühle des Kampfes — wegen der bereits 
damals oft übermäßig schweren Panzerung unfähig, sich zu rühren — den 
Erstickungstod vor Augen sahen, muß herzzerreißend gewesen sein. Erklärt 
werden kann diese furchtbare, von allen einschlägigen Schriften und Berichten 
erwähnte Erscheinung durch zwei Faktoren Einesteils ist es Tatsache, daß 
selbst anerkannt edele und wirklich hochgesinnte Helden von dem Moment 
an, wo die Schlacht begann, von einer geradezu grausamen und blutdurstigen 
Kampfbegier befallen wurden, die jede Schonung ausschloß und wohl mit 
dem Ausdruck Berserkerwut bezeichnet werden kann, so daß tatsächlich ganz 
grauenhaft schreckliche, schwere Verletzungen an der Tagesordnung waren. 
Andernteils muß man bedenken, war die Heilkunst und Chirurgie noch der- 
maßen unvollkommen, daß wirkliche Hilfe in den allerseltensten Fällen ge- 
leistet werden konnte, mithin Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung eine furcht- 
21) Der dänische Musikvirtuos Allin gibt gegenwärtig (1902) in seinem Vaterlande 
Konzerte auf sogenannten Luren, das heißt Bronze-Posaunen des Kopenhagener National- 
museums, die ein Alter von mindestens 2500 Jahren haben, und diese uralten Instrumente, 
die „mit jeglichem Blasinstrumente der Neuzeit zu konkurrieren vermögen“, zeichnen sich, wie die 
Zeitungen berichten, „nicht nur durch die Menge ihrer Töne, sondern auch durch deren reine, 
starke und wohlklingende Beschaffenheit aus“. Rolands Hifthorn Olifant wird zwar aus 
den Tälern von Roncesvalles nicht soweit gedrungen sein, wie gern berichtet wird; jedenfalls 
aber standen dem Mittelalter gute Vorbilder in Bezug auf „tönendes Erz“ zu Gebote.
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        — 41 — 
bare, traurige Begleiterscheinung der körperlichen Schmerzen und Qualen 
waren. Alles dies äußerte sich aber in elementarster Form, je näher die 
Menschen der Natur standen, und gelangte oft in der erschütterndsten Weise 
zum Ausdruck. Dieses Wehklagen, Jammern und Schreien scheint trotz der 
ganz unbestritten vorhandenen, ja meist sogar tollkühnen verwegendsten und 
aufopferndsten Tapferkeit arg gewesen zu sein. Durch möglichst lärmendes 
und betäubendes Geräusch, noch außer dem Toben der Bewegungen, dem 
Tosen der Waffen und dem Gellen des Kriegsschreies mußte versucht werden, 
es zu übertönen. Noch herrschte eben nicht die Disziplin, welche auch in 
dieser Beziehung die Heere neuerer Zeiten beseelt, noch konnte nicht ein 
Friedrich II. einem durch die Brust Geschossenen, der vor seinen Füßen im 
Todeskampfe rang, die herben Worte zurufen: „Junker, sterbe Er ruhig!“ 
Zum Unterschied von der betäubenden Schlachtmusik, die auf Schönheit 
oder gar Lieblichkeit keinen Anspruch machte, gab es selbstverständlich und 
wie schon kurz angedeutet worden, an „Ohrenschmaus“ zweierlei, ganz wie 
jetzt: eine Art Konzertmusik zum Aufspielen und zum Heben der Feststimmung 
bei Feierlichkeiten, sowie (um mit einem modernen Worte zu reden) die 
Märsche der Truppen — damals ganz bezeichnend „Reisenoten“ genannt. 
An ihren Klängen hatten auch die Rosse ihr Vergnügen, sie gingen gewisser— 
maßen gehobener, ganz wie dies noch heute bei jeder Kavallerie beobachtet 
werden kann. So besagt z. B. eine Stelle im „Frauendienst“: „Floituren 
und tambuire gruozten die recken“ (Flöten und Trommeln grüßten die 
Recken), Daz begunde die ors wecken, daz sie mit sprüngen giengen 
(Das begann den Mut der Rosse zu wecken usw.), Den muot sie ge- 
wiengen von der suezen reisenote. 
Der Löwe, der auf Waffenrock, Fanfarenbehänge und Fähnlein, auf 
Schild und Helm der ersten Gruppe des Zuges vorkommt, muß mehr als 
das damals allbeliebte (und noch heute als solches anerkannte) Sinnbild 
von Stärke, Edelmut und Tapferkeit angesehen werden, wie als ein bestimmtes 
heraldisches Wappenzeichen, denn der Löwe ist in das Gesamtwappen der 
Wettiner erst durch das Landgrafentum Thüringen gekommen. Wohl aber 
bietet gerade die Figur des Löwen hier ein beachtenswertes Beispiel über 
die Stellung der heraldischen Figuren überhaupt.2) 
25) Diese Stellung oder Wendung richtet sich nämlich je nach dem Zwecke wie nach 
der Situation. Eine jede heraldische Figur ist nach Maßgabe des Grundsatzes beweglich, 
daß der Gegner, resp. der gegenüberstehende Freund, ins Auge gefaßt und angesehen werden 
soll. In Ermangelung eines zu ehrenden Gegenübers wird grundsätzlich die rechte Seite 
des Schildes als diejenige angenommen, nach welcher die Figuren des Schildes sich zu 
wenden haben. Dieselben blicken also nach dem Schwertarm des Trägers, beziehentlich nach 
dem, der vom Schwerte getroffen, resp. dem, vor dem das Schwert gesenkt werden soll. 
Modern ausgedrückt: „Augen rechts.“ Aus diesem heraldischen Grundsatze heraus schreiten 
auch die Wappentiere oder wenden sich die Schildfiguren auf dem Fahnentuche nach dem 
als Lanze oder Speer geltenden Fahnenschafte. 
Nun wendet sich aber der Löwe des ersten Wappenschildes auf der untern Friesborde 
doch nicht nach rechts dem zu begegnenden Feinde oder Freunde entgegen, das macht, weil
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        Als typische Formen auf der Grenzscheide des 11. und 12. Jahrhunderts 
sind die beiden Schilde bemerkenswert, welche von der Kriegergruppe geführt 
werden. Der alte, nicht heraldische, große Schild mit Buckel und Eisen— 
beschlägen wird von demjenigen mit Wappenfiguren abgelöst. Markgraf 
Conrad, als Stammvater, reitet allein, die Hände wie segnend erhoben. Die 
Träger von Fähnlein und Schwert hinter ihm und Otto dem Reichen weisen 
den Löwenschmuck auf, während im Überwurf des hinter Albrecht dem Stolzen 
Einherschreitenden der weiß und schwarz gezahnte Minkwitzsche Schild ein- 
gestickt ist. (Theodorich von Minkwitz wird zuerst 1213 genannt.) 
Dem aufmerksamen Leser, beziehungsweise dem der Führung sich an- 
vertrauenden Betrachter, wird innerhalb der vorangegangenen Darstellungs- 
abteilung die bekannte Tatsache erneut zum Bewußtsein gekommen sein, daß 
die Erscheinung des Rittertums sichtlich von französischem Einflusse durch- 
zogen ist. Insbesondere zeigt sich dies durch die vielen französischen Aus- 
drücke, die sich hier mit den bezüglichen deutschen Worten vermischen. Mit 
Modifikationen ist dies auch noch über jene Kulturperiode hinaus in Übung 
gewesen und war noch nicht erloschen, als der französische Einfluß der neueren 
Zeit einsetzte, dessen Herrschaft jetzt glücklich überwunden ist. Bei vielen 
drohte der galante und elegante aber freigeistige, flatterhafte und unzuverlässige 
Tchevalier mehr zu gelten als der bärbeißige und schwerfällige aber treue, 
fromme und zuverlässige Ritter. Diese und ähnliche Wahrnehmungen hat 
Roth von Schreckenstein im Sinne, wenn er darauf hinweist, daß trotz des 
unverkennbaren und in vieler Beziehung günstigen Einflusses der Franzosen 
auf die Entwickelung des Rittertums, doch die „Fundamentalprinzipien aller 
Ritterlichkeit“, die Freiheitsliebe der ganzen Nation, deren Waffenfreudigkeit, 
Gemütstiefe und Treue germanische Einflüsse sind und gewesen sind. Im 
übrigen, da einmal von den Erscheinungen des Mittelalters (wenn auch nur 
flüchtig) die Rede ist und auch noch weitere Darstellungen sich damit zu 
beschäftigen haben werden, möge der sehr beherzigenswerte und sehr wahre 
Ausspruch Wilhelm Arnolds nicht unerwähnt bleiben: „Wer das Mittelalter 
preist und die Gegenwart verdammt, hat keinen Verstand für die Geschichte; 
wer aber die neue Zeit rühmt und das Mittelalter lästert, der hat kein 
Herz dafür.“ 
er, resp. sein Schild, sich im Zusammenhange mit der ganzen folgenden einheitlichen Reihe 
der übrigen Wappen fühlt. Diese anschauend, handelt er nach den Pflichten heraldischer 
Courtoisie, die insbesondere bei Allianzewappen in Betracht kommt.
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        — 43 — 
Politisch-Geschichtliches. 
II. 
Mit der Wahl Rudolfs von Habsburg 1273 war das Deutsche Reich 
in einen neuen Abschnitt seiner Entwickelung eingetreten. Das Wahlkönigtum, 
der früher innegehabten Machtmittel, auf denen es ruhte oder doch ruhen 
sollte, vielfach beraubt, sah, daß es dem mehr oder weniger erblich gewordenen 
Reichsfürstentum gegenüber nur dann sich behaupten konnte, wenn es eine 
bei weitem festere Grundlage gewann als sie die jeweilige Hausmacht eines 
neuen Königs darstellte. Denn häufig genug war ein König gerade deshalb 
gewählt worden, weil seine sogenannte Hausmacht als eine kleine bekannt 
war. Die Habsburgsche Politik setzte gleich mit dem Auftreten des ersten 
Habsburgers ein. 
Das Bestreben des Königtums gipfelte teils im Ankaufe aller nur mög— 
lichen Ländereien für die Krone, teils darin, daß mit Eifer gesucht wurde, 
alle diejenigen Reichslehen als erledigte einzuziehen, bei denen der Heimfall 
an Kaiser und Reich nur irgendwie als eine berechtigte Maßnahme erscheinen 
konnte. Für eine „passende“ Verwendung dieser Territorien wollte Habs— 
burg schon sorgen. 
Einleuchtend ist, daß derartige aggressive Pläne gerade auf die Wettin— 
schen Lande um so mehr einwirken mußten, je intensiver nach dem Tode 
Heinrichs des Erlauchten dort die Zerrüttung um sich griff. Das Pleißner— 
land, welches (wie schon erwähnt) Heinrichs Sohn Albrecht von Kaiser 
Friedrich II., seinem Schwiegervater, als Hochzeitsgabe erhalten hatte, wurde 
ungerechtfertigterweise von Kaiser Rudolf eingezogen, nachdem derselbe vorher 
Steiermark und Österreich für das Haus Habsburg erworben hatte. Rudolfs 
Nachfolger auf dem deutschen Königsthron, Adolf von Nassau, zog nun auch 
Meißen und die Lausitz als — nach seinem Begriffe — erledigtes Reichs- 
lehen ein. Zudem brachte Albrecht, mit vollem Rechte „der Entartete“ 
oder im Volksmunde „der Unartige“" genannt, von 1288 bis 1307 
regierend, sich und dadurch sein ganzes Haus derartig allenthalben in Miß- 
achtung und wirtschaftete so toll, so vernunft- und pietätlos, daß nicht viel 
daran gefehlt hätte, die gesamte Wettiner Macht und Herrlichkeit wäre für 
immer verloren gegangen. Nachdem er bereits 1291 das Gebiet von Lands- 
berg an Brandenburg veräußert hatte, verkaufte Albrecht, der, außer einer 
blinden Passion für seinen illegitimen Sohn Apitz, weder für Vater, Brüder 
oder Söhne, noch auch für Untertanen und Land den kleinsten Funken von 
Liebe in seinem gänzlich aus der Art geschlagenen Herzen trug, ganz Thüringen 
und seine Ansprüche an Meißen dem König Adolf. Dieser hatte ein Jahr 
vorher das Pleißnerland an König Wenzel von Böhmen verpfändet und 
setzte letzteren nun auch als Reichsstatthalter über Meißen und das Oster- 
land ein. Die Macht der Wettiner lag, für den Augenblick, gebrochen zu 
Boden. Was war aber auch Albrecht für ein Fürst — für ein Mensch? 
Ein abschreckendes Beispiel nach aller und jeder Richtung hin. In unrecht-
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        — 44 — 
mäßiger Leidenschaft zu einem Hoffräulein, Kunigunde von Eisenberg, deren 
Sohn Apitz er mit seinen übrigen Kindern — Heinrich, Friedrich und Diez- 
mann — gleich zu stellen, ja sogar ihm bedeutende Vorteile vor jenen zu 
geben beabsichtigte, hatte, wie berichtet wird, Markgraf Albrecht einen Meuchel- 
mörder gedungen, mit dem schmachvollen Auftrage, durch einen Dolchstoß 
ihn von seiner edlen Gemahlin, der Tochter Kaiser Friedrichs (des letzten 
Hohenstaufen auf dem Kaiserthrone), ledig zu machen. 5) 
Der rührende Anblick der frommen Dulderin bewegte indessen das 
sonst rauhe Herz des Kriegsknechtes derartig, daß derselbe nicht nur von 
der geplanten Mordtat abließ, sondern mit eigenen Händen der Armsten 
zur Ausführung schleuniger nächtlicher Flucht verhalf. Es war in der Nacht 
des 24. Juni 1270. Bevor sie die schwanke Strickleiter bestieg, die vom 
hohen Söller der Wartburg in die dunkle Tiefe des einsamen Waldes führte, 
trat die unglückliche Markgräfin noch ein letztes Mal an die Betten ihrer 
unschuldigen Kinder, dieselben zu segnen. Hier soll sie, von Schmerz über- 
mannt, anstatt ihrem ältesten Söhnlein Friedrich einen Abschiedskuß auf den 
Mund zu drücken, demselben aus Weh und Verzweiflung in die Wange ge- 
bissen haben. 
Dieser Sohn ist, von 1307 bis 1324 in stürmischer, für ihn meist 
unglücklicher Zeit als Markgraf regierend, unter dem Namen Friedrich 
der Gebissene oder auch der Freidige (das heißt „der Kühne“") bekannt. 
Sein Vater hatte es dahin gebracht, daß fast nichts mehr den Wettinern 
zu Eigen gehörte; und der fortwährende Krieg, sowohl der Wettiner unter- 
einander wie mit den beharrlich sich einmischenden Machtfaktoren des deutschen 
Königs machte die Länder zur Wüstenei. 
Doch versöhnten sich wenigstens die Brüder Friedrich und Diezmann 
untereinander. Mit Hilfe ihrer Getreuen bemächtigten sie sich Leipzigs 
20) Hin und wieder sind Historiker geneigt, bei dem abscheulichen und fündhaften Be- 
nehmen Albrechts gegen seine hohe Gemahlin, einen Milderungsgrund darin zu erblicken, 
daß dieser Wettiner vom Papste Innocenz direkt und indirekt gegen Margarethe als die 
letzte Tochter des hohenstaufischen Geschlechtes aufgehetzt worden sei, „damit er sich und 
sein Haus“ — wie der Statthalter Christi sich ausgedrückt haben soll — „nicht mit 
dem verruchten Blute der Hohenstaufen vermische"“. Das Gehässige und allerdings nicht 
vom christlichen Geiste versöhnender Liebe und Milde zeugende dieser unbarmherzigen Ver- 
folgung eines ganzen Geschlechtes bis auf die unschuldigsten Glieder desselben, fällt auf den 
innocenten Papst selbst zurück. Unverzeihlich und eines deutschen Mannes, eines deutschen 
Fürsten unwürdig bleibt aber ohne Zweifel, wenn der Markgraf fanatischen Aufhetzungen 
gegen eine unschuldige, gegen eine edle, reine Frau, seine Gattin, überhaupt hätte Gehör 
schenken können, wenn er — seine Ehre und die seines Hauses vergessend — zum Ehebruch 
und noch schlimmerem gelangte. Eine weitere Verschwägerung der Häuser Wettin und 
Hohenstausen lag übrigens in der Vermählung der sehr jugendlichen Brigitte, Tochter 
Dietrichs von Landsberg, Markgraf Albrechts Bruder, mit dem unglücklichen Konradin. 
Und es dürfte noch ungewiß sein (wie auch Böttiger in seiner Geschichte von Sachsen I. 205 
sagt), ob dieses letzten Hohenstaufen vom Schafott herabgeworfener Handschuh vom Truchseß 
von Waldburg nicht nach Thüringen anstatt nach Aragonien hatte gebracht werden sollen.
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        — 45 — 
und der Wartburg; somit doch wieder festen Fuß auf dem Gebiete ihrer 
Vorfahren fassend, das man sich bemühte, ihnen zu entreißen. 
Aus der sagenumwobenen Wartburg führte Friedrich der Gebissene, 
dessen unglückliche Mutter einst vor der Mordgier ihres Gatten, seines 
Vaters, von dieser selben Veste aus in die finstere Nacht hinein hatte fliehen 
müssen, jetzt seine Gemahlin Elisabeth von Arnshaugke?) und das ihm von 
derselben geborene Töchterchen ebenfalls nächtlicherweile, auf versteckten 
heimlichen Waldwegen durch die Kette der Belagerer hindurch, zur Taufe 
nach Reinhardsbrunn. Die rührende Episode, wie der Vater mit den 
wenigen, ihn begleitenden Rittern sich als eherne Mauer um den kleinen 
Säugling stellen, inmitten eiliger Flucht und rings umgeben von Feinden, 
dem Kinde ermöglichend zu trinken „und sollte das ganze Thüringer Land 
verloren gehen“", wird — im Bilde verherrlicht — wohl einem jeden 
Wartburgbesucher in lebhafter Erinnerung sein. 
Weil Friedrich und Diezmann von ihrem unnatürlichen Vater geradezu 
der Willkür des nach Ausbreitung seiner Hausmacht strebenden Königs 
Albrecht 28) preisgegeben, gegen dessen Pläne sich auflehnten, die sie zu ver- 
nichten trachteten, wurden beide 1306 in des Reiches Acht erklärt. Die- 
selbe an ihnen zu vollstrecken, ward Burggraf Friedrich von Nürnberg mit 
Heeresmacht gegen diese Wettiner ausgesandt. 
Zwischen Leipzig und Altenburg, bei Lucka, kam es am 31. Mai 1307 
zur entscheidenden blutigen Schlacht.250) Die Brüder siegten, und allmählich, 
durch günstige Ereignisse unterstützt, stieg ihrem Hause die Sonne wieder 
auf. Thüringen, Meißen und Pleißen wurden wieder von ihnen übernommen; 
und durch den Tod Diezmannso) ward Friedrich alleiniger Herr dieser 
27) In erster Ehe war Friedrich mit Agnes von Kärnthen vermählt gewesen, in 
zweiter Ehe mit Elisabeth von Arnshaugk; der Tochter erster Ehe seiner Stiefmutter. 
Nach dem Tode Kunigundes von Eisenberg nämlich, welche schließlich vom Markgraf 
Albrecht geheiratet worden war, hatte derselbe sich mit der verwitweten Elisabeth von 
Arnshaugk, einer geborenen Gräfin von Reuß-Plauen, vermählt. 
28) Albrecht, der Sohn Rudolfs von Habsburg, war von seinem Vater „für sich und 
seine Erben“ mit Österreich und Steiermark belehnt worden, mußte bei der Königswahl erst 
seinem Mitbewerber Adolf von Nassau weichen, als dessen Gegenkönig er auftrat. Als 
jener von ihm besiegt worden war, kam Albrecht endgültig auf den Thron. 
290) „Heute wappne ich mich mit Helm und Schild von Meißen und Ostland, oder 
sonst niemals mehr“ hatte Markgraf Friedrich am Morgen der Schlacht ausgerufen; ent- 
schlossen, bis zum äußersten zu kämpfen. Der Sieg war aber ein vollständiger und die 
Niederlage des Nürnbergers eine ungeheuerliche. Dreitausendsechshundert von dessen Mann- 
schaft blieben tot auf dem Platze und der Schrecken, den die Meißner verbreiteten, welche 
keinen Pardon gaben, war ein derartiger, daß — wie die Chronisten melden — viele ihre 
Pferde niederstießen, deren Bäuche aufschnitten und sich in ihnen verkrochen. „Es wird 
Dir glücken wie den Schwaben bei Lücken“ wurde zur volkstümlichen Redensart, wenn 
jemandem etwas Schlechtes vorhergesagt werden sollte. 
30) Der berühmte Florentiner Dante Alighieri, mit dessen unsterblichen Werken ein 
halbes Jahrtausend später ein edeler Wettiner, der gelehrte König Johann sich so an- 
gelegentlich beschäftigt hat, tritt hier in ganz direkter Beziehung zum Wettinschen Fürstenhause 
auf, indem derselbe — damals von seinem Vaterlande flüchtig und im Meißnischen sich
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        — 46 — 
Länder. Apitz war 1307 gestorben und zu Markgraf Friedrichs Glücke 
schied auch (am 1. Mai 1308) König Albrecht aus diesem Leben, dem Mord— 
stahle seines Neffen Johannes Parricida zum Opfer fallend. Sein Nach- 
folger, König Heinrich VII. hatte zwar zuerst die Absicht, das aufgehaltene 
Zerstörungswerk der Wettinschen Macht energisch wieder aufzunehmen; 
änderte indessen diese Politik dahin um, jene Macht lieber zu erhalten, um 
einer wirksamen Unterstützung durch dieselbe für seine anderen Pläne sicher 
zu sein. Friedrich der Freidige empfing daher die Belehnung mit den meisten 
Erblanden seines Hauses. Die Lausitz freilich, welche Diezmann im 
Jahre 1298, um neue Mittel zur Fortsetzung des vom Vater aufgedrungenen 
unnatürlichen Kampfes zu erhalten, bedauerlicherweise an den Erzbischof von 
Magdeburg veräußert hatte, blieb verloren.3#) 
Trotzdem kann man Friedrich den Freidigen oder Gebissenen einen 
zweiten Errichter des Wettinschen Staatswesens nennen. Nachdem der 
kühne Kriegsheld, der von jener Stunde an, wo seine Mutter schmerzlichen 
Abschied von ihm nahm, wohl kaum ein ruhiges Jahr in seinem Leben 
gehabt hat, durch die Einwirkung eines zu Erfurt aufgeführten geistlichen 
Schauspieles (Die fünf klugen und die fünf törichten Jungfrauen) in 
Schwermut verfallen war, starb er am 13. November 1324. Der quälende 
Zweifel „Was ist der Christenglaube und die Hoffnung, wenn der Zorn 
Gottes durch Nichts versöhnt werden kann“ war der unbeantwortet bleibende 
Brennpunkt jenes geistlichen Spieles gewesen. 
Sein Sohn Friedrich, genannt „der Ernsthafte“, war nicht viel 
über 14 Jahre alt, als er seinem Vater in der Regierung folgte, die er 
während der ersten Jahre unter Vormundschaft seiner Mutter von 1324 
bis 1349 inne hatte. Den so jungen Fürsten erklärte sein Schwiegervater, 
der inzwischen auf den Kaiserthron gelangte Herzog Ludwig von Bayern, 
im Jahre 1329 für volljährig. 
Ernst war die Zeit und ernsthaft mußte Gemüt wie Geistesrichtung 
eines Landesherren werden (oder auch bereits geworden sein), dessen geistiges 
Auge beim Besitzantritt des Erhaltenen, die Menge des Verlorenen über- 
schaute. Ernst mußte auch der Vorsatz in ihm reifen, sich des so vielfach 
angefochten gewesenen Besitzes zu wehren; und so kommt es, daß dem unter 
diesen Zeichen zum Markgrafen gewordenen Friedrich der Stempel der 
Ernsthaftigkeit in dem Maße aufgedrückt wurde, daß er nach dieser Eigen- 
schaft benannt worden ist. 
aufhaltend — dem im 37. Jahre seines Alters heimgegangenen Diezmann oder Titzmann 
einen Grabgesang dichtete, dessen erste Strophen in goldenen Lettern auf dieses Fürsten 
Epitaphium vor dem Hochaltar der Paulinerkirche zu Leipzig eingemeißelt wurden. Der 
Gesang beginnt (nach Glafey, Kern der Geschichte Sachsens) mit den Worten: Tiz ego sum 
mannus, me olim genuere Parentes. 
31) Aus dem Besitze von Magdeburg kam die Lausitz sehr bald an Brandenburg; und 
von da an Böhmen. Erst zwei Jahrhunderte später (1635) ist dieser alte Besitz mit der 
erst seit dem 15. Jahrhundert sogenannten Oberlausitz, dem alten Milzener Lande wieder 
an die Wettiner gefallen, um schließlich doch nur zur Hälfte bei ihnen zu verbleiben.
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        Seinem eifrigen Bestreben, überallhin Ordnung und Stetigkeit zu 
bringen, verdankt unter anderem auch die Revision der Lehns- und Vasallen— 
Verhältnisse in den Wettinschen Landen Entstehung wie Durchführung. 
Das Lehnsbuch Friedrichs des Ernsthaften vom Jahre 1348 bildet noch 
heute eine der wichtigsten und bedeutsamsten Quellen für die Meißnisch— 
Thüringische Geschichtsforschung. 
Im Jahre 1339 war Friedrich dem Kaiser auf einem Kriegszuge gegen 
Philipp von Frankreich gefolgt und hier von dem vielfach erprobten greisen 
Helden, Friedrich von Wangenheim, zum Ritter geschlagen worden (ähnlich 
wie etwa zweihundert Jahre später Franz I. durch Bayard du Terail) 
dem „Ritter ohne Furcht und Tadel“. Indem dieser „ernsthafte“ Markgraf 
mit derjenigen warmen Begeisterung, die auch im ernstesten Gemüte Platz 
haben wird, wenn anders die uralten Tugendbegriffe der Indogermanen im 
Herzen wurzeln, für die Ideale des wahren Rittertums — als einer Ver- 
körperung der vorbildlichen Tat des Drachentöters Georg — voll und ganz 
eintrat, war es nur logisch und natürlich, daß er von ganz demselben 
Gesichtspunkte aus, scharf und energisch das bekämpfte, was an den wilden 
Schößlingen und Auswüchsen jener gleichzeitig romantischen wie praktischen 
Institution falsch und häßlich geworden war. 
Seiner Absicht getreu, in möglichst pragmatischer Weise vorzutragen, 
das heißt die Erscheinungen und Vorkommnisse der Vorzeit mit denen der 
Jetztzeit durch anknüpfende Betrachtungen zu verbinden, gibt der Verfasser 
(das Einverständnis der gütigen Leser vorausgesetzt) an dieser Stelle die 
Betrachtungen wieder, welche der Freiburger Gelehrte Roth von Schrecken- 
stein an die Begriffe Rittertum und ritterlich anlehnt. „Manch wunder- 
liche pseudo-aristokratische Gelüste der Gegenwart“ — sagt derselbe — „werfen 
ihre Schatten auf das überwundene Rittertum zurück und machen es uns 
schwer genug, an die nachhaltige Potenz und ununterbrochene Fortentwickelung 
jener Ideale zu glauben, ohne welche das ganze Institut des Geburtsadels 
nur ein pathologisches Interesse darbieten würde. Nichts ist beschämender 
für diesen Stand (und muß von der Hand gewiesen werden) als die an- 
geblich wohlgemeinte Mahnung, die materielle Frage, die sich ihm freilich 
gebieterisch aufdrängt, für die einzige zu nehmen, nichts verfehlter als der 
banausische (das heißt von keinem Verständnis für etwas Höheres ihm ge- 
gebene) Rat, dem Beutel zu Ehren mit der auf kecke Mannestat und Tugend, 
Treue und Entsagung hinweisenden Geschichte des rittermäßigen Wehrstandes 
zu brechen. Wer den Beruf des Adels einseitig im opulenten Großbauern- 
tume sucht, der könnte ihn schließlich beinahe mit dem gleichen Rechte auch 
an der Börse suchen. Und doch dürfen wir — im frohen Hinblicke auf 
unser als großartige Erziehungsanstalt wirksames Heer sei das gesagt — an 
die unentwegte Fortexistenz der Idee der Ritterlichkeit glauben; ja wir 
müssen daran glauben, wenn wir nicht unsere Muttersprache Lügen strafen 
wollen. Das schmückende Beiwort „ritterlich" hat seinen guten Klang 
niemals eingebüßt. Es dient noch immer zur Bezeichnung einer den Kampf
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        — 48 — 
mit den Götzen des Tages, mit den Organen des Pessimismus und Mate— 
rialismus und des in schnöder Weise auf die Spitze getriebenen Nützlich— 
keitsprinzips nicht scheuenden, von Ideen getragenen männlich-stolzen und 
dabei frohgemuten Sinnesart und ist noch immer unvereinbar mit allem, 
was das Brandmal der Untreue und Vaterlandslosigkeit an sich trägt.“ 
Ja, die hehre Idee des wahren christlichen Rittertums, aus Tapferkeit, 
Vaterlandsliebe und Gottesfurcht geboren, ist nicht untergegangen; sie lebt 
noch heute und wird so lange Bestand haben, als jener Dreiklang kein hohler 
Schall ist — in Deutschland also hoffentlich für immer. Wie zu den Zeiten 
der Sachsen und Staufen der Berufsstand der zur Verteidigung des Vater- 
landes, der Unschuld und der Ehre Verpflichteten zum Geburtsstande wurde, 
Rittertum und Adel sich praktisch entwickelte, so zieht zur Zeit der Zollern 
dieser Stand die Grenze ethischer Zugehörigkeit um das edelgesinnte Volk 
in Waffen. In diesem Sinne der Ethik und des Idealismus „adelt die 
Schärpe“. 
Um nun auf die Zustände der Zeiten Friedrichs des Ernsthaften zurück- 
zukommen, in denen manch eine Ausartung des Ritterwesens stattgefunden 
hat, so möchte doch und dennoch darauf hingewiesen sein, daß das Unwesen 
der Wegelagerung und der Stegreifräuberei bei weitem nicht derartig all- 
gemein und an der Tagesordnung gewesen ist, wie die geschworenen Feinde 
des Feudalismus und des „finsteren Mittelalters“, in dem Bestreben „agruselig 
zu machen“ und die „Junker“ an den Pranger zu bringen, darzustellen 
belieben. Selbstverständlich wird und muß jenes Unwesen da, wo es vor- 
gekommen ist, rücksichtslos der Verdammung preisgegeben werden, aber man 
darf auch nicht vergessen, daß dem unglückseligen Faustrecht eine Art Mil- 
derungsgrund immerhin in der, wenn auch freilich auf eine schiefe Ebene 
gelangten, Auffassung des uralten Fehderechtes der freien Germanen zu- 
gebilligt werden kann. Unzweifelhaft haben jene Ausschreitungen schwere 
Makel auf den Schild des Adels geladen; aber selbst Gustav Freytag erkennt 
an, daß die Inbetrachtziehung eben jenes Rechtes, Fehde anzusagen, geeignet 
sei, manches Vorkommnis jener Zeit anders zu beurteilen, als es auf den 
ersten Blick scheine. Er hebt weiter hervor, daß das Recht der Fehde nach 
volksmäßiger Auffassung jedem freistand, der überhaupt sich selbst Recht 
fordern durfte — für den Unfreien der Herr. Wo aber das beliebte 
Schlagwort „Reiten und Rauben ist keine Schande, das tun die Besten im 
Lande“ wirklich in seiner ganzen Schroffheit zur Ausführung gelangt ist, 
soll, darf und wird es natürlich niemals entschuldigt werden. Übrigens 
möchte hier — wenn auch vom Faustrecht nur indirekt die Rede ist — ein 
Ausspruch des Historikers Böttiger Platz finden: „Das Faustrecht hatte doch 
eine gute Folge in seiner, freilich unbeabsichtigten, Beförderung des städtischen 
Flors. Eine entferntere könnte vielleicht in der Fernhaltung des römischen 
Rechtes gesucht werden." 
Eine Folge dieser ernst= und gewissenhaften Auffassung seiner Menschen-, 
Christen= und Fürsten-Pflichten war Friedrichs energisches Auftreten gegen
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        — 49 — 
Landfriedensbrecher einerseits, und die schützende Fürsorge für alle seine 
Untertanen anderseits. Dennoch konnte er nicht verhindern, daß durch einen 
Streit um Orlamünde und Sangerhausen, in welchen verschiedene edele Ge— 
schlechter des Landes verwickelt waren (die sogenannte Grafenfehde), die 
Fluren Thüringens aufs neue verwüstet wurden. Der schwarze Tod aber, 
die auf genuesischen Schiffen nach Europa gebrachte Pest, wütete ein Jahr 
vor Friedrichs Tode in einer derartig furchtbaren Weise, daß — wie die 
Chronik berichtet — allein von der Einwohnerschaft Erfurts innerhalb von 
sechs Monaten über 12 000 Menschen ihr zum Opfer fielen, die alle nur 
in großen Gruben verscharrt werden konnten.32) Wahrhaftig, die Zeit war 
reich an Aderlassen der Menschheit. 
Friedrich des Ernsthaften Tochter, Elisabeth, vermählte sich mit dem 
Burggrafen Friedrich von Nürnberg; ward die Mutter des ersten Mark- 
grafen von Brandenburg aus dem Hause Hohenzollern, und kann somit als 
Stammmutter des gegenwärtigen preußischen Königshauses bezeichnet werden, 
während der Land= und Markgraf, ihr Vater — da seine Brüder gestorben 
waren — der Stammhalter des ganzen Wettinschen Hauses geworden ist. 
Von den Söhnen Friedrichs des Ernsthaften übernahm der älteste, unter 
dem Namen Friedrich der Strenge bekannt, 1349 die Regierung, die 
er bis 1381 führte; gleichzeitig zuerst in Vormundschaft für seinen dreizehn- 
jährigen Bruder Balthasar und den sechsjährigen Wilhelm. Dem klugen 
Rate seiner hochbetagten Großmutter Elisabeth folgend, die auf dem Schlosse 
zu Gotha lebte, nahm Friedrich keine Teilung vor, sondern regierte zwei- 
unddreißig Jahre hindurch mit seinen Brüdern in musterhafter Eintracht. 
Gleich musterhaft und von rührender gegenseitiger Liebe getragen war seine 
Ehe mit Katharina von Henneberg, die ihm überdies einen ansehnlichen 
Landbesitz mitbrachte. 
Bemerkenswert ist, daß am 9. Juni 1373 Heinrich der Eiserne von 
Hessen nebst seinem Neffen Herrmann einerseits und die drei Thüringisch- 
Meißnischen Brüder anderseits zu Eschwege einen feierlichen Erbver- 
brüderungsvertrag schlossen, indem die fünf kontrahierenden Fürsten sich 
für ihre gesamten gegenwärtigen und zukünftigen Staaten brüderliche Unter- 
stützung in jeder Gefahr und — unter Ausschließung aller weiblichen An- 
32) Diese entsetzliche Seuche hat innerhalb der drei Jahre 1348 bis 50, wie festgestellt ist, 
in Europa 25 Millionen Menschen dahingerafft und ist auch in ihren Begleiterscheinungen 
von tiefgehender sozialer Wirkung gewesen. Auf der einen Seite nämlich ward durch die 
pessimistische Voraussicht, binnen kurz oder lang unweigerlich diesem Würgedämon zum Opfer 
fallen zu müssen, eine schier ungeheuerliche Verwilderung der Sitten hervorgerufen. Denn 
die Zahl derer war groß, welche die ihnen vermeintlich nur noch verbleibende kurze Erdenzeit in 
gieriger und schrankenloser Befriedigung ihrer Begierden auszunützen bestrebt waren. Auf 
der anderen Seite brachte vielfach das Bestreben, durch Bußetun das Schreckliche von sich 
abwenden zu können, Ausschreitungen entgegengesetzter Art hervor, die in blutigen Geiße- 
lungen ganzer, zu diesem Zwecke zusammentretender Genossenschaften (Flagellanten) und 
anderen übertriebenen Selbststrafen eines über das Ziel hinausschießenden religiösen 
Fanatismus bestanden. 
4
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        — 50 — 
sprüche — wechselseitige Erbfolge für das überlebende Haus verbürgten. 
Durch Kaiser Karl IV. wurde dieser Vertrag am 13. Dezember jenes Jahres 
zu Prag feierlich und ordnungsgemäß bestätigt. Von demselben Kaiser er— 
hielt Markgraf Friedrich die lehenserbliche Reichsoberjägermeister-Würde 
übertragen. Er übte dieses Amt zum ersten Male auf dem berühmten Hof— 
lager zu Metz 1356 aus, indem er, unter dem Klange von Fanfaren und 
Jägerhörnern, umgeben von drei stattlichen Jagdhunden, erst einen Hirsch, 
dann einen Eber auf die Kaiserliche Tafel trug, unterstützt vom Grafen 
von Schwarzburg als Reichsunterjägermeister. Noch Kurfürst Friedrich 
August I. erhielt im Jahre 1708 die feierliche Bestätigung dieser Würde. 
Beim Tode des in jeglicher Pflichterfüllung strengen Friedrich (1381) waren 
fünf Erben vorhanden. Unter diesen Umständen, die dem Unsegen der Zer- 
splitterung so die Wege ebneten, ging man nun leider doch an eine Teilung. 
Sie fand am 13. November 1382 zu Chemnitz statt und ist ein Beweis 
dafür, wie schwierig gute und dem Gemeinwohl förderliche Maßregeln selbst 
bei Gutgesinnten Eingang finden, wenn sie nur anempfohlen, aber nicht be- 
fohlen werden können. Denn der in der goldenen Bulle Karls IV. von 
1356 ausgesprochene Rechtsgrundsatz der Unteilbarkeit und dabei der Erb- 
folge nach den Regeln der Erstgeburt (Primogenitur) hatte damals nur erst 
Geltung für diejenigen weltlichen Territorien, auf welchen die Kurwürde ruhte. 
Balthasar erhielt Thüringen und Wilhelm Meißen mit Dresden. An 
die, vorläufig unmündigen, drei Söhne Friedrichs des Strengen kamen das 
Osterland mit Leipzig, die Markgrafschaft Landsberg und die Besitzungen 
im Vogtland. (Landsberg mit Zubehör, welches Gebiet seinerzeit aus den 
Händen der Wettiner herausgekommen war, hatte Friedrich der Ernsthafte 
1347 zurückgekauft.) 
So entstanden in der Hauptsache drei Linien, von denen indessen die 
thüringische nach dem Ableben von Balthasars Sohne 1440 und die meißnische 
sogar bereits nach Wilhelms Tode 1407 erlosch und sämtliche Lande dann 
an die osterländische fielen, deren Haupt nach des Vaters Tode vorerst 
Friedrich war, der Streitbare genannt. Schon jetzt möge die Bemerkung 
Platz finden, daß der jüngste dieser Söhne, Georg, bereits im zwanzigsten 
Jahre seines Lebens gestorben ist. Der mittlere aber, Wilhelm, dessen 
Gebietsanteil, nachdem auch er (1425) kinderlos gestorben war, ebenfalls an 
Friedrich den Streitbaren fiel, tritt in der Geschichte nicht sehr hervor, da 
er sich meistenteils der besseren Einsicht seines älteren Bruders anschloß. 
Während Wilhelms des älteren Regierung im Markgrafentum Meißen 
war in der sogenannten Dohnaschen Fehde die gesamte Burggrafschaft Dohna 
(ursprünglich Donin genannt) mit 53 zugehörenden Städten und Schlössern?) — 
39) Den direkten Anlaß zum Ausbruche jener Fehde gab eine Ohrfeige, welche auf 
dem Adelstanze zu Dresden am Martinstage 1400 der Burggraf Jezko von Donin — gereizt 
darüber, daß er vom Ritter Rütz von Körbitz wegen Ungebührlichkeiten, die er sich gegen 
dessen Ehegattin erlaubt hatte, zur Rede gestellt worden war — dem mit Recht Empörten 
verabreicht hatte. Der Markgraf gab dem beleidigten Körbitz Recht, worauf die von Donin
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        — 51 — 
worunter auch Königstein und Weesenstein — an die Wettinsche Herrschaft 
gelangt. In Thüringen hatte Balthasar durch Erbschaft die schönen Graf— 
schaften Henneberg und Käfernburg erworben. 
Kulturgeschichtliches. 
II. 
Markgraf Heinrich der Erlauchte, der sich als Minnesänger selbst hervor- 
getan hat, ist in der Manesseschen Handschrift — jenem hochbedeutsamen 
literarischen Denkmale deutscher Kunst und Sitte, welches neuerdings seinem 
Vaterlande wiedergewonnen wurde, nachdem es unrechtmäßigerweise von 
Heidelberg nach Paris gekommen war — verdientermaßen als solcher ab- 
gebildet. An diese Darstellung Heinrich des Meißners (wie der Markgraf als 
Minnesänger genannt wurde), den fürstlichen Herrn in pelzverbrämtem grünen 
Rocke mit übergeworfenem Hermelinmantel zeigend, lehnt sich diejenige auf 
dem vorliegenden Wandgemälde an. Nur ist der Rock hier reicher verziert 
und die Pfauenwedel, das Sinnbild des Prächtigen, wallen stolzer und voller. 
Dagegen mahnt die Laute über dem Rücken und die Pergamentrolle in der 
Hand an des Fürsten Dichter= und Sänger-Leben. Auch ist es nicht ohne 
Bedeutung, daß unter den Blumen und grünen Gezweigen, die den im Zuge 
Daherkommenden auf dem ganzen Wege gestreut sind, eine Rose von ganz 
besonderer Schönheit nebst herrlichem Eichenblatt als diejenigen symbolischen 
Zeichen erscheinen, die zu Füßen des erlauchten Heinrich grüßen. 
Das bäumende, ungebärdige Roß mit fliegender Mähne, und die ganze 
Gestalt des mit demselben verwachsenen Albrecht, den die Geschichte den 
„Entarteten“ nennt, sind vortrefflich geeignet, die Sinnesart jenes Fürsten 
zu charakterisieren, dessen unholdes Wesen ihn beinahe zum Mörder hatte 
werden lassen. Finster drohenden Blickes, von flatterndem Haupthaar und 
struppigem Barte umgeben, sticht sein Gesicht unfriedlich von dem heiteren 
ihm die Fehde ansagten. Sie brandschatzten das Land in arger Weise, bis endlich die Zer- 
störung ihrer alten Veste Ruhe herbeischaffte, aber damit zugleich die Vertreibung des alten 
Burggrafengeschlechtes aus dessen Stammesheimat zur Folge hatte. Der Leipziger Bürgerssohn. 
Hans Druckschuh, der als reisiger Knecht des Markgrafen Fähnlein gefolgt war, ist der Erste 
gewesen, der nach heißem Kampfe den durch die Meißnischen Wurfgeschosse arg zugerichteten 
Bergfried von Donin betrat. Jezko rettete sich durch einen unterirdischen Gang erst nach 
Weesenstein, dann in böhmisches Gebiet. Weder er noch einer der Seinen hat seitdem wieder 
hier Fuß gefaßt. Die Familie, der in frühesten Zeiten ein Mitanrecht auf einen Teil des 
Zolles der ersten Dresdner Elbbrücke zugestanden haben soll, hat sich hauptsächlich in Ost- 
preußen verbreitet, woselbst sie noch heute floriert. Auf dem Platze der ehemaligen Burg- 
freiheit des nach jener Fehde zerstörten Schlosses Donin, dem jetzigen Schützenhausgarten 
von Dohna, beging in den mittelsten Tagen des Juli 1902 die Bürgerschaft dieses uralten 
Städtleins unter festlicher Teilnahme der Nachbargemeinden die Feier der 500jährigen 
Zugehörigkeit zum Hause Wettin, wobei Bürgermeister Schneider in der Festrede an die 
am 19. Juli 1402 stattgefundene Besitzergreifung seitens des Markgrafen Wilhelm anknüpfte. 
4
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        — 52 — 
Kranze ab, den der Maler ihm auf die Schläfen gedrückt hat, um durch 
den schroffen Abstand die Gewalt jenes Eindruckes zu vermehren. Bezeichnend 
auch ist die durch ihre scharfen Stacheln Schmerz verursachende Distel, die 
hier zur Seite des Weges blüht. 
Am Riemenzeug gewahrt man zum ersten Male die Befestigungsart 
mittelst Schnalle, die Sporen aber mit Rädlein versehen, entgegen dem bis- 
herigen einfachen Stachel. Die Roßdecken beginnen ganz allmählich ihre 
Eigenart als Kleidungsstück zu verlieren. Die Sitte des Anbringens von 
Schellen hat zugenommen. Alles das ist richtigerweise zur Darstellung 
gelangt. Obergewand und Beinkleid, früher zumeist aus einem Stücke be- 
stehend, wie die Haut einer Schlupfwespe, sind jetzt zwei selbständige Stücke, 
obgleich die enganliegenden trikotartigen Hosen — auch Niederkleid genannt —, 
welche von den Fußspitzen bis weit über die Hüften hinaufreichen, ihren 
alten Strumpscharakter treulich bewahren. Deutlich zeigt dies der Anzug 
des Junkers, welcher Markgraf Albrechts bäumendes Roß mit kräftiger Hand 
am Zügel führt. Die auf dessen Oberkleid eingestickte Wappenfigur läßt 
ihn zum Geschlechte der von Einsiedel gehören. (Peter von Einsiedeler kommt 
zuerst 1307 vor.) Auch ist, in weiterer Konsequenz der Zweiteilung von 
Ober= und Nieder-Kleid, zu beobachten, wie das Obergewand, welches bisher 
in der Regel durch eine weite Halsöffnung über den Kopf gezogen wurde, 
nunmehr auf der Brustseite offen ist und zugenestelt oder gehakt wird. Auch 
die während des ganzen Mittelalters so überaus beliebten Zaddeln, das heißt 
Aus= und Einschnitte in der Kleidung, gewinnen an Verbreitung.-) 
An dem Rocke des hinter Friedrich dem Strengen einherschreitenden 
Herrn von Milkau, dessen Wappentier, der eine Partisane in der Pranke 
haltende Löwe, an den Zaddelungen des Oberärmels angebracht ist, sieht 
man bereits die Schließung durch Knöpfe. (Als erster dieses Geschlechts 
gilt 1302 Frizco de Milcawe.) Gugelhaube oder Kapuze weist der 
nächstfolgende Knappe auf, einer von Gablenz; man sieht sein Wappen, 
eine Gabel im gestürzten Dreieck am unteren Rande seiner Kopfbedeckung. 
(Heinricus de Gabelenze kommt 1291 vor, und Georg saß auf dem 
gleichnamigen Gute 1220.) 
34) Ahnlich den mit der Zeit zu kunstvollen Ornamenten entwickelten Decken und 
Hüllen der Helme (der in der Heraldik so bekannten Helmdecken) ist auch dieses Zaddelwerk 
durch das ursprünglich vollständig unfreiwillige Zerfetztwerden infolge feindlicher Stiche 
oder Hiebe entstanden. Auch hier ward gewissermaßen die Not zum Gebot gemacht, indem 
man nun freiwillig und absichtlich Teile der Kleidung zerfetzt erscheinen ließ, oder bunte 
Fetzen an derselben anbrachte, die der ganzen Gestalt etwas Verwegenes und Phantastisches 
bringen sollten. Allmählich war auch in diese dsordres Ordnung gebracht und die Sache 
in ein System geleitet worden. Ausgeburten und Extravaganzen, die natürlich vorkamen, 
sind auf dem Sgraffito-Fries vermieden worden. Und dies mit Recht; denn die allerdings 
in Wirklichkeit vorgekommenen Auswüchse derartiger Geschmacksrichtungen haben schon 
damals nicht zur normalen Art der Kostümierung gehört, ebenso wie spätere Jahrhunderte 
das unsere nicht für die Verkehrtheiten und übertreibungen der heutigen Gigerl, Gecken 
und Modenarren verantwortlich machen können.
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        — 53 — 
Die Gugel, vom lateinischen cucullus — Hülle, samt ihren Abarten, 
ist eine der besonders charakteristischen Erscheinungen des Mittelalters und 
steht, ihrer Konstruktion nach, Kopf, Hals und Schultern umschließend, ge— 
wissermaßen auf dem Boden des auf den Schultern aufsitzenden Kübelhelms. 
Weil ganz außerordentlich praktisch, hat die Gugel, deren Grundform man 
noch heutigen Tages kennt und schätzt, eine große Menge von Abarten schon 
damals gefunden. Das Eindringen von Nässe, sowie — was doch beim 
Herumstreifen durch das Dickicht der Wälder sonst ganz unvermeidlich ge— 
wesen wäre — das Hineinfallen von Blattwerk und sonstigen Gegenständen 
in den Raum zwischen Körper und Kleidung wurde durch die Anordnung 
der Gugel zur Unmöglichkeit gemacht. Auch gewährte dieselbe einen vor— 
trefflichen Schutz gegen die Unbilden der Witterung. Ließ die in sack— 
artiger Form zur Kapuze (caput — der Kopf, caputchen) gewordene 
Gugel — wie dies besonders in Böhmen sehr üblich war — in teils 
törichter, teils zum Zwecke der Unkenntlichmachung absichtlicher Übertreibung 
des eigentlichen Zweckes nur Augen, Nase und Mund frei, so hätte es sehr 
nahe gelegen, daß die also Verhüllten, falls der Stoff ihrer Kleidung nur 
einigermaßen dunkel war, einen finsteren, abstoßenden und unheimlichen Ein- 
druck hervorgerufen haben würden. Dies widerstrebte aber dem lustigen 
Frohsinn der Zeit und um einer solchen die volle Heiterkeit des Lebens- 
genusses beeinträchtigenden Möglichkeit zu begegnen, fertigte man diese Kopf- 
hüllen aus bunten und grellfarbigen Stoffen der verschiedensten Art. Ja, 
man benähte sie mit Glocken, Schellen und allerhand sonstigem Flitterwerk. 
Ihr oftmals in einen langen, dünnen Sack auslaufendes Zipfelende erhielt 
mitunter eine derartige Ausdehnung, daß es, den Rücken entlang baumelnd, 
beinahe bis zur Erde reichte. Grotesk waren fürwahr manchmal die Ein- 
fälle unserer Altvorderen und ihrer Zeit! Da übrigens die Gugel im Hause 
nicht getragen, dieselbe auch schließlich zum Zurückschlagen des eigentlichen 
Kopfteiles eingerichtet wurde, so blieb für das, jetzt wieder mehr lockig 
herabwallende Haar, der Schmuck früherer Perioden, in Gestalt von Reifen, 
Ringen und Kränzen. 
Eine Art von Verbindung der in jenen Jahrhunderten als bandförmiges 
Schmuckstück beliebten Sendel= oder Zendelbinde (nach dem gleichnamigen 
Seidenstoff so benannt) mit den ganz plötzlich aufgetauchten übergangsformen 
zur heutigen Mütze (die in tausenderlei Abarten erschienen und niemals 
ganz wieder verschwunden sind), zeigt die Kopfbedeckung desjenigen, der sich 
durch das bekannte schwarze Dreiblatt auf weißem Grunde als ein Carlowitz 
kundgibt. (Diese alte, aus dem Osten stammende Familie, deren Glieder 
verhältnismäßig spät im Meißnischen auftreten, nämlich am Ende des 
14. Jahrhunderts, soll mit den Herzögen von Durazzo in verwandtschaft- 
licher Beziehung stehen. Trotz ihres verhältnismäßig späten Erscheinens in 
den Wettiner Landen hat sich dieses Geschlecht bald unter die angesehensten 
der Alteingesessenen emporgeschwungen.) Die schon ziemlich bestimmt ent- 
wickelte Gestaltung, welche für Hut und Barett aller künftigen Zeiten als
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        grundlegend bezeichnet werden muß, weisen die Kopfbedeckungen der beiden 
Markgrafen Friedrich auf. An den Gewändern der Fürsten ist übrigens 
der Stoff deutlich als Brokat zu erkennen, wie er bis noch in die Re— 
volutionszeit des 18. Jahrhunderts für Prunkgewandungen üblich gewesen 
ist. Von den mancherlei verschiedenen Formen und Arten der das Haupt 
der Krieger des Mittelalters schützenden Helme, Eisenhüte, Barthauben, 
Bassineds, Saladen und Bourguinons dürfte wohl diejenige, die hier von 
Friedrich dem Strengen getragen wird, zu den unschönsten gehören. Die 
Beinschienen dieses Fürsten lassen erkennen, daß das Platteneisen für die 
Verwendung von Panzerungen an Bedeutung gewinnt und die Ketten— 
geflechte verdrängt. 
Außer Friedrich dem Streitbaren, dessen Schwert weniger ein solches 
zum praktischen Kriegsgebrauch ist, als es dasjenige des Erzmarschall-Amtes 
darstellt, und Kurfürst Moritz, der den langen Streithammer in der Hand 
hält, ist Friedrich der Strenge, der mit eisernem Willen Ordnung in den 
Wirren zu schaffen bestrebt war, welche durch die Zeitverhältnisse hervor— 
gerufen, auch auf Meißen und Thüringen lasteten, bezeichnenderweise der 
Einzige im Fürstenzuge, der mit blanker Waffe auftritt. 
Politisch-Geschichtliches. 
III. 
Ein herrlicher fürstlicher Rittersmann, angetan mit Kurhut und Kur— 
mantel, das Schwert des Reichserzmarschallamtes in der Rechten — so 
reitet Friedrich der Streitbare daher. Von 1382 bis 1428 regierend, 
als tüchtiger Heerführer weit bekannt und in über vierzig Fehden erprobt, 
ward dieser Markgraf von Meißen im Jahre 1423 von Kaiser Sigismund 
mit Land und Würde der in der Person Herzog Albrechts ausgestorbenen 
Askanier belehnt; — belehnt mit dem Herzogtum Sachsen-Wittenberg und 
dem mit demselben seit Rudolf von Habsburg verbundenen Erzmarschallamt 
samt der hierzu gehörigen Kurwürde des heiligen Römischen Reiches deutscher 
Nation. 
Zum Herzog zu Sachsen hatte im Jahre 1180 Friedrich Barbarossa den 
Herzog Bernhardt von Ballenstedt aus dem Hause Askanien erhoben; teils 
als Belohnung des Ballenstedters für dessen treue Dienste, teils aus Hohn 
auf den ihm untreu gewordenen und in die Acht erklärten alten wirklichen 
Sachsenherzog, Heinrich den Löwen. 
Der Name des alten eigentlichen historischen Sachsen an Weser und 
Unterelbe kam dadurch außer auf Lauenburg, welches diesen Beinamen 
bereits führte, auf das verhältnismäßig kleine Landgebiet des nunmehrigen 
neuen Herzogs an der Mittelelbe mit der Hauptstadt Wittenberg, den nach- 
maligen Kurkreis. Durch die goldene Bulle Kaiser Karls IV. fiel sodann
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        — 55 — 
1356 die Kurwürde an die dortigen Askanier. Nun waren dieselben aus— 
gestorben. 
Die große Hussitenbewegung in Böhmen war der Ausgangspunkt vieler 
Ereignisse; — ganz abgesehen davon, daß sie zu der festen Gestaltung des 
„Schwanes“ wesentlich beigetragen hat, der aus der Asche der 1415 zu 
Konstanz schmählich verbrannten „Gans“ aufgestiegen ist. Eine Folge der 
Hussitenkriege auch — in denen der streitbare Markgraf von Meißen mit 
Gut und Blut dem Kaiser Sigismund eine derartig wirksame Hilfe und 
Unterstützung war, daß ohne dieselbe der Ausgang mehr als fraglich gewesen 
wäre — ist das Gefühl der Dankbarkeit, welches in jenem aufstieg. Ein 
Resultat dieser Dankbarkeit aber war die übertragung der sächsischen Kur— 
würde nebst dem erledigten Herzogtum Sachsen-Wittenberg an den Wettiner 
Friedrich am 6. Januar 1423 (ähnlich wie aus gleichen Gründen diejenige 
der Kur= und Mark Brandenburg bereits 1417 an den Hohenzoller Friedrich, 
den Burggrafen von Nürnberg, gekommen war). 
Wieder und wieder mußte gegen die erregten Hussiten angekämpft 
werden und schon damals mag man an vielen Orten eingesehen haben, 
wie unklug es ist, eine Sache gewaltsam unterdrücken zu wollen, die in Herz 
und Überzeugung gutgesinnter Massen des Volkes wurzelt. Auch damals 
zeigte es sich, wie schnöder Wortbruch, wie treuloser Verrat eine böse Tat 
bedeutet, deren Fluch es ist, „daß sie fortwährend immer Böses muß gebären“. 
Warnend, aber nicht beachtet, steht es auf den Blättern der Geschichte 
geschrieben, wie blutig diese langwierigen, alle Leidenschaften des religiösen 
wie nationalen Fanatismus entfesselnden Kriege gewesen sind, durch welche 
ganze Gauen und weite Länderstrecken zur trostlosen Wüste gemacht wurden; 
Menschen erschlagen, Ortschaften eingeäschert und Saaten zerstampft worden 
waren.35) Trotz der ungewöhnlich vielen Fehden und Kriege, Schlachten und 
Gefechte, in denen Friedrich, der erste Kurfürst von Sachsen Wettinschen 
Stammes, seine „Streitbarkeit“ aller Welt kundgetan hat, ist doch aus dem 
Beinamen, der ihm mit Recht gegeben worden, nicht etwa zu folgern, daß 
nur blinde Sucht nach Kampf und Streit ihn seine Völker zur Schlachtbank 
führen hieß. Vielmehr hat er das deutsche Ritterschwert des pflichtgetreuen 
Fürsten nur deshalb mit dem Kurschwerte des heiligen Römischen Reiches 
auch außerhalb seines Wappenschildes so gar scharf in die Erscheinung treten 
lassen, weil er es für seine heilige Pflicht hielt, das zu bekämpfen, was ihm 
schädlich und schändlich schien. Nicht er allein vermutete hinter dem Deck- 
mantel frommer Begeisterung der Hussiten die allerverderblichsten sozialistischen 
Zwecke. Jene „fromme Begeisterung", die zu Anfang unleugbar vorhanden 
35) Ob der neuerdings in so bedenklichem Maße zum Durchbruch gelangende Deutschen- 
haß der Tschechen nicht etwa teilweise auf das Gedenken an die Ereignisse jener Zeit zurück- 
zuführen sei, obwohl das Parteiverhältnis zu den Religionsbekenntnissen jetzt gegen damals 
ein fast diametral entgegengesetztes ist, mag dahingestellt bleiben. Die Böhmen fochten nicht 
nur für den Glauben. Ein historischer Vortrag des Professor Dr. Richter im Dresdner 
Geschichtsverein wirft dieselbe Frage auf.
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        — 56 — 
gewesen ist, hat denn auch schließlich nachgelassen und die Roheit aus- 
gelassener Horden trat an deren Platz. — Dieselbe Erscheinung, wie sie 
200 Jahre später an den „Glauben rettenden“ Schweden zu beobachten 
gewesen ist. In einer einzigen Schlacht der Hussitenkriege, der bei Aussig 
am 16. August 1426 fiel die Blüte der Meißnisch-Thüringischen Ritterschaft, 
nachdem von derselben Wunder der Tapferkeit vollbracht worden waren, 
die aber gegen die Wut und die Wucht der Böhmen nicht aufkommen 
konnten. 
Weit über zehntausend Landeskinder aus Meißen und Thüringen 
bedeckten als Leichen die blutige Wahlstatt. Und wenn je das Wort des 
Dichters „Ein Schlachten war's, nicht eine Schlacht, zu nennen“ in Ver- 
wirklichung getreten ist, so an jenem grauenvollen Mordtage. Denn die 
mit der Zeit zu Hyänen gewordenen Scharen Prokops, den blinden Ziska 
rächend, hatten ihre Drohung, keinem einzigen Gegner das Leben zu schenken, 
dessen sie habhaft werden könnten, „Gefangene nicht zu machen“, auf den 
Punkt erfüllt. Fünfhundert gekrönte Helme und zwölf Grafen lagen, wie 
der Bericht sagt, unter den Opfern in erster Reihe. Kaspar von Schönberg, 
Herr auf Reinsberg, fiel mit seinen fünf Söhnen auf einer und derselben 
Stelle. Vom Geschlechte der von Köckeritz blieben zwölf Sprossen auf dem 
Felde der Ehre. Ahnliches betraf die Pflugk, die Gersdorff, die Miltitz, 
und keine einzige Meißnische Familie gab es, die nicht in Mitleidenschaft 
gezogen worden wäre. Ein Gleiches gilt von den Thüringern. Vierhundert 
Bürger von Langensalza, Spartaner im edelsten Sinne, lagen hingestreckt 
um das Banner ihrer Stadt — ein Bewunderung einflößender Leichen- 
haufen, und Johann Welzing, Hauptmann der Gothaer, opferte sich umsonst 
auf, die an deren Spitze gefallenen Grafen von Gleichen zu rächen. 
So war das gekrenzte Doppelschwert, das Schildzeichen des Reichs- 
erzmarschalls, sofort bei der Übernahme durch den streitbaren Wettiner von 
rauchendem Blute rot gefärbt, in treuester Pflichterfüllung für Kaiser und 
Reich, im Sinne Sigismunds, des Oberlehnsherrn. 
Naturgemäß brachte die Kurwürde erhöhte Pflichten, aber auch erhöhte 
Rechte. War z. B. die den nunmehr kurfürstlichen Kanzleien zustehende 
Befugnis, mit rotem Wachs zu siegeln, nur eine an sich mehr äußerliche 
Ehrung, so barg doch die mit diesem Rechte verbundene Befreiung der 
kurfürstlichen Rechtssprüche von der um Gutheißung bittenden Vorlegung 
vor das Königsgericht eine tiefe Bedeutung in sich; als eine neue Etappe 
auf dem Wege zur unabhängigen Landeshoheit. Der Name Sachsen — 
von dem Herzogtum überkommen, mit welchem die Kurwürde verbunden 
war — verbreitete sich allmählich über alle Wettinschen Besitzungen, dieselben 
von nun an unter diesem einen Namen zusammenfassend.“5) 
  
36) Daß streng von Rechts wegen der Bevölkerung von Meißen und Thüringen dieser 
ursprünglich an der Nordsee heimische Name „Sachsen“ nicht gebühre, ward schon erwähnt. 
Aber das Recht ist sächsisch.
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        — 57 — 
Wie der Name Sachsen auf die Gebietsteile des Hauses Wettin über— 
ging, so nahm hinfort auch das mit dem Schwerterschilde des Erzmarschall- 
tums verbundene Wappen der Askanier — der schwarzgoldene Balkenschild 
von Ballenstedt (Balkenstedt), belegt vom grünen Rautenkranze — als 
sächsisches Wappen den Vorrang vor allen bisher zusammengekommenen 
Schilden der Wettiner ein,3) überflügelte also die Landsberger Pfähle (blau 
in Gold), den Meißner Löwen (schwarz in Gold) und den Löwen von 
Thüringen (rotweiß-gestreift in Blau). 
Aber nicht nur Kriegsruhm umgab den streitbaren ersten Kurfürsten 
von Sachsen. Mit seinem Bruder Wilhelm zusammen, der inzwischen ge- 
storben war, hatte derselbe bereits im Jahre 1409 die Universität zu Leipzig 
gegründet, in welcher von Anbeginn der Wettinschen Herrschaft an mit 
Freiheiten und Privilegien aller Art begnadeten Stadt durch Dekret Friedrichs 
des Ernsthaften 1327 die wendische Sprache abgeschafft war und im amt- 
lichen Verkehr nur noch deutsch geredet werden durfte, auch sehr bald in 
der gesamten Bürgerschaft nur deutsch gesprochen wurde.“s) Otto von Münster- 
berg eröffnete am 4. Dezember 1409 als Rector magnificus die lange Reihe 
hochgelehrter und berühmter Männer, an deren schönes Ende gegenwärtig sich 
Herr Professor Dr. Wach geschlossen sieht. Der jeweilig regierende Landesherr 
aber bekleidet seit nun beinahe einem halben Jahrtausend die Würde eines 
Rector magnificentissimus. — Wieder ein Band mehr, welches Fürst und 
Volk verbindet. Was Böttiger in seiner Geschichte Sachsens über die Gründung 
37) Als im Jahre 1180 Graf Bernhardt von Askanien durch Kaiser Friedrich I. mit 
dem Herzogtum (oder in diesem Falle vielleicht treffender gesagt, der „Herzogschaft“) Sachsen 
belehnt worden war, hatte derselbe das Stammwappen seines Hauses, nämlich Ballenstedt, 
beibehalten. Doch verlieh ihm der Kaiser als ein Abzeichen auf dasselbe den bekannten 
grünen „Rautenkranz“. über diesen und daß er möglicherweise mehr im allgemeinen ein 
Rutenkranz, das heißt ein Kranz von Zweigen sein und mit der Rauten pflanze direkt 
nichts zu tun haben dürfte, habe ich an anderen Orten geschrieben. Das Wappenzeichen 
des geächteten und „erledigten“ Herzogs von Sachsen ward dem Ballenstedter nicht beigegeben. 
Dasselbe blieb auch ferner bei den Nachkommen Heinrich des Löwen und bildete dann das 
Wappen von Braunschweig-Lüneburg. 
38) In der Bestätigungsbulle Papst Alexanders für jene, nach Prager und Pariser 
Vorbild errichtete Hochschule werden als Vorzüge für dieselbe die Lage in der Stadt Lipzk 
gerühmt, eines volkreichen, geräumigen Ortes unter freundlichem Himmel, mit allem Nötigen 
von Gott vorzüglich gesegnet und mit Einwohnern, die als besonders artige und wohl- 
gesittete Leute bekannt sind. Was den sächsischen Volkscharakter anlangt, so ist durch den 
burlesken Gassenhauer „Nicht zu nördlich, nicht zu südlich, Nee, das ist doch zu gemütlich" 
die weitbekannte und rühmenswerte sächsische „Gemütlichkeit“ in ein schiefes Licht gesetzt 
worden. Würde man anstatt des Wortes „gemütlich“, welches da und dort als eine Art 
Umschreibung von „indolent“ in Verruf gekommen ist, den Ausdruck „gemütvoll“ setzen, 
so wäre damit der Nagel auf dem Kopfe getroffen. Ungefähr dieselben Betrachtungen lagen 
dem Vortrage des Literaten Kirchbach zu Grunde, in welchem letzterer im Februar 1898 
über „Sachsens Vorzüge“ im Sachsenverein zu Berlin gesprochen hat, einer unter dem 
Protektorate des sächsischen Gesandten Grafen Hohenthal und dem Vorsitze des Schriftstellers 
Georg Zimmermann stehende patriotische Vereinigung sächsischer Landeskinder in der großen 
Zentrale des gemeinsamen deutschen Vaterlandes.
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        dieser Universität sagt, dürfte gern gehört werden: „Es war eine großartige 
Erscheinung mitten in den unzähligen Fehden, in der Barbarei des Faust— 
rechtes, in dem Ringen des Bürgertums mit der Feudalaristokratie, eine 
Hochschule aufblühen zu sehen, welche, eine Pflanze des Friedens, jenes 
streit- und turnierfreudige Rittertum, aber auch die Blüte und Größe der 
Städte lange überlebt hat; eine Eiche, an welcher bald fünf Jahrhunderte 
mit ihren Generationen, mit ihren Stürmen und ihrem Sonnenschein, mit 
Krieg und Frieden vorübergegangen sind. Der Blitz hat sie oftmals ge— 
troffen, nie gebrochen.“ Am 4. Januar 1428 starb Friedrich der Streitbare. 
Sein Leichnam, der, um den Nachstellungen der Hussiten zu entgehen, erst 
an anderen Stellen gesichert worden war, ist der erste eines Wettiners, welcher 
in der von ihm erbauten Fürstengruft des Domes zu Meißen bestattet 
wurde. Ihm folgte im Kurlande sein ältester 1412 geborener Sohn 
Friedrich der Sanftmütige (1428 —1464), welcher in der ersten 
Zeit in den übrigen Ländern mit seinen drei Brüdern Sigismund, Heinrich 
und Wilhelm gemeinsam regierte. 
Zwei Tage vor seinem Tode hatte Friedrich der Streitbare seine ge- 
treuen Räte und diejenigen Söhne, die anwesend waren (Sigismund und 
Heinrich befanden sich gerade in Braunschweig zum Besuche ihres dortigen 
Oheims, des Bruders ihrer Mutter), um sein Lager versammelt und folgende 
schönen Worte gesprochen, von denen nur zu wünschen gewesen wäre, daß 
man sie immer und allezeit erfüllt hätte. Der sterbende Kurfürst sagte: 
„Liebe Söhne, Zeit und Stunde ist gekommen, daß ich aus diesem sterblichen 
Leben zum unsterblichen abwandere. Mein Abschied fällt ja unzeitig, wegen 
des böhmischen Krieges, man muß aber dem göttlichen Willen, der niemals 
anders als gut ist, alles heimstellen. Lasset Ihr nun dieses Eure Sorge 
sein, daß Ihr das Vaterland bei Frieden erhaltet. Und solches wird, wie 
ich mich berede, leicht geschehen können, wenn Ihr in der Furcht Gottes, 
auch in brüderlicher Liebe und Eintracht lebet, die Untertanen treulich schützet 
und ihr Bestes fördert. Darum vermahne ich Euch mit allem Ernst, daß 
Ihr bei dem jetzt entstandenen Glaubensstreit frommer und gelehrter Leute 
Unterricht höret, um ein Urteil haben zu können. Nehmet ECuch ja nicht 
zu Räten an, die ehr= und geldgeizig sind und von dem Regimente sich zu 
bereichern begehren. Beschweret nicht die Untertanen mit neuen Bürden 
und Anlagen. Wollt Ihr einen zur Wohlfahrt fördern, so tut's ohne 
Unterdrückung des anderen. Mit dem Adel verfahret also, daß Ihr sie 
geneigt und Euch zu Willen habt. Keine Übeltat lasset ungerochen und 
ungestraft hingehen; wo aber Hoffnung auf Besserung ist, da lasset die 
Nachsicht und Verzeihung Platz finden. Verdient jemand Eure Ungnade, 
so bedenket, daß man im Zorn Maß halten müsse. Zu den Waffen greifet 
nicht eher, als wenn es die höchste Not erfordert. Gegen Eure Untertanen 
erzeiget Euch als Väter und nicht als Wüteriche oder Tyrannen, vor welchen 
die Natur selbst einen Abscheu hat. Ein mutwilliges Kriegsanheben führt 
nur zu Schaden. Seid gerecht und steht auf der gerechten Seite. Seid
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        — 59 — 
einträchtig, das wird Euch eine feste Mauer sein gegen feindlichen überzug, 
der nicht fern von Euch ist. Du mein Sohn Friedrich erhalte Dich also 
bei der Kurwürde, wie Du es von mir gesehen, damit Du dem Reiche lieb 
und wert seiest. Du aber mein Sohn Wilhelm verehre diesen Deinen 
älteren Bruder, das wird Dir zur Ehre und zum Besten gereichen. Ach, 
liebe Söhne, fasset diese väterliche Vermahnung wohl zu Herzen und Ge- 
dächtnis, lasset Euch ja durch nichts trennen oder streitig machen. Und 
dieses werdet Ihr mir jetzt in die Hand versprechen."“ 
Gerade derjenige der Brüder, nämlich Wilhelm, der bei des Vaters Tode 
noch in sehr jugendlichem Alter gestanden hatte und von dem man hätte an- 
nehmen sollen, daß jene Worte einen besonders tiefen, nachhaltigen Eindruck 
auf sein Kindesherz gemacht haben müssen, wurde in der Folge der Urheber un- 
seliger Zwistigkeiten. Während der ersten Jahre hielten aber die vier Brüder, 
unter Vormundschaft ihrer Mutter Katharina von Braunschweig, zusammen. 
Nachdem indessen Heinrich gestorben und Sigismund geistlich geworden war 
(er trat in das Kloster zu Weida), gingen 1436 die beiden Brüder Friedrich 
und Wilhelm eine interimistische Teilung auf vorläufig neun Jahre ein. 
Inzwischen tobte in ungebrochener Leidenschaft mit wechselndem Waffenglück 
der die Länder verwüstende Krieg weiter, bis das Konzil zu Basel 1433 
den Hussiten eine besondere Landeskirche zugestand. 
Wie ein ins Wasser geworfener Stein einen Wellenkreis bildet, der, 
je kräftiger der Wurf war, um so entferntere Teile in Mitleidenschaft bringt, 
so kann man dies in ähnlicher Weise an den Bewegungen beobachten, die 
durch den Feuertod des unglücklichen und ungerecht geopferten Prager 
Universitätslehrers herauf beschworen worden waren. Unter den in der 
Schlacht bei Aussig Gefallenen hatte sich auch der letzte Burggraf von 
Meißen aus dem Hause Hartenstein befunden. Das Burggrafentum war 
mithin erledigt. Früheren Abmachungen zufolge nahm Kurfürst Friedrich 
davon Besitz, während der Kaiser einen Vetter des Gefallenen, den Grafen 
Heinrich von Plauen, vorläufig als Burggrafen einsetzte, bis nur wenige 
Jahre später die gesamte Meißner Burggrafschaft nebst Titel und Wappen 
(einem schwarzen Andreaskreuz in Gold) an das Wettinsche Kurhaus 
Sachsen kam. 
Während jener Zeit, während welcher Heinrich von Plauen die Burg- 
grafschaft inne hatte, war die zu derselben gehörige Burg Frauenstein durch 
den dort als Befehlshaber eingesetzten Dietrich von Vitzthum zu einem Unter- 
kunftsorte solcher Böhmen herabgewürdigt worden, die — an Sengen, Rauben 
und Brennen gewöhnt — auch nach Beendigung des Krieges dieses ihr un- 
edles Gewerbe weiterhin auszuüben trachteten. Bedauerlicherweise leistete 
Vitzthum diesen Mordgesellen nicht nur Vorschub, sondern machte sogar mit 
ihnen gemeinsame Sache. Um dem Unwesen zu steuern, belagerte Kurfürst 
Friedrich jene Burg, nahm sie ein, zerstörte sie und ließ den von Vitzthum 
nach Urteil und Recht auf offenem Marktplatze enthaupten. Dieses blutige 
Ereignis wiederum hat zum Ausbruche des unseligen sächsischen Bruderkrieges
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        sehr wesentlich beigetragen. Denn das Geschlecht der Vitzthume strebte 
danach, den — obwohl genugsam verdienten — Tod eines der Ihrigen zu 
rächen. Während jetzt die Vitzthum zu den Getreuesten gehören, hatte 
sich damals vor allem Apel von Vitzthum, von Haß gegen den Kurfürsten 
erfüllt, geradezu zu einem bösen Dämon seines Herrn herausgebildet, 
indem er dessen Unzufriedenheit mit der Länderteilung geflissentlich nährte 
und zu immer größerer Erbitterung anfachte. Auch einen Schiedsspruch des 
Kurfürsten von Brandenburg, des Landgrafen von Hessen und des Erz- 
bischofs von Mainz ließ der von seinen Räten irre geleitete Herzog un- 
beachtet. Nachdem der ältere Bruder Kurfürst Friedrich bis an die äußerste 
Grenze der Nachgiebigkeit gegangen war, brach im Jahre 1450 der Krieg 
aus und verwüstete aufs neue die Länder, von denen man wohl den Aus- 
druck wagen kann, daß sie noch von Blut trieften aus den Wunden, die 
ihnen die Hussitenkriege geschlagen hatten. Trotz seiner Neigung, bösen Rat- 
gebern Gehör zu schenken, war der wilde und egoistische Wilhelm doch sehr 
herrschsüchtig; in vielen Beziehungen erinnert er an den entarteten Albrecht. 
Gleich jenem hatte er in hartherziger, schmählichster Weise seine Gemahlin, 
und zwar merkwürdigerweise ebenfalls eine Königstochter (Anna, Tochter 
Albrechts II.), verstoßen und ins Elend getrieben. Ebenso wie jener, um 
einer nicht sowohl blendend schönen wie außerordentlich frechen „Dame“ 
willen — Katharina von Brandenstein, verwitwete von Heßberg, die er 
später heiratete. Eine gewisse irdische Vergeltung seiner Schändlichkeiten 
mochte Herzog Wilhelm darin erblicken, daß er sich durch eigene Schuld, 
nämlich das empörende Benehmen gegen seine Gemahlin Anna, um das 
Königreich Böhmen gebracht sah, welches sonst vielleicht nach dem Tode 
König Ladislaws, Annas Bruder, an ihn gefallen wäre. Friedrich dagegen, 
dessen Ehe mit Margarethe von OÖsterreich eine überaus 30) glückliche gewesen 
ist, war die Sanftmut selbst. Kennzeichnend ist der bekannte Ausspruch 
dieses Kurfürsten, als gelegentlich der Belagerung von Gera sein Feldhaupt- 
mann Herrmann von Harras ihm den Vorschlag machte, durch einen ge- 
schickten Büchsenschützen den Herzog Wilhelm totschießen zu lassen. Man 
hatte nämlich denselben auf dem Walle bemerkt und allerdings würde durch 
solch ein gewaltsames Zerhauen des gordischen Knotens unzweifelhaft dem 
Kriege und dem Blutvergießen ein Ziel gesetzt worden sein. „Schieße wen 
Du willst, nur meinen Bruder nicht“ war Friedrichs Antwort. Dieselbe 
hatte aber doch den Erfolg, daß Wilhelm, als ihm diese Worte unverdienter 
Bruderliebe hinterbracht worden waren, dem Frieden zuneigte; der denn 
auch — nachdem die Länder arg genug verwüstet worden waren — am 
27. Januar zu Pforta geschlossen wurde. Ein befriedigender Zustand trat 
39) Kurfürstin Margarethe, eine der anziehendsten und edelsten Frauengestalten des 
Mittelalters und Stammmutter beider sächsischen Regentenlinien — der ernestinischen und 
albertinischen —, hatte das Glück, bevor sie hochbetagt am 6. Februar 1486 auf dem Schlosse 
zu Altenburg starb, die Zahl ihrer direkten Nachkommen auf 48 angewachsen zu sehen. 
Unter ihren Enkelkindern sah sie drei Kurfürsten, zwei Erzbischöfe und eine Königin.
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        — 61 — 
endlich ein, doch die Streitigkeit mit Kur-Brandenburg wegen der Nieder— 
lausitz bildete noch immer, wie man zu sagen pflegt, einen wunden Punkt. 
Die neueste Wandlung in dieser Sache bestand darin, daß dieses Landgebiet, 
welches von König Sigismund an die Herren von Polenz verpfändet worden 
war — welche daraufhin den Titel Landvögte erhalten hatten —, sich aufs 
neue in Brandenburgischen Händen befand. 
Auf dem Gemälde des Fürstenzuges reitet Friedrich der Sanftmütige 
inmitten seiner Söhne Ernst und Albert. Die Geschichte des Raubes 
dieser beiden Prinzen seitens des Ritters Kunz von Kauffungen und die Be— 
freiung derselben durch den Kohlenbrenner Georg Schmidt wird von letzterem 
(der seine Waffe, den Schürbaum, triumphierend in der Hand hält) seinen Be— 
gleitern erzählt. Konrad von Kauffungen (Kunz ist die landläufige Abkürzung 
dieses Vornamens), des Kurfürsten Hofmarschall und Schloßhauptmann, ein 
erfahrener Krieger und angesehener Ritter, hatte sich jederzeit durch Klug— 
heit und Geschicklichkeit hervorgetan. Ebenso wie seine übrigen Standes- 
genossen hatte auch er, als getreuer Vasall, Blut und Gut im Dienste seines 
Herrn nicht gescheut. Abgesehen von anderem beträchtlichen Schaden an 
Rossen, Waffen und Mannschaft sowie der Tatsache, daß er ein hohes Löse- 
geld hatte zahlen müssen, um aus der Gefangenschaft zu kommen, in die er, 
zusammen mit dem Feldobersten Niklas Pflugk, vor Gera geraten war, 
waren, gleich so manchen anderen Burgen der treu aushaltenden ritterlichen 
Lehensleute, auch Kauffungens Besitzungen durch den Krieg vollständig ver- 
wüstet, so daß der Kurfürst ihm bis zur Wiederaufrichtung der betreffenden 
Burgen und Häuser die Schlösser Kriebstein und Schweikershain einräumte. 
Dieselben ohne Gegenleistung einer höheren, als vom Kurfürsten angesetzten 
Summe wieder herauszugeben, weigerte sich indessen der von Kauffungen 
und, ohne den Spruch eines in dieser Frage eingesetzten Schiedsgerichtes 
abzuwarten, beschloß er, durch ein gewaltsames Mittel seinen Landesherrn 
zur Nachgiebigkeit zu zwingen. Mit Beihilfe der Herren von Schönfels, 
von Mosen und von Schweinitz, sowie des ebenfalls verräterischen Küchen- 
jungen Hans Schwalbe, welcher durch eine herabgelassene Strickleiter den 
Aufstieg und das Herabkommen ermöglichte, raubte Kunz die beiden Söhne 
des Kurfürsten aus dem Schlosse zu Altenburg. Seine Kaltblütigkeit war 
so groß, daß er ruhig den Aufstieg noch einmal vollzog, um den jungen Grafen 
von Barby, der in der Eile mit dem zwölfjährigen Prinzen Albert ver- 
wechselt worden war, gegen diesen auszutauschen. Dieser Prinz wurde durch 
den wackeren Köhler Georg Schmidt befreit, der den, nach scharfem Ritt 
im Walde lagernden Kauffungen und seinen Knappen mit dem Schürbaum 
arg zusetzte; und Prinz Ernst ward von den Genossen des Raubes späterhin 
freiwillig ausgeliefert. Selbstverständlich hat sich Kunz von Kauffungen 
durch Ausübung dieses Bubenstückes ins Unrecht versetzt und es kann und 
soll das nicht beschönigt werden. Er büßte seinen Frevel dadurch, daß ihm 
auf dem Marktplatze zu Freiberg der Kopf abgeschlagen wurde. Ein ge- 
meiner Räuber im gewöhnlichen Sinne eines „Schinderhannes“ ist er aber,
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        — 62 — 
bei aller Anerkenntnis der elenden Schändlichkeit seines Tuns, immerhin 
nicht gewesen. Möglicherweise hat seine Tat auch einen politischen Hinter— 
grund gehabt und der König von Böhmen derselben vielleicht nicht ganz 
fern gestanden, in dessen Lande sich die beiden Brüder Vitzthum aufhielten 
und Kauffungen das Schloß Eisenberg erworben hatte. 40) 
Friedrich des Sanftmütigen (7 1464) Regierung hatte dadurch einen 
großen Schritt zur weiteren Entwickelung der landständischen Verfassung 
getan, daß an Stelle der bisherigen „Bede“ — das heißt der von Fall zu 
Fall jedesmal neu ausgesprochenen Bitte des Landesherrn an Stände und 
Untertanen, im Falle der Not und bei besonders zwingenden Umständen, 
zur Befriedigung der Staatsbedürfnisse, pflichtmäßig Beihilfe zu gewähren — 
außer der Kopfsteuer regelmäßige Abgaben von allen Verbrauchsgegenständen 
nach einem bestimmten Satze eingeführt wurden. (Ziese = Accise.) Auch 
nahmen von dieser Zeit an die Städte des Landes an den Beratungen 
regelmäßig teil. 
Friedrichs ältester Sohn, Ernst, der dem Vater in der Kurwürde 
folgte und dem daher die mit derselben unzertrennlich verbundenen Gebiets- 
teile, das sogenannte Kurland, zugefallen war, regierte von 1464 bis 1486; 
zuerst mit seinem Bruder Albert in Gemeinschaft. Neben beiden herrschte 
deren Oheim Wilhelm in Weimar, bis nach dessen Tode auch dessen Anteil 
ihnen zufiel. 
Trotz des entgegengesetzten Beispiels, welches gerade jetzt, nämlich 1473 
Kurfürst Albrecht Achilles mit der Dispositia Achillea über die Un- 
teilbarkeit der Mark Brandenburg gegeben hatte und entgegen den Gesichts- 
punkten der gerade in Bezug auf Teilungsfragen Gutes anregenden goldenen 
Bulle, teilten sich in dem verhängnisvollen Vertrag von Leipzig am 
26. August 1485 die beiden Brüder in ihr Erbe, wodurch die — seitdem 
nie wieder vereinigten — Linien des wettinisch-sächsischen Hauses entstanden: 
Die Ernestinische und die Albertinische. Ernst, der Kurfürst, erhielt den 
Kurkreis Wittenberg und Thüringen; Albert, der Herzog, bekam Meißen 
mit der Hauptstadt Dresden und Nord-Thüringen. Von dem sogenannten 
Osterland erhielt ein jeder die Hälfte. So sagte die Bestimmung wenigstens 
in großen Zügen. In klarer Voraussicht und in banger Einsicht der nur 
zu bald und nur zu empfindlich als richtig sich herausstellenden Befürchtung, 
daß schwere, niemals wieder gut zu machende Schäden dem Hause Wettin 
und dessen Landen aus einer solchen Teilung erwachsen würden, hatte sich 
40) Auch die Aufreizung zu dieser nichtswürdigen Selbsthilfe und Schädigung des 
Kurfürsten an dessen eigenem Fleisch und Blut, war von den in Haß beinahe erstickenden 
Gebrüdern Apel und Busso von Vitzthum ausgegangen. Gustav Freytag (vom Mittelalter 
zur Neuzeit) sagt in Betreff jener Affäre: Als Kunz von Kauffungen, der sich so redlich 
gehalten, daß männiglich ihn lieb hatte, wegen seiner Verbindung mit den Vitzthum, dem 
Kurfürsten von Sachsen Fehde ankündigte, tat er nichts, was nach der Meinung seiner 
Genossen ein Unrecht war; auch die Form der Ankündigung, welche in Sachsen für un- 
ehrlich erklärt wurde, war nicht anders als sie in hundert anderen Fällen ungestraft geübt 
wurde.
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        — 63 — 
Herzog Albert jenem unheilvollen Gedanken widersetzt, solange es ihm 
nur möglich war. An Bevölkerungszahl und wirtschaftlicher Leistungs- 
fähigkeit waren die Wettiner Lande denen der Hohenzollern weit überlegen; 
denen der Habsburger, die damals Böhmen und Ungarn noch nicht besaßen, 
mindestens gleichwertig. Der jüngere der Wettiner Brüder mochte, wie in- 
stinktiv die Mehrzahl der getreuen Untertanen, wohl einsehen, daß und wie 
dieses günstige Verhältnis durch einen Federstrich in ein ungünstiges ver- 
wandelt werden konnte — ja mußte. Die Schwächung des Hauses Wettin 
mußte um so verhängnisvoller werden, als nicht nur die direkte Macht des- 
selben, sondern auch seine indirekte Machtsphäre aufs empfindlichste leiden 
mußte, gerade auch letztere aber nicht zu unterschätzen war; ja für eine 
weitsichtige Politik hätte als unersetzlich gelten müssen.) 
Der jüngere Bruder, Albert, auch Albrecht genannt „der Beherzte“, 
regierte über den ihm zugefallenen Landesteil von 1485 bis 1500. Er, 
der Stammvater der jetzt Königlichen Linie, zu dessen Ehre im Jahre 1850 
König Friedrich August den Albrechtsorden stiftete, war einer der be- 
rühmtesten Helden seiner Zeit und leistete, zusammen mit dem gleichnamigen 
Kurfürsten von Brandenburg, durch hervorragende kriegerische Umsicht, Klug- 
heit und Entschlossenheit dem von allen Seiten hart bedrängten Reiche un- 
schätzbare Dienste. Als „des Kaisers und des Reiches gewaltiger Marschalk 
und Bannermeister“, wie ihn voll Dankgefühl Friedrich III. nannte, focht 
Albertus animosus in rühmlichster Weise gegen Karl den Kühnen von 
Burgund, gegen Mathias von Ungarn, gegen die Niederländer und gegen 
die Friesen. Der jugendliche Kaiser Maximilian (des Reiches letzter Ritter), 
durch dessen Heirat mit der Erbtochter Maria von Burgund der Frieden 
wenigstens nach Süden hin gesichert war, nahm den sächsischen Hektor (das 
Seitenstück zum brandenburgischen Achilles) unter die Ritter vom goldenen 
Vließ auf (zu denen nur hervorragende Fürsten gehörten) und verlieh ihm 
die, freilich mit vielen Dornen verbundene, Würde eines erblichen Gubernators 
über Friesland. Sein Sohn Heinrich, den Albrecht zum Vizestatthalter 
einsetzte, brachte außerdem durch allerhand Unbilligkeiten und unkluge Maß- 
regeln die Friesen — die eine eiserne Kette, an der er aufgehangen werden 
  
41) Des großen Fehlers, den die Wettiner durch das Aufgeben ihrer einheitlichen 
Machtstellung begingen, bedienten sich denn auch deren — wenn man so sagen darf — 
Konkurrenten, die Hohenzollern, weidlich zu ihren Zwecken, die sich damals besonders um 
Erlangung des übergewichtes an Saale und Elbe handelten. Erich Brandenburg, Privat- 
dozent an der Universität Leipzig, sagt denn auch hierauf bezüglich sehr treffend: „Verlauf und 
Ausgang des Kampfes um Magdeburg zwischen Wettinern und Hohengollern ist für die 
Weiterentwickeluug der politischen Verhältnisse Norddeutschlands entscheidend gewesen. Nicht 
nur um die wirtschaftliche Beherrschung der Mittel-Elbe wurde gerungen, obwohl darin das 
unmittelbare Motiv für die leitenden Staatsmänner jener Tage lag, sondern es begann 
schon damals, wie nur der Zurückschauende erkennt, der Kampf zwischen Brandenburg und 
Sachsen um die führende Stellung in Norddeutschland. Magdeburg in den Händen der 
Wettiner — läßt sich ein stärkeres Hindernis für die Ausbreitung der Machtsphäre des 
Hauses Hohenzollern über den Westen Norddeutschlands denken?“
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        — 64 — 
sollte, ihm zum Hohn übersandt hatten — zur offenen Empörung und ver— 
scherzte so dem Hause Wettin jenes einflußreiche Amt. Allerdings wären 
vielleicht auch die verfügbaren Geldmittel des Fürsten nicht groß genug 
gewesen, um auf die Dauer einen Posten halten zu können, der nach jeder 
Richtung hin außerordentlicher Aufwendungen bedurfte. Unter Albrechts 
Friedenswerken sind die hervorragendsten der Bau der Albrechtsburg zu 
Meißen und des Domes zu Freiberg, zwei Perlen der Architektur, die noch 
heute allenthalben gerechte Bewunderung erregen. Von dem Böhmenkönige 
Georg Podiebrad, dem Vater seiner Gemahlin, erhielt er im Jahre 1466 
die Belehnung mit Plauen und dem Vogtlande Plauenschen Teiles, dem 
bisherigen Besitz des, schon einmal erwähnten Heinrich, gewesenen Burg- 
grafen von Meißen. Wie die Zusammensetzung und Kompetenzregelung der 
Beamtenschaft des Landes und die Verwaltung, sowie Rechtsprechung, so 
auch hatte unter Ernst und Albert das Münzwesen eine Neuregelung er- 
fahren. Bereits Friedrich der Gebissene hatte 1307 an Stelle der alten 
dünnen Brakteaten, nach Vorbild der Prager Münze, Heller und Grossi 
oder Dickpfennige (Groschen) schlagen lassen, wobei 20 Meißner Groschen 
einem Reichsgulden gleich kamen. Im Jahre 1490 wurde der Meißner 
Gulden, zu 21 Groschen, eingeführt. Bei einem solchen Aufschwung der 
landesherrlichen Stellung gewann auch das Bestreben der Landesfürsten 
und der weltlichen Behörden an Boden, welches schon seit dem Baseler 
Konzil bei Regelung der hussischen Reformgedanken einzusetzen begonnen 
hatte: das Bestreben nach einer gewissen Selbständigkeit der Kirche inner- 
halb der einzelnen Länder, unter Anlehnung an die schirmende und teilweise 
berufende weltliche Gewalt. Kaemmel in seinem „Gang durch die Geschichte 
Sachsens“ drückt dies in den Worten aus: „Die Gründung einer deutschen 
Nationalkirche war (schon Mitte des 15. Jahrhunderts) mißlungen, weil 
eine kräftige Reichsgewalt nicht mehr bestand; aber die landesherrliche 
Schließung der fürstlichen Territorien bereitete sich vor, weil hier eine 
wirkliche Staatsgewalt sich zu bilden begann.“ 
Auf der Rückkehr von Friesland, woselbst er den in der Burg Franecker 
eingeschlossenen und hart bedrängten Heinrich befreit hatte, hauchte Albertus 
animosus am 12. September 1500 zu Emden seine Heldenseele aus. 
Seine edle, fromme, von werktätiger Hilfsbereitschaft stets durchdrungene 
Gemahlin Zedena oder Sidonie von Böhmen, Tochter des zum König von 
Böhmen gekrönten, berühmten Hussitenführers Georg von Podiebrad, über- 
lebte ihn auf ihrem Witwensitze, dem Schlosse zu Tharandt, noch zehn 
Jahre. Zum Andenken an diese vorbildliche Fürstin und Stammutter der 
Albertinischen Linie des Hauses Sachsen hat König Johann 1870 den 
Sidonienorden gestiftet, als Auszeichnung für Verdienste von Frauen und 
Jungfrauen um Werke christlicher Barmherzigkeit. 
Bevor — da mit dem Fürstenzuge in Dresden, der Hauptstadt der 
Albertiner, die Geschichte dieser Linie im Bilde vorgeführt werden 
soll — Albrechts Söhne, Georg der Bärtige und Heinrich der Fromme,
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        — 65 — 
auf dem Gemälde erscheinen, gelangen sehr richtigerweise erst die Nach— 
kommen des Kurfürsten Ernst zur Darstellung, soweit sie Träger der Kur— 
würde gewesen sind, bis dieselbe an die Albertinische Linie übergegangen ist. 
Sie reiten in einer Gruppe: Friedrich der Weise, Johann der Be— 
ständige und Johann Friedrich der Großmütige. Die Namen dieser 
Ernestiner sind, wie genugsam bekannt, mit der Geschichte der Reformation 
in Deutschland, als deren Förderer und Schirmherren, aufs innigste 
verbunden. 
Friedrich der Weise, 1486— 1525, Sohn des Kurfürsten Ernst 
— hochgebildet, wahrhaft fromm, streng gerecht, von allen Parteien gleich- 
mäßig geliebt, verehrt und geachtet — ward zu wiederholten Malen zum 
Reichsvikar (Stellvertreter des Kaisers während eines Interregnums) be- 
rufen und erhielt nach Maximilians Tode 1519 einmütig die deutsche Kaiser- 
krone angeboten, die er indessen, das Vertrauen in sich selbst und in seine 
Hausmacht allzu gering ansetzend, ausschlug. 
In den Wissenschaften umfassend ausgebildet, den schönen Künsten, 
besonders der Musik, mit Begeisterung ergeben, dabei von tief religiösem 
Gemüte, konnte es nicht anders sein, als daß Kurfürst Friedrich, der 
von hoher Stelle aus wohlwollend das Größte wie das Kleinste im Auge 
hatte, einen außerordentlich großen Einfluß auf seine Zeitgenossen ausübte. 
Er war außerdem auch in ritterlichen übungen dergestalt bewandert, daß er 
mit Maximilian ein Rennen glücklich bestand; er hatte die schönsten und 
erhebendsten Sprüche aller Schriftsteller eigenhändig aufgezeichnet und 
als Wandschmuck seines Zimmers angebracht, auf daß er allezeit gute 
Lehren und trostreiche Mahnungen vor Augen habe. Beinahe als eine 
logische Notwendigkeit der Entwickelung muß man es auch bezeichnen, daß 
— angesichts der Tatsache, daß Leipzig mit seiner berühmten Hochschule 
zum Albertinischen Teil gekommen war — ein so gearteter Fürst wie 
Friedrich der Weise, den Wunsch hatte, auch in seinen Landen einen 
Mittelpunkt der Gelehrsamkeit zu haben. So entstand die Universität 
Wittenberg; durch päpstliche Bulle bestätigt 1502. Der hochherzige Stifter 
setzte seinen ehemaligen Lehrer, Dr. Pollich, zum ersten Rektor ein; während 
bald Männer wie Martin Luther und Philipp Melanchthon die Lehrstühle 
zierten. Auch Mülich und Kemmerlein waren berühmte Kräfte an dieser 
Pflanzstätte der Wissenschaft. Friedrichs Sympathie für Luther, den er 
übrigens nicht ein einziges Mal persönlich gesprochen hat, beruhte im ersten 
Anfang auf einer Art verletzten Fürstenstolzes; über die Zumutung empört, 
einen seiner Untertanen, ohne befragt worden zu sein und ohne daß eine 
eingehende Untersuchung gegen denselben geführt worden wäre, zu bestrafen 
und gefangen nach Rom einliefern zu sollen.42) 
42) Auch die späterhin vom Kurfürsten angeordnete Entführung Luthers durch Johann 
von Berlepsch und Burkhardt Hund bei Schweina unweit Eisenach in die Sicherheit der Wart- 
burg, um dort dem Getriebe der Welt entrückt zu sein, dürfte nicht ganz allein in der Vorsorge 
um des kühnen Reformators Leben seinen Grund gehabt haben. Es erscheint übrigens —
        <pb n="84" />
        Je mehr sich aber der aller Mißwirtschaft in Kirche wie in Staat 
abholde Kurfürst mit den Schriften, Lehren und Behauptungen dieses seines 
berümtesten Untertanen vertraut machte, um so mehr und mit um so größerem 
Bewußtsein, ja inneren Notwendigkeit des Herzensdranges wie voller über— 
zeugung des Verstandes und Gemütes, neigte er sich dem gewaltig-bescheidenen, 
trotzig-demütigen Augustiner und dem zu, was derselbe vertrat. Von seinem 
geistlichen Rate und Seelsorger, dem Hofkaplan Spalatin (Georg Burkhardt 
aus Spalt bei Eichstätt, später ersten Superintendenten zu Altenburg) ward 
der weise Friedrich hierin bestärkt. Daß Undank der Welt Lohn sei, hat 
der Kurfürst übrigens in reichem Maße erfahren müssen. Das Urteil aller 
Geschichtsschreiber ist darüber einig, daß Karl V. die Besteigung des Kaiser- 
thrones von Deutschland in letzter Instanz dem Wettiner Friedrich zu danken 
bei Luthers Aufenthalt auf der Wartburg und seiner segensreichen Tätigkeit auf der alten 
Veste angelangt, — an der hier vorliegenden Stelle, wo in volkstümlicher Art ein Stück 
vaterländischer Geschichte geboten werden soll, nicht unangebracht darauf hinzuweisen, daß bei 
der Verdeutschung der Bibel seiten Dr. Martin Luthers die Art der „Sächsischen und unseres 
Fürsten Kanzlei zum Muster genommen und zu Grunde gelegt wurde, welcher nachfolgend 
alle Fürsten, Fürstenhöse und Reichsstädte in Deutschland schreiben“. Luther bevorzugte das 
Meißnisch-Wittenbergsche, um, wie er selbst sagt, „in einer allgemein verständlichen Sprach- 
und Schrift-Art in die Welt hinauszugehen“. Mit diesem Lobe aus Luthers und seiner 
gelehrten Freunde Munde (Buggenhagen, Melanchthon, Kreuziger und Jonas, die ihm bei 
der Bibelübersetzung Hilfe leisteten) stimmt ein alter Ausspruch des gelehrten Hugo von 
Trimberg überein, der schon im Anfange des 14. Jahrhunderts den Meißnern die An- 
erkennung zollt, eine besonders reine gute deutsche Sprache sorgfältig auszusprechen. — 
Wonach zu richten, liebe Landsleute! Sorgen wir alle dafür, daß unsere heimatliche Art 
auch ferner solches Lobes würdig bleibe. Lassen wir uns auch nicht irre machen, durch 
Spötter, die ihre Sprache für besser halten — wenn sie nicht recht haben. 
Trotzdem Karl der Große die deutsche Sprache, und zwar speziell die Mundart von 
Franken, zur Sprache des Hofes erhoben hatte, wurde dieselbe doch im Laufe der Zeiten 
durch das Latein der Gelehrten verdrängt und die unseligen inneren Wirren ließen dann 
unter den verschiedenen deutschen Stämmen auch in sprachlicher Beziehung keine über- 
einstimmung gedeihen. In dankenswerter Weise den gordischen Knoten durchschnitten zu 
haben, ist das unauslöschliche Verdienst Kaiser Ludwigs des Bayern in der ersten Hälfte 
des 14. Jahrhunderts. Derselbe führte, gegenüber dem bisher üblichen Latein in deutschen 
Urkunden, das Deutsche ein und die Kanzlei der böhmisch-luxemburgischen Kaiser (rund 
1350—1450) ist darauf — wie Professor Berlit hervorhebt — die hauptsächlichste Pflanz- 
stätte der deutschen Schriftsprache geworden. Es ist das Deutsch des Landstriches an der 
Meißnisch-Böhmischen Elbe. Bis indessen die Deutschen es dahin brachten, ihre Mutter- 
sprache — allen Einzelstämmen verständlich — zum Ausdrucke der innersten Herzensgefühle 
und tiefsten Gedanken in klassischer Form zu meistern, dauerte noch geraume Zeit. 
Unzweifelhaft aber gebührt dem gerade auch in dieser Beziehung großen Volksmanne 
Martin Luther das Verdienst, unter Benutzung der Kursächsisch-Meißnischen Kanzleisprache 
den Entwickelungsgang der deutschen Allgemeinsprache beschleunigt zu haben. Durch die 
endgültige Schaffung dieser einheitlichen deutschen Schriftsprache und ganz besonders deren 
rasche Einführung in die breiten Schichten des Volkes auf dem Wege der Bibelverbreitung 
hat Luther wesentlich dazu beigetragen, der geistigen Einheit der Nation inmitten des 
Jammers der auf sein Auftreten folgenden politischen Wirren einen starken Rückhalt zu 
geben. Ja, es dürfte jener, auf dem Meißnischen Idiom aufgebauten Einheitssprache auch 
das Verdienst zugesprochen werden können, den Zerfall in ein ober= und nieder-deutsches 
Volkstum verhütet zu haben.
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        — 67 — 
hatte. Vom besten Glauben an die Zweckmäßigkeit dieses Schrittes beseelt 
und von dem aufrichtigen Wunsche für das Wohl und Heil Deutschlands 
getragen, hat derselbe dies getan. Er hielt den jungen Karl für edler als 
er war. Übrigens wird dieser Kaiser zu verschieden beurteilt, um ein end- 
gültiges Bild von ihm fehstalten zu können.“) 
Friedrich war tief betrübt, sehen zu müssen, daß Deutschland keinen 
Herrn fand, wie er ihn seinem Vaterlande gewünscht hatte, daß vielmehr 
dieses Deutschland, als Glied des unnatürlichen spanisch-habsburgischen 
Weltreiches, auf Befriedigung seiner nationalen Bedürfnisse durch den 
Herrscher dieses Weltreiches mehr oder weniger zu verzichten hatte. Kurfürst 
Friedrichs Weisheit bestand darin, den großen Gestaltungen der Dinge 
keinen Hemmschuh anzulegen. Weder stürmisch nach vorwärts drängend, 
noch rückwärts aufhaltend, besaß er außer dem Wunsche, sein Sachsenland 
und Sachsenvolk gesegnet und glücklich zu sehen, einen glühenden Patriotismus 
als Deutscher. Die auf dem Reichstage zu Augsburg im Jahre 1500 
beschlossene Einsetzung eines, den jeweiligen König unterstützenden, freilich 
nur zu bald wieder aufgelösten Reichsregimentes, dessen Vorsitz zur Zeit 
er führte, war sein Werk. Eine neue schöne Entwickelung des Deutschen 
Reiches schien durch diese vortreffliche Einrichtung gewährleistet und würde 
nicht ausgeblieben sein, wenn alle von so redlichem Willen und lauterer 
Vaterlandsliebe beseelt gewesen wären, wie Friedrich von Sachsen. Aber 
der Sonderpolitik des Hauses Habsburg war alles dies ein Dorn im Auge. 
Zwar heuchelte der schlaue Spanier im Anfange seiner Regierung Verehrung 
und Dankbarkeit für den sächsischen Kurfürsten — dadurch bei der ganzen 
Nation sich beliebt machend —, doch sobald er fest im Sattel saß, trat seine 
wahre Gesinnung zu Tage. Er brachte es nicht allein dahin, daß das 
Reichsregiment im Jahre 1521 als nur für die Dauer der Abwesenheit des 
Kaisers bestimmt erklärt, erst lahm gelegt wurde und 1523 seine Endschaft 
erreichte, sondern richtete seinen Haß ganz direkt gegen das ihm zu mächtig 
und seinen Plänen gefährlich erscheinende Haus Wettin. Leider gab die 
durch die Teilung von 1485 hervorgerufene Spaltung desselben in zwei 
regierende Linien eine nur zu willkommene Handhabe, erst unmerklich, dann 
immer offenkundiger einen Keil dazwischen zu treiben, mit der unverhohlenen 
Absicht, das Ganze zu sprengen. 
Von dem Standpunkte aus, diese Sachlage, nämlich die Gefährdung 
Sachsens und seines Fürstenhauses, sowie die Gefährdung nicht nur der 
18) Nach dem Grundsatze Audiatur et altera pars, d. h. beide Parteien sprechen zu 
lassen, sei erwähnt, daß in Weises Museum für Sachsische Geschichte die „Gelindigkeit 
Kaiser Karls V. gegen die Protestanten“ hervorgehoben wird. Hierauf bezüglich habe z. B. 
sogar Melanchthon gesagt: Lange schon suchten die Päpste in Deutschland einen bürgerlichen 
Krieg zu entzünden, um die neue Lehre mit dem Schwerte auszurotten. Aber der Kaiser 
wollte das Vaterland schonen und lieber die Religionsstreitigkeiten dem Herkommen gemäß 
durch eine Kirchenversammlung entscheiden lassen. Diese Ansicht war den Päpsten zuwider, 
weil sie durch öffentliche Aufdeckung und Besprechung der Mißstände und die offene Aus- 
sprache frommer und gelehrter Männer für den Bestand ihrer Sache fürchteten.
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        — 68 — 
evangelischen Lehre, sondern der Gewissensfreiheit in Deutschland überhaupt, 
richtig erkannt zu haben, muß — das sei gleich hier vorgegriffen — auch 
Moritz betrachtet und beurteilt werden. 
Wie Böttiger in seiner Geschichte von Sachsen, auf Grund des Weimar- 
schen Archivs bei Droysen II. 2, 152 berichtet, habe Herzog Johann am 
4. November 1523 an seinen Bruder, den Kurfürsten Friedrich, unter anderem 
geschrieben: „das man euer Liebden wyll von der Kur entsetzen, 
byn ich warlichen sere erschrocken und were warlichen eyn 
schwynder und eyn erschrecklicher handel“. Der „Dank vom Hause 
Habsburg“ war mithin schon damals kein leeres Luftgebilde. 
Eine Außerung Friedrichs, kurz vor seinem Tode, besagt: „Wenn mein 
lieber Gott will, so gehe ich gern von dieser Welt, denn es ist doch weder 
Lieb noch Wahrheit, weder Treue noch nichts Gutes hier auf Erden.“ Noch 
mußte der bereits ernstlich und schwer kranke Kurfürst die Schrecknisse der 
Bauernkriege erleben und wie derselbe über Ursache wie Beilegung dieser 
blutigen Wirrnisse gedacht hat, geht aus einem unter Anstrengung und 
Schmerzen geschriebenen Briefe an seinen Bruder (und Nachfolger) Johann 
hervor, der mit anderen Fürsten gegen die Aufrührer zu Felde lag; ihn 
herzlich ermahnend, diese Unruhen soviel als möglich im Guten abzutun, 
indem er darauf hinwies, „daß die armen Leute von geistlichen wie welt- 
lichen Obrigkeiten in viele Wege beschwert worden seien“. Der edle 
Wettiner verschied am 5. Mai 1525 auf seinem Jagdschlosse Lochau bei 
Torgau, dessen Gefilde — die Lochauer Heide — zweiundzwanzig Jahre 
später das Schlachtfeld darstellten, von welchem der letzte Ernestinische 
Kurfürst als verwundeter Gefangener abgeführt wurde. 
Am frühen Morgen seines Todestages, bevor der Geheimschreiber Hans 
Veihel die letzten Bestimmungen des Sterbenden niedergeschrieben hatte 
und der bekannte herzergreifende Abschied zwischen demselben und seiner 
Umgebung stattfand, nahm Kurfürst Friedrich aus den Händen des Pfarrers 
Wagner (Pfarrherrn zu Herzberg) das heilige Abendmahl in beiderlei 
Gestalt; sich hierdurch zu den Grundsätzen der Reformation bekennend. 
Bezeichnend und schön sind die Worte des Leibarztes Dr. Stromer nach dem 
Hinscheiden des teueren Fürsten: „Er war ein Sohn des Friedens, darum 
schied er in Frieden. Gott sei seiner und jeder frommen Seele gnädig.“ 
Friedrichs des Weisen ihm nachfolgender Bruder, Kurfürst Johann 
der Beständige (1525.— 1532) schlug in der Schlacht bei Frankenhausen 
(am 15. Mai 1525) den thüringischen Bauernaufstand, der die Grenzen 
einer Art Selbsthilfe längst überschritten hatte, blutig zu Boden, protestierte 
mit den übrigen der Lehre Luthers zugetanen Fürsten und Reichsständen 
gegen den Reichstagsabschied zu Speyer, beteiligte sich 1530 an der Über- 
gabe des Augsburgischen Glaubensbekenntnisses und war das Haupt des 
Schmalkaldischen Bundes.“) 
44) Hierbei war es Kurfürst Johann, der es dem Kaiser gegenüber, welcher das Ver- 
lefen des Bekenntnisses in lateinischer Sprache verlangte, durchsetzte, daß dies gemäß dem
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        — 69 — 
Kraft der auf dem Reichstage zu Speyer erlangten Vollmacht der 
evangelischen Landesherren, die kirchlichen Verhältnisse in ihren Territorien 
als „Notbischöfe“ ordnen zu dürfen — auf welche der Übergang der geist— 
lichen Gewalt und Weihe stillschweigend als erfolgt angenommen wurde — 
führte Kurfürst Johann unter Einsetzung von Superintendenten als kirchlichen 
Beamten des weltlichen Oberhirten oder Summus Episcopus, sowie unter 
Aufhebung der Klöster (42 Mönchs= und 28 Nonnen-Klöster) und Ein- 
ziehung des Kirchengutes samt seinen gestifteten Schenkungen, eine sogenannte 
monarchische Landeskirche und eine Umgestaltung des Schulwesens nach An- 
gabe Melanchthons im Ernestinischen Sachsen ein. Eine allgemeine gründ- 
liche Schul= und Kirchen-Visitation sorgte für die Ausführung dieses von 
seiner überzeugung ausgehenden Umschwunges in seinen Landen. Wittenberg 
ward der Mittelpunkt der evangelisch-lutherischen Welt.45) Daß er mutig 
und ritterlich mit dem Schwerte dreinzuschlagen verstehe und in kriegerischen 
Sachen wohl bewandert sei, hatte Johann bereits lange vor den Bauern- 
kriegen bewiesen, als er mit Maximilian, dem Sohne seines käaiserlichen 
Oheims Friedrich III., 1490 gegen die Ungarn, 1508 aber gegen die Venetianer 
gekämpft und sich auf beiden Zügen Ruhm und Ehre geholt hatte. (Bei 
Stuhlweißenburg war er z. B. als einer der Ersten, der die Mauer erstiegen 
hatte, mit einer Mauerkrone ausgezeichnet worden.) Seine Person illustriert 
so recht das Wort „der frömmste Soldat — der beste Soldat“". Denn als 
einmal einige Hofleute äußerten, des Kurfürsten Prinzen würden nicht wie 
Ritter, sondern wie Gelehrte erzogen, nahm er diese Bemerkung auf und 
erwiderte: „Wie man seine Beine über ein Pferd hängen und festiglich reiten, 
der Feinde und wilder Tiere sich erwehren solle, das können meine Reiter- 
jungen und Jägerbuben auch, und das von sich selbst. Aber wie man gott- 
selig leben, weislich regieren und Leuten löblich vorstehen soll, dazu brauchen 
wir gelehrter Männer und guter Bücher nebst Gottes Geist und Gnade.“ 
Auch fand er täglich Zeit, etwas in der Bibel zu lesen. Die Frucht des 
Reichstagsbeschluß zu Worms vom Jahre 1521 in deutscher Sprache erfolge, da, wie 
er mannhaft aussprach, „wir Deutsche auf deutschem Boden sind“. 
45) Dafür, daß die neue Lehre der Kirchenbesserung — als gegen die Mißbräuche 
gerichtet, die sich in der alten Kirche eingeschlichen hatten — in friedlicher Weise alte Auf- 
fassungen zuließ, also keineswegs einen unheilbaren Bruch herbeiführen wollte, gibt unter 
anderem auch das Testament Johanns des Beständigen (datiert vom 11. Dezember 1526 
zu Weimar) einen Beweis. Im Eingange desselben (eines Musters christlicher Demut) 
ruft der doch wahrlich streng lutherisch gesinnte Kurfürst, außer der „ewigen und ungeteilten 
allerheiligsten Dreifaltigkeit", gegen vierzig verschiedene Heilige mit Namen an. übrigens 
möchte hier eine Außerung des Kurfürsten am Platze sein, die derselbe einmal seinem lieben 
Dr. Martin Luther gegenüber getan hat: „Es ist wahr, Gott hat mich zu einem großen 
Fürsten gemacht und mir eine stattliche Ritterschaft untergeben, so daß ich wohl eltliche 
tausend Pferde kann satteln lassen. Wenn es aber Gott anders haben und mich nicht also 
bleiben lassen will, so soll mir solches nicht hart ankommen. Ich will ihm zu Gehorsam 
gerne, wenn es ihm also gefällig, mit acht oder vier Pferden reiten, und soll mich's nicht 
zürnen.“
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        — 70 — 
am 23. Juli 1532 zu stande gekommenen Religionsfriedens zu Nürnberg) 
konnte Johann der Beständige nicht genießen, nur wenige Tage nach Ab- 
schluß desselben ward er vom Tode ereilt. Ihm folgte sein Sohn Johann 
Friedrich der Großmütige 1532— 1547, 1554. 
Dieser am 30. Juni 1503 zu Torgau geborene Fürst, der sein Leben 
lang so großes Kreuz und Ungemach auf sich nehmen sollte, brachte merk- 
würdigerweise ein Mal an der Schulter in Form eines Kreuzes mit auf die 
Welt. Das Unglück, das Gott über ihn verhängt hatte, begann schon kurz 
nach seiner Geburt, als seine edle Mutter Sophie von Mecklenburg bereits 
im Juli dem zarten Kinde durch den Tod entrissen wurde. Seine Verlobung 
mit der Infantin von Spanien, der Schwester des Kaisers, die, äußerlich 
betrachtet, vielleicht von großem Vorteil hätte werden können, fand ihre 
Auflösung dadurch, daß Johann Friedrich der Aufforderung der Königin- 
Witwe von Spanien, Luthers Lehre zu verwerfen, nicht nachkommen zu 
können erklärte. Dagegen vermählte sich der Kurprinz, dessen durchdringenden 
Geist und Verstand wie gutes Herz Spalatin und Melanchthon nicht genugsam 
rühmen können, im Jahre 1527 mit Sibilla von Kleve. Diese Heirat brachte 
ihm und dem Kurhause die Erbanwartschaft auf das Herzogtum Kleve samt 
Zubehörung, welche sogar bei des Kurfürsten feierlicher Belehnung durch 
Kaiser Karl noch besonders bestätigt wurde. Im Jahre 1538 löste Johann 
Friedrich für eine namhafte Summe die an die Stadt Magdeburg verpfändet 
gewesenen Amter des Burggrafentums Magdeburg ein und fügte den Titel 
„Burggraf von Meißen“ seinen übrigen Titeln hinzu. 
Nachdem Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen und Landgraf Philipp 
von Hessen, die Häupter der zum Schmalkaldischen Bunde zusammengetretenen 
Evangelischen sich geweigert hatten, auf dem Reichstage zu Regensburg zu 
erscheinen (wie sie auch das Konzil zu Trient nicht beschickten), erklärte 
Karl V. beide in des Reiches Acht, und der längst gefürchtete Religions- 
krieg (der Schmalkaldische) begann. Die Unternehmungen der Verbündeten, 
die bis an die Donau vorgedrungen waren, scheiterten durch den Mangel 
an strategisch -taktischer übereinstimmung ihrer Bundeshäupter, was ins- 
besondere dem Kurfürsten zur Last fällt, dessen Unschlüssigkeit die sehr günstige 
Gelegenheit vorübergehen ließ, die Kaiserlichen mit bedeutend überlegener 
Streitmacht wirksam anzugreifen. Nun ergriffen jene die Offensive und 
46%) Das Bestreben Karls V., auch die evangelischen Reichsstände zur Mitwirkung bei 
einem Kriege gegen die Türken zu gewinnen, sowie sein Wunsch, seinen Bruder Ferdinand 
als seinen Nachfolger in Deutschland gesichert zu wissen, hatten den Kaiser zum Eingehen 
dieses geistigen Waffenstillstandes veranlaßt. Derselbe garantierte vorläufig jeder Partei 
ihren Besitzstand und gestattete einem jeden, in Religionssachen nach seiner überzeugung 
zu handeln, bis auf einer Kirchenversammlung oder einem Reichstage nähere Bestimmungen 
getroffen würden. Einem solchen ausschlaggebenden Faktor suchten die Evangelischen aus 
dem Wege zu gehen und gaben dem Kaiser durch Nichtbeschickung des Konzils zu Trient 
10 Jahre später den Vorwand, gegen sie als Ungehorsame vorzugehen. Der auf dem von 
Moritz erzwungenen Passauer Vertrag folgende Reichstag zu Augsburg 1555 brachte erst 
erwünschte Klarheit.
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        — 71 — 
drängten Johann Friedrich zurück. In der Schlacht bei Mühlberg auf der 
Lochauer Heide wurde derselbe am 24. April 1547 von den Keiserlichen 
gänzlich geschlagen. Es ist bekannt, wie tapfer der unglückliche Johann 
Friedrich kämpfte und wie, nachdem er unterlegen war, seine wahrhaft vor- 
nehme Art seinen Feinden die unverhohlenste Hochachtung abnötigte. Böttiger 
sagt: „Er focht ritterlich wie seine großen Vorfahren und so, wie der letzte 
Sachse fechten würde und fechten müßte, wenn es des Volkes höchste Güter 
kosten sollte.“ Endlich, seiner schweren Kopfwunde wegen unfähig, weiter 
sich zu wehren, ward es dem hartbedrängten Herren unmöglich, der Gefangen- 
schaft zu entgehen. Nicht aber dem undeutschen Volke der Spanier und 
Italiener, mit denen er im direkten Handgemenge gewesen war, wollte der 
Kurfürst sich ergeben, sondern bat, dies einem meißnischen Edelmann gegen- 
über tun zu dürfen, den er von weitem sah, Thilo von Trotha. Dieser 
führte ihn, sowie den mit ihm gefangenen Herzog Ernst von Braunschweig, 
vier Grafen von Gleichen und diejenigen von Adel, die bei Verteidigung 
seiner Person demselben Schicksale verfallen waren, zum Kaiser, der den 
Gefangenen dem Herzog Alba übergab. Des Kurfürsten geschlagenes Heer 
warf sich, mit dem Kurprinzen an der Spitze, in die nahe Festung Witten- 
berg und würde dort unzweifelhaft langen Widerstand geleistet haben, wenn 
nicht der Kaiser auf eine sehr wenig edle Art die übergabe erzwungen hätte. 
Durch ein wohlweislich aus spanischen und italienischen Offizieren zusammen- 
gesetztes Kriegsgericht ließ derselbe den gefangenen Kurfürsten zum Tode 
verurteilen, nach Wittenberg aber die Botschaft gelangen, das Urteil werde 
unweigerlich vollstreckt werden, falls Stadt und Festung samt der ein- 
geschlossenen Kriegsmacht nicht kapituliere. Auf die Fürbitte des Kurfürsten 
Joachim von Brandenburg und des Herzogs Wilhelm von Jülich-Kleve 
ließ sich später der Kaiser bewegen, das Todesurteil zurückzunehmen.“) — 
Hart aber waren die Bedingungen. 
Johann Friedrich mußte (am 19. Mai) für sich und seine Nachkommen 
auf die Kurwürde und seine Lande verzichten und bis auf weiteres Ge- 
fangener des Kaisers bleiben. Der vielgeprüfte Fürst, der voller Gott- 
ergebenheit „zu leiden verstanden hatte, ohne zu klagen“, starb zu Weimar am 
3. März 1554.) 
  
472) Todesurteil wie Achterklärung waren übrigens, weil ohne Zustimmung des Kur- 
fürstenkollegiums erlassen, im Widerstreit mit den Reichsgesetzen. Doch das kümmerte den 
Spanier nicht. Bekannt ist das dem Kaiser gewaltige Achtung einflößende Verhalten des 
gefangenen Kurfürsten beim Empfange des Todesurteiles. Derselbe spielte gerade in seinem 
Zelte mit dem Herzog Ernst von Lüneburg eine Partie Schach und entgegnete dem Kommissar 
in aller Ruhe, er habe vermeint, Kaiserliche Majestät werde gnädiger mit ihm verfahren. 
Dann wandtie er sich wieder zu Herzog Ernst mit den Worten: „Pergamus, laßt uns 
weiter spielen.“ 6. Mai 1547. 
18) Von seiner frommen Gesinnung und festen Gottergebenheit gibt ein geistliches 
Lied Zeugnis, welches Johann Friedrich in seiner Gefangenschaft gedichtet hat, die nur um 
so strenger geworden war, nachdem er voller Freimut dem Kaiser auf dessen Ansinnen eines 
Widerrufes der Lutherischen Lehre und seines Bekenntnisses, dafür aber Annahme des mehr
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        — 72 — 
Kurstaat und Kurwürde verlieh Karl V. dem Herzog Moritz von Sachsen, 
Enkel Albrechts des Beherzten, wodurch beides an die Albertinische Linie 
von Wettin überging. Die Ernestiner, das heißt die Abkömmlinge Ernsts 
und Nachkommen Johann Friedrichs, besitzen seitdem die sächsischen Herzog- 
tümer. 
Nach der Gruppe der Ernestiner folgen im Zuge die beiden Söhne 
Albrechts des Beherzten: Georg der Bärtige (1500 — 1539) und 
Heinrich der Fromme (1539—154 1). 
So eifrig wie seine ernestinischen Vettern der Lehre Luthers zugetan 
waren, so eifrig bekämpfte Herzog Georg dieselbe und zwar vom politischen 
Standpunkte aus als eine staatsgefährliche Neuerung. Aber ein fanatisch 
gehässiger Tyrann ist dieser edle Fürst nicht gewesen. Und wenn derselbe 
von protestantischer Seite gewissermaßen als ein geistiger Bruder des während 
seiner Regierungszeit den Jesuitenorden gründenden Ignaz von Loyola auf- 
gefaßt und eine unduldsame Gestalt genannt wird, so dürfte es dem gegen- 
über nicht unberechtigt erscheinen, ihn lieber eine besonders direkt aus- 
gesprochene Verkörperung und Personifikation starren Autoritätsgefühls zu 
nennen. Dabei soll gern zugestanden werden, daß, wie alles Zuviel von 
Übel ist, auch ein Zuviel von allzu starrer Autorität viel Guteszu verhindern 
im stande ist; — obgleich Zuchtlosigkeit und Nichtachtung jeglicher Autorität, 
als anderes Extrem, doch für das allerverderblichste erklärt werden muß. 
Herzog Georg, der ursprünglich dem geistlichen Stande gewidmet gewesen 
war und selbst von seinen Feinden als ein Mann von hohem sittlichen Ernste 
und seltener Willensstärke — allerdings, und wer wollte ihm das verargen, 
bei einem ausgeprägten Bewußtsein von der hohen Wichtigkeit seiner Fürsten- 
stellung — geschildert wird, kannte die Bibel (in der er, nach Wahrheit 
suchend, und die Fundamente, auf denen die Kirche Christi aufgebaut ist, mit 
der Weiterentwickelung dieses Weltbaues vergleichend, sehr fleißig las) besser 
als die meisten Laien seinerzeit. Als verständiger und frommer Christ, 
wie als ebenso verständiger und tüchtiger Mensch, konnte auch er sich des 
Eindruckes nicht erwehren, daß eine Besserung der kirchlichen Zustände aufs 
dringenste geboten, eine heilsame Reformation an Haupt und Gliedern un- 
bedingt nötig sei. Ja, überzeugt, daß Festigkeit und Wirksamkeit der Kirche 
in erster Linie auf deren innerer Reinheit und auf dem sittenstrengen vor- 
  
  
oder weniger im katholischen Sinne abgefaßten Augsburger Interims geantwortet hatte: 
„Ich kann in meinem Alter die Wahrheit nicht verleugnen, für die ich so frühe gestritten 
habe. Um mir noch einige Jahre Freiheit zu verschaffen, will ich kein Verräter werden; 
vielmehr will ich ein ruhiges Gewissen haben und die Achtung redlicher Männer verdienen.“ 
Jenes Lied hebt an: „Wie's Gott gefällt, gefällt's auch mir und laß mich gar nicht irren.“ 
Im neuen Sächsischen Landesgesangbuch ist es unter Nummer 614 zu finden. Ob es 
übrigens nicht sehr viel praktischer und weitausschauender gewesen wäre, auf das Interim 
einzugehen, von dessen Boden aus eine spätere Verständigung doch nicht als ganz aus- 
geschlossen anzusehen gewesen sein würde, mag hier unerörtert bleiben.
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        — 73 — 
bildlichen Lebenswandel von deren Hirten — der Geistlichkeit „hoch wie 
niedrig" — gegründet sei, schritt Herzog Georg, von aufrichtiger Frömmigkeit 
getrieben, zu einer Visitation und Reformierung der Klöster in seinen Landen, 
lange bevor Luther, als geistiges und geistliches Oberhaupt der Evangelischen, 
dies im protestantischen Sinne zu tun anregen konnte.“) Zu diesem Zwecke 
hatte dieser, der Kirche und dem Glauben so innig zugetane, Herzog, um an 
seinem Teile deren Bestes fördern zu helfen, in jenen Zeiten religiöser Wirren, 
sich selbst zum Oberhirten weltlicher Art seines von Gott ihm zur Verwaltung 
und Regierung anvertrauten Gebietes zum Summ-Episkopus gemacht. 
Mit Andacht hörte Herzog Georg die Predigten des evangelisch gesinnten 
Kroßner, den er ausdrücklich deshalb als Hofkaplan nach Dresden berufen 
hatte, um das lautere Evangelium zu hören. Diesem Geistlichen erklärte 
der Herzog, das Evangelium könne er gar wohl leiden, nur die Ungeschicklich- 
keiten seien es, die er nicht vertragen könne. Auch gab Herzog Georg die 
weitere Erklärung, er sei bereit, den Genuß des heiligen Abendmahles unter 
beiderlei Gestalt (als der heiligen Schrift entsprechend) zu gestatten, so wie 
der Papst es genehmigen würde. So grundlegende Schritte gewissermaßen 
„auf eigene Faust“ zu tun und am Papsttume zu rütteln, ließ Georgs 
Autoritätsgefühl nicht zu, obwohl gerade das Studium der Bibel ihn hätte 
dazu führen müssen, „Gott mehr zu gehorchen als den Menschen“. Tradition 
und Konservatismus bilden eben doch eine große Macht, auch sonst als richtig 
anerkannten Überlegungen gegenüber. Es darf dem echt deut schen Fürsten, 
als welchen sich Herzog Georg allezeit bewährt hat, nicht vergessen werden, 
mit welcher Hoheit er dem König Heinrich VIII. von England Antwort 
gab auf dessen Rat, Luthern durch heimliche Ermordung beiseite bringen zu 
lassen, „um des Unruhestifters ledig zu sein“. Die ruhige, aber doch im 
Inneren Zorn sprühende Zurückweisung dieses Ansinnens muß um so höher 
4%) Dem Papste schlug Herzog Georg als einen Ausweg gegen die drohende Gefahr, 
Spaltungen in der Kirche einreißen zu lassen, vor, eine Kommission aufrichtig frommer, 
also für das Heil ihrer Seelen wie für das Wohl von Kirche und Staat gleich redlich be- 
sorgter Männer einzuberufen, um die vorhandenen Mißbräuche festzustellen, deren Abstellung 
entschieden nötig sei. Darauf müsse dann ein Konzil einberufen werden, um reformierende 
Bestimmungen zu erlassen und die Ungehorsamen zu den Ordnungen der Kirche zurück zu 
führen. Notwendig sei hierbei, daß Papst und Kaiser, kirchliche und weltliche Obergewalt, 
sich hierzu strengstens verbinden und Hand in Hand vorgehen müssen. Freilich müsse der 
Papst im Reformieren und Abstellen von Mißbräuchen und Argernissen bei seiner eigenen 
Hofhaltung den Anfang machen. Dies zu tun, hatte aber Leo X. weder Lust noch Sinn. 
Und so unterblieb das, was Herzog Georg und mit ihm Tausende der Besten seiner Zeit 
und früherer wie späterer Jahrhunderte, als das einzige Mittel erkannten, Wandel zu 
schaffen, ohne eine Spaltung herbeizuführen: eine Reformation von oben. Männer, wie der 
sittenstrenge Kardinal Sadolet bestätigen dies. Wenn diese Reformation auch nicht ganz im 
Sinne Luthers gewesen wäre und insonderheit die Lehre nicht derartig wesentlich umgestaltet 
haben würde, so hätte doch, unter Zugrundelegung von Luthers Thesen und Forderungen, 
die einer so eminent großen Anhängerschaft sicher waren, bei gegenseitigem wohlwollenden 
Entgegenkommen gewiß auch Weiteres sich erreichen lassen können. An dem damaligen 
Bischof von Meißen und vielen, sehr vielen Einsichtigen würde die Bewegung eifrige Helfer 
gesunden haben.
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        — 74 — 
angeschlagen werden, wenn man bedenkt, wie empört Herzog Georg über 
den Untertan seiner ernestinischen Vettern war, der sich bedauerlicherweise 
hatte hinreißen lassen, durch beleidigende Außerungen Georgs Fürstenstolz 
empfindlich zu verletzen, ohne von jenen darüber zur Rede gesetzt worden 
zu sein. Auch als man den Vorschlag machte, beim Reichstage zu Worms 
das zugesicherte freie Geleit zu brechen, war Herzog Georg aufs hbchste 
darüber entrüstet, indem er (wie auch Welck in seinem Werke über Georg 
den Bärtigen anführt) sagte: „Solche Schande dürfen deutsche Fürsten nicht 
zulassen. Die Redlichkeit verlangt, das zu halten, was man versprochen 
hat.“ — In Bezug auf Fragen religiöser Natur war des Herzogs Seele in 
einem fortwährenden Zwiespalt zwischen der Geltung von Gottes und des 
Heilands Wort einerseits und der Geltung des Wortes der Menschen, die 
an Christi Stelle auf Erden stehend, angenommen wurden anderseits. Eine 
so geartete Natur konnte, obwohl sie dringend eine Reformation herbeisehnte, 
eine Reformation an Haupt und Gliedern, eine solche doch nur aus den 
Händen der höchsten kirchlichen Obrigkeit kommend, als vollgültig ansehen. 
Da eine solche ausblieb (trotzdem, wie man sagt, später selbst Kaiser Karl V. 
den Papst zu einem entsprechenden Schritte zu bewegen gesucht hatte), der ehe- 
malige Augustinermönch aber, der das Panier aufwarf, bei Entfaltung des 
Geistesstromes, der von ihm ausging, mehr oder weniger notgedrungen, mit 
Tradition, Autorität und Disziplin zu brechen sich veranlaßt sah, so mußte 
Herzog Georg ein Gegner der neuen Lehre werden. Welche widerstreitenden 
Gefühle in seinem Inneren gekämpft haben müssen, geht allein schon daraus 
hervor, daß er selbst mit eigenem Munde seinem sterbenden Sohne Johann 
ausdrücklich die väterliche Vermahnung gab, er solle in seiner Todesnot nicht 
seiner guten Werke oder des Verdienstes der Heiligen vertrauen, sondern 
allein der Gnade unseres Herrn Jesu Christi, der alleinigen Quelle unserer 
Seligkeit. Als die mit anwesende Gemahlin seines Sohnes, die Schwester 
Philipps von Hessen, an den Herzog die Frage richtete: „Lieber Herr Vater, 
warum läßt man dies nicht öffentlich im Lande predigen?" erwiderte der- 
selbe: „Liebe Frau Tochter, man soll's nur den Sterbenden zum Trost vor- 
halten; denn wenn das ganze Volk wissen sollte, daß man allein durch 
Christum selig werden könne, so würden die Menschen gar ruchlos werden 
und sich gar keiner guten Werke befleißigen.“ 50) 
50) Dieser Ausspruch stimmt vollständig mit einem anderen desselben Herzogs überein, 
den Seckendorff in seiner Geschichte des Luthertums anführt. Außer daß nämlich Herzog 
Georg (von seinem Standpunkte aus nicht mit Unrecht) Luthers Auftreten als eine schwere 
Schädigung von Autorität und Disziplin ansah und es für das ganze Volk verderblich 
hielt, ungestraft Gelübde brechen zu sehen und das verwerfen zu hören, was ihm bisher 
als heilig gegolten hatte, habe er geäußert: „Dieser Mönch singe fsüß wie eine Nachtigall, 
steche aber mit einem vergifteten Schwanze wie ein Skorpion, weil er die Leute auf fleisch- 
liche Freiheit führe und lehre, daß man nur durch den Glauben ohne gute Werke selig 
werden könne, — mithin die Menschen der guten Werke entraten zu können glaubten."“ 
Daß ein solcher Glaube dann nicht der rechte Glaube ist, den Luther voraussetzt, ver- 
schwieg er allerdings.
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        — 75 — 
Durch wesentliche Verbesserungen und Erweiterungen der alten Be- 
festigung Dresdens erhob Herzog Georg diese seine Residenzstadt zu einer 
regelrechten Festung und erbaute an Stelle des alten markgräflichen Burg- 
wesens mit seinem engen und festen Charakter einer Ritterburg, das stattliche, 
noch heute stehende stolze und weite Fürstenschloß. Die kunstverständige Er- 
neuerung desselben wurde mit Hilfe der von den getreuen Ständen des König- 
reiches anläßlich des achthundertjährigen Regierungsjubiläums des Hauses 
Wettin 1889 dem Herrscherpaare zu diesem Zwecke dargebrachten Gelder durch- 
geführt. Sie ist unter Oberleitung des Hausmarschalls von Carlowitz durch 
die Hofbaumeister Dunger und Frölich ist im Jahre 1901 zum erfreulichen und 
herrlichen Abschluß gelangt. Als eine der jetzt nur noch wenig vorhandenen 
architektonischen Überreste aus der ältesten Zeit der mannigfach wechselnden 
Geschichte des Dresdner Schlosses dürften die gotischen Dreipaß-Verzierungen 
an dem Hofkellereitorbogen gelten können. Das hochkünstlerische, weit berühmte 
Portal der alten Schloßkapelle befindet sich jetzt am Schloßeingange des Jüden- 
hofes. Das jetzige Hauptportal des Schlosses mit Löwenkopf und Pelikan ist 
unter Christian I. geschaffen. Auch der Felsenfestung Königstein schenkte 
Herzog Georg eingehende Aufmerksamkeit. Wie Georgenbau und Georgentor 
des Schlosses zu Dresden, so sorgt die Georgenburg auf dem Königstein dafür, 
den Namen des erlauchten Bauherrn auch durch Außerlichkeiten den späteren 
Geschlechtern zu erhalten. Innerlich geschieht dies, und sollte weit mehr 
noch geschehen als bisher, durch den ernsten, tiefreligiösen Sinn Georgs, 
dessen Frömmigkeit wohl eine wahrhaftere gewesen ist, als diejenige seines 
Bruders Heinrich, dessen Beiname mehr oder weniger auf dessen Über- 
tritt zum Luthertum dürfte zurückgeführt werden können. Diese Sinnesart 
Herzog Georgs gab sich unter anderem auch dadurch kund, daß er, um seinem 
Volke täglich und öffentlich ein heilsames memento mori vor Augen zu 
stellen, ein in Sandstein ausgeführtes, künstlerisch schönes Relief am Schlosse 
(Elbseite des Georgentores) anbringen ließ, welches zeigt, wie dem Tode 
alle Menschen jeden Standes und Geschlechtes folgen müssen, sie sich also 
zu jeder Stunde bereit halten sollen, diese Gefolgschaft anzutreten. An der 
Stadtseite veranschaulichte — in weiterer Ausführung jenes Gedankens — 
ein anderes Relief die Überwindung des Todes durch Christus. Dieses 
letztere Kunstwerk ist gänzlich abhanden gekommen. 1) 
51) Nach dem großen Brande von 1721 wurde das beschädigte Kunstwerk (der Toten- 
tanz) abgenommen und an eine Innenwand des Neustädter Kirchhofes überführt. Aber 
auch dort hat es dem Schicksale nicht entgehen können, vom Zahne der Zeit mitgenommen 
worden zu sein, und jetzt beabsichtigt der sächsische Altertumsverein, in Betätigung seiner 
selbstgestellten Aufgabe, für Erhaltung von Kunstdenkmälern zu sorgen, jenen „Totentanz“ 
an sicherer Stelle unterzubringen. Ahnliche Darstellungen dieses gerade zur Zeit der 
Reformation sehr beliebten Motives finden sich außer in Basel noch an verschiedenen anderen 
Orten. Eine einzelne Figur des Todes mit Sense und Stundenglas diente, wie allen 
einigermaßen alten Dresdnern bekannt sein dürfte, ehemals dem Gutschmidschen Eckhause auf 
der Neustädter Seite der Augustusbrücke („Der Tod“ genannt) zum weitbekannten 
Abzeichen.
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        — 76 — 
Eine indirekte Folge der Teilung innerhalb des Hauses Wettin war 
die gewesen, daß die jüngere, herzogliche, Linie von den Interessen der Politik 
des Kurfürstenkollegiums abgetrennt, dem Hause Habsburg sich näherte. Jene 
Politik hingegen hatte sich nach und nach zu dem Bestreben ausgewachsen, 
die Macht der großen Reichsfürsten der des Reichsoberhauptes gleichwertig 
gegenüber zu stellen, beziehungweise auf die Beschränkung der letzteren hin— 
zuarbeiten. Diese Annäherung ward bald zu einer beinahe völligen Hingabe 
und hat in der Albertinischen Linie fortgeerbt, auch nachdem die Kurwürde an 
sie gefallen war, ohne — man kann das wohl ohne übertreibung sagen — 
jemals wirkliche Vorteile gebracht zu haben. Der Mensch als Einzelwesen 
soll (da der Egoismus eines der allerhäßlichsten Laster ist und zur Zersetzung 
aller ethischen wie praktischen Grundlagen beiträgt) nicht nach Vorteilen 
ausschauen. Für Fürsten, als Vertreter großer Gesamtheiten indessen, kann 
wohl die Grenze dieser an sich so überaus richtigen Vorschrift um eine 
Wenigkeit verschoben werden, die ihr Korrektiv in der Gerechtigkeit und Ehr— 
liebe finden muß. 
Herzog Georg von Sachsen setzte seine Person und sein Geld wie im 
Reiche selbst so im fernen Friesland ein — dem unglücklichen Danaer— 
geschenk, welches einst seinem Vater Albrecht dem Beherzten als fragwürdige 
Belohnung für dessen hervorragende Opfer und Mühen um die kaiserliche 
Sache (an Stelle der Wiedererstattung dieser Opfer) von Maximilian I. 
dargebracht worden war. Bevor Georg schließlich seine und seines Hauses 
Ansprüche an Friesland dem Erzherzog Karl von Österreich (nachmaligem 
Kaiser Karl V.) verkaufte, hatte er harte Kämpfe gegen den dortigen Grafen 
Edzard zu bestehen, der, als Vizestatthalter eingesetzt, das von ihm im Auf- 
trage des Herzogs von Sachsen den Aufständischen Abgenommene für seine 
(Edzards) Person zu behalten bestrebt war. 
Georgs Absicht, seinem Bruder Heinrich, der dem Luthertum zugetan, 
war, sein Land nur unter der Bedingung zu hinterlassen, daß jener das- 
selbe bei dem gegenwärtigen Religionsstande erhalte, ward vereitelt, indem 
der Tod den Achtundsechszigjährigen ziemlich überraschend ereilte. Traurig, 
daß religiöser Übereifer so oft über das Ziel hinausschießt und in Augen- 
blicken störend wirkt, wo ruhige Sammlung und das Alleinsein mit Gott so 
nötig ist. Ein Beispiel hierfür gab der katholische Pfarrer Eisenbergk, der 
die Ruhe des Sterbezimmers durch unaufhörliches Eindringen in den Herzog 
störte, derselbe solle seinen Schutzheiligen, den Apostel Jakobus, anrufen. 
Die Absicht ging unzweifelhaft dahin, das nicht im letzten Augenblicke um- 
stürzen zu sehen, was Emser und Pflugk, Eck und Cochläus dem Zweifelnden 
eingeredet hatten, den Haß gegen Luthers Lehre. Als schließlich zwei an- 
wesende Getreue des Herzogs, Johann von Lindenau und Friedrich von 
Oelsnitz, den Ungestümen entfernt hatten, schlang voller Rührung der Leib- 
arzt Dr. Roth die Arme um den gedankenvoll Daliegenden und sagte: 
„Gnädiger Herr, Ihr habt ein Sprichwort: Geradezu gibt gute Renner. 
Darum, so achtet nicht, was Euch von verstorbenen Heiligen und anderen
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        — 77 — 
Fürbittern gesagt wird, sondern richtet Euer Herz geradezu auf den ge- 
kreuzigten Christum, welcher für unsere Sünden gestorben und unser einiger 
Fürbitter und Seligmacher ist, so seid Ihr Eurer Seligkeit desto gewisser.“ 
Hierauf entgegnete Georg: „Ei, so hilf Du treuer Heiland Jesu Christe, 
erbarme Dich über mich und mache mich selig durch Dein bitter Leiden und 
Sterben. Amen.“ 
Nach dem Tode Herzog Georgs, dessen Kinder traurigerweise sämt- 
lich vor ihm gestorben waren und der, innerlich erschüttert, zum auch äußer- 
lichen Zeichen von Schmerz und Trauer um den Verlust seiner innigst ge- 
liebten Gemahlin Barbara, den Bart hatte wachsen lassen, der ihm den 
Namen „der Bärtige“ brachte, kam das Herzogtum an seinen Bruder 
Heinrich, welcher seinerseits die Reformation Luthers auch im albertinischen 
Sachsen einführte. Er wird „der Fromme“ genannt und regierte über 
das Herzogtum nur zwei Jahre, von 1539 bis 1541, während er bis 
dahin seinen Sitz in Freiberg gehabt hatte. 
So wenig Heinrich es als junger Prinz verstanden hatte, den Herzen 
der Friesländer nahe zu treten oder Verständnis für deren Volksseele sich 
zu erwerben, so leutselig und volksfreundlich war der friedliebende Fürst in 
seinen späteren Jahren geworden. Bei seinen häufigen Besuchen von 
Künstlerateliers, Bergwerksstollen und Werkstätten fleißiger Handwerks- 
meister — besonders der Glocken= und Geschützgießer, denen er mitunter 
Zeichnungen des Hofmalers Lukas Kranach als Motive für Verzierungen 
überbrachte — war der Herzog gewöhnlich von einem kleinen Mohren in 
bunter Tracht begleitet, der infolgedessen auch bei der Darstellung des 
Fürstenzuges nicht fehlt. In den Jahren 1520 bis 1522 hatte er (von 
seiner Residenzstadt Freiberg aus, die er als jüngerer Bruder besaß) die 
Stadt Marienberg gebaut, durchstreifte das Erzgebirge und war in der ganzen 
Gegend unter dem Namen „der gute Heinz“ bekannt. Als in Freiberg die 
Pest zu wüten begann, verlegte Heinrich seinen Sitz zeitweise nach Wolken- 
stein und unternahm nun um so fleißiger Wanderungen in jener von ihm 
besonders geliebten Gegend. Ein idyllisch im Walde zwischen Marienberg 
und Wolkenstein gelegenes Plätzchen, an dem er sich vorzugsweise gern aus- 
zuruhen pflegte, heißt noch jetzt die Heinzbank. Übrigens war Herzog 
Heinrich nicht sofort und nicht aus eigenem Antriebe ein Anhänger von 
Luthers Lehre geworden, vielmehr bedurfte es der Überredungskünste von 
ziemlich zehn Jahren seitens seiner Gemahlin Katharina (von Mecklenburg) 
und seines Rates Anton von Schönberg auf Rothschönberg bis er ganz zum 
Luthertum übertrat und der nach den Grundsätzen der Augsburger Kon- 
fession reformierten Kirche in seinem Landesteile Geltung verschaffte. Dann 
aber blieb er fest, so daß es seinem Bruder Georg trotz wiederholter An- 
strengungen nicht gelang, ihn der alten Kirche wieder zuzuführen — ein 
Moment, welches für letzteren von um so größerer Wichtigkeit sein mußte, 
als Heinrich sein voraussichtlicher Nachfolger in dem von ihm so sorgsam 
vor dem Eindringen der neuen Lehre gehüteten Herzogtume war. Georgs
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        — 78 — 
Befürchtung ging in Erfüllung; das ganze albertinische Sachsen ward nach 
seinem Tode lutherisch.ꝰ) 
Auf Herzog Heinrich folgte im albertinischen Sachsen dessen am 
21. März 1521 zu Freiberg geborener Sohn Moritz (1541—1553); 
gleich gewandt und erfolgreich als Feldherr wie als Staatsmann — einer 
der hervorragendsten Wettiner. Wie auf so viele bedeutende Männer läßt 
sich auf Moritz von Sachsen Schillers Ausspruch über Wallenstein anwenden: 
„Von der Parteien Gunst und Haß verwirrt, schwankt sein Charakterbild 
in der Geschichte.“ Bald wird er von den Katholiken als Abtrünniger ge- 
lästert, bald von den Protestanten als Verräter ihrer Sache geschmäht, bald 
wieder in übertriebener Weise als ein Vorläufer Gustav Adolfs gefeiert und 
als Retter des Protestantismus in den Himmel gehoben. Indessen scheint 
trotz der Tatsache, daß der sterbende Held durch seinen Hofprediger Albinus 
das heilige Abendmahl in beiderlei Gestalt, also nach lutherischer Lehre, 
nahm, die Wahrheit insofern in der Mitte zu liegen, daß religiös-konfessionelle 
Fragen ihm während seiner kurzen Lebenslaufbahn ziemlich gleichgültig ge- 
wesen zu sein scheinen. Auch dürfte es wohl der Wahrheit nahe kommen, 
wenn man vermutet, der schäumende Edelmost würde erst dann zur wirklich 
beurteilungsfähigen Abklärung gekommen sein, wenn dem Träger dieses un- 
streitig bedeutenden und großen Geistes nach Erlangung seines ersten 
politischen Zieles eine, wenn man so sagen darf, Gefechtspause, ein ver- 
hältnismäßig ruhiges Dasein vergönnt gewesen wäre. Das war aber nicht 
der Fall; auf blutiger Wahlstatt mußte der Zweiunddreißigjährige seine 
Seele aushauchen. Wer weiß, ob nicht in einem längeren Leben Moritz — 
der bereits zweimal gegen Frankreich im Felde gelegen hatte und doch wohl 
52) Wie mild und dabei klug Luther selbst über die Ausbreitung seiner Lehre gedacht 
hat, von welcher anderseits Männer, wie Kardinal Mathäus Lang von Salzburg und 
Bischof Stadion von Augsburg (nach Zeugnis Sebastian Müllers in dessen sächsischen 
Annalen S. 84) geäußert haben, daß das, was die in Augsburg verlesene Konfession ent- 
halte, „die lautere Wahrheit wäre und könnten sie es nicht leugnen“, „nur dieses sei nicht 
zu leiden, daß ein elender Münch solches alles reformieren wolle“ — erhellt unter anderem 
aus der großen Versöhnlichkeit, mit welcher der große Reformator seine Anhänger er- 
mahnte, nicht zu schroff vorzugehen. So warnt er z. B. in einem Briefe an Herzog 
Johann Friedrich (mitgeteilt in Seckendorffs Geschichte des Luthertums S. 467) davor, 
denen Argernis zu geben, die im Prinzip mit der Kirchenbesserung einverstanden sind. 
Ver z. B. gewohnt sei, das Abendmahl in einer Gestalt zu nehmen und von dieser 
Observanz nicht abgehen wolle, welche schon sehr alt sei, der solle dabei gelassen werden, 
bis er selbst einsieht, daß es in beiderlei Gestalt richtiger sei. Aus Liebe müsse man sich 
nach der Einfältigen Verstand richten, um den schwachen Gewissen kein Argernis zu geben. 
Seine Nachfolger ließen dann gar oft diese Milde fehlen und dürften dadurch wohl manches 
verdorben haben. Es soll nicht feindselig gegen das Werk der Reformation klingen, wenn 
die schon viel beantwortete Frage aufgeworfen wird, ob nicht die vielgerühmte „freie 
Forschung“ eine Art Kuckucksei bedeute. Der durch und durch fromme Luther hatte beim 
Gebrauche derselben sich selbst die Zügel angelegt, deren Anwendung, um das Tempo zu 
mäßigen und ein gefahrvolles Durchgehen zu verhindern, durch Verstand und Klugheit, 
wie nicht minder durch die Liebe zum Heiland und zu den Geboten Gottes erforderlich 
ist. — Wehe, daß man jetzt so häufig diese Zügel schießen läßt.
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        — 79 — 
ein zu deutsch gesinnter Fürst war, als daß er eine Annäherung an die 
Bourbons nicht nur als einen vorübergehenden Schachzug seiner weitsichtigen 
und schlauen Politik betrachtet haben sollte — eine Abrechnung auch mit 
dem Räuber von Metz ins Werk gesetzt haben würde. Nach der Schlacht 
bei Mühlberg 1547 erhielt Herzog Moritz von Kaiser Karl V. die seinem 
Vetter Johann Friedrich abgenommene Kurwürde und den Kurkreis. Doch 
ließ Moritz — der junge Löwe, der nur geschickt die Gelegenheit abwartete, 
um mit gewaltiger Tatze ein Netz zu sprengen, in dessen goldenen Maschen 
verstrickt zu sein, seiner ganzen Natur widersprach — durch diesen Gnaden— 
beweis sich weder blenden noch einschläfern. Sowie er bemerkte, oder viel— 
mehr Beweise dafür hatte, daß der spanische Karl die Gewalt der einzelnen 
deutschen Reichsfürsten zu brechen und aus Deutschland eine hispanische 
Provinz zu machen trachtete, die evangelische Lehre Luthers aber, sowie die 
Gewissensfreiheit von dessen Landsleuten von Grund aus vernichten wollte, 
wandte er sich in offenem Bruch vom Kaiser ab und gegen ihn. Daß der neue 
albertinische Kurfürst sich somit kühn an die Spitze der nationalen Be— 
wegung setzte, die schon längst in den Herzen der Deutschen als eine un— 
abweißbare Notwendigkeit sich vorbereitet hatte, nur des Funkens harrend, 
der sie entzünden würde, ist unleugbar eine gewaltige Tat. Dieses hohe 
Verdienst darf ihm auch von denen nicht geschmälert werden, welche die — 
freilich nicht immer ganz durchsichtige — Größe seines Charakters nicht an— 
erkennen wollen. Der in Innsbruck weilende Kaiser, der den „tollen und 
vollen Deutschen“ so fein gesponnene Pläne nicht zutraute, ward nun von 
des Kurfürsten Moritz kriegerischen Scharen, deren Fahnen damals von der 
unteren Elbe bis zum Brenner wehten, hart bedrängt. Nach der Er— 
stürmung der Ehrenberger Klause, jenes festen, bisher als uneinnehmbar 
gegoltenen Bollwerkes, welches den Schlüssel zum Lande Tirol bildete 
(am 19. Mai 1552), trat Karl V., nachdem er vorher den weiland Kur- 
fürsten Johann Friedrich seiner harten Haft entlassen hatte, eiligst seine 
Flucht über den Brennerpaß an, um nicht seinerseits in Gefangenschaft 
zu geraten.5) 
Die Macht des spanischen Habsburgers über Deutschland war gebrochen; 
— ein welthistorischer Moment. Der nächste Erfolg zeigte sich im Vertrag 
zu Passau (2. August 1552), welcher außer anderen Bedingungen haupt- 
sächlich die enthielt, daß über die kirchliche Frage ein im Laufe des Jahres 
zu berufender Reichstag entscheiden solle; — wodurch die Zuständigkeit des 
Tridentinischen Konzils über die deutschen Protestanten grundsätzlich auf- 
gegeben war. Freilich hatten Moritz und seine Verbündeten, um die Streit- 
kräfte des Kaisers abzulenken und dadurch ihr Vorgehen um so wirksamer 
558) Nur das gerade im entscheidenden Augenblicke eintretende Meutern eines Lands- 
knechtsregimentes, welches rebellisch wurde, weil es den üblichen Sturmsold nicht sofort er- 
halten konnte, ist daran schuld, daß der Kaiser nicht gefangen genommen werden, sondern 
der eisernen Umarmung entschlüpfen konnte. übrigens soll Moritz geäußert haben: „Ich 
habe keinen Käfig für einen solch' großen Vogel.“
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        — 80 — 
gestalten zu können, die indirekte Hilfe des Königs von Frankreich, sei es 
annehmen, sei es anrufen, jedenfalls sich gefallen lassen müssen und tatsächlich 
gingen die lothringischen Bistümer Metz, Toul und Verdun dadurch dem 
deutschen Reiche verloren. Man wird sich aber wohl ruhig dem Urteile der— 
jenigen deutschen Patrioten anschließen können, die obzwar sie jenes Ab— 
kommen mit Frankreich nicht nur bedauern, sondern geradezu als eine 
Demütigung empfinden — dennoch zu dem Schlusse gelangen: dies sei 
immerhin besser gewesen, als daß Deutschland und seine Zukunft an Spanien 
ausgeliefert, beziehentlich den Spaniern geopfert worden wäre. über— 
haupt mag Kurfürst Moritz, indem er Haupt und Seele der deutschen Be— 
wegung war, gar oft mit schwierigen Fragen, sowohl des inneren Ge— 
wissens wie der äußeren Verantwortung, zu kämpfen gehabt haben. Und 
sehr treffend sagt Kaemmel in seinem „Gang durch die Geschichte Sachsens“: 
Es gehörte eine seltene Verbindung von Kaltblütigkeit, Klugheit und Tat- 
kraft dazu, um zwischen diesen Klippen nicht nur sich durchzuwinden, sondern 
auch zu glänzender Höhe emporzusteigen. 
Es ist daher wohl nicht zu viel behauptet, wenn man sagt, Kurfürst 
Moritz (von Balthasar Rysch und Hans von Schleinitz erzogen und von 
seiner Mutter Katharina von Mecklenburg geleitet) war nicht nur einer der 
bedeutendsten und groß angelegtesten Fürsten des Hauses Wettin, sondern 
aller Zeiten und aller Völker. Unstreitig würde derselbe noch Großes voll— 
bracht haben, wenn nicht der so frühe Heldentod seinem an Wirken und 
Schaffen reichen Leben ein jähes Ende bereitet hätte. Seine Herrscher— 
natur zeigte sich nicht nur im Felde, sondern auch in der Verwaltung und 
Regierung des Landes, in der gleich großen Fürsorge für Kirche wie 
für Staat, besonders aber auch in der Förderung des Unterrichtswesens. 
Ist doch dies letztere ein Faktor, dem niemals zu viel Aufmerksamkeit 
gewidmet werden kann, denn die Schule liefert das geistige Rüstzeug, wie 
das Zeughaus das leibliche. 
Kurfürst Moritz ist nicht nur der Begründer des Albertinischen Kur— 
staates, sondern auch der kursächsischen Landeskirche.54) 
Die von protestantischem und antirömischem Übereifer mehr oder weniger 
widerrechtlich eingezogenen und säkularisierten geistlichen Güter wurden 
(wenn auch nicht zurückerstattet, so doch nach Möglichkeit den Bestimmungen 
ihrer einstigen Stifter wieder näher gebracht) zu Kirchenbesserungen und 
Stipendien für Lehrer und Geistliche verwendet. Die Hebung der Schulen 
war nicht ohne sehr großen Einfluß auf das Anwachsen der immer berühmter 
541) Daß der Landesherr das persönliche Oberhaupt der Landeskirche sei, war durch 
Reichsgesetz festgelegt worden. Von der Einsicht und Weitsichtigkeit des Kurfürsten wie 
dessen Rates, Georg von Carlowitz, zeugt es, daß nach deren Plane unter dem fürstlichen 
Summepiskobat die evangelisch umgestalteten Bistümer als Vermittelungs= und Ober-Instanz 
über den Superintendenturen stehen sollten, — was ganz gewiß dazu beigetragen haben würde, 
dem ganzen Gefüge mehr Festigkeit und mehr Ansehen zu verleihen. Doch scheiterte dieser 
Plan (wenn man Kaemmels Angabe folgt, am Widerstande der Prälaten) und es kamen 
nun Juristen in die Konsistorien.
        <pb n="99" />
        werdenden Universität Leipzig, deren Studentenmaterial zur Freude der 
weit und breit glänzenden Professoren ein immer besseres wurde Selbst- 
verständlich trug dies seinen Segen überall hin, und ward für den gesamten 
Staat um so mehr von weittragendem Nutzen, als die neue Zeit immer 
größere Anforderungen an die Beamtenschaft stellte, welche ihrerseits, den 
wachsenden Bedürfnissen der Staatsverwaltung entsprechend, eine von Jahr 
zu Jahr zunehmende Vermehrung erfahren mußte. 
Aus dieser Erwägung heraus und in dem Sinne, den der Geheime Rat 
von Carlowitz in des Kurfürsten Namen aussprach: „Man muß die gute 
Zucht bei der Jugend anfahen, und solche zum Guten leiten, denn ein 
alter Hund ist böse bändig zu machen“", gründete Moritz im Jahre 1543 
die drei Landesschulen zu Meißen, Pforta und Merseburg. Zur Erinnerung 
an die Huld des Fürsten, der sie ins Leben gerufen hatte, und zum fort- 
währenden Ansporn dankbarer Gesinnung gegen das Fürstenhaus überhaupt, 
erhielten diese Schulen den Namen „Fürstenschulen“. Sie waren die ersten 
und einzigen Staatsschulen. Diejenige zu Merseburg wurde sieben Jahre 
später nach Grimma verlegt und hat im Jahre 1900 am 20. September 
ihr 350 jähriges Jubiläum gefeiert,5) wie am 3. Juli 1903 in Anwesenheit 
des Königs Georg die zu Meißen unter dem Rektorat Peter ihre 
360. Gründungsfeier. 
Die besonders von des hochseligen Königs Albert Majestät zu wieder- 
holten Malen als „eine der segensvollsten Regierungshandlungen seines 
erlauchten Ahnen, des Kurfürsten Moritz“, bezeichneten Fürstenschulen und 
der Geist, der von ihnen ausgeht, werden hoffentlich auch in der Zukunft 
eine niemals versiechende Lebensdauer haben. Dies ist um so mehr zu hoffen 
und mit Bestimmtheit zu erwarten, als König Albert persönlich und aus- 
55) Bei dieser erhebenden Feier, die durch die Anwesenheit Seiner Majestät des 
Königs Albert ausgezeichnet worden ist, hob Se. Excellenz der Kultusminister von Seydewitz 
hervor, wie der erlauchte weitsichtige Stifter, Kurfürst Moritz, die Aufgabe dieser Schule 
wörtlich dahin gekennzeichnet habe, „daß hier die Jugend zu Gottes Lobe und im Gehorsam 
erzogen, in denen Sprachen und Künsten und dann vornehmlich in der heiligen Schrift 
unterrichtet werde, damit es mit der Zeit an Kirchendienern und anderen gelahrten Leuten 
nicht Mangel gewinne“, und daß die Schule selbst von Anbeginn ihres Seins an, ihre 
Lebensaufgabe in die drei Worte zusammengefaßt habe, welche zu ihrem und ihres Schaffens 
Ruhm weithin mit ihrem Glanze leuchten: Pietati, Virtuti, Doctrinaec. 
„Wir freuen uns,“ sagte der Herr Minister unter anderem im weiteren Verlaufe seiner 
Rede, „daß durch den ganzen Geist, der durch diese ehrwürdige Schule weht, und die Taten, 
in die derselbe sich je und je umgesetzt hat, der Beweis erbracht ist, daß das klassische 
Altertum, richtig gelehrt und richtig gelernt, noch immer eine gute fruchtbringende Vor- 
schule für das Leben, — auch für das vielgestaltige allerwärts mächtig und ungestüm vor- 
wärts dringende Leben der Gegenwart — sein kann.“ übrigens sind berühmte und 
bekannte Männer in großer Anzahl aus diesen Fürstenschulen hervorgegangen. Im ersten 
Vierteljahrhundert ihres Bestehens (1568) ward z. B. der nachmalige Kanzler Nikolaus 
Krell unter die Schar der Grimmenser aufgenommen. Dessen zänkisches und tyrannisches 
Wesen gab einst seinem Lehrer die Veranlassung zu den Worten: Tu eris aliquando 
Pestis patriae. (Du wirst einmal das Verderben des Vaterlandes sein.)
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        — 82 — 
drücklich nicht sowohl des öfteren den hohen Wert der klassischen Bildung 
anerkannt, sondern auch seine Willensmeinung dahin ausgesprochen hat, er 
werde immer und allezeit für die Erhaltung dieser klassischen Bildung und 
deren Pflegestätten eintreten. „Gott erhalte uns die klassische Bildung, 
ich werde für sie kämpfen bis an mein Ende.“ So lauteten (um nur ein 
Beispiel anzuführen) die Worte, welche König Albert 1892 in Grimma 
zum Rektor Bernhardi gesprochen hat.56) 
Für die monarchische Machtstellung und die territoriale Selbständigkeit 
des Kurstaates von nicht zu unterschätzendem Werte ist auch die 1548 vom 
Reiche bestätigte Ordnung des Oberhofgerichtes zu Leipzig geworden, welches 
für die schriftsässigen Herren und Städte die einzige, für alle anderen 
Untertanen die höchste Instanz wurde und zwar mit Ausschluß jeder Be- 
rufung an das Reichskammergericht. 
Von besonderer Wichtigkeit für die Stadt Dresden ist das Jahr 1550. 
In diesem Jahre schlug Kurfürst Moritz nämlich die beiden Gemeinden Alt- 
und Neu-Dresden, die bis dahin, obwohl nur durch den Elbstrom getrennt, 
zwei verschiedene selbständige Städte dargestellt hatten (zwischen denen sogar 
unaufhörlich Reibereien vorgekommen waren), zu einer Stadt zusammen. 
Erst von diesem Zeitpunkte an hat die Doppelstadt Dresden eine Ver- 
waltung, einen Rat, ein Insiegel. Alt-Dresden, die jetzige Neustadt, auf 
dem rechten Elbufer, führte bis dahin — vermutlich wegen des in der an- 
grenzenden Heide befindlichen großen Wildstandes — einen Hirsch im Wappen. 
Als gemeinsames Gesamtwappen ward nun dasjenige von Neu-Dresden 
angenommen: die bekannte (auch bei Leipzig und anderen Städten sich vor- 
5% So ist denn, dank dem direkten Eingreifen unseres verewigten Königlichen Herrn, 
für jetzt wenigstens, die Klippe glücklich umfahren worden, welche durch Einführung der 
lateinlosen Hochschule die klassische Bildung mit dem Untergange bedroht. In Preußen ist 
ein gegenteiliger Beschluß gefaßt worden und es gibt Unzufriedene, die es beklagen, daß eine 
solche einschneidende Maßregel nicht gleich im ganzen Deutschen Reiche eingeführt worden 
sei und die den sächsischen Standpunkt als verdammenswerten Partikularismus ansehen. 
Dem gegenüber und gewissermaßen zur Stärkung und Herzerquickung der „Humanisten“ 
soll aber nicht unterlassen werden, an dieser Stelle die Stimme eines „alten humanistischen 
Gymnasiasten und Studenten“ aus Preußen in ihren markantesten Sätzen wieder zu geben, 
die derselbe im „Reichsboten“ vom 16. Januar 1902 vor der Öffentlichkeit hören läßt. „Ich 
muß gestehen“, sagt der alte Herr, „ein tiefes Schmerzgefühl durchzog mein Herz, als ich 
heute von dem Abschluß der Schulreform las, ein tiefes Schmerzgefühl, daß es nun wirk- 
lich — bei uns in Preußen wenigstens — aus sein soll mit unserer guten alten humanistischen 
Bildung; aus auch mit ihrer Macht und ihrem Segen für unser Volk. Voll Wehmut lenkt 
da der Blick sich zurück in jene Zeiten, wo wir auf der Bank der Prima bei Homer uns 
begeisterten, ihm folgten in die männermordenden Schlachten, wenn wir, geführt von kundiger 
Hand, uns vertieften in die Oden eines Horaz mit ihrem Wohlklang und ihrer Schönheit, 
wenn wir im Sophokles lasen von dem Menschenleben mit dem Zwiespalt der Pflichten, der 
feindlichen Begegnung der Charaktere, vom Sieg des Rechten und Heiligen, wenn wir im 
Tacitus mit Stolz vernahmen von unseren Vorfahren. Haben denn die Herren, die unserem 
Volke diese Schulreform gleichsam als Neujahrsangebinde mitgaben, gar nichts erfahren 
von solchen Schönheiten der antiken klassischen Bildung und von ihrem Segen, ihrem Nutzen, 
nicht bloß ideal, sondern auch real.“ [Man kann sich freilich auch an übersetzungen erbauen.]
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        — 83 — 
findende) Zusammenstellung des Meißnischen Löwen und der Landsberger 
Pfähle in veränderten Farben; hier schwarz und gelb. 
Bereits mehrere Male hatte das Leben des Sachsenfürsten in ernstester 
Gefahr geschwebt. Mit knapper Not war Moritz einst dem Tode des Er— 
stickens entgangen, als sein Schlafgemach (die Kammer eines Bauernhauses 
im türkischen Feldzuge) sich mit Rauch gefüllt hatte. Bei Mühlberg hatte 
ein kurfürstlicher Reiter dem Herzog bereits seine Schußwaffe auf die Brust 
gesetzt, als dieselbe, wie durch ein Gotteswunder, versagte. Und bei Inns— 
bruck setzte Moritz, gelegentlich der schon erwähnten Meuterei der Reiffen— 
bergschen Landsknechte, sein Leben noch weit direkter aufs Spiel, als er 
dies sonst in jeder Schlacht tat. Im Türkenkriege 1542 aber, wäre der 
allzumutig vorwärts gedrungene Herzog unfehlbar den Schwertstreichen der 
ihn dicht umdrängenden Feinde erlegen, die ihn bereits vom Pferde herunter 
gehauen hatten, wenn nicht Sebastian von Reibisch, der sich über ihn warf, 
in aufopfernder Vasallentreue sein Leben für das seines Herren ließ. Bei 
Sievershausen im Braunschweigischen nun (bei dem Kriege, den Moritz gegen 
Albrecht von Brandenburg führen mußte, der die Verträge nicht hielt), am 
9. Juli 1553, während seine Banner siegreich vordrangen und die Sachsen 
das Feld behaupteten, traf den edlen Fürsten die tödliche Kugel. Sanft 
legte man den zum Tode Verwundeten unter einen Weidenbaum und von 
hier aus leitete der sterbende Held — der noch die Freude erleben durfte, 
den durch den Sächsischen Reiterführer Wolf von Totenwart herbeigeführten 
Sieg seiner Waffen zu erfahren —, einem Epaminondas gleich, den Gang 
Dann weiter: „Wie wird es, dank unserer Schulreform, in nicht allzu langer Zeit aus- 
sehen auch um unser deutsches Studententum? Auch euch Neueren leuchtet die Liebe zur 
Wissenschaft aus den jugendlichen Augen, wenn ihr einzieht in die Musenstadt, von der 
eure Alten sungen und wo ihr nun auch zwitschern wollt. Doch bald werdet ihr andere 
Gesichter machen. Wenn du auch Jurist und ein hohes Tier werden willst, das corpus juris 
mußt du übersetzen können und laß dich nicht täuschen, lingua Latina ist eine spröde Jungfrau, 
bei der ohne Grammatik nichts anzufangen ist. Und du armer Mediziner und Naturwissen- 
schaftler, dir wird bald der Schädel brummen von all den griechischen und lateinischen Namen 
in deinem Fach, also her mit der griechischen und lateinischen Grammatik! Vollends nun ihr 
armen klassischen Philologen und Theologen, deren Professoren so grausam sind, ihre Kollegia. 
mit Latein, Griechisch und Hebräisch anzufangen. Wo sollt ihr hin vor Angst?“ „Ihr Männer 
auf den Lehrstühlen der deutschen Hochschulen, liegt euch wirklich bloß an der Frequenz 
eurer Universitäten, nicht auch an dem geistigen und leiblichen Wohl eurer Hörer? Idealis- 
mus und Materialismus, das sind die beiden Mächte, die heut sich gegenüber stehen und 
zum Siege des letzteren tut man in Preußen mit der Schulreform den ersten großen Schritt. 
Du kannst es nicht ändern, wenn es auch wehe tut, wenn man sieht, wie aus dem Volke 
der Dichter und Denker ein Volk von Krämer= und Banausenseelen wird, würdig unserer 
merkantilen englischen Vettern jenseits des Kanals. Habeant sibi!“ In der Ersten 
Sächsischen Kammer (2. Juni 1902) hat der Geheime Rat Profeffor Dr. Wach (im Sinne 
der ganzen Universität Leipzig) ausdrücklich hervorgehoben, daß die humanistische Vorbildung 
mindestens für den juristischen Beruf unerläßlich sei. Wenn doch, wie die klassische Bildung, 
so auch die christliche Lehre so überzeugte Verteidiger für die Schulen fände. Mögen und 
möchten in dieser Beziehung die Worte des Freiherrn von Dürant im Herrenhause vom 
7. Mai 1902 überall Einsicht und warme Beherzigung finden.
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        — 84 — 
der Verfolgung. Zwei Tage darauf hauchte der erst 32 Jahre alte Kurfürst 
Moritz seine Heldenseele aus. Er hatte sich von seinem Hof- und Feld— 
prediger Albinus das heilige Abendmahl in beiderlei Gestalt reichen lassen 
und sah dem Tode nicht nur als Held, sondern auch als Christ entgegen. 
„Gott kommt“ waren Moritzs letzte Worte, nachdem er vorher seinen Trau— 
ring dem getreuen Carlowitz mit den Worten anvertraut hatte: „Dies Ring- 
lein soll August unserem lieben Gemahl wieder zustellen und soll daneben 
sagen, daß wir sie freundlich gesegnen lassen in tröstlicher Hoffnung, daß 
wir mit der Zeit nach Gottes gnädiger Verleihung in jener Welt wieder 
einander sehen wollen.“ Außer Moritz selbst fielen hier auf seiner Seite 
die beiden Söhne des alten Herzogs von Lüneburg, 14 Grafen und an die 
300 Edelleute. Ein schwerer und, was den edlen Kurfürsten anlangt, un- 
ersetzlicher Verlust, dem gegenüber die im heißesten Handgemenge erfolgte 
Eroberung von achtzig Fahnen und Standarten, wenn auch ein schönes 
Ruhmeszeichen, so doch immerhin nur ein schwacher Trost war. Auf beiden 
Seiten zählte man viertausend allein an Toten. Das verhängnisvolle Ge- 
schoß, eine aus einem Faustrohr aus allernächster Nähe abgeschossene, merk- 
würdigerweise silberne Kugel,5“) wird samt des Kurfürsten blutgetränkter 
Feldbinde im Königlichen historischen Museum zu Dresden aufbewahrt. 
57) Der feige und hinterlistige Mordbube, durch dessen Kugel Kurfürst Moritz so jäh- 
lings aus seiner Heldenlaufbahn gerissen worden ist, soll — wie Böttiger in seiner Geschichte 
Sachsens, I. 557, nach einem ihm glaubhaft scheinenden Gewährsmann berichtet — ein 
junger Herr von Karras gewesen sein, der als Leibpage in des Kurfürsten unmittelbarem 
und persönlichem Dienste stand und von diesem, seinem fürstlichen Herrn, besonders zahl- 
reiche Wohltaten empfangen, wie gute Lehren erhalten hatte. Gerade weil aber Kurfürst 
Moritz sich um diesen Junker, zum Heile für dessen Zukunft, besonders eingehend beschäftigte, 
war er ab und zu genötigt, ihn auch zu strafen und soll ihm einstmals im väterlichen Zorne 
einen Backenstreich gegeben haben. Die kleine silberne Kugel (in Speck gehüllt, „damit sie 
besser flitze"“) war die Quittung, der Meuchelmord an seinem Wohltäter die schmachvolle 
Rache dieses Elenden, der die Tat auf dem Sterbebett gebeichtet habe. Der Grund aber der 
Zuneigung des fürstlichen Herrn zu diesem Unwürdigen habe in folgendem gelegen: Bei Er- 
bauung des Jagdschlosses Moritzburg suchte Kurfürst Moritz den sehr großen und schönen 
Wald des auf dem angrenzenden Rittergute Coswig sitzenden Herrn von Karras zu den 
„Jagdgründen“ Moritzburgs hinzu zu bekommen, und bot dem Genannten den vorteilhaften 
Umtausch dessen Gutes gegen ein anderes an. Der Kurfürst erreichte seinen Zweck; und 
um den so loyalen Edelmann, der ihm einen derartigen Gefallen getan hatte, noch außer- 
dem sein besonders dankbares Wohlwollen zu bezeugen, nahm er dessen Sohn in seine nächste 
Umgebung, mit dem Versprechen, für ihn sorgen zu wollen. Ja, nur zu oft bewahrheitet 
es sich: Undank ist der Welt Lohn. Schade, daß von so Elenden gesprochen werden muß. 
Mit Shakespeare kann man sagen: 
Was Menschen übles tun, 
Das überlebt sie meist. — 
Das Gute wird mit ihnen oft begraben. 
übrigens sei hervorgehoben, daß — da Böttiger jene Erzählung, die mit der Volksmeinung 
zusammentrifft und übereinstimmt, nicht durch Urkundenmaterial belegen kann — die Wahr- 
heit derselben von manchen, so insbesondere von dem hervorragendsten der jetzt lebenden 
sächsischen Historiker, Professor Dr. Kaemmel in Leipzig, für zweifelhaft angesehen wird.
        <pb n="103" />
        — 85 — 
O, wohl bewahrheitet sich in jedem einzelnen Falle Schillers Wort, das er 
dem Heldenjüngling Max in den Mund legt: 
Denn wenn die Kugel los ist aus dem Lauf, 
Ist sie kein totes Werkzeug mehr; — sie lebt. 
Des so jung vom Schauplatz seiner Taten abgerufenen Moritz Sohn, 
Albrecht, war schon als Kind gestorben; seine Tochter Anna wurde 1561 
die unglückliche Gemahlin Wilhelm des Schweigsamen von Oranien. Das 
Kurfürstentum kam an Moritz' Bruder August. 
Kulturgeschichtliches. 
III. 
Kurhut und Kurmantel schmücken Friedrich den Streitbaren, beide 
Attribute in Natur von purpurrotem Sammet, mit Hermelin aufs reichste 
verbrämt. 
Das Reichsschwert, jenes so außerordentlich wichtige Stück der Reichs- 
insignien, dem Kaiser vorzutragen, gehörte zu den Obliegenheiten des Reichs- 
erzmarschalls, dessen Ehrenamt schon zu früher Zeit dem jeweiligen Herzoge 
von Sachsen zustand. (Der Sachsenspiegel erwähnt dieses Rechtsverhältnis 
schon zur Zeit seiner Abfassung, also um 1230, als althergebracht.) Dieses 
Erzamt ist bekanntlich aus dem uralten Begriffe marescalcus-Rossebesorger 5) 
herausgewachsen und wurde, wie alle Feudalämter ursprünglich Lehen von 
Kaiser und Reich, gleich den meisten derselben, später erblich. 
Die noch in der Epoche der Karolinger mit dem Marschallamte ver- 
bundene oberste Leitung erst des Marstalles, dann des Oberbefehles über 
die Reiterei ging allmählich in den Begriff „Befehlshaber der Heeresmacht 
überhaupt" über und lebt im „Feldmarschall“ noch heute fort. Der Erzmarschall 
des Reiches, der übrigens auch der Schutzherr aller Heerpauker und Feld- 
trompeter in deutschen Landen war, übte die nächste Stellvertretung des Kaisers 
aus und war in dieser Eigenschaft von beinahe noch größerem Einflusse wie als 
Träger der Kurwürde, obwohl er beides vereinte. Als bedeutungsvolles 
Zeichen führte der Kurfürst-Erzmarschall im schwarz-weiß geteilten Felde 
zwei gekreuzte rote Schwerter neben seinem angestammten Wappen.0) Bei 
d58) Ahnlich wie hier aus mar und scalk, nämlich Roß und Knrecht, die Bezeichnung 
für einen an Bedeutung und Vornehmheit immer mehr gewachsenen, mit besonderer Ehrung 
verbundenen Begriff entstanden ist, so haben dieselbe Ableitung vom Roß und der Be- 
schäftigung mit diesem edlen Tiere die Begriffe ecuyer von equus und curia (Pferd 
und Hof) chevalier von cheval oder caballus und cavallus (Pferd) sowie Konne- 
table von comes stabuli, das heißt Verwalter des Stalles. 
56) Leider hat bei der endgültigen Aufstellung des Königlich Sächsischen Wappens im 
Jahre 1889 jene so vieles erzählende ruhmreiche historische Reminiscenz keine Berücksichtigung 
erfahren, obwohl dieselbe — und zwar nach Vorgang und Beispiel zahlreicher sogenannter 
Erinnerungs= oder Gedächtnis-Wappen — einen Ehrenplatz dortselbst gar wohl verdient
        <pb n="104" />
        — 86 — 
Ausübung seiner Obliegenheiten als Reichserzmarschall ward der Kur- 
fürst vom Reichserbmarschall unterstützt, welches Amt in der Familie 
der Grafen Pappenheim erblich war. Dieser wiederum hatte Unterstützung 
in den Untermarschällen, deren Amter sich an ihren Namen kund gaben, wie 
z. B. Marschall von Ostheim usw. Bei großen feierlichen Gelegenheiten ritt 
der Erzmarschall zu Pferde mit dem bloßen Reichsschwerte vor, neben ihm 
ging zu Fuße der Erbmarschall Graf Pappenheim, die Scheide des Reichs- 
schwertes tragend. Das übliche Hineinreiten in den Haferberg und Dar- 
bringen dieses symbolischen wie tatsächlichen, Kraft und Stärke verleihenden 
Nahrungsmittels in einem dazu bestimmten silbernen Maße führte gemeiniglich 
der Erzmarschall selbst aus. Auch gelangten während der Dauer eines 
Reichstages alle wichtigen Meldungen zuerst an die Person des Reichserz- 
marschalls als (wie man heutigentages sagen würde) Kommandanten des 
Hauptquartiers, dem auch die Sicherheit des Ganzen oblag und zu diesem 
Behufe die sämtlichen anwesenden Streitkräfte untergeordnet waren. Für 
gute Verquartierung des Kaisers und der Reichsfürsten, wie der fremden 
Gesandten zu sorgen, war Sache des Erbmarschalls, ebenso wie derselbe 
dafür zu sorgen hatte, daß an den betreffenden Absteige-Quartieren in ge- 
gehöriger Weise Namen und Wappen der dort Wohnenden angebracht waren. 
Stillschweigend oder bestimmungsgemäß als auf die Vertretung des Erb- 
marschalls und der Untermarschälle übergegangen galt ferner das öffentliche 
Ansagen von Tag und Stunde der Reichstagseröffnung, sowie das Ein- 
sammeln der auf dem Reichstage abgegebenen Stimmen. Bei keaiserlicher 
Prunktafel ging der Erbmarschall mit einem Stabe den Speiseträgern vorauf, 
welche sämtlich Reichsgrafen waren. Unter dem Kurmantel ist Friedrich 
der Streitbare mit derjenigen Art Rüstung angetan, welche aus kunstvoll in 
die nötigen Formen gebrachten Eisenplatten besteht und daher Plattenrüstung 
genannt wird.“o) 
Gleichzeitig mit ihrem Höhepunkte ereilte dieselbe aber auch der Anfang 
ihres Endes. Es erging den schweren Rüstungen der Ritter ebenso, wie es 
jetzt den Panzerungen der Kriegsschiffe gehen wird. Zu großes Gewicht 
hätte. Von den Grafen zu Pappenheim, in deren Familie das Reichsmarschallamt erblich 
war, nämlich die Verpflichtung, dem Reichserzmarschall in Ausübung seiner Obliegenheiten 
behilflich zu sein, werden die Kurschwerter noch heute im Schilde geführt. Sonst aber haben 
sich dieselben nach Aufhebung des alten Reiches und Erledigung der Kur Sachsen (nachdem 
sie innerhalb Sachsens noch längere Zeit auf Grenzsteinen als direktes Herrschaftszeichen 
des Fürstenhauses galten) auf die bekannten Kunsterzeugnisse der Meißner Porzellan= 
manufaktur zurückgezogen. 
60) Im Volksempfinden deckt sich merkwürdigerweise der Begriff Rüstung gemeinhin 
mit demjenigen der Art von Rüstung, in der man Kaiser Max „den letzten Ritter“ und 
Karl den Kühnen von Burgund zu sehen gewöhnt ist (unter denen dieselbe den Höhepunkt 
ihrer Vollkommenheit erreicht hat). Und wiederum mit jenem Begriffe „geharnischter Ritter“ 
fällt bei den Meisten die Idee von Rittertum überhaupt zusammen, obwohl das eigent- 
liche Rittertum ziemlich dreihundert Jahre früher das gewesen ist, als welches es noch 
heute dem Staate und der Gesellschaft vorleuchtet.
        <pb n="105" />
        — 87 — 
bei unzulänglicher Schutzgewährung und Mangel an Bewegungzfreiheit 
bringen immer Umwälzungen in der Armierung mit sich.“!) Pulver und 
Feuergewehr taten das ihrige, den Wert schwergepanzerter Reitergeschwader 
und deren Rüstungen herabzusetzen. Eine der letzten Fälle alter Kriegführung 
war in sächsischen Landen die Eroberung der festen Burg Kriebstein seitens 
des dem Ritter Dietrich von Beerwalde beistehenden Markgrafen Friedrich 
des Streitbaren Anno 1415. Diese Episode ist von allgemeinerem Interesse 
auch des geschichtlich beglaubigten Umstandes wegen, der an die bekannte 
Geschichte der Weiber von Weinsberg erinnert. Friedrich der Streitbare 
forderte, daß der Ritter von Staupitz, der sich ungerechtfertigterweise in den 
Besitz jener Burg gesetzt hatte, sich ihm auf Gnade und Ungnade ergebe, 
seiner Gattin aber erlaubte er, frei abzuziehen und mit sich zu nehmen, was 
ihr das Liebste sei. Da lud die wackere Burgfrau ihren Eheliebsten auf die 
Schultern. Und da, wie einst König Konrad, so hier Markgraf Friedrich 
sein gegebenes Wort hielt, so war Staupitz gerettet. 
Bezeichnend ist auch der Kriegsheld Albrecht der Beherzte dargestellt, 
nur Haupt und Hände sind ohne Eisenhülle. Visierhelm und Eisenhandschuhe 
sind indessen an dem Rittersmann deutlich zu sehen, der hinter Heinrich 
dem Frommen einherschreitet, während die vielfache Gestaltung der Fuß- 
bekleidungen damaliger Zeit hier nur in einigen Typen angedeutet wird. 
Sie schwankt zwischen abnorm langen dünnen Spitzen und unverhältnismäßig 
breiten Klumpen. Im hohen Reiterstiefel des Ritters und dem niedrigen 
Bundschuh des Bauern — welch letzterer den Aufständischen der Bauern- 
kriege als Sinnbild vorangetragen wurde, neben dem Feldzeichen des ein 
Rädlein im Schilde des Wappens führenden Götz von Berlichingen (daher 
der Ausdruck Rädelsführer) — verkörperten sich gewissermaßen zwei Welt- 
anschauungen, das aristokratische und das demokratische Prinzip in ihren 
Extremen. Illustriert wird das z. B. durch den Ausspruch der in Sattlers 
Geschichte der Herzöge von Württemberg dem vertriebenen Ulrich in den 
Mund gelegt wird. Es sei ihm gleich, ob er durch Stiefel oder Schuh 
wieder in sein Land komme, also ob durch Hilfe des Adels oder des Land- 
volkes. — Daß damals selbst die offenkundigsten Extravaganzen in der Be- 
kleidung (und speziell auch des Schuhwerkes) der Würde und Ernsthaftigkeit 
keinen Eintrag taten, beweist unter anderem die Tatsache, daß Burggraf 
Friedrich von Nürnberg, bei seiner Belehnung mit der Mark Brandenburg 
zu Konstanz 1417, die engen Stufen zum kaiserlichen Thronsitz in Spitzschuhen 
mit klappernden Unterschuhen hinaufstieg, deren lose schwankenden, mit 
Schellen behangenen Schnäbel weit über das Doppelte des eigentlichen Fußes 
"1) Die leicht bewaffneten reisigen Knechte — von denen ein jeder in drückender Eisen- 
hülle erscheinende Edelmann einige mit ins Feldlager brachte — wurden zu leichten Reiter- 
regimentern geordnet. Eine Verschmelzung ergab die in Halbrüstung auftretenden „deutschen 
Reiter“, welche wegen des schwarzen Anstrichs, den sie den Eisenteilen ihrer Montierung 
gaben, die „Schwarzen“ schlechthin genannt wurden und bald als besonders tüchtig in der 
ganzen europäischen Welt bekannt waren.
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        — 88 — 
lang waren. Rechnet man zu diesen Ungetümen noch die nach damaliger 
Sitte abnorm langen Sporen als hintere Ausläufer hinzu, die höchstens zu 
Pferde nicht inkommodierten, so ist es wirklich kaum auszudenken, wie der 
Fürst seinen Auf= und Abstieg zum und vom Throne seines kaiserlichen Lehens- 
herren bewerkstelligt hat, denn es war ihm bei dieser Gelegenheit unmöglich, 
dem Beispiele der österreichischen Ritter zu folgen, die, als sie bei Sempach 
mit den Schweizern zu Fuß kämpfen mußten, sich vorher allesamt die 
Schnäbel von ihren Eisenschuhen abhackten. 
Das von Albrecht dem Beherzten um den Hals getragene Ordenszeichen 
vom Goldenen Vließ (gestiftet 1429 von Herzog Philipp dem Guten von 
Burgund) ist nächst dem englischen Hosenbandorden die älteste derjenigen 
Dekorationen, die als Auszeichnungen an Stelle der bisher üblich gewesenen 
güldenen Gnadenketten und Ehren-Schaumünzen zu treten beginnen. 
Früher galten Ordensinsignien als äußere Erkennungszeichen solcher, die zur 
Erfüllung eines gemeinsamen hohen ethischen Zweckes in einen „Orden“ 
getreten, das heißt in einer von der höchsten kirchlichen oder weltlichen Ge- 
walt als „Orden“ sanktionierten geschlossenen derartigen Körperschaft vereinigt 
waren. Nun gingen diese Zeichen — den bisher üblich gewesenen mehr 
oder weniger ähnlich — meist ohne eine geistige Gemeinschaft andeuten zu 
wollen, in den Begriff „Belohnung“ oder „Anerkennung“ über.“2) 
Durch die hinter den fürstlichen Brüdern Ernst und Albert folgende 
Gruppe wird die Begebenheit des Prinzenraubes ins Gedächtnis zurück- 
gerufen. Der Held der Begebenheit, der wackere Kohlenbrenner Georg 
Schmidt, den lorbeerumwundenen Schürbaum tragend, mit dem er, um den 
jungen Prinzen zu befreien, den Ritter Kunz von Kauffungen „weidlich getrillt“ 
hatte, wurde der Ahnherr der Familie von Triller. Diese Familie, welche 
auf dem jenem Köhler geschenkten Freihofe Eckersbach bei Zwickau angesessen 
war und von Kaiser Rudolf II. in den Freiherrenstand erhoben wurde, soll 
im Jahre 1861 mit der Person des zu Gera verstorbenen Christian Adolf 
von Triller erloschen sein.“) 
  
  
62) In Deutschland lebt der alte Begriff „Orden“ nur noch im Maltheser= und Jo- 
hanniter-Orden, in Österreich im Deutschherrenorden weiter, wie auch des letzteren Ballei 
Utrecht nicht vergessen werden darf, welche Orden sämtlich zur Lösung einer und derselben 
großen Aufgabe gegründet worden sind — der Christenheit durch Wort und Tat ein muster- 
haftes Vorbild im Dienen und Kämpfen zu geben. „Herrlich kleidet sie Euch, des 
Kreuzes furchtbare Rüstung, wenn Ihr, Löwen der Schlacht, Akkon und Rhodus beschützt.“ 
— „Aber, ein schönerer Schmuck, umgibt Euch die Schürze des Wärters, wenn Ihr, 
Löwen der Schlacht, Söhne des edelsten Stamms, dient an des Kranken Bett, dem 
Lechzenden Labung bereitet und die niedrige Pflicht christlicher Milde vollbringt.“ Diese 
Schillerschen Worte möge jeder sich ins Herz schreiben, dem es vergönnt ist, das Zeichen des 
Kreuzes, unter welchem alle Christen leben, dienen und kämpfen sollen, auch äußerlich 
als Ordenszeichen sich an die Brust heften zu dürfen. Und sehr richtig sagte Kaiser Wilhelm 
auf der Marienburg: „Das erhabene Gesetz der Bruderliebe vereint die Orden, welcher 
Konfession sie auch sein mögen, in dem großen Ziele, der leidenden Menschheit beizustehen." 
63) Wie das Dresdner Journal berichtet, ist am 4. Juni 1902 im Parke zu Eckers- 
bach durch Mitglieder der Turnvereine dortiger Gegend der sächsische Prinzenraub dramatisch
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        — 89 — 
Jener Köhler ist hier sichtlich im Begriff, die Geschichte seiner Un— 
erschrockenheit seinen Begleitern zu erzählen. Einer derselben, an dessen 
prächtiger Figur sich die Landsknechtstracht von Kopf bis zu Fuß studieren 
läßt, ist ein Repräsentant der Familie von Schönberg, deren rot und grüner 
Löwe auf dem Schildlein erscheint, welches er an Stelle einer Schaumünze 
umhängen hat. (Als einer der Ersten jenes ausgebreiteten typisch Meiß- 
nischen Geschlechtes wird Sifridus de Schonenberc 1280 genannt.) Die 
lustig--trotzige, mutige wie mutwillige Sinnesart der im Anfange ihres Be- 
stehens besonders ehrenwerten und wackeren allzeit zum Sterben bereiten, 
dabei aber den Genuß des Lebens in vollen Zügen begehrenden Gemein- 
schaft der „frommen“ Landsknechte ") findet sprechenden Ausdruck in der 
erst kunstvoll zerschlitzten, dann buntfarbig mit reichem Stoff und allerhand 
Bänderwerk wieder zusammen genähten Tracht. Diese Landsknechtstracht 
entspricht in ihrer äußeren Erscheinung dem inneren Wesen ihrer Träger, 
von denen sie aufgebracht worden ist. Sie entspricht der buntgemischten und 
zusammengewürfelten Vielgestaltung von Heimat und ursprünglichem Berufe 
wie Stand, von Sprache und Bildung jener tapferen Söldlinge. 
Abenteuer, Kriegsruhm und Beute, sowie Lohn und Brot in einer 
Beschäftigung außerhalb des Rahmens gewöhnlicher bürgerlicher Tätigkeiten 
suchend, waren diese Scharen durch den „rauhen Kriegesbesen“ aus allen 
Gauen Deutschlands, aus den Winkeln aller Gegenden des weiten Reiches 
zusammengefegt worden. Sie bildeten aber unter dem kaiserlichen Doppel- 
adler eine einheitliche, wohl geformte und geschulte, verhältnismäßig gut 
disziplinierte Kriegergenossenschaft mit eigenem Gesetz und Recht. 
Diese, den Schweizern nachgebildete, erste geordnete Fußtruppe in 
dargestellt worden. — Ein gewiß lobenswertes patriotisches Beginnen, welches bei eventuell 
regelmäßiger Wiederholung am 7. Juli jeden Jahres nicht nur den historischen Sinn 
weiterer Kreise zu stärken geeignet ist, sondern voraussichtlich eine Zugkraft mehr zum 
Besuche des Ortes werden kann, in dessen Kirche die Anzüge der beiden Prinzen (von deren 
Eltern der Kirche geschenkt) seit nunmehr beinahe vier und ein halb Jahrhunderten sich 
befinden. 
64) Die „frumben (frommen) Landsknechte“ ist eine aus der Zeit ihrer Errichtung 
durch Kaiser Max herrührende und dann allgemein üblich gewordene Benennung jener 
waffenfrohen Kriegsleute, von denen feststeht, daß sie vor Beginn einer Schlacht auf die 
Kniee sanken und nach uralter Vätersitie den ersten besten Grashalm oder etwas Erde 
— an Stelle der Hostie in den Mund nahmen, um dadurch, wenn es zum Sterben gehen 
sollte, mit ihrem Gott versöhnt zu sein. Auch vergaßen sie dann nicht, die bedeutungs- 
vollen drei Hand voll Erde hinter sich zu werfen, die ihnen bei friedlichem Begräbnis sonst 
wohl ihre Lieben in der Heimat zur Bedeckung ihrer irdischen Körper gewidmet haben 
würden, die nun zu Staub zerfallen sollten. Das „Helm ab, zum Gebet“ dürfte wohl 
auch heute noch bei den deutschen Truppen allein dastehen. Angeregt durch die Beobachtung 
der im Laufe der Zeiten auch bei den Landsknechten unleugbar eingetretenen Verrohung, wollen 
manche Geschichtsschreiber — die unzweifelhaft vorhandenen Schattenseiten über die gleichfalls 
verbürgten Lichtseiten derselben stellend — die Bezeichnung „fromm“ hier nicht als gottes- 
fürchtig gelten lassen, sondern nur im allerältesten Sinne des Stammwortes fram, d. h. 
„tüchtig , schneidig, wie das gleichnamige Messer der alten Germanen.
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        — 90 — 
war, und als deren Vater Georg von Frundsberg, des Kaisers Feldhaupt— 
mann, zu verehren ist, muß als der Grundstock unserer Infanterie betrachtet 
werden. Wie ihres bunten vielgestaltigen äußerlichen Auftretens wegen, 
die alle Kreise der damaligen Zeit höchlichst interessierende Erscheinung der 
Landsknechte einen sichtbaren Markstein in der ganzen Kulturgeschichte, 
eine „Wendeflagge“ für die Entwickelung des gesamten Kriegswesens bedeutet, 
so liegt in der inneren Verfassung und dem ganzen Wesen dieser Söldner— 
truppe, in Organisation wie Taktik und Verwendungsart derselben, un- 
sichtbar für die damalige Zeit ihrer Entstehung, der bedeutsame Keim der 
heutigen Armeen, der Übergang von dem schwerfälligen Feudalheer zum 
leichtbeweglichen Volksheere der Gegenwart. Auch die in der Landsknechts- 
ordnung aufgebrachten oder eingeführten Bezeichnungen, wie Feldwaibel, 
Feldscheer, Profoß, Furier u. a. sind noch immer gebräuchlich. Aus ihrem 
locotenant, das heißt Stellvertreter des Obersten, ist allmählich Leutnant 
geworden. Diese Stellvertreter-Idee findet sich übrigens noch heute in den 
Bezeichnungen Generalleutnant, Oberstleutnant, Kapitänleutnant; die Nächsten 
an der nächst höheren Charge bedeutend. 
Die zu der Landsknechtstracht, welche vielfach auch von Studenten, 
gewissermaßen als eine Nußerung akademischer Unbotmäßigkeit getragen wurde, 
untrennbar zugehörige sogenannte Pluderhose, spielt als eine Art symbolisches 
Kennzeichen der Neuerungssucht, nicht nur im Trachtenwesen, sondern — 
wegen des ethischen Momentes, welches sie (horribile dietu) verkörpert — 
sogar in der großen Kulturgeschichte eine gewisse Rolle. Selbst von evan- 
gelischen Sittenpredigern, wie Andreas Muskulus und anderen wurde die 
Pluderhose als ein Ausfluß falsch verstandenen reformatorischen Dranges 
nach Freiheit bezeichnet, alle alten ehrbaren Formen verachtend. In der 
Tat, eine neue Anschauung der Dinge, geistliche wie weltliche, die das Alte 
vielfach von Grund aus umwälzte, machte sich überall geltend. Die Scholastiker 
wurden grundsätzlich als Dunkelmänner hingestellt; der „Humanismus“ tat sich 
auf, vielfach Wurzeln rodend, wo ein Beschneiden genügend gewesen wäre. 
Heiter sollte das Leben sein, heiter die Kunst. Zwang galt als unschön, als 
unwürdig und als unpraktisch; fessellos wollte man Geist und Körper haben. 
Freie Künste und freie Wissenschaft verlangten freie Betätigung, ebenso wie 
„freies Menschentum“ — jenes Giftkorn, welches nur auf homöopathischem 
Wege heilsam ist. Die zum Teile dem klassischen Altertum entlehnten 
üppigen Formen und heiteren, ja oft sinnlichen Gebilde der Renaissance 
bemühten sich, die erhabene Schönheit und den weihevollen Ernst der Gotik 
in den Schatten zu stellen, welche der urgermanischen Auffassung vom 
mächtigen Himmelsdom, der Symbolik des deutschen Waldes, nicht minder 
aber auch christlicher Andachtsstimmung so gut entsprochen hatte. Die Götter 
Roms und Griechenlands lebten auf; kämpfend in vieler Herzen und 
Köpfen mit Donar und Freya, mit Christus und Maria. 
Alles brodelte, kochte und drohte überzulaufen an Anschauungen und 
Grundsätzen in Kirche und Staat, in Familie wie Gesellschaft. Und —
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        — 91 — 
so paradox es, ja so blasphemisch es klingen mag — dieses innerhalb des 
gesamten Volkes Platz gegriffene und Platz greifende Drängen von Un— 
fertigkeit im Urteil und von oft falscher Auffassung des Begriffes Freiheit, 
das oft blindlings erfolgende überhasten im Bejubeln des Neuen und ein 
oft planloses überbordwerfen des Alten; die Sucht, die eigene, vielfach von 
den Banden der Zucht losgelöste Person des Individuums in den Vorder— 
grund zu stellen, äußerte ganz unbewußt einen merklichen Einfluß auch auf 
den äußeren, einem Druck sich entgangen wähnenden Menschen, dessen Er— 
scheinung, wie dessen Auftreten. Es hinterließ (und hier schließt der 
circulus non vitiosus wieder zusammen) eine Art von greifbarem Rück— 
schlag in dem „freiheitatmenden“, beliebten weil kunderbunten und kunder— 
bunten weil beliebten, Kleidungsstücke der mutigen Landsknechte, der fahrenden 
Schüler, der reislaufenden Schweizer — der absichtlich zerschlitzten und 
anders wieder zusammengesetzten, weitbauschigen, loddernden „Pluderhose".) 
Auch auf rein militärischem Gebiete gewannen neue Ansichten an Boden 
und brachten neue Gestaltungen. Die einander gegenüber tretenden Streit- 
kräfte wurden größer, aber durch den Impuls größerer Freiheit beweglicher. 
Die Selbständigkeit der Führer, der Kämpfer, wie der Abteilungen, wuchs 
und erstarkte durch verständiges Ineinandergreifen aller einzelnen Teile. 
Die Landsknechtshaufen sind hierfür typisch belehrend. Wenn auch Georg 
von Frundsberg und Schertlin von Burdenbach ebenso wie die Condottieri- 
führer den General von Clausewitz (f 1831) nicht gekannt haben, so haben 
sie doch schon damals nach dessen Ausspruche gehandelt, welcher, der Selb- 
ständigkeit und dem Verstande genügend Spielraum gewährend, ohne sich 
des Vorteiles der Gleichmäßigkeit zu begeben, über jedem Reglement als 
Motto stehen müßte: „Formen binden die lebenden Kräfte; sie fördern die 
Übereinstimmung im Handeln und diese sichert den Erfolg.“ Eine gewisse 
Schulung der Heere, wie deren Einzelteile, die jetzt begannen „Truppen“ 
zu werden, ward unentbehrlich und gewann die Oberhand über rein persön- 
liche Geschicklichkeit und Tapferkeit. Selbst jene berühmten und kriegs- 
65) Daß die berüchtigte Pluderhose ein außerordentlich kostbares Stück sein konnte, 
begreift man, wenn man erfährt, daß mitunter „an die hundert Ellen feinsten Stoffes“ zu 
einem einzigen Exemplar Verwendung gefunden haben. Der Kulturhistoriker Falke be- 
richtet außerdem: „Oft konnte der Landsknecht die reiche Beute eines ganzen Feldzuges in 
seinen Anzug stecken, insbesondere aber alles hergeben und die Goldgulden springen lassen, 
um das Vergnügen zu haben, zu dem Federhut, dem bärtigen Gesicht und dem gesteppten 
Wams mit der flatternden rauschenden Masse Seidenstoffes um die Beine einherstolzieren 
zu können.“ Der vorhin erwähnte Muskulus, der einmal sagt, „es rauschete, wenn die 
Hosenhelden kamen, als wenn der Elbstrom über ein Wehr liefe“, führt an einer anderen 
Stelle „allen, die solches Teufelswerk tragen und sich mit solchen unzüchtigen Teufelshosen 
bekleiden, es seien Landsknechte oder Studiosi, Edele, Hofleut’' oder noch höheren Standes“ 
zu Gemüte, daß sie „nichts anderes seind, denn geschworene und zugetane Gesellen des aus 
dem allerfinstersten Orte der Höllen mit List sich auftuenden und alle Welt würgenden 
Hosenteufels, der das hochteure Wort Gottes verunreinigt, Evangelium und Sakrament 
verunehrt und solche Leut' und ob sie vor Christen gehalten sein wollen, mit solcher Kleidung 
dem unflätigen Teufel ähnlicher macht denn Menschenkindern.“
        <pb n="110" />
        — 92 — 
erfahrenen Männer, die das letzte Aufflackern des Rittertums bezeichnen — 
Kaiser Maximilian und Sickingen in Deutschland, Bayard und König Franz 
in Frankreich — vermochten nicht mehr ohne die Fußtruppen der Lands- 
knechte oder der Schweizer zu siegen. Den Kern dieses Fußvolkes aber 
bildete der wehrhafte Bürger= und Bauernstand. Und als die Überzeugung, 
daß die Zeit des turniermäßigen Tjostierens und Buhurtierens endgültig 
vorüber sei, auch in den Kreisen des Adels als unumstößliche Wahrheit er- 
kannt wurde, da ward die Zahl der Herren und Grafen immer größer, die 
— das ritterliche Roß und die Königin der Waffen, die schwere Lanze, 
daheimlassend — mit kurzem Schwerte oder Zweihänder, mit Spieß oder 
Hellebarde sich in die Reihen jenes geregelten Haufens stellten, der unter 
Trommeln und Pfeifen mit fliegenden Fahnen und dem Liede in den 
Kampf zog: 
„Kein sel'grer Tod ist in der Welt, 
Als wer vom Feind erschlagen 
Auf grüner Heid', im freien Feld 
Darf nicht hör'n groß' Wehklagen." 
Wie das Landsknechtswesen, so ist auch die Landsknechtstracht eine 
eigentümliche Erscheinung, der eine einschneidende Bedeutung auch für die 
Zukunft nicht abgesprochen werden kann. 
Nach unten fanden die weitbauschigen Pluderhosen ihren Abschluß durch 
breite, buntfarbene Kniebänder, mit denen sie über den enganliegenden 
Wadenstrümpfen zugebunden waren. Im Gewühle des Handgemenges 
gingen meistens die Schleifen dieser Bänder auf und durch Herabfallen des 
Hosenstoffes bis auf die Knöchel entstanden die Vorläufer unserer heutigen 
Beinkleider. Vielfach wurden auch, um das selbst in die Wege zu leiten, 
was sonst der Zufall gemacht haben würde, vor dem Sturmangriff entweder 
die Kniebänder von den Leuten selbst gelöst und der Stoff enger gebunden 
oder man steckte, um beim Ausschreiten nicht durch die weitflatternden Stoff- 
massen behindert zu sein, die herabfallenden Teile derselben in grobe üÜber- 
strümpfe, die man zu diesem Zwecke bereit hielt und der Keim zur späteren 
Gamasche war gelegt. 
Den mit wallenden Federn geschmückten, tellerartig zusammengedrückten 
Hut von weichem Filz, der den Namen Barett erhielt und schließlich mehr 
einer Mütze glich, trugen die Landsknechte häufig an einem Bande, der Hut- 
schnur, über den Rücken hängend, ähnlich wie dies einst die vornehmen 
Griechen mit ihren Kopfbedeckungen Pelasos und Kausia gemacht hatten. 
Die Haupthaare, welche, wenn sie freiwallend herunter fielen, die jetzt mit Voll- 
bart gezierten Gesichter malerisch umrahmten, wurden gewöhnlich durch eine 
Haube von buntem Geflecht gehalten, die Kalotte. Auch auf dieses an sich 
unwesentliche Stück der Bekleidung ward eine derartige Üppigkeit verwendet, 
daß eine Reichsordnung erscheinen mußte, die ihr Tragen regelte. An dem 
Barett des den Erzählungen des braven Köhlers lauschenden Edelknaben
        <pb n="111" />
        — 93 — 
befindet sich, der Sitte damaliger Zeit entsprechend, teils als Schmuck, teils 
um die Krempe in bestimmter Form festzuhalten, eine schwerwiegende Schau— 
münze angehängt. Hier ist dieselbe als Trägerin der drei Rebmesser, des 
Wappenbildes der aus Lothringen stammenden alten Familie von Hausen 
ausersehen, dadurch den Junker als einen jenes Geschlechtes bezeichnend. 
(Henricus de Husen lebte 1220. Nikolaus 1300. Zu dieser Familie von 
Saar und Mosel, deren übersiedelung nach Sachsen mit der Person des 
Kurfürsten Clemens von Trier, eines kursächsischen Prinzen zusammenhängt, 
gehört auch der im Kreuzzug 1190 gefallene bekannte Minnesänger Friedrich.) 
Bevor die malerische Gruppe der drei Ernestiner zur Betrachtung ge— 
langt in den pelzverbrämten Schauben, die sie über ihre geschlitzten Wämser 
geworfen haben, lenkt eine „Kaiserkrone“, die als Blume sinnigerweise 
Friedrich dem Weisen entgegenblüht, den Blick auf sich. Auch verdient die 
Anordnung des Künstlers Beifall, nach welcher auf dem Gemälde der an 
einer Hellebarde hängende grüne Ehrenkranz sich unmittelbar vor der aus- 
gestreckten Hand jenes Fürsten befindet. Das Farrenkraut aber im Hinter- 
grunde zeigt bekanntermaßen, wenn seine Wurzel quer durchschnitten wird, 
den alten deutschen Doppeladler. 
Die Schaube, jener weitfaltige, von den Männern aller Stände gleich 
gern getragene Überwurf oder Oberrock, wurde gewissermaßen zum Ehren- 
kleide des ausgehenden Mittelalters. In ihrer, trotz Einfachheit und Be- 
quemlichkeit doch dekorativen, man könnte sagen behäbigen Form, hob sie 
mit mehr oder weniger kostbarem Pelzwerk verbrämt und durchweg in ge- 
sättigten Farben gehalten, die Würde des Ranges und des Alters ebenso 
drastisch wie wirkungsvoll hervor und stach gegen die sonst üblichen Aus- 
wüchse toller Phantasie im Trachtenwesen vorteilhaft ab. Als eine, zur 
Schaube gehörige Begleiterscheinung legt sich das weiße in Falten ge- 
kräufelte Hemd, als Kragen abschließend, um den Hals, in gleicher Weise 
als Armkrägelein oder Manschette die Hände umsäumend, die dadurch an 
Zartheit gewannen. 
Der in der Darstellung des Fürstenzuges nun folgende Ritter in Visier- 
helm und Plattner zeigt, als Typus damaliger Rittertracht, an Stelle des 
bezeichnenderweise „Krebs“ genannten Lendenrüststückes einen an der Taille 
angehefteten Waffenrock, der mit dem alten eigentlichen Waffenrocke der 
früheren Jahrhunderte nicht verwechselt werden darf. 
Diesen kurzen Waffenrock oder Schurz sieht man auf den Bildern zum 
Teuerdank und den meisten bezüglichen Illustrationen des ausgehenden 
Mittelalters. Er bestand gewöhnlich aus schwerem Brokatstoff. Überhaupt 
ward großer Luxus gerade in Rüstungen getrieben, wenn auch, wie bei allem, 
so auch hier, die Mittel ausschlaggebend waren, die angewandt werden konnten. 
Der Harnasch des armen Landjunkers konnte sich natürlich nicht mit den 
Prunkstücken reicher Fürstlichkeiten messen und vermochte auch ebensowenig 
dem Aufputz derjenigen gleich zu kommen, die, wie die Fuggerschen Grafen, 
einen goldenen Hintergrund hatten. Aber schon die Möglichkeit, derartige
        <pb n="112" />
        — 94 — 
Kunstwerke hervorzubringen, wie es die sind, vor denen wir jetzt in den 
Museen bewundernd stehen bleiben, verdient die allergrößte Hochachtung vor 
Kunstfertigkeit und Geschmack jener Zeit. Die Rüstkammer zu Dresden, 
das historische Museum, dessen Besuch nicht dringend genug einem jeden ans 
Herz gelegt werden kann und in vielen Punkten als die berühmteste Waffen- 
sammlung der Welt dasteht, weist Wunder der Technik in der von Waffen- 
schmied, Schwertfeger und Gürtler, Goldschmied und Ciseleur gleichzeitig 
betriebenen Kunst auf. Dem Jtaliener Benevenuto Cellini stehen deutsche 
Meister wie Jamnitzer und Dinglinger würdig gegenüber, ja übertreffen 
denselben vielfach.“6) 
Die verschiedenen Kunstgewerbetreibenden und alle anderen Gewerke 
arbeiteten einander nicht nur mit Verständnis, sondern mit Liebe in die 
Hände. An der hier zur Ansicht gebrachten Rüstung ist die Verzierung 
in Tauschierung angedeutet durch das Wappen von Ponickau. Das schwarz 
und weiß gestreifte Hängeschildlein des Edelknaben aber, dessen Hut über 
üppigen Locken keck zur Seite gesetzt ist, stellt den Schild der Familie von 
Miltitz (eines Stammes mit Maltitz) dar, welche gleich derjenigen der von 
Schleinitz und von Bünau im ganzen Elbtale derartig reich angesessen ge- 
wesen ist, daß rundweg vom Schleinitzer, Miltitzer usw. Ländchen geredet 
wurde. (Gerhardus de Panckow 1237 und Rule von Punikow 1350 
geben einen Beweis für die verschiedene Schreibart tatsächlich einer und 
derselben Familie. Theodoricus de Miltitz wird schon 1186 unter den 
Getreuen des Markgrafen Otto von Meißen aufgeführt.) 
Der zwei Windspiele an langer Leine führende kleine Mohr ist vollständig 
an seinem Platz. Insonderheit bildeten Mohr und Hunde die stete Begleitung 
Heinrichs des Frommen. Beide Begriffe gehörten sozusagen zu den Unent- 
behrlichkeiten einer eleganten Hofhaltung des sinkenden Mittelalters. Die 
Mohren, weil sie die Vertreter einer in Europa nicht vorkommenden Menschen- 
rasse darstellten, und obendrein durch Gestaltung und Art des Auftretens 
amüsierten; die Windspiele, weil sie einer seltenen aus Wälschland ein- 
geführten Hundeart angehörten, deren Erscheinung ebenfalls Spaß machte. 
Zwerge und Narren bildeten hierzu die Ergänzung. 
Wenn es auch unseren, das heißt der jetzt lebenden Menschen, Augen 
und Sinnen angenehm ist, keine Abnormitäten wahrzunehmen, die der 
Harmonie Eintrag tun könnten und es den Herzen derjenigen unter uns, 
die Gefühl für andere haben, weh tun würde, eine Art pharisäischer Schaden- 
freude sanktionieren zu sollen, so war doch das Mittelalter hierin bedeutend 
weniger zart besaitet. Selbst anerkannt wohlwollende, gütige und edel- 
denkende Herren wie Damen erlustigten sich an den oft überaus derben 
60) Es muß als ein besonderes Verdienst des waffenkundigen Direktors von Ehrenthal 
wie des berühmten Archäologen und Numiematikers Dr. Erbstein (der als ein besserer 
Fafnir den Schatz hütet, nämlich das „Grüne Gewölbe") gelten, gar manches Stück, welches 
früher jenem Florentiner zugeschrieben worden ist, als aus den Händen dieser Deutschen 
hervorgegangen dargetan zu haben.
        <pb n="113" />
        — 95 — 
Späßen der Narren und lachten über das Auftreten von Krüppeln, Buckligen 
und Zwergen, ohne die mindeste Beschwerung ihres Gewissens für möglich 
zu halten oder zu denken, daß hierdurch der Menschenwürde Abbruch getan 
werde. Ja, jene Possenreißer und Mißgestalten fanden es selbst nur in der 
Ordnung, daß sie anders behandelt wurden wie andere Menschen und daß 
sie Objekte zur Erregung der Lachlust waren. 
Die sogenannten „kurzweiligen Räte“ aber standen auf einer vollständig 
anderen Stufe. Der Teil von Abnormität, der ihnen den Schutz gewährte, 
unter der Maske von Spaßmachern das sagen zu dürfen, was andere für 
gefährlich gehalten haben würden, auszusprechen, bestand eben darin, daß 
sie das taten. Das aber wurde schon damals für närrisch gehalten. Mutter— 
witz und keckes Wesen, Gutmütigkeit und aufheiternde Lustigkeit — voraus- 
gesetzt, daß alles dies mit loyaler Gesinnung, klarem Blicke und halbwegs 
durchdringenden Verstand vereinigt auftrat — befähigten diese Persönlich— 
keiten, insonderheit wenn dieselben sich das allgemeine Vertrauen zu erhalten 
wußten, im zwanglosen Verkehre ihren fürstlichen Herren wie dem Vater— 
lande Dienste zu leisten, die oft denjenigen der Geheimen Räte (damals 
„heimliche Räte“ genannt) an die Seite gestellt zu werden verdienen. 
Politisch-Geschichtliches. 
IV. 
Wie Moritz kriegerische Lorbeeren in hohem Maße gesammelt hatte, so 
erwarb sich Kurfürst August, sein Bruder, der von 1553 bis 1586 
regierte, eben so große, unvergängliche Verdienste in Bezug auf den inneren 
Wohlstand, den wirtschaftlichen wie sozialen und geistigen Weiter-Ausbau 
seines Landes. Moritz schuf einen politisch berühmten, August einen durch 
Ausbildung aller Kräfte glücklichen Staat. Mit Recht verehrten daher den 
letzteren seine dankbaren Untertanen als „Vater August“; seine hochherzige 
und edle, allzeit hilfbereite und zu allen Werken geschickte Gemahlin aber, 
eine geborene Prinzeß von Dänemark, als „Mutter Anna"“. Während die 
nach damaliger Sitte reich, ja künstlerisch ausgeführte Reise-Apotheke dieser 
Fürstin im Grünen Gewölbe aufbewahrt wird, bildet deren umfassende Haus- 
Apotheke (die bei Kranken und Gesunden im ganzen Lande als Heilung 
spendend berühmt gewesen ist) den Grundstock zur heutigen Königlichen 
Hof-Apotheke. Kurfürst August, der eigenhändig Instruktionen für die Ver- 
walter und Pächter seiner Landgüter schrieb, sowie ein auf reichen Er- 
fahrungen beruhendes wertvolles Buch über Obstbau und Gartenzucht“) 
  
6(7) Vom ethischen wie praktischen Gesichtspunkte aus gleich segensreich wirkte auch die 
Verordnung, daß ein jedes Ehepaar bei seiner Hochzeit — sofern dasselbe auch nur ein 
kleines Stückchen Land oder Garten sein eigen nennen konnte — mindestens drei Obst- 
bäume zu pflanzen habe. Bei seinen häufigen Inspektionsreisen durch das Land aber, die
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        — 96 — 
herausgegeben hat und nicht einen einzigen Zweig von Gewerbe und Kunst 
in seinen Landen unberücksichtigt ließ, hob Forstwesen und Landwirtschaft, 
gab dem Handel Privilegien und gründete Schulen, ließ neue Gesetzbücher 
ausarbeiten, rief die Dresdner Bibliothek, das sogenannte Grüne Gewölbe 
(jene Schatzkammer von europäischem Rufe), Zeughaus und Rüstkammer 
ins Leben. Aus letzterer ist das historische Museum hervorgegangen, das 
seinesgleichen nicht hat. Für das Feuerlöschwesen und das Institut der 
Defensioner stellte er Ordnungen auf und setzte das Appellationsgericht in 
Dresden ein; sorgend also gegen innere wie äußere Feinde. Er erbaute 
den schmucken Jägerhof in der Residenz (der neuerdings dem Ausbau 
Dresdens zur Großstadt zum Opfer gefallen ist) sowie die Schlösser Augustus— 
burg und Annaburg; jenes auf herrlicher Waldeshöhe im romantischen 
Zschopaugebiete des Erzgebirges, dieses in der weiten fruchtbaren Ebene der 
Elbniederung. 
Unter seiner Regierung führte Barbara Uttmann, geborene von Elterlein, 
Witwe eines reichen Bergherren zu Annaberg, das Spitzenklöppeln ein. Sie 
hatte diese Kunstfertigkeit von einer um ihres Glaubens willen vertriebenen 
Brabanterin gelernt, die ihr für Gewährung von Obdach und einer zweiten 
Heimat dankbar war. Es ist bekannt, in wie reichem Maße jene, einer 
einzelnen gewährte Wohltat, zur Wohltat ganzer Familien, zum Segen für 
die gesamte arme Bevölkerung des Erzgebirges und Vogtlandes geworden 
ist. Von vielen als sächsischer Justinian bezeichnet, richtete sich August streng 
nach dem Ausspruche des im Dienste von vier sächsischen Fürsten ergrauten 
Hofrichters, des alten Melchior von Ossa, daß die Ämter mit Leuten, nicht 
aber die Leute mit Ämtern zu versehen seien. Durch seine ganze Regierung 
gibt jener Kurfürst Zeugnis dafür, wie ein Herrscher in Wahrheit ein Wohl- 
täter seines Volkes und im edelsten Sinne ein Vater des Vaterlandes sein 
kann, ohne durch Kriegsruhm oder sonstige „Heroen-Eigenschaften“ zu glänzen. 
Ein Schwarm von Sternen erster Größe umgab ihn überdies. Lukas Kranach 
(eigentlich Lukas Sunder aus Kranach in Franken), durch dessen Meister- 
hand eine stattliche Reihe hochbedeutsamer Bilder berühmter Zeitgenossen, 
insonderheit Wettinsche Fürsten, geschaffen worden ist, starb während Augusts 
Regierungszeit, nachdem er eine vorbildliche Maler-Art geschaffen hatte. 
Petrus Albinus (Weiß) schrieb unter dem Titel „Meißnische Land= und 
Berg-Chronika“ die erste volkstümliche Landesgeschichte und Adam Riese in 
Annaberg die grundlegenden, ihrem Rufe nach noch jetzt bekannten Rechen- 
bücher, während Johann Klajus aus Herzberg bei Abfassung der ersten neu- 
hochdeutschen Grammatik, nach Vorbild Luthers, derselben die meißnische 
Mundart zu Grunde legte. Neefe aus Chemnitz, Leibarzt der beiden Brüder 
Moritz und August, schrieb gelehrte medizinische Abhandlungen, die weite 
Verbreitung fanden; ebenso Alberti über Anatomie und Gröner über Botanik. 
er unternahm, um nach dem Rechten zu sehen, verteilte dieser für das Wohl seiner Unter- 
tanen unermüdlich besorgte Fürst Obstkerne und Sämereien besonders guter und seltener 
Sorten, die er zu diesem Zwecke auf Auslandsreisen gesammelt hatte.
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        — 97 — 
Kurz, es herrschte reges wissenschaftliches Leben unter Kurfürst August. Ein 
so ausgesprochener Friedensfürst derselbe aber war, so sind auch ihm kriegerische 
Wirren nicht erspart geblieben, indem er 1566 an dem fränkischen Ritter 
von Grumbach, einem Raubgenossen Albrechts von Brandenburg-Kulmbach 
und Mörder des Bischofs von Würzburg, die Reichs-Acht zu vollziehen 
hatte. Dieser wilde Abenteurer hatte dem Herzog Johann Friedrich II. vor- 
gespiegelt, ihm mit Hilfe der fränkischen Reichsritterschaft zur Wiedererlangung 
der seinem Vater entrissenen Kur zu verhelfen und von demselben Schutz 
auf dessen festen Schlosse Grimmenstein in Gotha erhalten. Die bei und nach 
Eroberung von Stadt und Veste seitens Augusts an den Tag gelegte Strenge 
darf nicht ohne weiteres als Härte ausgelegt werden, sondern entsprang 
einem empörten und vielfältig aufs äußerste gereizten Gerechtigkeitsgefühl. 
Als bedeutender Erfolg nach außen hin muß die Erwerbung des Vogt- 
landes, des Neustädter Kreises von Thüringen und der mit der Ernestinischen 
Linie gemeinsame Erbantritt der Grafschaft Henneberg bezeichnet werden. 
Das Vogtland war, wie erinnerlich, von den Kaisern eine Zeit lang an 
die Grafen von Reuß beliehen worden. Nach innen gewann das reine 
Luthertum, als die Lehre nach der unverfälschten Augsburger Konfession — 
welches seit Anbeginn der Reformation in Sachsen maßgebend gewesen ist 
— immer mehr an staatsrechtlicher Bedeutung; festgelegt durch die soge- 
nannte Konkordienformel, die das Verhüten einer etwaigen Abbröckelung 
von der „Lutherschen“ Reformation zum Zwecke hatte. 
August sowohl wie Anna, beide ausgesprochene Anhänger der „reinen 
und unverfälschten“ Lehre Luthers, verurteilten aufs schärfste die Kartell- 
und Vermittelungsvorschläge, sowie die Zusätze Melanchthons, die derselbe 
nach Luthers Tode z. B. den Abendmahlsartikeln der Augsburgischen Kon- 
fession hinzugefügt hatte, um eine Verständigung mit den (in der Abneigung 
gegen alles Römische viel weiter gehenden) reformierten Anhängern Kalvins 
und Zwinglis anzubahnen. Nach Melanchthons Tode wiederum gingen 
andere in diesen von Luthers Lehrbegriff abweichenden Bestrebungen immer 
noch weiter, so daß die Befürchtung nahelag, diese versteckten oder Krypto- 
Kalvinisten würden das gesamte Luthertum an die Reformierten über- 
antworten. Der Geheime Rat Dr. Krakau, Kirchenrat Stössel, Leibarzt 
Peucer und Hofprediger Schütz bildeten einen Ring mit dem Bestreben, 
das kurfürstliche Ehepaar in Unkenntnis der vorgehenden Bewegungen zu 
erhalten. Zehn Jahre lang mißbrauchten dieselben das Vertrauen der hohen 
Herrschaften, bis letzteren durch andere die Augen geöffnet wurden. Schwer 
war denn auch das Strafgericht; sämtliche Beteiligten wurden in den 
Kerker geworfen. 
Eins der Zeichen, daß auch Kursachsen (nebst anderen Staaten) einen 
starken Schritt aus den Feudaleinrichtungen des Mittelalters nach der 
allenthalben an die Türen pochenden Neuzeit tat, war die im Jahre 1570 
erfolgte Errichtung des Obersteuerkollegiums, einer von der kurfürstlichen 
Kammerverwaltung scharf getrennten Finanzbehörde. Diese Trennung oder 
7
        <pb n="116" />
        — 98 — 
scharfe Auseinanderhaltung der Kassen des Fürsten von denen des Landes 
drückte dem letzteren so recht den Stempel des Staates der neueren Zeit 
auf, um so mehr, als den Stimmen der Stände bei Beratung von Gesetzes— 
vorlagen mehr noch als bisher Einfluß eingeräumt wurde. Wie das Ober— 
steuerkollegium für Sachen des Finanzwesens, das Oberkonsistorium für 
geistliche Angelegenheiten, das Oberappellationsgericht für Justizsachen In- 
stanzen bildete, so führte Kurfürst August sozusagen als oberste Regierungs— 
maschinerie, wie zur Bearbeitung diplomatischer und auswärtiger Angelegen- 
heiten das Geheimeratskollegium ein; auch erließ er eine Hofrangordnung. 
Am 1. Oktober 1585 starb Kurfürstin Anna, tief und wahrhaft be- 
trauert von den sämtlichen Untertanen, denen sie in Wahrheit eine teure 
und geliebte Landesmutter gewesen war.“) 
Kurfürst August heiratete in zweiter Ehe die junge Prinzessin Agnes 
von Anhalt und starb — nachdem er zwei Jahre vorher seinen ältesten Sohn 
Christian zum Mitregenten eingesetzt hatte — am 11. Februar 1586. Von 
fünfzehn Kindern überlebten den im doppelten Sinne „Vater“ genannten 
Kurfürsten, außer seinem ebengenannten Nachfolger Christian, nur drei 
Töchter. 
Christian I. (1586.—1591), von guten Absichten beseelt, aus denen 
heraus er z. B. die Ordensgemeinschaft der güldenen Kette gründete,) 
68) Der Kurfürstin lautere Frömmigkeit war im Lande Sachsen und weit über dessen 
Grenzen hinaus bekannt. Tiefen Eindruck aber hatte noch in den letzten Tagen ihres 
Erdenlebens auf alle, deren Gedanken in banger Sorge an dem fürstlichen Krankenlager 
weilten, eine von der geliebten Fürstin selbst und wörtlich gegebene Anordnung gemacht. 
Sie hatte ausdrücklich befohlen, in folgender Form für sie in der Kirche zu beten: „Es 
wird begehrt, ein gemein-christlich Gebet zu tun vor eine arme Sünderin, deren Sterb- 
stündlein vorhanden ist.“ Und als nun die Seele der teuren Mutter Anna in Gottes 
Reich abgeschieden war, da machte sich allerorten das Bedürfnis geltend, von ihr und 
ihrem frommen Wandel, wie von den Wohltaten zu reden, durch die sie sich für immer 
ein dankbares Andenken gesichert hat. Man freute sich besonders auch rühmen zu dürfen, 
daß eine der Tugenden Annas die gewesen war, so wie sie es in ihrer Kindheit gelernt 
hatte, mit gefalteten Händen laut das Tischgebet zu sprechen. Auch ihre Töchter über- 
nahmen diese Pflicht einer christlichen Hausordnung, die den Fürsten ziert wie den Bettler. 
Von einer der Prinzessinen Töchter heben die Chronisten unter anderem lobend hervor, sie 
habe bis zum Tage ihrer Verehelichung das Tischgebet laut gesprochen. Daß doch jene 
schöne Sitte, die eigentlich so selbstverständlich ist, noch jetzt überall ausgeübt würde. 
so) Diese „güldene Gesellschaft“ war späterhin nicht von allzu langer Dauer. Das 
Bestreben des Kurfürsten bei Schaffung derselben, deren Mitglieder durch eine güldene Kette 
erkennbar und ausgezeichnet sein sollten, war darauf gerichtet, gutgesinnte, verdienstvolle 
Personen fürstlichen und adeligen Standes mit solchen anderen Standes vereint, als die 
goldene Spitze der Volksgemeinschaft, als gewissermaßen in ein moralisches goldenes Buch 
eingetragen, zu kennzeichnen. Er wollte eine Legion solcher aus dem Volke hervor= und 
herausheben, deren Beispiele vorbildlich im ganzen Lande wirken sollten. Mithin hatte er 
denselben Grundgedanken wie etwas über zwei Jahrhunderte später (1802) Napoleon bei 
Errichtung des Ordens der Ehrenlegion. Ob und inwieweit freilich Kurfürst Christian die 
Qualität gehabt habe, als Schöpfer einer solchen auserwählten Schar aufzutreten, der er 
doch selbst vorbildlich sein mußte, mag dahingestellt bleiben.
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        — 99 — 
schwankte gewissermaßen zwischen dem strengen Luthertume seiner Eltern 
und dem Kalvinismus seines Schwagers, des Pfalzgrafen Johann Casimir. 
Einer möglichst großen Macht- und Prachtentfaltung geneigt, vergrößerte 
der Kurfürst seinen Hofstaat um eine aus fünfzig Edelleuten bestehende 
Garde, die er Karabiniers-Garde nannte. 
Da Kurfürst Christian wegen der andauernden Bekenntnisstreitigkeiten 
in seinem Lande mehr und mehr Abneigung gegen die Führung der Re— 
gierungsgeschäfte zu empfinden begann, so gelang es einem ehrgeizigen und 
ebenso herrschsüchtigen wie tatkräftigen Manne, dem Kanzler Nikolaus Krell, 
die Leitung der Staatsangelegenheiten beinahe ganz ausschließlich in seine 
Hände zu bringen, zu einer Zeit, in welcher Kursachsen durch die Fragen 
der kirchlichen wie der weltlichen Politik gleich stark aufgeregt wurde. Vater 
Augusts Hoffnung, die Streitigkeiten der Nichtkatholiken durch die Konkordien- 
formel beigelegt zu sehen und alle Evangelischen unter dem Banner des 
Luthertums zu vereinigen, verlor immer mehr an Aussicht, je anmaßender 
der Kalvinismus sein Haupt erhob und jede Vermittelung verschmähte, selbst 
dann noch, als Krell es dahin gebracht hatte, daß die Verpflichtung der 
Geistlichen auf die Konkordienformel aufgehoben wurde und das „Unver- 
ändert" der Augsburgischen Konfession fallen sollte. Obwohl nicht offiziell 
Kalvinist, war doch dieser sächsische Kanzler, dem es gelungen war, auch den 
geheimen Rat abzuschaffen, so daß alle Regierungsakte durch seine Hände 
gingen, der reformierten Lehre derartig zugetan, daß er seinen übergroßen 
Einfluß hauptsächlich dazu verwendete, das im Lande Sachsen geltende von 
dem Volke der Sachsen geliebte Luthertum durch die radikalen Konsequenzen 
des Kalvinismus zu ersetzen'0), wobei es nicht an harten Kämpfen gegen 
die altgläubige Geistlichkeit fehlte. An deren Spitze standen die Ober- 
hofprediger Mirus und Selnekker, während ein Hauptwerkzeug Krells, der 
auch als Botaniker bekannte Pastor Gundermann war, nach welchem (dies 
sei nur nebenbei bemerkt) ein beliebtes Küchenkraut genannt ist. 
Auch in der äußeren Politik schlug Krell einen dem bisherigen ent- 
gegengesetzten Weg ein, wobei er an den Gebrüdern von Schönberg wert- 
volle Unterstützung fand. Wolfgang war des Kurfürsten Hofmarschall, 
Kaspar stand als Feldmarschall in französischen Diensten. In Verbindung 
  
70) Darüber besonders war das, obwohl streng lutherische, doch aber dabei an den 
Sitten der Väter hängende Volk aller Stände empört, daß die immerhin noch vorhandenen 
geistigen Verbindungsfäden mit der alten Zeit zerrissen werden sollten, welche in verständiger 
Weise auch ihrerseits der Volkstümlichkeit der neuen Lehre von Nutzen gewesen waren. So 
spielte der althergebrachte, nicht ohne tiefen Sinn eingeführte Exorcismus bei der Taufe, 
das heißt die Reinigung des Täuflings von allen bösen Geistern, das heißt allen dem 
Kinde angeborenen, dem Teufel, welcher die Menschen verderben will, zugeschriebenen bösen 
Lüsten und Neigungen, eine große Rolle. Wie Gretschel, Stichart und die sonstigen 
sächsischen Geschichtsschreiber berichten, erschien tatsächlich in Dresden am Taufstein an der 
Spitze der Paten ein Fleischermeister mit blankem Fleischerbeil, die Drohung ausstoßend, 
dem Geistlichen unweigerlich den Kopf zu spalten, wenn derselbe nicht sofort sein Kind mit 
dem Exorcismus taufen wolle. . 
77
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        — 100 — 
mit Hessen sandte Kurfürst Christian I. im Jahre 1591 ein Hilfskorps von 
einigen 12 000 Mann an König Heinrich IV. nach Frankreich zum Schutze 
der Hugenotten. Durch das Bestreben, sich zum alleinigen Leiter eines von 
ihm abhängigen staatlichen Bureaukratismus zu machen und dabei zahl- 
reiche wirkliche wie vermeintliche Rechte anderer verletzend, hatte Krell sich 
in Verbindung mit seinen übrigen Maßnahmen derartig verhaßt gemacht, 
daß sofort nach dem am 23. September 1591 erfolgten Ableben Kurfürst 
Christians I., er, der Omnipotente, noch vor dem Leichenbegängnisse des 
hochseligen Landesherren verhaftet und ihm der Prozeß gemacht wurde. 
Daß dabei nicht loyal verfahren worden ist und alle Regeln von 
Billigkeit und Menschlichkeit außer acht gesetzt worden sind, ist leider eine 
beschämende Tatsache. Auf dem Jüdenhofe zu Dresden ist noch jetzt durch 
ein ins Pflaster eingelassenes Kreuz (ähnlich wie das Napoleonskreuz vor 
der katholischen Hofkirche, welches den Standpunkt Napoleons bezeichnet, 
von dem aus derselbe die über die Brücke anrückenden Kolonnen an ihre 
Plätze bei der Schlacht von Dresden wies) die Stelle erkennbar, wo die 
Hinrichtung Krells stattgefunden hat. Kaemmel nennt mit Recht diese Hin- 
richtung den schändlichsten Justizmord, der je in Sachsen begangen worden 
ist. Hauptförderin von Krells traurigem Geschick war des Kurfürsten 
Christian I. Witwe Sophie, eine geborene Prinzeß von Brandenburg, 
welche es dem Kanzler nicht verzeihen konnte, daß ihr Gemahl übermäßig 
von jenem beeinflußt worden war. Übrigens ist jenes übertriebene Rache- 
gefühl der einzige Schatten, der auf das Bild der Kurfürstin Sophie fällt. 
Die auf ihre Veranlassung geprägten Goldstücke, die unter dem Namen 
Sophiendukaten bekannt sind und die Umschrift zeigen: „Wohl dem, der 
Freude an seinen Kindern erlebt“, erschienen 1616 am Geburtstage des 
zweiten Sohnes Johann Georg. 
Zunächst folgte indessen dem im 31. Lebensjahre verstorbenen Vater 
der ältere Sohn als Christian II. (1591— 1611). Da derselbe erst 
acht Jahr alt war, so regierte für ihn bis zur Volljährigkeit in Vormund- 
schaft seine Mutter zusammen mit dem zum Administrator berufenen Herzog 
Friedrich Wilhelm von Sachsen-Weimar, seinem Oheim, einem Enkel Johann 
Friedrichs des Großmütigen. 
Dr. Pfeifer, der ehemalige Kanzler, ward wieder eingesetzt und auf 
diese Weise (wenn auch nicht ohne gewaltsame Eingriffe in die normale 
Rechtsprechung) dem Lande verhältnismäßige Ruhe geschaffen. 
Ganz außerordentlich zu bedauern ist es, daß beim Aussterben des 
Jülich -Kleve-Bergschen Herzogstammes im Jahre 1609 Kurfürst Christian 
dieses schöne große und reiche Erbe, auf welches er und sein Haus ohne 
jeden Zweifel die erste und legitimste Anwartschaft hatte, ohne Schwertstreich 
dem ländergierigen, aber auch politisch weitblickenden Kurfürsten von 
Brandenburg überließ. Dieser, Johann Kasimir, der sich, um die Weg- 
nahme jener Herzogtümer ungestört vollziehen zu können, nach Unterstützung 
umgesehen hatte, versicherte sich hierzu vor allen Dingen des Einverständ-
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        — 101 — 
nisses der benachbarten Niederlande und der Hilfe der „Union“ — jenes 
Bündnisses, welches Kurpfalz, gestützt auf Frankreich, mit denjenigen 
deutschen Staaten eingegangen war, denen das Luthertum keine genügend 
radikale Reformierung schien — und trat, erst vorbehältlich, 1613 aber 
vollständig zum Kalvinismus über. Auch letzteres Moment ist für unser 
Vaterland nicht ohne Bedeutung, da es den tieferen Grund der Abneigung 
bildet, die von jener Zeit an mehrere Menschenalter hindurch, ja länger 
zum Unsegen für ganz Deutschland zwischen Brandenburg und Sachsen 
gewaltet hat, letzteren Staat aus der bisher innegehabten Vormachtstellung 
hinausdrängend. Unwillkürlich trieb die Abneigung gegen das kalvinistische 
Brandenburg das lutherische Sachsen in die Arme des katholischen Österreich 
und ward so die Hinderung einer kräftigeren Entfaltung des evangelischen 
Norddeutschland.)) 
7!) Zum politischen Schaden gereichte dies dem Staate Sachsen, wie die Tatsachen 
zweier Jahrhunderte beweisen, auf jeden Fall. Ob die Lutherische Lehre — die von solchen, 
die auf der Seite der Negation stehen, als Orthodoxie bezeichnet wird — sich mit Kalvinismus 
und Union hätte verbinden können und verbinden sollen, ist mehr oder weniger eine 
Gewissensfrage. Jedenfalls erscheint es auch heutigen Tages als eine ganz direkte 
Begünstigung des Unglaubens, wenn alle diejenigen Elemente, die nicht katholisch sind, den 
Bekenntnissen der evangelischen Kirchen dadurch gerecht werden wollen, daß sie ihren Haupt- 
wert und ihre Hauptaufgabe in der Bekämpfung der katholischen Schwesterkirche erblicken, 
anstatt, das Gemeinsame aller wahren Christusgläubigen bedenkend, mit derselben Schulter 
an Schulter dem Unglauben und der Christusfeindschaft entgegenzutreten. Denn ein nur 
und prinzipiell lediglich vom Protestieren lebender Protestantismus kommt schließlich vom 
Protestieren zum Negieren und verliert nur zu leicht den allen wahrhaft christlichen 
Konfessionen gemeinsamen Schwerpunkt positiven Bekennens. übe auch die katholische Kirche 
christliche Duldung; hüte sie sich, gläubige Elemente der Schwesternkonfessionen zu reizen 
und verletze sie nicht, in der überhebung, allein seligmachend zu sein. Dann wird um so 
eher der Ausspruch Heinrich von Treitschkes sich in Wirklichkeit umsetzen; „der Tag werde 
kommen, da alles, was christlich ist, sich unter ein Banner zusammenscharen muß“". Stahl, 
einer der hervorragendsten Führer der verflossenen „kleinen aber mächtigen“ Partei in 
Preußen, welcher bedauert, daß wir (nämlich die Evangelischen) das Band, welches uns mit 
dem Katholizismus verbindet, vielfach mehr als not tut, aufgegeben haben, sowie Höhler 
in seinem Werkchen „Ein Wort zum Frieden“ fußen auf demselben Gedanken. Ganz das- 
selbe sprechen Dr. Oberbreier, der verstorbene Professor Rahms, der „Türmer“ von Grothuß 
und die Luthardtsche Kirchenzeitung aus. Der jüngsten Gegenwart aber entstammen die 
bei der Einweihung eines Lehrerseminars seitens des sächsischen Kultusministers von Seydewitz 
gesprochenen Worte: „Die Mitglieder der verschiedenen Konfessionen dürfen es nicht ver- 
gessen, daß sie mit der aufrichtigen Liebe und felsenfesten Treue zur eigenen Konfession die 
Achtung vor der fremden verbinden, kurz in Frieden leben sollen mit denen, die anderen 
Glaubens sind. Das Trennende muß daher mehr in den Hintergrund rücken, das aber, 
was uns gemeinsam ist, in den Vordergrund gestellt, hochgehalten, gehegt und gepflegt 
werden.“ — Es ist, wie im Jahre 1848 der Kardinal Fürstbischof von Diepenbreoik schrieb, 
auch heutzutage „betrüblich, daß man so vielfach die allgemeine Solidarität der gemeinsamen 
christlichen Interessen gegenüber dem Umsturze, dem Atheismus und dem Antichristentum 
nicht einsieht". 
Erscheint einem oder dem anderen der Leser dieser Zeilen diese an den Gegenstand 
geknüpfte Betrachtung etwa überflüssig oder zu langatmig, so sei es vergönnt, ganz bescheident- 
lich auf Schillers Worte hinzuweisen: „Das ist kein Aufenthalt, was fördert himmelan.“
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        — 102 — 
Während Jülich, Kleve, Berg, Mark und Ravensberg in fremden Besitz 
übergingen, kam der — ohne Land gänzlich bedeutungslose — Titel eines 
Herzogs und Grafen dieser Gebiete sowie das Wappen derselben als Anspruchs- 
zeichen an die Wettiner, jener ein hohler Klang, dieses im vorliegenden 
Falle eine wertlose Malerei. Als am Abende des 23. Juni 1602 die 
fürstlichen Brüder, vom Schlosse Sonnenstein bei Pirna zurückkehrend, 
auf einem Schiffe die Elbe hinab nach Dresden fuhren, gerieten plötzlich 
die zum Abbrennen eines Feuerwerkes mitgenommenen Regquisiten in Ent- 
zündung und explodierten. Während Johann Georg durch die Gewalt des 
Pulvers über Bord geworfen wurde, brannte Christian am ganzen Leibe 
lichterloh und das Fahrzeug ging in Flammen auf. Der mutige Schiffer 
Jakob Zeibig aus Söbrigen rettete den Herzog Johann Georg vom Tode 
des Ertrinkens. Auch Herzog August, der jüngste von Sophies Söhnen, 
entrann an anderer Stelle nur mit knapper Not der augenscheinlichen Lebens- 
gefahr und Kurfürst Christian genaß erst nach geraumer Zeit von seinen 
Brandwunden. Das Schicksal der gesamten Albertinischen Linie von Wettin 
hatte aber tatsächlich nur an einem dünnen Fädchen gehangen, denn gerade 
neun Jahre später, 1611, wiederum am 23. Juni hatte Christian bei der 
Teilnahme an einem Karussell= und Ringrennen sich außergewöhnlich erhitzt 
und wurde nach unvorsichtigem Genusse eines Trunkes kalten Bieres in der 
Wohnung des Herrn von Berbisdorff zu Dresden vom Schlage gerührt. 
Er starb noch an demselben Tage im nicht vollendeten 28. Lebensjahr. 
Christians Bruder, Kurfürst Johann Georg I. (1611—1650) sah 
den vollen Sturm des unseligsten aller Kriege, des dreißigjährigen (den die 
Ausländer bezeichnenderweise den „deutschen Krieg" nennen), über sich und 
sein Land einherbrausen, ohne mit genügender Kraft eine feste Stellung in 
demselben nehmen zu können — was allerdings gerade für den sächsischen 
Kurfürsten besonders schwierig war —, da demselben eine jede noch so geringe 
Abweichung von der direkten Lehre Luthers als Frevel erschien. Dennoch 
schrieb Johann Georg 1621 an den Herzog von Württemberg: Die Streitig- 
keiten innerhalb der evangelischen Kirche bilden für die Schwachen ein Argernis 
bei den öffentlichen Feinden der Wahrheit, aber erregen sie Frohlocken. 
Den auf des Kurfürsten Befehl, um jene Streitigkeiten zur Ruhe zu 
bringen, zusammengerufenen Superintendenten und Professoren der Theologie 
unter Vorsitz seines Oberhofpredigers von Hoönegg gelang dieses schwere 
Werk nicht, und die — wenigstens äußerliche — Einigkeit der Katholiken 
mit deren unbedingter Disziplin bildete dem gegenüber in der Tat den fest- 
stehenden Felsen. Die Erhebung des kalvinistischen Friedrich von der Pfalz 
auf den böhmischen Königstron veranlaßte Sachsen zur Annäherung an 
Ssterreich, mithin zur Hinneigung zu den katholischen Kaiserlichen. Wieder- 
holte Versuche, Johann Georg auf die Seite der Union zu bringen (teilweise 
mit sehr lockenden Versprechungen), schlugen fehl, und von vielen Seiten 
(Böttiger 1I. 87 u. a.) wird es ihm zum großen Vorwurfe gemacht, nicht 
auf eine allgemeine Union sämtlicher protestantischer Reichsstände eingegangen
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        — 103 — 
zu sein. Für seine Person nur durch und durch loyal denkend, baute 
der Sachsenfürst allzu sehr auch auf die Loyalität, die er bei anderen voraus- 
setzte. Besonders zeigte sich dieses Verhalten als ein folgenschweres dem 
Kaiser Ferdinand gegenüber, der 1623 Johann Georg wegen Deckung der 
von diesem aufgewendeten Kriegskosten unterpfändlich in den Besitz beider 
Lausitzen einsetzte (die dann ganz an ihn fielen), dabei auch den bestehenden 
Religionszustand als rechtmäßig anerkennend. Doch bald bekam Kursachsen 
Gelegenheit, tiefer in Ferdinands Pläne zu sehen. Dabei war unschwer zu 
erkennen, daß die Gefahr der Nichtkatholiken — die zu ihrem Unsegen noch 
dazu gespalten waren in Lutheraner und Kalvinisten — täglich zunahm. 
Des Kaisers über seine Befugnisse schon längst hinausgetretene Macht- 
willkür wuchs mit dem Anwachsen der Gewalt seines Feldherren Wallenstein, 
der gegen die Reichsgesetze mit dem Lande der abgesetzten Herzöge von 
Mecklenburg belehnt wurde. Das Restitutions-Edikt vom 6. März 1629 
aber, welches die völlige Zurückgabe aller eingezogenen geistlichen Güter 
verlangte, öffnete den Protestanten völlig die Augen. Mitte 1630 war der 
Schwedenkönig Gustav Adolf gelandet. Der mit wechselndem Glücke schon 
seit zwölf Jahren geführte Krieg nahm einen immer häßlicheren Charakter 
an. Teils war es ein Religionskrieg bis aufs Messer, teils stellten 
spätere Abmachungen zu Prag und zu Kötzschenbroda die Politik mehr in 
den Vordergrund. Jedenfalls konnten die verschiedenen Phasen der Ent- 
wickelung auf Johann Georgs Verhalten nicht ohne Einfluß sein. Im Grunde 
des Herzens ein die Mißbräuche in der katholischen Kirche erkennender und 
verwerfender Lutheraner, dabei dem katholischen Kaiser — allerdings nicht 
des Glaubens wegen, sondern als treuer Reichsfürst und Verwandter — 
zugetan und alles das hassend, was über Luthers Bestrebungen hinausging, 
sah Johann Georg den Schwedenkönig als einen Eindringling nicht ohne 
Mißtrauen an. Eben weil er Einmischungen Fremder in deutsche Angelegen- 
heiten instinktiv fürchtete und verabscheute, ging der Kurfürst nur zögernd 
auf die schwedische Seite.") Auch war diese Schwenkung keine rückhaltlose 
und das Bündnis mit Gustav Adolf, welches Sachsen einging, durchaus 
nicht so fest, wie es wohl wünschenswert gewesen wäre. 
Denn nach des Schwedenkönigs Tode in der Schlacht bei Lützen am 
16. November 1632, in welcher wie bekannt, dieser Held sein Leben ließ 
und durch welche nicht nur die Sache des Protestantismus überhaupt gerettet 
worden ist, sondern besonders das Land Sachsen von den schweren Bedräng- 
nissen und Grausamkeiten befreit wurde, mit denen die Wallensteinschen 
72) Nicht uninteressant für den damaligen Stand der Anreden und des Begriffes der 
einzelnen Titel, deren Wert und dadurch vielfach ihr Unwert jetzt ins Lächerlichste und Un- 
glaublichste gestiegen ist, dürfte die Bemerkung sein, daß Kaiser Ferdinand dem Kurfürsten 
Johann Georg, um denselben — wie man volkstümlich zu sagen pflegt — beim Guten 
zu erhalten, im Jahre 1624 außer der Anwartschaft auf verschiedene Grafschaften, die sich 
niemals realisiert hat, den Titel „Durchlaucht“ anstatt des bisherigen „Gnaden“ verlieh und 
ihm ein Zeichen besonderen Wohlwollens dadurch gab, daß er ihn anstatt „Euer Liebden“ 
nun „Deine Liebden“ nannte.
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        — 104 — 
Generale Holk und Gallas in demselben gewütet hatten, lockerte sich das 
Gefüge und brach nach wenigen Jahren in dem Separatfrieden zu Prag, 
den Ferdinand und Johann Georg miteinander schlossen und durch welchen 
die Lausitzen definitiv an Sachsen kamen, am 30. Mai 1635 ganz zu— 
sammen.) 
Die zu empörten aber auch empörenden Feinden gewordenen bisherigen 
Freunde brachten namenloses Elend über Sachsen. Es braucht nur an die 
Namen der schwedischen Generale Banner und Torstenson, wie an den 
entsetzlichen Begriff „Schwedentrunk“ erinnert zu werden. Obwohl nun 
und zwar leider mit Recht, viele Handlungsweisen Johann Georgs teils 
aus einer Schwäche erklärt werden, die darin ihren Urgrund hat, daß er 
dem Kaiser allzu sehr ergeben war und zu blindlings gegen dessen Gegner 
eingenommen, sowie weiter aus einem ziemlich hohen Grade von Mißgunst 
gegen Schwedenkönig und Schwedenkanzler (Oxenstierna), die sich auf 
einen Platz aufgeschwungen hatten, von dem er fühlte, daß er denselben 
eigentlich hätte einnehmen sollen — muß dem Kurfürsten wenigstens das 
gelassen werden, daß er den Frieden, mit demselben aber auch die Ent- 
fernung der Fremden aus Deutschland herbeisehnte und zu beiden End- 
zwecken ernstliche Anstalten traf. Er scheint sich eine Verbrüderung der 
Habsburger und der albertinischen Wettiner zum Zwecke der gemeinsamen 
Oberherrschaft über Deutschland im Sinne eines redlichen aber hochstrebenden 
deutschen Reichsfürsten geträumt zu haben, der gleichzeitig politischen Frieden 
und religiöse Ruhe als eine Wohltat der Völker vor Augen hat.“) 
73) Dr. Paul Hassel in einem Aufsatz im Neuen Archiv für sächsische Geschichte sagt 
über die Politik Johann Georgs I.: „Jeder, der den inneren Zusammenhang der religiösen 
und politischen Motive des großen Kampfes der dreißig Jahre ins Auge faßt, wird sich zu 
der Ansicht hinneigen müssen, daß vornehmlich in der ersten Epoche des Krieges bis zum 
Prager Frieden vom 30. Mai 1635 der Gang der Ereignisse mehr als einmal günstige 
Aussichten für die Erhöhung der Macht des Hauses Wettin eröffnete. 
Allerdings hätte es dazu eines starken und entschlossenen Willens bei dem Landes- 
herrn, der Lossagung von der seit Kurfürst August hergebrachten Unterordnung unter die 
Interessen Österreichs und des Bruches mit den ebenso alten überlieferungen altlutherisch- 
konfessioneller Einseitigkeit bedurft.“ — „Später, als nach der Schlacht bei Nördlingen die 
katholische Reaktion noch einmal siegreich ihr Haupt erhob, hat dann sein Ausscheiden aus 
dem Bündnis mit Schweden vornehmlich dazu beigetragen, daß das Hauptgewicht in den 
Entscheidungen des Krieges den auswärtigen Mächten anheimfiel.“ 
7!) Der Bruch mit Schweden hat viel Unheil über Sachsen heraufbeschworen. Aber 
die unmenschlichen Grausamkeiten und barbarischen Bedrückungen, welche die „Retter des 
Protestantismus“ allem Christentum zum Hohne ausübten, lassen sich durch nichts ent- 
schuldigen. Der Befehl Torstensons an den schwedischen Kommandanten von Leipzig, 
General Alex Lilie, auf eine Entfernung von etwa 10 Meilen rings um Dresden herum, 
zu beiden Seiten der Elbe alles niederzubrennen, was an Ortschaften, Häusern und sonstigen 
Anlagen überhaupt vorhanden sei, so daß diese Landstrecke eine absolute Wüste werde, be- 
zeichnet auch seinerseits zur Genüge das System langsamer, aber tödlicher Vernichtung, 
welches die Schweden betrieben. Um diesem Außersten zu entgehen, entschloß sich Johann 
Georg zur Eingehung des Wasffenstillstandes zu Kötzschenbrova am 27. August 1645. 
Glücklicherweise brachte dieses Abkommen, welches später durch den Vertrag zu Eilenburg
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        — 105 — 
Der Friede von Osnabrück und Münster 1648 traf ein auf das Ent— 
setzlichste verwüstetes Land, eine durch die dreißig Kriegsjahre teils tierisch 
verrohte, teils durch furchtbare Krankheiten und unsägliche Leiden geistig 
wie körperlich zerrüttete Bevölkerung, sowie trostlose Zustände des Staats- 
wesens vor. Die Wohnstätten lagen verödet da, die Menschen waren hin- 
geschlachtet wie das Vieh. Von den 4000 wehrhaften Bürgern Freibergs, 
die unter Schweinitz so tapfer die Stadt verteidigt hatten, waren 500, und 
zwar zumeist schwer Kranke, übrig geblieben. Auf den rauchenden Trümmern 
Schmiedebergs stand ein einziges Ehepaar als Rest der Einwohnerschaft, 
und die Gattin des im gänzlich verlassenen Wahrenbrück als letztes männ- 
liches Wesen an der Pest verstorbenen Geistlichen mußte selbst das Grab 
für ihren Eheherrn graben und den Leichnam einsenken. Steuern mußten 
erhoben werden, und doch war keine Möglichkeit vorhanden, dieselben auf- 
bringen zu können. Es fehlte an allem. — Da hatten Fürsten und Stände 
nicht nur in Sachsen, sondern allenthalben schwere Arbeit. Auch Johann Georg 
nahm sich seiner Herrscherpflichten mit Eifer und Wärme an, obgleich die 
Lust an Jagd und Weidwerk ihn trotz des Ernstes der Lage, Hunderte von 
Hirschen, Bären und Wölfen erlegen ließ..) Das Hauptverdienst dieses 
Kurfürsten aber liegt in der schon vor Ausbruch des großen Krieges be- 
gonnenen Schaffung der ersten Anfänge eines stehenden Heeres, welches die 
Zeit gebieterisch forderte. 
Wie auch die historische Vorrede zu den alten Rang= und Stammlisten 
erst der Kurfürstlichen, dann der Königlichen Sächsischen Armee sagt, war 
bisher im Falle eines Krieges der Adel und die Nation überhaupt zur 
Verteidigung des Landes aufgeboten worden. Erst unter Herzog Albrecht 
dem Beherzten (1 1500) kommen Söldner oder auf eine kurze Zeit gedungene 
Truppen vor. Den Grund zu einer stehenden Armee legte Johann Georg I. 
im Jahre 1613 durch das mit Bewilligung der Stände errichtete „Defensions- 
werk“. Innerhalb dieser Einrichtung wurden, auf dem altgermanischen 
Grundgedanken der Wehrpflicht aller Eingesessenen fußend, letztere in 
gerechten Abstufungen zu dieser Nationalaufgabe herangezogen. Der Adel 
stellte hierzu in zwei großen Heerhaufen, sogenannten Regimentern, die 
„Ritterpferde“,") während aus den Bürgern und Stadtbewohnern, den 
verlängert wurde, dem gequälten Lande wenigstens die Möglichkeit, innerhalb seiner 
Qualen einmal etwas aufatmen zu können, bis der Westfälische Friede dem ganzen Kriege 
ein Ende machte. 
*!5) Die Summe des in den Jagdverzeichnissen während der Jahre seiner Haupt- 
Jagdpassion, nämlich 1611 bis 1653, als von dem Kurfürsten selbst und in seiner direkten 
Gegenwart erlegt bezeichneten Wildes, beläuft sich auf 113629 Stück; darunter 
15228 Hirsche, 29196 Eber, 203 Bären, 1543 Wölfe, 200 Luchse, 11811 Hasen, 
18957 Füchse. Wohlverstanden ist alles das, was vom Forstpersonal des Landes zur 
Strecke gebracht worden, hierbei nicht inbegriffen, und dürfte dies leicht das Sechs= bis 
Siebenfache betragen. 
76) Beispielsweise gab der Meißner Kreis 326 solcher Pferde, wovon allein die Herren 
von Schleinitz 36; eine große Zahl für jene Zeit. Für die von Schleinitz ein Beweis von 
deren damaliger Blüte und Machtsülle.
        <pb n="124" />
        — 106 — 
Innungen und Zünften, die „Defensioner“ formiert wurden; eine gewaltige 
Truppenmasse „zu Fuß“. 
Das Landvolk wurde teils in die Defensioner eingereiht, teils hatte 
es seine Kriegsdienste als Schanzgräber und Geschützbedienung bei der 
„wohlgelahrten Arkeley“ ) (Artollerei, Artillerie), sowie als Vorspannfuhr= 
leute für Wagen und Heergerät zu leisten. 
Mit dieser Organisation ging die immer geregelter werdende Auszahlung 
von Sold Hand in Hand. Gar manches Schlachtfeld des dreißigjährigen 
Krieges, manche Stadtmauer und mancher Festungsgraben sind Zeugen von 
der Tapferkeit der sächsischen „Soldaten".“5) 
Doch war der alles vernichtende und zerstörende Einfluß jener Völker- 
staupe, die auf ihrem langen Wege von Prag bis Osnabrück eine breite 
77) Wenn je, so ist man hier versucht, auszurufen: O Permutatio rerum! Jene 
kursächsische „Artholerey zu Felde“ (die Armierung der Festungen ist also abgerechnet), 
deren Oberst der Ritter von Schwalbach war, versügte über die zu jener Zeit außerordentlich 
stattliche Anzahl von 17 Stücken oder Kanonen. Heute nach rund 280 Jahren stellt das 
— gegen damals wesentlich kleinere — Albertinische Sachsen in zwei Armeekorps 300 Geschütze. 
78s) Im Jahre 1631 erhielt die „regulierte Miliz“, die an Stelle des „Aufgebotes von 
Adel und Volk“ getreten war, die ersten Kriegsartikel. Mit notwendig werdenden Er- 
gänzungen und Erweiterungen versehen, aber im Grunde unverändert, haben diese goldenen 
Worte ein Viertel Jahrtausend lang selbständig gegolten im sächsischen Heere und so mancher 
Brave ist auf sie vereidigt worden. Kernig und kurz, muteten dieselben an wie ein Gebet. 
Keine ins einzelne gehenden Erörterungen nahmen den Nimbus des Wuchtigen, ja Er- 
greifenden der Worte, die also begannen: „Aller Segen und Gedeihen kommt einzig und 
allein von dem allmächtigen Gott. Deshalb soll ein jeder Soldat eines gottesfürchtigen 
Wandels sich befleißigen“ usw. usw. Dann folgte ein Appell an die Treue gegen den 
Kriegsherrn und dessen Erlauchtes Haus; an die Ehre des einzelnen wie diejenige des 
Truppenteils; an Tapferkeit und Mut, nicht nur dem sichtbaren Feinde und dessen Waffen, 
sondern auch den Anstrengungen und Entbehrungen gegenüber; an den Gehorsam, den 
Kitt der Armeen; an die Kameradschaft, jene auf dem Tragen und Erfüllen gleicher Pflichten. 
gegründete Freundschaft und Hingebung Gleichgestellter, Höherer und Niederer. Kurz, diese 
Artikel waren, wurden und blieben ein auf das Ideale gerichteter Führer durch die Para- 
graphen der zu erlernenden Bestimmungen, Reglements und Verordnungen des praktischen 
Dienstes. Und der Schreiber dieser Zeilen kann — wie dies alle tun können werden, die 
mit Bewußtsein unter dem Banne dieser geradezu väterlichen Ermahnungen gestanden 
haben — erhärten, welchen Eindruck dieselben jederzeit auf die gesamte Mannschaft ausgeübt 
haben, nicht zum wenigsten auf die neu zu den Fahnen eintretenden jungen Krieger, denen 
sie eine Art Verkörperung dessen waren, was sie selbst im Innern empfanden. Auch 
preußischerseits hat man jetzt den unschätzbaren Wert solcher Kernworte eingesehen, deren 
Verlesen — ohne hierdurch eine Blasphemie oder Gotteslästerung zu begehen — eine Art 
militärische Hausandacht genannt werden können. Während die preußischen Kriegsartikel, 
welche die Kontingente des deutschen Heeres ums Jahr 1873 annehmen mußten, eine nur 
geringe Abänderung der vom König Friedrich Wilhelm III. 1808 erlassenen darstellten und 
fast ausschließlich Strafandrohungen schärfster Art enthielten, also daß dem zur Fahne 
Schwörenden beim Anhören derselben angst und bange werden konnte und ein kleiner Strahl 
ethischen Glanzes nur spärlich, gewissermaßen wie durch ein Kerkerfenster dringend, Platz zu 
finden vermochte, zeichnen sich diejenigen vom 22. September 1902 durch edle Sprache und 
würdevolle Auffassung aus. Dieselben redigiert beziehungsweise eingeführt zu haben ist das 
Verdienst Kaiser Wilhelms II. Sie erinnern lebhaft an die altsächsischen Kriegsartikel und 
werden nicht ermangeln, ihren Segen in sich zu tragen.
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        — 107 — 
tiefe Blutspur zurückgelassen hat, viel zu einschneidend und umfassend, als 
daß nicht auch die hier genannten Schöpfungen darunter gelitten haben 
sollten. Dem sächsischen Mars, Kurfürst Johann Georg dem Dritten, war 
es, wie hier vorgreifend erwähnt werden möchte, vorbehalten, das sächsische 
Heer in seiner als Kristallisationspunkt noch heute geltenden Gestalt de— 
finitiv zu gründen. 
Von dem Teilungswahn konnte sich leider auch Kurfürst Johann 
Georg I. nicht frei halten, und so verringerte derselbe das eben erst wieder 
angewachsene Gewicht seines Staates dadurch, daß er testamentarisch auch 
seinen drei jüngeren Söhnen je Landesteile mit Hoheitsrechten zuwies. Das 
schön abgerundete Gebiet der Albertiner ward dadurch in der unzweckmäßigsten 
Weise zersplittert. In der Kur und dem dazu gehörigen Lande folgte ihm 
sein ältester Sohn Johann Georg II. August erhielt Weißenfels, Magde- 
burg und einige Amter im Norden Thüringens; Christian das Stift Merse- 
burg und die Niederlausitz; Moritz das Stift Zeitz mit dem Vogtländischen 
und Neustädter Kreis. Und es ist nicht Johann Georgs Verdienst, sondern 
eine für das Hauptland Sachsen gewissermaßen unverdient glückliche Wendung 
der Vorsehung, daß nach und nach durch Aussterben der so geschaffenen 
Nebenlinien (das späteste erfolgte 1746) die äußere Einheit des Albertinischen 
Staates wieder hergestellt wurde. Nachdem er noch 1655 das Jubelfest 
des Religionsfriedens gefeiert hatte, welcher freilich das gegenseitige Zer- 
fleischen der Christenleute nicht hatte aufhalten können, starb der 72jährige 
Johann Georg I. am 8 Oktober 1656 im Schlosse zu Dresden. Seine 
letzten Worte waren: „Meinen Jesum laß ich nicht.“ Dieselben gaben dem 
Zittauer Rektor Keymann die Veranlassung zum Abfassen des bekannten 
Kirchenliedes: „Meinen Jesum laß ich nicht, weil er sich für mich gegeben“, 
wozu der gleichfalls Zittauer Organist Hammerschmidt die Melodie komponierte. 
Johann Georg II., von 1656 bis 1680 regierend, war als Kur- 
prinz mit der schwankenden Politik seines Vaters und dessen beinahe 
„dienenden“ Stellung Österreich gegenüber höchlichst unzufrieden gewesen, 
geriet indessen nachmals in fast noch bedenklichere Schwankungen. Er tat 
sich insonderheit durch außerordentliche Prachtliebe hervor. Bekannt ist sein 
Aufsehen erregender feierlicher Einzug zur Krönung Kaiser Leopolds 1658 
in Frankfurt mit 750 reisigen Pferden und über 30 goldgeschirrten Kutsch- 
wagen. Auf dem im Jahre 1664 gehaltenen Reichstage zu Regensburg 
war Johann Georg II. derjenige Reichsfürst, der — entgegen dem Zaudern 
und den von Egoismus diktierten Winkelzügen der meisten übrigen — 
energisch für eine kräftige Reichshilfe gegen die Türken eintrat. Letztere 
waren mit großer Heeresmacht bereits in Ungarn eingefallen und gesonnen, 
der gesamten Christenheit dasselbe Schicksal zu bieten, wie solches gerade 
vor hundert Jahren dem heldenmütigen Niklas Zrinyi in Szigeth zu teil 
geworden war. Auch ließ der sächsische Kurfürst den Worten die Tat nicht 
fehlen, sondern sandte dem Kaiser ein auserlesenes Korps von Hilfstruppen, 
welches sich bei Lewanz aufs glänzendste schlug.
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        — 108 — 
Das Leitwort, das ein jeder fromme Vater seinem Kinde auf den Weg 
ins Leben mitgeben müßte, das so einfache und inhaltschwere „Bete und 
arbeite“, diese Quintessenz göttlicher wie menschlicher Mahnung, wurde von 
unserem Kurfürsten und seinen Sachsen vorbildlich bewahrheitet. Im Felde 
standen die wehrhaften Söhne tapfer und furchtlos gegen den Ansturm der 
Osmanen. Daheim füllten die Gotteshäuser sich mit Andächtigen, lagen die 
Angehörigen jener Braven, lagen die Angehörigen von Christi Lehre und 
Germaniens Vaterland auf den Knieen, um Abwendung der immer ernster 
drohenden Gefahr bittend, Segen und Erfolg auf die Waffen der ihrigen 
herabflehend. In der richtigen Erkenntnis, daß ein wahrhaft inbrünstiges 
Gebet nicht ohne vorherige Buße gebetet werden könne, ordnete Kurfürst 
Johann Georg, als die Türkengefahr immer dringlicher wurde, wegen der 
auch bereits das Türkenläuten?) eingeführt worden war (welches sich teilweise 
noch heute erhalten hat), an: daß an bestimmten Tagen die Gemeinden mit ihren 
Hirten zusammenkommen sollen, um eingehend Buße zu tun und Besserung 
zu geloben, auf daß ihr Gebet eine mehrere Wirksamkeit habe. Hieraus 
sind die Bußtage entstanden, die noch heute gesetzliche Geltung haben, nur 
daß neuerdings mit Rücksicht auf das benachbarte größere Preußen, die 
bisher auf die Freitage vor Okuli und vor dem letzten Sonntage nach 
Trinitatis festgesetzt gewesenen Bußtage auf den Mittwoch vor dem letzten 
Trinitatistage verlegt worden sind.0) Durch dieses Entgegenkommen Sachsens, 
welches nicht ohne Schmerz vor sich gegangen ist, herrscht jetzt im größten 
Teile des evangelischen Deutschland, bezüglich dieser Frage übereinstimmung. 
Während jene Anordnungen auf das innere Wohl und für das geistige 
Leben seiner Untertanen gerichtet waren, ist unter den verschiedenen segens- 
reichen Regierungsmaßnahmen, die zur Hebung äußerer Wohlfahrt und 
Ordnung beitrugen, besonders die Schaffung des kursächsischen Postwesens 
hervorzuheben. Unter allmählicher Ablehnung des Kaiserlichen Postregals 
von Thurn und Taxis (welches bereits 1516 ins Leben getreten war, aber 
die Gefahr einer einseitigen Monopolisierung des gesamten Verkehres von 
Deutschland in sich schloß) wurde im Jahre 1661 eine kurfürstlich sächsische 
Post für Brief= und Personenbeförderung mit dem Verwaltungssitze in 
Leipzig errichtet. Mehrere Jahre später ward ein Ober-Postmeister ernannt 
und dann die Ober-Postdirektion eröffnet. Diese ganze Institution wurde 
als landesherrliches Regal verpachtet, daher die Uniformierung der Post- 
beamten in gelb und blau, den Wettinschen Hausfarben. Mit dem Bureau- 
70) Die durch besonderes Glockenläuten allabendlich erfolgte Aufforderung zum Gebet 
um Hilfe gegen die Türken. 
s0) übrigens kannten schon die alten Römer Tage, an denen, nach Anordnung des 
Senats, von den gesamten Bürgern um Abwendung irgend eines Unheils gebetet wurde, 
und die alte christliche Kirche, die jetzige katholische, hatte in den Quatemberfasten ihre be- 
stimmte Bußzeit. Am 31. Oktober 1667, der 150 sten Wiederkehr des Tages, an welchem 
Martin Luther seine Thesen an die Schloßkirche zu Wittenberg angeschlagen hatte, ordnete 
der Kurfürst an, daß der 31. Oktober alljährlich im ganzen Lande als Reformationsfest ge- 
feiert werden solle.
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        — 109 — 
wesen der Post wurde sehr bald die schon 1657 gegründete Leipziger Zeitung 
verbunden, welche bereits 1660 an allen Wochentagen erschien, vom 
29. April 1666 an aber täglich. #) 
Daß Johann Georg II. ungemein prachtliebend gewesen ist, wurde 
schon angedeutet; der Turniere und Komödien, Jagden und Tierhetzen (letztere 
auch auf dem hierzu abgesperrten Altmarkte in Dresden) war schier kein 
Ende. Aber wie alle Prachtliebe, wenn sie mit Kunstsinn gepaart ist, 
schließlich Schönes hervorbringt, so verdanken mehrere berühmt gewordene 
Schöpfungen jenem Kurfürsten ihr Entstehen. Zum Beispiel ward der 
Grund zu einem Opernhause in Dresden gelegt und der Anfang des um 
das dortige kurfürstliche Jagdschlößchen herum als Park gedachten „Großen 
Gartens“ gemacht. Als ein Beweis dafür, in welcher Weise rechtliche 
Momente sich durch Zeichnungen der Heraldik zum Ausdruck bringen lassen, 
kann der am 3. September 1671 zwischen dem Kurfürsten Johann Georg II. 
und dem Herzog Julius Franz von Sachsen-Lauenburg abgeschlossene Ver- 
trag gelten, nach welchem besagter Herzog die Befugnis erhielt, die sächsischen 
Kurschwerter „:edoch mit den Spitzen nach unten gekehrt" in seinem 
Wappen zu führen. Als nämlich, wie bekannt, im Jahre 1422 nach dem 
Aussterben des sächsischen Kurhauses der Askanier die Kurwürde durch 
Machtspruch und Belehnung des Kaisers Sigismund an den Wettiner Mark- 
grafen Friedrich gekommen war, erhob Sachsen-Lauenburg (in der Person des 
damaligen Herzogs Erich) — als eine herzoglich sächsische Nebenlinie — 
seinerseits Ansprüche auf dieselbe. Obwohl diese Ansprüche von Kaiser und 
Reich verworfen wurden, unterließen die Herzöge von Lauenburg dennoch 
nicht, Titel und Wappen von Kursachsen sich anzumaßen. Gelegentlich der 
Anwesenheit des Herzogs von Lauenburg auf der Leipziger Messe sah sich 
z. B. der Kurfürst von Sachsen genötigt, dessen Wappen von der Türe der 
Herberge herunter reißen zu lassen, weil in demselben die doch dem Kur- 
fürsten rechtlich zustehenden gekreuzten Schwerter sich befanden. Der oben 
erwähnte Vertrag setzte nun den vielfachen Streitigkeiten ein Ziel. Über- 
dies diente er auch dazu, eine Erbverbrüderung herbeizuführen. Am 
10. Juni 1647 war des Kurfürsten einziger Sohn geboren, der als Johann 
Georg III. von 1680—1691 regiert hat. Zum Gedächtnis daran, daß 
gerade damals hundert Jahre verflossen waren, seit die Kurwürde an das 
s1) Den sehr bald auftretenden Bemühungen Kurbrandenburgs, das gesamte Verkehrs- 
wesen Norddeutschlands an sich zu reißen, arbeitete der kursächsische Accisrat Egger durch 
Einführung großer Verbesserungen erfolgreich entgegen, so daß Friedrich Wilhelm denselben 
(Böttiger III. 204) entweder als seinen Minister zu haben oder am Galgen hängen zu sehen 
wünschte. Die „geschwinde Post“ (im Gegensatz zur Ordinari Post) mußte den Weg von 
Leipzig — dem Meß= und Handelsmittelpunkte — nach Schneeberg — diesem wegen des 
sehr berühmten Blaufarbenwerkes sowie der allgemein gesuchten Spitzen wichtigen Gebirgs- 
städtchen — in 21 Stunden zurücklegen. Die ersten Ober-Postmeister waren Sieber und 
Kees. Im Jahre 1697 belehnte Kurfürst Friedrich August den General von Flemming 
mit Würde und Amt eines kursächsischen Generalerbpostmeisters und den Einkünften der 
Leipziger Postdirektion.
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        — 110 — 
Albertinische Haus gekommen war, wurde der Kaiser bei der Taufe zu 
Gevatter gebeten. Der Oberhofprediger Weller aber äußerte, auf den kraft- 
vollen Wuchs des wohlgestalteten Knaben einerseits und die treffliche Er- 
ziehung, die derselbe erhalten werde, anderseits hinweisend: „Aus diesem 
Prinzen wird mit der Zeit ein herzhafter Kriegsheld werden, der schwer 
aus dem Sattel zu heben sein wird, wenn er einmal darein gesessen.“ Wie 
sehr diese prophetischen Worte sich bewahrheitet haben, zeigt die Geschichte. 
In der mannhaften deutsch-patriotischen Seele dieses hochgesinnten Landes- 
fürsten lebte der alte urdeutsche Reichsgedanke in seiner ganzen Herrlichkeit 
noch einmal wieder auf, von nur wenigen seiner Zeitgenossen gewürdigt 
oder verstanden. Nachdem er sechs Jahre lang als Kurprinz für Deutsch- 
lands Ehre in Frankreich und am Rhein gefochten hatte (und in dem Treffen 
bei Sinsheim am 16. Juni 1674 infolge seiner verwegenen Tapferkeit beinahe 
in die Gefangenschaft des Marschalls Türenne geraten war), entsetzte Kur- 
fürst Johann Georg, zusammen mit dem Polenkönig Johann Sobieski und 
dem Kurfürsten Max Emanuel von Bayern, 1683 am 2. September das 
von den Türken hart bedrängte und belagerte Wien. 
Der Ruhm des Tages, an welchem besonders die Polen und Sachsen 
Vorzügliches leisteten, gebührte deren fürstlichen Anführern, die an Helden- 
mut wie an strategischem Geschick wetteiferten. Ganz besonders gerühmt 
wird das Verhalten des sächsischen Dragonerregiments Graf Reuß, während 
beim Kriegsrate an jenem denkwürdigen 2. September (187 Jahre vor einem 
anderen) die Stimme der sächsischen Generale (durch den Mund des Feld- 
marschalls von der Goltz) den Ausschlag zur Fortsetzung des Kampfes ge- 
geben hatte. :) Wie seinerzeit im französischen Kriege, so hatte persönlicher 
Mut und Tatendrang auch hier den Kurfürsten zu weit in die Reihen der 
Feinde getrieben, und nur der Geistesgegenwart wie Tapferkeit des Obersten 
von Minckwitz ist es zu verdanken, daß er aus augenscheinlichster Lebens- 
gefahr gerettet wurde. Während auf blutiger Walstatt diese Tat aufopfernder 
Treue gebührende Anerkennung fand, wiederholte sich auf der großen diplo- 
matischen Bühne der Völkergeschicke ein anderes Spiel. Der Kurfürst von 
82) Helltönend erklang überall der Sachsen und ihres kurfürstlichen Führers hoher 
Kriegsruhm, der von allen Nationen neidlos anerkannt wurde. Geradezu sichtbar ent- 
zündete sich an der Flamme kriegerischer Begeisterung des Heeres Patriotismus und Taten- 
drang der Untertanen. Vaterlandsliebe und Fürstentreue, jenes wohltuend erwärmende 
Herdfeuer des Volkes, wurde um so mehr angefacht, als eine Menge Volkslieder entstanden, 
von denen ein Teil des einen folgendermaßen anhebt: 
„Ihr Sachsen seid froh, habt fröhlichen Mut, 
Es wallet vor Freuden kursächsisches Blut. 
Denn unser Herr Kurfürst, der tapfere Held, 
Hat seine Courage bewiesen im Feld. 
Laßt wacker kursächsische Stücke da knallen, 
Granatiere, werft Eure feurigen Ballen 
Wohl in das türkische Lager hinein. 
Wollen allzeit unfres Kurfürsten Sachsen sein.“
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        — 111 — 
Sachsen erntete für seine hervorragende Beteiligung an der Rettung Deutsch— 
lands und insbesondere des am Rande des Verderbens befindlich gewesenen 
Osterreich keinen Dank vom Kaiser Leopold. Nach der Rückkehr des Kur- 
fürsten in das Vaterland wurde ein allgemeines Dankfest abgehalten, ein 
schöner Abschluß der kriegerischen Ereignisse, zu denen die Sachsen mit ihrem 
Kurfürsten an der Spitze abgerückt waren, nachdem in einer allgemeinen 
Betstunde diese Christen sich auf den schweren Waffengang mit den Un- 
gläubigen vorbereitet hatten. Rat und Bürgerschaft der Residenz aber er- 
richteten dem siegreichen Helden das Brunnendenkmal mit dem Standbilde 
der Siegesgöttin auf dem Neumarkte zu Dresden, welches noch jetzt auf 
diesem Platze steht.“,) 
Bereits bei der Schilderung Johann Georgs des Ersten ist darauf 
hingewiesen worden, daß der dritte dieses Namens — der sächsische Mars — 
als Schöpfer der endgültigen Grundformen des sächsischen Heeres zu be- 
trachten ist. Mit freudigem Stolze, den Vorsatz ruhmwürdiger Nacheiferung 
in der Brust ihrer Angehörigen, verfolgen die meisten der säechsischen 
Regimenter ihre Geschichte bis zu den Tagen von Wien und über dieselben 
hinaus. Sechs Regimenter Infanterie, sechs Regimenter Kavallerie, sowie 
zwei Kompagnien Haus= und Feld-Artillerie wurden geschaffen und der 
Grund zum adeligen Kadettenkorps, zum Generalstab sowie zum Kriegsrats- 
kollegium gelegt. Für alles dies forderte Johann Georg, nachdem er die 
bereits vorhandenen Truppen entsprechend reorganisiert hatte, die Summe 
von jährlich einer Million Taler, die Stände bewilligten indes deren nur 
70000. Die Armeeschöpfung betreffend, so bildet den Stamm des jetzigen 
Leibgrenadierregiments das im Jahre 1663 unter dem Oberstleutnant Brandt 
von Lindau gegründete kurfürstliche Leibregiment zu Fuß, denjenigen des 
jetzigen Gardereiterregiments das — aus den Kompagnien der bereits 80 
bis 100 Jahre alten, von Johann Georg III. aber behufs Neuformierung 
aufgelösten teutschen Leibgarde zu Roß — und weiteren Anwerbungen 
zusammengesetzte Regiment zu Roß Graf Promnitz, dessen Errichtung 1680 
durch Ordre vom 31. Oktober verfügt worden ist. 
Bei der großen Musterung der neugeschaffenen Armee im Jahre 1682 
traten — außer der Trabantenleibgarde zu Roß zu 172 Pferden (nachmals 
Garde du corps) und der zu Fuß zu 65 Mann (nachmalige Schweizer- 
garde) — die Kavallerie-Regimenter in der durchschnittlichen Stärke von 
600 Pferden, die Infanterie-Regimenter in einer solchen von 1200 Mann, 
die Haus= und Feldartillerie mit 145 Mann auf den Plan. An die Spitze 
s3) Das große Prachtzelt Mustaphas, welches die Truppen Johann Georgs den Janit- 
scharen abgenommen haben, befindet sich als sprechende Dekoration eines Raumes im 
Historischen Museum. Es ist außer zwei Koran-Exemplaren in der Königlichen Bibliothek 
das einzige nennenswerte Stück der Türkenbeute unserer Landsleute. Dieselbe war für die 
Sachsen um so kleiner und geringfügiger gewesen, als deren Pflichtgefühl und Gehorsam 
sie zur Verfolgung der Geschlagenen gerufen hatte, anstatt der reichen Schätze sich zu be- 
mächtigen, welche das Türkenlager enthielt.
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        — 112 — 
dieser neugeschaffenen Armee berief der Kurfürst als besonders tüchtig und 
kriegserfahren den Freiherrn von der Goltz aus dänischen Diensten, indem 
er ihn zum Generalfeldmarschall ernannte. Unter demselben kommandierten 
der Feldmarschallleutnant von Flemming, sowie die Generalwachtmeister 
Herzog Christian zu Sachsen, Graf Reuß und Graf Trautmannsdorf. Die 
Artillerie befehligte der Oberst von Klengel. 
Johann Georg des dritten Monogramm, das mit einer großen ara— 
bischen 3 verschlungene J. G., welches die Fahnenspitzen der Truppen zierte, 
war auch über den gigantischen Portalen der aus festen Sandsteinquadern 
gefügten weitberühmten Militärgebäuden ausgehauen, welche trotz ihrer voll- 
ständig ungebrochenen Stärke vor einigen Jahren den „Bedürfnissen der 
modernen Zeit“ und dem aus jenen hervorgehenden, alles nivellierenden 
Verkehre haben weichen müssen. Dieser kriegslustige und kriegserfahrene 
Fürst ließ seine Regimenter, deren Tüchtigkeit allenthalben anerkannt war, 
auch für den Dogen von Venedig kämpfen, und war der Erste, der sich mit 
seiner Armee den Franzosen entgegen warf, als dieselben 1688 sengend und 
brennend in Deutschland einfielen. Drei Mal zog Johann Georg das 
Schwert gegen die herzlosen Generale und wilden Horden des treulosen 
Königs Ludwig XIV. Im Jahre 1691 übernahm er den Oberbefehl der 
Reichsarmee am Rhein, und erlag einer auf dem Kriegsschauplatze wütenden 
Epidemie in Tübingen am 12. September 1691. Nicht unvergessen darf 
das eifrige Bestreben dieses spartanischen Soldatenfürsten bleiben, den von 
seinem Vater leider so sehr begünstigten Hang zu französischer Uppigkeit 
und frivoler Genußsucht, der bei Hofe und in weiten Kreisen Fuß gefaßt 
hatte, auszurotten. Von den übrigen nicht militärischen Angelegenheiten, 
die unter Johann Georg III. geregelt worden sind, ist unter anderem die 
Konvention von Zinna zu erwähnen, nach welcher die Mark feinen Silbers 
in 12 Talern oder 18 Gulden ausgeprägt wurde. Diesen Münzfuß, welcher 
allgemein als gut und zweckmäßig anerkannt wurde, nahm später das ganze 
Reich an. Nicht nur für Sachsen, sondern für ganz Deutschland ist der 
sächsische Mars, den man auch „des Reiches Säule“ nannte, zu zeitig 
gestorben. Er hinterließ zwei Söhne, von denen der im Jahre 1668 ge- 
borene ältere, als Kurfürst Johann Georg IV. (1691—1694) sein un- 
mittelbarer Nachfolger wurde. 
Sogleich nach seiner Geburt war derselbe von König Friedrich III. 
von Dänemark (seinem Großvater mütterlicherseits) zum Kronerben von 
Dänemark und Norwegen erklärt worden und erhielt auch die kaiserliche 
Erlaubnis, diesen Titel führen zu dürfen. Doch ist es bei diesem Titel 
geblieben. Durch den Feldmarschall von Schöning, der aus kurbranden- 
burgische in kursächsische Dienste übergetreten war, ließ sich der unerfahrene, 
erst im 23. Lebensjahre stehende Kurfürst überreden, dem nach der Kurwürde 
strebenden Herzog Ernst August von Hannover dem Kaiser gegenüber — 
wie man im Volksmunde sagt — die Kastanien aus dem Feuer zu holen, 
und noch dazu, ohne nur den geringsten Vorteil dabei zu haben. Im
        <pb n="131" />
        — 113 — 
Gegenteil erkaltete dadurch das bisher freundschaftliche Verhältnis zwischen 
Wien und Dresden. Für sein Land hat Johann Georg IV. nicht viel 
getan, was als besonders hervorgehoben werden könnte. Schon als kaum 
Erwachsenen verzehrte den jungen Fürstensohn in glühender Leidenschaft die 
unrechtmäßige Liebe zu Magdalena von Neitschütz, Tochter des Obersten der 
kurfürstlichen Leibgarde. Und als man ihm dann auf Betrieb seiner Mutter, 
die verwitwete Markgräfin Eleonore von Ansbach, Tochter des Herzogs von 
Sachsen-Weimar als ebenbürtige Gemahlin zur Ehe gab,“"") faßte er den 
Entschluß, nach dem Muster des Landgrafen Philipp von Hessen, mit der 
Neitschütz, die inzwischen auf sein Bitten vom Kaiser zur Gräfin von Rochlitz 
erhoben worden war, eine Doppelehe einzugehen. 
Bevor indessen sein Plan zur Verwirklichung gelangen konnte, ward 
Magdalena von Reitschütz beziehungsweise die Gräfin von Rochlitz von den 
Blattern befallen und starb.-#) 
Als versöhnendes Moment muß übrigens die wirklich rührende Liebe, 
Aufopferung und Treue gerühmt werden, die den Kurfürsten voller Selbst- 
verleugnung an das Krankenbett der Geliebten bannte. Angesteckt von der 
tückischen Krankheit, folgte Johann Georg nur wenige Wochen nach dem 
Tode der Neitschütz, die von vielen seine Verführerin genannt wird, der- 
selben nach; am 24. April 1694. Er war der letzte seines Stammes, der 
in der Fürstengruft zu Freiberg beigesetzt worden ist. 
Kulturgeschichtliches. 
IV. 
Stolz wirft das federgeschmückte Streitroß sich in den Nacken, welches 
den in Eisen gekleideten Kriegshelden Moritz zu tragen auserwählt ist und 
diese Ehre, nach bekannter Pferdeart, voll und ganz zu würdigen weiß. 
S1) über die Art des Empfanges dieser fürstlichen Braut seitens des jungen Kurfürsten, 
der sich nicht scheute, derselben am Arme seiner Geliebten entgegenzutreten, herrschte allgemein 
helle Entrüstung. „Selten“, schreiben die Chronisten hierauf bezüglich, „wird eine Ehe von 
Anbeginn an so unglücklich gewesen sein, wie diejenige, welche heute der Hofprediger Karpzow 
eingesegnet hat.“ 
s5) Nicht ohne Grund wird von der „steilen Höh'“ gesungen, auf welcher „Fürsten 
stehn". In Bezug auf die Liebe, die — einem Götterfunken gleich — die Herzen 
entzündet, mag diese steile Höhe sogar eine sehr einsame und schwindelnde sein. Sie 
verlangt unbestritten ein großes Maß von Selbstbeherrschung, ja Selbstaufopferung von 
demjenigen, der auf ihr stehend Umschau hält und über viele erhaben ist. Die Pflicht ist 
es dann, die der geheiligten Sitte, der festgefügten Tradition, das Opfer der Entsagung 
bringen muß. 
8
        <pb n="132" />
        — 114 — 
Ja, unstreitig haben diese klugen tierischen Genossen des Menschen ein 
feines Gefühl für berechtigten Stolz und wahre Vornehmheit. 
Die eiserne Roßstirn, jenes einst so wichtige Stück der Pferderüstung, 
ist, wie das Gemälde zeigt, seiner wehrhaften kriegerischen Urbestimmung 
mehr und mehr enthoben worden und ihr überrest zum bloßen Träger des 
Federschmuckes zusammengeschrumpft. Ähnlich — und wie man in solchen 
Fällen, um durch den Vergleich nicht zu beleidigen, hinzuzusetzen pflegt 
„Sans comparaison“ — ist es im Verlaufe der Zeiten dem uralt ritter- 
mäßigen Rüststück des Brustharnischs ergangen. Nachdem derselbe im 
18. Jahrhundert zum bloßen Prunkstück der Generale geworden war, zog 
er sich (abgesehen von den noch jetzt existierenden Kürassen der Kürassiere 
— die neuerdings aber auch nur noch zu Paraden angelegt werden) Anfang 
des 19. Jahrhunderts in den Ringkragen der Offiziere zurück und findet 
heutigentages in den kargen Metallstreifen auf den Schultern — den 
Epauletten und Achselstücken — den letzten Rest seines Ausläufers. Daß 
die blutgetränkte Feldbinde des Kurfürsten Moritz, zusammen mit der 
lleinen Kugel, die dem großen Manne den Tod brachte, in der Rüstkammer 
des Königlichen Historischen Museums zu Dresden pietätvoll aufbewahrt 
wird, ist schon erwähnt worden. Gerade weil aber jene Feldbinde als 
teuere Reliquie für die treuen Sachsen eine solch historische Rolle spielt, 
muß es als außerordentlich feinfühlig vom ausführenden Künstler bezeichnet 
werden, daß derselbe gerade den Kurfürst Moritz als Ersten auftreten läßt, 
der ein solches feldmäßiges Abzeichen um die Schultern geschlungen hat. 
Denn schon in viel früheren Zeiten waren Feldbinden üblich. Während 
dieselben aber bisher, frei nach Gutdünken und persönlichem Geschmack des 
jeweiligen Trägers, eine Farbe haben konnten, welche sie wollten (nur also 
als Schmuck und nur nebenbei als ein unbewußtes Erkennungszeichen der 
Person dienend), ändert sich dieser individuelle Gesichtspunkt in den Zeiten 
der Reformation mit dem offensiven und öffentlichen Auftreten gegensätzlicher 
Richtungen. Die Parteien, namentlich wenn dieselben in einem Lande 
und eine jede demselben Vaterlande angehörig, einander entgegentraten, 
mußten darauf bedacht sein, erkannt zu werden. Im Schmalkaldischen Kriege 
trugen die Protestanten gelbe, die Katholiken rote Feldbinden. Diese 
Parteiabzeichen wurden ein um so notwendigeres Erfordernis, je öfter es 
vorkam, ja zur traurigen Regel wurde (die den Vaterlandsfreund mit un- 
endlicher Betrübnis und tiefem Weh erfüllt), daß nicht nur Angehörige 
eines Volkes, sondern auch Glieder eines Geschlechtes, einer Familie — 
durch verschiedenes Glaubensbekenntnis getrennt — einander feindlich gegen- 
überstanden und — — — stehen. Möchte man doch einmütig den gemein- 
samen Feind gemeinsam bekämpfen und die Zwietracht bannen, die ebenso 
lähmend wirkt, wie sie unnötig ist. Man wolle nicht mit Eifer suchen, was 
Leiden schafft, sondern mit Freuden ergreifen, was Frieden gewährt, Stärke 
in der Einheit verbürgt und Wohlsein des Ganzen wie des Einzelnen 
erzeugt.
        <pb n="133" />
        — 115 — 
Während übrigens die Kaiserlichen des dreißigjährigen Krieges die rote 
Feldbinde beibehielten, nahmen Schweden und Protestanten eine grüne an. 
(Ob dieselbe vielleicht aus einer ethischen Mischung von blau und gelb 
hervorgegangen ist???) Leider wurde neuerdings im deutschen Heere die 
Feldbinde der Offiziere, die zuletzt den reglementsmäßigen Namen Schärpe 
führte, unter die nur bei besonderen Gelegenheiten anzulegenden Galastücke 
verwiesen. (Sie besteht aus Silbergespinst mit eingepflochtenen Farben der 
Bundesstaaten.) 
In sehr richtigem, auch äußerlich durch die Tracht zum Ausdruck ge- 
langenden Gegensatz zu Moritz dem Kriegshelden, den schon der kleine 
mehr Kommandostab wie Waffe darstellende Streithammer als Feldherren 
kennzeichnet, reitet auf sanftem wenn auch starkem Schimmel sein Bruder 
August — der Friedensfürst. Dessen Kleidung entspricht dem Typus der 
Kostümierung im letzten Drittel des 16. Jahrhunderts, der lange Zeit alles 
beherrschenden spanischen Tracht. Diese Tracht ist schon um deswillen nicht 
ohne Interesse, weil sie, wenn man so sagen darf, die geistige positive wie 
negative Entwickelung der pyrenäischen Halbinsel auf die Kleidung über- 
tragen, andeutet. Sie brachte das Übergewicht spanischen Fühlens und 
Denkens auch in den übrigen Ländern Europas zum Ausdruck, welche diese 
Kleidung acceptierten. 
Auch in Spanien, jener dépendance von Karl des Fünften Welt- 
macht, hatte sich — durch die Reformation angefacht und der Melodie des 
Liedes entsprechend, welches die Wittenberger Nachtigall gesungen hatte und 
nirgends ohne Eindruck geblieben ist — eine Bewegung bemerkbar gemacht, 
die gegen die alten Ordnungen sich auflehnen wollte. Die Gerechtigkeit ge- 
bietet es anzuerkennen, daß dieses im Keime erstickte Bestreben nach größerer 
Gedankenfreiheit damals von dem scharfen Gifte der sogenannten Frei- 
denkerei mit ihrem abscheulichen und verderblichen Grundsatze ni Dieu ni 
maistre sich weit entfernt zu halten bestrebt war. Jenes Aufflackern, 
welches in Spanien unterdrückt wurde, noch ehe Flammen sich Bahn ge- 
brochen hatten, entsprach — vorläufig wenigstens und soweit man es be- 
urteilen kann — nur einem gerechtfertigten Bedürfnisse nach freierer Regung 
in der Menschenbrust, welche, bei aller nötigen und löblichen Unterwürfigkeit 
unter Kirche und Dogma, doch notwendig und erforderlich ist, wenn große 
selbständige, der Menschheit dienende Charaktere aufkommen sollen. Wo 
das an sich berechtigte Streben nach Freiheit der Gewissen, sei es in ab- 
sichtlicher und aggressiver, sei es in unabsichtlich mißverstandener Weise, zu 
einem ungerechtfertigten und ungestümen Drange nach Autoritätslosigkeit, 
nach Abwerfung aller Disziplin und Unterordnung sich auswuchs, wo der 
leise fächelnde Hauch zum rasenden, tosenden, umstürzenden Sturm, zum 
alles vernichtenden Orkan auszuarten drohte, ist ihm mit Fug und Recht 
energisch entgegengetreten worden. Da, wo sein Wehen ein lindes und be- 
ruhigendes blieb, wohltuende Erfrischung an Stelle beängstigender Schwüle 
bringend, ward er mit Unrecht seiner Lebensfähigkeit beraubt. Wo Freiheit 
8*
        <pb n="134" />
        — 116 — 
nur ein berechtigtes Freisein von unwürdiger Knechtschaft ist, aber vereint 
mit der Gebundenheit unter die göttlichen Welt- und Sittengesetze oder ein 
Aufatmen von schwerem Alpdruck, sich also mit Unterordnung, Demut und 
Frömmigkeit zu vereinigen und zu ergänzen weiß, da ist es Pflicht, diese 
Geistesrichtung nach ihrem Werte oder Unwerte objektiv zu prüfen. Nicht 
überall ist das geschehen, und in Spanien zumal fand jene Bewegung der 
Geister schon in ihrem Entstehen übermächtige, vom einseitigsten Subjektivismus 
geleitete fanatische Gegner — sie ward unterdrückt, ja zermalmt. 
Ein gewissermaßen plastisches Abbild dieser ins Freie strebenden Gärung 
und deren ohne jede überlegung vollführte, gewaltsame Unterdrückung bietet 
— so eigentümlich dies klingen mag — die spanische Tracht. 
Gleich den Schlitzwämsen der freien Schweizer und den Pluderhosen 
der ungebundenen Landsknechte, welche eine lange Zeit für das ganze 
mittlere Europa tonangebend wurden, strebte auch am Ebro und Manzanares 
die Kleidung nach Bequemlichkeit und Weite, suchte der Körper sich der zur 
Sitte gewordenen lästigen Einengung zu entwinden. Auch in Spanien 
läßt sich beobachten, wie die Kleidung den Gelenken freieren Spielraum 
geben will, wie der Armel sich schlitzt und das weiße Hemd bauschig hervor- 
quillt. Aber wie die geistige, so wurde auch die rein äußerliche Entfaltung 
froheren freieren Daseins hier im Keime erstickt. Der Rückschlag des inneren 
auf das äußere Leben ist unverkennbar. Durch die Inquisition wurden die 
religiösen Neuerungen unterdrückt, der politischen versetzte der Tag von 
Villalar den Todesstoß, wo Karl V. die aufständischen Kastilianer aufs 
Haupt schlug. Der ganzen Nation bemächtigte sich die Ruhe des Fried- 
hofes, die mit der Ruhe nicht verwechselt werden darf, welche „die erste 
Bürgerpflicht“ ist und die bei vollkommenster Loyalität sehr wohl eine ge- 
sinnungstüchtige Opposition der Treuen einzuschließen vermag. Wie der 
Geist die Materie bewegt, so wünscht er unwillkürlich, daß die Fesseln, die 
um ihn geschlungen werden, auch auf den Körper Anwendung finden, mit 
dem er eins sein möchte. Nur der bedauernswerte Clown im Zirkus vermag 
Trauer und Weh unter bunten Lappen und hinter heitergeschminkten Ge- 
sichtsfalten zu tragen. Sonst aber und für gewöhnlich suchen — natürlich 
nur soweit dies angängig ist — der innere und der äußere Mensch eine 
gewisse übereinstimmung im Auftreten. Und so — von Herzen und Ge- 
wissen auf Röcke und Hosen kommend — weil jede dieser beiden Arten von 
Requisiten des Menschentums die geistige wie die körperliche, sich in dem 
Streben gehindert sah, sich freier zu bewegen, erscheint auf der Bildfläche 
die steife eingezwängte spanische Tracht. Sehr gern soll hierbei anerkannt 
werden, daß eben deswegen dieselbe sich nicht zu der Entartung entwickeln 
konnte, wie dies mit der Kleidung in anderen Ländern geschah, wo ein, 
aus falsch verstandener Freiheit hervorgegangener Übermut das Zeichen zur 
Sittenlosigkeit gab. Unter dem straffen Regimente eines unbedingten, welt- 
lichen wie geistlichen, Absolutismus, der jede freiere Regung verpönte, mußte 
alles was begonnen hatte, einigermaßen die Flügel zu heben, wieder in sich
        <pb n="135" />
        — 117 — 
zusammenschrumpfen. Die bunten Schlitze und allerhand Auflassungen ver— 
schwinden. Nur als leichte Zierde von aufgenähtem farbigen Stoff lassen 
sich Andeutungen an jenes „Ins Weite Streben“ erkennen, als leise Erinne— 
rungen einer aufgeregten, aber zur Raison gebrachten Zeit. Die Möglichkeit 
einer freien Bewegung der einzelnen Glieder verhindernd, sitzt die Kleidung 
eng und beängstigend prall am Körper, straffer gespannt als je vorher. 
Von dem lustig und luftig in heiterer Üppigkeit wallenden und flatternden 
Stoffe, der malerisch als Mantel gerafft wird, ist hier keine Rede. Das 
kleine, kurze und enge Mäntelchen scheint nur dazu angetan, den geistigen 
Schraubstock noch deutlicher als es die pure Einbildungskraft vermag, auch 
äußerlich anzudeuten. Es prunkte, ohne zu wärmen, zu schützen oder zu 
decken, einem gleißnerischen Worte gleich auf das kein Verlaß ist, das nicht 
hält, was es verspricht und Ausflüchte macht wenn es eingelöst werden soll. 
Das Beinkleid aber, aus seidenem Trikot gefertigt, legt sich derartig stramm 
an, daß jede Muskel deutlich hervortritt, und eine jede Bewegung nicht 
ganz abgemessener, abgezirkelter Art ohne das Platzen jenes Kleidungsstückes 
ausgeschlossen ist. Zur Wahrung des Anstandes ward infolgedessen über 
Oberschenkel und Unterleib eine zweite, aber anders gestaltete Hose gezogen 
— ähnlich dem früheren „Bruch“, jener einem Schwimmgürtel gleichenden 
Erscheinung am „Niederkleid“, aber in ihrer Unförmlichkeit geradezu ein 
Monstrum darstellend. Diese Wulst bestand aus zwei dicken um den Abschluß 
der Hose sich legenden, mit Roßhaaren ausgestopften Polstern und artete — 
mit den unförmigen Reifröcken des schönen Geschlechtes in Wettbewerb um 
den Preis der Häßlichkeit tretend — schließlich so fabelhaft aus, daß in 
England unter der Königin Elisabeth tatsächlich die Sitze des Parlamentes 
erweitert werden mußten, um die „edelen Teile“ der ehrenwerten Lord- 
schaften aufnehmen zu können. 
Bei Kurfürst August, einem Deutschen, der die Tracht seiner Zeit trägt, 
welche eben die spanische ist, sind alle diese Erscheinungen moderiert wieder- 
gegeben. Im Ursprungslande selbst aber legte man ähnliche Polster wie 
an den Oberschenkeln auch um die Schultern, und wer nur einen einiger- 
maßen kurzen Hals hatte, saß in der zur Sitte gewordenen unförmlich 
breiten und hohen Spitzenkrause zwischen jenen Schulterpuffen leibhaftig wie 
ein Gefangener im Gewahrsam hinter Schloß und Riegel.50) Das Wams, 
welches auf vorliegendem Bilde immerhin einen Taillenabschluß hat, senkt 
sich beim National-Spanier nach vorn bis zum Beginne der Beinpolster in 
eine oft scharfe Spitze herunter, welche mit Werg und Roßhaar prall gestopft, 
gewissermaßen keilförmig nach der Mitte zu läuft, häufig auch wie ein dickes 
Kissen vor Brust und Leib herabhängend. Ja selbst die eisernen Harnische 
bequemen sich jener unnatürlichen Form an, und sind dann unter dem 
s6) Spötter, die es zu allen Zeiten gegeben hat, und die oft nicht mit Unrecht ihres 
Amtes warten, in das sie bei einigem Witze ihrerseits durch die Beobachtung vorhandener 
Mißstände oder Schwächen gebracht worden sind, sprachen von dem Haupte Johannes des 
Täufers auf der Schüssel der Herodias!
        <pb n="136" />
        — 118 — 
wenig poetischen Namen „Gänsebauch“ bekannt. Das kleidsame und viel- 
gestaltige weiche Barett, welches sich so schmiegsam auf wallende Locken 
drücken läßt, hat dem steifen spanischen Hute Platz machen müssen, dessen 
Krempen oft so schmal und wenig sichtbar sind, daß er einer hohen Mütze 
gleicht. Haar und Bart müssen kurz geschoren sein, weil ihnen die breite 
Krause im Wege steht, doch ist Spitzbart und sogenannte Kolbe noch immer 
beliebt, so daß in Deutschland jener Halsabschluß verkleinert getragen wird. 
Überhaupt geht man hier nicht ganz so weit, wie Granden und Infanten 
es tun. In dieser Mischung des Kostüms treten die beiden Kurfürsten 
Christian auf, der Erste wie der Zweite. Bei letzterem sieht man den 
Halskragen zu Gunsten des Bartes zurückgeschlagen. 
Johann Georg I. aber tritt in der vollen kräftig malerischen Tracht 
eines Feldobersten oder Generalissimus des dreißigjährigen Krieges dem 
Beschauer entgegen, — in der charakteristischen Halbrüstung, die man an 
Gustav Adolf und Wallenstein, Tilly und Pappenheim, jenen allbekannten 
volkstümlichen Figuren zu sehen gewöhnt ist. Außer dem „Koller von 
Elendshaut“ (wie der Wallensteinsche Jäger sagt) nämlich von Gemsleder, 
und dem Wams von dickem Tuche, welche mit dem eisernen Harnisch gleich- 
zeitig vorkommen, sind es vor allem drei Stücke, die jetzt neu und eigenartig 
in die Erscheinung treten. Sie verdienen, kurz besprochen zu werden. 
Der große, fast könnte man sagen übermäßig große Schlapphut von 
Filz, dessen weicher Stoff den Schwerthieben fast wirksameren Widerstand 
entgegensetzte als das harte Metall von Helmen, Eisenhauben und Morians 
(welche Kopfbedeckungen übrigens gleichzeitig auch weiter getragen werden), 
sowie der breite aber nun dünne Spitzenkragen, welcher die steife Halskrause 
ersetzt hat, geben dem männlichen Kopfe bei überall gleichem Schnitte von 
kurzem Haar und spitzem Barte ein typisches Gepräge. Die in ihren 
Maßen oft unflätig großen Reiterstiefel aber, die in der gesamten Schuh- 
macherei einen Umschwung herbeiführen, lassen die durchaus an Feld= und 
Lagerleben, sowie an weite Kriegszüge durch aller Herren Länder gewöhnte 
Zeit erkennen. 
„In Hast und Eile bauet der Soldat 
Von Leinwand seine leichte Stadt. — 
Doch eines Morgens plötzlich siehet man 
Die Zelte fallen; weiter rückt die Horde. 
Und ausgestorben, wie ein Kirchhof, bleibt 
Der Acker, das zerstampfte Saatfeld liegen: 
Und um des Jahres Ernte ist's gescheh'n." 
„In jenes Krieges Mitte,“ nämlich des Dreißigjährigen, stellt uns der 
Anblick Johann Georgs. Und, da einem beim Gedenken an jenes Welten- 
drama ganz von selbst und unwillkürlich Schillersche Worte einfallen, so 
möge auch das eingeschaltet werden: 
„Der feine Kragen, der Federhut; — 
Was das doch alles für Wirkung tut.“
        <pb n="137" />
        — 119 — 
Den Hut anlangend, so kam derselbe aus verschiedenen Gründen zu 
immer größeren Ehren. Von seiner Hiebsicherheit abgesehen, welche eine 
außerordentlich wertvolle Empfehlung auf den Lebensweg bildete, den jene 
Kopfbedeckung damals antrat, und der dieselbe — mit Modifikationen und 
in kleiner Gestaltung — bis auf das Haupt des großen Korsen gebracht 
hat, sprach auch der Umstand für die allgemeine Verbreitung des weichen 
Hutes, daß seine Haltbarkeit eine fast unbegrenzte war. Außerdem bildete, 
in beliebige Formen gedrückt, der große Hut mit der wallenden Feder, 
welche als schöner Abschluß zu ihm gehörte, eine vortreffliche Umrahmung 
kriegerischer Gesichter. Zu dieser obereren trat als untere Einrahmung von 
Hals und Gesicht der Spitzenkragen hinzu. Derselbe hatte die störende 
Krause ersetzt, als es galt, nicht in abgemessener Grandezza oder steifer 
Würde friedlich sich zu bewegen, sondern im Felde Taten auszuführen, bei 
denen nicht der Arm allein, sondern auch freier Kopf und beweglicher Hals 
von nöten sind. Entlehnt ist der Spitzenkragen der Männer dem Goller 
(nicht Koller) der Frauenwelt, welcher deren zarte Haut von Hals und 
Brust bei der seinerzeit üblichen außerordentlich tiefen Dekolletierung vor den 
bräunenden Sonnenstrahlen zu schützen bestimmt gewesen war. Die über— 
wundene Krause lebte übrigens, wohlgedollt und in saubere Falten gelegt 
und über eine Art Mühlrad gezogen, bei Ratsherren und Geistlichen noch 
lange fort; der inneren Würdigkeit oft weit weniger als der äußerlichen 
steifen Würde einen Unterschlupf gewährend. Der glatte, einfach umgelegte 
Wäsche-Kragen aber, der auch den Vorteil hatte, schnell und mühelos ge— 
reinigt werden zu können, gewann derartig an Beliebtheit, daß auch der 
gemeine Mann, dem die zartgemusterten Spitzen der Obersten und Generale 
zu teuer waren, ihn annahm, aber glatt und ohne Stickerei oder Spitzen. 
Die Wallonischen Reiter brachten dieses — in verkleinerter Form noch 
heutigen Tages sehr beliebte — Wäschestück zuerst auf; weshalb es damals, 
und auch später noch, den Namen „Wallonischer Kragen“ führte. Was 
nun die Beinbekleidung betrifft, so hatte dieselbe ja schon seit lange mit 
derjenigen Art gebrochen, welche von den Fußzehen bis über die Hüften ein 
einziges ganzes Stück nach Strumpfsystem bildete. Sowohl die deutsche wie 
die hispanische „Hose“ war in Teile gegliedert; Strumpf und Beinkleid 
hatten sich zu zwei verschiedenen Begriffen herausgebildet. Zu den Strümpfen 
aber gehörten Schuhe; und mit zarten Schuhen, auf denen sogar oft Schleifen 
oder Rosetten thronten, waren die Mannspersonen aller Stände ins neue 
Säkulum eingetreten. Aus dem wachsenden Bedürfnisse nach Festigkeit und 
Haltbarkeit des Schuhwerkes bei den langen Märschen durch Waldgestrüpp 
und Sumpfniederungen erstand indessen diesem Bekleidungssysteme sehr bald ein 
arger Feind — die Zweckmäßigkeit. Wie mit einem Zauberschlage änderte sich 
daher das Bild, als die Werbetrommel aufs neue wieder, diesmal zu ganz 
besonders hartem langen Strauße rufend, durch die Lande tönte, und Scharen 
auf Scharen dem „rasselnden Kalbfelle“ folgten, hier für Tilly, dort für 
Mansfeld eintretend, da für die Schweden, dort für Wallenstein. In
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        — 120 — 
diesem Notstand tauchte jenes Instrument von „Rindsleder“ auf, welches 
gleich bei seinem ersten Auftreten in der Geschichte zu hohen Ehren ge— 
langte — der hohe Stiefel. Schon einmal hatte die Welt Soldatenstiefeln 
gesehen, mit deren Namen ja derjenige des römischen Kaiser Caligula eng 
verbunden ist, den man wegen seiner ausgesuchten Grausamkeit, seines un— 
mäßigen Hochmuts, und des von ihm „erfundenen“ Cäsarenwahnsinns, 
kennt und verabscheut. Aber der Stiefel des „Friedländischen Reiters- 
mannes“ war praktischer. Anfänglich nur ein Ordonnanzstück jenes un- 
bändigen Kriegsknechtes, der stolz von seinem Tiere auf „das Gehudel unter 
ihm“ herabsieht, ging er bald auch aufs Fußvolk über und brachte schließlich 
alles in seinen Bann. Denn da in jener drohenden Zeit, in der es galt, 
gegen die allüberall auftauchenden Feinde ebenso auf der Hut zu sein, wie 
gegen die gleichermaßen brandschatzenden Freunde; wo oft „keine Gegenwehr 
half und keine Flucht, wo keine Ordnung mehr galt und keine Zucht“, sich 
gern ein jeder wenigstens äußerlich ein wehrhaftes und unantastbares Aus- 
sehen zu geben bestrebt war, ging allmählich der große Reiterstiefel mitsamt 
den klirrenden Sporen und dem breiten Sporenleder auch auf die friedliche 
Welt über; und bald spielte er seine Rolle auch in den feinen Pariser Salons. 
Dort, wie auf der Promenade legten sich die umgekrempelten breiten, teils 
rot, teils gelb gefütterten Stulpen, die vom Reiter, wenn er zu Pferde 
saß, als schützende Verlängerung bis übers Knie heraufgezogen wurden, in 
weit abstehende, herunterhängende Falten. 
Es dürfte nicht wohl geleugnet werden können, daß es kaum etwas 
derberes gibt als einen schweren Reiterstiefel. Und doch ließ die — damals 
zuerst als Völkergeißel auftretende — „Mode“ es sich nicht nehmen, die 
Stulpen dieser Stiefel mit duftigen Spitzen auszustaffieren, die wahrhaftig 
weit eher ihren Platz am zarten Busen einer schönen Dame hätten einnehmen 
sollen, als daß sie mit dem dampfenden Leibe eines schnaubenden Kriegs- 
rosses in Berührung kamen. „Das hat mit ihrem Singen“, das hat mit 
ihrer Allgewalt die Mode getan.) Auch finden sich die, gleich den Zöpfen 
„höherer Töchter“" kunstvoll geflochtenen Mähnen der Gäule mit allerhand 
Bändern und Schleifen verziert. 
Wie die linnenen Spitzen, deren Erzeugungskunst, das Klöppeln, gerade 
damals im sächsischen Erzgebirge zum Aufschwung kam (von den Nieder- 
landen dort eingeführt), so brachte jene Zeit, die doch nichts weniger als 
„ledern“ gewesen ist, sondern des Aufregenden, Spannenden und Ab- 
wechselungsreichen beinahe zu viel bot, das „Leder“ in intensive Benutzung. 
Außer Stiefeln und Wams, sind auch die Pistolenhalfter von Leder, die 
s7) Gewissermaßen aus einer Versenkung ist es aufgetaucht, dieses undefinierbare 
Etwas, auf die Schaubühne des menschlichen Treibens. Und dieses letztere wird von Jahr 
zu Jahr mehr von Außerlichkeiten beherrscht und für Außerlichkeiten am Narrenseil gezogen, 
seitdem sie erschienen ist und das Heft in den Händen hat; seitdem sie, die Mode, ihre 
Herrschaft ziemlich international auszuüben sich bestrebt und das geworden ist, was sie 
von Anfang an hat sein und werden wollen: Mode.
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        — 121 — 
man begann, in Gestalt von Futteralen am Vorderteile des Sattels zu 
beiden Seiten desselben anzubringen. Die über dieselben gelegten Deckel, 
deren sich bald die Kunst und die Sucht nach luxuriöser Ausstattung be— 
mächtigte, wurden später, und namentlich während der sogenannten franzö— 
sischen Zeit, zu hervorragenden Prunkstücken; desgleichen die Pistolen selbst, 
die sie bargen. 
Die Feuerwaffe hatte allenthalben mit Riesenschritten an Bedeutung 
zugenommen. Gemälde wie die von Wouverman zeigen zur Genüge, wie 
auch die Reiterei damals einen großen Teil des Wertes ihrer Kampfart in 
das Feuergefecht zu Pferde legte. Das „Karakolieren“ hatte sich zu einer 
großen Fertigkeit ausgebildet. Das Manöver des Karakolierens bestand 
darin, daß beim Reiterangriff die vorderste Reihe, sobald sie ganz nahe an 
den Feind herangekommen war, ihre Feuergewehre (Karabiner oder Faust- 
rohr) abschoß und sofort darauf, die Rosse scharf linksumkehrt schwenkend, 
eiligst hinter das Geschwader sich zurückzog, nunmehr dessen letztes Glied 
bildend und die Gewehre wieder ladend. In gleicher Weise verfuhren die 
sämtlichen Glieder; abwechselnd vorderes und hinteres darstellend. In der 
Theorie ließ sich dies in infinitum fortsetzen und in der Praxis sind wirk- 
lich große Erfolge damit erzielt worden. Der blank blitzende Reitergeist 
mußte freilich darunter leiden, dieses Lebenselement der Kavallerie. Es 
entstanden besondere Karabiner= und Dragoner-Abteilungen — den Mus- 
ketieren und Scharfschützen der Fußtruppen entsprechend. Was den Namen 
Karabiner anlangt, so ist derselbe aus dem arabischen herübergenommen, wo 
Carab die Feuerwaffe heißt. Muskete kommt von dem lateinischen mus- 
cetus, das ist ein stets, sein Ziel treffender, habichtähnlicher Stoßvogel. 
Auch Faust= und Handrohre wurden verbessert; und Pappenheimer wie 
Wallonen, die schweren Schwedenreiter und die Finnländer (deren alter 
stimmungsvoller Marsch erfreulicherweise und zwar wie es heißt, auf be- 
sondere Anregung Seiner Majestät des Kaiser Wilhelm II., wieder so häufig 
von den Kavallerieregimentern geblasen wird) mögen aufgeatmet haben, 
als sie die, freilich nur verhältnismäßig leichten, Pistolen am Sattel 
hatten.“s) 
Bevor von Johann Georgs kriegerischer Figur geschieden wird, möge 
noch auf den von ihm geführten eleganten Streitkolben aufmerksam gemacht 
werden, welcher wohl ein Vorläufer des Kommandostabes sein dürfte. Der 
Degen mit dem sogenannten Eselshufgefäß, der auch zu Pferde ziemlich 
wagerecht getragen wurde, leitet zu dem sehr oft übertrieben langen Stoß- 
ss) Übrigens erscheint die Annahme des böhmischen Geschichtsforschers Palasky, der 
Name Pistole sei auf das czechische pistala = Rohr zurückzuführen, weit glaublicher als 
die sonst allgemeine Ableitung von Pistoya, wenn es auch Tatsache ist, daß in genannter 
Stadt seit alten Zeiten berühmte Eisen= und Waffen-Werkstätten sich befinden und befunden 
haben. Interessant, wenn auch sonst ohne Wert, ist außerdem die eigentümliche Behauptung 
Napoleons III., jene Handfeuerwaffe habe ihren Namen von der gleichlautenden Gold- 
münze, weil der Durchmesser dieser mit dem Kaliber jener übereinstimme.
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        — 122 — 
degen über, den die nachfolgenden Gestalten nebst Hellebarde und Partisane 
führen. Letztere dient hauptsächlich als Paradewaffe, und man sieht sie 
schon mit Quasten verziert, einen Anklang an die „Bummel.z) 
Den Defensionern ähnlich, die sich insbesondere bei der Belagerung von 
Freiberg rühmlichst ausgezeichnet haben und in ihren grauen Röcken mit 
roten Kragen, ähnlich wie die in der schwarz-gelben Hoffarbe auftretenden 
Ritterpferde, bereits eine Art Uniform besaßen, stellt sich der rechterhand 
schreitende Herr durch das am Hutbande in Medaillonform angebrachte 
Schachbrettwappen als einer von Zehmen dar, während der rot-weiß-schwarze 
Schild der von Gersdorff am Wams des links Gehenden zu sehen ist. 
(Conradus de Cemin ist 1219 Vasall des Landgrafen von Thüringen. 
Die von Gersdorff saßen schon 1260 auf Baruth. In der Schlacht bei 
Pavia (1525) fielen 27 Söhne dieses Geschlechtes und trotzdem ritten zwei 
Jahre später die von Gersdorff mit 200 Sprossen ihres Stammes und über 
500 Pferden zum Geschlechtstage in Zittau ein.) 
An den Füßen der nun folgenden fürstlichen Reiter gewahrt man die 
Wandlung der bisher schlapp und faltig gewesenen Stulpen, zu denen der 
großen steifen Kanonenstiefel, bei denen nun auch der Spitzeneinsatz in Weg- 
fall kommt. Daß Kurfürst Johann Georg III. anstatt mit dem breiten 
Filzhut — dem trotz seiner bewährten kriegerischen Eigenschaft einer vor- 
züglichen Art Schutzwaffe eine gewisse Weichheit nicht abgesprochen werden 
kann — mit dem zu gleicher Zeit üblichen Stahlhelme dargestellt ist, ent- 
spricht seinem Beinamen „Mars“ in glücklicher Weise. Windet sich doch ein 
besonderer Nimbus der Ritterlichkeit um den eisernen Hauptschutz der Bellona 
und nennen sich noch jetzt die Kürassiere so gern direkte Nachkommen der 
alten stahlgepanzerten Ritter. 
Unmittelbar über dem linken Stiefel des fürstlichen Reitersmannes 
hängt eine Menge kleines Geklimper, Gegenstände aus Elfenbein oder 
edelem Metall, aber ohne greifbaren Nutzen, welche damals trotz des Ernstes 
der Zeiten außerordentlich beliebt waren. Sie ähneln den sogenannten 
Berlockes, die heutzutage in Gestalt von Petschaften, Tierfiguren, Bleistiften 
und dergleichen an die Uhrketten gehangen werden. Man nannte diese 
meist sehr zierlichen kleinen Schmuckgegenstände, französisch faveurs oder 
lateinisch favores — meist Gunstbezeugungen von Damen und Erinnerungen 
an galante Abenteuer, von der betreffenden Heldin selbst geschenkt. Sie 
wurden aber auch von Maulhelden angeschafft, um mit ihnen zu prahlen 
— ähnlich wie es diejenigen tun, die mit Schweinshauern und Hirschhaken 
renommieren, ohne je ein Tier in der Nähe gesehen zu haben, dem sie die 
Zähne hätten ausbrechen können. Eine so unbedeutende Erscheinung an sich 
aber auch jene Herzen von Rubin und Finger von Korallen, jene silbernen 
50) „Schüttelt die Bummel!“ war späterhin das für die Partisanenträger bestimmte 
Kommando zur Ehrenerweisung vor Offizieren. „Schüttelt die Bummel noch einmal!“ vor 
der Generalität.
        <pb n="141" />
        — 123 — 
Pantöffelchen und goldenen Liebesäpfel sind, so gehören sie doch zur Ver— 
vollständigung des Bildes damaliger Zeit.?o) 
Weniger klein an Gestalt, aber unverhältnismäßig viel größer an Be— 
deutung und Einfluß, als jene Faveurs — ja einer ganzen Geschichtsepoche 
einen unverwischbaren Stempel aufdrückend — ist die Perücke. Dem 
moralischen Zwange, eine solche zu tragen, konnte vom Ende des 17. Jahr- 
hunderts an bis in die Tage des brumaire hinein kein Mitglied der Ge- 
sellschaft, ja niemand entgehen, der nicht als Hottentotte oder Baschkire an- 
gesehen sein wollte. Der Beginn dieser Sitte war das ganz und gar un- 
verfängliche und unauffällige Tragen des eigenen Haares in möglichst lang 
um die Schultern wallenden Locken seitens der vornehmen Männerwelt. 
Die ersten Helden der Zeit trugen sich so wie z. B. schon Bernhard von 
Weimar. Mit der Zunahme der absoluten Fürstengewalt und der direkt 
wie indirekt durch dieselbe groß gezogenen Sucht zu schmeicheln, sowie einer, 
Fürsten wie Untertanen gleich schädlichen, oft die Menschenwürde auf- 
gebenden byzantinischen Unterwürfigkeit — den unreinen Schlacken lauterer 
Loyalität — entstand bei Poeten und Nichtpoeten, bei Günstlingen und 
Gunstsuchenden eine zur Manie werdende Häufigkeit des Vergleiches dieser 
lockenumwallten Häupter von Prinzen, Ministern und Generalen mit dem 
von mächtiger Mähne umrahmten Kopfe des Königs der Tiere. Schließ- 
lich sollte nicht nur, sondern wollte jeder ein Löwe sein. Und da dies 
— das heißt die hierzu erforderlichen äußerlichen Ingredienzien und Attri- 
bute, die in einer möglichst großen Haarfülle entdeckt worden waren — 
wie man zu sagen pflegt, nicht den Hals kostete, so machte sich die crinièere 
(d. h. Mähne), sei es nun de lion oder de bélier bald auch auf den 
Köpfen niederer Sterblicher bemerkbar. Aber immer noch nur erst vom 
eigenen Haare. Indessen ließen die Erfolge derer, die von der Natur mit 
solchen Kopfzierden ausgestattet waren, diejenigen nicht schlafen, denen dieses 
Material versagt blieb. Man begann fremdes Haar einzubinden, erst mehr 
oder weniger heimlich und nach Möglichkeit unbemerkt, dann ungeniert und 
0) „Hut, Mantel, Degen und Favor, 
Die schenk ich meinem Hof-Sartor“ 
sind die Worte eines durch übertriebenen Luxus an den Bettelstab gebrachten, aber immer 
noch hochnasigen Stutzers, dessen Figur satyrisch-humoristisch (man könnte auch „pädagogisch“ 
hinzufügen) zum allgemeinen Ergötzen im Komödienhause an den geistigen Pranger gestellt 
wurde. Ja, Stutzer und Schneider machten und machen die Mode. Das Unwesen der 
Kleidernarren oder Stutzer, der aggressiven Nachfolger der harmlosen Schönbartgesellen 
und Vorgänger impertinenter Gigerl und Gecken, jener Drohnen in Menschengestalt, jener 
Müßiggänger und Hohlköpfe, die ohne jeden anderen Zweck als den, bewundert zu werden, 
auf Straßen und Plätzen herumflanieren, verbreitete sich um die Mitte des 17. Jahr- 
hunderts von Paris (dem „coeur ei cul du monde“) nach England, wo es die Dandys 
und Swells erzeugte und nach Deutschland — unserem Heimatlande, welches an sich so 
solid ist und doch traurigerweise immer nach Importen lechzt. Geschäftig lugte schon da- 
mals überall der Kleiderkünstler nach „himmlisch schönen“ Vorbildern, um seinen Kunden 
das Neueste bieten zu können, was auf dem Gebiete des „à la mode“ sein herrliches 
Modell ihm gezeigt hatte.
        <pb n="142" />
        — 124 — 
vor aller Hffentlichkeit. Die „hohe Kunst“ des Friseurs stieg mehr und 
mehr an Bedeutung, immerhin aber hatte jeder einzelne Kopf noch sein 
individuelles Aussehen. Dies sollte sich aber ändern und hierzu bedarf es 
einer kurzen Übersicht über die damalige Weltlage. 
Als nämlich „der schöne Tag“ endlich gekommen war, „an welchem der 
Soldat ins Leben heimkehrt, in die Menschlichkeit“, als der heiß ersehnte Friede 
im Jahre 1650 endgültig vom Nürnberger Rathause herab verkündet worden 
war, da mußte sich die in über dreißig langen und bangen Kriegsjahren 
mehr oder weniger verrohete und der Verwilderung sehr nahe gebrachte 
Gesellschaft gestehen, daß sie — gleich einem ungeberdigen Rosse, welches 
in ruhige Gangart gebracht werden soll — einer starken Hand bedürfe, 
damit die sozialen Ordnungen nur einigermaßen wieder hergestellt werden 
konnten. Eine zarte Hand konnte das nicht sein, und die allgemeine Ge- 
sinnungslosigkeit hatte auch keine andere als die eines herrischen Tyrannen 
verdient. 
Mag man daher mit vollem Rechte und nicht ohne tiefes schmerzliches 
Bedauern den Weg, welchen Ludwig XIV. die menschliche Gesellschaft 
führte, für einen falschen halten, der durchaus nicht zum Segen gereicht hat, 
so war doch und dennoch dieser Monarch das einzige vorhandene Werkzeug 
der göttlichen Vorsehung, welchem es gelingen konnte, Ordnung zu schaffen, 
und der durch seinen Machtspruch eine gewisse relative Zufriedenheit herbei- 
zuführen vermochte. Ludwig XIV. war nicht nur ein Autokrat im gewöhn- 
lichen Sinne für sein eigenes Land. Man kann ihn einen solchen allen 
Völkern, ja allen Fürsten gegenüber nennen. Wie jene durch das von 
seiner Person ausgehende Prinzip und System, ob auch auf Umwegen, ver- 
gewaltigt wurden, so setzten diese ihren Stolz darein, dem von ihm so 
meisterlich gegebenen Vorbilde eines absoluten Herrschers nachzueifern, nach- 
zueifern in politischer wie in sozialer Beziehung. Unter der Wucht un- 
umschränkter Fürstengewalt schwand die wilde Ausgelassenheit, die übermütige 
Formlosigkeit. Übersprudeln und Überschäumen galt als verpönt, wenn es 
nicht von Serenissimus selbst angeordnet ward, der sich hinwiederum — 
welches Landes Herr er auch war — nach „Ihm“ richtete. Car tel est 
notre plaisir. 
Das fröhliche frische Leben schrumpfte in ein erstarrtes Formendasein 
zusammen, in welchem — übertüncht, vergoldet und mit Schnörkeln ver- 
sehen — eine ihr alleiniges Heil in äußerer Etikette suchende Schein- 
moralität vegetierte. Überwuchert aber wurde diese Scheinmoralität von 
einer in deren Miasmen geborenen und durch deren raffinierte Heuchelei 
groß gezogenen tatsächlichen Unsittlichkeit. Diese mit allen ihren innerlich 
wie äußerlich zur Geltung kommenden sichtbaren wie unsichtbaren Er- 
scheinungen beherrschte Alles. Und so schließt sich der Ring wechhselseitiger 
Einflüsse; die Schlange beißt sich in den Schwanz. Diese Betrachtung ge- 
hört zwar nicht mit unbedingter Notwendigkeit, wohl aber nicht nur 
indirekt, sondern ganz direkt zur Geschichte des Trachtenwesens und in-
        <pb n="143" />
        — 125 — 
sonderheit zu derjenigen der Perücke, welche ihrerseits die absolute Herrschaft 
französischer Sitte und französischen Einflusses versinnbildlicht. 
Wie der Roy Soleil in schonungsloser Unbarmherzigkeit alle über— 
bleibsel (ethische sowohl wie materielle) einer Zeit ausrottete, die ihm nicht 
gefiel, weil sie sich nicht nach ihm gerichtet und gemodelt hatte, wie er seine 
Mitfürsten und Mitmenschen als Wesen niederer Gattung behandelte, die 
nur nach ihm sich zu richten hatten, wie bezeichnenderweise sogar Wege und 
Stege, Sträucher und Bäume seiner Tyrannei sich fügen mußten und sich 
den von ihm beliebten Formen und Gestalten anbequemen, wie es ihm 
Bedürfnis war, jede Regung selbständiger, ihm entgegenstehender Meinung, 
jedes sich ihm nicht unterwerfenden Willens im Keime zu ersticken oder 
grausam zu rächen, so gelang es ihm auch, dem Individuellsten was es gibt — 
dem Menschenantlitz sein persönliches Siegel, den Stempel seines Willens 
aufzudrücken. Das Mittel zu dieser planmäßigen Vernichtung jedes 
Subjektivismus zu dieser Uniformierung der Gesichtszüge, zu dieser sub— 
missesten Unterwerfung auch dieses Faktors unter seinen Geschmack, unter 
seiner Anordnung, war die Perücke, die von Ludwig XIV. ausgehende 
Staats- und Allongeperücke. 
Jedes einzelne ihrer künstlich gewundenen falschen Haare ist ein Faden 
in dem großen Spinnengewebe französischer Herrschsucht und Eitelkeit, in 
dessen Netze sich Menschen- und Völker-Fliegen fingen, große wie kleine. 
Die Nachahmungssucht — das wußte der Allgewaltige — und die Anbetung 
seiner Person wie seiner Schöpfungen war ja unglaublich. Unglaublich war 
die freiwillige Unterwerfung unter eine Geisel, deren Schläge blutige Striemen 
auf den Rücken der Nationen hinterließen, während die Herzen der Völker— 
schaften mit Gift erfolgreich traktiert wurden. 
Im Jahre 1655 ernannte Ludwig XIV. mit einem Federzuge über 
ein halbes Hundert (63) Hofperüquiers allein für die Stadt Paris, alle 
mit gebundener Marschroute. Tausende folgten in den Provinzen, und im 
Auslande war man glücklich, den französischen Meistern ihre vom Könige 
selbst in eine besondere Richtung gebrachte Kunst abzusehen. Dieser sonder- 
bare Pairsschub bedeutete effektiv einen Staatsstreich im Bereiche der Mode 
und weit über dieselbe hinaus. Die einerseits „Königliche“, andererseits 
unzweifelhaft alle Köpfe oder vielmehr die Köpfe aller gleichmachende, mithin 
den Unterschied nivellierende Perücke war zum äußeren Zeichen französischen 
Esprits und französischer Allüren erhoben, denen sich weit über die Grenzen 
Frankreichs hinaus weder Fürsten noch Untertanen zu entziehen wagten, ja 
ihnen zuflatterten wie die Nachtfalter dem Lichte. Und welchen Unsinn 
involviert jener Wust falscher Haare! In seiner Wesenheit das Urbild der 
Unnatur, beraubt er den Kopf des eigenen Schmuckes, der vom lieben 
Schöpfer gegebenen Haare, und zwar ohne alle wirkliche Notwendigkeit. 
Und an der Stelle künstlich abgeschorener Haare wird ein falscher Schopf 
ausgesetzt! Von der damaligen Zeit allerdings für schön gehalten, aber doch 
an Unförmigkeit grotesk und bizar, bietet diese widersinnige Erscheinung ein
        <pb n="144" />
        — 126 — 
Symbol der Hohlheit und Aufgeblasenheit. Mitsamt ihren Folgerungen und 
Ausläufern hat sie lange genug die Welt unter ihrem Szepter gehabt. 
Es konnte nicht anders sein, als daß die Perücke die freie Bewegung 
beschränkte und den Kopf zur Einnahme einer steifen Haltung zwang. Das 
aber war vornehm und galt gleichzeitig als ein Zeichen von Gelehrsamkeit. 
Zur Herstellung einer wirklich kunstvollen Perücke gehörte eine un— 
verhältnismäßig große Menge feinen Menschenhaares. Der Preis einer 
solchen, die gewöhnlich blond oder braun war, belief sich auf rund tausend 
Taler, und der Hof-Perüquier des Sonnenkönigs, Binnet, konnte mit Recht 
vielbedeutend sagen, er mache die Köpfe der Untertanen kahl, um den Kopf 
des Monarchen zu bedecken. Das Pudern kam erst mit dem beginnenden 
18. Jahrhundert auf. Mit der Allongeperücke hängt übrigens, wie auch 
das vorliegende Gemälde zeigt, die Sitte zusammen, Halstücher zu tragen, 
die sich dann teilweise zu den bekannten Spitzen-Jabots ausgestalteten. Zu 
den Tüchern wurden gar bald die kostbarsten Nadeln mit schönen wie un— 
schönen Knöpfen und Köpfen, Emaillen und Perlen eingeführt. Eins bringt 
immer das andere mit sich. 
Es erübrigt nun noch des Marschallstabes oder Kommandostabes zu 
gedenken, der von Johann Georg dem Zweiten wie von seinem Nachfolger 
getragen wird und seitdem sehr häufig in den Händen von Fürsten Wettin— 
schen Stammes erscheint. Der Ursprung dieses Befehlshaberzeichens ist sehr 
alt und beruht auf dem ganz natürlichen Bedürfnis des Leiters einer Aktion 
(gleichviel ob größerer oder kleinerer Art) mit mehr als nur der bloßen 
Hand nach dieser oder jener Richtung zeigen zu können, ohne sich hierbei 
des Degens oder Schwertes bedienen zu müssen. Nachdem sich auf diese 
Weise der Stab (als hierzu am meisten geeigneter Gegenstand) in der Hand 
des Feldherren zu einem Abzeichen von dessen Würde ausgebildet hatte, 
ward derselbe den Kommandierenden — erst als Installation ihres Amtes, 
später als eine Belohnung und Auszeichnung — förmlich und feierlich 
übergeben.“!) 
Der unmittelbar hinter der Johann-Georgen-Gruppe einherschreitende 
Defensioner wird durch das an seiner Hellebarde angebrachte Wappen als 
dem Geschlechte von Naundorff angehörend bezeichnet. 
1) Manche wollen den Stab des Feldherren mit demjenigen des Richters in Zu- 
sammenhang bringen, der nach uralter Sitte von letzterem, zum Zeichen, daß das ver- 
kündete Urteil zu vollstrecken und als ein Hinweis darauf, daß das Leben des Angeklagten 
verwirkt sei und der Vernichtung anheimgefallen, zerbrochen wurde. Doch dürfte dieser 
Hinweis auf die Verschmelzung der strategisch-taktischen Tätigkeit des Feldherren mit dessen 
organisatorisch-juristischen wohl etwas weit gesucht sein. Ja, wenn man in anknüpfenden 
Betrachtungen so weit gehen will, scheint es immer noch näher liegend, darauf aufmerksam 
zu machen, daß der Stab im übertragenen Sinne, das heißt der lebendige Stab des Be- 
fehlshabers, nämlich dessen Adjutanten, Ordonnanzen und übriges Personal als aus dem 
leblosen Stabe herausgewachsen, als eine Ergänzung des Stabes von Metall oder Elfen- 
bein wohl zu betrachten sein dürfte.
        <pb n="145" />
        — 127 — 
Politisch-Geschichtliches. 
V. 
Johann Georg des Dritten zweiter Sohn Kurfurst Friedrich Augustl. 
oder Der Starke (auch der Sächsische Herkules genannt) regierte von 1694 
bis 1733. Bereits vor seinem Regierungs-Antritte hatte derselbe mit Vater 
und Bruder zusammen im französischen Feldzuge gekämpft, und durch seine 
hervorragende persönliche Tapferkeit sich aufs rühmlichste ausgezeichnet. Als 
er das 17. Lebensjahr erreicht hatte, begab sich der am 12. Mai 1670 
geborene Prinz, der allerorten als ganz besonders schön, stark und liebens- 
würdig gefeiert wurde, auf Reisen an die Höfe Europas und erlebte die ver- 
wickeltsten Abenteuer, deren sehr großer Freund er war. Paul Haake in seiner 
Monographie über diesen sächsischen Fürsten sagt: „Ehrgeiz, Genußsucht und 
Wissensdurst sind die treibenden Kräfte in August dem Starken gewesen.“ 
„Krieger und Staatsmann, Architekt und Regisseur, Poet und Adept in einer 
Person, war er kein Leibniz an Universalität, aber ein Leon Battista Alberti 
gewiß.“ Jegliche Rücksicht auf Einschränkung verachtend, entwickelte sich seine 
Prachtliebe und Genußsucht an den Versailler Mustern aufs höchste. In 
Verbindung mit seiner übergroßen sinnlichen Lust hat seine rasende, vor 
nichts zurückschreckende Verschwendung ihm und seinem Lande Unsummen 
Geldes gekostet, wenn auch nicht geleugnet werden darf, daß dieselben in 
vieler Beziehung gute Zinsen gebracht haben. Aber Ludwig XIV. tat es 
ja in Frankreich nicht besser; alle Sitten und Unsitten gingen von dem 
Wollustatmenden Hofe dieses blendenden Monarchen aus, der nun einmal 
das Vorbild war allenthalben. „Frankreich hat es weit gebracht, Frank- 
reich kann es schaffen, daß so manches Land und Volk wird zu seinem 
Affen“ singt Logau zu jener Zeit. Zwar dürfte der Ausspruch Rankes 
über Friedrich August I. etwas zu herb sein, wenn er, dessen Genialität 
voll anerkennend, schließlich sagt: „Er gefiel sich in einem Gemisch von 
Kraft und Sittenlosigkeit.“ Aber, in der Tat, das so unschöne, hoch- 
moderne Wort „Übermensch“ kann wohl auf August den Starken angewendet 
werden. Dem „Sonnenkönig“ war derselbe aber nicht nur in Bezug auf 
UÜppigkeit, Prachtentfaltung, Tapferkeit und Feldherrentalent, sondern auch 
in Betreff groß angelegter Gedanken und weitausschauender politischer Pläne 
unzweifelhaft sehr ähnlich. So kam es auch, daß ihm, dem Adler, der 
Käfig zu klein, sein Sachsenland ihm zu eng, der Kurhut zu gering ward. 
Er strebte nach etwas höherem, er strebte nach dem Titel Majestät und 
einer Königskröne.2) Und so riß der Ehrgeiz dieses Fürsten, der von 
einem Tatendrange beseelt war, der nur im Getümmel der Schlacht oder 
52) Ein mehr oder weniger mystisches lateinisches Buch des gelehrten Schneebergers 
Paul Grebner über die hellstrahlende Zukunft Sachsens und seiner Dynastie, besonders 
aber die in demselben enthaltene Prophezeiung von einer „Alles überragenden Machtstellung 
des Hauses Wettin“, soll nicht wenig dazu beigetragen haben, Augusts überrege Natur 
anzustacheln und seinen Ehrgeiz in lodernde Flammen zu versetzen.
        <pb n="146" />
        — 128 — 
in der Beherrschung eines großen Reiches Genüge finden konnte, das bisher 
auf mehr oder weniger ruhigen Bahnen wandelnde Kur-Sachsen auf den 
sturmbewegten Schauplatz der großen europäischen Politik hinaus. 
Durch Vermittelung des Kaisers Joseph, dessen persönlicher Freund er 
war, und nachdem er, beziehungsweise Sachsen, große Geldopfer gebracht 
hatte, ja nachdem er sogar, um bare Mittel zu erlangen?s) bedauerlicher- 
weise verschiedene, zu seinen Erblanden gehörige Herrschaften veräußert 
hatte, ward Friedrich August König von Polen, als August II. Was auf 
diese Weise, wie durch Erhebungen von den Untertanen an Geld und 
Geldeswert aufgebracht wurde, ging sozusagen scheffelweise für Bestechung 
und Kauf der polnischen Magnaten und später zur Bestreitung der immer 
drückender werdenden Kosten der sich entwickelnden Kriege, wie nicht minder 
auch zur Erhaltung des Hofprunkes auf, der allerdings seines Gleichen nicht 
wieder fand und indirekt wiederum zum Nutzen des, die Bedürfnisse ver- 
sorgenden Landes wurde. Abgesehen von allen diesen materiellen Opfern, 
hatte Friedrich August aber auch den Wechsel seines religiösen Bekenntnisses 
den neuen Untertanen darbringen müssen, indem er Pfingsten 1697 (am 
1. Juni) zu der in Polen herrschenden katholischen Konfession übertrat. 
Doch veröffentlichte der Kurfürst gleichzeitig zur Beruhigung seiner evange- 
lischen Untertanen — die um des Satzes willen „cujus regio, ejus religio“ 
in Bedrängnis zu kommen fürchteten — ein Manifest, worin er das Ver- 
sprechen gab, Niemand solle in seinen religiösen Auffassungen durch den 
Bekenntniswechsel des Landesherrn gestört werden; die evangelisch-luthe- 
rische Konfession vielmehr ganz denselben Schutz und dieselben Rechte ge- 
nießen wie bisher.““) Zu diesem Zwecke führte der Kurfürst die Beauf- 
tragung der Staatsminister in evangelicis ein.9?) Jener, soeben erwähnten 
fürstlichen Zusage voller Gleichberechtigung sind sämtliche sächsischen Herrscher 
allezeit mit Fleiß und Treue nachgekommen. Das darf gerade in der Jetzt- 
"3) Für 1 100 000 Gulden wurden die sächsischen Ansprüche auf Lauenburg (mit 
Ausnahme von Titel und Wappen) 1697 an Braunschweig verkauft, und die Erbvogteie 
über Quedlinburg samt anderen Gebietsteilen gegen eine bedeutende Summe an Branden- 
burg hingegeben. Nicht minder schlug Friedrich August im Jahre 1700 den albertinischen 
Anteil an Henneberg an den Herzog von Sachsen-Zeitz los, und auch der letzte Rest der 
alten Stammgrafschaft Wettin Amt und Kloster Petersberg mit den Gebeinen ehrwürdiger 
Ahnherren seines Hauses kamen um Polens Willen in brandenburgische Hände. 
4) Die am 6. August 1697 von Lobskowa bei Krakau ausgegebene Erklärung des 
Königs von Polen und Kurfürsten von Sachsen gelobte, daß derselbe „seine Untertanen 
bei der Augsburgischen Konfession kräftiglich erhalten und handhaben“ werde. Seine 
landesbischöflichen Rechte übertrug der Kurfürst dem Geheimen Rate, das Direktorium und 
Vertretung der Evangelischen am Reichstage dem Herzog Friedrich von Gotha. Die ver- 
hältnismäßig wenigen Katholiken im Kurstaate erhielten Erlaubnis zum öffentlichen Gottes- 
dienst, und dieser wurde von da an auch den Reformierten gewährt. 
?5) Deren Tätigkeit und Amtsgewalt ist gegenwärtig in der Weise geregelt, daß die- 
selben (nach den Paragraphen 41 und 57 der Verfassungsurkunde) die landesherrliche 
Kirchengewalt über die evangelischen Glaubensgenossen, sowie die ihnen durch die Kirchen- 
und Synodalordnung zugewiesenen Befugnisse und Obliegenheiten auszuüben haben.
        <pb n="147" />
        — 129 — 
zeit nicht vergessen werden; muß Sachsen wie Nichtsachsen zu einer Zeit 
eindringlichst in Erinnerung gebracht werden, in welcher so vielerlei Hetzer 
und Friedlose, denen es eine satanische Freude ist, Unfrieden zu stiften, 
Vaterlandslose, deren teuflisches Gewerbe es ist, Unzufriedenheit zu säen 
und groß zu ziehen, sowie allerhand sonstige, das Positive hassende unlautere 
Elemente beflissen sind, eine künstliche Gegensätzlichkeit und gegenseitiges 
Mißtrauen zu konstruieren. Wenn es ja gewiß zu bedauern ist, daß Fürsten— 
haus und Volksfamilie nicht einem und demselben Glaubensbekenntnisse an— 
gehören, so ist doch nur grobe Taktlosigkeit im stande, einen Mißton in 
dem schönen Gefühle gegenseitiger Zugehörigkeit zu erzeugen. Das kann 
nicht deutlich und ausdrücklich genug hervorgehoben werden, denen zum 
Trotz, die es anders wünschen. 
Um auf August den Starken zurückzukommen, so war unwillkürlich die 
Machtstellung und das Ansehen des königlichen Kurfürsten nicht ohne Rück- 
wirkung auf Sachsen selbst. Die Blicke der Welt, die von Pracht, von 
Luxus und Kunst fasciniert, bisher auf Versailles geruht hatten, richteten 
sich jetzt auf die immer strahlender werdende Residenz an der Elbe, woselbst 
der von Pöppelmanns kunstdurchdrungenem Architektengenie entworfene 
Zwinger — als großartiger Vorhof eines Prachtschlosses gedacht — im 
Entstehen begriffen war und George Bähr, nach dem Vorbild von Sankt 
Peter die Frauenkirche baute.960) Doch sah sich Friedrich August durch die 
Erwerbung Polens in vielerlei schwere Kämpfe verwickelt, um sein Ver- 
sprechen einzulösen, die im Laufe der Zeit von Polen abgekommenen Pro- 
vinzen diesem Königreiche zurückzuerobern. Um, wie man in solchen Fällen 
zu sagen pflegt, „der schönen Augen", der Starosten und Woywoden willen, 
mußten die braven sächsischen Truppen 1698 und 1699 wegen Podolien 
und der Ukraine gegen die Türken kämpfen, und erlitten, wenn auch siegreich, 
doch schwere Verluste. 
Eine große Schwierigkeit aber bot die geplante Wiedereroberung 
Livlands, welches von Gustav Adolf den Polen entrissen worden und im 
Frieden zu Oliva 1660 endgültig an Schweden gekommen war. Zuerst 
freilich und bei nur oberflächlicher überlegung hatte diese Wiedereroberung 
leicht geschienen, da in dem jungen, erst 16 jährigen König von Schweden, 
Karl XII., kein Gegner von Bedeutung vermutet wurde. — „Des Löwen 
Erwachen"“ enttäuschte alle. — Das neue Jahrhundert, mit dessen Beginn 
auch in Sachsen die Zeitrechnung nach dem neuen gregorianischen Kalender 
zur Einführung gelangte, brachte als Erstlingsgabe den nordischen Krieg.) 
50) Daß diese Blicke mehr die eines gaffenden Zuschauers als die eines bewundernden 
Freundes waren, zeigte sich sehr bald. 
97) Papst Gregor XIII. hatte 1581 angeordnet, daß die bisher in allen Staaten der 
Christenheit gültig gewesene, von Julius Cäsar eingeführte Zeitrechnung aufzugeben und 
eine vom Tridentinischen Konzil beschlossene genauere einzuführen sei, und zwar dergestalt, 
daß vom 5. Oktober 1582 gleich auf den 16. Oktober gesprungen werden solle. Die Protestanten 
nahmen diese Rechnung im allgemeinen erst mit dem Jahre 1700 an. Die Russen rechnen noch 
heute nach des Julius Kalender und sind gegenwärtig dreizehn Tage nach dem Gregors zurück. 
9
        <pb n="148" />
        — 130 — 
Rußland, Polen-Sachsen und Dänemark, veranlaßt durch die Rat— 
schläge des aus Livland gebürtigen sächsischen Geheimen Kriegsrates Reinhold 
von Patkull, der eine Überrumpelung Karls XII. in Aussicht gestellt hatte, 
verbündeten sich gegen Schweden. Auf beiden Seiten wurde mit außer- 
ordentlicher Bravour gekämpft. Bemerkenswert ist hierbei die Verschieden- 
heit in der Schilderung jenes Livländers, dem der Historiker Gretschel, bei 
aller Anerkennung seines Geistes und seiner Talente, diplomatische Doppel- 
züngigkeit und antimonarchische Gesinnungen vorwirft, während der baltische 
Gelehrte Bienemann ihn als den Größten bezeichnet, den Livland geboren. 
„Warum horchen unsere Knaben auf, wenn Patkulls Name genannt wird; 
wen von uns schauert es nicht, wenn man Patkulls gedenkt" — fragt 
Bienemann weiter in seiner „Baltischen Vorzeit“, Dieser Patkull, unzweifel- 
haft ein opferfreudiger baltischer Patriot und Führer des livländischen Land- 
tages, hatte, weil er in Stockholm für die Rechte seines Vaterlandes ein- 
getreten war, wegen angeblichen Hochverrates seinen Kopf verwirkt. Nach 
vielem Umherirren war er in die Dienste Augusts von Sachsen getreten, 
dessen Liebling, der Feldmarschall von Fleming, hauptsächlich seine Pläne 
zur Niederwerfung Schwedens unterstützte. Die Zusicherung Patkulls, daß 
ganz Livland sich gegen Schweden erheben werde, sobald der Krieg aus- 
gebrochen sein würde, ging nicht in Erfüllung. Dänemark ward am 
28. August 1700 zum Frieden von Travendal gezwungen und der dem 
nun ganz isolierten König August zu Hilfe eilende Zar Peter von Rußland 
wurde am 30. November bei Narva geschlagen. Trotz außerordentlicher 
Tapferkeit und glänzender Waffentaten der Sachsen (man denke nur an den 
General Graf Schulenburg bei Punitz und Klissow 1702) ging Livland 
endgültig verloren. Karl besetzte nicht nur Polen, sondern drang auch in 
Sachsen ein und erzwang hier am 14. September 1706 den Frieden zu 
Altranstädt. August mußte auf die polnische Krone und alles das verzichten, 
was mit derselben zusammenhing, dem Bündnisse mit Rußland entsagen und 
Patkull ausliefern, dem ein grausames, qualvolles Ende bereitet wurde.2) 
58) Eigenartig genug muß es August dem Starken zu Mute gewesen sein, als er am 
17. Dezember in Günthersdorf, unweit des Hauptquartiers, welches Karl noch immer in 
Altranstädt aufgeschlagen hielt, seinen Vetter — freundschaftlichst — umarmte, der sächsische 
Herkules den schwedischen Löwen. Beide Fürsten waren Söhne von zwei Töchtern König 
Friedrichs III. von Dänemark, beide die Urbilder von Ritterlichkeit. Gerade letztere Eigen- 
schaft zeigte sich bei beiden zur Evidenz, als Karl XII. etwa ein Jahr darauf vor dem 
Abmarsche seines innerhalb Sachsens und auf Kosten Sachsens aufs trefflichste wieder her- 
gestellten und beneidenswert ausgestatteten Heeres, von Oberau aus, woselbst er Nachtquartier 
genommen hatte, mit nur sieben Begleitern ganz plötzlich und ohne jemands Vorwissen in 
Dresden erschien, um Friedrich August und dessen Mutter, seiner Tante, einen Abschieds- 
besuch zu machen. Trotz seiner erbitterten Gegnerschaft gegen den sächsischen Kurfürsten 
und seiner genauen Kenntnis der Tatsache, daß diese Gefühle von der anderen Seite 
mindestens entsprechend erwidert wurden, ja daß dieselben durch die sehr harten Friedens- 
bedingungen sicherlich an Schärfe noch bedeutend zugenommen haben mußten, wagte der 
Schwedenkönig diesen Ritt — bauend und fußend auf der Ritterlichkeit seines Feindes. Und 
er sollte sich nicht getäuscht haben. Obwohl Feldmarschall Graf Fleming seinen Kurfürsten
        <pb n="149" />
        — 131 — 
An Friedrich Augusts von Sachsen Stelle ward Stanislaus Leszczynski 
Woiwode von Posen, ein bei Karl XII. in besonderer Gunst stehender 
polnischer Edelmann, zum Könige von Polen proklamiert. Ganz abgesehen 
von den ethischen und materiellen Opfern des Krieges überhaupt, welche die 
sächsischen Landeskinder ihrem eitlen Kurfürsten, dem sie in Treue zugetan 
waren, auch als König von Polen an Gut und Blut dargebracht hatten, 
kostete der schwedische Einfall dem Lande Sachsen allein über 25 Millionen 
Taler, dem Kurfürsten selbst aber arge Demütigungen. Dennoch schwang 
sich Friedrich August drei Jahre später zum zweiten Male auf den Thron 
Polens, nachdem er, der aus den Lehren der Geschichte nichts gelernt hatte, 
sehr bald nach Altranstädt sich in neue weitausschauende Unternehmungen 
eingelassen hatte und verwickelt sah. Im Jahre 1708 schickte er ein Truppen- 
korps von annähernd 10000 Mann unter Graf Schulenburg zum Kaiser 
in die Niederlande. Ja, seine Lust an Krieg und Abenteuern, wie auch 
wohl der Wunsch, von dem großen Heerführer Eugen von Savoyen zu 
lernen, trieben Friedrich August dazu, als Volontair im Hauptquartiere des 
letztgenannten Feldherrn, einem Teil des spanischen Erbfolgekrieges bei- 
zuwohnen. Mit dem sächsischen Kurfürsten gleichzeitig nahm auch dessen 
von der schönen Gräfin Aurora Königsmark erhaltener Sohn Moritz (damals 
als zwölfjähriger Knabe, der den Vater in hellem Tatendurste gefolgt war) 
an der Belagerung und Eroberung des von den Franzosen tapfer verteidigten 
Lille teil. So hatte der nachherige maréchal de Saxe seine ersten 
Sporen sich im Kampfe gegen eine Macht verdient, deren Marschallstab er 
späterhin so siegreich führen sollte. Der eben erwähnte „Abstecher“ Augusts 
des Starken ins österreichische Lager hat aber um deswillen ein gewisses 
weitgehenderes historisches Interesse, als durch denselben sozusagen die Brücke 
zwischen den beiden großen Kriegen jener Zeit, zwischen dem Osten und 
Westen Europas geschlagen worden ist. 
Karl XII. war im Dezember 1718 vor Frederikshald gefallen und seine 
Nachfolgerin Ulrike Eleonore trennte Schwedens Feinde dadurch unter- 
einander, daß sie den Krieg mit Rußland fortsetzte, mit den übrigen Mächten 
den Rat gab, den günstigen Augenblick nicht unbenützt vorübergehen zu lassen, der den 
gefürchteten Feind ihm ohne Schwertstreich ausgeliefert haben würde, blieb August doch 
Herr seines Edelmutes und seiner Ritterlichkeit. Wie viele Beispiele gibt dem gegenüber 
die Weltgeschichte, daß mitten im Frieden Gelegenheiten benutzt werden, sich mißliebiger 
oder gefürchteter Persönlichkeiten heimtückisch zu entledigen. Karls Vertrauen wurde nicht 
getäuscht, er blieb unangetastet. Es war eben ein jeder ein Ritter, wenn auch ein jeder 
nach seiner Art. Denn während z. B. Augusts Staatsrobe von Gold und Brillanten 
strotzte und jeder Einzelne der Herren seiner weltberühmten Chevaliergarde — die an Pracht 
alles übertraf — in Kleidung und Waffen, Dienerschaft und Pferden, deren ein jeder 
mindestens acht besaß, ein stattliches Vermögen liegen hatte, trug Karl einen Rock von 
grobem blauen Tuche mit kupfernen Knöpfen, wie die Bauern aus Dalekarlien, und die 
Einfachheit seiner Getreuen, vornehm wie gering, entsprach der Anspruchlosigkeit seines 
Heeres und seines Volkes. Freilich war schließlich auch diesen Spartanern der lange Auf- 
enthalt im französierten Sachsen teilweise zum Capua geworden. 
9*
        <pb n="150" />
        — 132 — 
aber Frieden schloß. August ward als König von Polen wieder anerkannt, 
mußte aber dem entthronten Stanislaus Leszczynski (späteren Herzog von 
Lothringen und Schwiegervater Ludwigs XV. von Frankreich) eine Million 
Taler als Schmerzensgeld auszahlen. Auch behielt Stanislaus den Titel 
König bis an sein Lebensende. Segen und Glück hat übrigens August 
dem Starken die Krone von Polen zu keiner Zeit gebracht, ja es muß als 
Tatsache gelten, daß dieser ehrgeizige Wettiner als Kurfürst von Sachsen 
bedeutend mächtiger war, wie als „König von Polen, Großherzog in Lithauen 
zu Reusen, in Preußen, Mazovien, Samogitien, Kyovien, Volhinien, Podolien, 
Podlachien, Livland, Smolenscien, Severien und Zschernicovien“. Der 
weiße polnische Adler und der weiße lithauische Reiter im quadrierten roten 
Felde waren zu dem Wappen von Kursachsen hinzugetreten, ja spielten eine 
bedeutende Rolle. Und die polnische Farbe weiß-rot zeigte sich nicht nur 
in den Feldbinden und bei Uniformsverzierungen der polnisch-sächsischen, 
sondern auch der sächsisch-polnischen Offiziere. Der Schwerpunkt von Macht 
und Ansehen blieb im Erbland Sachsen haften, und die unverhältnismäßig 
großen Opfer, die Friedrich August der Erste August dem Zweiten brachte, 
der Kurfürst von Sachsen dem Könige von Polen, standen durchaus nicht 
im Einklang mit den Erfolgen, die erhofft gewesen waren. 
Auch das im Juni 1730 zu Ehren des Königs von Preußen und 
dessen Sohnes Friedrich veranstaltete, durch den Besuch von 49 fürstlichen 
Personen ausgezeichnete, große Lustlager von Zeithain, welches durch die 
Stärke von 30 000 Mann in der Front (eine für damalige Zeit fast un- 
erhörte Leistung) Sachsens Ungebrochenheit dem Auslande vor die Augen 
führen sollte,) vermochte, trotz der dabei entwickelten ganz außerordent- 
99) Entstanden war die Idee dieses großartigen militärisch-politischen Schauspieles, bei 
welchem die paradierende und manöverierende kursächsische Armee die unverhohlene An- 
erkennung aller Kulturstaaten fand, dadurch, daß Friedrich August eine Heerschau Friedrich 
Wilhelms auf dem Tempelhofer Felde übertrumpfen wollte, zu welcher 16 000 Mann 
ausgerückt waren und von dem ihm der Gesandte von Suhm berichtet hatte. über die 
Evolutionen und Manöver der 30 000 Mann, durchweg in neue, kostbare Uniformen ge- 
kleideten kursächsischen Truppen, existiert ein großes, reich illustriertes, hochinteressantes 
Werk. Kommandant des Lagers war Feldmarschall Graf Wackerbarth. Das Terrain war 
vorher durch Ingenieuroffiziere unter Leitung des Majors Pöppelmann, vermessen worden, 
ganze Waldungen abgetragen und vierzig Brunnen zur Wasserversorgung angelegt. Nicht 
uninteressant für die damaligen, dem Landsknechtstume zwar längst entrückten, aber doch 
noch nicht ganz entfremdeten Verhältnisse dürfte ferner die Bemerkung sein, daß, „um den 
Troß zu verkleinern“, von jeder Reiterkompagnie und von jedem Infanteriebataillon nur 8 
beziehungsweise 10 Soldatenweiber die Truppen ins Lager begleiten durften. Außer den 
Garden und eximierten Korps (Chevalier-Garde, Garde du corps, Karabinier-Garde, 
beritten; Schweizergarde, Kadetten und Grandmousquetairs, zu Fuße) standen 9 Regimenter 
Kavallerie und 14 Infanterieregimenter in Parade, die Artillerie mit 72 Geschützen. Aber 
auch dem weniger kriegerischen Teile der Veranstaltung war in überreichem Maße Rechnung 
getragen worden. An dem Feuerwerksgerüste, zu welchem rund 200 Baumstämme, weit 
über 2000 Bretter und 6000 Ellen (rund 3400 m) bemalte Leinwand verwendet worden 
sind, hatten 200 Zimmerleute mehrere Monate hindurch gearbeitet. Es sei noch erwähnt, 
daß der zum Nachtisch gegebene Kuchen, der auf einem eigens dazu konstruierten achtspännigen
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        — 133 — 
lichen Pracht und Verschwendung, vor welcher ganz Europa staunte, doch 
nicht zur wesentlichen Erhöhung von August des Starken politischen An— 
sehen beizutragen. 
Es ist sehr zu bedauern, daß der so geniale Kurfürst die reichen Hilfs— 
quellen, seiner Erblande außer zur Prachtentfaltung und Kunstentwickelung, 
in der Hauptsache zu Gunsten einer Nation verwendete, die ihn trotz alledem 
und alledem doch nur als Eindringling betrachtete. „Er goß“, wie Böttiger 
treffend sagt, „seines Sachsens Kraft und Mark in ein sarmatisches Danaidenfaß“. 
Dagegen verlangt es die Gerechtigkeit, festzustellen, daß für Handel und 
Gewerbe der Untertanen die Verbindung Sachsens mit Polen von Vorteil 
gewesen ist. Zahlreiche Erzeugnisse des Fleißes von Kunst und Gewerbe 
wurden ausgeführt, die Armee deckte ihre großen Bedürfnisse vollständig in 
Sachsen und auch der Hof leistete durch seinen Verbrauch an allerhand 
Sachen der inländischen Produktion Vorschub. Dies ist einer der Gründe, 
weshalb Augusts des Starken (unter welchem Namen der Kurfürst auch in 
Sachsen viel bekannter ist, wie als Friedrich August I.) Andenken, trotz der 
mancherlei Schattenseiten seines Charakters und des vielen Elendes, das 
sein Ehrgeiz heraufbeschworen hatte, im sächsischen Volke durchaus kein ver- 
haßtes ist, ja man könnte im Gegenteil sagen ein populäres. Hierfür geben 
zwei andere Gründe den Ausschlag: Seine unzweifelhaft ritterliche Persön- 
lichkeit übte auf alle ganz unwillkürlich einen eigenen Reiz aus, der dadurch 
noch erhöht wurde, daß der Kurfürst oft und gern in leutseligen Verkehr 
mit seinen Untertanen trat. Besonders aber versöhnte, beziehungsweise 
faszinierte er durch die vielerlei von ihm ausgehenden oder mit ihm in Zu- 
sammenhang stehenden Lustbarkeiten, welche für den Unterhaltungsstoff, die 
Schaulust und das Ergötzen auch der nicht direkt beteiligten Menge sorgten. 
— Panem et circenses! — Bei oberflächlicher Betrachtung des gewisser- 
maßen die ganze Welt blendenden Glanzes, durch welchen die Eigenliebe 
und patriotische Eitelkeit auch der Untertanen anregend, der Name Sachsen 
weit und breit unter Staunen bekannt wurde und Bewunderung fand, über- 
sah man, teils absichtlich, teils unabsichtlich, den Schweiß, das Blut und 
die Tränen, die im grunde genommen und bei genauer Überlegung oft an 
derartigen Veranstaltungen klebten — diesen deutschen Ausläufern des 
französischen „Roi s'amuse“. Anderseits wird August dem Starken das 
Verdienst nicht vergessen und darf ihm nicht vergessen werden, welches er 
sich dadurch erworben hat, daß er mit feinstem Kunstverständnis und bestem 
Wagen herbeigefahren wurde, eine Länge von 14 Ellen = rund 8 m, eine Breite von 
6 Ellen —= rund 3,50 m und eine Höhe von 1⅛½ Ellen = rund 85 cm hatte. Auf der 
Elbe paradierte eine Flottille vergoldeter Fahrzeuge in venetianischem Stil. Ganz Europa 
hallte wider von diesem Waffenfeste und seinem Prunke. Am 2. September 1903 bot sich 
auf demselben Gefilde ein anderes, nicht allein das Auge des Soldaten sondern auch das 
Herz des Patrioten aufs höchste erfreuendes, prächtiges Schauspiel. Drei der stolzesten 
preußischen Regimenter standen mit ihren sächsischen Waffenbrüdern zusammen in Parade, 
unter Befehl des Kronprinzen Friedrich August von Sachsen; gemustert von Kaiser Wilhelm 
und König Georg.
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        — 134 — 
Geschmack den Kunstsinn hob, die Kunstindustrie förderte, die Kunst— 
sammlungen vergrößerte und durch Errichtung reizvoller Bauwerke den Ruf 
Dresdens, als einer der schönsten Städte im weitesten Ausland begründete. 
Der Zwinger und Notre Dame de Dresde — die Frauenkirche sind 
schon erwähnt worden, aber auch das japanische Palais, das Palais Kosel 
und so manche andere schöne Schöpfungen würden den sächsischen Kurfürsten 
berechtigt haben, den Ausspruch seines römischen Namensvetters Augustus 
in sinngemäßer Weise zu dem seinigen zu machen: „Von Ziegelsteinen habe 
ich die Stadt überkommen, von Marmor hinterlassen." 
Die Erfindung des Porzellans durch den aus Schleiz gebürtigen 
Apotheker und Adepten Johann Friedrich Böttger kam nach allen Richtungen 
hin außerordentlich gelegen. Welche Fülle reizvoller Formen kann aus der 
spröden Masse geschafsen werden, die das Leben kunstsinniger Reicher ver- 
schönern helfen. Jene Erfindung ward aber auch nach der rein materiellen 
Seite ein Segen für Sachsen, dessen gerade damals arg in Anspruch ge- 
nommene Finanzen nicht unwesentlich durch die Verwertung desselben ge- 
hoben worden sind. Böttger hatte dem Kurfürsten versprochen Gold machen 
zu lernen und zu lehren und war infolgedessen unter die Aufsicht des von 
gleichem Streben beseelten oberlausitzischen Grafen von Tschirnhausen ge- 
stellt worden, welchem als Frucht seiner Bemühungen — auf Glasschleiferei 
übergegangen — bereits die Herstellung wesentlich verbesserter Brennspiegel 
gelungen war. Ein solcher von 2 m Durchmesser, 1,30 m Brennweite und 
80 kg Gewicht aus poliertem Kupfer hat insbesondere dazu beigetragen, den 
Namen dieses aristokratischen Adepten, Philosophen und Mathematikers der 
Nachwelt aufzubewahren. In Verein mit Tschirnhausen nun erfand Böttger 
das aus den Tonerden von Meißen und Aue bereitete Porzellan, dessen 
Weltruf bekannt ist und ward 1710 zum Direktor der in Meißen ein- 
gerichteten Porzellanfabrik ernannt. Den Weltruf, den sich die Meißner 
Porzellanmanufaktur von Anbeginn an erworben hat, hält dieselbe noch heute 
aufrecht, trotz vielsach veränderter Geschmacksrichtung der kaufenden Kreise, 
und einer geradezu ungeheuren Konkurrenz erfolgreich die Stirne bietend. 
Indem er mit seiner eigenen Hand die Augen bedeckte, die er niemals 
wieder öffnen sollte, starb Friedrich August l. zu Warschau am 4. Februar 1733. 
Sein Leichnam ward zu Krakau feierlichst beigesetzt, während — seiner An- 
ordnung gemäß — sein in einer silbernen Kapsel verwahrtes Herz nach 
Dresden überführt wurde, wo es in der Fürstengruft der von seinem Nach- 
folger erbauten katholischen Hofkirche seinen Platz gefunden hat. Eine 
Fürstlichkeit gehörte nun der Geschichte an, von der, bei allem Vorwiegen 
des persönlichen Elementes, das er vom „Sonnenkönig“ gelernt hatte, nie- 
mand wird leugnen können, daß sie eine groß angelegte Natur war. Nach 
außen hatte dieser wettinische Träger des polnischen Adlers eine nicht nur 
europäische, sondern universale Stellung eingenommen; wenn es auch freilich 
zu wünschen gewesen wäre, daß er, um des guten Beispieles wegen, welches 
von oben herab gegeben werden soll, ein besserer pater patriae und
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        — 135 — 
familiae hätte sein müssen. Aber trotz aller in diesen Worten angedeuteten 
Fehler und überschreitungen, war außer üppiger Sinnenlust doch Geist, 
Geschmack und Kraft die Seele seiner Handlungen. Deshalb wird man 
Friedrich August J. von Sachsen beziehungsweise August II. von Polen nie 
ohne Interesse betrachten. 
Sein Nachfolger Kurfürst Friedrich August II. (1733.— 1763), 
August des Starken einziger Sohn aus dessen Ehe mit Eberhardine von 
Baireuth, die den Namen „Sachsens Betsäule“ wohl verdient hat, trat, ob- 
wohl unter Leitung seiner Mutter evangelisch erzogen, sehr bald zum Katholizis- 
mus über 100) und erlangte auf Antrieb des ihn völlig beherrschenden Grafen 
Brühl, mit Hilfe Rußlands und Österreichs, in dem von 1733 bis 1735 
währenden polnischen Erbfolgekriege die Krone des Königreiches Polen. 
Schon seinem Vater war dieselbe mehr aus Dornen wie aus Gold zusammen- 
gesetzt gewesen; auch ihm brachte sie nur Unsegen. Zwar hatte Friedrich 
August II. mit den polnischen Verhältnissen weit weniger hart zu kämpfen 
als sein Vorgänger; allein für Sachsen brachte seine häufige Abwesenheit 
in Warschau doppelt große Nachteile. Erstens konnte derselbe sich dadurch 
noch weniger eingehend um die sächsischen Verhältnisse kümmern, als er es 
schon an sich tat; zweitens aber wuchs mit der zunehmenden Entfremdung 
von Land und Leuten seiner Heimat der diabolische Einfluß seines Günst- 
linges, des schließlich zum Premierminister gewordenen Grasen Brühl, den 
er als Schlange an seinem Busen nährte, ins Ungeheuerliche, ja Unglaub-- 
liche. 101) Auf Treue und Ehre in seinen Handlungen von Hause aus ver- 
zichtend, dagegen in raffinierter Weise intriguant und von eingeflleischtestem 
Egoismus geleitet, brachte dieser, weder „geschickte“ noch „gesandte“ „Diplo- 
mat“ die unlautersten und unpatriotischsten Mittel in Anwendung, um seiner 
mit Hochmut verbundenen Habgier zu fröhnen. Insbesondere liegt die er- 
drückende Last unverzeihlichen Gebahrens direkt auf den Schultern des, den 
Heerführern seines Fürsten und Herrn schroff entgegen stehenden Ministers 
und falschen Beraters, daß die schöne und brave kursächsische Armee auf der 
Liliensteiner Ebenheit jene folgenschwere Kapitulation einzugehen gezwungen 
war, welche nur zu oft, aber mit sehr großem, nicht genügend hervorzuhebendem 
Unrecht, auf Fehlerhaftigkeit in der militärischen Führung geschoben zu 
werden pflegt. 
100) Dieser, nach seiner evangelischen Konfirmation erfolgte übertritt am 27. No- 
vember 1712 zu Bologna brachte dem Kurprinzen die Möglichkeit der Thronfolge in Polen 
näher, kostete ihm aber die Anwartschaft auf eine solche in Dänemark. 
101) Als einfacher Page in den Hofstaat Augusts des Starken getreten, erlangte 
Heinrich von Brühl bald die Gunst dieses Fürsten, wie später die von dessen Nachfolger 
und wußte das Vertrauen dieser Monarchen derartig auszubeuten und zu mißbrauchen, daß 
er in verhältnismäßig kurzer Zeit ein geradezu enormes Vermögen angesammelt hatte. 
Außer dem Umstande, daß er so ziemlich die meisten der einträglichen Stellen des Staates 
auf seine Person vereinigte, besaß er die Unverfrorenheit, von allen den Chargen, die er 
jemals auf seiner Stufenleiter innegehabt hatte, das Gehalt sich auszahlen zu lassen, was 
ihm den fetten Bissen von 60 000 Talern Neben-Einkommen abwarf. Seine Chamäleon-
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        — 136 — 
Die 1740 erfolgte Thronbesteigung König Friedrichs II. in Preußen 
und das gleichzeitige Aussterben der männlichen Habsburger in Österreich 
eröffnete eine neue politische Ara, die auch auf Sachsen von einschneidendem 
Einfluß war. Maria Theresia, die älteste Tochter des im Oktober 1740 ver- 
storbenen Kaisers Karl VI., hatte den Bestimmungen der sogenannten 
pragmatischen Sanktion zufolge (nach welcher in Österreich die weibliche 
Erbfolge zu Recht bestehen solle) sofort von dem väterlichen Erbe Besitz 
ergriffen, obwohl der Vorrang vor ihr den noch am Leben befindlichen 
Töchtern des Kaisers Joseph I. (des älteren Bruders Karls des Sechsten) 
gebührte. Die älteste Tochter Kaiser Josephs war Maria Josepha, die am 
20. August 1719 mit dem damaligen Kurprinzen, nunmehrigen Kurfürsten von 
Sachsen sich vermählt hatte. — Aber freilich! Friedrich August hatte sowohl 
bei seiner Vermählung wie bei seiner Beanspruchung der polnischen Krone 
diesen Ansprüchen feierlich entsagt. Kurfürst Karl Albrecht von Bayern 
dagegen, der Gemahl der jüngeren Schwester Maria Josephas drang in 
Böhmen ein. Die Friedericianischen Kriege begannen. Friedrich von 
Preußen nämlich benutzte die Gelegenheit, Ansprüche auf einige schlesische 
Grafschasten resp. Fürstentümer zu erheben, die einstmals zur Zeit des 
dreißigjährigen Krieges einem Verwandten des Hauses Brandenburg zur 
Erbfolge zuständig gewesen seien und drang siegreich in Schlesien ein. 
Anfangs auf Seite Friedrichs stehend, wurde Kursachsen veranlaßt, auf die 
Seite Österreichs zu schwenken, als Preußen nach erfolgter Besitzergreifung 
der in Rede stehenden Gebietsteile (Jägerndorf, Liegnitz, Brieg und Wohlau 
deren Anspruch allerdings schon von 1523, beziehentlich 1537 her datiert) 
sich hiermit nicht begnügte. Nachdem durch den Frieden von Breslau 1742 
fast ganz Schlesien an Preußen gekommen war, sah sich Sachsen der be- 
Natur ließ ihn in Polen Katholik sein, um dort die höchsten Staatsstellen einzunehmen 
und ausgedehnten Grundbesitz auch in jenem Lande haben zu dürfen. In Sachsen aber, 
wo, den Religionsversicherungen nach, kein wirklicher Minister katholisch sein durfte, war 
er mit derselben Ruhe Protestant. Vom Kurfürsten in den Grafen= und vom Kaiser in 
den Reichsgrafen= Stand erhoben, erhielt Brühl im Jahre 1747 die Würde eines Premier- 
Ministers. Als solcher vereinigte er die letzte verantwortliche Instanz über alle An- 
gelegenheiten des gesamten Staatswesens in seiner Person. Nach dem Tode der Kur- 
fürstin Maria Josepha erhielt Graf Brühl deren gesamte Apanage als persönliche 
Zuwendung. Er hielt zweihundert Lakaien in Livree, und seine „Leibwache“ war besser 
besoldet als die des Kurfürsten. In seinem Nachlasse fanden sich 87 goldene Ringe, 
856 Tabatieren, 102 goldene Taschenuhren, 75 Degen und 36 Stöcke mit kunstvollen 
Gefäßen und Griffen, 198 gestickte Staatsroben, 43 Schlafröcke türkischer Art, usw. 
— „Das genügt!“ — In einem von Professor Dr. Berling am 12. Februar 1902 über das 
Thema „Minister Brühl und die Kunst“ gehaltenen Vortrage, der auch des Brühlschen 
Beraters in Kunstsachen, Heinrich von Heinnecken und dessen Gegners Winkelmann gedenkt, 
zu dem Schlusse gelangend, daß der ungeheure Reichtum des Grafen Brühl diesen all- 
mächtigen billig auch zu einem Mäcen machen konnte, heißt es am Ende: „Wie man auch 
sonst über Brühl und seine Zeit denken mag, ihre Bedeutung für die Kunst ist nicht ab- 
zuweisen. Die klassizistische Gegenbewegung hat ja bis in unsere Zeit nachgewirkt, aber 
wir erkennen wieder die Schönheit der Rokokokunst.“ Die jetzigen Grafen von Brühl in 
Pförten und Seifersdorf können ihren Ahnherrn belehren, was wahre Loyalität ist.
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        — 137 — 
ängstigenden Sachlage gegenüber, daß damit jede Aussicht auf eine Territorial- 
verbindung zwischen Sachsen und Polen zerstört worden war. Außerdem 
suchte das zur Großmacht gewordene Preußen mit seinem klug ausgedachten 
Zollsystem Sachsen zu umklammern, beziehungsweise wenn möglich zu erdrücken. 
Der Anschluß an Österreich war also geboten. Mit den österreichischen 
Truppen zusammen hatten die sächsischen im zweiten schlesischen Krieg (in 
welchem Friedrich II. das genommene Schlesien verteidigte) die unglücklichen 
Schlachten bei Hohenfriedberg und Kesselsdorf (1745) zu bestehen. Um 
den fernerweiten Eroberungsgelüsten Friedrichs von Preußen mit Erfolg 
entgegentreten zu können und Preußen zu schwächen, war Österreich ein 
Schutz= und Trutzbündnis mit Rußland eingegangen. Der Beitritt Sachsens 
zu diesem Bündnis soll daran gescheitert sein, daß ihm zu geringe Ver- 
sprechungen gemacht worden seien, weshalb der geheime Rat sich wider- 
setzte. Jedenfalls aber mußte auch dieser Staat jederzeit kriegsbereit und 
auf alle kommenden Möglichkeiten gefaßt sein. Anstatt dessen ordnete Brühl 
— entgegen den eindringlichsten Gegenvorstellungen sämtlicher Generale — 
in diesem kritischen Augenblick, in welchem fürwahr „das Pulver trocken zu 
halten“ dringend geboten gewesen war, eine allgemeine Reduktion der kur- 
sächsischen Armee an. Ciu bono? — Wem zu Gunsten? — Do der all- 
mächtige Graf Brühl niemanden vor den Kurfürsten ließ, dessen Absichten 
nicht ganz genau mit den seinigen übereinstimmten, so waren alle machtlos 
und mußten sich knirschend und traurig zugleich den Befehlen des Landes- 
herrn fügen, von deren Tragweite und Unsegen dieser jedenfalls nicht die 
geringste Ahnung hatte Wahrlich, an dem Unglücke Sachsens hat der 
„Staatslenker“ Brühl mindestens denselben Teil, wenn nicht einen weit 
größeren, wie der in Friedrich dem Zweiten verkörperte grausame 
äußere Feind. 
In das gänzlich unvorbereitete Sachsen brach der König von Preußen 
ohne vorherige Kriegserklärung am 29. August 1756 mit einer Armee von 
60000 Mann ein, das arme Land aufs neue allen Schrecknissen des Krieges 
preisgebend. 102) Er hatte das ganz außerordentliche Glück, am 13. Oktober 
desselben Jahres die kursächsische Armee, der es — von Brühl verschuldet 
— an allen Bedürfnissen gebrach, am Fuße des Liliensteines aus Hungers- 
not kapitulieren zu sehen, nachdem gegen 200 Mann wegen völligen Mangels 
an Lebensmitteln im Lager elend gestorben waren. Daß übrigens die 
sächsischen Truppen, welche seit Wochen den harten Kampf nicht mit des 
102) Ein so trauriges Beispiel von Schurkerei und verächtlicher Handlungsweise der 
Verrat des Geheimkanzlisten Menzel ist, der für einen Judaslohn von 3000 Talern dem 
preußischen Gesandten seit 1753 fortlaufende wöchentliche Berichte über bie Verhandlungen 
der Mächte zukommen ließ, so mutig war das Verhalten der Kurfürstin Maria Josepha, 
welche mit ihrem Leibe (allerdings vergeblich, denn sie ward mit Gewalt hinweggerissen) 
den Schrank in ihrem Gemach deckte, in welchem die auf den beabsichtigten Vertrag be- 
züglichen Aktenstücke enthalten waren. Die edle Fürstin starb aus Gram über das Elend 
ihres Landes bereits im nächsten Jahre 1757.
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        — 138 — 
Feindes Bajonetten, sondern mit dem Hunger und den äußersten Ent— 
behrungen zu bestehen gehabt hatten, dennoch und trotzdem auf die sie über— 
nehmenden Preußen einen vorzüglichen Eindruck gemacht haben, geht unter 
anderem aus der Schilderung eines Augenzeugen hervor, der in der „Geschichte 
der preußischen Garde du corps von Schöning“ sich folgendermaßen aus- 
läßt: „Ich habe, so lange ich lebe, weder bei uns noch anderwärts etwas 
Schöneres gesehen, als die vier Escadrons sächsischer Garde du corps. 
Trotzdem Mannschaften und Pferde aufs äußerste ermattet sind, kann man 
von ihnen keine Beschreibung machen, weil sie keinen anderen Truppen in 
der Welt ähnlich sehen. Auch die übrige sächsische Armee ist schön und hat 
gute Haltung.“ — Die kurfürstlichen Kassen waren schon vorher mit Beschlag 
belegt und das ganze Zeughaus mit allen Vorräten und 250 Kanonen aus- 
geräumt worden. Dies waren die Einleitungen zu dem dritten schlesischen 
oder siebenjährigen Krieg. 
Die Offiziere wurden kriegsgefangen abgeführt; die mit Gewalt in 
preußische Regimenter gesteckten sächsischen Landeskinder aber desertierten 
massenweise, um sich ihrem Kurfürsten wieder zur Verfügung zu stellen. 
Besonders zeichnete sich hierbei der umsichtige, unerschrockene Sergeant 
Richter aus, unter dessen geschickter Führung die Entwichenen und Wieder- 
vereinten anstrengende Gewaltmärsche machten, um sich unter die Befehle 
des Prinzen Kaver (eines Sohnes des Kurfürsten) zu begeben, der die 
französischen Dienste aufgebend, in denen er maréchal de camp war, zu 
diesem Zwecke über die Grenze eilte. Feldwebel Knabe führte ein ge- 
schlossenes, wenn auch waffenloses Bataillon in musterhaftester Ordnung 
nach Warschau. Diejenigen vier sächsischen Reiterregimenter, welche, weil 
in Polen abwesend, in der Kapitulation nicht mit inbegriffen waren, zeich- 
neten sich bei Kolin (18. Juni 1757) hervorragend aus, in welcher Schlacht 
Friedrich II. geschlagen wurde. Inzwischen waren auch Frankreich und Ruß- 
land sowie die meisten deutschen Staaten gegen Preußen aufgestanden. 
Die Franzosen samt der Reichsarmee schlug Friedrich bei Roßbach, die 
Russen bei Zorndorf. Gegen die Österreicher war er insbesondere bei 
Leuthen siegreich. Nachdem der österreichische Feldmarschall Daun durch 
den Überfall bei Hochkirch (zwischen Löbau und Bautzen) in der Nacht vom 
13. auf den 14. Oktober 1758 den Preußen eine empfindliche Niederlage 
beigebracht hatte, machte er den Versuch, das von preußischen Truppen 
besetzte Dresden zu befreien. Er gab diesen Plan auf, weil der preußische 
General von Schmettow, der bereits die schönen Dresdner Vorstädte hatte 
einäschern lassen, ihm sagen ließ, er werde, sobald sich die Österreicher vor 
den Toren zeigen sollten, die ganze Stadt Dresden, einschließlich des kur- 
fürstlichen Schlosses, unweigerlich und unbarmherzig in einen Trümmerhaufen 
verwandeln. Die von den Österreichern und Russen gewonnene Schlacht 
bei Kunnersdorf am 12. August 1759 veranlaßte den Abzug Schmettows 
und Dresden ward von den SÖsterreichern besetzt. Letzteren gelang es auch, 
unter General Daun ein unter dem Befehle des Generals von Fink
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        — 139 — 
stehendes Korps von 12000 Mann derartig fest einzuschließen, daß es sich 
bei Maxen unweit Mügeln ergeben mußte. (Der Finkenfang bei Maxen.) 
Doch erlitt Dresden im Juli 1760 durch das von Friedrich II. befohlene 
sechzehntägige furchtbare Bombardement namenloses Elend. Nicht weniger 
als 5 Kirchen und 416 Häuser wurden in Asche gelegt. Ganz Sachsen 
befand sich, den Heeren beider großen Gegner jahrelang als Tummelplatz 
und teilweise Winterquartier dienend, in einem gräßlichen Zustande all- 
gemeiner Not, die durch eine, die Verarmung Tausender von Familien her- 
beiführende Münzverschlechterung noch gesteigert wurde. 10) 
Der am 15. Februar 1763 zu Hubertusburg geschlossene Frieden machte 
einem Kriege ein Ende, welcher Sachsen mehr als 100 Millionen Taler und 
weit über hunderttausend Menschenleben gekostet hatte. Die Preußen sollten 
Sachsen räumen, den Sachsen ward freier Durchzug nach Polen gestattet, 
Friedrich II. behauptete Schlesien. Das sind in kurzen Zügen die Haupt- 
punkte dieses Friedens. Und gewiß tönten, wenn auch unter bitteren Tränen 
und in oft unsagbarer Trauer, die Worte des Psalm 28,6 wieder, welche 
in ganz Sachsen bei dem am 31. März 1763 angeordneten Friedensfest 
als Text vorgeschrieben waren: „Gelobet sei der Herr, denn Er hat erhöret 
die Stimme meines Flehens.“ 
Trotz der vielfachen Kriege fand Friedrich August II., dessen einzige 
Passion eine glühende Kunstverehrung war, doch Zeit, mehrere Kunstwerke 
errichten zu lassen, von denen, außer der bronzenen Reiterstatue seines Vaters 
auf dem Neustädter Markte zu Dresden, die prachtvolle katholische Hofkirche 
neben dem Schloß, vom Italiener Gaetano Chiaveri erbaut, und das Jagd- 
schloß Hubertusburg die hervorragendsten sind. Durch Einsetzung eines 
ständigen Gerichtshofes hatte die Justiz eine wesentliche Verbesserung er- 
fahren, ebenso wie Handel und Gewerbe durch eine sogenannte Kommerzien- 
deputation. Die Schrecknisse und Anforderungen des Krieges ließen im 
Kurfürsten den Gedanken reifen, durch Schaffung einer tüchtigen Fachschule 
für Militärärzte (das medizinisch -chirurgische Institut), andernteils einer 
Erziehungsanstalt für Soldatenkinder der Armee Segen zu bringen. Als 
Auszeichnung vor dem Feinde stiftete er 1736 den Heinrichsorden (am blau- 
gelben Bande der Wettiner Hausfarbe). Die Münzverhältnisse wurden nach 
dem Friedensschluß mit großer Mühe wieder auf die alte solide Basis ge- 
bracht und eine Restaurationskommission zur Erhebung und Ausgleichung 
der allenthalben entstandenen Schäden errichtet. Die Erweiterung der Ge- 
  
103) Die kursächsische Münzprägestelle zu Leipzig war nämlich nach Entfernung der 
kursächsischen Münzbeamten von Friedrich II. an mehrere Juden überlassen worden, deren 
Pacht er von Jahr zu Jahr erhöhte und schließlich bis auf 7 Millionen Taler herauf- 
schraubte. Diese des königlichen Einverständnisses sicheren Juden setzten nun ihrerseits alles 
daran, trotzdem reich zu werden. Auf diese Weise wurden unter preußischem Schutze eine 
enorme Masse angeblich sächsisch= polnischer Münzen ins Land geschleudert, bei denen die 
Mark Silber anstatt wie üblich und gesetzmäßig auf 12 Taler, hier auf 45 Taler verteilt, 
in die Erscheinung trat.
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        — 140 — 
mäldegalerie machte dieselbe zur ersten Europas, so daß Dresden die erste 
Kunststadt Deutschlands — das deutsche Florenz — wurde; während Leipzig 
durch die in seinen Mauern zur Geltung kommende eigenartige Verbindung 
von Handel, Gelehrsamkeit und weltmännisch-internationaler Bildung den 
Beinamen Klein-Paris erhielt. Des Kurfürsten Privatleben war ein völlig 
makelloses, seine Ehe mit Maria Josepha von Hsterreich eine sehr glückliche 
gewesen. Bei seinem Tode am 5. Oktober 1763 hinterließ er von den fünf- 
zehn Kindern, die ihm seine Gemahlin geboren hatte, fünf Söhne und fünf 
Töchter am Leben. 
Wie sein Vater der erste, so war Friedrich August II. der letzte Wettiner, 
welcher die, für Dynastie wie Volk wenig Heil bringende polnische Krone 
getragen hat. 
Die hinterlassenen Prinzen waren 1. der als Kurfürst folgende Friedrich 
Christian, 2. Franz Kaver, der nachmalige Administrator von Sachsen, 
3. Karl, von den kurischen Ständen zum Herzog von Kurland gewählt, vom 
russischen Kaiser jedoch wieder verdrängt, 4. Albert, österreichischer General- 
feldmarschall und Statthalter von Ungarn. Mit einer Tochter der Kaiserin 
Maria Theresia vermählt, erhielt derselbe von ersterer das Herzogtum Teschen. 
5. Clemens Wenzeslaus, der letzte Erzbischof und Kurfürst von Trier, ein 
hochbegabter feinsinniger, insbesondere sehr musikalischer Kirchenfürst, welcher, 
bevor er die geistlichen Weihen erhielt, als österreichischer Generalleutnant 
an der Schlacht bei Torgau teilgenommen hatte. Weitere Kinder Kurfürst 
Friedrich Augusts waren die Prinzessinnen: 1. Maria Anna, Gemahlin des 
Kurfürsten Maximilian Joseph von Bayern, 2. Maria Josepha, Gemahlin 
des Dauphin Ludwig von Frankreich, eines Enkels Stanislaus Leschnskis, 
welcher vor dem Tode seines Vaters Ludwig XV. starb. Sie wurde die 
Mutter Ludwigs XVI., Ludwigs XVIII. und Karls X., dieser drei letzten 
schicksalsreichen Könige des älteren Stammes Bourbon. 3. Maria Christina, 
4. Maria Elisabeth, 5. Maria Kunigunde, Abtissin von Essen. 
Der älteste Sohn Friedrich Augusts, Friedrich Christian, bestieg am 
5. Oktober 1763 den Thron des Kurstaates, den er leider nur bis zum 
17. Dezember desselben Jahres innehaben sollte. 
Vom General Graf Wackerbarth als Oberhofmeister und Dr. Gärtner 
als Instruktor ganz besonders trefflich erzogen, genoß der bedauerlicherweise 
von Jugend auf sehr kränkliche Fürst die allgemeine Liebe und das volle 
Vertrauen seiner Untertanen, schon um deswillen, weil genugsam bekannt 
war, daß er stets sich bemüht hatte, seinem Vater die Augen über das 
Treiben Brühls und den wahren Stand der Dinge zu öffnen. Freilich 
immer vergebens! Als Friedrich Christian bei seiner Thronbesteigung die 
Grundsätze proklamierte, nach denen er zu regieren entschlossen war, da schwoll 
die Liebe seiner Untertanen zu einem Strome der Begeisterung an. Einen 
„Vater“ brauchte das „Vaterland“, und der wollte ihm der junge Fürst 
werden. Es war keine Kleinigkeit, bei den erschöpften Kräften von Staat 
und Volk an eine Regulierung der Finanzen heranzugehen. Friedrich
        <pb n="159" />
        — 141 — 
Christian tat es, und so viel und so weit er konnte, mit gutem Erfolg. 
Ja es wäre, vermöge der klaren und überlegten, oftmals recht sehr schwierigen 
Anordnungen der Sparsamkeit und Einschränkung, welche der trotz seiner 
körperlichen Gebrechlichkeit geistig ungemein klare, scharf und weit blickende 
Kurfürst traf und energisch durchzuführen begann, möglich gewesen, die 
Staatsschulden voraussichtlich in den ersten Dezennien des neunzehnten Jahr- 
hunderts (rechnungsmäßig vorausgesehen bis 1815) gänzlich zu tilgen, wenn 
nicht in letzter Stunde die Napoleonischen Kriege dazwischen getreten wären. 
Auch die horrenden Hof= und Kammerschulden begann Friedrich Christian 
zu tilgen und machte, indem er sich mit all diesen Reformen eingehend be- 
schäftigte, die wenig erfreuliche Entdeckung, daß aus den öffentlichen Kassen 
während der letzten zehn Jahre vor seinem Regierungsantritt nicht weniger 
als nahezu fünf Millionen Taler auf dem Wege der Unterschlagung ab- 
handen gekommen waren. — Ein Beitrag zur Illustration der Moralität 
jener üppig schwelgenden, in der Wahl ihrer Mittel nicht ängstlichen 
französischen Zeiten, hinter denen nun ein Strich gemacht werden sollte und 
gemacht wurde. Mit dem ausgezeichnetsten Beispiele edler Einfachheit ging 
der Kurfürst (der sich auch selbst persönliche Einschränkungen auferlegte, die 
dem kränklichen Herren um so höher angerechnet werdeu müssen) allen Kreisen 
vorbildlich voran, insbesondere denen, die von der Versailler Sitten- 
auffassung verführt, sich bemüht hatten, durch Luxus und Verschwendung zu 
gefallen und die in Maßlosigkeit ein Zeichen der Vornehmheit anzusehen 
gewöhnt worden waren. 104) 
Friedrich Christian war bemüht, nicht nur die materiellen Wunden nach 
Möglichkeit zu heilen, aus denen das Land blutete, sondern auch den Indi- 
viduen und Ständen der Volksgemeinde, an deren Spitze Gottes Gnade 
ihn gestellt hatte, zu neuem ethischen Aufschwung zu verhelfen. Trotz oder 
bei aller Sparsamkeit schenkte indessen der Kurfürst auch den schönen Künsten 
  
  
1041) Diese gänzlich undeutsche Anschauung war auch den Kreisen des Bürgertums 
und der Beamtenschaft, indem sie dieselbe auch ihrerseits annahmen, verderblich geworden. 
Von dem dem Hofe nahestehenden Adel war jener Hauch der Frivolität auf den anderen 
Teil dieses Standes übergegangen und von hier aus weitergesickert. Allenthalben lebte 
man über die Verhältnisse. Man sieht, wie verderblich diejenigen zu wirken im stande sind, 
deren vornehmste Pflicht es ist, anderen mit dem guten Beispiele edeler Gesinnung und 
rechter Betätigung derselben voranzugehen. — „Adel“ und „edel“ ist ein Wortstamm, soll 
und muß aber auch ein Begriff sein. Nur der Edelmann ist edel, der ein edeler Mann 
ist, der sich der hohen Aufgabe seines Standes bewußt bleibt: „Adel verpflichtet.“ Wenn 
es auch unbestreitbare Tatsache ist, daß der Adel — als die Korporation der Grund- 
gesessenen des Landes und wegen seiner Spezialpflichten gegenüber seinen Hintersassen 
noch lange über das Mittelalter hinaus die Personifikation des Agrarwesens im Staate 
— hauptsächlich dadurch dem Ruine seiner Familien entgegengehen mußte, daß er allezeit 
mit Gut sowohl wie mit Blut in aufopfernder Vasallentreue in erster Linie die Lasten der 
Kriege getragen hat, so kann ihm doch der Vorwurf nicht erspart bleiben, daß er — teils 
aus eigener Vergnügungssucht, teils in falsch angebrachter und mißverstandener Loyalität 
dem Beispiele der Fürsten folgend — den Lockungen französischen Wesens nicht genügenden 
Widerstand entgegengesetzt hatte.
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        — 142 — 
seine Aufmerksamkeit und schuf die Malerschule zu Dresden in eine Akademie 
der bildenden Künste um, wodurch das Ansehen von Sachsens Hauptstadt, 
als Mittelpunkt medizäischer Bestrebungen, noch um ein weiteres gesteigert 
wurde. Alle diese verschiedenartigen, vielfach tief einschneidenden Ver— 
besserungen in der Staatsverwaltung, beziehungsweise die Anfänge der— 
selben, nahm Friedrich Christian — der mitten unter den Einflüssen eines 
mehr oder weniger korrumpierten Hofes sittliche Reinheit und ernstes 
Pflichtgefühl sich bewahrt hatte — in dem kurzen Zeitraume von drei 
Monaten vor. Was hätte man von diesem Fürsten an Segnungen er— 
warten können, wenn ihm nicht ein gar so frühes Lebensende beschieden 
gewesen wäre! 
Gott in seiner Unerforschlichkeit rief ihn bereits am 17. Dezember 1763 
von seinem irdischen Wirkungskreise ab. Was Polen betrifft, so hatte Kur— 
fürst Friedrich Christian, indem er dem Primas von Polen seines Vaters 
Tod anzeigte, zu erkennen gegeben, daß er nicht abgeneigt sei, diesem 
Lande seine Kräfte zur Verfügung zu stellen, falls ihm die dortige Krone 
übertragen werden sollte. Sein frühes Ableben indessen und die Minder— 
jährigkeit seines Nachfolgers waren Ursachen, daß das Haus Wettin bei der 
Neuwahl eines Königs von Polen übergangen wurde. Dieselbe fiel auf 
Stanislaus Poniatowski. 
Von seiner geistvollen und energischen Gemahlin Maria Antonia, 
Tochter Karls von Bayern, hinterließ Friedrich Christian vier Söhne: 
Friedrich August, der bei des Vaters Tode erst 13 Jahre alt war, Karl, 
Anton und Maximilian, welche sämtlich sich ihres edlen Vaters würdig zeigten. 
Friedrich August, dem die Nachwelt den schönen Beinamen „Der 
Gerechte“ gegeben hat, regierte von 1763 bis 1768 unter Vormundschaft, 
beziehungsweise Administration, von 1768 bis 1806 als selbständiger Kur- 
fürst und von 1806 bis 1827 als König. Bis zur erlangten Volljährigkeit 
des jungen Kurfürsten regierte für denselben in Administration der Bruder 
seines Vaters, Prinz Kaver. Dieser sowohl, wie dann Friedrich August 
selbst, folgten den weisen Grundsätzen Friedrich Christians. Die fünf Jahre, 
während welcher Prinz Kaver in Stellvertretung regierte, waren reich ge- 
segnete, das Land ward von der Brühlschen Mißwirtschaft und deren 
Folgen gesäubert und begann sich physisch wie moralisch zu erholen. Frei- 
lich blieb für den jungen Kurfürsten selbst noch immer viel zu tun übrig. 
Die Anlage großer Stammschäfereien mit spanischer Zucht brachte die säch- 
sische Wolle (unter dem Namen Elektoralwolle) weit über Deutschlands 
Grenzen hinaus zu bedeutender Berühmtheit und trug ebenso zum Vorteile 
der Landwirtschaft wie zu dem der Industrie bei, überhaupt hatte der junge 
Fürstensohn an seinem Oheim eine sehr wertvolle Stütze, weshalb auch er 
wie das ganze Volk den alten Prinzen zärtlich liebte. Um die körperliche 
wie geistige Weiterentwickelung des unter Leitung des Kapitäns der 
Schweizergarde General von Forell und des Geheimen Rates von Burgs- 
dorff streng und harmonisch erzogenen Friedrich August haben sich außerdem
        <pb n="161" />
        — 143 — 
für alle Zeiten zwei Männer in hervorragender Weise verdient gemacht: 
Graf Marcolini und Freiherr von Gutschmid. Die Eindrücke der Epoche 
des siebenjährigen Krieges, wie alle die Erfahrungen und Wahrnehmungen 
jener Zeit mußten notwendigerweise tiefe, und zwar trübe Eindrücke auf 
das jugendliche Gemüt Friedrich Augusts machen und waren nicht geeignet, 
dem aufblühenden Fürsten den Frohsinn und die Heiterkeit zu geben, die 
sonst wohl an den Höfen zu herrschen pflegen. Um so heilsamer war der 
Einfluß des ebenso heiteren wie treuen und ehrenwerten Grafen Camillo 
Marcolini, eines Altersgenossen, der als Kammerpage an den Hof gekommen 
war, mit Friedrich August den gesamten Unterricht genoß, mit ihm ritt 
und jagte und sein unzertrennlicher Freund ward, dem Kurfürsten auch im 
späteren Leben in allen Wechselfällen eine bewährte Stütze bleibend. Weit 
bedeutungsvoller noch, weil auf Seelenleben, Weltanschauung und Charakter 
Friedrich Augusts wirkend und daher indirekt für das Schicksal des ganzen 
Landes von Einfluß, war Christian Gotthelf Freiherr von Gutschmid, ein 
braver Mann in des Wortes edelster Bedeutung, dessen große Gelehrsamkeit, 
Umsicht und Treue, wie vor allen Dingen sein unbeugsames Rechtsgefühl 
ihm die Hochachtung und Verehrung aller einbrachte. Noch von dem weit— 
sichtigen und einsichtigen Kurfürsten Friedrich Christian als Lehrer für 
Staatsrecht und Politik berufen, starb Gutschmid hochbetagt im Jahre 1799 
als Kabinettsminister. Dieser hervorragende Jurist und bedeutende Mensch 
hat dem hochbegabten Friedrich August oor allem jene Grundsätze von 
Gerechtigkeit eingeprägt, welche dem von den Seinen verehrten, von den 
Fremden verkannten Fürsten das ganze Leben hindurch als Leitsterne vor— 
schwebten. Durch Gutschmid wurde es Friedrich August zur anderen Natur 
und unumstößlichen Axiom, daß die ehrenvollste Politik die Politik des ehr— 
lichen Mannes sei. An diesem Grundsatze hat er sowohl als Kurfürst wie 
später als König in allen Lebenslagen festgehalten. 05) 
Schon zeitig ward Friedrich August vor mancherlei Versuchungen ge- 
stellt und sah sich Verwickelungen in der Politik gegenüber, die nur deshalb 
nicht zu Klippen wurden, an denen Sachsen zerschellte, weil dessen Monarch, 
105) Treue, Ehrenhaftigkeit und Gerechtigkeit sind ein hellstrahlendes Dreigestirn, welches 
schon bei einem gewöhnlichen Sterblichen unverkürzt vorzufinden das Fischen einer kost- 
baren Perle bedeutet. Bei einem Könige und Staatsmann aber es unentwegt anzutreffen 
ist ein Umstand, der auf Menschenalter hinaus die Blicke auf sich als auf ein wertvolles 
Vorbild zu lenken geeignet erscheint. Praktisch und zweckmäßig im Sinne des nackten 
egoistischen Nützlichkeitsprinzips mag dies freilich nicht immer sein, und große irdische 
Eroberungen sind nicht damit zu machen. Trotz aller Widerwärtigkeiten aber, welche 
Fürst und Volk auf sich zu nehmen hatten (und welche vielleicht Sachsen hätten erspart 
bleiben können, wenn seine Politik eine solche der Doppelzüngigkeit und des Augenblicks- 
erfolges gewesen wäre — wie sie in der neueren Zeit der obligaten Legitimitätsbekämpfung, 
des Opportunismus und der Rechtsverachtung so hoch als größte Weisheit gepriesen wird —) 
muß ein Volk für immer auf einen Herrscher stolz sein, der in erhabener demutvoller 
Größe, das vergifstende, aber Erfolge bietende Schlangenwort weit von sich weist: 
En politique point de justice.
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        — 144 — 
den Kompaß des Gewissens im Herzen, sich niemals von dem Kurse der 
Ehrlichkeit entfernte. Zwei deutsche Staaten, Österreich und Preußen — in 
ihren Größenverhältnissen und ihren Sonderbestrebungen, vor allem aber 
unter ihren jeweiligen einander so verschiedenen Regenten (Maria Theresia, 
dann Joseph und Friedrich II.) zu Reibungen prädestiniert — gaben dem 
mitten zwischen ihnen liegenden Sachsen fortwährend Veranlassung, auf 
seiner Hut zu sein. Und als jene mächtigen Nachbarn sich anschickten, mit 
Rußland vereint, Polen zu teilen, war es für das mit Mißtrauen beobachtete 
Sachsen gut, dabei ganz unbeteiligt zu sein. Im Inneren ließ Friedrich 
August weise Milde walten und führte die Unterdrückung eines durch die 
Ideen der französischen Revolution entstandenen Bauernaufstandes, anstatt 
ein Blutbad anzurichten, mit Schonung durch, 1790.100) So tiefe Wunden 
gerade Preußen während der letzten Menschenalter unserem sächsischen Vater- 
lande geschlagen hatte, so erkannte doch Friedrich August III. das mancherlei 
Gute und Zweckmäßige von dessen System in Verwaltungs= und Militärsachen 
rückhaltlos an, machte sich entgegen seinen Vorgängern von der gewisser- 
maßen beinahe blinden Hingabe an Österreich los und trat, ohne aber 
letzteres irgendwie zu verletzen, in nähere Beziehung zu Preußen. Daß 
Sachsen an die Seite dieses norddeutschen Staates gehöre und schon seit 
langer Zeit gehört hätte, sah Friedrich August klar vor Augen, ohne die 
geringste böse Absicht gegen Österreich zu hegen. Dennoch empfand man es in 
Wien, nicht mehr der einzige Freund zu sein und die Schwierigkeiten, die beim 
Ordnen der Schönburg-Glauchauschen Rezeßangelegenheiten von dort aus 
bereitet wurden, mögen wohl mit aus jenen Erwägungen entstanden sein. 
Eine gespanntere Form nahm Österreichs Verhalten Sachsen gegenüber an, 
als der Kaiserstaat nach dem Tode des kinderlosen Kurfürsten Maximilian 
Joseph von Bayern 1777, dessen einzige Schwester die Mutter Friedrich 
Augusts war, gegen die vollberechtigten Ansprüche Sachsens auftrat. Es 
entstand der bayerische Erbfolgekrieg, in welchem Kursachsen das Recht 
seiner Allodial-Erbschaft verfocht und der Herzog von Zweibrücken, unterstützt 
von Friedrich von Preußen, die Kur anstrebte. Im Frieden zu Teschen 
am 13. Mai 1779 erhielt Kursachsen die Summe von 6 Millionen Gulden, 
gab aber seine Erbforderungen des weiteren auf. Dieses Geld benutzte der 
Kurfürst von Sachsen in hochherzigerweise teils zur Tilgung einer aus der 
Unglückszeit des siebenjährigen Krieges herrührenden Landesschuld an Han- 
  
106) Wie Pölitz in seiner Geschichte Friedrich Augusts ausdrücklich betont, sprachen die 
Aufständischen unter Führung des Bauers Geißler aus Liebstadt von der Person des 
Landesherrn, dessen Familie und den höchsten Behörden nur mit Verehrung und Ergebung. 
Ihre Beschwerden richteten sich nur gegen einige Gutsherren und Unterbehörden, wirkten 
aber naturgemäß ansteckend. Die Ordnung wurde bald wieder hergestellt. Es scheint aber, 
daß jene Ausschreitungen in des Kurfürsten landesväterlichem Herzen die Anregung zu 
dessen Verordnung gegeben haben, Hinrichtungen nach Möglichkeit zu vermeiden, sowie das 
Gefängnis= und Zuchthauswesen wesentlich zu erweitern, ohne indessen in den Fehler einer 
gewissen modernen Richtung zu verfallen, welche zum allgemeinen Unsegen die so heilsame 
geregelte Prügelstrafe abzuschaffen für gut befunden hat.
        <pb n="163" />
        — 145 — 
nover, teils zur Unterstützung der armen Einwohner, deren Elend durch die 
allgemeine Mißernte des Jahres 1771 ein geradezu namenloses geworden 
war. Hervorgegangen wiederum war diese Mißernte, welche Hungersnot 
und Krankheit in unmittelbarem Gefolge brachte, durch den voraufgegangenen 
furchtbaren Winter und die auf denselben folgenden, das Land verheerenden, 
überschwemmungen. Der Tod hatte infolge aller dieser traurigen Erschei— 
nungen derartig zahlreiche Opfer gefordert, daß die Einwohnerzahl von 
Sachsen um viele Tausende verringert war. Also Not und Elend wo man 
nur hin sah. Da kamen jene Gelder und deren hochherzige Verwendung 
wie gerufen. Den Rest der Summe benutzte Friedrich August zur Errichtung 
einer Sekundogenitur, das heißt der Zuweisung eines bestimmten Vermögens 
an den jeweilig zweitgeborenen Sohn des Landesherrn und dessen Linie. 
Auch diese letztgenannte Maßregel kommt indirekt dem Lande zu gute, weil der 
Staat für diese jüngere Linie des Fürstenhauses nichts weiter zu leisten 
braucht, so lange nicht die Anteile ihrer einzelnen Glieder auf ein bestimmtes 
Minimum herabgesunken sind. (Gretschel 212.) Die Annäherung Sachsens 
an Preußen und das freundschaftliche Verhältnis Friedrich Augusts zu 
Friedrich II. zeigte aber besonders nach dem 1780 erfolgten Tode der 
Kaiserin Maria Theresia ihre Vorteile. Nun nämlich hatte deren Sohn 
Joseph II. gänzlich freie Hand zur Verfolgung seiner oft gar zu stürmischen 
Pläne. Und soweit dieselben über den Rahmen seiner innerösterreichischen 
Wirksamkeit hinausgingen, auf die aggressive habsburgische Hauspolitik sich 
erstreckend, bargen sie vielfach ernste Gefahren für Deutschland in sich. Es 
war gut, daß dem gegenüber Friedrich II. als Wächter dastand. Nachdem 
derselbe genügende Eroberungen gemacht und seinen Kriegsruhm allenthalben 
befestigt hatte (so daß ihm nun um Ruhe und Ordnung in erster Linie zu 
tun war), konnte dieser König mit dem Wahlspruche Suum cuique, dem 
das bestgeschulte Heer Europas zur Verfügung stand, füglich am besten 
geeignet sein, als bewaffneter Aufpasser gegen etwaige Friedensstörungen 
aufzutreten. „In der Jugend“, sagt ein Geschichtsschreiber von ihm, „errang 
er Lorbeeren und verscherzte sich seine Freunde. Im Alter verzichtete er 
auf erstere und gewann letztere.“ Er war ein Gegengewicht gegen manche 
undeutschen Pläne Österreichs. Und diese Erwägung war der unausgesprochene 
innere Beweggrund des von Friedrich II. 1785, ein Jahr vor seinem Tode, 
ins Leben gerufenen Deutschen Fürstenbundes. So groß war aber das 
Ansehen Friedrich Augusts von Sachsen, daß es die gesamte Mitwelt be- 
ruhigte, dessen Namen unter der Bundesurkunde zu sehen, da er allen die 
Gewähr gab, daß nichts Unredliches im Werke sei. (Böttiger III. 416.) 
Eine nicht unbedeutende Versuchung trat an diesen sächsischen Kurfürsten, 
der übrigens zu zwei verschiedenen Malen das Amt eines Reichsvikars ver- 
waltete, 1791 in dem freiwilligen polnischen Antrage heran, die Königskrone 
von Polen, und zwar erblich, zu übernehmen. 10) 
107) Fürst Czartoryski und Graf Malachowski waren die vom polnischen Reichstage 
abgesandten überbringer jenes Antrages. Ein Thron, um welchen sich seit hundert Jahren 
10
        <pb n="164" />
        — 146 — 
Den Entschluß, abzulehnen, gab dem ehrlichen Kurfürsten nach langer 
reiflicher überlegung der aufrichtige Wunsch, seinem Lande die endlich ein— 
tretenden Segnungen des Friedens unbedingt zu erhalten. Aber der Mensch 
denkt und Gott lenkt! Ein Krieg, ja weit Schlimmeres noch, sollte dem 
armen Lande nicht erspart bleiben; nur kam das Ungewitter von einer 
anderen Seite. Es kam von jenem Frankreich, welches — dem betörenden 
Rufe seiner radikal-revolutionären Freiheitsschwärmer „Ni Dieu, ni maistre“, 
jenem schändlichen Worte der Autoritätlosigkeit sams phrase folgend — Gott 
abgesetzt und den König gemordet hatte, den König, dessen unschuldiges Blut 
samt dem seiner edlen Gemahlin und samt dem seiner todesmutigen Getreuen 
zum Himmel schrie. 108) 
Aus dem Chaos von Kot und Blut, in welchem die verblendeten Fran- 
zosen mit Wonne und Wollust wateten, hatten sich die Miasmen entwickelt, 
aus denen, zu dunkelroten schweren Wolken zusammengeballt, die grellen 
Blitze zuckten, welche die Welt in Brand setzten. Es ist kein Platz hier, 
auch nur der wichtigsten Ereignisse zu gedenken, die sich in schneller Auf- 
einanderfolge zum beherrschenden Turme aufbauten, oder vielmehr zur Säule 
— zur Siegessäule, auf der der Korse stand. Aber das muß jedem Patrioten 
ans Herz gelegt werden, die Geschichte jener Zeiten, insbesondere auch der 
weniger bekannten Kapitel derselben, genau zu studieren, um den goldenen 
Faden zu verfolgen, der in allen unsäglichen Wirren dem nur von Ge- 
rechtigkeit geleiteten Kurfürsten von Sachsen die Richtung gab. Dessen 
Persönlichkeit wie dessen Regierung sind aufs ärgste angefeindet worden, 
aber es haftet kein moralischer Makel an ihnen. Und darauf muß hin- 
gewiesen werden, daß Sachsen niemals als kriegerische Macht selbst, sondern 
nur immer als vertragsmäßige Unterstützung einer solchen ausgetreten ist, 
wobei Friedrich August sich an sein gegebenes Fürstenwort hielt; ja auch 
das muß betont werden, daß es kaum einen deutsch gesinnteren Fürsten 
gegeben hat als Friedrich August III. (Siehe auch Pölitz, die Regierung 
Friedrich Augusts von Sachsen, Leipzig 1830.) Jedenfalls hat dieser Monarch 
  
die Herrscher Sachsens beworben hatten, wäre jetzt durch ein einfaches „Ja“ zu erlangen 
gewesen. Friedrich August III. lehnte ab, weil er sich sagte, jene Erwerbung könne nur 
dann ein Segen für ihn und sein Sachsenland sein, wenn er der unbedingten Zustimmung 
und des auch späterhin wohlwollenden Verhaltens von Rußland, Österreich und Preußen 
sicher sein und versichert bleiben könne. Das unglückliche Polen mußte seinem weiteren 
Schicksale entgegengehen. Es ward geteilt gleich einer Beute und endlich im Jahre 1795 
(trotz Kosciuszkos patriotischer Konföderation) aus der Reihe der lebenden Staaten gestrichen. 
108) Wenn einige Geschichtsschreiber die französische Revolution teils als ein Produkt 
neuerstandener philosophischer Ideen über Gesellschaftsvertrag und Menschenrechte ansehen, 
teils als eine Folge tief gesunkener Religiosität oder als einen mit Naturnotwendigkeit dem 
überschraubten Steuerdrucke wie der gesellschaftlichen Mißachtung entsprungenem Kampfe 
der aufgehetzten unterdrückten gegen die bevorzugten und nicht nachgebenden Stände be- 
trachten, oder auch in ihr ein Resultat ungeheuerster Finanzzerrüttung und Zerrüttung von 
Autorität und Sittlichkeit erblicken, so hat keiner von ihnen Unrecht. Keiner aber auch 
kann leugnen, daß die Art, wie die Explosion erfolgte, nachdem das Ventil versagt hatte, 
eine roh gewaltsame, schreckliche und unverantwortliche gewesen ist.
        <pb n="165" />
        — 147 — 
alles, was er tat, im Interesse seines Landes und dessen wie seiner eigenen 
Ehrenhaftigkeit getan. 
Der 18. Mai 1804 hatte Napoleon Bonaparte „von Gottes Gnaden 
und durch die Konstitution der Republik“ zum Kaiser der Franzosen gemacht. 
Der 12. August desselben Jahres schuf noch einen anderen Kaiser — Franz —, 
der (im Vorgefühle dessen, was kommen sollte) sich neben der Würde eines 
römisch-deutschen auch die eines Kaisers von Österreich beilegte. Die Er- 
eignisse folgten einander auf dem Fuße. Sie sind so zahlreich und so wuchtig, 
daß, um einen allgemeinen Überblick zu gewinnen, nur einige derjenigen 
Feuersäulen am Wege der Geschichte angedeutet werden können, die sich aus 
dem Rauche und dem Pulverdampfe der besonders wichtigen Schlachtfelder 
emporheben. Die deutschen Fürsten, die schon erstaunt gewesen waren, ihre 
Heere von den Soldaten der Republik am Rheine geschlagen zu sehen, waren 
ratlos, ihre Völker von Schreck erfüllt, als der kaiserliche Eroberer deutschen 
Boden betreten hatte. Was Friedrich August betrifft, so blieb derselbe, noch 
nachdem ihm Friedrich Wilhelm III. am 15. Dezember 1805 den Ausgang 
von Austerlitz mitgeteilt hatte, dabei, Neutralität wahren zu wollen, „wo es 
nicht auf die Sicherheit seines Staates und die Erfüllung seiner reichs- 
ständischen Pflichten ankomme“. Am 12. Juli 1806 unterzeichneten, von 
dem siegreichen Napoleon gezwungen, 16 deutsche Reichsstände die Rhein- 
bundakte, den französischen Kaiser notgedrungen als Oberherren anerkennend 
und am 6. August jenes Jahres legte Franz II. die Würde eines deutschen 
Kaisers nieder, die schon zu einer illusorischen geworden war, seitdem 
Napoleon erklärt hatte, das Deutsche Reich nicht mehr anzuerkennen. Dem- 
gegenüber verbanden sich Preußen, Sachsen und Hessen zu einem „Nord- 
deutschen Bund“, an dessen Spitze der König von Preußen als Koaiser gesetzt 
zu werden geplant war, während der Kurfürst von Sachsen den Königstitel 
annehmen sollte. Die Doppelschlacht bei Jena und Auerstädt am 14. Ok- 
tober 1806, bei welcher 22 000 Sachsen unter dem General von Zezschwitz 
beteiligt waren, zerstörte diese Projekte im Keime und, während auch Preußen 
unterjocht wurde, mußte im Frieden zu Posen am 11. Dezember 1806 
Sachsen, dessen Kurfürst (nun auf andere Weise als früher gedacht) den Königs- 
titel erhielt, der bitteren Notwendigkeit folgend, dem Rheinbunde beitreten. 
Nur mit Widerstreben nahm Friedrich August den Kottbuser Kreis 
und das Herzogtum Warschau aus der Hand des Usurpators. Die sächsischen 
Truppen aber waren der großen französischen Armee einverleibt worden, 
deren VII. Korps unter Marschall Reynier sie bildeten. Schwer und hart 
lastete das Verhängnis auf dem unglücklichen Sachsen, welches unsagbar 
schweren Zeiten entgegenging und als gezwungener Bundesgenosse den 
Adlern Napoleons folgen mußte. Auch unter diesen aber glänzte hell 
strahlend und stets sich aufs neue bewährend die sächsische Tapferkeit und 
Tüchtigkeit. Tage wie Wagram (1809, am 5. und 6. Juli), an dem das den 
Befehlen Bernadottes unterstellte sächsische Korps sich den ehrenden Namen 
„Granitkolonne“ erwarb, und Borodino-Mosaisk (1812, am 7. September) 
10“
        <pb n="166" />
        — 148 — 
— gewöhnlich Schlacht an der Moskwa genannt —, in welcher die sächsische 
Kürassierbrigade bei ihrem berühmten Sturme auf die große Redoute 
550 Mann verlor, bilden nebst zahlreichen anderen militärischen Groß- 
taten und Beweisen strengster Pflichterfüllung unverwelkliche Blätter in dem 
Ruhmeskranze, der sich von altersher um das Rautenbanner geschlungen hat.#100 
Das tausendjährige römische Reich deutscher Nation war gefallen; eine 
neue Epoche begann. Neue Aufgaben waren zu lösen, neue Gesichtspunkte 
zu verarbeiten. — Der inhaltschwere und erfüllungsschwere Begriff „Kollision 
der Pflichten“ trat in geradezu greifbarer Gestalt an Menschen und Völker, 
an Fürsten und Untertanen heran. — Als Basis jeder ihrer Tätigkeiten 
gilt ohne weiteres der Vorsatz „Gutes zu wollen, das Rechte zu tun“. Das 
Wie aber war die Frage. Deshalb ist es unrecht, über jemanden her- 
zufallen, der nach bestem Wissen und Gewissen seine Pflicht erfüllt, aber 
auf einem anderen Wege erfüllt hat wie andere, dabei aber vom Unglück 
verfolgt worden ist. Was Friedrich August betrifft, so darf Objektivität und 
Billigkeitsgefühl niemals die Tatsache außer acht lassen, daß kein Land 
derartig direkt in den Händen Napoleons gewesen ist wie Sachsen. Nicht 
100) Bei dem zur unumgänglichen Notwendigkeit gewordenen Anschlusse Sachsens an 
Napoleon (durch den sehr bald auch Preußen in gleiche Abhängigkeit gebracht wurde), machten 
sich verschiedene Anderungen in der sächsischen Heereseinrichtung nötig, um den Mustern 
der französischen Armee möglichst gleich zu kommen. Organisator dieser Neu-Einrichtungen 
wurde der von seinem Landesherrn wie von dem genialen Soldatenkaiser gleich hoch ge- 
achtete General von Gersdorff. Derselbe, ein Vorbild kriegerischer Tugenden, ward Chef 
des Generalstabes. Den französischen voltigeurs entsprechend wurden (unter den Majoren 
von Egidy und von Tettenborn) aus den Scharsschützen der Linienregimenter zwei Bataillone 
leichter Infanterie (die nachherigen Schützen) und aus besonders tüchtigem Forstpersonal 
ein Jäger-Korps gebildet. Diese Truppen zu Fuß können mit denjenigen zu Pferd ver- 
glichen werden, welche 1791 unter dem Namen Husaren ins Leben getreten waren. An 
Stelle der Hüte traten Tschakos und Helme; Torgau ward den Anforderungen der neueren 
Zeit entsprechend befestigt u. a. m. Von Beispielen sächsischer Tapferkeit mögen nur einige 
hier erwähnt werden. Als bei Kobryn zwei, von dem französischen General Reynier ohne 
Befehl gelassene, vereinzelte Regimenter unter dem General von Klengel und dem Obersten 
von Göphardt nach zehnstündiger Gegenwehr, und nachdem keine einzige Patrone mehr 
vorhanden war, der zehnfachen übermacht des russischen Generals Tormassow sich hatten 
ergeben müssen, beglückwünschte sie jener General ausdrücklich und berichtete über diesen 
heldenhaften Widerstand der Sachsen in besonders rühmender Weise an Kaiser Alexander. 
Auch das Verhalten der Brigade von Steindel bei Kalisch ist über alles Lob erhaben, 
und Podowna wie Wolkowysk zeugen wie Friedland und andere Schlachten in gleicher 
Weise von dem tapferen Verhalten der Sachsen. Nie aber sollte vergessen werden, daß es 
sächsische Soldaten des Regimentes von Low gewesen sind, die als letzte das jenseitige Ufer 
der Beresina gehalten haben und nach Aufgeben desselben, fast sämtlich schwer verwundet, 
nun vom diesseitigen Ufer aus, unter dem gleichfalls blessierten Major von Hausen, die 
erste Szene im ersten Akte des unglücklichen Rückzuges deckten. Wie so vielen Tausenden 
der stolzen Napoleonischen Armee ist der russische Schnee auch zahllosen braven Sachsen 
zum Leichentuch geworden, und es genügt zu erwähnen, daß beispielsweise vom sächsischen 
Regiment von Rechten nur 16, vom Regiment von Low nur 14 Mann nach Sachsen 
zurückgekehrt sind. Von der Garde du corps sahen nur 11 Mann die Heimat wieder 
(Offiziere und Leute)h.
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        — 149 — 
nur war dasselbe zu verschiedenen Malen des französischen Kaisers Operations- 
basis und militärischer wie politischer Hauptstützpunkt, sondern auch die geo- 
graphische Lage dieses rings eingeschlossenen Staatengebildes erheischte von 
dessen Regenten eine weit größere Vorsicht im Handeln als von solchen, 
die, wie man zu sagen pflegt „weit vom Schuß"“ entfernt waren. Eine so 
große patriotische Tat die Erhebung Preußens gewesen ist — deren Ver- 
dienstlichkeit niemals weder geleugnet werden kann, noch soll, noch auch 
darf —, so war die Lage Sachsens gerade zu jener Zeit eine derartig kritische 
und komplizierte, daß ein Anschluß dieses Staates an jene Erhebung damals 
einem Selbstmord gleichgekommen sein dürfte. Späterhin wäre dies eher 
möglich gewesen, doch ist es immer heikel, selbst an der Hand der Geschichte, 
über Verhältnisse urteilen zu wollen, die zwar historisch feststehen — unter 
deren direkten Eindrücken man aber persönlich nicht gestanden hat. Auch 
gebietet die Gerechtigkeit der Geschichte, daran zu erinnern, daß Friedrich 
Wilhelm III. von Preußen, der noch am 24. Februar 1812 ein neues 
Bündnis mit Napoleon eingegangen war, seinerseits ebenfalls dem Korsen 
zu folgen sich genötigt sah, und nur durch den Abfall Yorks und durch das 
Drängen Steins bewogen, beziehungsweise gedrängt, eine antinapoleonische 
Politik annahm. Daß dieser Abfall diplomatisch vorbereitet war — wie die 
Preußen sagen —, ändert an der Tatsache nichts. 
Trotz des so ganz besonders großen Abhängigkeitsverhältnisses, in welches 
Sachsen zu Napoleon durch die Umstände wie durch des letzteren unleugbares 
Genie hineingezwängt war, traf übrigens Friedrich August früher als irgend 
ein anderer Rheinbundfürst Vorbereitungen, auf loyale Weise von dem 
Bunde mit Frankreich loszukommen, und erließ bereits am 21. Februar 1813 
an den General Edlen von Le Coque die entsprechenden Befehle. Auch 
gab er im März dem General von Thielmann, Kommandanten von Torgau, 
Weisung, die Festung nur auf seine oder des Kaisers von Österreich An- 
ordnung zu öffnen. Mit dem Wiener Kabinett war der König von Sachsen 
wegen gemeinsamen Eintrittes in eine bewaffnete Neutralität in Unterhand- 
lung getreten. Von Kaemmel wird dieser Schritt als der unrichtigste be- 
zeichnet, den der König habe tun können. Der König war in unzweifelhaft 
schlimmer Lage. Jene Annäherung an SÖsterreich aber ist der Grund, warum 
derselbe sich Osterreich gegenüber gebunden sah, als Preußens Auf- 
forderung zur Teilnahme an der Erhebung an ihn gelangte. In einer sehr 
wenig von Aufrichtigkeit zeugenden Weise ward Friedrich August aber im 
wichtigsten Augenblicke von Österreich im Stich gelassen, weil es diesem 
Staate, ohne Rücksicht auf Sachsen zu nehmen, darauf ankam, Zeit zu ge- 
winnen. So sah sich König Friedrich August, zumal der keine Zeit zum 
weiteren Bedenken zulassende Napoleon drohte, beim Abfalle Sachsens dieses 
ganze Land unweigerlich zu zerstören und zu vernichten, in die Notwendig- 
keit versetzt, das alte Verhältnis zu diesem Usurpator wieder einzunehmen. 
Es wird erzählt, Friedrich August, der sich nach der Schlacht von Groß- 
görschen veranlaßt sah, dem wohlmeinenden Rate seines Ministers von Senfft
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        — 150 — 
nicht weiter zu solgen, habe gewissermaßen aufgeatmet, daß seine Ehrlichkeit 
nun nicht umgeworfen sei. Ehrlichkeit ging ihm über alles. Ehrlichkeit ist 
aber etwas so Seltenes, daß viele gar nicht verstehen, sich mit dieser aller- 
dings oft „sehr unpraktischen“ Tugend abzufinden. Und dieser Satz wiederum 
soll keinen Vorwurf gegen die Diplomatie enthalten, die oft anders zu rechnen 
gezwungen ist als der Gedankengang gewöhnlicher Sterblicher. Aus jenem 
soeben geschilderten Verhalten des vielleicht allzu ehrlichen Friedrich August 
glauben manche folgern zu sollen, derselbe habe blindlings und abergläubisch 
im Banne seines „großen Protektors“ gestanden. Das anzunehmen, wäre 
indessen ein Unrecht gegen den verehrungswürdigen Monarchen. Wohl aber 
läßt sich vielleicht die Frage aufwerfen, ob es nicht doch geraten gewesen 
wäre, die an sich so hochachtungswerte Ehrlichkeit des Menschen im äußersten 
Notfalle den weitschauenden Erwägungen des Herrschers zu opfern, der 
nicht allein an sich, sondern auch an seine Untertanen zu denken die 
Pflicht hat. Durch solche überlegungen soll aber kein Schatten auf das 
Andenken des Gerechten geworfen werden. 
Übrigens würde Napoleon, schon um der Abschreckungstheorie willen, 
seine Drohungen in der rücksichtslosesten Weise zur Ausführung gebracht 
haben und hätte unzweifelhaft ein entsetzliches Beispiel grausamster Rache 
gegeben. Welche Mutter würde ihr Kind, welcher Landesvater sein Land 
vor den eigenen Augen zerfleischen lassen, wenn dies zu verhindern nur 
einigermaßen im Bereiche der Möglichkeit liegt? Auch würde eine gegen- 
teilige Entscheidung des Königs an der später erfolgenden Landabtretung 
kaum etwas geändert haben. Preußen und Rußland hatten sich bereits 
lange vorher, nämlich im Vertrage zu Kalisch, darüber geeinigt, welches Los 
Sachsen treffen sollte. Hiernach war alles eroberte beziehungsweise „er- 
worbene“ Gebiet in Norddeutschland, Hannover ausgenommen, Preußen 
zugesprochen. Es fragt sich sehr, ob ein freiwilliger Anschluß eine Annek- 
tierung ausgeschlossen hätte. Die Auffassungen Kaemmels und Gretschels 
stehen hierin einander gegenüber. Wenn aber auch König Friedrich August 
sein gegebenes Wort, sein Fürstenwort, nicht brechen wollte, so war er doch 
weit davon entfernt, die immer mehr zunehmende Abneigung gegen die 
Franzosen zu tadeln. Trotzdem diese Gesinnungen und Gefühle — dem 
immer rücksichtsloser werdenden Auftreten der Franzosen entsprechend — 
in der an deren Seite zu kämpfen gehaltenen sächsischen Armee mit jedem 
Tage zunahmen, hielt sich der König auch inmitten dieser Strömungen und 
Brandungen der Treue seiner Soldaten versichert. Daß er dies konnte, 
daß der glühende Wunsch des Heeres, sich den Alliierten anschließen zu 
dürfen, mit ganz vereinzelten Ausnahmen dennoch und dennoch von dem 
unbedingten im Fahneneide gelobten Gehorsam gegen den Kriegsherrn im 
Zaume gehalten worden ist, das gereicht der Manneszucht des Ganzen wie 
der Selbstüberwindung des einzelnen zur unauslöschlichen Ehre. Der eigen- 
mächtige Üübergang des Majors von Bünau mit einem Bataillon des Regi- 
ments König auf Vorposten bei Oranienbaum fand allgemeine Mißbilligung;
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        — 151 — 
trotzdem daß jeder Angehörige des Heeres dieselben Wünsche hegte wie jene 
Kameraden, die trotz allem anzuerkennenden deutschen Patriotismus den 
Flecken auf sich geladen hatten, die Fahne ihres Herrn verlassen zu haben. 
Noch immer ist eben glücklicherweise, um mit Schillers Tyrannen zu 
reden, „die Treue kein leerer Wahn“. Und es muß mindestens auf Un- 
kenntnis aller soldatischen Gefühle beruhen, wenn diese oder jene Kritiker 
es nicht verstehen wollen, wie es möglich gewesen sei, daß die sächsischen 
Truppen trotz ihrer enthusiastisch deutschgesinnten Stimmung und trotz ihres 
mit jedem Tage schärfer hervortretenden Franzosenhasses nicht viel früher 
als in der allerletzten Minute zu den Bekämpfern ihrer Peiniger übergetreten 
sind. — Ja, meine Herren, vor deren Gelehrsamkeit ich die allergrößte Hoch- 
achtung empfinde: Diese ehrliebenden Soldaten und treuen Untertanen waren 
des Fahneneides noch nicht entbunden, den sie ihrem königlichen Kriegs- 
herrn geschworen hatten. Wie hart ihr innerer Kampf gewesen ist und wie 
schwer der Druck einer glücklicherweise selten vorkommenden Kollision der 
Pflichten auf ihren Gemütern lastete, als schließlich doch noch jener übergang 
vollzogen wurde, das geht aus den beklommenen und die Situation erklärenden 
Worten hervor, welche beizufügen ein jeder von denen für nötig gefunden 
hat, die als Augenzeugen oder Zeitgenossen über diese Episode berichten. 
Außerdem sagt General von Funk in seinen hinterlassenen Papieren, welche 
1829 veröffentlicht worden sind: „Die Sachsen verließen Napoleons Fahnen 
nicht, um sich von einem geliebten Landesherrn zu trennen, sondern in der 
festen Meinung, durch ihren Übertritt ihm und dem Vaterlande die Freiheit 
und die Freundschaft der Verbündeten zu erkaufen.“ Der aus dem General- 
stabe heraus schreibende Major von Cerrini aber berichtet auf Seite 325 
seines Feldzugwerkes folgendes: „Die in der Linie der Verbündeten an- 
kommenden Sachsen wurden mit Herzlichkeit, mit dem Feuer der Begeisterung 
als gleichgesinnte Brüder begrüßt, und die drei Monarchen, denen sich auf 
ihr Verlangen die sächsischen Kommandeure vorstellten, dankten einstimmig 
für diesen Beweis teutscher Gesinnung und versicherten, die sächsischen 
Truppen hätten dadurch ihr Vaterland gerettet, dessen Integrität nun un- 
angetastet bleiben solle.“ 
Die Bemühungen der Mächte, Napoleon zu einem angemessenen 
Friedensabschluß zu bewegen, waren an der Unersättlichkeit des „Welt- 
eroberers“ gescheitert, der trotz der in Rußland gemachten Erfahrungen 
seine Riesenpläne nicht aufgegeben hatte. Aber der Stern des „Cäsar" 
war im Verbleichen. Und sehr wohl kann das Zurückweichen des wider- 
willig aufbäumenden Schimmels, der bei dem verhängnisvollen Übergange 
über den Nyemen den Bezwinger von Millionen Menschen in den Ufer- 
sand geworfen hatte, als an die Drohungen der weisen Frau mahnend be- 
trachtet werden, die einst dem Drusus den Elbübergang wehrte Die zwei- 
tägige mörderische Schlacht bei Dresden, am 26. und 27. August 1813, 
gewährte der Feldherrenkunst Napoleons den letzten großen Sieg auf 
deutschem Boden; die dreitägige Völkerschlacht bei Leipzig am 16., 17. und
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        — 152 — 
18. Oktober, in deren Verlaufe man in der Stadt die Schleusen öffnen 
mußte, um nur das Blut — das Menschenblut! — abfließen zu lassen, gab 
die Entscheidung für seine Niederlage. 
König Friedrich August hätte vielleicht (aber durchaus nicht wahr- 
scheinlich) noch Milderung für sein und seines Volkes Los erreichen können, 
wenn er noch im letzten Momente vor Napoleons Abzug in der Mitte 
seiner Soldaten, die dies sehnlichst erhofften, zu den Verbündeten über- 
gegangen wäre. 110) Dann hätte auch der Übertritt desjenigen Teiles seiner 
Armee die Weihe der Legitimität erhalten, welcher diesen Schritt instinktiv 
(aber, wie schon erwähnt worden) ohne des Königs Einwilligung getan 
hatte. Das Urteil vieler geht dahin, Friedrich August hätte sich gar nicht 
nach Leipzig begeben dürfen. Er ward nun der Gefangene der Ver- 
bündeten und als solcher von einem Detachement Kosaken eskortiert, erst 
nach Berlin, dann nach Friedrichsfelde gebracht. (Später durfte er sich nach 
Preßburg begeben.) Seine Gemahlin die Königin, Prinzeß Auguste, Minister 
Graf Einsiedel und General von Zeschau begleiteten den greisen Monarchen. 
Sachsen war der allgemeinen Zerrüttung nahe und schien vernichtet. 
Das eine Jahr 1813 kostete dem armen Lande 67 Millionen Taler. Das 
häßlich-grausame Wort von Napoleons Kriegsintendanten Graf Darus, 
welches derselbe einst den um Milderung bittenden Pommern entgegen- 
schleuderte, hat seine Wahrheit behauptet: „Vous n'avez pas d’idee, 
Combien un peuple peut souffrir.“ Sachsen wurde unter das Gouverne- 
ment des russischen Fürsten Repnin gestellt und den Einwohnern ward er- 
klärt, der künftige Landesherr werde der König von Preußen sein. Die 
Kirchengebete für Friedrich August und sein Haus wurden verboten. Ob 
die Entscheidung des Wiener Kongresses, daß der größere Teil des König- 
reichs Sachsen (368 Quadratmeilen) an Preußen fallen solle, während nur 
ein Rest von 271 Quadratmeilen dem Könige verblieb, Warschau aber unter 
Preußen und Rußland geteilt werde, ein historisches Unrecht genannt werden 
könne, steht eines jeden Beurteilung frei. Vergebens hatte der Kabinetts- 
minister Graf Einsiedel in einer Note dargelegt, daß Sachsen nicht als er- 
obertes Land betrachtet werden dürfe, da der König nicht selbständig krieg- 
führend, vielmehr nur als Bundesgenosse ohne Freiheit gehandelt habe. 
Nach Unterzeichnung des Wiener Friedens zu Laxenburg, am 21. Mai 1815, 
kehrte der schwergeprüfte Fürst am 7. Juni desselben Jahres in sein Land 
zurück, wo seine Untertanen mit Tränen tiefster Wehmut und aufrichtigster 
Freude zugleich ihm einen ungemein herzlichen Empfang bereiteten. In 
Anbetracht der Umstände gestaltete sich derselbe zu einer außergewöhnlich 
110) Als Napoleon in der Frühe des 19. Oktober dem König den Vorschlag machte, 
ihn nach Weißenfels zu begleiten und von dort aus Unterhandlungen mit den Alliierten 
anzuknüpfen, entgegnete Friedrich August, er wolle bei seinen Truppen und bei seinem 
Volke bleiben und sich der Großmut und der Gerechtigkeit der Sieger anvertrauen. Hierauf 
erklärte Napoleon den König aller Verbindlichkeiten gegen ihn für entbunden und ritt ab, 
die Elsterbrücke hinter sich sprengen lassend.
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        — 153 — 
feierlichen und erhebenden Kundgebung der Treue und Anhänglichkeit. Tags 
darauf trat König Friedrich August durch seinen bevollmächtigten Gesandten 
von Globig dem Deutschen Bunde bei, zu dem sich, an Stelle des ehemaligen 
Reiches, die souveränen Staaten Deutschlands vereint hatten. 111) Die Rück- 
kehr König Friedrich Augusts kann zugleich als die Geburtsstunde sowohl 
der Nationalhymne „Den König segne Gott"“ bezeichnet werden, welche zum 
ersten Male am 5. Juni 1815 in dem ehemals Koselschen Garten gesungen 
worden ist, auf dessen Areal die jetzige Holzhofgasse sich erhebt, als auch der 
weiß und grünen Landesfarbe. Letztere, sowie das sächsische Wappen be- 
treffend, verweist Verfasser auf seine desfallsigen ausführlichen Abhandlungen 
im deutschen Adelsblatt und im Dresdner Journal. Hier sei nur noch an- 
geführt, daß König Friedrich August unterm 16. Juni 1815 die Einführung 
„einer Kokarde von weißer Farbe mit grünem Rande als Nationalkokarde" 
angeordnet hat und daß man hierbei an ein Hinzufügen des „Grün“ des 
über dem sächsischen Herzogsschild liegenden Rautenkranzes zu dem „Weiß“ 
der Kokarde denken kann, welche seit 1813 als Abzeichen für die Armee be- 
stimmt worden war. — Treffend und schön sagt Böttiger in Bezug auf 
Sachsen unter den napoleonischen Wirren: „der sächsische Staat glich einem 
Schiffe auf sturmbewegter See, bald hoch gehoben auf den Wellen, bald 
tief unten zwischen ihnen. Die gefährlichste Woge spülte den auf Gottes 
Schutz vertrauenden Steuermann vom Platze. Als er zurückgelangte, war 
der Sturm beruhigt, aber das Schiff lag entmastet und mitten durchgespalten 
in dem Hafen. Doch schon seine Wiederkehr schuf neuen Mut und im 
stillen Vertrauen auf den, der im Geben wie im Nehmen segnet, wurde, 
was übrig war, zum neuen Schiff gefügt.“ Die Freude der Untertanen, 
ihren König wieder zu haben, war rührend und stellte der ganzen Welt ein 
erhebendes Beispiel von wahrhafter Anhänglichkeit dar. Dieses schöne Be- 
wußtsein mag Friedrich August veranlaßt haben, den Tag seiner Rückkehr 
in die Heimat als den Stiftungstag eines von ihm zur Belohnung aus- 
gezeichneter Verdienste im Civilstande gegründeten Ordens, des Verdienst- 
ordens — ein entsprechendes Gegenstück zum rein militärischen St. Heinrichs- 
orden — zu bestimmen. Der Hausorden der Rautenkrone war 1807 ins 
Leben gerufen worden. 
Wie die Liebe seiner Sachsen, so standen dem greisen Könige, dem es 
noch vergönnt war, sein fünfzigjähriges Regierungsjubiläum und seine goldene 
Hochzeit feiern zu dürfen, die ehrenvolle Sympathie aller Völker und die 
Achtung aller Fürsten bis zu seinem Lebensende zur Seite. Die große 
Landesabtretung konnte naturnotwendigerweise nicht ohne einschneidendste 
Wirkung auch auf die militärischen Verhältnisse Sachsens sein, auf welche 
bezüglich übrigens die Bemerkung des Historikers Böttiger nicht unterdrückt 
1l) Dem im September 1815 von dem Monarchen Rußlands, Österreichs und Preußens 
persönlich gestifteten „heiligen Bunde“ trat, auf besondere Einladung des Kaisers von Ruß- 
land, der König von Sachsen am 14. Juli 1816 „um so bereitwilliger bei, als die in 
jenem Bündnisse ausgesprochenen Grundsätze stets die seinigen gewesen seien“.
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        — 154 — 
werden möchte, welcher objektive Schriftsteller in seiner 1827 erschienenen 
„Sächsischen Geschichte“ sagt: „Das sächsische Militär ist reich an hoch- 
gebildeten Offizieren, unter denen sich viele als Schriftsteller ausgezeichnet 
haben. Auch ist der Offiziersstand in Sachsen nie bloß eine Versorgung für 
den Adel gewesen.“ Die Armee, welche dem Kaiser Napoleon eine Kraft- 
zuwendung von rund 31 000 Mann gegeben hatte, wurde entsprechend re- 
duziert und nach der Bundesverfassung, nach welcher auf hundert Seelen 
der Bevölkerung der deutschen Staaten ein Mann zum Bundesheer gestellt 
werden sollte, auf rund 13 000 Mann gebracht. 112) 
Zu den inneren Regierungsmaßregeln des ersten Königs von Sachsen 
gehören u. a. die Errichtung der Heilanstalt für Gemütskranke auf dem 
Sonnenstein und der Forstakademie zu Tharandt sowie die Reorganisation 
der Bergakademie zu Freiberg. Alle diese Anstalten erhielten sehr bald 
einen Weltruf. Außer der prinzipiellen Gleichstellung der christlichen Kon- 
fessionen waren kurz vor des Königs Tode die Verhältnisse der Katholiken 
durch ein besonderes Mandat geregelt worden. Auf evangelischer Seite 
war — als eine Begleiterscheinung des für alles Glaubensleben so ver- 
hängnisvollen Rationalismus, dem in Dresden fast die gesamte Geistlichkeit 
huldigte — an Stelle der alten Agende Herzog Heinrichs vom Jahre 1539 
eine neue, dem Geiste jener von dem lebendigen Christentum entfremdenden 
Richtung, entsprechend angenommen worden. 113) Das Lehrerseminar in 
112, Ein neues Militärstrafgesetzbuch führte 1817 die Bildung einer ersten Klasse 
unter den Soldaten ein, d. h. eine Zusammenfassung der durch musterhaftes Betragen sich 
auszeichnenden Mannschaften. Für diese wurde die körperliche Züchtigung aufgehoben. 
Und da überhaupt angestrebt werden sollte, die körperlichen Schläge in moralische 
zu verwandeln, ward eine Militärstrafanstalt ins Leben gerufen. 
113) Hierbei möge erwähnt werden, daß das äußere kirchliche Leben ziemlich lange 
sich in den alten überlieferten Formen erhalten hatte und z. B. die dem Volke beziehungs- 
weise den Gemeinden als ein sichtbares Zeichen irdischer Verehrung des überirdischen ge- 
wissermaßen ans Herz gewachsenen Galatrachten, beziehentlich bunten stattlichen Meß- 
gewänder der für gewöhnlich im einfachen schwarzen Talar amtierenden Geistlichen beim 
Austeilen des heiligen Abendmahles noch bis in den Anfang des 19. Jahrhunderts in Be- 
nutzung waren. (Aus dem Inventar der Kreuzkirche zu Dresden verschwinden dieselben im 
Jahre 1799.) In Bezug auf das damals beliebte, gewissermaßen geschäftsmäßige, seines 
hohen, hehren Inhaltes entleerte Christentum, wie es die geistige Krankheit jener Zeit, der 
Rationalismus, predigte, sagt Pfarrer Flade in einem geschichtlichen Vortrage: „Das Volk 
freilich fühlte den inneren Mangel des Geistes, der ihm Vernunft für Glauben bot und 
suchte diesen Mangel durch eine gewisse rührsame Gefühlsseligkeit zu ersetzen.“ Auch die 
großen protestantischen Jubelfeiern (1817, 1830 usw.) schwelgten in solchen Gefühlen. 
Eigentümlicherweise war einerseits das Sonderbewußtsein des Protestantismus (z. B. auch 
dadurch, daß seit 1823 das Reformationsfest als ganzer Feiertag anerkannt war und daß, 
wie die Geschichtsschreiber sagen, „die Jubelfeier der Augsburger Konfession einen flammenden 
Protest gegen Rom darstellte“), geschürt und gewachsen, während anderseits gewissermaßen 
in der Praxis des Lebens der Gegensatz zwischen den Konfessionen erfreulicherweise zurück- 
trat und — um nur von jeder Seite ein Beispiel anzuführen, der apostolische Vikar 
Schneider unter seinen Zuhörern stets eine große Anzahl Lutheraner hatte, der Oberhof- 
prediger von Ammon aber im allgemeinen eine große Versöhnlichkeit gegen die Katholiken 
an den Tag legte.
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        — 155 — 
Dresden wurde segenbringend für die Volksschulen, und Bürgerschulen ent— 
standen in den Städten neben Gymnasien. Wie verschiedene andere In— 
stitutionen, hatte, den veränderten Verhältnissen entsprechend, welche durch 
die Landesteilung eingetreten waren, auch das Finanzkollegium Umwande— 
lungen erfahren und ward 1822 der junge Prinz Johann zum Eintritte in 
dasselbe berufen. In diesem Jahre errichtete Friedrich August als Ersatz 
für das an Preußen verlorene Soldatenknaben-Erziehungsinstitut zu Anna— 
burg, welches sich stets der besonderen Gunst der sächsischen Fürsten zu er— 
freuen gehabt hat, eine gleiche Anstalt in Klein-Struppen.14) Der Schule 
zu Annaburg war vor noch nicht zu langen Zeiten eine Fahne verliehen 
worden, an deren Stickerei die Kurfürstin höchsteigenhändig mit gearbeitet hatte. 
Am 5. Mai 1827, nach 77 jährigem Erdenwallen, ward König Friedrich 
Augusts Seele zur ewigen Heimat abgerufen. Das ihm zu Ehren im 
Zwingerhofe zu Dresden errichtete Denkmal spricht die Wahrheit aus, 
wenn es auf seiner Inschrift sagt: 
„Der Nachruhm des Gerechten bleibet ewig.“ 
Kulturgeschichtliches. 
V. 
Zertreten und geknickt liegt eine Rose unter dem Hufe des hengst— 
mäßigen Rosses, welches August den Starken trägt. — Wahrlich ein stumm 
beredtes Zeichen von tiefer unendlicher Tragik! 
„Le sang des roys ne souille pas.“ Welches Unheil hat dieser 
frivol-vermessene Ausspruch und Gedanke französischer Gewissenlosigkeit doch 
angerichtet. Mit derselben Willkür könnte man sagen: „Le fer des chevaux 
ne tue pas.“ Und es tötet doch! Es tritt in den Schmutz; es zerstampft, 
es vernichtet. — Arme gebrochene Rose. — 
Noch umwallt die Löwenmähne, die Staats= und Allongeperücke, das 
Haupt Augusts des Starken. Sie verlangte ein völlig glattes bartloses 
Gesicht, da der Bart den süßlich lächelnden Eindruck beeinträchtigt haben 
würde, welcher mit jenem Haaraufbau — den Geboten der Pariser Mode 
folgend — verbunden sein mußte. Infolge dieser vom Sonnenkönig 
ausgegebenen Parole blieb die Bartlosigkeit auch später noch und ziemlich 
lange höfische Observanz.1½) 
1#1) Dieselbe, aus welcher im Verein mit der Unteroffiziersschule zu Marienberg schon 
mancher gute Unterführer dem Heere und im weiteren Verfolge manch tüchtiger Beamter 
dem Staate erwachsen ist, hat neuerdings eine vollständig militärische Organisation erhalten, 
mit dem Major von Hausen als ersten Kommandeur. 
115) Der „vollendete“ Kammerdiener hat noch heute keinen Bart, wie vor hundert 
Jahren Kammerherr und Kammerjunker, Garde-Oberst und Schweizer-Kapitäne, Prinz 
und Minister.
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        — 156 — 
Vom Tode Ludwigs XIV. an verkürzt sich die große Staatsperücke, 
deren Länge eine ihrer Schönheiten gebildet hatte, zur immer kleiner werdenden 
sogenannten Stutzperücke. 
Um allem Streite vorzubeugen, welcher Haarfarbe der Vorzug gebühre, 
und weil man nicht mit Unrecht gefunden hatte, daß ein frisches Gesicht 
durch die Umrahmung weißer Haare besonders vorteilhaft gehoben werde, 
puderte man diese Perücke mit feinem Weizenmehl. Eine solche Perücke 
tragen mit Modifikationen die drei nächsten Nachfolger Augusts des Starken, 
sowie der zwischen denselben marschierende Schweizergardist. Noch Friedrich 
August der Gerechte trägt eine solche, wie sie durch den Militarismus und 
die Sparsamkeit Friedrich Wilhelms J. von Preußen entstanden war. Wie 
in alle Kreise, war die Perücke schon längst auch in diejenigen der 
Soldateska eingedrungen, in die Armeen, die sich um jene Zeit, nämlich 
am Ausgange des 17. Jahrhunderts, in allen Ländern zu festen Forma— 
tionen ausbildeten. Der spartanische Soldatenkönig in Potsdam, der ein 
Jahrzehnt nach dem Beginne des 18. Jahrhunderts den Thron bestiegen 
hatte, hielt — ganz gerechtfertigterweise — dieses Modestück in der Armee 
für zu teuer. Im Bereiche der engeren wie der weiteren Wachtparade 
sollte man mit seinem eigenen Haare auskommen. Langwallend indessen 
mußte dasselbe damals noch sein. Es wäre ein allzu kühner, für damalige 
Anschauungsweise gar nicht denkbarer Sprung und ein unerhörter Bruch 
mit allem, was für schicklich, recht und gut galt, gewesen, etwa durch die 
Schere Kürzungen haben vornehmen zu wollen. Der preußische Soldat sollte 
also lange eigene Haare haben. Dieselben durften aber im Dienste — auf 
dessen als „Gamaschendienst“ bekannte peinlich pedantische Ausführung es 
in erster Linie ankam — nicht stören. Der Ausweg war der, daß die 
vorn gelockten Haare zu einem langen Schweif nach hinten zusammen- 
gebunden wurden, welcher die gleichmäßig weiße Farbe des Mehlstaubes 
oder Puders zeigte. So entstand auf märkischem Boden der Zopf, welcher 
ein ebensolches Sinnbild für pedantische Kleingeisterei, Haarspalterei und 
Knöchelei, sowie für eine in Maß und Ziel weit überschraubte Hyper- 
Genauigkeit geworden ist, wie es die große aus Versailles stammende 
Allongeperücke für Dünkel und Aufgeblasenheit gewesen war. Schließlich 
wurde der Zopf nicht nur lose gebunden, sondern — zur Herbeiführung 
einer unbedingten Genauigkeit und Übereinstimmung aller Soldatenköpfe 
eines Regimentes — zu einer in Dicke und Länge nach dem Zollstab gemessenen 
gleichmäßigen steifen Leine gewichst. Dieser eklatante Ausdruck eines lediglich 
im Gleichtritt der Grenadiere wie der Ideen und im festgesetzten Taktschlag 
öder Nüchternheit der Anschauungen sein Genüge findenden Systems 
gelangte ebenso in natura wie in übertragener Bedeutung bald auf allen 
Gebieten des Lebens zur Geltung. Vom gemeinen Soldaten ging der 
Zopf auf den Offizier und dessen — des gesellschaftlichen Ansehens wegen 
noch immer beibehaltene — künstliche Perücke über. Auf den Köpfen 
der im „Drill" steckenden Kornets und Junker, die dereinst als Obersten
        <pb n="175" />
        — 157 — 
und Generale dem großen Friedrich die Schlachten schlagen sollten, kämpfte 
die Haartracht einen heißen Kampf zwischen Eitelkeit und Pflichtgefühl, 
Freiheit und Unterwürfigkeit.11) 
Der König selbst, Friedrich Wilhelm, trug eine Zopfperücke, und so 
drang dieselbe auch in die bürgerliche Sphäre seiner getreuen Untertanen 
ein, während die Hofgesellschaft, am Französischen haftend, dieser Haartour 
Opposition machte. Der steife Zopf des Exerzierplatzes war so gar nicht 
nach Sinn und Geschmack der Allüren des Parketts. 
Diese Gegensätze machten sich bald in allen Ländern geltend. Das 
galante Franzosentum half auch dieser Not ab und sein Auskunftsmittel 
wurde alsbald wieder eine Zierde der Eleganz. Es steckte die zurück- 
gestrichenen Haare in ein zierliches seidenes Säckchen, versah dasselbe mit 
einer schönen großen Schleife und erfand solchergestalt den Haarbeutel. 
Alle diese Arten der Kopftracht, Zopfperücke, Beutelperücke und Zopf- 
frisur des eigenen Haares wurden weiß gepudert, mit und ohne Beihilfe 
von Pomade wohlriechender und nicht wohlriechender Art. Mode, Un- 
selbständigkeit und byzantinische Gefallsucht standen gleich Bütteln mit dem 
Stocke herrisch und gebieterisch auch hinter denjenigen, welche nach mensch- 
lichen Begriffen selbst Herren und Gebieter waren, das hatte Ludwig XIV. 
zu seiner Genugtuung beobachten können. Das galt auch jetzt wieder, 
und zwar bei „Civil“ wie bei „Militär". Für die gesteiften und ge- 
puderten Zöpfe der Soldaten auch in Sachsen wurden sorgsam Ausschnitte 
in den Holzpritschen der Wachtstuben angebracht. Denn es würde den 
Wert selbst des sonst tüchtigsten Vaterlandsverteidigers um ein ganz be- 
deutendes herabgesetzt haben, wenn sein Zopf ihm nicht nach allen Detail- 
Vorschriften des Reglements „hinten gehangen“ hätte. Aber selbst eine 
solche „Idealerscheinung“ des Kriegerstandes wurde ab und zu (zum Bei- 
spiel des Nachts) von gerechtfertigter Müdigkeit befallen und mußte dann 
ruhen können ohne das zu „ramponieren“", was ihn zum „ganzen Mann“ 
machte. Das Zopfflechten bildete einen mit Ernst betriebenen Dienstzweig. 
Und wenn zur Zeit des Höhepunktes der Zopf-Manie eine feindliche 
Armee die andere etwa in derjenigen Morgenstunde anzugreifen sich unter- 
fangen haben würde, welche allgemein und international dem „Zopfen“ 
und „Pudern“ gewidmet war, so wäre der Anführer derselben als Ver- 
116) Schließlich behielt jenes unsichtbare Etwas der Selbstlosigkeit die Oberhand, dessen 
Geist Voltaire so treffend zeichnet, wenn er sagt: 
„Aimer Son roy, la gloire et la patrie, 
Sacrifier Son bien, Sa santé et sa vie; 
Tourmenté par des fous, chicanné pour un rien — 
Voild le vrai portrait d’'un officier prussien.“ 
Und wenn auch dieses von dem „Ober-Affen Seiner Majestät in Sanssouci“ verfaßte 
Epigramm erst ein Menschenalter später geschrieben sein mag, so zeichnet der geistvolle 
Franzose in demselben doch nicht nur die eine Generation, sondern den Geist der Auf- 
opferung, Pflichttreue und Genauigkeit der vorher wie nachher im preußischen Offizier- 
korps geherrscht hat, obwohl sein Lob in erster Linie die Offiziere Friedrich des Großen trifft.
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        — 158 — 
räter an der Menschenwürde und als Barbar gegenüber den guten Sitten 
allgemeiner Verachtung anheimgefallen. 1 
Bei weitem mehr noch als die Allongeperücke bedurfte die gepuderte 
„Stutzfrisur", sei es von künstlichen, sei es von eigenen Haaren zurecht 
gestutzt, mit ihren „Taubenflügeln“ und „Vergetten“, d. h. den sanft ge- 
kräuselten Haarwellen an den Schläfen, vorsichtigster Schonung. 
Der Hut, der bereits bei dem zuerst aufgekommenen Haargebäude 
welches den Kopf bedeckte, als Kopfbedeckung logischerweise überflüssig 
erschienen hatte und mehr zum Staat aufgesetzt worden war, wurde von 
„feinen“ Herren nun ganz in der Hand gehalten, um den Haarputz nicht 
zu „troublieren“. 
Den großen breitrandigen Schlapphut des dreißigjährigen Krieges 
hatte man, teils um ihm ein keckeres Aussehen zu geben, teils um hand- 
licher zu sein, schon zu den Zeiten des Beginnes der Löwenmähne eine 
Krempe umgeschlagen. Dieser einen Seite der Krempe war dann die andere 
gefolgt, auch hatte der Hut selbst an Größe bedeutend abgenommen. Nun 
bog man auch die dritte Seite um und der klein und zierlich gewordene 
Hut — mit um den Mittelpunkt herumgelegten Federwerk (plumage) 
anstatt der früher lang herabwallenden Einzelfeder, begleitete die Häupter 
mehr zur Zierde als daß er dieselben bekleidete. Immerhin aber war 
dieser Hut doch mitunter als Hut benutzt und aufgesetzt worden. Die 
neue Frisur des achtzehnten Jahrhunderts verlangte indessen, wie schon 
kurz erwähnt, die subtilste Schonung, damit nicht der Schmetterlingsstaub 
des Puders verwischt oder gar die zarte Vergette gedrückt werde. Auf- 
gesetzt konnte mithin der Hut nicht werden, ohne in die schwierigsten Kon- 
flikte mit der Unverletzlichkeit des toupées zu geraten, die zwar dem 
Offizier und Soldaten weniger, dem Hofmann aber um so mehr als heilig 
galt. Da die eine Hand des jungen wie des alten „Elegants“ den un- 
entbehrlich gewordenen Stock aus dickem spanischen Rohr mit obligatem 
Gold= oder feinem Porzellan-Knauf führte, die andere aber jederzeit frei 
sein mußte, um den Geboten der Galanterie folgend, die Fingerspitzen 
einer Dame, wenn einer solchen begegnet wurde, zart zu berühren, so wurde 
der Hut unterm Arme getragen. Damit dies nach Möglichkeit so bewerk- 
stelligt werden konnte, daß auch der Hut seinerseits nicht Gefahr laufen 
brauchte, zerdrückt zu werden, ließ man die Aufbiegung der einen Krempe 
wieder weg und machte ihn zweiseitig. So drückte er sich flach zusammen. 
u9 In der Tat liegt gar kein geringer Teil des Geheimnisses des Erfolgs — wie 
hier im kleinen, so anderswo im großen Maßstabe — in der Fähigkeit und gewissermaßen 
Rücksichtslosigkeit, sich über Schranken hinwegzusetzen, die moralisch durchaus nicht solche 
sind, sondern nur von der Pedanterie der Menschen und in der Einbildung derselben zeit- 
weise mit einem Scheine von Wichtigkeit und Unverletzlichkeit umgeben werden. Man denke 
als Beispiel nur an das katzenartige Vorspringen der in Plänklerketten und Tirailleurlinien 
aufgelösten republikanisch-laiserlichen voltigeurs Napoleons gegenüber den abgemessenen 
Schritten ihrer in Kolonnen vorgehenden Gegner, welche sich nicht sobald von dem Marsch- 
tempo emanzipieren konnten, welches bei Torgau üblich gewesen war.
        <pb n="177" />
        — 159 — 
Schließlich nahm die vielgeprüfte Kopfbedeckung die dreispitzige Form an 
und statt der Plümage ward sie mit Tressen und Borden besetzt. 
Es wäre unverzeihlich, wenn nicht im Anschluß an den Zopf, diesen 
zum Sinnbilde starrer Pedanterie gewordenen Wahrzeichen einer ganzen 
Zeitepoche, die Gamaschen erwähnt würden, die im Volksmunde als 
Zwillingsgeschwister des reglementsmäßigen Soldatendrilles gelten. 
„Gamaschendienst, Gamaschengeist, Gamaschenheld“ sind Bezeichnungen, 
die sich mit dem heutigen Ausdrucke „Kommiß“ vollständig decken. Sie 
stigmatisieren eine Art oder vielmehr Unart des militärischen Wesens, die 
bei untersubalterner Auffassung gegebener Bestimmungen und beschränkter 
Buchstabenknechtschaft der Auslegung von Vorschriften oft zwecklos bis aufs 
Blut peinigen. Derartige mißverstandene Auffassungen sind es, die dann 
bisweilen Ausübungen verlangen, welche zwar an sich und in wohlverstandenem 
Maßhalten der Disziplin, der Ausbildung und der Schlagfertigkeit der 
Armeen zum allergrößten Segen gereichen, in ihrer Unnatur aber recht häufig 
das gerade Gegenteil bewirken. 
Mit dem Ende des dreißigjährigen Krieges, bei dessen Friedensver— 
handlungen alle Beteiligten, Diplomaten, Gelehrte und allerhand Leute, die 
niemals ein Pferd zu besteigen Veranlassung gehabt hatten, der Mode zu 
Liebe gestiefelt und gespornt erschienen waren, kam der wehrhafte Stiefel 
nach und nach ab. Je mehr sich friedliche Regungen wieder bemerkbar 
machten, um so mehr gelangten Schuh und Strumpf zu erneutem Ansehen. 
Schnallenschuhe und Eskarpins, Seidenstrümpfe und kurze Sammethöslein 
erreichten an der Grenzscheide des 17. und 18. Jahrhunderts, unterstützt 
von den Höfen und deren gezierter Manieriertheit, den Höhepunkt ihres 
Daseins. Auch muß unumwunden zugestanden werden, daß durch die hier- 
durch erreichte Gliederung, die Bekleidung der Beine — sofern dieselben 
selbst weder nach X&amp; noch nach O abweichen — einen eleganten, künstlerisch 
wohltuenden Anblick gewährte. Von dem heute beliebten, bis zum Exzeß 
unschönen Röhrensystem der ganzen Kleidung sticht jene auf das vorteil- 
hafteste ab. Bei den Armeen war der Stiefel wieder in den alleinigen 
Besitz der Reiterregimenter zurückgegangen, während die Fußtruppen gleich 
der übrigen Menschheit mit Schuhen und Strümpfen angetan waren. Die 
Friedfertigkeit dieser zu Salonstücken gewordenen Gegenstände ließ aber 
seiner nicht spotten und schickte sich an, das Schlimmste zu begehen, was 
es gibt — Gehorsamsverweigerung vor dem Feinde. Es wiederholte sich 
eine Erscheinung, die schon vor Jahrhunderten einmal sich bemerkbar gemacht 
hatte. Denn sowie der Grenadier oder irgend einer seiner Kameraden 
aus dem Bereiche seines Schilderhauses heraustreten mußte und auf Märschen 
den Einflüssen der Witterung sowie der oft äußerst ungünstigen Boden- 
verhältnisse sich ausgesetzt sah, ergab es sich zur Evidenz, daß sotane Art 
von Unterzeug für ernstere Unternehmungen weit mehr ein Hinderungs- 
als ein Schutzmittel war. Es wurde daher — in etwas an die Lands- 
knechtszeit erinnernd — teils von Leder, teils von Tuch oder fester Lein-
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        — 160 — 
wand ein abnehmbarer Überzug hergestellt, der über Schuh und Unterbein 
geknöpft, das Eindringen von Fremdkörpern sowie andere Unzuträglichkeiten 
verhinderte. 
Auf dem Sgraffitogemälde werden Gamaschen von dem Grenadier 
getragen, dessen hohe (der noch höheren preußischen nachgebildete) Blechmütze 
zweierlei Zwecken diente. Erstens erhöhte sie den Eindruck der Größe des 
Mannes („langer Kerl“ genannt), und welcher Wert, insbesondere vom preu- 
ßhischen Könige, auf solche Erscheinungen gelegt wurde, ist bekannt genug. 
Sodann war die Form dieser Blechhaube oder Grenadiermütze (im Gegensatz 
zu dem in der Breite ausladenden Hute) der Armbewegung beim Werfen 
der Handgranaten nicht hinderlich. In Sachsen wurden diese Grenaden- 
werfer oder Grenadiere, welche bis dahin zwischen den mit Musketen Be- 
waffneten oder Musketieren vermischt gestanden hatten, im Jahre 1722 
zu eigenen Kompagnien formiert, die im Bedarfsfalle zu Grenadierbataillonen 
zusammengefaßt werden konnten. Das heraldische Abzeichen eines schwarzen 
Adlerfluges, auf dem Rockärmel angebracht, kennzeichnet den hier zur Dar- 
stellung gelangten Grenadier als einen Herrn von Kyaw. Hier möchte 
eine Bemerkung eingeschaltet werden, die hinfort beim Betrachten des 
Fürstenzuges Berücksichtigung finden muß. Mit dem Erlöschen der per- 
sonellen, dem Individuum freigestellten Tracht des Mittelalters und dem 
Umsichgreifen eines uniformen Schablonen = Kostüms, beziehentlich einer 
dienstlich vorgeschriebenen Armeekleidung, wird das äußerliche Anbringen 
von Geschlechtswappen immer seltener und schließlich zur Unmöglichkeit. 
Es wächst daher auch für den darstellenden Maler die Schwierigkeit, diese 
Familienabzeichen, die sich gewissermaßen auf den Siegelring des Trägers 
gerettet haben, an geeigneten Stellen erscheinen zu lassen. Daß die 
Familie von Kyaw — eines der ältesten und angesehensten Geschlechter 
der Lausitz, von welchem Friedrich und Peter 1396 lebten, Friedersdorf, 
Gießmannsdorf und Lohsa innehabend — gerade an dieser Stelle, un- 
mittelbar hinter August dem Starken ihren Platz gefunden hat, ist sehr 
geschickt gewählt. Denn die lustigen Einfälle und schnurrigen Erzählungen 
des Generals von Kyaw, der unter diesem Kurfürsten beinahe zwanzig 
Jahre lang Kommandant der Felsenfestung Königstein war, haben seinem 
fürstlichen Herrn und dessen Umgebung allzu große Erheiterungen gebracht, 
als daß dies in Vergessenheit geraten dürfte. Ja, der allezeit schlagfertige, 
oftmals scharfe Witz und der niemals versiegende, vielfach mit ernsthaften 
Ratschlägen politischer Natur verbundene Humor dieses Kavaliers haben 
denselben im Volksmunde sogar als eine Art Hofnarr fortleben lassen, 
was er — der kurfürstliche Generalleutnant — selbstverständlich nicht 
gewesen ist. 
Die vielfach ineinander verschmelzende Krieger= und Hofmanns-, Feld- 
und Salon-Tracht altfranzösischen Stils ging immer mehr in die vom 
preußischen Militarismus beeinflußte Gewandung über, auf welcher im all- 
gemeinen die gesamte Art unserer heutigen Kleidung basiert. Bevor von
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        — 161 — 
dieser Wandlung gesprochen werden soll (an der Hand der auf dem Fürsten— 
fries vorkommenden Erscheinungen), möge die Figur des Schweizergardisten 
gerade dieses Umstandes wegen Erwähnung finden, denn sie gehört keiner 
von beiden Richtungen an. Die Tracht dieser speziellen Haustruppe sollte 
die der alten Rütlimänner imitieren; bei den Offizieren derselben ward 
dem Zeitgeschmack etwas mehr Rechnung getragen. 1½) 
Wie die Leibkürassiergarde, das jetzige Gardereiterregiment und die 
Garde du corps, aus den Trabanten zu Roß (der sogenannten „Hoffahne 
der Einspännigen"), so war die Schweizerleibgarde in Sachsen aus den 
Trabanten zu Fuß der ältesten Zeiten des Söldnerwesens hervorgegangen. 
Als ältester nachweisbarer Hauptmann der kurfürstlichen Fußtrabanten er- 
scheint ein Herr von Zaunmacher, welcher im Jahre 1579 gleichzeitig zum 
Kommandanten von Dresden ernannt wurde. Auf dem Fürstenzuge wird 
der Schweizer dargestellt von einem Herrn von Globig, dessen Wappenschild 
(drei Schilfgloben) an der Agraffe des Hutes angebracht ist. (Conradus 
de Globecke, miles, lebte 1290; anno 1359 ward Andreas von Globyc 
mit dem Burglehen zu Pirna belehnt.) 
Der Löwe von Luzern, in seiner tief ergreifenden Trauer, wacht voll 
stolz majestätischer, von Herzeleid durchtränkter Wehmut zwar nur über den 
Namen derjenigen Schweizer nationaler Geburt, die in aufopferndem 
Heldenmute ihr Leben vor den Gemächern des unglücklichen Königspaares 
von Frankreich gelassen haben. Aber, wenn Gott es gefügt hätte, die an 
Elbe und Saale geborenen Schweizergardisten in Sachsen auf eine gleiche 
Probe zu stellen, so würden sie, wie alle sächsischen Truppen, deren Treue 
und Tapferkeit schon längst auf ungezählten Schlachtfeldern zur historischen 
Tatsache geworden ist, unzweifelhaft sich in eben derselben Weise aufgeopfert 
und bewährt haben. — Noch einmal muß auf Ludwig XIV. zurückgegriffen 
werden. So wenig groß dessen menschlicher Charakter war, so ist dieser 
König doch ein großer Monarch gewesen; als solcher aber der Ausgangs- 
punkt der verschiedensten Einrichtungen und Veränderungen auf vielen Ge- 
bieten. Und wenn auch das Gebiet des Trachtenwesens kein welterschütterndes 
118) Aus dem Umstande, daß das Offizierkorps der Schweizergarde nach den auch 
bei der Arcierengarde in Wien, den Hartschieren in München, den Monteros in Madrid 
und der Nobelgarde in Rom geltenden Grundsätzen gebildet, stets ein außerordentlich kleines 
gewesen ist, mag es kommen, daß, während andere Waffengattungen und ihre Uniformen 
vielfach in Gestalt von Einzelporträts bildnerisch verewigt sind, Bilder von Schweizer- 
Offizieren zur größten Seltenheit gehören. Außer einem ziemlich undeutlichen Miniatur- 
porträt der Armeesammlung des Generals von Wurmb existieren nur zwei diesbezügliche 
Gemälde. Das eine stammt aus dem Pinsel des als Spezialkenner altsächsischer Unifor- 
mierungen weit geschätzten Historienmalers Gustav Müller, Inspektors der Königlichen 
Gemäldegalerie, welcher durch seine grundlegenden Darstellungen der intellektuelle Urheber 
der sächsischen Militärtypen ist, die unter der sachkundigen Hand des Majors Otto Müller 
auf der Pariser Weltausstellung im Auftrage des Kriegsministeriums ausgestellt, gerechtes 
Aufsehen erregt haben. Ein anderes Schweizer-Porträt hat die Malerin Scholz-Plagmann 
geschaffen. 
11
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        — 162 — 
ist, so haben doch von jeher die Trachten, als zuerst sichtbare Äußerungen 
der Art, in welcher die verschiedenen Völkerschaften in die Erscheinung ge- 
treten sind und auf der Bühne der Weltgeschichte operierten, ihre sympto- 
matische Geltung gehabt. Ludwig XIV. war ein eben solcher König des 
Hofes, der Intrigue, der Uppigkeit und Pracht, wie ein solcher der Staats- 
kunst, der weitgehendsten und weitausschauendsten Pläne, der Eroberungen 
des Feldlagers und der Armee. Ludwig XIV. ist es vor allem, durch 
den der bis dahin noch immer recht willkürlichen Tracht der zu regulären 
Soldaten gewordenen Krieger der Kleidung innerhalb der Armeen — der 
Uniform — ein bestimmtes Gepräge gegeben worden ist. Dann aber, rück- 
wirkend, war er es auch, der diese Kriegertracht hoffähig machte. 
In sämtlichen europäischen Ländern (mit alleiniger Ausnahme Spaniens) 
hatte sich, trotz allen Wirbelns und Drehens verschiedenartigster Sitten, 
Gebräuche und Kleidungen, doch auf dem tiefsten Grunde, gewissermaßen 
der Volksseele — bei den ehrlichen Landleuten in deren, vom großen Ver- 
kehr weit abgelegenen Dörfern und Tälern — ein, auch im Außeren zur 
Geltung kommendes „Festhalten am alten“ bewährt. So hatte sich die 
Schaube, das allgemeine Ehrenkleid des späteren Mittelalters, von den 
Kemenaten und Ratsherrenstuben aufs Land gerettet und wurde hier fort 
und fort weiter getragen. Natürlich ging das nicht ohne kleine Anderungen 
da oder dort, welche durch Lebensgewohnheiten oder Nützlichkeitsrücksichten 
eingeführt wurden. Jedenfalls aber, und das ist die Hauptsache, wurde 
aus der Schaube der lange Bauernrock, das Staats= und Kirchenkleid des 
Landmannes, das Hauptstück von dessen Festtagsschmuck. 
Als die großen fortwährenden Kriege ein immer größeres Menschen- 
material absorbierten und immer weiterer Ergänzungen desselben bedurften 
— so daß schließlich die Werbetrommel am Ende ihrer Weisheit ankam, 
weil keine kriegslustigen Leute in genügender Menge mehr vorhanden 
waren —, da griff man, ausgerüstet mit neuen Gesetzesparagraphen, welche 
die Einstellung genügenden Menschenmaterials in die Reihen der königlichen 
Regimenter verfügte, auch auf die Söhne der ansässigen wohlhabenden 
Landleute. Diese aber traten — eine ungleich wertvollere, bessere und 
sozial angesehenere Art von Rekruten als die bisherigen Wildfänge der 
Landstraßen — in ihren Sonntagsröcken vor die gestrengen maires und 
die autokratischen Herren Kommissare des noch autokratischeren Königs, 
welche ihrerseits hoch erfreut waren, einen quantitativ wie gqualitativ so 
guten Fischzug gehalten zu haben. Die Bekleidungsart dieser gern gesehenen 
Rekruten — welche zwar Ordre parieren mußten, denen man aber gern 
etwas Gutes antat und denen man vor allen Dingen (der Not gehorchend, 
nicht dem eignen Triebe) bemüht war, das Heimweh im Keime zu ersticken —, 
der „Bauernrock“, gab nun die Grundlage zur weiteren Uniformierung. 
Man dekorierte denselben mit blanken Knöpfen von Metall und goldenen 
wie silbernen Tressen; auch wurden verschiedenfarbige, die Truppenteile 
unterscheidende Abzeichen an ihm angebracht, der in seinen Grundfarben
        <pb n="181" />
        — 163 — 
(der Provinzialzugehörigkeit seines Trägers entsprechend) selbst schon ver— 
schieden war. Die Exaktheit im Gebrauche der Hand-Feuerwaffen, und 
demgemäß eine möglichst intensive gleichmäßige Ausbildung mit denselben, 
war um diese Zeit zu einer sich stetig steigernden Anforderung geworden. 
Um aber die Gewehre und deren Mechanismen geschickt handhaben zu 
können, die sich zu Flinten entwickelten, als das Steinschloß aufkam,!!) 
mußte dafür gesorgt werden, daß das Feingefühl der Hände mehr noch 
als sonst gebrauchsfähig bleibe. Aus dieser — von der unerbittlichen 
Praxis diktierten — Rücksicht wurden, um die Möglichkeit zu haben, die 
Hände beispielsweise vor Frost zu schützen, die Ärmel so lang gemacht, daß 
man dieselben für gewöhnlich nicht anders als umgeschlagen oder auf- 
geschlagen tragen konnte. Hierdurch ist der Ärmelaufschlag entstanden. 
Nachdem nun der Bauernrock mit seinen notwendig gewordenen Mo— 
difikationen als Grundtypus der Uniform eingeführt war und mithin auch 
von den Offizieren getragen werden mußte, stand man vor der Notwendig- 
keit, ihm eine gewisse Eleganz zu verleihen, aus dem einfachen Grunde, 
weil die Offiziere den Hofkreisen angehörten. Diese Kavaliere ihrerseits 
wollten ihr reich gesticktes, meist enganliegendes, aus dem Koller ent- 
standenes Wams — an dessen Halsausschnitt jetzt Halstuch und Spitzen= 
jabot um den Vorrang stritten — nicht ohne weiteres aufgeben. So zogen 
sie den langen (der altklassischen Tunika nicht unähnlichen) Rock über das- 
selbe, ihm hierdurch vorübergehend den Charakter eines Mantels verleihend. 
Aus jenem Unterwams entstand allmählich die Weste, die in ihren An- 
fangsstadien eine verhältnismäßig bedeutende Länge und immer noch das 
Aussehen eines selbständigen Oberkleides hatte. Sehr spät erst wurde sie 
kurz und erhielt den Stempel ihrer Degradierung dadurch, daß zu ihrem 
Rückenteil (weil derselbe nun definitiv unsichtbar geworden war) minder- 
wertiger Stoff genommen ward. Zur standesgemäßen Ausputzung des vom 
feldmäßigen Soldatenrock zum salonfähigen Offiziersanzug avancierten Klei- 
dungsstückes — des Rockes — taten Verschnürungen und Verzierungen 
das ihrige und — in kluger Berechnung wie genauer Kenntnis aller ein- 
schlagenden Verhältnisse — war die Staatsrobe fertig geworden. 
Der Kulturhistoriker Falke nennt mit sehr großem Rechte diese, mit 
allem Pomp und allen Finessen aufs reichste und schönste ausstaffierte 
Robe Ludwigs XIV.: „ein Prunkstück sondergleichen und doch bemit- 
leidenswert armselig im Vergleich zu der alten breiten und doch so stolzen 
Pelzschaube der Reformationsperiode“. Eine Art Rückwirkung wiederum der 
Staatsrobe auf Bürger= wie Soldatenrock wurde Justaucorps genannt. 
Derselbe gewann wesentlich an Taille und legte seinen Schwerpunkt außer 
auf die „fast“ übertrieben reiche Stickerei, in die Patten und ungeheuerlich 
angewachsenen Aufschläge. Aus letzteren heraus lugte, wie ein Seiden- 
  
119) Um die Mitte des 17. Jahrhunderts war das Steinschloß mit seiner Batterie er- 
funden worden und begann die älteren Systeme des Rad= und Schnappschlosses zu verdrängen.
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        — 164 — 
pintscherchen aus der Hütte eines großen Kettenhundes, die vielfach mit 
Ringen besteckte Hand. Weite faltige Spitzen-Manschetten trugen das 
ihrige dazu bei, die Hand recht klein und zierlich erscheinen zu lassen, 
welche den alten guten Charakter der „biederen Rechten“ nur allzu häufig 
als etwas Überwundenes abgestreift hatte. Zwischen den Fingern begann 
man die Tabatière zu führen, und der immer zierlicher werdende Stock 
von glattem Bambusrohr mit goldenem Knaufe oder kostbarem Porzellan= 
griff hing an einer seidenen Quastenschnur von ihnen herunter. Auf den 
Galaroben erschienen nun nach und nach und zwar zumeist in hervor- 
ragend künstlerischer Weise, nicht ohne Benutzung von Brillanten und 
sonstigem Edelgestein, die Ordensinsignien eingestickt, welche ethisch wie 
materiell gleich wertvoll, teils durch Gunst verliehen, teils durch Verdienst 
erworben wurden, vielfach aber auch nur ein Zeichen äußerlicher Art dafür 
waren, daß in den Adern des betreffenden „Funkelnden und Strahlenden“ 
fürstliches Blut rolle. Als dergleichen Orden sind hauptsächlich außer dem 
englischen Hosenbandorden und dem burgundisch-habsburgischen vom Golde- 
nen Vließ anzuführen: der französische Orden vom Heiligen Geist, der 
dänische Elefantenorden und der polnische Weiße Adlerorden.120) 
Wie von Frankreich ausgehend der lange und weite Soldatenrock 
durch allerhand Verzierungen sowie Anderungen im Schnitt zum Hof= und 
Staatskleide der männlichen Welt erhoben worden war, so machte sich im 
Norden von Deutschland eine Strömung geltend, welcher es in den letzten 
Folgerungen ihrer Konsequenzen gelungen ist, dem aus den praktischen 
Bedürfnissen der berittenen Truppen heraus entstandenen — Frack eine 
Siegeslaufbahn zu eröffnen, die (leider) noch heute nicht zum endgültigen 
Abschluß gekommen ist. „Leider“, denn der „Frack“, in Wahrheit das 
„Vrack“ eines Rockes, ist tatsächlich mit der Zeit zu einem Angstgestell 
herabgesunken. 121) Beim Dienst zu Pferde hatte von Anbeginn der Ein- 
führung des militarisierten Bauernrockes an, die Länge desselben erheblich 
gestört. Erst heimlich und unerlaubt, dann öffentlich und durch Reglement 
geordnet, waren die Schöße dadurch unschädlich gemacht worden (und das 
Hindern derselben beim Reiten in Wegfall gekommen), daß man sie nach 
außen umklappte und mit Haken oder Knuöpfen befestigte. Bei anders- 
farbigem Unterfutter tat dieses Umschlagen auch fürs Auge eine gute 
Wirkung und, mit der Farbe des Armelaufschlages in Einklang gebracht, 
bildeten die solchergestalt umgeschlagenen Schöße eine willkommene Be- 
120) Der Kostspieligkeit wegen und wohl auch infolge der mit der Zeit stark überhand- 
nehmenden Ordensverleihungen hat diese Art der Kunststickerei, d. h. das Einsticken von 
Ordensinsignien auf Rock oder Frack allmählich mehr und mehr abgenommen. Heutigen 
Tages erinnert außer den Investiturmänteln der hohen Verdienstorden (Schwarze Adler u. s. w.) 
wohl nur noch das Anheften des Linnenkreuzes der Johanniter an diese innige Vebindung 
der Dekoration mit dem durch sie zur Ordenstracht erhobenen Kostüm. 
121) Jähns leitet ihn ab von dem englischen „frock“, was ursprünglich einen Stall- 
kittel bedeute.
        <pb n="183" />
        — 165 — 
reicherung der Regimentsunterscheidungen. Bald gewann man Freude an 
dem neuen Kleidungsstück, dessen Hinterenden man schließlich gleich von 
Hause aus vorschriftsmäßig umgebogen anfertigte. — Es entstand der Frack. 
Und obgleich dies nicht unbedingt notwendig gewesen wäre, wurde der— 
selbe doch der Gleichmäßigkeit wegen auch beim Fußvolke eingeführt. 
Diese rein dem Militarismus entsprungene Tracht mit ihrem schwalben— 
schwanzartigen Ansatz fand — durch zwei Faktoren unterstützt — überall, 
schließlich auch in nichtmilitärischen Kreisen Verbreitung. Ja, dieses zum 
Unkraut gewordene Gewächs, der Frack in seiner monotonen schwarzen 
Farbe, beherrscht — seitdem sein farbiger Bruder im Prinzip von den 
Armeen fallen gelassen worden ist — alles, was mit dem modernen Namen 
„Civil“ in irgendwelcher Verbindung steht: Standesbeamten und Bräutigam, 
Kandidaten und Professor, Oberkellner wie Volksredner, Minister wie 
Jubilar, Gast wie Gastgeber, Trauernde und Fröhliche. 
Ebenso wie die Siege Friedrichs II. von Preußen und der Kriegsruhm 
dieses Königs die Runde durch Europa machten, ebenso fand das an sich 
zwar recht lächerliche und an das „Räuspern und Spucken“ des Jägers 
in Wallensteins Lager erinnernde, aber in ähnlicher Weise auch später gar 
oft wiederkehrende Bestreben Widerhall, die Uniform dieser siegreichen Armee 
anzunehmen. (Man denke nur an die roten Hosen von Solferino.)1½2) 
Sodann aber fiel die Tatsache schwer in die Wagschale, daß der 
Preußenkönig, so sehr er sonst im Voltaireschen Esprit französischem Wesen 
huldigte — nicht allein als erster Diener seines Staates, sondern besonders 
auch als erster Soldat seiner Armee sich fühlend — bei allen Gelegen- 
heiten, ebenso zu rein politischen Staatsaktionen wie im privaten bürger- 
lichen Verkehr denselben Generalsrock anlegte, den er zu einer Revue seiner 
Truppen anzog. Paradefeld und champ de bataille gingen ihm über den 
Thronsaal; die Geheimen Räte sollten einschwenken wie die Flügelleute. 
Der Uniform der Armee mußte allenthalben Ehre angetan werden. Der 
Soldat sollte und mußte „sich fühlen“ und stolz darauf sein, mit dem 
Könige einen und denselben Rock zu tragen: die Uniform der Armee.) 
  
122) Die umgelegten Schöße des Frackes wurden mit der Zeit immer spitzer und 
schmäler, so daß sie sowohl, wie die stetig kleiner werdenden Aufschläge schließlich gar nicht 
mehr an ihren Ursprung erinnerten. 
123) Schön und gefchmackvoll waren diese Typen vom Königsrock, deren Hauptgrund- 
farbe bei den Sachsen (wie bei Österreichern und Franzosen) weiß gewesen ist. Freilich 
sahen diese Uniformen gemeiniglich bei Paraden und Festlichkeiten glänzender und strahlender 
aus, als wenn sie durch die Ackerfurchen des Schlachtfeldes gezogen waren. Aber die 
zerfetzeste Fahne ist die ruhmreichste und Feldmarschall Daun wie Herzog von Württemberg 
in ihren Galaanzügen hatten Recht, als sie den sächsischen Oberstleutnant von Benkendorf 
— der mit seinen Dragonern die Schlacht bei Kolin entschieden hatte — wegen dessen 
staubigen und blutbedeckten Rock beneideten. Und allen historischen Berichten wie un- 
parteiischen Darstellungen zufolge muß speziell die sächsische Armee auch nach den größsten 
Strapazen im Felde durchgehends einen schönen, ja herrlichen Anblick gewährt haben. 
Traurig und abgehärmt mögen die Gesichter der 14 000 beklagenswerten Krieger allerdings 
gewesen sein, die, während sie den preußischen Waffen mutvoll widerstanden hatten, wegen
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        — 166 — 
Durch diese Ehrung wurden die blindlings gehorchenden todesmutigen 
Träger von „Königs Rock“ entschädigt für so manche rauhe und harte 
Behandlung. Von dieser Zeit her datiert die Sitte, die nach und nach 
von allen Fürstlichkeiten angenommen worden ist, daß die Souveräne 
auch bei nicht militärischen, vielmehr nur rein sozialen oder politischen 
Gelegenheiten oder Handlungen in der Uniform eines ihrer Regimenter 
oder in derjenigen eines Generals auftreten. 
Friedrich August der Gerechte, der erste König von Sachsen, an dessen 
Hute die von ihm am 16. Juni 1815 eingeführte Landesfarbe „weiß und 
grün“ als Kokarde angebracht ist, trägt, wie er dies immer mit Vorliebe 
zu tun pflegte, auch auf dem Gemälde des Fürstenzuges die rote Uniform 
seiner Leibgrenadiergarde mit dem grünen Bande des von ihm gestifteten 
Ordens der Rautenkrone. 
„Providentiae memor“ — „der Vorsehung eingedenk“ ist die Devise 
dieses Ordens. Wenn ein Fürst von der Vorsehung, die er wie jeder 
gute Christ als Führung des persönlichen Gottes ansieht, derartig harte, 
ja erschütternde Stöße bekommen hat, wie dieser erste König von Sachsen, 
und er bleibt dennoch bei diesem Worte als Wahlspruch — so verrät 
dies einen ganz ungewöhnlich hohen Grad von Glaubenszuversicht. Und 
Hunger und Entkräftung am Fuße des Liliensteines zu kapitulieren sich genötigt sahen und 
um Brot flehten, nachdem zweitausend von ihnen eines elenden Todes gestorben waren. 
Aber wie trotz ihrer zerrissenen Herzen und zerschlagenen Gemüter der Eindruck von Haltung 
und äußerem Aussehen dieser Truppen noch immer ein imposanter gewesen ist, das geben 
selbst feindliche Beobachter zu. So sagt z. B. hierauf bezüglich die Geschichte des 
Kgl. Preußischen Regimentes Garde du corps von Schöning Seite 75 u. f. folgendes: 
„Die zur übergabe gezwungene sächsische Armee ist schön. Besonders kann ich sagen, daß 
ich, so lange ich lebe, weder bei uns noch anderwärts etwas Schöneres gesehen habe, als 
die vier Eskadrons Garde du corps, jede zu 120 Mann (so sollen sie wenigstens sein) 
sowohl an Mannschaften und Pferden, als an Montierung. Man kann von ihnen keine 
Beschreibung machen, weil sie keinen anderen Truppen in der Welt ähnlich sehen. Das 
Grenadierbataillon Garde ist auch süperbe usw.“ — Hier dürfte es wohl am Platze sein, 
nachdem von dem Außeren der sächsischen Armee (wenigstens zur sogenannten Frideri- 
cianischen Zeit) geredet worden ist, erstens einmal darauf hinzuweisen, daß die Armee nicht 
nur damals, sondern auch späterhin und immer ein gleiches Lob verdient hat. 
Sodann aber muß, während der innere Wert unseres vaterländischen Heeres an anderen 
Stellen der vorliegenden Betrachtung Erwähnung findet, aus einen Moment aufmerksam 
gemacht werden, von welchem viele andere Armcen in der glücklichen Lage sind, nicht be- 
troffen zu werden, welches aber angetan ist, den Ruhm der Selbstlosigkeit soldatischer 
Tugenden noch zu erhöhen. Ein eigentümliches, schier trauriges Verhängnis hat nämlich 
— wie ja aus der Geschichte bekannt — in der Art auf den sächsischen Waffen gelastet, 
daß dieselben (wie auch Aster sehr richtig hervorhebt) so sehr häufig, wenn nicht meistens 
durch unglückliche politische Verhältnisse veranlaßt, auf diejenige Seite kriegführender größerer 
Mächte schlagen mußten, welche zuletzt im Kampfe unterlagen, und — was noch weit schlimmer 
ist — recht oft sehr undankbar waren, für das Blut, welches die Sachsen auch ihretwillen 
vergossen und die großen Opfer, welche Armee und Volk dargebracht hatten. Da ist es 
denn allein unbefleckte Ehre, das reinerhaltene gute Gewissen kriegerischer Tüchtigkeit, 
was auch im Unglück Mut und Selbstvertrauen gibt. Allerorten und immer hat die 
Weltgeschichte des Verhaltens der Sachsen rühmend und in gerechter Würdigung gedacht.
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        — 167 — 
ein solches Beispiel vom Throne herab gegeben muß vorbildlich wirken. 
Den herben Becher des Leidens und der Schmerzen mußte dieser edle 
Fürst bis zur Neige leeren. Der Zweig des giftigen Fingerhut, der sich 
auf dem Sgraffito-Gemälde unter den Blumen befindet, die ihm gestreut 
sind, deutet dies (so denke ich) sinnbildlich an. Aber, wie das Digitalis 
als Arznei verwendet, Wunder tut, so hat jener Schmerz und jenes Leid 
dazu geführt, daß die Liebe und die Treue zwischen Sachsens Fürsten und 
Sachsens Volke nur noch fester wurden, und daß die segensreiche väter- 
liche Fürsorge des Königs und seiner erlauchten Nachfolger dem kleiner 
gewordenen Lande um so eingehender und wirksamer zum Heile und zum 
Wohle diene. 
Politisch-Geschichtliches. 
VI. 
Friedrich August des Gerechten Nachfolger, sein bereits im 72. Lebens- 
jahre stehender Bruder Anton (1827— 1830), der zwar dieselbe vor- 
treffliche Erziehung genossen hatte, wie der Verstorbene, war den Staats- 
geschäften bisher gänzlich fern geblieben und hatte sich überhaupt nur sehr 
wenig vor der Offentlichkeit gezeigt, so daß seine Persönlichkeit der großen 
Menge des Volkes bei seiner Thronbesteigung beinahe gänzlich unbekannt 
war, daher kam es, daß es den aus der französischen Revolution heraus- 
geborenen, in allen Ländern verstreut existierenden Elementen des Umsturzes, 
mit der Lust von bösen Dämonen alle Zufriedenheit untergrabend und allem 
Vertrauen Hohn sprechend, für den ersten Augenblick gelingen konnte, wenn 
auch noch so unbegründet, Mißtrauen gegen den neuen Herrscher auszustreuen. 
Bald aber hatte man Gelegenheit, des Königs liebevolles gutes Herz aufs 
eingehendste kennen zu lernen, und ist der schlagendste Beweis hierfür die 
Tatsache, daß seine dankbaren Untertanen ihm den Namen „der Gütige 
gegeben haben.1) 
124) Eine auf verbürgter Wahrheit beruhende Anekdote möchte hier eingefügt werden. 
Auf einer Reise durch das Land, welche König Anton anstellte, um kennen zu lernen und 
kennen gelernt zu werden — und die, wenn auch nicht einem Triumphzug römischer 
Imperatoren ähnlich, so aber doch die ungeheuchelte und ungeschminkte Liebe des Volkes 
zu seinem Landesvater aufs eindringlichste zur Anschauung brachte — spielt diese Begebenheit. 
Der eine gute Wegestrecke vor dem königlichen Wagenzuge voranreitende Adjutant fand am 
Eingange einer kleinen Stadt des Gebirges die Bürger und den Bürgermeister in fröhlicher 
Stimmung und mit erwartendem Herzen vor einer großen Ehrenpforte vereinigt, auf der 
die Worte strahlten: „Anton dem Eroberer.“ — „Um Gottes Willen, meine Herren,“ sagt 
der zu Tode erschrockene Offizier, „was haben Sie da gemacht? Diese Inschrift kann un- 
möglich stehen bleiben. Wir wissen alle, wie gütig und gnädig unser erlauchter Herr ist 
und wie sehr derselbe sich seines Landes annimmt. Aber Eroberungen hat er doch 
niemals gemacht.“ — „Bitte, Herr Oberleutnant, lesen Sie nur weiter“ war die ruhige 
Antwort des von der Richtigkeit seiner Handlungsweise durchdrungenen Hauptes der Gemeinde.
        <pb n="186" />
        — 168 — 
Sachsen war gerade damals im Begriffe, den Gipfel des Wohlstandes 
zu erreichen. Die von den mancherlei Kriegen, insonderheit der letzten 
Zeit, geschlagenen tiefen Wunden waren, dank weiser und fürsorglicher 
Regierungsmaßnahmen, im Vernarben begriffen. Handel und Gewerbe 
standen — ein deutliches Zeichen für Ausdauer und Festigkeit des Staates 
und dessen Grundlage, der Landwirtschaft, in Sachsen — bereits wieder 
in herrlicher Blüte, deren Fruchtbarkeit dann nach und durch den deutschen 
Zollverband noch wesentlich erhöht wurde. Abgaben und Steuern waren 
hier anerkannt so geringe, wie anderswo nicht, und die Staatsschulden 
waren auf ein beneidenswertes Minimum zurückgeführt worden. Trotzdem 
verbreiteten sich die Rebellionsunruhen von 1830 auch in Sachsen, wo sie 
(damals so, wie es immer sein wird) weit über das Ziel innerer Berechtigung 
hinausschossen und auf radikal aufrührerische Bahnen geleitet, sonderlich in 
denjenigen Kreisen Anklang fanden, in denen Verführer wie Verführte ihre 
geistige Nahrung aus dem Giftboden der Gottesfeindschaft und der grund- 
sätzlichen Unzufriedenheit mit allem schöpfen, vor der Welt sich damit 
entschuldigend, ja brüstend, die „Segnungen“ einer „aufgeklärten“ Zeit zu 
bringen und die „Bedürfnisse“ derselben zum Gemeingut werden zu lassen. 
Ob und daß dadurch dem Menschengeschlechte eine der köstlichsten Perlen 
aus dem Kranze genommen wird, der sich, Versöhnung bietend, um dasselbe 
herumlegt — die Zufriedenheit —, ist diesen Egoisten der Brutalität 
ganz gleichgültig. Vernünftigen Vorstellungen sind sie ja nicht zugänglich, 
obwohl sie (welcher Widerspruch!) die Göttin der Vernunft an Stelle Gottes 
setzen wollen. Auf das Jahr 1830 speziell zurückzukommen, so ist es 
übrigens Tatsache, daß die Epoche nach den Freiheitskriegen, in welchen 
und durch welche das Nationalgefühl des deutschen Volkes mit eiserner 
Faust aufgerüttelt worden war, eine solche gewesen ist, in der die Hoffnung 
auf ein großes einiges Vaterland die Gemüter der Besten bewegte. Wie 
indessen aber so häufig, maßten sich auch hier die Extremen und Ultra- 
Extremen die Führung an. Man strebte an diesen, ein ganz falsches Gefühl 
aufreizenden Stellen weniger eine berechtigte Vereinigung der deutschen 
Stämme zu einem föderativen Germanien an, als eine dem Deutschtum und 
Patriotismus fremde, ja gefährliche Verbrüderung „freier“ Völker überhaupt, 
also einen mehr oder weniger babylonischen Völker-Ur-Brei unter den 
Fittichen der „Freiheit“". Wie oft schon hat doch dieser von beinahe einem 
jeden anders aufgefaßte, Gift in seiner Zuckerschale bergende Begriff als 
Aushängeschild für alles Mögliche und Unmögliche sich mißbrauchen lassen 
müssen. Nach dem Rezepte der großen französischen Revolution sollte diese 
„Freiheit“ gebraut werden. Fürstenmord, Zertrümmern des Eigentums und 
Vernichtung des Lebens der Widerstrebenden schwebte den Aufrührern als 
Die Begrüßungsworte hatten in ihrer Vollständigkeit auf der Vorderseite keinen Platz ge- 
funden. Ihre Fortsetzung befand sich auf der dem Orte zugekehrten Rück= oder Innenseite 
der Ehrenpforte. Und diese Ergänzung zu dem schmückenden Beiworte „Eroberer“ lautete: 
„der Herzen“.
        <pb n="187" />
        — 169 — 
Ideal vor und bildete das „rote Tuch“, durch dessen Anblick die große 
Menge gereizt werden sollte. 
Wie aber auch andererseits das stärkste Gift unter den Händen eines 
Kundigen zur Arznei werden kann, so brachte der in den Köpfen der da— 
maligen Menschheit sich vollziehende Gärungsprozeß dort, wo diese Köpfe 
gutgesinnten, ruhig denkenden und gerecht urteilenden Patrioten an— 
gehörten, Überlegungen zu stande, die zu einer Gesundung im Weiter— 
entwickeln von Staat und Gesellschaft geführt haben.) 
Am 30. September 1830 nahm der alternde König Anton seinen Neffen 
Friedrich August, den Sohn seines hochbetagten Bruders Maximilian (der 
freiwillig auf die Thronfolge verzichtet hatte) zum Mitregenten an. Der 
Einfluß dieses jugendlichen allbeliebten Prinzen, dessen Wort, „Vertrauen 
erweckt wieder Vertrauen“, die dankbaren Sachsen ihm niemals vergessen 
haben, wurde in den Staatsgeschäften bald bemerkbar. Den Forderungen 
des Neuen sich dort nicht verschließend, wo deren Berechtigung erwiesen war, 
erprobtes Altes aber nicht unnötig aufgebend, war der Grundzug der nun- 
mehrigen Regierung (mit dem Minister Bernhard von Lindenau an der 
Spitze). Sie war bestrebt, nach Möglichkeit die vorhandenen und den Gang 
der Staatsmaschine hindernden Gegensätzlichkeiten auszugleichen, ohne freilich 
sich schon so weit in die neuc Zeit haben finden zu können, daß da und dort 
noch manchen anderen berechtigten Wünschen Berücksichtigung widerfahren 
wäre. Das Fürstenwort aber, welches König und Mitregent gegeben hatten, 
dem Lande eine zeitgemäße Verfassung zu erteilen, ging ein Jahr darauf in 
Erfüllung. Nachdem die versammelten, sich der hohen Bedeutung ihrer 
historischen Aufgabe vollbewußten Stände ziemlich sieben Monate lang einer 
mühevollen, außerordentlich verantwortungsreichen Arbeit gepflogen, die 
Regierung aber durch Milde, Nachgiebigkeit und wahren Opfermut, ja heroische 
Entsagung die Vereinbarungen gefördert hatte, wurde am 4. September 1831 
eine neue Verfassung auf freiheitlicherer Grundlage — Konstitution ge- 
nannt — als nunmehriges Staatsgrundgesetz bekannt gegeben. 1) 
125) Ganz erklärlich ist es, daß sich selbst im bestregierten Staate Meinungs- 
verschiedenheiten geltend machen können. Dieselben in loyaler Weise vorbringen zu dürfen, 
ist das Recht der Staatsbürger. „Seiner Majestät allergetreueste Opposition“ kann unter 
Umständen eine berechtigte Erscheinung sein; und der hochherzige Ausspruch Friedrich 
Wilhelms IV.: „Ich liebe eine gesinnungsvolle Opposition“ ist ein Beweis objektiven Durch- 
schauens der Verhältnisse. Auch der beste Royalist kann mit diesen überlegungen einver- 
standen sein. Dieselben nehmen dem Könige keine Perle aus der Krone und ihm kein Ge- 
füge seiner Grundsätze. Die Hoheit der Person des Herrschers wird nicht angetastet; denn 
er ist nicht unfehlbar. Die Worte der Verfassung „die Person des Königs ist heilig und 
unverletzlich“ leiden nicht unter treugemeinter Kritik, sondern unter falschgemeinter Unter- 
würfigkeit, bei der die Schlange lauert. Die Treue muß Grundlage und Korrektiv alles 
Tuns und Denkens sein. Möge diese schönste aller Tugenden in goldenen wie in schwarzen 
Tagen sich immerdar um Fürst und Volk schlingen gleich der grünen Raute, die sich über 
die goldenen und schwarzen Balken des Sachsenschildes windet. 
1250) Dieselbe basiert auf der Verantwortlichkeit der Staatsminister der Vertretung des 
Volkes gegenüber, welches Anteil am Leben und Wirken des Staates nimmt. Das Gottes-
        <pb n="188" />
        — 170 — 
Die hierdurch bewirkten Umgestaltungen waren die Vorläufer zum 
Eintritte Sachsens in den für das Gesamtwohl und die nationale Ent— 
wickelung Deutschlands so außerordentlich segensreichen deutschen Zoll— 
verein, 1834. Mit diesem, auf hochherzigem und weitsichtigem Entschlusse 
beruhenden Schritte ging einerseits die wirtschaftliche Selbständigkeit der 
Einzelstaaten mehr oder weniger verloren, andererseits aber gewann das 
so sehr notwendige Bewußtsein der Zusammengehörigkeit aller deutschen 
Staaten und der „deutsche Gedanke“ überhaupt. 1) 
Noch war es dem königlichen Greise vergönnt, seinen achtzigjährigen 
Geburtstag zu erleben, getragen von der Liebe und Verehrung seines 
Volkes. Doch schon nach wenigen Monaten, nämlich am 6. Juni 1836, 
sollte sich an ihm, dem bejahrtesten aller Fürsten Europas, das Wort der 
heiligen Schrift erfüllen, über welches an jenem vorhin erwähnten fest- 
lichen Tage der Oberhofprediger von Ammon gesprochen hatte: „Wir sind 
gnadentum des Königs ist geblieben, die absolute Herrschergewalt aber ihm genommen; 
da jedes Gesetz der Zustimmung der Minister bedarf. Die alten erblichen Stände bilden 
die erste Kammer, eine aus Wahlen hervorgegangene Körperschaft die zweite Kammer im 
Landtage des Königreiches. Gegen eine ganz außerordentlich geringe, von der Opferfreudig- 
keit der volksfreundlichen Dynastie zeugende Entschädigung (die sogenannte Zivilliste), deren 
Betrag den heutigen Verhältnissen gegenüber als eine ganz außerordentlich minimale be- 
bezeichnet werden muß, verzichtete das Königshaus hochherzig auf seinen Grundbesitz. Auch 
die überaus wertvollen Sammlungen der Fürsten wurden Staats-Eigentum. An die 
Spitze der Staatsregierung trat der Staatsrat, aus den Königlichen Prinzen und den 
höchsten Staatsbeamten bestehend; und an Stelle des bisherigen Geheimen Kabinetts kamen 
die sechs Fachministerien: des Auswärtigen, des Inneren, der Finanzen, der Justiz, des 
Kultus und des Krieges. 
127) Naturgemäß mußte jene, wenn auch indirekt von deutschem Patriotismus, direkt 
aber doch wohl von finanziellen Beweggründen der deutschen Staaten diktierte Neuerung 
der Industrie und dem Handel von Vorteil sein, denen sie gewissermaßen auf den Leib zu- 
geschnitten war. Die rapide Zunahme der Dampfmaschinen sowohl in den allerorten ent- 
stehenden Fabriken, wie deren Verwendung zu Eisenbahn= und Dampfschiffahrt, die Ein- 
führung des elektrischen Telegraphen, der riesenhaft sich erweiternde Postbetrieb taten das 
ihrige, um jene beiden Beschäftigungsarten von Stufe zu Stufe zu heben, während die 
Landwirtschaft, obwohl sich dieselbe den Neuerungen nicht verschloß, naturgemäß nicht 
gleichen Schritt halten konnte und kann. Die Leipzig-Dresdener Eisenbahn wurde 1837 er- 
öffnet und im selben Jahre fuhr auch das erste von drei in Aussicht genommenen Dampf- 
schiffen auf der Elbe. Heute ist beinahe jede größere Stadt, sei es direkt, sei es indirekt, 
mit dem ins Unglaubliche gewachsenen Schienenstrang verbunden. Ja, gemäß der Zeit- 
schrift des königlich sächsischen statistischen Bureaus vom Juni 1902, in welcher Regierungs- 
assessor Dr. Wächter, unter Hervorheben der Verdienste des Ministers von Lindenau um 
die sächsische Städteordnung (1830) ein Bild der Städteentwickelung bietet, gibt es nach 
Fertigstellung der neueren Bahnlinien in Sachsen nur noch zwei kleine Städte, Wildenfels 
und Liebstadt, ohne Bahnverbindung. Heute verfügt die Sächsisch-Böhmische Dampfschiff- 
fahrtsgesellschaft über einen Park von 43 Personendampfern, und Schleppdampfer aller 
Systeme, mit ihren „Sirenen“ und ihrem Qualm die Uferbewohner peinigend, ersetzen das 
längst veraltete „Bomätschen"“. Die Jahresfrequenz an Passagieren gibt die erwähnte Ge- 
sellschaft im Jahre 1902 auf 3¾ Millionen an. Die „Briefmarke“ — diese heutzutage den 
kleinsten Kindern bekannte und „selbstverständliche“ Einrichtung — verblüffte 1845 die Welt.
        <pb n="189" />
        — 171 — 
allzumal Fremdlinge und Gäste auf Erden.“ Mit König Anton starb 
einer der wohlwollendsten, von reinster Herzensgüte beseelten sächsischen 
Fürsten. 
Sein Neffe, der bisherige Mitregent, folgte ihm als König Friedrich 
August II., von 1836 bis 1854 regierend und stand ihm an Fürsorge 
wie Wohlwollen für seine Untertanen nicht nach. Am 18. November 1797, 
als ältester Sohn des Prinzen Maximilian und dessen Gemahlin Therese 
von Parma geboren, hatte Friedrich August, der mutmaßliche Thronerbe, 
seinen Namen nach dem des damals regierenden Kurfürsten erhalten. Er 
war also der vierte Friedrich August, erhielt aber als König die Be- 
zeichnung „der Zweite". Mit seinen Brüdern Klemens und Johann er- 
hielt er eine ausgezeichnete Erziehung, welche der treue Vater in rührend 
schöner Weise selbst leitete, seinen Kindern alle die kostbaren Schätze an 
Gottesfurcht und Pflichterfüllung in die zarten Herzen legend, welche die 
teure Mutter derselben, seine unvergeßliche Gemahlin, ausgezeichnet hatte, 
deren Tod bald nach Geburt des jüngsten Kindes erfolgt war. Den 
militärischen Teil der Ausbildung besorgte General von Cerrini. Das 
Hineinfinden Friedrich Augusts aus dem ancien régime in die Rolle 
eines konstitutionellen Monarchen verdient ganz besondere Anerkennung der 
Geschichte. 
In Bezug auf die Kleinheit seines Sachsenlandes aber, das er in weit 
mehr als doppelter Größe gekannt hatte, haben sich seine Ansichten stets 
mit der Außerung eines Mannes gedeckt, der nicht nur in Wahrheit den 
„Marschallstab im Tornister“, sondern sogar eine Königskrone im Brot- 
beutel getragen hat — Bernadotte: „Nicht der äußere Umfang eines Staates 
macht dessen Stärke und Selbständigkeit aus, das tun vielmehr seine Ge- 
setze, sein Handel, sein Arbeitsfleiß und sein Nationalgeist." 
Der von den Königsmördern in Frankreich und ihren, auch nicht 
französischen, Egiponen immer aufs neue ausgehende Pesthauch brachte in- 
dessen im Jahre 1848 alle Welt aufs neue in Gärung. Der Wahn, 
durch Umsturz des Bestehenden und Revolution der Ordnungen einen Zustand 
erreichen zu können, von dem die Mehrzahl sich weder ein Bild machte, 
noch machen zu können im stande war, betörte wiederum eine Menge 
Menschen. Diese Menge setzte sich in der Hauptsache zusammen aus solchen, 
denen in ihrer „Aufgeklärtheit“ Zufriedenheit, Dankbarkeit und Unterordnung 
als überwundene, der „Menschenwürde“ nicht mehr angemessene Begriffe galten. 
Und derartige Menschen, die dem Teufel in ihrer Brust die unbedingte 
Obergewalt über den Engel einräumen, welchen der Gott gibt, den sie 
gemeinhin leugnen, sind immer dann zu finden, wenn die Loslösung von 
göttlicher wie menschlicher Ordnung als höchste Weisheit gepredigt wird. 
Auch Gutgesinnte waren vorhanden, die, um rein politische Zwecke zu er- 
reichen, sich den Reihen derer zugesellten, die sie sonst nicht ihre Gesinnungs- 
genossen nannten. Schließlich auch gab es eine ganze Anzahl Rabulisten, 
die Königtum und patriarchalische Zustände abschaffen wollten, weil sie
        <pb n="190" />
        — 172 — 
ersteres als einengende Tyrannenherrschaft ansahen, letztere aber ihnen des- 
halb verhaßt waren, weil dieselben ihrer Eitelkeit keine Aussicht gewährten, 
als „Volksbeglücker“ oder als Herostraten aufzutreten. Abgeklärte Wünsche 
konzentrierten sich schließlich in den Versammlungen des Frankfurter Bundes- 
tages. Aus diesen Versammlungen heraus, zu welchen als Abgeordnete 
aller deutschen Stämme ein guter Teil wohlgesinnter Männer, ja, wie 
Kaemmel sagt, die Blüte der deutschen Intelligenz gehörte, hatte sich die 
in der Paulskirche tagende Nationalversammlung konstituiert. Für Macht, 
Einigkeit und Herrlichkeit des Reiches schwärmten (absolute Zerstörer aus- 
genommen) deren Teilnehmer wohl alle. Ein wesentlicher Unterschied indessen 
bestand vielfach in den Gedanken über Form und Ausführungsart dieses 
Ideals. Bedauerlicherweise nahm der Einfluß der radikalen Demokraten 
überhand; der politische Freiheitsdrang ging des öfteren mit dem 
sozialen eine Verbindung ein, die vielfach über das Maß hinausstrebte, 
welches innerhalb der Gebote christlicher Nächstenliebe und freiwilliger 
Unterordnung sein Korrektiv findet und welche daher den Obrigkeiten wie 
Regierungen gefährlich erscheinen mußte. 
Aus dieser Erwägung war die sogenannte Wiener Schluß-Akte hervor- 
gegangen, in welcher die deutschen Staaten sich verpflichteten, bei Auf- 
ständen einander Hülfe zu leisten und den Fürsten ihre Souveränität auch 
gegenüber den Verfassungen verbürgten. 
Daß Erzherzog Johann von Osterreich das Amt eines Reichsverwesers 
auf Wunsch des Bundestages übernommen, König Friedrich Wilhelm IV. 
von Preußen die ihm von der Volksvertretung angebotene Kaiserkrone 
ausgeschlagen hatte, möchte hier kurze Erwähnung sinden. Die Luft war 
schwül. Wieder waren Wetterwolken von Westen her im Anziehen. — Wehel 
— Zum zweiten Male war in Frankreich die Republik eingeführt worden. 
Verblendet durch die als verworrene Hirngespinste spuckende Idee 
eines falsch verstandenen Liberalismus gewannen die Elemente des Dema- 
gogentums auch in Sachsen an Oberhand, geschürt durch ausländische „Auf- 
klärer“, die nichts zu verlieren hatten. Es war dies um so bedauerlicher, 
als kurz vorher König Friedrich August in einer vertrauensvollen Ansprache 
zum Festhalten am gesetzlichen Rechtszustaude ermahnt hatte, in derselben 
„Eintracht zwischen Fürst und Volk, Treue, Mut und gegenseitiges Ver- 
trauen“ als das Mittel der Erhaltung und Förderung gesunder Zustände 
im Leben der Staaten hinstellend. Mittlerweile hatte die Nationalversamm- 
lung eine Reichsverfassung entworfen und die republikanischen Radikalen 
nahmen die Gelegenheit wahr, die zu erzwingende Annahme derselben als 
Deckmantel zum Ausbruche der ihnen erwünschten und von ihnen betriebenen 
Revolution zu benutzen. Der König von Sachsen und seine Minister taten 
das äußerste, was mit den Grundsätzen von Pflicht und Gewissen treuer 
Hirten zum besten ihrer Herde nur irgendwie zu vereinbaren ging, so daß 
z. B. in die Anerkennung der sogenannten Frankfurter Grundrechte gewilligt 
worden war. Als aber die den Landtag beherrschende Demokratie provo-
        <pb n="191" />
        — 173 — 
zierender Weise trotzig die Anerkennung der gesamten Reichsverfassung 
forderte, da riß des langmütigen Herrschers Geduld und er trat mit männ— 
licher Entschiedenheit gegen dieses Ansinnen auf. Mehr als einmal hatte 
übrigens König Friedrich August ausdrücklich erklärt, seine Entschließungen 
zum Wohle und um des Wohles willen seines sächsischen Volkes und 
seines sächsischen Vaterlandes gefaßt zu haben. Durch diese Wendung 
war das Signal zum Ausbruche des längst geplanten und wohlvorbereiteten 
Aufstandes in Dresden gegeben (3. Mai 1849). Die demokratische Partei 
war einig, unter welchem Panier diesmal das verblendete Volk gesammelt 
werden sollte. Die Parole „Reichsverfassung“ mußte den Deckmantel ab- 
geben zum Plane der Herstellung der Republik. 
Ein sächsisches Korps von 6000 Mann unter General von Hake war 
gerade zu jener Zeit als Bundeskontingent zu den deutschen Truppen in 
Schleswig-Holstein gestoßen; dort bei Düppel (wo Prinz Albert die Feuer- 
taufe erhielt) und an anderen Orten dem alten Sachsenruhme neue Ehren 
hinzufügend. Ein beträchtlicher Teil des heimischen Heeres war mithin 
von dem durch den schlimmsten Feind — den Feind im Innern — 
bedrohten Vaterlande abwesend. Der Zeitpunkt des Aufstandes war von 
den Rebellen gut gewählt. Den Vorstellungen seiner Minister folgend, 
begab sich der König auf den Königstein. Das Dampfsschiff „Friedrich 
August"“ trug ihn und die königliche Familie stromaufwärts. Erst nachdem 
sie sich überzeugt hatten, daß das verehrte Landeshaupt in Sicherheit sei, 
kehrten, während Dr. Zschinski beim Könige blieb, die Minister von Beust 
und Rabenhorst in das aufständische Dresden zurück. Oberst Rabenhorst, 
kurz vorher zum Kriegsminister ernannt,1) organisierte mit Energie und 
Geschick den Widerstand der unter General von Schirnding und Führern 
wie Oberst von Friderici, von Sichart und von Reitzenstein kämpfenden 
Truppen, die den schwierigsten Verhältnissen mit Mut und Ausdauer trotzten. 
Nur die Namen Richter (Kanonier), Oertel (Leutnant), v. Grünenwald (Haupt- 
mann), Weigel (Hauptmann), Hönisch und Schirack (Korporale) seien hier 
genannt. „Erwägt man"“, sagt Montbé (damals Oberleutnant, jetzt General 
der Infanterie), „wie gering die Mittel waren, über welche die Regierung 
verfügen konnte, so kann man gewiß die vollste Anerkennung den Männern 
nicht versagen, die den Mut hatten, im Vertrauen auf die Treue und 
Tapferkeit einer Handvoll Soldaten den Kampf mit einer empörten Stadt, 
128) Eine Abordnung von gegnerischer Seite, welche Rabenhorst zur Nachgiebigkeit 
veranlassen wollte, suchte an dessen Verständnis des „aufgeklärten und vorgeschrittenen"“ 
Zeitgeistes zu appellieren, indem einer ihrer Redner einwarf: „Aber bedenken Sie nur, 
Exzellenz, daß wir im Jahre 1849 leben.“ — „Das weiß ich“, entgegnete der Angeredete 
höflich, „dafür bin ich auch der Kriegsminister von 1849.“ Der dankbare Landesherr erhob 
den ausgezeichneten Offizier in den erblichen Adelsstand und verlieh ihm einen von blanker 
Schwertklinge durchstoßenen Drachen als Wappenfigur. Im übrigen war der neue Kriegs- 
minister in der glücklichen Lage, auf den bewährten Grundsätzen seines Vorgängers von Oppell 
weiterbauen zu können.
        <pb n="192" />
        — 174 — 
mit einem empörten Lande aufzunehmen. Ebenso hoch, wenn nicht höher 
noch ist aber die Festigkeit eines Monarchen zu stellen, der von allen 
Seiten bestürmt, mit einem Gemüte voll unendlicher Güte und Milde, 
doch in der entscheidenden Stunde nicht schwankte und zum Heile Sachsens 
wie zum Heile Deutschlands fest den einmal betretenen Weg fortschritt.“ 
Kein Mittel scheuten die Rebellen, um die Hauptstadt in ihre Gewalt zu 
bekommen, in welcher alle Greuel blutiger Empörung wüteten. Eine provi- 
sorische Regierung wurde eingesetzt, das Schloß zu zerstören, das Zeughaus 
zu stürmen versucht, das Opernhaus und andere Gebäude den Flammen 
überliefert. Die, wie schon erwähnt worden, durch den Abgang der Hälfte 
ihres Bestandes auf den Schleswig-Holsteinschen Kriegsschauplatz erheblich 
geschwächten sächsischen Truppen bedurften notwendigerweise einer fremden 
Unterstützung, um den Aufstand niederzuwerfen. Dieselbe ward ihnen durch 
einige preußische Bataillone unter dem Obersten Graf von Waldersee zu 
teil, die in gleicher Bravour für die gleiche erhabene Idee von König, 
Vaterland und Ordnung in echter deutscher Waffenbrüderschaft und „soli- 
darisch soldatischer“ Königstreue Schulter an Schulter mit ihnen kämpften, 
mit ihnen gemeinsam die Palme des Sieges erringend, die für viele zu- 
gleich die Palme des ewigen Friedens geworden ist. Das gemeinsame 
Grab-Denkmal für die während der Straßenkämpfe im Mai 1849 gefallenen 
Sachsen und Preußen auf dem inneren Neustädter Kirchhofe zu Dresden 
kann mit Recht als ein Vorläufer der gemeinsamen deutschen Kriegergräber 
gelten, die auf Frankreichs Gefilden von den Kämpfen deutscher Helden- 
söhne zeugen und von dem Blute rühmend reden, welches dieselben in den 
Jahren 1870 und 1871 dort für die gemeinsame Ehre und Wohlfahrt 
ihrer gemeinsamen Mutter Germania vergossen haben. Auch auf Seite 
der Aufständischen, unter denen immerhin dieser oder jener sich befunden 
haben mag, dem die Folgerungen seines frevelhaften Beginnens nicht klar 
gewesen sind, waren Opfer gefallen. 
Obgleich nun König Friedrich August nach erfolgter Wiederherstellung 
von Ruhe und Ordnung die Undankbarkeit und den häßlichen Verrat derer 
zumeist großmütig verzieh, die ihm und der Sache der von Gott ein- 
gesetzten Ordnung mit der Waffe in der Hand entgegen getreten waren: 
(weil er dieselben mehr oder weniger als Verblendete und Verführte ansah), 
  
  
129) Daß die Auffassungen auch innerhalb der Geschichte je nach den Parteistandpunkten 
verschieden sein können, geht recht anschaulich aus der Beurteilung des Verfahrens König 
Friedrich Augusts gegen die sogenannten „Maigefangenen“ hervor. Während Stichart im 
Jahre 1854 schreibt: „Wie beim Antritte seiner Regierung gegen die Unruhestifter von 1830, 
so ließ der gnädige Landesfürst auch gegen die Verbrecher von 1849 seine preiswürdige 
Milde walten. Von den gefällten Todesurteilen wurde auch nicht eins vollzogen. Tausende 
der Gefangenen und in Untersuchung Gezogenen wurden auf seinen Befehl freigelassen, 
einer anderen namhaften Menge die ihnen zuerkannte Strafe gemildert und die Dauer der- 
selben wesentlich abgekürzt“, sagt Kaemmel in seiner Festschrift 1889: „Umfängliche Unter- 
suchungen brachten vielen sonst wackeren Männern harte Freiheitsstrafen oder Amts- 
entsetzung.“
        <pb n="193" />
        — 175 — 
so konnte er doch den niederschlagenden und aufs tiefste verletzenden Eindruck 
nicht überwinden, nur immer das Beste angestrebt zu haben und dafür so 
gänzlich undankbar gelohnt worden zu sein. 
Ohne die Regierungsgeschäfte irgendwie zu vernachlässigen, zog sich 
Friedrich August daher von jener Zeit an mehr und mehr in sich selbst 
zurück. Der frühere Frohsinn war von ihm gewichen; dagegen wurde es 
ihm mehr und mehr zum Bedürfnis, alljährlich sich in möglichst abgeschiedener 
Gegend allein mit der göttlichen Majestät einer erhabenen Natur und deren 
Schöpfungen zu erfrischen und zu erholen. Er, der gelehrte Kenner von 
Flora und Fauna, speziell der eifrige Botaniker (dessen in Prag erschienenes 
Werk über Pflanzen und Gebirge sich eines weiten Rufes erfreut) wählte 
hierzu mit Vorliebe die herrlichen Berge und friedlichen Täler von Tirol. 
Auf einer solchen Reise, nur begleitet vom Flügeladjutanten von Zezschwitz 
(nachmaligen ersten Hofmarschall des Kronprinzen Albert) war es, wo am 
9. August 1854 in der Gegend des Weilers Brennbüchel im oberen Inn- 
tale, bei einer scharfen Biegung der steilen Bergstraße der Wagen des 
Königs umschlug. Durch einen Hufschlag des Handpferdes tödlich am 
Kopfe getroffen, gab der geliebte Monarch nach einer Stunde seinen Geist 
auf. Eine kleine Kapelle bezeichnet jetzt die Unglücksstelle. 
Prinz Johann weilte gerade auf seinem Lieblingssitze, dem Felsen- 
schlosse Weesenstein, als ihn die erschütternde Nachricht von dem so plötz- 
lichen Tode seines Bruders traf. Mit klar denkendem Geiste, scharfem Blick 
und königlichem Auge übernahm er die Zügel der Regierung, die er mit 
festem Willen und kräftiger Hand von 1854 bis 1873 zum Segen des 
Landes geführt hat. Seine staatsrechtlichen und sozialpolitischen Erfahrungen, 
die er als Prinz seit länger denn zwanzig Jahren in Staatsrat und Stände- 
kammer gesammelt hatte und die bereits in jener Zeit dem Vaterlande 
von ersprießlichstem Nutzen gewesen waren, dazu seine hohen, weit über 
das Niveau eines normalen Gelehrten hinausragenden positiven Kenntnisse 
auf allen Gebieten machten den gütigen, streng gerechten und seiner hohen 
Pflichten wie seiner großen Verantwortung stets sich bewußten König Johann 
von Hause aus zu einem Herrscher, wie ein solcher einsichtiger und um- 
sichtiger wohl nicht gefunden werden kann. Professor Dr. Unbescheid sagt 
hierauf bezüglich in einer von ihm im Annen-Realgymnasium zu Dresden 
gehaltenen Gedächtnisrede folgendes: „Es ist ein großer Vorzug, den die 
auf dem Throne Geborenen vor anderen Menschen haben, vielleicht über- 
haupt der größte, daß alle Hilfsmittel zur Ausbildung für sie in voller 
Bereitschaft stehen, daß sie ihr Wesen im Umgang mit den auserlesensten 
Geistern läutern, ihre Anlagen vervielseitigen und befestigen können. Wer 
aber noch dazu mit so außerordentlich reicher Begabung ausgestattet ist, 
wie Prinz Johann es war, und dabei die Wahrheit des Satzes erkannt 
hat — auch das Genie muß lernen —, von dem kann man sicher sein, 
daß seine staatsmännische Einsicht, wenn er zum Throne berufen wird, 
denjenigen Umständen, welche anscheinend verhängnisvoll für das Land
        <pb n="194" />
        — 176 — 
sind, in einer Weise Rechnung tragen wird, daß aus ihnen Segen für 
das Land und Volk erblüht.“ 
Zweimal war diesem Wettiner, bevor derselbe den sächsischen Thron 
bestieg, die Königskrone von Griechenland angeboten worden. Daß Prinz 
Johann diese Krone, die Krone eines Landes, mit dessen Geschichte und 
Sprache er vermöge seiner gelehrten Forschungen vertrauter war als andere, 
zweimal abgeschlagen hat, um seine Dienste seinem eigenen Vaterlande ganz 
zu widmen — auf dessen Thronfolge er als drittgeborener Sohn des 
Bruders eines Königs, damals (1829) menschlicher Berechnung nach durch- 
aus keine Aussicht hatte —, muß demselben hoch angerechnet werden. Um 
so höher ist diese Selbstbescheidung und dieses aufopfernde Pflicht= und 
Vaterlandsgefühl anzuschlagen, als gerade einem so hoch begabten Fürsten- 
sohne gegenüber das Anerbieten, eine Königskrone tragen und sich als 
Herrscher bewähren zu sollen, ohne jeden Zweifel ein überaus verlockendes 
sein dürfte. Prinz Johann war Sachsen erhalten geblieben, und welcher 
Segen König Johann unserem Vaterlande geworden ist, das steht in un- 
auslöschlichen Lettern eingegraben auf den Tafeln der Geschichte. Ein 
Philolog, Jurist und Archäolog allererster Ordnung — dessen mit kindlicher 
Bescheidenheit verbundene Seelengröße und Geisteshoheit in der ganzen 
Welt anerkannt und bewundert wurde —, beschäftigte sich dieser (man 
möchte sagen) Professor auf dem Throne auch eingehend mit Agrikultur- 
Chemie, da er große Neigung zur Landwirtschaft hatte. Die Acker und 
Felder von Pillnitz sowie die stets Vortreffliches bergenden Stallungen 
dieses Landg#tes, welches während der Sommermonate regelmäßig das 
königliche Hoflager umschließt, gaben 180) beredtes Zeugnis von der Für- 
sorge und Teilnahme des gekrönten Gutsherrn an den kleinsten Details 
der ländlichen Arbeiten und deren Segnungen. 
In der dortigen frischen Natur, auf den Rebenhügeln des Elbgeländes 
wie in den waldigen Felsenschluchten der Sächsischen Schweizts!) fand König 
Johann erwünschte Erholung von seiner angestrengten Tätigkeit, die er 
zwischen Staatsgeschäften, gelehrten Forschungen und wissenschaftlichen 
Arbeiten teilte. 
  
130) Nicht allen Besuchern dieses überaus reizenden Idylls wird es bekannt sein, daß 
auch dieses Fleckchen Erde eine wechselreiche Geschichte hat. Wie schon im frühen Mittel- 
alter die feste Burg Pillnitz vom Speerklingen und Sporenrasseln der Ritter von Bünan 
widerhallte, in deren Besitz sich jener ganze Landstrich an der Elbe befand, so erklang hier 
am Ende des 17. Jahrhunderts das heitere Lachen der Gräfin von Rochlitz, welcher Johann 
Georg IV. das von ihm erkaufte und umgebaute Schloß zum Aufenthalte angewiesen hatte. 
Nur kurze Zeit später mögen die verschnittenen Hecken des dortigen Gartens gar manchen 
berechtigten Seufzer der schönen Gräfin Cosel in sich aufgenommen haben. Die schwülen 
Augusttage 1791 aber sahen in Kaiser Leopold, König Friedrich Wilhelm II. und Graf 
Artois hohen Besuch in den restaurierten Räumen, welche man gewissermaßen als Geburts- 
stätte der ersten Koalition gegen Frankreich bezeichnen kann 
131) Das unter dem Namen Sächsische Schweiz weitbekannte Elbsandsteingebirge ist 
in früheren Zeiten eine unwegsame Wildnis gewesen Erst Mitte des 18. Jahrhunderts
        <pb n="195" />
        — 177 — 
Seine unter dem Namen Philalethes (auf griechisch Wahrheitsfreund) 
herausgegebene Übersetzung von Dantes Göttlicher Komödie würde allein 
genügt haben, den Ruf dieses gelehrten Wettiners in der Welt zu begründen. 
Und dem zu jenem Übersetzungswerke gehörigen (italienisch geschriebenen) 
geistreichen wie scharfsinnigen Kommentar vermag die Literatur von des 
großen Italieners Vaterlande kaum selbst etwas an die Seite zu stellen. 
König Johanns Gedichte läßt jetzt in pietätvoller Ehrung ihres Schwieger- 
vaters die Königin-Witwe Carola als Sammelwerk veröffentlichen. Sicherlich 
wird dasselbe allenthalben die wärmste Sympathie finden und den Aus- 
spruch des gelehrten Adolf Stern rechtfertigen: „König Johanns Dichtungen 
sind nicht nur Zeugnisse der geistigen Vielseitigkeit dieses Fürsten, der 
mit echtem Forschergeiste und umfassendem Wissen das Gebiet von mehr 
als einer Wissenschaft beherrschte, sondern sie sind auch Zeugnisse seines 
Bewußtseins, daß keine Wissenschaft die Wirkungen der Kunst, der Poesie 
übertreffen oder ersetzen kann.“ — Der in jeder Weise groß angelegte 
Monarch hielt es dabei nicht für unter seiner Würde, gemütvoll scherzende 
Dialekt-Episoden in volkstümlichstem Tone niederzulegen. Vom Grund 
seiner Seele aus aber war er der ernsten Muse zugetan, die von seinem 
Vorbilde Dante als die Herrin der Tugend und Lehrerin der Weisen be- 
zeichnet wird. Hierfür legt unter anderem ein tiefgefühltes Gedicht Zeugnis 
ab, welches mit den Worten beginnt: „Hoch über den Sternen, wie muß 
s so friedlich sein.“ 
Die durch König Johann eingeführten Gesetze und Verwaltungsmaß-= 
regeln brachten Sachsen zu einer noch niemals dagewesenen Blüte. Den 
auf 66 Millionen Taler reduzierten Staatsschulden standen vor Ausbruch 
des preußisch-österreichischen Krieges 105 Millionen Taler als Staats- 
vermögen gegenüber. In allen Teilen und sämtlichen Zweigen der Staats- 
verwaltung wurden Überschüsse erzielt, die sich stetig mehrten. Das Volk 
war glücklich, das Land ein gesegnetes. 
Aber nicht nur für die Interessen des engeren Vaterlandes, dessen 
Universität Leipzig durch ihn einen erneuten, der ganzen Welt strahlenden 
Nimbus ihres alten stets bewährten Rufes erhielt — auch für Ansehen, 
Geschichte und Entwickelung des großen deutschen Vaterlandes hatte König 
Johann ein offenes und stets verständnisvolles Herz. Seiner persönlichen 
Anregung ist (um hier nur ein Beispiel von vielen zu bringen) zusammen 
mit dem, gleich ihm für die Geschichte unserer deutschen Vorfahren schwärmenden 
Freiherrn von Aufseß, einem kunstverständigen bayerischen Patrioten, die 
Gründung des germanischen Nationalmuseums in Nürnberg zu verdanken. 
Dasselbe feierte im Juni 1902 sein fünzigjähriges Bestehen und bei dieser 
Gelegenheit — dankbar der Stifter desselben gedenkend, sowie daran er- 
innernd, daß es allezeit auch ein Denkmal des Reichsgedankens gewesen sei 
und zwar hauptsächlich durch die Pastoren Nikolai aus Lohmen und Götzinger aus der 
Nähe von Stolpen wurde diese Felsengegend erschlossen, deren Romantik schon viele über- 
rascht und Unzählige erfreut hat. 
12
        <pb n="196" />
        — 178 — 
— sprach Seine Majestät Kaiser Wilhelm II. laut vor der ganzen Nation 
aus, dasselbe verkörpere alles, was wir Germanen mit Stolz als germanische 
Kultur bezeichnen. 
Während aber innerhalb der grünweißen Grenzpfähle die goldene Sonne 
heiter lächelte, ballten sich außerhalb derselben schwere Wetterwolken zusammen. 
Ihre Entladungen begannen damit, daß die europäische Großmacht Preußen 
die europäische Großmacht Osterreich aus dem Deutschen Bunde hinaus- 
zudrängen sich bemühte, dem beide als deutsche Staaten angehörten.“) 
Das „Rot“ des Blutbannes — in übertragener und erweiterter Be- 
deutung der geistige, physische wie materielle Einfluß der nationalen Vor- 
herrschaft in deutschen Landen — sollte vom „Schwarz-Gelb“ des Kaiser— 
staates Osterreich auf das „Schwarz-Weiß“ des königlichen Preußen über- 
gehen. Schwarz-Rot-Gold ward begraben. Schwarz-weiß-rot aber 
sollte 133), ohne daß dies damals jemand ahnen konnte, fünf Jahre später 
eine neu geschaffene Fahne über dem Throne eines neuen deutschen Kaisers 
wehen. Aber noch flatterten die Raben des Kyffhäuser ängstlich um den 
Berg der Deutschen, nicht wissend, ob ihr banger Flügelschlag von einem 
doppelten oder einfachen schwarzen Adler Unterstützung finden werde. Noch 
übte Habsburg seinen alten Zauber feudaler Romantik aus, das A. E. I. 
O. U. der felix Austria war noch nicht vergessen, während das Suum 
cuique der Hohenzollern nur erst auf beschränktem Raume herrschte.“) 
132) Die Einzelstaaten des ehemaligen „Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation“ 
waren zwar nach Auflösung und Zertrümmerung dieses gerade tausend Jahre alt gewordenen 
politischen Gebildes formell zu einem Deutschen Bunde zusammengetreten. Dennoch standen 
dieselben aber gleichzeitig als selbständige Individuen mit verschiedenen Intcressen einander 
gegenüber und hatten schon längst das Bedürfnis nach einem engeren Zusammenschluß 
gefühlt. Der sächsische Minister Freiherr von Beust war es hauptsächlich, der zusammen 
mit demjenigen Bayerns, von der Pfordten, einen gegenseitigen Anschluß der Mittelstaaten als 
ein Gegengewicht gegen die Stellung wie das Auftreten von Österreich und Preußen an- 
strebte. Die Frage, wie das Erbfolgerecht in Schleswig-Holstein gehandhabt werden solle, 
brachte Verwickelungen und Reibungen innerhalb der drei deutschen Machtfaktoren hervor. Die- 
selben spitzten sich immer mehr zu und endigten schließlich mit einem allgemeinen Zerwürfnis; 
vor allen Dingen aber mit einer täglich wachsenden Spannung Preußens gegen Österreich, 
so daß — gewissermaßen als Kräftemesser — der Böhmische Krieg entstand. Selbstverständlich 
konnte von allem dem auch Sachsen nicht unberührt bleiben. Dieser Staat, welcher als 
loyales Bundesglied in klarer und konsequenter Haltung die Lösung der holsteinischen Frage 
auf dem Boden der Bundesverfassung festzuhalten bestrebt gewesen war, durfte diesen Boden 
auch dann nicht verlassen, wenn ein friedlicher Ausgleich als unmöglich sich herausstellte. 
In bundesgetreuer Haltung waren für die sächsische Politik nur die Beschlüsse der Bundes- 
versammlung maßgebend. 
133) Ob der Erfolg des historischen Entwickelungsprozesses in dem, was er erreicht 
hat, weit über die Grenzen des Beabsichtigten hinausgegangen ist, oder ob ein meisterlich 
gehandhabtes Räderwerk von Hause aus und vom ersten Anfange an zu dem Zwecke in 
Bewegung gesetzt worden sei, das zu erreichen, was erreicht worden ist und vielleicht noch 
erreicht werden soll, das ist eine Frage, die man zwar nicht müssig nennen kann, die aber doch 
den vollendeten Tatsachen gegenüber nur von einem gewissen akademischen Werte sein dürfte. 
131) A. E. I. O. U. Volkstümliche Abkürzung für das alte Wort Austria Erit In 
Orbe Ultima. ÖOsterreich wird bestehen bis an das Ende der Welt. Suum cuique,
        <pb n="197" />
        — 179 — 
Noch lag die Entscheidung im Gange der Waffen. Und „eisern im 
wolkichten Pulverdampf, eisern fielen die Würfel“. — Die beiden Endziffern 
der verhängnisvollen Jahreszahl — 66 — gleichen fürwahr zwei Brand— 
raketen, die aus einem Teile des großen Vaterlandes in den anderen und 
von dort zurück geworfen wurden. Drohend stehen sie da wie Menschen 
mit erhobenem Schwurfinger. Sie erinnern an zwei Brüder, die mit 
aufgehobenen Armen einander zu vernichten trachten, an die sich aufrollende 
Schlange der Zwietracht, die jählings emporschnellt. 
Gleich schweren Gewittern, jener Ultima ratio einer mit gegenseitig 
feindlichen Elektrizitäten überspannten Natur, deren zuckender Strahl von 
grollendem Donner begleitet, geeignet ist, plötzliche Verheerungen auf die 
friedliche Erde zu bringen weit und weit, so spieen die Feuerschlünde 
aus den hellblauen preußischen, aus den gelb angestrichenen österreichischen 
und aus den dunkelgrauen sächsischen Geschützen Tod und Verderben auf 
den böhmischen Schlachtfeldern. — Tod und Verderben fand auch der 
Legitimitätsgedanke. König Johann, der es zu wiederholten Malen aus— 
gesprochen hat, daß eine feste Einigung ganz Deutschlands in förderativer 
Weise sein aufrichtiger politischer Wunsch sei und dessen Herz voll des 
glühendsten Patriotismus für dieses zu einende große Deutschland schlug, 
meinte (wie es der auf althistorischem Boden stehende Vaterlandsfreund 
noch heute meint) unter diesem Deutschland die Zusammenfassung aller 
deutschen Lande. Außer den Mittelstaaten gehören dieser Auffassung nach 
— eine Trias, das heißt eine Dreiheit in der Einheit bildend — beide 
deutschen Großmächte hierzu, also sterreich ebensowohl wie Preußen. Der 
Waffengang jener beiden Rivalen war also wohl geeignet, bange Besorgnis 
über das Schicksal des Vaterlandes aufkommen zu lassen. Der Augenblick 
trug daher den Stempel ergreifender Denkwürdigkeit, an welchem König 
Johann sich anschickte, mit seinem Heere Osterreich zu Hilfe eilend, die 
Grenze Sachsens zu überschreiten. Nach kurzem Gebet lenkte er sein Pferd 
auf böhmischen Boden mit den Worten: „Nun vorwärts mit Gott, meine 
Herren!“ Die sächsischen Truppen bewährten auch in diesem Feldzuge 
ihren Ruf. Ihr Führer aber, Kronprinz Albert, der sich bereits mit 
21 Jahren in Schleswig-Holstein nicht nur als tüchtiger Taktiker, sondern 
auch als umsichtiger Stratege erwiesen hatte, begründete den seinigen als 
Feldherr. 
Zu wiederholten Malen hat dieser Sachsenherzog Anordnungen der 
kaiserlich österreichischen Armee-Oberleitung (Feldzeugmeister von Benedek), 
die seinem Feldherrnblicke unzweckmäßig erschienen, unter gleichzeitiger 
Meldung dieses Vorhabens, zum Heile der ganzen Armee umgeändert 
(die österreichische Feldzugsbeschreibung gibt dies fz. B. Seite 325] unter 
Hervorhebung der Richtigkeit von des Kronprinzen Maßregeln zu) und die 
Entscheidung bei Königgrätz wäre vielleicht anders gefallen, wenn Benedek 
Jedem das Seine, eine bei Cicero oft vorkommende Wendung, Devise des Schwarzen 
Adlerordens (1701). 
12“
        <pb n="198" />
        — 180 — 
den Rat des Kronprinzen Albert befolgt hätte. Was die beiden Schwer— 
punkte des Feldzuges anlangt, Gitschin und Königgrätz, so hatte am 29. Juni 
Kronprinz Albert bei Gitschin die ihm von der preußischen I. Armee (be- 
ziehungsweise deren Division Tümpling) angebotene Schlacht in der Er- 
wartung angenommen, daß Benedek mit der österreichischen Hauptmacht zu 
ihm stoßen werde. Er hatte sich indessen nicht nur darin geirrt, sondern 
mußte auf Befehl des großen österreichischen Hauptquartiers, welches auf 
einen Vormarsch verzichtet hatte, das Gefecht im ungünstigsten Augenblicke 
abbrechen. Die sächsische 1. Brigade, deren Führer, Oberst von Boxberg 
im Feuer fiel, hatte insbesondere außerordentlich schwere Verluste zu be- 
klagen. Hell strahlte auch hier wieder „brüllend umwölkt von dem Dampf 
der Geschütze“ sächsische Tapferkeit, sächsischer Opfermut, sächsische Pflicht- 
treue und Todesverachtung. Wo irgend es ging, eilte wer nur es ver- 
mochte, von weit her in die vorderste Feuerlinie. Bekannt ist u. a. der 
Heldentod des Leutnant von Göphardt, der — als Wirtschaftsoffizier mit 
Fouragefassen beschäftigt — diese Tätigkeit einem Feldwebel übergebend, 
auf die Lafette einer vorübereilenden Batterie sich schwang und bei den 
Plänklern seines Bataillons gerade ankam, um den tödlichen Schuß in die 
Brust zu erhalten. — „Wenn mich die Donner des Todes begrüßen, wenn 
meine Adern geöffnet fließen — dir, Gott, ergeb ich mich. Vater, ich 
rufe dich.“" — So haben allezeit tapfere Krieger gefühlt und gedacht, nur 
daß der edle Theodor Körner dieses Gefühl in begeisterte Worte kleidet. 
Auch in der Schlacht bei Königgrätz am 3. Juli haben sich alle be- 
teiligten sächsischen Truppen musterhaft benommen. Und doch war ihre 
im wahrsten Sinne des Wortes aufopfernde Bravour nicht im stande, 
den Ausgang der Sache abzuwenden. Das Studium dieser Schlacht muß 
einen jeden Sachsen mit berechtigtem Stolz, wenn auch zugleich mit tief- 
innerlichem Schmerz erfüllen. Besonders hervorgehoben sei das Verhalten 
der Batterien Hering, Zenker und von der Pfordten, der Leibbrigade (Oberst 
von Hausen), der 2. Brigade (Oberst von Hake), des 2. Jägerbataillons 
(Oberstleutnant Tauscher) sowie des Bataillons Abendroth — welche Truppen- 
teile in hervorragendem Maße nicht nur beim Vorgehen, sondern auch beim 
Zurückgehen glänzende Proben soldatischer Tugenden an den Tag legten. 
Die in regelloser Flucht, alles über den Haufen zu rennen drohenden 
Osterreicher (worunter auch Reitermassen) würden die geordnet zurück- 
gehenden, teilweise unter klingendem Spiel marschierenden Sachsen zersprengt 
und mit fortgerissen haben, wenn nicht eiserne Disziplin und Kaltblütigkeit 
dieselboen vor diesem Schicksale bewahrt hätte. Der verwundete Major 
von Abendroth ließ sogar nicht nur die Tambours einschlagen, sondern im 
vollen Feuer des Feindes Gewehrgriffe ausführen wie auf dem Exerzier- 
platz. Die Schwadron des Rittmeister von Friesen, welche als Artillerie- 
bedeckung Verwendung gefunden hatte und von dem Angriffe auf eine 
auffahrende preußische Batterie nur durch bestimmten Befehl zurückgehalten 
werden konnte, verlor 42 Pferde allein durch Gewehr= und Geschützfeuer.
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        — 181 — 
— Der Schriftsteller Ernst Freytag (in der wissenschaftlichen Beilage der 
Leipziger Zeitung vom 20. Januar 1891) erwähnt ein zu jener Zeit aus der 
Mitte des sächsischen Heeres hervorgegangenes volkstümliches Soldatenlied, 
worin es unter anderem heißt: „Die Preußen schossen gar zu schnell, 
Vertrieben alle von der Stell. Wir aber wie die Mauern stehn, Und 
wollen nicht vom Kampfplatz gehn“, und dann in den kindlich naiven 
Akkorden ausklingt: „Als uns der König Johann sah, rief er „Gott lob, 
daß Ihr seid da. Ob uns der Feind zurück auch schlug, Noch hab' ich 
treue Sachsen g'nug.“ Im Frieden zu Nikolsburg am 26. Juli 1866 ward 
der „unvermeidlich gewesene“ Bruderkrieg beendet, aus welchem Preußen 
voll und ganz als Sieger hervorging. 
Sachsen, vertreten durch die dazu bevollmächtigten Minister von Friesen 
und von Fabrice, versprach, unter Führung Preußens dem Norddeutschen 
Bunde beizutreten, das sächsische Heer unter seinem königlichen Kriegsherrn 
dem König von Preußen als Bundesfeldherrn zu unterstellen, Post und 
Telegraphenwesen in die Hand des Norddeutschen Bundes zu legen sowie 
10 Millionen Taler als Kriegsentschädigung an Preußen zu zahlen. Die 
sächsischen Truppen wurden auf eine Stärke von 29 Bataillonen Infanterie, 
6 Regimenter Kavallerie und 2 Artillerieregimenter mit 96 Geschützen sowie 
den nötigen Spezialtruppen gebracht und formierten das XII. Armeekorps 
des Norddeutschen Bundesheeres. 
Wenn auch das Land Sachsen als solches intakt blieb, so mußte doch 
König Johann das Verbleiben des Hauses Wettin auf dem angestammten 
Throne durch Verzichtleisten auf so manches Souveränitätsrecht erkaufen. 
So schwer ihm naturgemäß diese Wendung in seinem und seines Volkes 
Geschicke gewesen ist, so ehrlich und unverbrüchlich hat er das Wort gehalten, 
welches er bei der Rückkehr aus Osterreich seinen Sachsen als vorbildliches 
Leitmotiv — der Welt als sein Programm — entgegenrief: „Mit derselben 
Treue, wie ich zu dem alten Bunde gehalten, werde ich zu dem neuen 
stehen.“ Seine getreuen Untertanen haben ihn dabei redlich unterstützt. 
Die nicht leichte Umwandelung der Organisation, der Uniformierung 
und Bewaffnung der Armee nach preußischem Muster ging, dank der hin- 
gebenden Pflichterfüllung, der angespanntesten Tätigkeit und des mit Ver- 
ständnis gepaarten Eifers aller Offiziere und Beamten (den energischen 
und loyalen, ebenso treu sächsischen wie deutschen Kriegsminister von Fabrice 
an der Spitze) derartig gut und schnell von statten, daß bereits ein Jahr 
später die nach neuen Grundsätzen ausgebildeten sächsischen Truppen den 
preußischen Inspizienten und dem Bundesfeldherrn in Parade und Manöver 
vorgeführt werden konnten. Rastlos ward weitergearbeitet und in kurzer 
Zeit hatte das XII. Korps die Ideen des Meisters in der Kriegskunst, 
des Generals von Moltke, sowie die Einzelbestimmungen der neuen Regle- 
ments fest und mit sicherem Verständnis in sich aufgenommen. Rückhalt- 
los konnte es schon bald nach einem Jahre unter die am besten, zuver- 
lässigsten und sachgemäßest funktionierenden Glieder des großen Heeres-
        <pb n="200" />
        — 182 — 
körpers gerechnet werden, auf welchem das prüfende Soldatenauge des für— 
sorglichen Wilhelm von Preußen ruhte. In wie reichem Maße aber das 
königlich sächsische Armeekorps auch in seiner neuen Gestalt im blutigen 
Ernstfalle den höchsten Erwartungen entsprochen und neuen Lorbeer zu 
dem alten um seine Fahnen gewunden hat, das zeigt — mit goldenen 
Lettern in die Tafeln der Geschichte eingegraben — das Verhalten der 
Sachsen im französischen Feldzuge 1870/71. Niemals wird deren Bravour 
in Vergessenheit geraten, niemals der Ruhm ihrer tapferen und geschickten 
Führer aller Grade erblassen. 
Für alle Zeiten steht die Tatsache fest, daß der Kommandierende des 
XII. Armeekorps, der ruhmreiche Kronprinz Albert von Sachsen es ge- 
wesen ist, der durch die ureigenste Initiative seines persönlichen Feldherrn- 
talentes den Sieg bei St. Privat herbeiführte und dadurch eine der 
wichtigsten Vorbedingungen — wenn nicht die wichtigste überhaupt — zu 
dem siegreichen Ausgange des ganzen Feldzuges geschaffen hat. Beau- 
mont und andere Namen reihen sich wie eine Kette edler Perlen an. 
Nur einige Züge aus dem Feldzug 1870 mögen hier angeführt sein. 
Da leuchtet z. B. gleich die erste Hauptschlacht, die bei St. Privat am 
18. August im Glanze höchsten Ruhmes. 
Bekannt ist der außerordentlich wichtige Dienst, den an jenem Tage 
der damalige Artilleriehauptmann im Generalstabe, Edler von der Planitz 
(der nachherige Kriegsminister), geleistet hat, indem er durch einen kühnen 
Rekognoszierungsritt dem Kronprinzen Albert die Bestätigung von dessen 
Annahme brachte, daß die Stellung des Feindes weit über die festungs- 
artige Position von St. Privat hinaus bis Roncourt sich ausdehne. Diese 
im gestrecktesten Galopp überbrachte Meldung, welche, wie schon erwähnt, 
die Vermutung des Kronprinzen bestätigte, bestimmte letzteren definitiv die 
von ihm geplante Umgehung des rechten französischen Flügels anzubefehlen, 
wodurch das Schicksal des Tages besiegelt wurde. Der 18. August, dessen 
Sonne nicht nur am Himmel blutigrot unterging, sondern deren letzten 
Strahlen eine vom Herzblut tapferer Helden rot gefärbte Erde in ihr 
goldenes Licht tauchten, gar manchem wackeren Krieger den Kuß der Wal- 
küren auf die erstarrten Lippen drückend, verdient aber noch weiterer Er- 
wähnung, wo es gilt, Vorbilder ruhmvollen Lebens und Sterbens den 
nachkommenden Generationen vorzuführen. Es sei ein jeder darauf hin- 
gewiesen, die packende Schilderung zu lesen, welche der deutsche Soldaten- 
hort (Jahrgang 1) über eine Episode jener Schlacht gibt, insbesondere das 
107. Regiment betreffend, dessen Kommandeur Oberstleutnant von Schweinitz 
(einer der 23 sächsischen Offiziere, denen dieser heiße Tag den Tod ge- 
bracht hatte) an seiner Spitze gefallen war. „Mit welcher Bravour und 
Hingebung die Sachsen den Sturm auf das hartnäckig verteidigte St. Privat 
ausgeführt haben, ist mit flammenden Lettern in die Ruhmesblätter der 
deutschen Geschichte eingezeichnet“ sagt das Buch von König und Vollborn, 
Sachsens Anteilnahme 1870. Generalmajor von Craushaar, welcher, nach-
        <pb n="201" />
        — 183 — 
dem ihm das Pferd unter dem Leibe erschossen worden war, die Fahne 
des 1. Grenadierbataillons ergriffen hatte und den Truppen vorangeeilt 
war, fiel gleichzeitig mit seinem Schwiegersohne, dem Hauptmann von Pape 
und hauchte seine Heldenseele in den Armen seines Adjutanten, des 
Premierleutnant Schmalz, aus. „Wie ruhmvoll die sächsischen Regimenter“, 
so erzählt der Soldatenhort, „bei diesem Sturme die blutige Feuertaufe 
bestanden, das künden die Verlustlisten des XII. Armeekorps, das erzählen 
die Ringe an den zerschossenen Fahnen, vor allem der Ring an der Fahne 
des ersten Bataillons des 107. Regiments, in der die Namen der mit 
ihr gefallenen braven Söhne des Sachsenlandes zu bleibendem Gedächtnis 
und zur Nacheiferung eingegraben sind. Als die Trompeten das Angriffs- 
signal zu schmettern und die Trommeln den Sturmmarsch zu rasseln be— 
gannen, trug Unteroffizier Thümmel die Fahne voran. Doch bald sank 
sie. Die Kugel, die ihren Schaft durchbohrte, hatte auch ihren Träger 
schwer verwundet. Da ergriff Feldwebel Schumann die Fahne — aber 
ein Schuß durch den Kopf streckte ihn nieder. Mit seinem Leibe deckte 
der Held das Panier, das jetzt Sekondeleutnant Halm aufraffte und der 
feuersprühenden Mauer entgegentrug. Durch den Oberschenkel geschossen, 
sank der tapfere Offizier zusammen, das Heiligtum des Bataillons dem 
Hauptmann Wichmann übergebend, der nur zu bald den Heldentod fand. 
Jetzt hob Adjutant von Goetz die Fahne in die Höhe, aber auch er starb 
für König und Vaterland. Aus seiner Hand nahm Soldat Maning das 
vom Blute der gefallenen Helden gerötete Feldzeichen, um es den stürmenden 
Siegern voranzutragen, bis er schwer verwundet zu Boden sank. Ge— 
freiter Hoffmann ergriff mit dem Rufe: „her zu mir, wer seine Fahne 
liebt“, das Heiligtum und trug es unter prasselndem Geschoßhagel kühn 
vorwärts bis in das Dorf, das dem löwenhaft trotzenden Feinde erst ab— 
gerungen war, als die strahlende Sonne schon untergegangen. Geführt 
wurde der Rest jenes Bataillons vom Premierleutnant Röder, dem einzigen 
noch kampffähigen Offizier, dem bei den brennenden Trümmerhaufen 
der heldenmütige Führer der preußischen Gardekolonnen, Generalleutnant 
von Pape tief bewegt die Hand drückte. Die gleiche Auszeichnung ward dem 
Feldwebel Drechsler, sowie den Sergeanten Schilde und Kaiser zu teil. 
Bei dem Sturm auf St. Privat war das Wort des nachmaligen General- 
feldmarschalls Graf Moltke überaus glänzend in Erfüllung gegangen, 
welches dieser große Mensch und große Feldherr damals als Chef des 
preußischen Generalstabes 1866 angesichts des geordneten Rückzuges der 
Sachsen bei Problus getan hatte: „Eine geschlagene Armee, die, dem Un— 
vermeidlichen sich fügend, ruhig und geordnet das Schlachtfeld verläßt, 
kann sich dem Sieger ebenbürtig zur Seite stellen: Wolle Gott, daß dies 
geschehe — und bald.“ Nur vier Jahre waren seitdem vergangen. 
Geradezu rührend und einen ebensolchen Beweis von echt soldatischem 
Geiste wie ein vorbildliches Beispiel der familienhaften Zusammengehörig- 
keit von Vorgesetzten und Untergebenen bietend, muß es anmuten, wie der
        <pb n="202" />
        — 184 — 
schwerverwundete Grenadier Ahnert, der einst wegen des Vergehens wieder- 
holter Eigenmächtigkeit in die zweite Klasse des Soldatenstandes versetzt 
worden war, nun aber durch besonders tapferes Verhalten in der Schlacht 
sich zu rehabilitieren trachtete, in männlich -kindlichem Angstgefühl, ob sein 
Vorhaben ihm auch gelungen sei, mit gebrochenen Augen seinem Kom- 
pagniechef die Worte zuflüsterte: „Nicht wahr, Herr Hauptmann, ich sterbe 
als ein guter Soldat?“ 
Von den vielen weiteren großen Taten der sächsischen Truppen, die 
mit denjenigen aller deutschen Stämme im Ausbau ihres kriegerischen 
Ruhmes wetteiferten, seien nur noch kurz hervorgehoben die Eroberung der 
Turkofahne im blutigen Handgemenge bei Daigny seitens der Kompagnie 
Küstner des 104. Regimentes; desselben Regimentes Eroberung dreier 
Mitrailleusen mit stürmender Hand und die durch das 13. Jägerbataillon 
gleichfalls mit dem Bajonett vollführte Eroberung zweier Geschütze und 
einer Mitrailleuse. Auch die beiden, jetzt vor der Schützenkaserne in 
Dresden stehenden Kanonen wurden im Feuer genommen und zwar durch 
einen Zug der 6. Kompagnie des Schützenregimentes unter dem Reserve- 
leutnant Naumann. Nicht unerwähnt bleiben darf ferner das äbßerst 
rühmliche Verhalten des 105. Regimentes, welches in der Schlacht bei 
Sedan auf dem Höhenrücken von la Moncelle (und zwar der damaligen 
allgemeinen Gefechtslage wegen längere Zeit ohne jede Reserve) dem An- 
sturme der gesamten französischen Division Lartique Stand hielt, zuletzt — 
weil die Munition vollständig verschossen — unter Hauptmann Baum- 
garten zum Gegenangriff mit dem Bajonett übergehend. Die einzige 
Unterstützung jenes braven Regimentes bildeten die Batterien der Divisions- 
artillerie, wie denn das Verhalten der gesamten sächsischen Artillerie während 
des ganzen Feldzuges über alles Lob erhaben war. (Nicht die Menge 
des Schießens, sondern die Art desselben tut es. Nichtsdestoweniger 
dürfte es interessieren, daß beispielsweise an dem einzigen Tage von Sedan 
die sächsischen Batterien je bis zu 789 Schuß abgegeben haben.) Be- 
kanntlich trafen auf einem Teile des Schlachtfeldes am Vormittag die 
Sachsen, bevor sie weiter vordrangen, gerade ein, um die seit den frühesten 
Morgenstunden aufs härteste bedrängten Bayern aus ihrer überaus gefähr- 
lichen Lage zu befreien. Hierauf nimmt folgendes bayerisches Soldatenlied 
Bezug: „Da kommt ein Offizier gesprengt von unfren Cheveaulegers. Der 
ruft: Die Sachsen kommen, sie kommen in dichten Kolonnen, sind da mit 
der ganzen Armee. Und als sie aufmarschierten, wir Bayern jubilierten. 
Hurra! Zu Hilfe dem Bayer, der tapfer gehalten im Feuer! — Dank 
Euch, Ihr braven Sachsen. Nun sind wir allem gewachsen." 
Des durch Blut und Eisen neu und festgeeinten Deutschen Reiches 
freut sich nicht zum wenigsten das gesamte Königreich Sachsen, dessen Fürst 
und Volk als ein treues Glied desselben allenthalben anerkannt ist. Unter 
hervorragender Teilnahme des Hauses Wettin ist eine Gestaltung der 
deutschen Verhältnisse errungen worden, die in ihrer föderativen Art
        <pb n="203" />
        — 185 — 
allen Beteiligten gleich sympathisch ist. Für Deutschland dürfte diese Art 
wohl das allein richtige, weil der Natur des Germanentums entsprechende 
System der Zusammenfassung der Einzelstaaten zu einem allen gleich am 
Herzen liegenden Gemeinwesens sein. 
Dem greisen Könige Johann war die Freude vergönnt, seinem ritter— 
lichen Sohne Albert bei dessen Einzuge an der Spitze der aus dem 
Feldzuge zurückkehrenden Truppen in Dresden das Attribut der Feld- 
marschallwürde persönlich überreichen zu können, welche demselben von Kaiser 
Wilhelm I. in gerechter Würdigung der durch dessen hervorragendes Feld- 
herrntalent dem Reiche und Vaterlande geleisteten herrlichen, echt fürst- 
lichen Dienste verliehen worden war. 
Neben Kaiser Wilhelm nahm im einträchtigen Rate der deutschen 
Fürsten des Kaisers treuer Freund König Johann bis zu seinem Lebens- 
ende einen der hervorragendsten Plätze ein. 
An dem im Jahre 1872 gefeierten goldenen Ehejubiläum des geliebten 
Königspaares (Maria Amalie war die Tochter Maximilians I. von Bayern) 155) 
nahm nicht nur ganz Sachsen, sondern ganz Deutschland den freudigsten 
Anteil. Wenn des hochseligen Königs Johann vorbildliche Eigenschaften 
als Fürst und als Mensch hier kurze Erwähnung fanden, so darf dessen 
Eigenschaft als Christ noch viel weniger vernachlässigt werden. Reines 
Herzens und frommen Gemütes, gleichermaßen begabt, mit einer edlen 
Seele wie mit durchdringendem Verstande, ist gerade König Johann, dessen 
Gelehrsamkeit und Wissenschaftlichkeit von aller Welt anerkannt wird, ein 
leuchtendes Vorbild und Beispiel dafür, wie wahre Religiosität mit der Freiheit 
der Wissenschaft sehr gut sich vereinigen läßt. „An dem Prinzipe der Voraus- 
setzungslosigkeit wissenschaftlicher Forschung hat König Johann unbedingt 
festgehalten, ebenso wie an den ewigen Grundwahrheiten der göttlichen 
Offenbarung und der christlichen Kirche.“ Die so außerordentlich notwendige 
Parität, das friedliche, in treuer gegenseitiger Liebe und Achtung hilfs- 
bereite geschwisterliche Zusammengehen der christlichen Konfessionen, in welche 
unter Gottes Zulassung nun einmal die Kirche des Gottessohnes geteilt 
(nicht gespalten!) ist, fand in dem weisen Könige Johann eine starke und 
wohlwollende Stütze (ebenso wie dies von dessen erlauchten Nachfolgern zu 
allgemeinster Freude und Befriedigung gerühmt werden kann). Ein Punkt 
allein schon beweist die rein objektive Gesinnung des Königs, welche 
auf wahrer Sittlichkeit und wahrer Frömmigkeit fest gegründet stand. 
Obwohl ein treuer Sohn der katholischen Kirche, in der er geboren, ver- 
traute derselbe, hochherzig und weitblickend, die Erziehung seiner Söhne 
einem Manne an, der ebenso wie er selbst in erster Linie Christ war. 
Es war dies der nachherige Präsident des Oberappellationsgerichtes, Hof- 
135) Außer den beiden Söhnen Albert und Georg durfte sich auch eine Tochter dieses 
schönen Festes der fürstlichen Eltern freuen: Elisabeth Herzogin von Genua, Mutter der 
gegenwärtigen Königin-Witwe Margherita von Italien. Ein Sohn indessen (Prinz Ernst) 
und fünf Töchter waren bereits in ein besseres Jenseits abberufen worden.
        <pb n="204" />
        — 186 — 
und Justitien-Rat Albert von Langenn, ein strenggläubiger und daher 
ebenfalls paritätisch gesinnter Evangelischer, der auch als gelehrter Historiker 
einen großen Ruf hatte. Die erhabenen Gedanken, welche seinerzeit Prinz 
Johann in der von ihm aufgestellten Anweisung über Prinzen-Erziehung 
niedergelegt hat, bilden ein leuchtendes Ehrenblatt in den Annalen nicht 
nur unseres sächsischen Königshauses, sondern aller fürstlichen Familien 
überhaupt. Sie sind es wohl wert, in ihren markantesten Zügen aller Welt 
bekannt zu sein. Denn abgesehen davon, daß durch dieselben ein ganz be— 
sonders warmer Strahl milden Lichtes auf die Lebensanschauungen unserer 
Herrschaften und auf deren Beurteilung menschlicher Verhältnisse geworfen 
wird, kann jeder einzelne Mensch, wer und was er auch sein sollte, Lehren 
daraus schöpfen. So besagt, nachdem von Gehorsam und anderen wichtigen 
Begriffen geredet worden ist, ein Stelle jener Instruktion folgendes: Bei 
schicklicher Gelegenheit ist mein Sohn darauf hinzuweisen, daß die ihm 
verliehene Stellung ein Geschenk Gottes sei, und dies ihn um so mehr ver— 
binde, durch Erwerbung der nötigen Tüchtigkeit und durch treue, keine 
Opfer scheuende Pflichterfüllung sich desselben würdig zu machen. Regungen 
des Stolzes ist auf diese Weise und wenn nötig durch Darstellung der 
Torheit desselben entgegenzuwirken. In reiferen Jahren ist jedoch mein 
Sohn auch darauf aufmerksam zu machen, daß es eines Fürsten Pflicht 
ist, die ihm von Gott gegebene Stellung zu behaupten. Echte Religiosität, 
unter steter Wahrung der Parität unter den christlichen Bekenntnissen, 
sowie Achtung vor allen Ständen dem fürstlichen Kinde beizubringen wird 
als ebenso notwendig wie selbstverständlich hingestellt. 
Den Absichten des treuen Vaters ist der treue Lehrer allenthalben 
nachgekommen, und wie segensreich der Einfluß dieser Erziehung für alle 
Zeiten gewesen ist, das beweisen Leben und Regierung von König Johanns 
Söhnen. 
Tief und herzlich betrauert, ebenso herzlich wie er geliebt und verehrt 
worden war, starb der teure Monarch am 29. Oktober 1873 in seinem 
Schlosse zu Pillnitz. Auf seine hehre Gestalt als Fürst und als Weiser, 
deren Vorbildlichkeit noch in den fernsten Generationen ihren Segen fühlen 
lassen wird; auf ihn ganz besonders kann der Ausspruch in den Predigten 
Salomonis (10, 17) Anwendung finden: „Wohl dem Lande, des König 
edel ist." Majestätisch glitt das Schiff auf dem vom Monde geheimnisvoll 
beschienenen Elbstrome hin, welches die hohe Leiche des verewigten Sachsen- 
königs barg, dieselbe von Pillnitz nach Dresden führend. Von pietätvollem 
Verständnis für die Bedeutung des historischen Augenblickes zeugte die 
Wahl des Fahrzeuges — „Saxonia“. In schweren Falten schleppte in 
den ruhigen Fluten der Behang von tiefschwarzem Tuche, mit welchem, 
entsprechend der über ganz Sachsen lagernden schmerzlichen Trauer, jenes 
Dampfschiff ausgeschlagen war. In den milden Schein des bleichen Nacht- 
gestirns mischten sich die rötlichen Streiflichter der von Leibpagen gehaltenen 
Fackeln. Und das dumpfe Geläute der Glocken war so recht geeignet, der
        <pb n="205" />
        — 187 — 
Stimmung Ausdruck zu verleihen, mit welcher ein ganzes Land — Saxonia — 
seinen heimgegangenen Vater auf betendem Herzen in die Gruft seiner 
Ahnen begleitete, überzeugt, daß dort nur der Leib ruht, während die bei 
Gott weilende unsterbliche Seele segnend von Himmelshöhen herabsieht. 
Als wenn der Geist des Dichters der Göttlichen Komödie den edlen Zügen 
seines königlichen Interpreten, der im Leben so warmes glühendes Empfinden 
für ihn gehabt, noch im Sterben den Stempel der Wahlverwandtschaft 
aufdrücken wolle, mußte es berühren: des toten Königs marmorweises 
Antlitz gemahnte an die Büste Dantes. 
Dem Könige Johann folgte sein Sohn Friedrich August Albert. 
Geboren am 23. April 1828, bestieg derselbe den Thron seiner Bäter am 
29. Oktober 1873. Seine Heldenseele hauchte er auf eigenem Grund und 
Boden zwar im deutschen Vaterlande, doch aber fern von dem engeren 
Heimatlande Sachsen aus, nämlich auf Schloß Sibyllenort in Schlesien am 
19. Juni 1902. Ein wahrer König, jeder Zoll ein Fürst, ein guter Christ, 
ein treuer Sachse, deutsch bis ins Mark, ein Heerkönig, an welchem das 
prophetische Wort Late signa feres Saxoniae tuae seines einstigen Lehrers 
herrlich in Erfüllung gegangen ist: „Weit in die Welt wirst du rühmlich 
die Feldzeichen deiner Sachsen tragen.“ 
Die Generäle von Engel und von Mangold, seine speziell militärischen 
Erzieher, ahnten ebenfalls schon frühzeitig das Feldherrngenie des mit 
fünfzehn Jahren als Artillerieleutnant der Armee angehörenden Prinzen. 
Letzterer selbst aber vernachlässigte seine allgemeinen Studien, insbesondere die 
der von ihm bevorzugten Weltgeschichte durchaus nicht über denen der 
Militärwissenschaften, obwohl diese seine Passion wurden. Seine Person 
mehrt in weithin leuchtender Weise die Beispiele dafür, wie militärwissen- 
schaftliche und universale Bildung in ihrer Verschmelzung cinen ganz be- 
sonders schönen Klang abgeben, melodisch abgetönt durch hinzutretendes 
hervorragendes Kunstverständnis. Wie das ganze Leben König Alberts ein 
vielbewegtes unter dem stürmischen Zeichen der Kriegsgöttin Bellona stehendes 
gewesen ist, so waren schon die Zeiten erregte, in deren Lauf die Jugend- 
jahre des Prinzen Albert fallen. Die französische Julirevolution von 1830 
schlug ihre Wellen weit über den Rhein hinweg in deutsche Lande und 
ließ die Bewegung der Geister in dem Wunsche freiheitlicher Regierungs- 
formen gipfeln. Hart würde es den Fürsten angekommen sein, von ihrer 
Selbstherrschaft den größten Teil auf den Altar des Vaterlandes nieder- 
zulegen, wenn nicht auch unter ihnen die Einsicht mehr oder weniger Platz 
gegriffen hätte, das Volk habe ein Recht am Mitwirken bei der Gesetzgebung. 
Diese Gedanken vertraten ganz besonders die von jeher für das wahre 
Wohl ihrer Untertanen eintretenden Mitglieder des sächsischen Königshauses. 
Insbesondere auch widmete Prinz Alberts weiser Vater, der nachmalige König 
Johann, dem Aufbau der Verfassung lebhaftes Interesse und volle Tätigkeit, 
seinen Söhnen immer aufs neue den Grundsatz einprägend, es sei Pflicht 
der Herrscher, die Beherrschten glücklich zu machen.
        <pb n="206" />
        — 188 — 
Nicht lange nachdem Prinz Albert die Universität Bonn bezogen hatte, 
machten sich von neuem teils Regungen deutsch-nationalen Volksstrebens, 
teils revoltionärer Umtriebe geltend, und das Jahr 1849 sah allenthalben 
hellen Aufruhr. Zu diesen inneren Wirren traten noch die eines auswärtigen 
Krieges. Die Absicht des Königs von Dänemark, das abhängige Schleswig 
ganz mit seinem Lande zu vereinigen, dadurch die Herzogtümer Schleswig 
und Holstein von einander trennend, war das Signal zu einem nationalen 
Kriege Deutschlands gegen Dänemark geworden. Das nationale Empfinden 
der Deutschen erhielt dadurch auch von dieser Seite her einen heilsamen 
Anstoß. In der Seele des jugendlichen Sachsen-Prinzen wuchs der Gedanke, 
daß dort am Ostseestrande der Platz sei, auf dem sich Deutschlands Söhne, 
die Söhne der Fürsten an ihrer Spitze, zu vereinen haben, um der Sache 
des großen gemeinschaftlichen Vaterlandes zu dienen. „Der Krieg hier 
hat“ — so schrieb er in einem Briefe nach der Heimat — „abgesehen von 
dem Recht und Unrecht, das schwer zu erklären für mich ist, auch eine 
höhere Bedeutung. Es ist das erste Zusammenwirken der deutschen Stämme 
zu einem gemeinsamen Ziele, es ist der wahre Weg zur Einigung, und 
diese Bahn zu eröffnen ist die Pflicht namentlich der Fürsten, die voraus- 
zugehen haben, und gelte es das Leben. Denn die Monarchie stirbt nicht 
durch den Tod eines Gliedes, aber Deutschland geht zu Grunde, wenn es 
nicht wagt, diesen Kampf durchzukämpfen.“ Die Worte dieses Briefes hat 
Prinz Albert alsbald in Taten umgesetzt, bei Düppel am 13. April 1849 
erhielt er die Feuertaufe und hat, allen voran, sein Leben nicht geschont. 
Unter dem Reichsoberbefehl des preußischen Generals von Prittwitz erwarb 
sich dieser würdige Nachkomme Albrecht des Beherzten die ersten Lorbeeren. 
Die besondere Tüchtigkeit der preußischen Armee erkannte sein Blick bereits 
damals, wie andererseits die Schwärmerei der Sachsen für ihren jugendlichen 
Prinzen sich von ihnen alsbald auch auf die preußischen Truppen übertrug. 
Mit den beiden höchsten Militärverdienstorden Sachsens und Preußens, 
dem St. Heinrichsorden und dem Orden Pour le mérite auf der Brust 
kehrte Prinz Albert aus dem Dänischen Feldzuge zurück. Schon damals 
der Abgott der sächsischen Truppen, ward er 1857 zu deren General er- 
nannt. Ein Ritter in des Wortes edelster und weitgehendster Bedeutung, 
Soldat und Kamerad, Anführer und Thronfolger in einer Person, war ihm 
die Ausbildung der Armee — „seiner ersten Liebe", wie er später, als König, 
selbst gesagt hat — geradezu Herzenssache. Daß dabei nicht die Lust am 
frischen fröhlichen Kriegshandwerk allein, oder gar etwa das, sonst so oft an 
Fürstenhöfen, gewissermaßen als Spielzeug beliebte Dekorativ eines gewissen 
Paradeglanzes maßgebend gewesen ist, daß vielmehr der bereits im Schlachten- 
donner gereifte Prinz mit einem bewundernswert scharfen Blicke für militärische 
Dinge schon damals einen eben solchen für die große Politik und Staats- 
angelegenheiten verband; daß sein eifriges Bestreben nach eigener perfön- 
licher Vervollkommnung in der Kriegskunst, wie nach Vervollständigung 
und planmäßigem Weiterausbau des heimischen Heeres, also der Wehrkraft
        <pb n="207" />
        — 189 — 
des Vaterlandes, von hohen Gesichtspunkten geleitet wurde, dafür spricht 
unter anderem eine Rede, die Kronprinz Albert im Jahre 1864 als Mit— 
glied der Ersten Ständekammer hielt. Folgende Stelle aus derselben sei 
hier angeführt: „Es können Zeiten eintreten, wo die Geltung unseres 
Vaterlandes von den Taten unserer Armee abhängen kann, wo man weniger 
fragen wird nach unserer ausgezeichneten Industrie, nach unserem vortreff- 
lichen Ackerbau und unseren guten Gelehrten-Anstalten, sondern wo man 
fragen wird: Wie haben sich unsere Sachsen geschlagen? Und danach 
wird dann der Wert unseres Vaterlandes bemessen.“ 
Wie Recht Kronprinz Albert hatte, mit Eifer auf eine immer größere 
Vervollkommnung der sächsischen Wehrkraft zu dringen, sollte sich schon zwei 
Jahre später in ernstem Waffengange erweisen. 
Trotzdem seine Sachsen Teile einer geschlagenen Armee waren, erwarben 
sie sich unter seiner Führung die Ruhmestitel, die ihnen voller Bewunderung 
von Freund und Feind gezollt werden. Heldenhaft und mit beispielloser 
Hingabe haben die Sachsen gekämpft. Ihre Tapferkeit und Unerschrocken— 
heit den Waffen des Feindes gegenüber, wie ihr Mut und ihre Stand— 
haftigkeit in allem Ungemach bleiben der Geschichte überliefert; ebenso wie 
es nie vergessen werden darf, daß sie es gewesen sind, die unter ihres 
Kronprinzen Führung die mit ihnen verbündeten Osterreicher vor voll- 
ständiger Auflösung bewahrten. Dem Kronprinzen Albert war es vergönnt, 
auf den böhmischen Schlachtfeldern vor aller Welt das großartige Feld- 
herrntalent zu erproben, welches ihm die Bahn eröffnete, seine damals in 
seiner Weite und Größe noch allen unbekannte Lebensaufgabe so glänzend 
zu erfüllen, wie es nachmals geschehen. Aus eigenster Initiative bewerk- 
stelligte er als genialer Stratege den berühmten Aufmarsch der Sachsen 
an der Iser; und das von ihm ebenso geschickt angelegte Gefecht bei Gitschin 
würde aller Wahrscheinlichkeit nach gewonnen worden sein, wenn nicht seine 
geschickt angesetzten und tapfer kämpfenden Truppen infolge Ausbleibens der 
als sicher erwarteten Unterstützungen aller bereits errungenen Vorteile hätten 
verlustig gehen müssen. Bei Königgrätz aber ist es Kronprinz Albert ge- 
wesen, der den einzig richtigen Schlachtplan entworfen hatte. Merkwürdige 
Verblendung ließ, zum Unglücke Osterreichs, den Feldzeugmeister von Benedek 
diesen Plan verwerfen. 136) Alberts von Sachsen Feldherrn-Eigenschaften, 
135) Kronprinz Albert hatte sich durch sorgfältigste persönliche Rekognoszierung von 
der enormen Wichtigkeit und außerordentlichen Güte der Stellung Hradek-Nechanitz überzeugt 
und beim österreichischen Oberkommando darauf angetragen, dieselbe besetzen zu dürfen. 
Dieses eingehend motivierte Gesuch wurde abgeschlagen. Dagegen erhielt das Sächsische 
Korps eine andere Stellung (Tresowitz-Popowitz) angewiesen, welche sich aus der lediglich 
linearen Nebeneinanderreihung der Heereskörper ohne jede Rücksichtnahme auf Vorteile 
oder Nachteile der Bodengestaltung und sonstige militärische Rücksichten ergab und wohl 
zu den Zwecken einer bevorstehenden Parade, niemals aber zu denen einer entscheidenden 
Defensiv-Schlacht sich geeignet hätte. Lediglich am grünen Tisch und auf der Karte ausgesucht, 
auf durchaus falschen Voraussetzungen beruhend, erwies diese Stellung sich als völlig un- 
zweckmäßig und wurde auch sofort vom Kronprinzen Albert und dessen sächsischen General=
        <pb n="208" />
        — 190 — 
gepaart mit dem diesem Fürsten eigenen hohen nationalen Sinn, machten 
diesen anderen „Albrecht den Beherzten“ wenige Jahre später zu einem der 
tätigsten Mitbegründer des neuen Deutschen Reiches, zu einem der schwert— 
gewaltigsten Paladine Wilhelms I. Die aufrichtige Dankbarkeit, welche 
(ganz abgesehen von der beide hohe Herren verbindenden persönlichen 
Jugendfreundschaft) Osterreichs vielgeprüfter Kaiser für Sachsens König in 
Erinnerung an das in treuer Brust trug, was ihm von dieser Seite aus 
geleistet worden, hat unzweifelhaft als starkes Bindeglied viel dazu bei- 
getragen, die Errichtung jenes politischen Meisterwerkes zu ermöglichen, als 
welches sich das vom Fürsten Bismarck eingeleitete deutsch-österreichische 
Bündnis von 1879 darstellt. Durch dasselbe ist das urdeutsche Land 
Osterreich (welches freilich im Laufe der Zeiten wegen der Zugehörigkeit 
so verschieden gearteter, ja gegensätzlicher Völker, welche das Übergewicht an- 
streben und nachgerade erhalten zu haben scheinen, diesen Charakter vielfach 
eingebüßt hat) dem übrigen Deutschen Reiche wenigstens so nahe gerückt, 
wie die Verhältnisse es gestatten. Damals freilich, 1866, als noch ein in 
der Natur der Sachlage begründeter Zwiespalt zwischen Nord= und Süd- 
deutschland, zwischen Preußen und auch Sachsen bestand — damals lag 
alles das noch in der Zeiten Schoße. Aber schon damals saß der Ruhmes- 
kranz fest auf dem Haupte des erlauchten Wettiners. 
Als einer der unantastbarsten und bedeutungsvollsten Beweise berech- 
tigter und unverdächtiger Anerkennung der Leistungen einer Armee darf es 
wohl gelten, wenn das Lob aus dem Munde des Gegners ertönt. Eines 
in seiner lapidaren Einfachheit ergreifenden Zeugnisses anerkennender Be- 
wunderung sowohl der Leitung des Heeres als der Tüchtigkeit aller einzelnen 
Teile desselben, und zwar seitens eines feindlichen Generals von der Be- 
deutung eines Herwarth von Bittenfeld kann sich die sächsische Armee 
wegen ihres Verhaltens bei Königgrätz erfreuen. Bei kritischer Betrachtung 
und in gerechter Würdigung des von Kaltblütigkeit, Bravour und Dis- 
ziplin zeugenden Rückzuges des geschlagenen sächsischen Gegners versammelte 
stabsoffizieren, von Fabrice, Funke und Schubert, sowie Generalleutnant von Schimpff als 
solche erkannt. Auf erneutes Ansuchen ward es ihm wenigstens gestattet, das Einrücken 
in diese Siellung zu unterlassen, worauf die Sachsen mit Genehmigung des Feldzeugmeisters 
von Benedek die Stellung Przschim-Problus einnahmen, die als ein Kompromiß zwischen 
der vom Kronprinzen von Sachsen zuerst vorgeschlagenen und der vom österreichischen 
Oberkommando angeordneten aufzufassen ist. Freiherr von Friesen (Erinnerungen an die 
Schlacht von Königgrätz) sagt hierauf bezüglich, nachdem er die großen Vorteile der Stellung 
Hradek-Nechanitz eingehend erörtert und ausgeführt hat, daß, wenn man auf die sächsischen 
Vorschläge eingegangen wäre, der Ausgang der Schlacht voraussichtlich ein ganz anderer 
gewesen sein würde: „Seine Königliche Hoheit der Kronprinz hat durch seine zweckmäßigen 
Vorschläge nicht nur einen Beweis seines hervorragenden Feldherrntalentes, sondern auch 
durch seine Unterordnung unter die Befehle des Feldzeugmeisters Benedek einen gleichen 
Beweis seiner echt soldatischen Disziplin gegeben.“ Das österreichische Generalstabswerk 
aber (III. 325) spricht folgendes aus: „Es ist als ein Glück zu betrachten, daß der Kronprinz 
von Sachsen wenigstens die Besetzung der Position Przschim-Problus statt jener von 
Popowitz sich zu erwirken verstand.“
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        — 191 — 
der genannte preußische Heerführer (Kommandierender der großen Elb— 
Armee) die Offiziere seines Stabes um sich und redete sie mit folgenden 
Worten an: „Sehen Sie sich den Rückzug der Sachsen an, meine Herren. 
Ein geordneterer Rückzug wie dieser ist undenkbar. Er ist das Bild des 
mustergültigen Rückzuges einer mit Ehren unterlegenen Truppe. Den wird 
die Kriegsgeschichte für immer als Beispiel aufstellen.“3.) 
Das preußische Generalstabswerk aber schreibt: „Während der allge- 
meinen Verwirrung und Auflösung, welche bei der kaiserlichen Armee in 
wilde Flucht ausartete, bewahrte die sächsische Armee ihre Haltung und 
Ordnung.“ — Nichts begreiflicher, aber auch nichts Rühmlicheres für beide 
Seiten, als daß Männer wie Moltke „danach lechzten“, die so erprobten 
Sachsen und ihren genialen Führer zu den Ihren rechnen zu können und 
mit ihnen rechnen zu dürfen, da sie dann auf sie rechnen konnten. 
Der Friede war zu Nikolsburg geschlossen; der Norddeutsche Bund 
ins Leben gerufen. Sachsen hatte den im Grunde genommen immer und 
allezeit — nur allerdings auf einem anderen Wege gesuchten — Anschluß 
an ein starkes Deutschland, an ein starkes Deutsches Reich als nationales 
Staatswesen gefunden. König Johann schloß sich mit treuem Herzen an 
und Kronprinz Alberts, des sächsischen Heerführers Streben war nun vor 
allem mit Ernst und Eifer darauf gerichtet, das Verhältnis Sachsens auch 
in militärischer Beziehung zu dem neuen Bundesstaat entsprechend um- 
und auszubilden, die sächsische Armee als XII. Armeekorps des nord- 
deutschen Bundesheeres, den Vereinbarungen der Militär-Konvention gemäß, 
nach preußischem Muster zu reorganisieren. Seiner sowie seines erlauchten 
Bruders des Prinzen Georg und der hingebendsten, anstrengendsten und 
opferfreudigsten Tätigkeit aller Offiziere, Mannschaften und Beamten des 
sächsischen Heeres gelang es, wie schon an anderer Stelle hervorgehoben, 
noch vor Ablauf des hierzu in Aussicht genommenen einen Jahres diese 
Herkulesarbeit zu bewältigen und zwar zur vollsten Zufriedenheit des 
Bundesfeldherrn und dessen inspizierenden Generalen. Drei Jahre darauf 
ward dieses Lob völliger Kriegsbereitschaft, welches aus dem Munde des 
greisen Königs Wilhelm von Preußen erklungen war, auf den Schlacht- 
feldern Frankreichs durch das von Preußen und Sachsen gemeinsam ver- 
gossene Herzblut besiegelt. Im Feuer dieses nationalen Krieges verschmolz 
alles das in eins, was unausgesprochen und innerlich wohl schon lange 
zusammengehört hatte, nun aber durch Blut und Eisen auch äußerlich 
und aller Welt sichtbar eine Gemeinschaft bildete. Es traf das ein, was 
Prinz Albert als 21 jähriger Jüngling in Schleswig-Holstein, was so 
  
137) Dieser Ausspruch des kommandierenden Generals (nachmaligen Generalfeld- 
marschalls) Herwarth von Bittenfeld bei Beobachtung des im preußischen Geschützfeuer er- 
folgenden Rückzuges der sächsischen Armee auf Problus am 3. Juli 1866 ist mitgeteilt 
von Seiner Exzellenz dem Kgl. preußischen Generalleutnant z. D. von Niesewand, welcher 
seinerzeit als Rittmeister und Ordonnanzoffizier persönlicher Zeuge dieses für immer be- 
achtenswerten Vorganges gewesen ist.
        <pb n="210" />
        — 192 — 
mancher ergraute Mann vor ihm und nach ihm ersehnt, was Dichter und 
Sänger erhofft, was die Volksseele ersehnt hatte. Das einheitliche und 
förderative Deutsche Reich trägt das ideale Motto an der Stirn: „Eins 
nach außen — schwertgewaltig —. Doch im Innern vielgestaltig.“ So 
muß es immerdar bleiben. Einer der wertvollsten tatkräftigsten Vorkämpfer 
der deutschen Reichsidee nach innen wie nach außen war Albert von Sachsen. 
Was derselbe getan und geleistet, der als einer der glänzendsten, kriegs— 
gewandtesten Ritter die Tafelrunde erst des Königs, dann des Kaisers 
Weißbart zierte und den Franzosen in erster, der ganzen Welt in zweiter 
Linie zeigte, was deutsche Kraft in deutscher Einigkeit, bei deutscher 
Gründlichkeit und Geschicklichkeit zu leisten vermag, der als „Schildhalter 
des Reiches“ mit starkem Arm und hellem Geiste dieses Ehrenamtes 
waltete, in welches der wahrsprechende Volksmund ihn eingesetzt hat, dessen 
Feldherrngröße mit jedem Tage wuchs und freudige, neidlose Anerkennung 
fand allenthalben — das steht fest eingeprägt in den Herzen aller Deutschen. 
Aus demselben Felde der Ehre, auf welchem die todesmutigen preußischen 
Garden in geradezu antik-heroischer Heldenhaftigkeit sich beinahe verblutet 
hätten, wuchsen auch ihren sächsischen Brüdern, wuchsen den sächsischen 
Truppen neue Lorbeeren zu ihren alten, stieg das Feldherrngenie des Kron— 
prinzen Albert zu immer gewaltigerer Größe. Und wie der ebenso geist— 
als kenntnisreiche preußische Militärschriftsteller Hoenig 135) ausdrücklich be- 
tont, müssen die Anordnungen des sächsischen Kronprinzen bei Nouart und 
diejenigen, welche die Schlacht bei Beaumont herbeiführten, den besten 
Feldherrnhandlungen Napoleons I. an die Seite gestellt werden 
Zwei Tage nach der Schlacht von St. Privat ward Kronprinz Albert 
an die Spitze der neu geschaffenen IV. Armee gestellt, welche aus dem 
preußischen Gardekorps, dem preußischen 4. und dem sächsischen 12. Armee- 
korps sowie vier Kavalleriedivisionen bestand und nach ihrer Haupt- 
Operationsbasis, der Maas, den Namen Maas-Armee erhielt. 
Zum ersten Male in der Weltgeschichte waren somit einem sächsischen 
Prinzen preußische Truppen zur Führung anvertraut. Auch diese Tatsache 
war eine Etappe mehr auf dem Wege zur deutschen Einigkeit; und wieder 
war es die hell leuchtende Gestalt des Kronprinzen Albert in dessen Eigen- 
schaft als gottbegnadeter Heerführer, welche als Werkzeug diente. In 
seinem echt soldatischen, anspruchslos einfachen, doch dabei ehrfurchterweckenden 
Wesen lag trotz ruhigen Ernstes von jeher etwas Bestrickendes, welches 
machte, daß die Armee vom General bis zum Tambour mit Liebe und 
unbegrenztem Vertrauen zu ihm erfüllt war. Die Preußen empfanden dies 
138) Jener vielerfahrene, vor allem aber auch wegen seiner strengen Wahrheitsliebe 
bekannte ehemalige Hauptmann Fritz Hoenig, welcher viel zu früh vom Tode ereilt wurde, 
erhielt bei seiner Bestattung am 16. März 1902 durch den amtierenden Geistlichen ein be- 
sonders schönes Ehrendenkmal dadurch errichtet, daß er als ein Wahrheitskämpfer im Sinne 
des Apostel Paulus geschildert wurde, dessen Ausspruch befolgend: „Ich vermag nichts 
gegen die Wahrheit, aber alles für die Wahrheit.“
        <pb n="211" />
        — 193 — 
sofort mit derselben Wärme wie ihre sächsischen Waffenbrüder, und begeistert 
jubelten ihm die zu, die wenige Jahre vorher auf Böhmens Gefilden 
gegen ihn gefochten hatten. „Mit Ruhe und sicherem Blicke“, sagt eine 
Stimme aus deren Reihen, „umfaßt Kronprinz Albert stets das Ganze 
und trifft immer das Richtige. Mit soldatischem Ernst verbindet er den 
menschlich schönen Zug der Milde. In jedem entscheidenden Augenblicke 
ist er eigener, wagemutiger und tatkräftiger Entschließung fähig; aber auch 
stets anspruchslos dem großen Ganzen sich unterordnend, unübertroffen in 
Pünktlichkeit und steter Dienstbereitschaft.“ 
Der dem Kommandierenden der Maasarmee als Stabschef beigegebene 
preußische Oberst von Schlotheim hat oft genug ausgesprochen, wie hoch 
er den sächsischen Kronprinzen nach jeder Richtung hin verehre, und wie 
er dessen stets zutreffenden Scharfblick im raschen Entwerfen eigener Dis- 
positionen bewundert habe, die immer die zweckmäßigsten gewesen seien. 
Auf Gegenseitigkeit gestütztes unbedingtes Vertrauen und unbestreitbare 
Tüchtigkeit des obersten Führers, die, gepaart mit eisernem Pflichtgefühl, 
sich von dessen Person auf alle anderen übertrug, ließ in Bezug auf den 
Kronprinz Albert und dem Stabe der Maasarmee, dem er seinen Geist 
eingehaucht hatte, das seinerzeit in der Armee kursierende Wort entstehen: 
Der Maasstab (Stab der Maasarmee) ist der Maßstab für alle Stäbe. 
Wie das Verhalten der Sachsen und das Eingreifen ihres Führers 
auch bei Sedan ein anerkannt vorzügliches gewesen ist, jener Entscheidungs- 
schlacht, welche zu schlagen außer durch Moltkes, wesentlich auch durch 
Kronprinz Alberts Planungen und Dispositionen ermöglicht worden ist, so 
sind überhaupt die Erfolge des glorreichen Krieges, aus dessen vom Herz- 
blut tapferer Helden getränkten Schlachtfeldern der purpurne Kaisermantel 
erwuchs, nicht zum geringen Teile der Feldherrntätigkeit Alberts von 
Sachsen zu danken. 
Moltke, des deutschen Heeres Auge, wußte genau, was er und die 
Armee an diesem ritterlichen Sprossen des Rautenstammes hatte; Wil- 
helm I. war sich dessen von ihm auch in Bezug auf das deutsche Vater- 
land bewußt. In der für Jung und Alt des deutschen Volkes heiligen 
Erinnerung an die Paladine, bei deren Schwerterklang König Wilhelm 
von Preußen als deutscher Kaiser auf den Schild gehoben wurde, nimmt 
Kronprinz Albert, unter den Fürsten, deren felsenfeste Treue und patrio- 
tische Gesinnungen den Grundstein und Eckpfeiler des Reiches bilden, nimmt 
König Albert auf ewig einen hervorragenden Platz ein. 
Nicht nur ein Kriegsheld ohne Furcht und Tadel war König Albert, 
sondern eben so sehr ein Friedensfürst und Landesvater, der die wirtschaft- 
lichen Kräfte seines Sachsenlandes zur vollsten Entwickelung gebracht hat, 
dabei aber immerfort seinen Blick auch auf das große deutsche Vaterland 
richtete, nicht nur als treuer, selbstloser Bundesfürst, sondern auch als hin- 
gebender Freund dreier Kaiser — beratend, helfend und mahnend. Fürst 
Bismarck, der von ihm allezeit als von einem gnädigen und gerechten 
13
        <pb n="212" />
        — 194 — 
Herrn sprach; Fürst Bismarck, Deutschlands Einiger, äußerte sich nach 
dem unvergeßlich schönen Wettinfeste 1889 über König Albert wie folgt: 
„Das leuchtende Muster der Selbstlosigkeit der Bundesfürsten ist König 
Albert von Sachsen, der glorreiche Führer deutscher Heere, vielleicht der 
künftige Oberbefehlshaber der deutschen Streitkräfte, wenn das Reich seine 
Existenz nach Osten und Westen verteidigen muß. Diese seine Tugenden 
haben die Hingabe der Sachsen an das Haus Wettin, die von keiner der 
über das Land gekommenen Katastrophen und selbst nicht von der religiösen 
Verschiedenheit zu erschüttern gewesen ist, zu der bei den Jubelfesten hervor- 
brechenden Begeisterung gesteigert.“ 
Obwohl seiner ganzen Neigung nach in erster Linie Soldat, wurde 
König Albert mit derselben Pflichttreue und Gewissenhaftigkeit zum für— 
sorglichen Landesvater, zum Muster eines deutschen Regenten, eines Monarchen 
voll allumfassenden Interesses für das gesamte öffentliche Leben, für das 
Wohl seines Volkes und seines Staates — das Wohl des Reiches nicht 
zu vergessen. Wie im „Schlachtendonnerwetter“ unter dem dröhnenden 
Gebrüll der Geschütze, so führte Albert der Ruhmreiche auch im friedlichen 
Wettkampfe, beim Ringen innerhalb der Tätigkeiten moderner Kultur— 
entwickelung, unbeirrt durch Zurufe von rechts und von links, seine Sachsen 
ins vorderste Treffen, hier wie dort ruhmvoll bestehend. Und so durfte 
er mit höchster Genugtuung sehen, wie unter seinem sicheren, stetigen und 
wohlwollenden Regiment, trotz so mancher schwierigen Verhältnisse, trotz 
fortwährend wachsender Konkurrenz auf dem Weltmarkte doch sein Land 
immer mehr aufblühte, wie sächsischer Gewerbefleiß nicht umsonst arbeitete, 
wie Kunst und Kunstgewerbe blühten, und wie das Unterrichtswesen, dank 
seinem persönlichen Einflusse, vor Überstürzungen bewahrt geblieben ist. 
König Albert hätte nicht mit Leib und Leben Jäger sein müssen, wenn 
er nicht, wie für den Wald, so für das Feld die herzlichsten Sympathien 
hätte fühlen sollen. Was an ihm lag, hat er auch redlich zum Schutze 
der Landwirtschaft getan. Auf das wahre Wohl dessen, was ihm von 
Gott, was ihm von Gottes Gnaden anvertraut war und seiner Fürsorge 
übergeben, ist des edlen Königs Tun und Denken allezeit gerichtet gewesen. 
Von Selbstlosigkeit und Pflichttreue war sein Dasein geleitet; königlich 
waren seine Gedanken. 
Als Herrscher seines Landes regierte König Albert ganz nach den weisen 
Grundsätzen seines hochseligen Vaters und hat auch hier der Erfolge viele 
aufzuweisen. Für die Interessen von Handel und Wandel, von Verkehr 
und Industrie, für die Interessen aller Faktoren verstand er einzutreten, 
die für das Wohl von Staat und Volk von Nutzen sind. Allüberall ließ 
er es sich nicht verdrießen, wie man zu sagen pflegt, nach dem Rechten 
zu sehen, persönlich zu beobachten, zu beloben, sich selbst zu instruieren 
und andere zu ermuntern. Noch jetzt nach Jahren steht das Gefühl des 
ernstesten Schreckens in aller Erinnerung, welches ganz Sachsen durchzitterte, 
als der teure Landesherr bei einer solchen Gelegenheit nur durch ein Wunder
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        — 195 — 
Gottes vom Tode verschont geblieben und dem grausigen Geschicke entgangen 
war, welches unmittelbar an seiner Seite den Kreishauptmann Hübel be— 
troffen hatte. Auf einer Reise zur Besichtigung industrieller Anlagen hatte 
König Albert in Begleitung jenes hohen Regierungsbeamten, der hier tat— 
sächlich sein Leben auf dem Felde der Ehre aushauchte, in einer Fabrik 
zu Mylau den Aufzug bez. Fahrstuhl betreten, um von einem Geschosse 
ins andere befördert zu werden, als die Maschinerie versagte und Kreis— 
hauptmann Hübel erschlagen zu des Königs Füßen niedersank. — Städte- 
namen wie Chemnitz, Plauen, Crimmitschau brauchen auch im Auslande 
nur genannt zu werden, um allen das Bild von Sachsens Weltstellung 
in Bezug auf Industrien jeder Art hervorzuzaubern. Der berühmte Roth- 
schönberger Stollen unter und der weltbekannte Halsbrückener Schornstein 
über der Erde können gewissermaßen als Umrahmung all der kunstvollen 
wie geistvollen Errungenschaften gelten, die einen so großen und achtung- 
gebietenden Raum gerade in unserem Vaterlande Sachsen einnehmen. Der 
Rothschönberger Stollen, der eine Herstellungszeit von 33 Jahren in An- 
spruch genommen hat, 1877 in Betrieb gesetzt wurde und zur Entwässerung 
der Freiberger Bergwerke dient, läuft im Triebischtal bei Meißen aus und 
hat eine Länge von etwa 50 km, während seine Tiefe durchschnittlich 
125 m beträgt. Der Schornstein in Halsbrücke bei Freiberg aber, von 
dem Architekten Heinicke aus Chemnitz 1889 an der Stelle aufgeführt, 
wo ein Jahrhundert früher das erste und bedeutendste Amalgamierwerk in 
Europa erstanden war und 1815 die erste Leuchtgasfabrik errichtet wurde, 
ist mit seinen 144 m die höchste Esse der Erde; wobei die Bemerkung 
nicht uninteressant sein dürfte, daß bei großem Sturm eine Achsenabweichung 
von 10 cm an dieser Esse festgestellt worden ist, ohne daß dem Bauwerke 
dadurch Gefahr drohte. Die Türme des Kölner Domes sind nur 17 m 
höher. Die Höhe des Eiffelturmes, dieses Riesenspielzeuges in Paris, 
freilich beträgt mit 300 m das Doppelte unseres Schornsteins und 
etwas mehr. 
Leider allerdings ist auch in unserem engeren Heimatlande aus dem 
Sumpfe niedrigster Leidenschaften heraus, in Gestalt anarchistischer wie 
atheistischer Sozialdemokratie, ein giftiger Wurm erstanden, der von Unbot- 
mäßigkeit und Unglauben wie von Unverstand und Unzufriedenheit Nahrung 
erhaltend, sich zu immer erschreckenderer Größe auswächst und an den 
Fundamenten von Staat und Gesellschaft nagt. Daß die Entstehung jenes 
Drachen zeugenden Sumpfgebietes durch die Religionslosigkeit und Christus- 
feindschaft gewährleistet worden ist, in welcher jetzt Tausende und Aber- 
tausende von Menschen in trauriger Verblendung, aber legalisiert durch die 
modernen Gesetze schrankenlosester Freiheit, ihr Heil sehen, das dürfte 
ohne weiteres auf der Hand liegen. 
Diese Tausende, welche teils durch den Mangel jeglichen wahren 
Pflichtgefühles sowie das gänzliche Fehlen ihres Verantwortlichkeitsgefühles 
Gott gegenüber auf die Bahn des Revolutionierens gelangt, teils durch 
137
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        — 196 — 
böswillige Verführer irregeleitet worden sind, müssen unglücklich genannt 
werden, aus dem einfachen Grunde, weil ihr Gewissen sie verdammen 
wird. Zwar sind dieselben auf dem Wege der Leugnung alles Göttlichen 
und Überirdischen bemüht, jene ihnen als „altväterisch und überwunden“ 
geltende Stimme des Herzens aus ihrer Brust, wie aus derjenigen aller 
anderen in teuflischer Lust herauszureißen, allein innerlich wohl kann 
ihnen dabei nicht sein. Aber nicht jedem Unglücklichen gebührt Mitleid. 
Diesen Unglücklichen nicht, weil sie erstens im Vollgefühl und Übermaß 
falsch verstandener Freiheit gar nicht in die, wie sie meinen, unwürdige 
Lage geraten wollen, bemitleidet zu werden und weil sie zweitens unver- 
hohlen ihre Absicht dahin kundgeben, alles das zerstören zu wollen, was 
bisher dem Menschengeschlechte heilig gewesen ist. Verbunden mit gerechter 
Abwägung alles gerechterweise zu Erstrebenden ist es Pflicht des Staates, 
seinen Bestand zu schützen und seine Ordnung zu wahren. Er ist ver- 
pflichtet, gewappnet und auf der Hut zu sein, den Angriffen etwaiger 
äußerer Feinde gegenüber ebenso wie gegen die Hydra des inneren Feindes. 
Was den letzteren betrifft, so hat, sehr richtigerweise, um Versöhnung wie 
Frieden mit der Masse der Verführten des Volkes anzubahnen und zu 
Verständigungen auf beiden Seiten zu gelangen, Kaiser Wilhelm II. die 
Aufforderung ausgesprochen: „Schickt uns Arbeiter aus Eurer Mitte in 
den Reichstag und wir wollen mit ihnen beraten, aber reißt Euch los von 
dem verführerischen Treiben der Sozialdemokratie.“ Man sollte meinen, 
dieser einfachen und durchaus berechtigten Aufforderung nachzukommen 
würde man sich beeilen. Aber wenn man Loyalität auch nur geringster 
Art auf jener Seite vermutet, irrt man sich.10) Es ist erschrecklich, welchen 
Sand sich bisher ruhige und harmlose Bürger von den Führern der 
Sozialdemokratie und deren aufwiegelnden Sendboten in die Augen werfen 
139), Hierfür gibt ein Vorgang im 19. Wahlkreise (Aue-Schneeberg) beredtestes Zeug- 
nis. Dort hatte sich nach langem Widerstreben und Bedenken, in eine ungewohnte Sphäre 
zu kommen, ein ganz besonders ehrenwerter Mann des Volkes und Arbeiter im besten 
Sinne, der Bergzimmerling Eduard Hänel, bereit finden lassen, um im Sinne jenes kaiser- 
lichen Ausspruches der guten Sache von Ordnung, König und Vaterland zu dienen, die 
Kandidatur zum Reichstage anzunehmen. A. Pache, dem die Verantwortlichkeit für die 
Wahrheit der Mitteilung zufällt, erzählt im „Vaterland“ vom 15. August 1903: Hänels 
Vater, gleichfalls Bergarbeiter, war ein begeisteter Anhänger der Sozialdemokratie. Vom 
väterlichen Einflusse bewogen, huldigte auch der Sohn dieser Anschauung, bis ruhige, reif- 
liche überlegung und eine gründliche scharfe Beurteilung der Verhältnisse des Bergreviers 
ihn zur Einsicht brachten, daß der Weg, den er bisher gegangen, nicht der rechte sein könne. 
Der junge Hänel trat demgemäß nicht nur aus den Reihen der Sozialdemokratie aus, 
sondern gründete — ein Paulus aus einem Saulus geworden — im Jahre 1897 den 
Verein „Königstreuer Knappen“, welcher jetzt aus 2000 Mitgliedern besteht. Aber die 
Voraussetzung, daß den arbeitenden Kreisen ein schlichter verständiger Arbeiter aus ihrer 
Mitte als Vertreter genehm sein werde, sollte sich nicht erfüllen. Derartig stehen dieselben 
unter dem Banne der Umstürzler. Es wurde eine andere Parole ausgegeben. Die Sozial- 
demokraten agitierten derartig für einen ihrer Parteigänger, einen gewesenen Advokaten 
jüdischer Rasse, daß die Ordnungspartei unterlag.
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        — 197 — 
lassen, mit welchen Verdächtigungen, Verleumdungen, Verdrehungen und 
Verhetzungen von jenen Usurpatoren operiert wird. Deren Terrorismus 
blindlings und willenlos sich zu beugen gilt denen für herrlich und schön, 
welche von eben jenen Verführern angewiesen werden, der von Gott ein— 
gesetzten Obrigkeit Untertan zu sein sei unwürdige Sklaverei. Zudem sind 
es diese von ihren Genossen erbarmungslos Unterwürfigkeit verlangenden 
Führer, welche die zum Besten der unteren Klassen seitens der Regierungen 
vorgelegten Gesetze planmäßig zum Scheitern bringen — aus dem einfachen 
Grunde, weil dann die Unzufriedenheit aufhören würde, sie selbst aber 
(denen das Geschick und Los ihrer „Genossen“ in Wahrheit ganz gleich- 
gültig ist) von der Unzufriedenheit leben. 
Und sehr richtig knüpft der „Reichsbote“ (vom 16. Juni 1903) an die 
Wiedergabe eines im sozialdemokratischen „Vorwärts“ erschienenen, wie das 
konservative Blatt sagt, „blutrünstig“ revolutionären Hetzgedichtes (beginnend 
mit den Worten: „Auf auf, mein Volk, der große Tag des Strafgerichts 
beginnt“) die Frage an: „Wer ist das Volk, das hier aufgerufen wird, 
und wer ist der Feind, den es schlagen soll?“ 
So wird das Volk gegen sich selbst gehetzt und verhetzt von ge- 
wissenlosen, vaterlandslosen und gottlosen Agitatoren, welche ihrerseits das 
arme Volk ausbeuten, während sie demselben diejenigen als auszurottende 
Tyrannen und schlimmsten Feinde schildern, die ihm Lohn und Brot ge- 
währen und für Wohltaten und Unterstützungen sowie Sicherheit in Krank- 
heit und Alter sorgen. 
Ja, die Zustände im Vaterlande sind ernst, im engeren wie im weiteren 
Vaterlande. Eines jeden heilige Pflicht ist es, an seinem Platze und 
nach seinen Kräften zu helfen, dieselben wieder besser zu gestalten. Eines 
jeden einzelnen hohe Aufgabe ist es, dem Vaterlande zu dienen, Gott zu 
fürchten, den König zu ehren, die Brüder zu lieben. — Nur bei voller 
Umkehr der menschlichen Gesellschaft zur Gotteskindschaft und zu den aus 
derselben erwachsenden Konsequenzen von Christentum, Vaterlandsliebe und 
Königstreue kann bei gleichzeitiger energischer Anwendung durchaus not- 
wendiger gesetzlicher Abwehrmaßregeln das Ungeheuer getötet werden, dessen 
erste vorbereitende Tätigkeit die systematische Verbreitung unbedingter Unzu- 
friedenheit ist. Diese Betrachtung gehört ganz direkt hierher, denn sie ist 
aufs engste mit der Weltgeschichte verbunden, deren Wahrheiten eine sie 
ausspricht. Gott gebe allen Organen und Individuen Kraft aus der Höhe 
zu dieser Abwehr zum erfolgreichen Aufraffen, zur offensiven Defensive wie 
auch dazu, in Form von Gewährung alles dessen, was wirklich berechtigt 
ist und bisher versäumt gewesen sein sollte, jene Gefahr noch rechtzeitig 
abzuwenden, um Kultur und Gesittung vom Untergange zu retten. Einer 
Gemeinschaftlichkeit von Menschen gegenüber, die alles daran setzt, den Um- 
sturz alles Bestehenden herbeizuführen und mit großem Unrecht die Be- 
zeichnung „Partei“ findet (denn da sie außerhalb des Vaterlandes steht 
und stehen will, steht sie auch notgedrungen und folgerechterweise außerhalb
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        — 198 — 
der Parteien desselben), muß die Welt auf alles sich gefaßt machen. „Das 
eben ist der Fluch der bösen Tat, daß sie fortzeugend immer Böses muß 
gebären.“ — Nur Verblendete können einer Fahne folgen, die nicht ohne 
Absicht die blutige Farbe des Aufstandes und der Empörung zeigt. Wer 
nachdenkt, muß und wird finden, daß Anarchie und Atheismus die auf— 
gegangene Drachensaat systematischer Aufhetzung und Gottentfremdung ist. 
Gott aber läßt sich nicht spotten, also: Irret Euch nicht! 
Warnende Stimmen, wie z. B. die des Abgeordneten von Kröcher in 
der Reichstagssitzung vom 20. Januar 1900 haben nur zu recht, wenn 
sie auffordern, vor einer falschen Vertrauensseligkeit auf der Hut zu sein, 
vor der einschläfernden falschen Annahme, die Sozialdemokratie sei eine 
vorübergehende Erscheinung. Mit Recht stellte Herr von Kröcher dem 
gegenüber: „freilich sei schließlich alles Erdenwerk vorübergehend, die fran— 
zösische Revolution sei auch vorübergegangen.“ 
Wahrhaftig, nicht oft und nicht laut genug kann es betont werden, in 
wie hohem Maße es die heilige Pflicht eines jeden Vaterlandsfreundes ist, 
sich am festen, geschlossenen Entgegentreten gegen alles das zu beteiligen, 
was jenen verderblichen Plänen Vorschub leistet; gegen alle die, welche — 
sei es als wilde, sei es vorerst nur als „zahme“ — Revolutionäre auf- 
treten. Es ist dies die Pflicht eines jeden Menschen, der sich nicht mit 
Wegleugnung alles Edlen in ihm unter die Würde stellt, die ihm von 
Gott gegeben worden, der nur einigermaßen Kenntnis von der Geschichte 
des Menschengeschlechtes hat und der die Segnungen von Kultur und Ge- 
sittung als Wohltat empfindet. Es ist auch ebensolche Pflicht und dient auf 
indirekte Weise nicht minder wirksam gegen die Überflutung des Landes durch 
die schlimmsten, die inneren Feinde, allenthalben Aufklärung darüber zu 
verbreiten, um was es sich bei Bekämpfung von Anarchie und Sozial- 
demokratie handelt; welche hohen geistigen Güter unserer gesamten Kulturwelt 
im allgemeinen, wie unseres deutschen, unseres sächsischen Volkes im be- 
sonderen, unserer Familien und unserer Ehen wie unserer Personen, unserer 
Gegenwart und Zukunft hier auf dem Spiele stehen. Ja es ist absolut 
gefährlich, es kann sogar unter Umständen geradezu verbrecherisch wirken, 
wenn Personen wie Organe sich nur auf die bloße Abwehr der gegen Staat 
und Ordnung geführten Angriffe beschränken, anstatt mit fester Energie offensiv 
gegen Feinde vorzugehen, welche ihrerseits keine Schonung kennen, vielmehr 
offen aussprechen, daß es ihnen niemals einfallen werde, solche walten zu 
lassen. Wolle man doch allerorten und bevor es zu spät ist, bedenken, daß 
die merkwürdige Duldsamkeit, deren selbst die erklärten Revolutionäre sich 
erfreuen, nur Verwirrung anrichtet, denn sie ist nur zu sehr geeignet, in 
den Massen die falsche Vorstellung zu erwecken, als sei es ganz gleichgültig, 
ob man Recht und Gesetze beobachte oder staatsfeindliche Ziele verfolge. 
An gutem Willen, aufzutreten gegen die drohende Gefahr, fehlt es in 
Sachsen nicht. Im Gegenteil können alle Bundesstaaten sich an dem Ver- 
halten der sächsischen Regierung (selbst wenn einzelne Mißgriffe gemacht
        <pb n="217" />
        — 199 — 
werden sollten, die nirgends ausbleiben) ein Beispiel nehmen. Herzerquickend 
und wie eine Oase in der Wüste des Materialismus der Zeit sind z. B. 
die Reden des Kultusministers von Seydewitz. Außer durch Gesetze und 
Verordnungen ist derselbe bestrebt, seinen Organen und dem Lande ge- 
wissermaßen menschlich nähertretend und in weiser Befolgung des Wortes: 
„Wer die Jugend hat, der hat die Zukunft“ auf Lehrerschaft und Er- 
ziehungswesen einwirkend, den Geist des Christentums und wahrer Reli- 
giosität als die Grundlage aller kulturellen Tätigkeit in fortwährende Er- 
innerung zu bringen. 
So wie König Albert als ein rechter Landesvater von allen Landes- 
kindern, außerdem aber auch als vortrefflicher Fürst weit über Sachsens 
Grenzen hinaus verehrt und geliebt wurde, so genießt dieselbe Liebe und 
Verehrung seine hinterlassene erlauchte Gemahlin die Königin-Witwe Carola. 
Als Tochter des schwedischen Prinzen Gustav Wasa und dessen Ge- 
mahlin, der Prinzeß Luise von Baden, am 5. August 1833 geboren, ver- 
mählt mit dem damaligen Prinzen Albert am 18. Juni 1853 ¼½0), hat sich 
die hohe Frau allezeit als Landesmutter im edelsten Sinne und in hin- 
gebendster Weise durch fortwährende Ausübung von persönlichem Wirken 
und organisatorischem Leiten der Nächstenliebe und Barmherzigkeit bewährt. 
Da ihr Mutterfreuden vom Himmel versagt blieben, so widmete sich Königin 
Carola um so eifriger den Liebeswerken aufopfernden Samaritertums. Eine 
echte deutsche Frau, mit linder Hand die Wunden verbindend, die in heißer 
Männerschlacht geschlagen worden, hat sie hilfreich waltend gewirkt in den 
  
110) Am 18. Juni 1903 würde demnach das hohe Paar das Fest der goldenen Hochzeit 
gefeiert haben. Und es ist der letzte große Wunsch des sterbenden Königs gewesen, es 
möge ihm beschieden sein, diesen Tag noch zu erleben. — Gottes Wille hatte es anders 
beschlossen. — Trotz der aufopferndsten Pflege, insbesondere seiner hohen Gemahlin, und 
trotz der größten ärztlichen Kunst und Geschicklichkeit der Leibärzte (Fiedler, Selle und 
Hoffmann) mußte König Albert — wie schon an anderem Orte erwähnt — am 19. Juni 1902, 
also einen Tag nach demjenigen seine Heldenseele aushauchen, welche die 49. Wiederkehr 
seines Hochzeitstages gebracht hatte. 
Ein hierauf bezügliches Gedicht, das Dr. Kurt Warmuth, Oberlehrer am Georg- 
Gymnasium, welches die von der gesamten königlichen Umgebung bezeugte historische Wahrheit 
in ergreifender Weise schildert, hat folgenden Wortlaut: — 
Der König war dem Tode nah — Es war am hochgeweihten Tag, 
Er fühlte, stillgefaßt, sein Kommen! — Der einst zur Ewigkeit verbunden 
Schön wie ein Sieger lag er da, Bei heißer Liebe Herzensschlag 
Der müd von großen Taten ruht; Am Traualtar das hohe Paar — 
Mild wie ein Vater, allverehrt, An Jugendkraft und Schönheit gleich, 
Ein Wandrer, der zur Heimat kehrt An Tugend und an Hoffnung reich, 
Und nichts auf Erden mehr begehrt. Doch nun ergraut und altersbleich —. 
— Nur wenn er ihr ins Auge sah, Wie drauf allein der König lag, 
Die ängstlich pflegend, treu und lieb, Dacht er, im Auge Tränenglanz: 
Ihm Tag und Nacht zur Seite blieb, „Wie strahlte sie im Myrtenkranz! 
Verließ ihn fast sein Heldenmut: Zur goldnen Hochzeit fehlt ein Jahr. 
Sein starkes Herz schlug schmerzbeklommen. Ist's möglich, Herr, laß mich gesunden.“ 
  
(Fortsetzung siehe nächste Seite.)
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        — 200 — 
Feldspitälern und Ambulanzen, anordnend, dirigierend und helfend. Aus 
dieser segensreichen Wirksamkeit heraus erstand schon 1866 der von der da— 
maligen Kronprinzeß Carola zusammen mit einigen gleichgesinnten Damen 
ins Leben gerufene Albertverein, ein Frauenverein, der es sich zur Aufgabe 
stellt, Verwundete und Kranke — auch im Frieden, aber jederzeit gerüstet 
auf einen möglicherweise etwa ausbrechenden Krieg — zu pflegen. Durch 
Schulung geeigneter Pflegekräfte trägt dabei der Albertverein Sorge, daß 
jederzeit ein ausgebildetes Personal in möglichst genügender Menge zu diesen 
Liebesdiensten bereit sei. Der Verein ist über ganz Sachsen verbreitet, 
allerorten gehen in stiller doch aufreibender Tätigkeit Albertinerinnen neben 
Diakonissen ihrem selbstgewählten, echt christlichen Berufe nach; eingedenk 
des Heilandswortes: „Selig sind die Barmherzigen.“ Das dem Verein ge— 
hörige „Carolahaus“ zu Dresden, ein Krankenhaus in großem Stile, eine 
anerkannte Stätte des Segens, trägt den Namen der erlauchten Stifterin 
in alle Gauen, während der Name des Vereins selbst, welcher einst von 
derselben dem Namen ihres Königlichen Gemahls „ihres einzig geliebten 
Mannes“ 141) entlehnt worden ist, auch an seinem Teile mit dahin wirkt, 
  
Drauf winkt er einen, der da stand: Sie hält an sich mit aller Macht —. 
Der bringt ein Röslein, frisch gebrochen. Drauf bricht sie nieder — und muß weinen —. 
Er nimmt es zitternd in die Hand, Der Totenschatten nahte sacht 
Und wie er sinnend es beschaut, Dem königlich erhab'nen Greis — 
Kommt kummerblaß die Königin. Und er, der nie sonst Mitleid spürt, 
Da reicht mit wehmutvollem Sinn Kalt jung und alt hinüberführt, 
Er lächelnd ihr die Rose hin, Blieb an der Schwelle stehn — gerührt 
Zart wie ein Bräutigam der Braut; Bei dieser stummen Huldigung 
Sein Antlitz stumm ihr zugewandt Von Königsherzen, alt, so jung. 
Mit einem Blick so inniglich, Den König schonend, ging er leis, 
Dem nichts an stiller Größe glich — Ließ ruhn ihn sanft, noch eine Nacht, 
— Es ward kein leises Wort gesprochen. Noch einmalihm die Sonnescheinen! 
Doch wie die Gnadenfrist verstrich, 
Wie Licht und Finsternis sich stritten 
Und schon des Tages Wange blich, 
Erbrauste jäh ein Wettersturm. — 
Welch ein Geheul! Der Regen goß, 
Daß Bächen gleich das Wasser schoß: 
Es zitterte das feste Schloß. 
Die Königsflagge riß am Turm! — 
Drin senkte sel’ger Friede sich. 
Die Gattin nahm des Schläfers Hand — 
Schwach, noch ein Druck — sein Atem schwand: 
— Der Dulder hatte ausgelitten. 
1½1) Unter den überaus zahlreichen und kostbaren Kränzen, die von nah und fern, von 
den Kaisern von Deutschland und von Österreich, von Fürstlichkeiten, Körperschaften und 
Personen als stille Zeichen ehrfurchtsvoller Liebe am Sarkophage König Alberts nieder- 
gelegt worden waren, befand sich einer, dessen Aufschrift auf der weißen Schleife zu besonders 
inniger Wehmut und zu Tränen aufrichtiger Rührung Anlaß gab. Es war der schlichte 
Kranz der tiefgebeugten Witwe mit den einfachen und doch so viel, so sehr viel sagenden 
Worten: „Meinem einzig geliebten Manne.“
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        — 201 — 
den Namen des verewigten unvergeßlichen Königs auf die spätesten Gene— 
rationen zu bringen. 
Freilich würde dies auch ohne jenen zarten Liebesbeweis der erlauchten 
Königin geschehen sein. König Albert ist tot, aber er lebt. „Seine Taten 
in Krieg und in Frieden haben ihn“, wie ein Artikel des „Dresdner An— 
zeiger“ hervorhebt, „durch stärkere Bande mit dem Vaterlande verknüpft, 
als sie der Tod zu zerreißen vermag.“ Der verklärte König lebt nicht 
nur droben im Reiche des ewigen Friedens; er lebt auch in den Herzen 
seiner treuen Sachsen, die in hingebungsvollster Verehrung und tiefinnerster 
Liebe an ihm hingen; er lebt in den Herzen aller Deutschen, die sich dessen 
bewußt sind, daß das, was das Deutsche Vaterland jetzt ist, es nicht zum 
wenigsten auch durch die Taten des Kronprinzen und das Walten 
des Königs Albert von Sachsen geworden ist. Er lebt in der Geschichte 
weiter schon um deswillen, weil ein bedeutsames Stück deutscher Geschichte 
sich in seiner Person verkörperte; er wird in dem dankbaren Gedächtnisse 
ferner Generationen je mehr fortleben, je klarer es sich dem kommenden 
Geschlechte mehr noch wie dem gegenwärtigen enthüllen wird, was Deutsch- 
land außer seiner Kriegskunst auch seiner Staatskunst zu verdanken hat. 
Auf König Albert dürften die einst dem Kurfürsten Moritz gewidmeten 
Worte im höchsten Maße zutreffen: „Was das Reich deutscher Nation an 
ihm verloren, das werden die Nachkommenden ebensowohl wie die jetzt 
Lebenden in seiner ganzen Schwere erst mit der Zeit empfinden.“ 
Aber so dicke Bände man mit goldenen Lettern über die Geschichte, 
das Wesen und die Verdienste König Alberts schreiben könnte — und 
schreiben wird, denn er verdient es —, der schönste Ruhm dieses an Ruhm 
und Ehren reichen Fürsten ist derjenige, der in erhebender Einmütigkeit 
bei dem Trauergottesdienste um den heimgegangenen Landesvater von den 
Kanzeln aller Kirchen des Landes den trauernden Landeskindern in die 
Herzen gerufen worden ist mit dem kleinen und doch so erhaben großen 
Bibelworte: „Wer Segen säet, der wird Segen ernten.“ 
Herrlich ist dieses Wort des Apostel Paulus gerade an unserem geliebten 
Herrn und König in Erfüllung gegangen. Trauernd stand ein ganzes 
Volk an seiner Bahre, und jeder einzelne desselben hatte die gleiche Empfindung: 
er hat Segen geerntet, weil er Segen gesäet hatte. 
Das Organ der von den Geheimen Räten Schober und Mehnert 
(wie früher von dem opferfreudigen Reichstagsabgeordneten Freiherrn von 
Friesen auf Rötha) trefflich geleiteten Konservativen, die Wochenschrift „Das 
Vaterland“, welches, wie alle Zeitungen des Königreiches, beim Tode des 
ruhmreichen Königs Albert warme und herzliche Artikel brachten#1), spricht 
das aus, was alle guten Sachsen denken, indem es folgendes schrieb: 
141) Sämtliche Preßstimmen nicht nur Sachsens und Deutschlands, sondern auch des 
gesamten Auslandes waren einig im Wiedergeben herzlicher Sympathien und ehrfurchtsvoller 
Anerkennung des Sachsenkönigs, als die Trauerkunde von dessen Ableben durch die Welt 
zitterte. Allüberall fühlte man mit den treuen Sachsen, die als engere Familie ganz be-
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        — 202 — 
„Der Vater des Vaterlandes hat die Augen zum ewigen Schlummer 
geschlossen. Der Besten und Größten einer, die auf deutscher Erde erstanden, 
ein trefflicher Herrscher, ein unvergleichlicher Feldherr, ein wahrhaft edler 
Mensch ist aus dieser Zeitlichkeit geschieden. Aber sein Andenken wird 
fortleben unter uns und den kommenden Geschlechtern, soweit die deutsche 
Zunge klingt“; denn seine Verdienste um unser Sachsenland und das große 
Deutsche Reich sind unsterblich, und unvergänglich bleibt die herzliche Dank- 
barkeit und die kindliche Verehrung, mit der unser Volk allezeit des könig- 
lichen Greises gedenken wird, der sein Leben einzig dem Wohle seines 
Landes widmete und selbst auf dem Sterbebette den Pflichten seines er- 
habenen Herrscheramtes gerecht zu werden nicht müde wurde. Das Wettiner 
Geschlecht hat manche Helden geboren, Helden, die mit starker Hand in 
den Gang der Weltgeschichte eingriffen und mehrfach bestimmenden Einfluß 
auf die Geschichte Deutschlands auszuüben berufen waren, aber weder ein 
Albrecht der Beherzte, ein Friedrich der Weise, ein Friedrich der Streitbare, 
noch Kurfürst Moritz oder einer der Johann George reichen an den ge- 
schichtlichen Ruhm hinan, der den König Albert bereits zu seinen Lebzeiten 
umstrahlte und immer umstrahlen wird, als der eines Helden und Herrschers, 
eines Schlachtenlenkers und Schlachtendenkers, eines kraftvollen Mitarbeiters 
bei der Wiederaufrichtung des Deutschen Kaiserreiches.“ 
„Nachdem durch Gottes unerforschlichen Ratschluß des Allerdurchlauch- 
tigsten Königs und Herrn Albert, Königs von Sachsen, Unseres vielgeliebten 
Herrn Bruders Königliche Majestät zum größten Schmerze Seines Hauses, 
wie Seiner gesamten Untertanen aus diesem Leben abgerufen worden ist, 
haben Wir die Regierung des Königreiches Sachsen vermöge des nach der 
verfassungsmäßigen Erbfolge an Uns geschehenen Anfalls der Krone über- 
nommen.“ Mit diesen Worten, denen der Erlauchte Herr und König 
außerdem den Ausdruck der bestimmten Zuversicht hatte folgen lassen, daß 
ebensowohl er sich von allen Untertanen und Einwohnern des Königreiches 
der schuldigen Dienstpflicht, Treue und Gehorsam versichert halte, als anderer- 
seits er seine unausgesetzte landesväterliche Fürsorge immer und allezeit 
auf die Handhabung von Recht und Gerechtigkeit sowie zur Förderung der 
Wohlfahrt und des Besten des Landes gerichtet halten werde, trat König 
Georg am 19. Juni 1902 die Regierung von Sachsen an. 
„Zagend ergreife ich"“, sagte er des weiteren seinem treuen Volke, 
„die Zügel der Regierung; denn eines solchen Fürsten wie König Alberts 
Nachfolger zu sein ist schwer — zögernd, aber auch mit festem Vertrauen 
auf Gottes Beistand und auf die Liebe meiner Sachsen. Denn wie ich 
gelobe, immer im Sinne und Geiste meines verewigten Bruders meines 
Amtes zu walten, so bin ich auch der festen Zuversicht, daß mein Volk, 
sonders ergriffen, um ihren abgerufenen Vater trauerten. Von allen Seiten her streckten 
sich wohlmeinende Brüderhände in warmer Anteilnahme uns entgegen, die wir in einer 
Person, in seiner Person, so viel verloren haben und die wir von Tausenden und Aber- 
tausenden um unseren König beneidet wurden.
        <pb n="221" />
        — 203 — 
das mich ja kennt, die Liebe, die es dem teuren Entschlafenen gewidmet 
hat, auch auf mich übertragen wird.“ 
Ein solches Vertrauen muß und wird wieder Vertrauen erwecken. Eine 
solche Sprache ist die eines Herrschers, der sich seines Fürstenamtes von 
Gottes Gnaden im vollen Umfange dessen schwerer Pflichten voll bewußt 
ist, ist die Sprache edler Bescheidenheit, die mit festem Willen und stolzer 
Tatkraft sich vereinigt. Wer in dieser Sprache mit diesen Worten in solchen 
Momenten redet, dem müssen die Herzen entgegenschlagen, denn es ist die 
Sprache heilig frommen Ernstes und reiflicher Überlegung, reiflicher Über- 
legung im Anblicke der bergehohen Verantwortlichkeit. 
Le Roi est mort! Vive le Roil Dieser Satz ist zwar französischen 
Ursprunges. Aber das, was er sagt: „Der König ist tot. Es lebe der 
König!“ ist die Quintessenz jeglichen monarchischen Gedankens. — Sehr 
richtigerweise betont König Georg in dem Erlasse an sein Volk, daß dasselbe 
ihn ja schon kenne. Und in der Tat, des neuen Königs Person und 
Verdienste haben schon längst einen festen Platz im Herzen seines Volkes. 
Ein abschließendes Urteil aber, selbst über die bedeutendsten Männer 
kann dennoch nicht bei deren Lebzeiten gefällt werden, ganz abgesehen von 
der Arroganz, die vielfach in einem derartigen Unterfangen liegen würde. 
Ein solches Urteil über eine Erscheinung der Gegenwart vermag nur 
dann erst ausgesprochen zu werden, wenn die Gegenwart ihr Kind an die 
Vergangenheit abgegeben hat. Daß diese Zukunft im vorliegenden Falle 
noch recht lange auf sich warten lassen möge, ist das Gebet und der Wunsch 
aller treuen Sachsen. — Sie kennen ihren König. „Heil dem Volke, dessen 
Thron ein Nestor, nicht nur an Jahren, sondern auch an Weisheit bestiegen“ 
— so begrüßt Oldwig von Uechtritz im Deutschen Adelsblatte den König 
Georg. „Wohl dem Volke, das sich mit solcher Zuversicht wie das 
sächsische der Leitung hingeben kann, unter welche Gottes Ratschluß es 
gestellt." 
Gottes Gnade wird das Gebet eines treuen Volkes erhören und den 
Fürsten, der sein siebenzigstes Lebensjahr damit beginnt, die Aufgaben 
eines Herrschers zu übernehmen, mit jener Kraft aus der Höhe ausrüsten, 
die nur er, der König der Könige den Lenkern der Völkergeschicke zu ver- 
leihen vermag. 
Kein leichtes Amt fürwahr ist des Königs Amt in diesen gegen- 
wärtigen Tagen, in denen der Same der Zwietracht und der unbedingten 
Unzufriedenheit aufzugehen beginnt, den die in jeder Gestalt auftretenden 
Verführer im verderblichen Banne teuflischer Lüge auszustreuen eifrig be- 
flissen gewesen sind. Gott schütze Deutschland, Gott schütze Sachsen. Den 
König segne Gott. 
Geboren zu Pillnitz am 8. August 1832, bei seiner Thronbesteigung 
also nur wenige Wochen von der Erreichung des 70. Lebensjahres 
entfernt, genoß König Georg gleich seinem erlauchten Bruder die aus- 
gezeichnetste Erziehung; trat im Alter von 17 Jahren als Leutnant bei
        <pb n="222" />
        — 204 — 
dem damals in Dresden garnisonierenden 2. Linien-Infanterie-Regiment 
„Prinz Maximilian“ ein (dem jetzigen 5. Infanterie-Regiment Nr. 104 
„Friedrich August“, welches jetzt „Kronprinz“ heißt) und lernte nach und 
nach den Dienst aller Waffengattungen kennen, bis er im Jahre 1863 
das Kommando der 1. Reiterbrigade erhielt, die er im Feldzuge 1866 mit 
Auszeichnung führte. An der Neuorganisation der sächsischen Truppen als 
Glieder des Norddeutschen Bundesheeres nahm Prinz Georg eifrigsten und 
wirksamsten Anteil, führte bei St. Privat die 23. Division und (da Kron- 
prinz Albert mit der Befehligung der Maas-Armee betraut worden war) 
bei Sedan und Nouart das XII. Armeekorps zum Siege. Er war kom- 
mandierender General desselben von der Thronbesteigung seines verewigten 
Bruders 1873 bis zur Schaffung eines zweiten, XIX. (sächsischen) Armeekorps. 
Bei seiner Rückkehr aus Frankreich ernannte den damaligen Prinzen Georg 
sein Königlicher Vater zum General der Infanterie und verlieh ihm das 
Schützenregiment, welches sich bei Villiers so ganz besonders heldenmütig 
geschlagen hatte. Kaiser Wilhelm I. machte ihn zum Chef des durch seine 
Beteiligung an dem sogenannten Totenritt in weiten Kreisen bekannten 
altmärkischen Ulanenregimentes Nr. 16. Eine der ersten Handlungen des 
jungen Kaisers Wilhelm II. aber nach seinem Regierungsantritt war, in 
dankbarer Hochhaltung der Feldherrneigenschaften des Prinzen Georg von 
Sachsen, dessen Ernennung zum Generalfeldmarschall des Deutschen Reiches. 
Auch übertrug ihm der Kaiser als General-Inspekteur die oberste Leitung 
der zweiten Armee-Inspektion des Deutschen Reichsheeres, zu welcher, außer 
zwei preußischen Armeekorps auch die beiden sächsischen gehören. Das 
Bestehen dieser Einrichtung, welche gewissermaßen gleichzeitig eine Art 
militärischer Personal-Union innerhalb des großen Begriffes „Vaterland“ 
darstellt und eine Brücke mehr zur Verbindung und Verständigung der 
Herzen an Elbe und Oder, Pleiße und Spree, ist nicht nur geeignet, das 
an sich schon starke und schöne Bundesverhältnis zwischen Sachsen und 
Preußen immer noch mehr zu festigen und den weitesten Kreisen zum 
greifbaren Bewußtsein zu bringen, sondern es gelangt hierdurch auch 
das so wichtige, auf uraltgermanischer Eigenart beruhende Moment des 
Föderalismus zur weithin merkbaren Betonung.14 
  
  
112) Gerade das Wesen des Föderalismus gibt dem Deutschen Reiche, welches auf dem- 
selben aufgebaut ist, eine besondere Weihe und zugleich die sicherste Gewähr für dessen Festigkeit 
in aller Zukunft. Diesem Gedanken gibt auch eine Rede des Finanzministers Dr. Rüger Aus- 
druck, gehalten an dem ersten Geburtstage König Georgs, den derselbe in seiner Eigenschaft 
als Landesherr feierte. Der Herr Minister erkennt es in dieser Rede als eine ganz besonders 
glückliche Fügung im Werdegange und der Entwickelung Deutschlands an, daß für dieses 
unser gemeinsam vaterländisches Staatswesen eine Form gewonnen sei, die den einzelnen 
Stämmen Raum läßt, ihre Eigenart zu bewahren und weiterzubilden. Mit Dank sei daran 
zu erinnern, daß, so lange es eine Deutsche Geschichte gibt, die geistigen Bewegungen aus 
dem Boden des Föderalismus heraus entstanden sind, auf dem sie eifrig gepflegt wurden. 
„Diese Selbständigkeit des geistigen Lebens der einzelnen deutschen Stämme“ — heißt es 
dann weiter — „so viel sie zur Blüte deutschen Wesens beigetragen hat, birgt auf der
        <pb n="223" />
        — 205 — 
Das wahre Wort: „Rast' ich, so rost ich“ hat ganz besondere Geltung 
bei der Tätigkeit und dem Zustande einer Armee, auch im Frieden. Und 
hierbei ist Prinz Georg allezeit im regsten patriotischen Pflichteifer uner- 
müdlich tätig gewesen. 
Viel, sehr sehr viel Arbeit wird hier getan, gerade auch in Heeres- 
angelegenheiten, von deren eminenter Wichtigkeit und zeitraubender An- 
strengung nur verhältnismäßig kleine Kreise genaue Kenntnis haben und 
von welcher ganz naturgemäß kein großes Aufsehen gemacht wird, da sie 
einfache Pflichterfüllung ist. Nicht daß nicht auch Kriegstaten — selbst 
die größten — etwas anderes wären, als ebenfalls Pflichterfüllung; denn 
der Pflichtenumfang ist schier endlos. Aber es liegt in der Natur der 
Sache, daß dort mehr und sofortige in die Augen springende und daher 
bejubelte Erfolge zu sehen sind als hier. Doch si vis Ppacem, Para 
bellum. „Willst Du den Frieden, so bereite dich auf den Krieg." 
Eine Armee ist das Schwert in der Hand des Feldherrn, die Deutsche 
Reichsarmee dasjenige in der Hand des Bundesfeldherrn — des Kaisers; 
derselbe soll ein Genius des Friedens sein, aber auch ein Drachentöter, 
gleich dem ehernen Siegfried. Ein starker Teil des Damascenerdrahtes, 
aus dessen Zusammenschweißung die stahlharte Klinge geschaffen wird, ist 
das sächsische Heer. Die Fortentwickelung und stete musterhafte Kriegs- 
bereitschaft desselben, mit welchem Namen wie Aster, Gersdorff, Hausen, 
Holleben, Treitschke, Tschirschky, Montbé, Planitz, Carlowitz, Schimpff, Schmalz, 
Schubert, Vitzthum, Wagner, Senfft, Broizem, Rabenhorst, Zezschwitz, Zeschau, 
Richter und andere mehr aufs innigste verbunden sind, ist in erster Linie 
dem Erlauchten Wettiner Bruderpaare zu danken, dem verewigten König 
Albert und dem nunmehrigen König Georg, — den edlen Dioskuren. 
Wie in der Armee, so hat sich aber König Georg auch auf allen 
Gebieten des Staatslebens, insbesondere des Parlaments, bereits vor seinem 
Regierungsantritte glänzend betätigt. In der ersten Ständekammer nahm 
derselbe seit über 40 Jahren eine — ganz abgesehen von seiner hohen 
Geburt — bedeutende Stellung ein. Seit langem war er Vorsitzender 
der Finanzdeputation, und hat es mit diesem überaus arbeitsreichen Amte 
stets ganz besonders ernst genommen. „Fleiß und Pflichtgefühl kennzeichnen 
anderen Seite Gefahren in sich, und es hat Zeiten gegeben, in denen die Entwickelung 
des Einzellebens den Gedanken an die Einheit des deutschen Volkes zu verdunkeln drohte. 
Daß es anders gekommen, daß wir ein Reich besitzen, das jedem Einzelstaate neben der 
Mitwirkung an den gemeinsamen Angelegenheiten ein reiches Feld selbständiger staatlicher 
und wirtschaftlicher Betätigung gewährt, ist der Staatskunst der Männer zu danken, die 
das Deutsche Reich gründeten und ihm seine jetzige Verfassung gaben. Der große Anteil, 
den unser erhabenes sächsisches Königshaus an der Gründung des Deutschen Reiches gehabt 
hat, steht in den Büchern der Geschichte verzeichnet.“ — Noch sei, da einmal die Auf- 
merksamkeit auf diese bedeutsame Rede gelenkt worden ist, eine weitere Stelle derselben 
angeführt. Kurz und treffend sagt dieselbe: „Unsere Staatsform ist monarchisch und ein 
rechter Bürger und Diener des Staates kann und darf nicht anders gesinnt sein als 
monarchisch.“
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        — 206 — 
sein bisheriges Leben, Gerechtigkeit ist ihm Lebensbedürfnis.“ Sein Volk 
kann also überzeugt sein, daß von den Aufgaben, die in seinem neuen Amte 
an den hohen Herrn herantreten, keine ihm fremd ist. Er weiß, was 
seinem Lande not tut, er weiß dies aus eigener Erfahrung, aus seiner 
persönlichen Betätigung an den Staatsgeschäften heraus, aus dem gründ— 
lichen Studium der Bedürfnisse, der Kraftquellen und der Gesamtlage der 
sächsischen Monarchie. Nicht minder groß und stark darf die Überzeugung 
im großen Deutschen Reiche sein, daß — wie berechtigt König Georg stets 
für Sachsens politische und wirtschaftliche Selbständigkeit eingetreten ist und 
eintreten wird — derselbe auch ein warmes Herz für Deutschlands als 
seines gleichzeitigen Vaterlandes Größe und Herrlichkeit, für Deutschlands 
Ehre, Wohlfahrt und Einigkeit hat. 
Die schon an anderer Stelle erwähnten Worte, welche König Georg 
bei seinem Regierungsantritte an sein Volk gerichtet hat, zeugen derartig 
von der warmen Aufrichtigkeit seines landesväterlichen Herzens, daß ein 
jeder Gutgesinnte voller Rührung und mit dem Erneuern des Gelübdes 
der Treue ihm zujubeln muß. Abtrünnigen aber — sofern dieselben nicht 
allen und jeden Gefühles beraubt sind — müssen, sollte man denken, solche 
Vaterworte eines von Gott eingesetzten Landesherrn eine Mahnung zur 
Einsicht sein, zur Einkehr und Umkehr. Schweres hatte dieser besonders 
edle Fürst gleich im Anfange seiner Regierung zu erleben; bitteres Familien- 
leid, welches der geliebte König und sein treues Volk mit ihm als etwas 
unendlich Schmerzliches empfunden hat. 5) 
Leider hatte das Verhalten der jetzigen Gräfin von Montignoso in 
denjenigen Schichten oder Kreisen der Bevölkerung, die sich gewöhnt haben, 
ihr Gewissen zu ertöten, nicht die Beurteilung gefunden, die es verdiente; 
ja, dasselbe war — weil zur tiefsten Betrübnis aller Königstreuen im 
ganzen Sachsenlande — vielfach der Ausgangspunkt häßlicher Kund- 
gebungen. Um so höher und dankbarer sind daher dem von hohen 
Idealen getragenen, in den schweren Pflichten seines hohen Berufes nie 
wankenden Monarchen die Worte anzurechnen, die derselbe am 3. Juli 1903 
in Meißen nach der feierlichen Begrüßung des dortigen Bürgermeisters 
Dr. Ay ausgesprochen hat: „Man wird mitunter irre an seinem Volke, 
aber ich bin es noch nicht geworden.“ Aber nicht allein nur die erhabene 
Person des edlen, treuen und gerechten Königs, dessen königliche Ge- 
danken, dessen menschliches Fühlen und vorzüglichen Charaktereigenschaften 
seinen Sachsen längst bekannt waren, geben die Gewähr für ein glückliches 
Gedeihen des engeren wie des weiteren Vaterlandes. Solche Zuversicht 
wird noch gesteigert durch die anerkannte Tüchtigkeit des sächsischen Staats- 
schiffes in allen Fugen seiner Organisation und Verwaltung, sowie durch 
113) Derartige Unbegreiflichkeiten werden in jeder Familie, welche auf religiösen und 
sittlichen Grundlagen errichtet ist, voll Trauer und innerstem Schmerze empfunden. Wie 
viel mehr muß dies an Stellen der Fall sein, deren mustergültiges Verhalten vorbildlich 
wirken soll für ein ganzes Volk.
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        — 207 — 
die Fähigkeiten von Herz und Verstand der Männer an Steuer und Aus— 
lug, die nächst ihrem eigenen Gewissen dem Führer auf der hohen 
Kommandobrücke des Thrones verantwortlich sind, bevor sie der Volks— 
vertretung Rechenschaft abzulegen haben. Wenn der Minister des Innern, 
von Metzsch, von treuesten Absichten geleitet, Gesetze eingebracht hat, wegen 
deren er — weil dieselben gegen das Überhandnehmen und gegen die Über— 
griffe der Sozialdemokratie gerichtet sind — von vielen Seiten arg be— 
fehdet wird und manche sein Vorgehen als nicht glücklich ansehen, so hält 
derselbe sich gewiß an das alte Wort: „Viel Feind, viel Ehr.“ 144) Der 
Tätigkeit des Ministers des Kultus von Seydewitz ist bereits gedacht 
worden. ¼5) Als Minister des Krieges ist Freiherr von Hausen, General der 
Infanterie und bisheriger kommandierender General des XII. Armeekorps 
nach dem Tode des Kriegsministers Edler von der Planitz an diese erledigte 
hohe Stelle berufen worden. Dieser General hat sich schon seit langem als 
ein Vorbild für das Heer erwiesen. 110) Justizminister Dr. Otto, insonderheit 
aber der neuernannte Minister der Finanzen Dr. Rüger, welcher vorher dem 
Ministerium der Justiz vorgestanden hatte, sehen sich großen Aufgaben gegen- 
über. Dieselben werden von deren Tüchtigkeit gewiß ebenso gut gelöst 
werden, wie es unter ihrer Mitwirkung dem Generaldirektor der Staatseisen- 
114) über das geeignete oder ungeeignete, richtige oder unrichtige der Abänderung des 
sächsischen Landtagswahlrechtes ist nachgerade eine ganze Literatur entstanden. Ein besonders 
treffendes Urteil in dieser Sache dürfte aber wohl das „Vaterland“ geben, wenn diese Zeitung 
in ihrer Nummer vom 18. Juli 1903 den Satz ausspricht (der wiederum selbst vielleicht den 
Ausgangspunkt von Erörterungen geben kann), daß „Leute, welche dem Reich den Krieg 
erklärt haben und die Grundlage der Verfassung nicht anerkennen, in den Reichstag nicht 
gehören. Die Sozialdemokratie sollte Objekt, nicht aber Subjekt der Gesetzgebung sein.“ 
115) Im Rahmen der vorliegenden Betrachtungen, welche Stärkung des vaterländischen 
Gefühles und alles dessen bezwecken, was hierzu und zur Gesundung der Verhältnisse über- 
haupt beitragen kann, sind bereits mehrfach Außerungen auf hoher Warte stehender 
Persönlichkeiten angezogen worden. An dieser Stelle möchte noch eine solche Platz finden, 
welche der sächsische Kultusminister gelegentlich der 8. Lehrerinnenversammlung in einer 
sehr zu beherzigenden Rede getan hat. Nachdem hier der Herr Minister betont hatte, daß 
auch er es für richtig halte, wenn gegen eine einseitige Pflege des Gemütes angekämpft 
werde und Vertiefung der Bildung (und zwar auf beschränkteren Wissensgebieten) angestrebt 
werden solle, spricht er die Worte aus: „Wir werden uns aber davor hütenmüssen, 
daß etwa die schönen Seiten der weiblichen Natur ins Männliche verzerrt 
werden.“ Die höhere Töchterschule habe wohl eine Vertiefung der allgemeinen Bildung 
sich zum Ziele zu nehmen (mit Betonung der religiös-sittlichen, nationalen und ästhetischen 
Seite, wie mit besonderer Rücksicht auf diejenigen Kreise, aus denen die Schülerinnen 
stammen). Daneben aber müsse diese Schule auch eine feste Basis für eine spätere selb- 
ständige Erwerbstätigkeit vermitteln und zu hauspraktischer Tüchtigkeit miterziehen. 
146) Leider nicht immer mit Unrecht wird jetzt vielfach die Klage erhoben, daß ein un- 
deutscher Luxus mit samt seinen Konsequenzen (Verteuerung der Lebensführung usw.) den 
Versuch mache, sich im deutschen Heere einschleichen zu wollen. Der „Reichsbote“ in einer 
Nummer vom August 1903 spricht sich über die Gefahr dieser drohenden Mißstände besonders 
aus. Gerade solchen Erscheinungen gegenüber sind Generale am Platze, welche mit der 
idealen Gesinnung des Deutschen und den kriegerischen Tugenden des Römers, die abhärtende 
Einfachheit des Spartaners vereinen.
        <pb n="226" />
        — 208 — 
bahnen von Kirchbach gelingen möge, die neuerdings unter erschwerten Ver— 
hältnissen aufgetauchte Eisenbahnfrage zum besten des Vaterlandes zu regeln. 
Während als Präsidenten der ersten und der zweiten Kammer der Stände— 
versammlung des Königreiches die Herren Wirklicher Geheimer Rat Dr. Graf 
von Könneritz und Geheimer Hofrat Dr. Mehnert ihres Amtes walten; 
die Kreishauptmannstellen sich in den Händen der Herren von Ehrenstein, 
von Schlieben, Schmiedel, Forker-Schubauer und von Welk befinden, leuchten 
als Stützen und Spitzen der evangelisch-lutherischen, sowie der katholischen 
Kirchengemeinschaften, Oberhofprediger Ackermann (Nachfolger des würdigen 
Meier) und Bischof Wahl voran — unterstützt, was die evangelische Kirche 
betrifft, durch das weltliche Konsistorium mit dem Präsidenten von Zahn 
und die in evangelicis beanftragten Staatsminister. An der Spitze der- 
jenigen hochwichtigen Behörde, die im Jahre 1707 als erste dieser Art in 
Deutschland ins Leben gerufen worden ist, die Superrevision und Schluß- 
justifitzierung aller Rechnungen des Staatshaushaltsetats in letzter Instanz 
bewirkend und in ihrer Beamtenschaft gewissermaßen den Extrakt, die 
OQuintessenz strengsten Verantwortlichkeitsgefühles bergend — der Ober- 
rechnungskammer — aber steht der Präsident Edler von der Planitz. Ober- 
hofmarschall Graf Vitzthum, Hausmarschall von Carlowitz, Oberhofjäger- 
meister von dem Busche, Kämmerer von Schimpff, Oberstallmeister von Haugk 
und Hofmarschall von Haugk bilden die Spitzen der oberen Hoschargen. 
Den wichtigen Posten als Chef der Kabinettskanzlei hat Geheimer Rat 
von Baumann inne und Geheimer Rat Dr. Hassel ist Direktor des Haupt- 
staatsarchives. — Dies nur einige Beispiele. — So sind im ganzen Lande 
die wichtigsten Posten mit tüchtigen Männern besetzt. Möchten sich die- 
selben alle immer bewußt sein, im Dienste ihres irdischen wie ihres 
himmlischen Herrn gleichzeitig zu stehen. 
Neben einer hoch, ja höchst entwickelten Industrie und einem überaus 
blühenden Handel, an deren Seite eine tüchtige, obwohl mit schweren 
Sorgen kämpfende Landwirtschaft steht, haben, wie bekannt, auch Künste, 
Wissenschaften und Gelehrsamkeit im schönen Sachsenlande eine bevorzugte 
Heimstätte. Auch diejenigen Männer, die hier führende Rollen bekleiden, 
geben die Gewähr einer trefflichen Weiterentwickelung. Auch hier aber, 
wie überall, ist es aufs allerinnigste zu wünschen, daß wie einst dem 
Belsazar das „Mene tekel“, so den Gelehrten und den Ungelehrten von 
heute in Flammenschrift die Worte des wahrhaft edlen, christlichen und 
patriotischen Erzbischofs Ketteler von Mainz als Leuchte dienen: „Je länger 
die moderne Wissenschaft es verschmäht, von jenem Lichte sich erleuchten 
zu lassen, das in die Welt gekommen ist, um die Wissenschaft des Lichtes 
zu verbreiten, desto mehr wird sie jener Fluch treffen, der die Baumeister 
in Babylon traf. Um so mehr wird die Verwirrung und zwar in dem 
Grade zunehmen, wie der Umfang der Erkenntnisse wächst. Kein anderes 
Fundament kann für die Wissenschaft gelegt werden, als welches von Gott 
gelegt ist: Christus Jesus."
        <pb n="227" />
        — 209 — 
Wohl uns Sachsen, daß unser König von ganz derselben Überzeugung 
durchdrungen ist. Dabei ist König Georg nicht nur Soldat, Feldherr und 
Staatsmann, auch Künste und Wissenschaften sind ihm vertraute Genossen. 
Diejenigen Herren und Damen, denen es vergönnt war den wohltönenden 
Gesang und das meisterhafte Klavierspiel 2) des bisherigen Prinzen Georg 
anhören zu dürfen, haben sich stets mit Begeisterung und Entzücken geäußert, 
nicht nur weil ihnen ein hoher künstlerischer Genuß geboten wurde, sondern 
auch weil ihnen das Herz warm geworden war. Das Interesse König 
Georgs für alle Wissenschaft ist ein hervorragendes, besonders hat die 
Pflege der Landesgeschichte einen Förderer an ihm. Die Liebe zur Kunst 
hatte ihn von früher Jugend an weite Reisen unternehmen lassen. 
Auf einer solchen Reise kam Prinz Georg im Jahre 1858 nach 
Lissabon, wo er sich mit der jugendschönen Infantin Donna Maria Anna, 
der Schwester des Königs von Portugal, verlobte. Ein Jahr darauf führte 
„Prinz Sonnenschein“, wie die sympathische Erscheinung des jugendlichen 
Fürstensohnes im Lande genannt wurde, seine Braut als Gemahlin heim. 
Wenige Wochen vor der Feier der silbernen Hochzeit ward ihm die 
teure Lebensgefährtin durch den Tod entrissen; ein überaus harter Schlag 
für den treuen Gatten und Vater, dessen so sehr glückliche Ehe stets als 
ein musterhaftes Vorbild innigen deutschen Familienlebens weithin strahlend 
in die Lande geleuchtet hat. — Auch hierin können Fürsten ihren Völkern 
zum Segen werden. „Beispiele sind Riesen.“ 
Der durch einen schweren Typhus am 5. Februar 1884 erfolgte Tod 
der edlen Prinzessin, der Südländerin, die in den Herzen der Nordländer 
sich einen dauernden Platz erobert hatte und ihnen galt, als sei sie durch 
Geburt eine der ihrigen, wurde vom ganzen Sachsenlande aufs innigste 
betrauert. Der aller Orten mitfühlende Schmerz war um so größer, als 
147) Auch in der ausgesprochenen Liebe zur Musik und dem oft staunenerregenden 
Verständnis für alle Erscheinungen und Einzelheiten derselben herrschte eine große Ahn- 
lichkeit zwischen den beiden königlichen Brüdern Albert und Georg. Gewährt es nicht einen 
wohltuenden, ja rührenden Einblick in die friedliche Stimmung des sterbenden Helden Albert, 
wenn man erfährt, daß ihm eine der letzten Freuden dieser Erde, der auf seinen Wunsch 
angestimmte Gesang einiger Hofdamen und eines seiner Leibärzte (des Stabarztes Dr. Hoff- 
mann) gewesen ist? — Von ihrem hochseligen Vater, dem so gelehrten Könige Johann, 
ist dem erlauchten Bruderpaare die „musikalische Ader“ freilich nicht vererbt worden, hat 
derselbe doch selbst öfters mit vielem Humor Witze darüber gemacht, daß ihm Euterpe nicht 
so hold sei, wie die anderen Musen. Wohl aber zieht sich sonst ausgeprägte Vorliebe und 
hervorragend in die Erscheinung tretender Sinn für Musik seit Heinrichs des Erlauchten 
Tagen durch die Reihen der Wettiner. Von letztgenanntem Markgrafen waren zwei geist- 
liche Gesänge zu Ehren der Jungfrau Maria komponiert worden, die in einer Bulle Papst 
Innocenz des Vierten vom Jahre 1254 besonders ehrende Erwähnung finden. Kurfürst 
Moritz legte in der von ihm begründeten „Kantorei“, welche dann allen folgenden Herrschern 
ebenso warm an die Herzen gewachsen war, den Grundstock zu der heutigen hochberühmten 
Königlichen Kapelle. Kurprinz Friedrich August aber, der nachmalige König Friedrich 
August der Gerechte, ist der Komponist jenes weihevollen Salve Regina, das zuerst bei 
seiner Bestattung gesungen wurde und seitdem bei jeder Beisetzung eines Mitgliedes des 
königlichen Hauses zur Aufführung gelangt. 
14
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        — 210 — 
durch diesen Tod eine fröhliche Kinderschar von dem härtesten Geschick 
getroffen wurde, was es für Kinder gibt — mutterlos zu werden. Noch 
einmal muß an dieser Stelle der Königin-Witwe Carola gedacht werden. 
In der liebevollsten und aufopferndsten Weise nahm sich die hohe Frau 
der mutterlosen Kinder an, und hat als Christin wie als nächste Ver— 
wandte das ihre dazu beigetragen, jenes schmerzliche Geschick zu mildern. 
Die Kinder König Georgs sind folgende: 
.Prinzeß Mathilde, geboren am 19. März 1863, 
Kronprinz Friedrich August, geboren am 25. Mai 1865, 
Prinzeß Maria Josepha, geboren am 31. Mai 1867, 
Prinz Johann Georg, geboren am 10. Juli 1869, 
Prinz Max, geboren am 17. November 1870, 
Prinz Albert, geboren am 25. Februar 1875. 
Von denselben ist folgendes zu berichten: 
Kronprinz Friedrich August, Chef des 5. Infanterie-Regiments, 
à la suite des Königl. sächsischen Leibgrenadier= und 1. Husaren-Regiments 
sowie Oberstinhaber des K. K. österreichischen Infanterie-Regiments Nr. 45 
wie auch des Königl. preußischen Garde-Schützen -Regiments und der 
Kaiserl. Marine-Infanterte, 145) Generalleutnant und seit 26. August 1902 
kommandierender General des XII. Armeekorps, vermählte sich am 21. No- 
vember 1891 mit Prinzeß Louise von Toskana, Erzherzogin von Osterreich, 
deren Ehe im Februar 1903 geschieden worden ist. 
Prinzeß Maria Josepha ward die Gemahlin des Erzherzogs Otto 
von Osterreich, des Bruders des in morganatischer Ehe verheirateten 
österreichischen Thronerben Erzherzog Franz Ferdinand. Der älteste Sohn 
der genannten sächsischen Prinzeß und jetzigen Erzherzogin wird also, 
menschlicher Berechnung nach, dermaleinst berufen sein, den Kaiserthron 
von Osterreich zu besteigen. 
Prinz Max ist in den geistlichen Stand übergetreten und hat sich 
dem Dienste der katholischen Kirche gewidmet. 
4– 
——————..— bdo 
148) Die Stellung des sächsischen Kronprinzen à la Suite der Marine-Infanterie er- 
folgte am 3. Juli 1902 angesichts der deutschen Kriegsschiffe an Bord der „Hohenzollern“ 
in der Kieler Förde, als derselbe dem Kaiser, der gerade dort sein Hoflager hatte, die offizielle 
Notifikation von der Thronbesteigung König Georgs überbrachte. Durch diese Ernennung 
(bei welcher übrigens die schönen Worte Kaiser Wilhelms II. fielen, „er werde dem ver- 
ewigten Könige Albert, seinem väterlichen Freunde und Berater, stets eine herzliche und 
ehrerbietige Dankbarkeit bewahren“) hat des Kaisers Majestät von neuem eine Beziehung 
mehr zwischen der vaterländischen Marine und den Fürstengeschlechtern des Reiches ge- 
schaffen. In Anknüpfung an diese Bemerkung möge daran erinnert werden, daß während 
der Regierungszeit König Alberts drei stolze neu erbaute Kriegsschiffe Namen erhalten 
haben, durch welche Sachsens Volk und Herrscherhaus mit der deutschen Reichsmarine ideell 
verbunden worden sind: Im Jahre 1877 das bedeutende Linienschiff „Sachsen“, 1885 die 
Kreuzer-Korvette „Carola“ und 1901 das Hochsee-Schlachtschiff „Wettin“.
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        — 211 — 
Prinz Johann Georg, Chef des 8. Infanterie-Regiments Nr. 107 
und als Oberst Kommandeur des Schützen-Regiments, hat sich am 5. April 
1894 mit Prinzeß Isabella von Württemberg vermählt. 
Prinz Albert aber mußte nach Gottes unerforschlichem Willen im 
jugendlichen Alter von 25 Jahren am 16. September 1900 infolge eines 
Unglückes mit dem Wagen seinen Geist aufgeben. Tief und aufrichtig 
empfand das ganze sächsische Volk den harten Schlag mit, der durch diesen 
jähen Todesfall das Königshaus getroffen hat. Denn wie eine große 
Familie stehen Fürst und Untertanen im Sachsenlande zusammen, in guten 
wie in bösen Tagen. 
Daß dies auch ferner und immerdar so sein und diese gegenseitige 
Treue niemals wanken möge, das walte Gott! 
Kulturgeschichtliches. 
VI. 
Wie die mit einer Art internationaler Generalvollmacht versehene Mode 
nicht aufhört, Veränderungen dieser oder jener Art, auffällige wie unauffällige, 
häßliche wie schöne, praktische und unpraktische dem staunenden Menschen- 
geschlechte vorzuführen — die Begriffe „männlich" und „weiblich“ ver- 
wechselnd oder auch in einen Brei stampfend, Röcke kürzend, Haare 
brennend, Bärte drehend oder rasierend — so gebot diese Weltbeherrscherin 
in einer ihrer Launen, indem sie ihre Macht nicht nur im parfümierten 
Boudoir, sondern auch auf dem staubigen Exerzierplatz ausübte, die Weiter- 
entwickelung des kurzen, breiten, zum langen, schmalen Uniformsfrack und 
die Verwandlung dieses Monturstückes schließlich zum heutigen Waffenrock. 
Diese Metamorphosen, die einem Ovid zur Ehre gereicht haben würden, 
sind auf unserem Wandgemälde deutlich zu ersehen. Sie haben — wie 
alles, was in dieses Gebiet einschlägt — verschiedene Etappen auf ihrem 
Wege gehabt. Erst verhältnismäßig recht sehr spät (nämlich viel nach den 
Befreiungskriegen) kam man auf den Gedanken, durch Wegfall der Weste 
ein einheitliches Kleidungsstück für den Oberkörper herzustellen. Man ver- 
kürzte nicht nur die bisherigen Hinterschöße des Frackes, sondern schnitt 
sie ganz ab, setzte dafür aber einen, den Unterleib ringsum zweckmäßig 
bedeckenden Unterabschluß an den koupierten Frack uud der Waffenrock ent- 
stand — enganliegend und vorn zum Knöpfen. Dieser Waffen= oder 
Uniformsrock ist zum Universalstück für das gesamte „Militär“ geworden 
14*
        <pb n="230" />
        — 212 — 
(mit welchem Namen man begann, den Soldatenstand, im Gegensatz zu den 
bürgerlichen Kreisen, dem „Zivil“ zu belegen). Der in die Augen 
springende Vorteil des Waffenrockes besteht erstens darin, daß er mit 
einem Ruck an- und ausgezogen werden kann — ein Moment der 
Schnelligkeit von durchaus nicht hoch genug anzurechnender Bedeutung. 
Zweitens darf auch der große gesundheitliche Vorteil nicht verkannt werden, 
der darin liegt, in dem Rocke ein den Oberkörper für alle Verhältnisse 
der Temperatur und Witterung schützendes Bekleidungsstück zu haben. Mit 
dem Fracke zugleich fielen die Gamaschen und die Zweiteilung der Bein— 
kleider überhaupt. Auf Kosten allerdings des Schönheitsgefühles ist der 
Vorteil erreicht, daß auch der untere Teil des menschlichen Körpers (ab- 
gesehen von der „Unterabteilung“ des Anziehens der Stiefeln) gewisser- 
maßen in „einem Tempo“ und eventuell mit der beliebten von den 
Exerziersergeanten so genannten „affenartigen Geschwindigkeit“ seiner Hülle 
anvertraut werden kann; jener Geschwindigkeit, die in der vermehrten Schritt- 
zahl des Marsches, in dem Mehrladesystem der Gewehre und der Ge- 
schütze ihren neuerlichen Ausdruck gefunden hat. Dafür gelangten diejenigen 
bis auf die Knöchel herabreichenden unschönen Röhren von Tuch zur all- 
gemeinen Einführung, welche heutigen Tages ein jeder Staatsbürger und 
Steuerzahler trägt, er sei Soldat oder nicht. 
Vorgespukt hatte diese Art des Beinkleides, welche eben bequemer an- 
zulegen ist als die „culotte oder Kniehose“ des ancien régime (aus 
deren Verlängerung sie hervorgegangen ist) schon ziemlich lange. Aber 
bis König Friedrich Wilhelm III. von Preußen (durch eigenes Tragen 
derselben) sie hoffähig machte, galten die „Pantalons“ ihrer höfischen Vor- 
gängerin gegenüber als mindestens unfein 115), trotzdem bereits zwei Jahr- 
hunderte vorher kein geringerer als Richelieu — der doch sonst gewohnt 
war alles durchzusetzen, was ihm beliebte — vergeblich bestrebt war, 
jenem aus den italienischen Maskenbällen stammenden Kleidungsstücke Ein- 
gang bei Hofe zu verschaffen. 
Ja, wie der „Bundschuh" der aufrührerischen Bauern einstmals ein 
symbolisches Zeichen der gemeinsamen Zugehörigkeit zu einer Sache und 
einer Partei gewesen ist, so waren es in ganz ähnlichem Sinne zur Zeit 
der französischen Revolution die culottes geworden, wenn auch in nega- 
119) Lenbach, der berühmte Maler und unbestrittene Kunstkenner, hat einmal Anfang 
des Jahres 1902 bezüglich der heiklen Frage, ob die Kunst im Zurückgehen begriffen sei, 
sehr bezeichnender= und richtigerweise auf die röhrenartigen modernen Beinkleider zeigend 
(deren Tragen natürlich auch er sich nicht zu entziehen im stande ist) mit der ungefähren 
Gegenfrage geantwortet: „Läßt sich hiermit etwas Künstlerisches erzielen? Ist die Hose 
nicht ein scheußliches Kleidungsstück? — Daß wir heute keine große Kunst haben, etwa wie 
die antiken Griechen und Römer, liegt in der Natur der Sache. Betrachten Sie bloß 
einmal, wie wir gekleidet sind.“ Soweit Franz Lenbach. Diesem gottbegnadeten Künstler 
steht Reinhold Begas zur Seite, der — weil er wahrhaft künstlerisch empfindet und ein 
Feind der „Sezession“ ist, welche die wahre Kunst mehr oder weniger zu schädigen angetan 
sein dürfte — in einer Besprechung mit dem Wiener Redakteur Melbourne ein ver-
        <pb n="231" />
        — 213 — 
tiver Auffassung, nämlich durch den Nichtgebrauch jenes als „aristo- 
kratisch" verfemten Kleidungsstückes. 
Jetzt hat sich freilich Geschmack und Sinnesart gewaltig geändert und 
die moderne Welt ist zu einem großen Teile bestrebt, sich immer mehr 
zur Anhängerin der Sanscülotten herauszubilden, geistig wie körperlich. 
Ist auch die allzu wörtliche landläufige Übersetzung jener zu einem Begriff 
gewordenen Bezeichnung in „Ohnehosen“ nicht richtig, so dürfte doch die- 
jenige von „Ohne — Manieren“, „Ohne — Form“, „Ohne — Erinnerung“ 
und „Ohne — Ideale“" weniger falsch sein. 
Was das physische Tragen der langen Röhrenbeinkleider anlangt, 
so hat dies allerdings um so mehr seine Vorteile, seitdem mit dem An- 
bruche des 19. Jahrhunderts die Hosenträger erfunden worden sind. — 
Hony soit qui mal y pensel 
Abgesehen von einzelnen besonderen Truppengattungen, bei denen, wie 
bei Kürassieren und Husaren, eine eigenartige Bekleidung der Beine Vor- 
schrift ist, tragen jetzt in Deutschland sämtliche Offiziere in kriegs= und 
feldmäßiger Ausrüstung hohe Stiefeln, wie dies hier die beiden letzterschei- 
nenden Wettiner zeigen. 
Wie das blinkende scharfkantige Kristall des Eises unter der Einwirkung 
fortwährend herabglühender Sonnenstrahlen schließlich zu einem winzigen 
Stücklein zusammenschmilzt, von welchem der achtlos Vorübergehende nicht 
ahnt, daß es einst ein Berg gewesen, so war unter Einwirkung von Pulver 
und Blei das einstmals die Glieder umhüllende Stahlgewand in seiner ersten 
Abschwächung zum Brust= und Rückenstück der letzten Panzerreiter, der 
Kürassiere geworden. Die leichten, wenn auch martialisch wirkenden Plastron- 
Eisen, in denen sich hochgeborene Offiziere porträtieren ließen, um der Mit- 
und Nachwelt ein möglichst imponierendes Bild ihrer Ritterlichkeit zu geben, 
müssen im Grunde genommen als ein Spielzeug der Effekthascherei an- 
gesehen werden. Dagegen verblieb als Überrest des Brustharnisches, ohne 
den vor Zeiten kein Edelmann in den Kampf gezogen war, insonderheit 
der „Halsberge“, ein erst ziemlich großer, dann allmählich kleiner werdender 
Ringkragen von blankem Metall als Abzeichen auf der Brust der Offiziere. 
Im dänischen bez. schleswig-holsteinischen Feldzuge 1849 wurden er- 
wiesenermaßen (und vom objektiven Standpunkte aus sehr vernünftigerweise) 
nichtendes Urteil über das Widerliche der neuen Richtung gefällt hat, für welches ihm 
die natürlich und tief empfindende Volksseele von Herzen dankbar ist. Parallel aber 
wiederum mit der Lenbachschen Auffassung über die Bekleidungsart des männlichen Ge- 
schlechtes der Jetztzeit bewegt sich diejenige des Professors van de Velde über die Art der 
Umhüllung des Frauenkörpers, bei welcher vor allen Dingen der weiche, tiefe, künstlerisch 
wirkende Faltenwurf früherer Zeiten zu vermissen sei. Seine beherzigenswerten Ansichten 
gipfeln in dem Ausspruche, daß die vielbewunderten und vielbegehrten „Pariser Toiketten“ 
mit ihren Korsetts das Gefühl von Eiseskälte verbreiten, was doch eigentlich keine Empfehlung 
für ein weibliches Wesen ist. — Unwillkürlich und unmerklich ist da der Verfasser auf ein 
Gebiet geraten, welches er sogleich wieder verlassen will. Daß es gestreift worden, hält er 
indessen nicht für unangebracht.
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        — 214 — 
die blitzenden Ringkragen der sächsischen Offiziere als hochwillkommene vor— 
treffliche Zielpunkte benutzt, wodurch sich auch der sehr hohe Prozentsatz 
an verwundeten und gefallenen, jedenfalls also „getroffenen“ sächsischen 
Offizieren erklärt. So fiel denn nachher der Ringkragen den stichhaltigen 
Gründen praktischer Erfahrung zum Opfer. Neuerdings ist derselbe als 
Erkennungszeichen bei der Feldgendarmerie wieder aufgetaucht. Nur Epau- 
letten und Achselstücke stellen nun noch den Überrest des von Panzer- 
rüstung und Harnisch abstammenden Kürasses dar. „Ach wie bald, ach wie 
bald schwinden Schönheit und Gestalt.“ — Aber nicht nur jene Überreste 
sind gefährdet der Welt gegenüber, die es liebt, das Strahlende zu schwärzen, 
sogar davon ist die Rede, daß auch den blanken Knöpfen, in denen sich 
jetzt noch die bunte Welt widerspiegelt, ihr Stündlein schlagen solle. — 
Möchte dann wenigstens nicht mit dem letzten blanken Knopfe der letzte 
Gedanke an Erinnerungen verloren gehen, die, blank und strahlend, bisher 
ihre Aufgabe erfüllt haben. Wie Küraß und Ringkragen für die Kämpfenden 
gefallen sind aus triftigen, richtigen Gründen, wie der historische „Schimmel 
von Bronnzell“ keinen Nachtraber mehr finden wird, weil Pferde mit auf- 
fallenden Farben im Kriege nicht mehr geritten werden dürfen, und wie 
aus gleichem Grunde die berühmte französische Schimmelbatterie von Sedan, 
die im vollsten Maße „ihre Schuldigkeit getan hat“, obwohl das Gegenteil 
vom schwarzen „Mohr“ doch „gehen kann"“, um nie wieder aufzutauchen, 
wie die Mäntel auch der deutschen Truppen die graue Farbe des fahlen 
Erdreiches angenommen haben, und weder Vauban noch Carmontaigne 
mehr zu Rate gezogen werden, wenn Befestigungen aufgeworfen werden 
sollen, die sich vom Gelände gar nicht abheben, so scheint der Tag nicht 
allzuweit mehr, an dem der Offizier auch das letzte Zeichen ablegen wird, 
welches an die Zeiten des Rittertums gemahnt — die Schärpe. Und es 
fragt sich, ob bei dem nicht nur berechtigten, sondern hochwichtigen und 
notwendigen Festhalten an dem auch äußeren Ansehen der Armee gegenüber 
dem Anstürmen neuer Verhältnisse denselben immer genügende Festigkeit ent- 
gegengesetzt werden kann. Die Möglichkeit erscheint nicht ausgeschlossen, 
über kurz oder lang alles, was mit dem „roh gewaltsamen Handwerke" 
des Krieges zusammenhängt — Fußvolk wie Reiterscharen, Geschützbedienung 
wie Generalstab, Luftschiffer wie Brückenschläger — in eine weit mehr noch 
wie bisher uni-formierende (das heißt eine Form gebende) Farbe ein- 
gehüllt zu sehen, eine Farbe, welche als ein Gemisch des „Grau“ der 
Theorie und des „Grün“ des aus der Praxis des Lebens herauswachsenden 
„goldenen Baumes“ sich darstellt. Der indirekte Schutz, den Staub= und 
Erdfarbe gewährt, läßt sich nicht leugnen und hat überdies in Afrika 
wie in China die Feuerprobe bestanden. (Die mit dem geschmackvollen 
Namen Khaki belegte Farbe, welche an einen der ungerechtesten Kriege 
erinnert, welche die Weltgeschichte kennt, hatte nicht nur das helle Rot der 
Waffenröcke abgelöst, sondern auch vielfach das dunkle Erröten der Träger 
derselben im Keime erstickt. Im Nebelgrau der Ferne aber tauchen „Litewken“
        <pb n="233" />
        — 215 — 
auf — eine Art gut deutscher „Ärmelwesten“, durch deren sehr fremd— 
ländischen Namen dem längst eingebürgerten „Tambour“ die Gewähr ge— 
leistet werden dürfte, nicht zum „Trommler“ zu werden.) Allen jenen 
Bestrebungen, die Truppen gewissermaßen mit einer Tarnkappe zu versehen 
und gegen Gesehen- wie gegen Getroffenwerden nach Möglichkeit zu schützen, 
kann und darf die Berechtigung nicht abgesprochen werden. Dieselbe ist 
um so größer, je teurer und wertvoller lebendes wie totes Material der 
Heere in ethischer wie materieller Beziehung von Tag zu Tag mehr wird. 
Doch aber bewahre der Gott „der Eisen wachsen ließ“, der den Völkern 
und Menschen das Gefühl des Ruhmes und der Ehre, des Stolzes sowie 
der Freude an großer Vergangenheit in die Herzen gelegt hat, die Leiter 
der Heerwesen davor, diesen Momenten der Unscheinbarkeit, und wenn sie 
noch so berechtigt sind, einen allzu großen Wert beizulegen. — „Es liegt 
ein tiefer Sinn gar oft im kind'schen Spiele“ Zwar meist ganz unbewußt, 
doch aber dabei im instinktiven Gefühle innerer Berechtigung schmückt sich 
schon das Kind, das etwas Großes darstellen will. Und trägt nicht ein 
reich geschirrtes aufgezäumtes Roß den Kopf und Nacken höher? Der 
überaus hohe — Idealismus und Begeisterung fördernde — ethische Wert 
bunter Farben und glänzender Abzeichen wird sich nicht aus der Welt 
bringen lassen, so lange es Menschen gibt, die am Schönen Gefallen haben, 
und die das Schmücken von höherem Standpunkte als von dem der Eitel— 
keit aus ansehen. Tradition und Korpsgeist insbesondere werden durch 
jene äußerlichen Momente, welche die inneren festhalten, ja oft versinn- 
bildlichen, mächtig gehoben. Es ist also ebenso wünschenswert wie notwendig, 
daß sich ein Mittelweg finde, welcher gestattet, den Anforderungen entgegen- 
zukommen, die von neuen Verhältnissen gebieterisch verlangt werden, ohne 
die Integrität des Heeres zu verletzen und ruhmreiche Über- 
lieferungen aufzugeben, die — wenn einmal zerstört — nicht 
von heute zu morgen wieder aufgebaut werden können. 
Die Generalität führt übrigens, wie ebenfalls an jenen vorhin genannten 
beiden fürstlichen Personen ersichtlich ist, neben den schweren Raupen-Epauletten 
ein leichtes Geflecht von zartem Goldgespinnst, verbunden mit goldgeflochtenen 
Achselschnuren. Die besonders zum schmückenden Abzeichen der Flügeladjutanten 
gewordene Zierat, die an der rechten Schulter getragenen Achselschnüre 
hatten ursprünglich einem ähnlichen Zwecke gedient, wie die bei den Ulanen 
noch jetzt üblichen Fangschnüre, welche — die Kopfbedeckung mit Hals 
oder Schulter verbindend — ein Verlorengehen derselben bei sehr scharfer 
Gangart verhindern soll. Sie, wie die vorerwähnten Achselschnüre finden 
ihren Ursprung in der stets bereit zu haltenden Fouragierleine, welche 
gegebenenfalls auch dazu diente, Gefangene zu machen. Meist befand sich 
zu noch größerem Nutzen eine sogenannte Raumnadel zum Räumen und 
Säubern etwa verstopfter Zündlöcher an jener Leine oder Schnur an- 
gebracht. (Seitdem die Achselschnüre Hof= und Salonstücke geworden sind, 
bedarf es streng genommen eigentlich dieser Vorrichtung nicht. Indessen
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        — 216 — 
ist sie von Gold und erfüllt nun dadurch ihren Zweck, die Bedeutung des 
Trägers zu erhöhen.) 150) 
Auch in den Trutzwaffen, soweit dieselben — aus dem Rahmen ihrer 
eigentlichen Bestimmung heraustretend und mehr oder weniger zum mili- 
tärischen Kostüm gehörend — hier vorkommen, traten Veränderungen ein. 
Während der Degen, vermöge seiner ganz geraden Form, nur zum Stoß, 
diejenige blanke Waffe aber, welche die Reitervölker des Ostens führen 
und die als krummer Säbel in die Husarenbewaffnung überging, lediglich 
zum Hieb tauglich ist, der Pallasch indessen, vermöge seiner Schwere 
immer eine Eigentümlichkeit der Kürassiere bleiben wird, hat man jetzt eine 
Waffe hergestellt, welche beiden Anforderungen, dem Hieb wie dem Stich 
gleichermaßen entspricht. Sachsen und Rußland waren die ersten Staaten, 
die diese mustergültige Probe eines universalen Säbels einführten. Wo 
es lediglich auf Gala-Zwecke ankommt, ist übrigens auch der Degen viel- 
fach noch in seinem alten Rechte. 
Eine Begleiterscheinung des modernen Degens beziehentlich Säbels (nach 
den Dienst-Vorschriften „Offiziersseitengewehr“ genannt) ungefähr gleichzeitig 
mit den Kokarden auftretend — welche Kinder der französischen Revo- 
lution sind — ist das Portepee, eine Degenzierde, die bis dahin un- 
bekannt war. Hervorgegangen ist diese Zutat — welche einen solch fran- 
zösischen Namen hat, unter demselben aber in Frankreich, wo sie dragonne 
heißt, gar nicht bekannt ist — aus dem Faustriemen der Reiter. Am 
Gefäße der Hiebwaffe befestigt und um die „Schwertfaust“ das heißt die 
rechte Hand gewickelt, dient dieser lederne Riemen dazu, daß die Waffe nicht 
aus der Hand geschlagen werden kann, wie auch dazu, diese Hand anderweit 
benutzen zu können, ohne die augenblicklich losgelassene Waffe zu verlieren. 
Aus je zahlreicher werdenden Mengen von Unterabteilungen die 
modernen Heere zusammengesetzt sind, um so wichtiger ist die Herbeiführung 
von immer mehr verschiedenen Abzeichen, und letztere sind ein wesentlicher 
Faktor zur Erhaltung der Ordnung. Sie ermöglichen es ferner, jedes 
einzelne Individuum einer unendlichen Heeressäule aus der Farbe des 
Rockes, der Knöpfe, des Kragens und der Aufschläge, aus Nummer und 
Namenszug, aus Zeichen da und Zeichen dort bis auf die kleinste Zu- 
gehörigkeit zur kleinsten taktischen Einheit zu klassifizieren. 15) 
150) Als historisches Kuriosum möge hier erwähnt sein, daß bei der in der ersten 
Woche des August 1902 auf der Rhede von Reval stattgefundenen Zusammenkunft des 
deutschen Kaisers und des Kaisers von Rußland diese beiden Monarchen die Fangschnüre 
(Aiguiletten) ihrer Uniformen gegenseitig austauschten, zum Zeichen intimer persönlicher 
Freundschaft. Daß Offiziere verschiedener Armeen zu gleichem Zwecke ihre Degen oder 
Säbel ausgetauscht haben, ist früher oftmals vorgekommen und bekundete dann immer 
auch die Verbrüderung der betreffenden Heere. Als Seitenstück kann der noch heutigentags 
bei wilden Völkern übliche Gebrauch gelten, daß „Blutsfreundschaft“ dadurch besiegelt wird, 
daß je eine Ader aufgeritzt und das Blut gegenseitig aufgesaugt wird. 
1651) Das um den Hals zu hängende Täfelchen gibt zu guter Letzt sogar den Namen des 
Mannes an. Auch die Richtigkeit und Wichtigkeit dieser Maßregel ist nicht zu unterschätzen, 
wenn auch mehr im Interesse der Menschlichkeit als der Kriegführung.
        <pb n="235" />
        — 217 — 
Als eine willkommene Bereicherung jener gleichzeitig schmückenden 
orientierenden Abzeichen ward daher die Einführung des entsprechend anders 
gestalteten und modifizierten Faustriemens mit anhängender verschieden— 
farbiger Troddel oder Quaste auch bei den Fußtruppen begrüßt. Den 
Offizieren aber, die innerhalb ihrer Waffen und Truppen, obwohl einer 
bestimmten Abteilung derselben zugeteilt, doch gleichzeitig über diese Ein— 
teilungen erhaben sind, weil sie jederzeit auch andere Abteilungen zu be— 
fehligen in der Lage sein müssen, konnte diese farbige Troddel nicht zu— 
gemutet werden. Sie erhielten anstatt dessen eine zumeist aus Silber- oder 
Golddraht mit Einwebung entsprechend farbiger Seide gesponnene Quaste 
in den Landesfarben. 
Welche wehmütige Bedeutung das Knieholz im Hintergrunde und der 
Zweig Edelweiß sowie die Alpenrose unter König Friedrich Augusts II. 
Füßen haben, welche traurigen Erinnerungen durch diese stimmunggebenden 
einfachen Symbole heraufbeschworen werden — das weiß jeder Sachse. 
Wahrlich, der Künstler verdient volles Lob, dessen feste und geübte Hand 
in dem Sgraffitofries solch' Meisterwerk der Figurenkomposition bei steter 
Innehaltung historischer Treue geschaffen hat, der aber auch voll tief em— 
pfindenden Gemütes und ebenso patriotisch schlagenden Herzens, keine Ge- 
legenheit hat vorüber gehen lassen, die Gefühle anzudeuten, von denen 
diejenigen Beschauer des Fürstenzuges durchbebt werden, die an der Ge- 
schichte ihres Vaterlandes wie ihres Fürstenhauses liebevollen Anteil nehmen. 
Die Menschen, die nicht gedankenlos in den Tag hineinleben und die nicht 
nur für die Wucht der Tatsachen Interesse haben, sondern auch für die 
dieselben begleitenden Nebenumstände (welche oft recht bezeichnend sind), 
werden mit Genugtuung die Art begrüßen, in welcher Professor Walther 
den Fürstenzug zur Darstellung gebracht hat. Das sind die Menschen, 
die den Patriotismus nicht im Hochrufen allein und im Herausstecken von 
Flaggen erblicken und die in der Weltgeschichte mehr suchen und mehr 
finden als das bloße Aneinanderreihen nackter Daten, und diese Menschen 
fühlen unwillkürlich durch das Versenken ins Studium der Geschichte ihre 
Vaterlandsliebe wachsen. Diese Menschen aber, die auch auf Bescheidenes 
achten, die an Sachen Freude empfinden, an denen andere kalt vorüber- 
gehen und die mithin verstehen, aus kleinen äußerlichen Momenten Stoffe 
für große Erinnerungen zu schöpfen — die sind es, an welche der 
Schreiber dieser Zeilen sich in erster Linie wendet, in der Hoffnung, 
patriotisch-historisch anzuregen. Dabei möchte derselbe wiederholen, daß sein 
Bestreben dahin geht, den Schilderungen ein pragmatisches Gepräge zu 
geben, in der Absicht, zu zeigen, wie das Neue sich aus dem Alten entwickelt. 
Sinnig ist die Königskerze angebracht, hoch und schlank vor König 
Johanns Pferde in die Höhe sprießend. Ja, eine leuchtende Kerze unter 
den Sterblichen sowohl auf den Thronen der Fürsten wie auf den Ka- 
thedern der Gelehrten war dieser König. Ein leuchtendes Vorbild der 
Gottergebenheit und Pflichttreue, der Duldsamkeit und Nächstenliebe war
        <pb n="236" />
        — 218 — 
dieser Weise im königlichen Purpur, dieser Gerechte im weißen Kleide der 
Unschuld. Wie ihm, dem Friedfertigen und doch jederzeit für das Rechte 
und Gute mit seiner vollen Person und seiner ganzen Herrscherwürde 
Eintretenden die Palme gebührt, die vor ihm niedergelegt ist, so gebührt 
seinem Sohne und Nachfolger, Albert, dem unverzagten Helden von König- 
grätz, dem geschickten Strategen von St. Privat, dem genialen siegreichen 
Heerführer von Beaumont und Sedan der Lorbeer, über den sein edles 
Roß kourbettiert. In der Rechten hält König Albert das Abzeichen eines 
Generalfeldmarschalls des Deutschen Reiches — den Marschallstab. So 
lange diese Auszeichnung bestehen wird, dieses Sinnbild höchster Feldherrn- 
tüchtigkeit, so lange werden die Jünger des Mars jenem herrlichen Ziele 
zustreben. Sie werden es tun, so lange — hervorschimmernd aus dem 
hoffnungsfreudigen Grün taufrischen Lorbeers, gleich Edelsteinen in Königs- 
kronen — Worte wie „Virtuti in bello“, „Pour le mérite“ und „Ver- 
dienst um das Vaterland“ die 152) Blumen des Kranzes bilden, der seit 
dem „Kampf der Wagen und Gesänge“ den Helden vorschwebt. Der 
Marschallstab, den Kronprinz Albert beim Einzuge der sächsischen Truppen 
in Dresden aus der Hand seines königlichen Vaters entgegennahm, ist 
derjenige seines berühmten und gleich ihm besonders kriegstüchtig gewesenen 
Vorfahren Johann Georg III., den derselbe 1683 vor Wien von Johann 
Sobieski verehrt erhalten hat. Er ist aus Gold und hat die Form eines 
Morgensternes. Der Polenkönig hatte ihn vorher selbst geführt. Auf- 
bewahrt wird er im historischen Museum. Erst später erhielt der erlauchte 
Herr den zu seiner Ernennung gehörigen Marschallstab der preußischen 
Generalfeldmarschälle (mit blauem Sammet bezogen, in welchen goldene 
Kronen und Adler 155) eingelassen sind). Einen etwas weniger kostbaren 
verehrten dem geliebten Führer die Offiziere der Maas-Armee. Auch Kaiser 
Alexander II. von Rußland gab seiner bewundernden Anerkennung der 
Feldherrneigenschaften des Kronprinzen Albert dadurch Ausdruck, daß er 
demselben den russischen Feldmarschallrang verlieh. Kriegerehre und Kamerad- 
schaft sind international, sind an keine Grenzen gebunden. Die Ehrung 
ihres geliebten Führers durch den ritterlichen Kriegsherrn eines fremden 
Heeres hat daher dankbaren Widerhall im Herzen der sächsischen Armee 
gefunden. Diese selbst aber — wie König Albert mit eigenem Munde sie 
bezeichnet hat — seine „erste Liebe“, gab ihrer aufrichtigen Verehrung für 
den so innig mit ihr verwachsenen Monarchen, außer durch ihr stets 
mustergültiges Verhalten als eins der bestausgebildeten und wohldiszipli- 
niertesten Heeresteile Deutschlands und der Welt, dadurch noch einen ganz 
besonderen äußerlichen Ausdruck, daß sie eine kostbare Ordenskette für den 
152) Auf dem sächsischen Heinrichsorden, dem preußischen Orden Pour le mérite und 
der dem Heinrichsorden gleichwertigen Heinrichsmedaille, welche an Unteroffiziere ver- 
liehen wird. 
153) Der zum 50jährigen Militärjubiläum verliehene ist mit Diamanten reich besetzt. 
Einen gleichen erhielt Graf Moltke an seinem 90. Geburtstag.
        <pb n="237" />
        — 219 — 
Großkreuzträger des St. Heinrichsordens anfertigen ließ, welche demselben 
am Tage seines fünfzigjährigen Militärjubiläums übergeben wurde. 
Dem jungen Artilleriemajor von Gersdorff war es vergönnt, dem 
greisen König und Kriegsherrn diese Kette umlegen zu dürfen. Daß dessen 
Herz in diesem historischen Momente zum Zerspringen klopfte, ihm bei 
dieser, in den Annalen der Geschichte ungewöhnlichen Handlung vor Freude 
und Stolz die Hände zitterten, läßt sich begreifen. Jenes Gefühl ist das— 
selbe ungefähr, welches den packt und zu Großem begeistert, dessen glühende 
Wange beim Vormarsch gegen den Feind vom wehenden Fahnentuche seiner 
Truppe gestreift wird, oder ähnlich wie es den überkommen mag, der — 
zum Tode getroffen — inmitten jubelnder Fanfaren seinen Feldherrn als 
Sieger begrüßen darf, während das, irdische Hoffnungen in sich schließende, 
Dankgebet der Kameraden sich mit seinem eigenen letzten Gebete um ewiges 
Seelenheil verschmelzend, verbindet. 
Mit der soeben besprochenen Kette des Heinrichsordens, dessen blau- 
gelbes Band den Tapferen, die damit ausgezeichnet sind, die Hausfarben 
von Wettin vor Augen hält, hat der fürstliche Träger auf dem Fürstenzuge 
nicht dargestellt werden können, weil die Überreichung jenes Armeegeschenkes 
erst mehrere Jahre nach Fertigstellung des Sgraffitofrieses erfolgt ist. 
Wohl aber zieren die höchsten Kriegsorden Sachsens, Osterreichs und 
Preußens die Brust des königlichen Feldherrn, schmückt ihn das nur an 
sehr wenige verliehene Großkreuz des Eisernen Kreuzes — jenes in Ge- 
stalt, in Material und Farbe echt deutschen Zeichens deutscher Hingebung, 
deutscher Tapferkeit und deutscher Treue. 
Deutsch ist auch die wachsende Eiche neben König Alberts vielgeliebten 
Bruder Georg, des jetzt regierenden Königs Majestät. Treu steht auch 
dieser Wettinsche Fürst und Palladin, und treu stehen dessen erlauchten 
Söhne in aufrichtiger Bundesbrüderschaft zum deutschen Reiche, das Tren- 
nende vergessend, das Einende anstrebend. Auch König Georg, der über 
ein Vierteljahrhundert als kommandierender General an der Spitze des 
sächsischen Armeekorps gestanden hat 154) und als Generalinspekteur der 
II. Armee-Inspektion die verehrende Anerkennung und Beliebtheit seiner ge- 
winnenden Persönlichkeit auch auf Schlesier und Märker zu übertragen ver- 
standen, bekleidet den Rang eines Generalfeldmarschalls des Deutschen Reiches. 
Das Adbzeichen dieser Würde konnte dem damaligen Prinzen Georg auf 
dem Sgraffitogemälde nicht in die Hand gegeben werden, weil derselbe diese 
Würde zu der Zeit, als an demselben gearbeitet wurde, noch nicht innehatte. 
Auch hatten damals die Söhne König Georgs, die ihren Dienst am 
Vaterlande direkt der Armee widmen, als in allzujugendlichem Alter stehend, 
154) Seit 1897 sind aus dem bisherigen einen königlich sächsischen Armeekorps, 
dem XII. des deutschen Bundesheeres, deren zwei geworden: das zwölfte, kommandiert 
von Seiner Königlichen Hoheit dem Prinzen Friedrich August, Nachfolger des Generals 
Freiherrn von Hausen, und das neunzehnte Armeekorps mit dem General der Infanterie von 
Treitschke als kommandierender General an der Spitze.
        <pb n="238" />
        — 220 — 
noch keine Kommandostellen inne, waren überhaupt damals noch wenig 
an die Offentlichkeit getreten und sind auf dem Sgraffitofries nicht ange- 
bracht. Im April 1900 schied Prinz Georg aus dem engeren (wohl- 
verstanden nur dem engeren) Verbande des sächsischen Heeres, indem er 
seine Stellung als kommandierender General aufgab; hatte aber mit dem- 
selben außer durch seine Eigenschaft als königlicher Prinz und Chef zweier 
Regimenter dienstlich immer noch Fühlung als Generalinspekteur, bis ihn 
der Tod seines königlichen Bruders auf den Thron seiner Bäter berief. 
Nun ist er Sachsens König und Kriegsherr geworden. Den beiden 
preußischen Armeekorps (V. und VI.), welche außer den zwei sächsischen 
(XII. und XIX.) zur II. Armee--Inspektion des Deutschen Reiches gehören, an 
deren Spitze seinerzeit Prinz Georg am 4. Juli 1888 berufen worden war, 
hat König Georg in einer Ordre vom 15. Juli 1902 warm empfundene 
Worte des Abschiedes zugerufen, nebst dem Ausdrucke vollster Anerkennung 
über den allezeit tüchtigen und musterhaften Zustand der Inspektion, von 
dem es ihm vergönnt gewesen sei, während der Dauer von 14 Jahren 
dem kaiserlichen Oberfeldherrn Bericht erstatten zu dürfen. 
Den zwischen Federhut und Helm, das heißt zwischen den beiden 
Königen Friedrich August einerseits und dem König Johann mit seinen 
Söhnen andererseits, und man kann wohl sagen: zwischen neuerer und 
neuester Geschichte marschierenden Soldaten liegt es ob, die einzigen Re- 
präsentanten der sächsischen Armee während eines ganzen ereignisschweren 
Säkulums bis zum Jahre 1866 zu sein. Aus einer stattlichen Menge 
und reichen, ja überreichen Fülle farbenprächtiger Uniformen, aus einer 
imponierenden Anzahl verschiedenartigster Truppenteile konnten leider nur 
diese wenigen herausgezogen werden. Aufrichtig und wahrhaft betrübten 
Herzens muß man bedauern, daß des leidigen, aber freilich hier maß- 
gebenden Platzmangels wegen es nicht anders anging, als einen solchen 
großen Sprung in der Darstellung von Gestalten des heimatlichen Heeres 
machen zu müssen. Dem Zwange der Umstände ebenso unterworfen wie 
ihr Kriegs= und Landesherr, dem sie Treue und Gehorsam geschworen 
hatten, war es ein tragisches Verhängnis für die sächsischen Truppen, während 
der Napoleonischen Kriege schließlich denen gegenüber stehen zu müssen, die 
am Ende jener ereignisschweren Zeit für dieselbe Sache des gemeinsamen 
Vaterlandes kämpften, welche auch ihnen heilig war. Wenn aber auch 
Sachsen dem korsischen Eroberer länger Heeresfolge zu leisten sich gezwungen 
sah, als die meisten übrigen deutschen Staaten (denen es möglich gewesen 
war, das Joch eher abschütteln zu können), so ist doch jene Periode, während 
welcher Sachsens Söhne, unter ihren eigenen Fahnen zwar, doch aber den 
Adlern Napoleons folgen mußten, eine Zeit voll an Kriegsruhm und Helden- 
größe. — 
Die „Bärmütze“ der „roten Garde", welche hier in die Erscheinung 
tritt und ihren Träger durch Anbringung des Wappenschildes mit den drei 
Kannen als Känneritz-Könneritz charakterisiert (Conrad von Konriz 1190,
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        — 221 — 
Dietrich v. K. 1370), erinnert an andere Bärmützen, an die Bärmützen des 
Grenadierbataillons von Winkel in der Schlacht bei Jena. Alle Berichte 
und Darstellungen jenes Unglückstages sagen übereinstimmend: „Während 
alles in wilder Flucht sich befand, war nur ein Punkt unerschüttert ge- 
blieben — das sächsische Grenadierbataillon von Winkel.“ Außer seinem 
umsichtigen und unerschrockenen Brigadier, General von Cerrini, hatte das 
Bataillon auch den Fürsten Hohenlohe in seiner Mitte ausgenommen und 
deckte den Rückzug der aufgelösten preußischen Scharen wie den der eigenen 
Truppen. In Tat und Wahrheit ein Rocher de bronce, dicht geschlossen 
und zum Karree formiert, sah das Grenadierbataillon den Angriffen der 
französischen Reiter entgegen. Im Galopp kommt ein Regiment jener stolzen 
französischen Kürassiere mit wehenden Helmschweifen angesprengt, wie deren 
in Erz gehüllte Reckengestalten der Pinsel Meissoniers so greifbar deutlich 
der Nachwelt überliefert hat. Ruhig genießen die Grenadiere diesen impo- 
santen Anblick — Gewehr bei Fuß. Im Sonnenschein glänzen die herr- 
lichen Eisenreiter; dumpf dröhnt die Erde von dem Hufschlag der Rosse. 
Da gibt der sächsische Kommandeur, Oberstleutnant Aus dem Winkel, in 
der Mitte seiner Braven haltend, das Kommando — — — nicht etwa 
zum Feuern — nein, das Kommando, welches sonst nur bei Paraden ertönt, 
wenn die Grenadiere vor ihrem Kriegsherrn sich im schönsten militärischen 
Schmuck zeigen sollen: das Kommando „Bärmützenkappen ab!“ 
Musterhaft ruhig wird der Befehl befolgt. Die feldmäßigen Schutz- 
kappen von dünnem Leder werden abgenommen. Die Parade ist fertig. — 
Still und feierlich steht das Karree, dem Feinde ins Auge schauend, dessen 
Schwadronen mittlerweile zur schnellsten Gangart der Attacke übergegangen 
sind. Nun erst ertönt das Kommando „Feuer“. Und in der allerkürzesten 
Entfernung, auf wenige Schritte getroffen, wälzen Rosse und Reiter sich 
am Boden. 155) 
Kurze Zeit nach den Tagen von Jena und Auerstädt traten, wie 
bekannt, die Sachsen als Verbündete auf die Seite Napoleons. So kam 
es, daß durch Zufall jenes französische Kürassierregiment an dem am Rande 
155) Der preußische Oberst von Höpfner, aus dessen Darstellung der Schlacht bei Jena 
wahrlich keine Sympathie oder gar Voreingenommenheit für die verbündeten Sachsen hervor- 
blickt, kann doch nicht anders als das ruhmwürdige Verhalten jener sächsischen Grenadiere 
in Worten wärmster Begeisterung zu schildern. Nur einige Worte Höpfners (Seite 405 
seines Werkes) hierauf bezüglich seien hier angeführt: „In diesen schrecklichen Augenblicken, 
wo überall Flucht und Verwirrung sichtbar war, gewährte das sächsische Grenadierbataillon 
Winkel einen herzerhebenen Anblick. Mitten unter Fliehenden, mitten unter der wildesten 
Unordnung so vieler Tausende, die keinem Führer mehr gehorchten, vom Feinde unablässig 
angegriffen, ging es in voller Ordnung in gemäßigtem Schritt und mit klingendem Spiele 
zurück. Es hatte ein offenes Quarree gebildet und bot dem Feinde immer aufs neue die 
Spitze. Nicht die Kavallerie, die mehrmals attackierte, nicht das unausgesetzte Feuer der 
Tirailleurs konnten seine Festigkeit erschüttern. So wie es Luft hatte, ließ es Trupp 
schlagen und zog mit seiner Musik wie auf dem übungsplatze ab. Sowie der Feind wieder 
nahe kam, wurde gewirbelt und es stand zu seinem Empfange bereit.“
        <pb n="240" />
        — 222 — 
einer Chaussee stehenden sächsischen Grenadierbataillon vorbei reiten mußte. 
Voll Hochachtung und Sympathie sahen die beiden Truppenteile einander 
wieder, und der französische Oberst besann sich keinen Augenblick, die ehe— 
maligen Feinde durch Neigen der Standarte salutieren und Fanfare blasen 
zu lassen, als wenn die Ehrung dem Kaiser gelte. Wahrlich, eine schönere, 
von wahrhaftem Hochgefühl für Kriegertugend eingegebene Antwort auf solch 
heroische, zur Bewunderung hinreißende Begrüßung des Feindes auf dem 
Schlachtfelde konnte nicht gegeben, eine ritterlichere Anerkennung ritterlichen 
Benehmens nicht erteilt werden! 
Nur einige wenige der zahlreichen glänzenden Perlen aus der ewig 
strahlenden Lebenskrone der Treue, nur einige wenige der unverwelklichen 
Blätter aus dem von Freund wie Feind neidlos anerkannten Ruhmeskranze 
der Tapferkeit sächsischer Soldaten seien hier noch erwähnt. So ist die 
Erstürmung der großen Schanze an der Moskwa, des Kernpunktes der 
russischen Stellung in der Schlacht von Borodino am 7. September 1812 
durch die beiden Kürassierregimenter des Generals von Thielemann eine 
der glänzendsten Waffentaten überhaupt. Erhöht noch wird die Großartigkeit 
dieser Leistung durch die Tatsache, daß seit langem schon die härtesten 
Entbehrungen auf die Krieger wie ihre Pferde eingewirkt hatten und durch 
Krankheiten der Bestand jener stolzen Schar sich bereits bedenklich gelichtet 
sah. Nichtsdestoweniger waren Mut und Ausdauer unerschöpflich, und die 
Worte, die im ärgsten Gedränge des Handgemenges ein Leutnant dem 
anderen zurief: „Hier sind wir in der Quetsche, ich möchte, wir wären in 
Vetsche!“ (Vötschau, Garnisonstädtchen der Lausitz), geben Zeugnis von dem 
ungebrochenen Humor dabei. Leutnant von Minckwitz war der erste, der, 
den Graben übersetzend, auf der rufsischen Brustwehr Fuß faßte. Von 
450 Mann des Regiments Garde du corps blieben 344, von 400 des 
Regiments Zastrow-Kürassiere 264 auf dem Platze. Geradezu plastisch 
tritt hier der Todesmut uns entgegen. (Gardedukorps= und Zastrow- 
Kürassiere, eigentlich je 786 Mann stark, waren — seit 1809 durch fort- 
dauernde Verluste geschwächt — in den Feldzug von 1812 mit je 628 Mann 
gerückt.) Und wenn bei dem blutigen Ringen an den Ufern der Lesna 
am 11. Oktober die Korporale Gerstenberg und Kreuter (bevor sie ihrer 
Truppe zu anderweitem Eingreifen in die Schlacht folgten) ihrem an ihrer 
Spitze gefallenen Führer, dem Major von Metzsch, trotz und während 
des heftigen Feuers, welches eine feindliche Batterie gerade auf diesen 
Punkt richtete, mittelst ihrer Seitengewehre ein Grab gruben, um den ge- 
liebten und verehrten Offizier zur Ruhe zu bestatten, so erfüllten, wie 
Oberst von Cerrini in dem Werke über 1812/13 sagt, „diese Braven und Ge- 
treuen die letzte Ehrenpflicht gegen den Mann, der ihnen stets ein leuchtendes 
Vorbild gewesen war und übertrafen damit alles, was Künstler und Dichter 
zur Verherrlichung einer Totenfeier irgend erdenken können.“" Ein kleines, 
aber erschütterndes Wort ist es auch, und mehr als starke Bände redend, 
daß von dem ganzen Infanterieregiment „von Rechten“" nur 6 Mann
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        — 223 — 
nach Sachsen zurückgekehrt sind, vom Regiment „von Low“ 10; von der der 
Kavalleriedivision des Korps „Latour“ zugeteilten Artillerie unter dem Major 
von Hiller aber kein einziger! Es konnte nicht fehlen, daß die hervor— 
ragende Disziplin und Tüchtigkeit des sächsischen Kontingentes, welches 
unter dem Oberbefehle des anerkannt tüchtigen und ehrenwerten Generals 
Grafen Reynier das VII. Armeekorps der großen französischen Armee 
bildete, von Napoleons Scharfblick sehr bald erkannt werden mußte. Zu 
wiederholten Malen hat dieser große Meister des Krieges, sowohl in Ge— 
sprächen wie in Tagesbefehlen es ausgesprochen, daß er sich auf die Sachsen 
stets ganz besonders verlassen könne. Der großen Eitelkeit der National— 
franzosen wegen, mit welcher der Kaiser rechnen mußte und rechnete (ja 
sehr stark rechnete), waren undankbarerweise die offiziellen Kriegsberichte 
geflissentlich bemüht, die Tätigkeit der verschiedenen Hülfsvölker herabzusetzen, 
ja Napoleon selbst geriet mit Bernadotte in eine Art Zerwürfnis, als 
letzterer nach der Schlacht bei Wagram den unter seiner Führung ge— 
standenen Sachsen, die er in ihrer Festigkeit als Granitsäule bezeichnete, 
allzu uneingeschränktes Lob gezollt hatte. 
Das Urteil des Mannes, der die fleißige Biene als sein Lieblingstier 
bezeichnete, des Feldherrn, der, noch bevor er Kaiser wurde, einer ganzen 
Zeit den Stempel seiner gewaltigen Persönlichkeit aufzudrücken verstanden 
hatte und dessen scharfes Auge ebenso die Erdkugel überblickte, wie es die 
Vorteile einer Schlachtstellung erkannte und die kleinsten Fehler eines Regi- 
mentes gewahrte, dürfte an sich viel zu klar gewesen sein, als daß es nicht 
im Stillen gar oft den Stimmen derer Recht gegeben hätte, die der 
Empfindlichkeit seiner Landsleute wegen, sowie aus Gründen egeistischer 
Zweckmäßigkeit im Keime erstickt werden mußten. Wirklich legt auch die 
Kriegsgeschichte an vielen Stellen Zeugnis dafür ab, daß Napoleon gerade 
die Sachsen mittels unmittelbaren Spezialbefehles an diese oder jene Punkte 
beorderte, die er für besonders wichtig ansah. Aus dieser unumstößlichen 
Tatsache, ist z. B. auch der kaiserliche Befehl vom 15. Juli 1812 
und der Umstand herzuleiten, daß den Sachsen der äußerste rechte, am 
meisten gefährdete Flügel der großen Armee anvertraut wurde. Auch den 
Befehl zum Sturm auf die große Schanze bei Borodino überbrachte dem 
sächsischen General von Thielemann ganz direkt ein Adjutant Napoleons, 
der — von seinem erhöhten Standorte aus — wie dem Gesamtgange der 
Schlacht so auch dem unerschrockenen und kühnen Nehmen der verschanzten 
Höhe von Semenovskoye seitens eben jener Reiterbrigade mit Aufmerksamkeit 
gefolgt war. Stets wird von einem erfahrenen Feldherrn die Truppe, 
der Armeeteil, das Heer am meisten geschätzt werden, dessen kriegerische 
Eigenschaften von der Begeisterung entflammt, von der Manneszucht im 
Zügel gehalten, von der Geschicklichkeit geleitet und von der Tapferkeit be- 
siegelt, sich auch unter den ungünstigsten Verhältnissen in Taten umsetzen. 
Solche Truppen aber sind die sächsischen immer gewesen. Der unverrückbar 
feste Wille jedes mit Freudigkeit und Geschick sich unter einsichtsvolle und
        <pb n="242" />
        — 224 — 
entschlossene Führung unterordnenden Einzelnen, an seinem Teile an der 
Ruhmwürdigkeit, der Schlagfertigkeit, dem guten Zustande des Ganzen bei— 
zutragen und die Überzeugung aller, daß diese redliche Absicht erreicht sei; 
das wechselseitige Vertrauen der Offiziere und Mannschaften, edler Korps- 
geist und ein in den Schranken der Selbstzucht und Bescheidenheit bleibendes 
Bewußtsein des eigenen inneren Wertes — diese Tugenden wolle der Gott 
der Schlachten, der auch der Gott friedlicher Segnungen ist, wolle der 
Allmächtige, dessen Weltordnung selbst dazu auffordert, den Krieg vor- 
zubereiten, um den Frieden zu wahren, dem sächsischen Heere allezeit 
erhalten. Eine jede junge Generation sehe mit Stolz auf die Taten, auf 
das Verhalten der älteren und alten und eifere ihnen nach. Gleichen 
doch stehende Heere (und das dürfte eines der allerwichtigsten Momente 
von deren Werte sein) einer niemals aussterbenden Familie, deren An- 
gehörige in jeder Generation sich beeifern, auch ihrerseits ihren Nachkommen 
leuchtende Vorbilder zu sein; im Sinne Ciceros, der „keinen für einen 
ehrliebenden Mann hielt, der nicht auf seine Bäter stolz seil#. Und schon 
oft ist, wie Aster sehr richtig sagt, „in den Stunden der Gefahr durch eine 
rechtzeitige Mahnung an den früher erlangten Ruhm eines Regiments 
dasselbe zu ungewöhnlichen Anstrengungen und zu wiederholten helden- 
mütigen Handlungen angefeuert worden, wodurch es den alten Ruf von 
neuem bewährte und vermehrte.“ — Deshalb: Vivat Saxonial — 
Der Tschako des vor König Johann einherschreitenden Infanteristen ist 
diejenige Kopfbedeckung, welche die sächsische Armee, ihrem Hauptbestandteile 
nach, vor deren Aufgehen in das norddeutsche Bundesheer trug. Ins 
Feld haben indessen die sächsischen Truppen den Tschako 1866 nicht mit ge- 
nommen. Sie rückten in der ihrer Form nach scherzweise „Zündhütchen“ 
genannten Mütze aus, welche nicht allzu lange vorher die nach franzö- 
sischem Muster gefertigten sogenannten „Kaffeesäcke“ verdrängt hatte. Noch 
viele Jahre nach den Napoleonischen Kriegen war eine leichtere Kopf- 
bedeckung als Hut oder Helm als Dienstgegenstand ein unbekannter Begriff. 
Nur ganz ausnahmsweise war es im Lager den Offizieren nachgelassen, 
als „Negligé“ eine Art Zipfelmütze tragen zu dürfen, deren Form und 
Beschaffenheit in das Belieben jedes einzelnen Individuums gestellt war. 
Auch als dann einzelne Offizierkorps sich zusammentaten, innerhalb ihrer 
Kreise eine gewisse Übereinstimmung der sogenannten „Pudelmütze“ herbei- 
zuführen, war letztere absolut kein ordonnanzmäßiges Stück. Nicht nur im 
großen wie im kleinen Dienste, sondern auch außer Dienst, auf Straße 
und Promenade, durfte Offizier und Gemeiner nicht anders erscheinen als 
im großen schweren Hute oder Helm, deshalb muten uns Kindern von 
heute die Bilder von damals ganz eigentümlich an. 
Auch war das Tragen von bürgerlicher Kleidung — das heutigen 
Tages eine so große Rolle spielende „Civil“ — seitens derer, die sich dem 
Soldatenstand gewidmet hatten, etwas total Unbekanntes. Ja, auch der 
verabschiedete Offizier behielt als ständige Kleidung seinen Interimsrock bei.
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        — 225 — 
Welche Bequemlichkeiten sind seitdem eingetreten! Wie viel schwerer, auf— 
reibender und anstrengender ist allerdings auch der Dienst geworden, so 
daß Erleichterungen gegönnt werden müssen, damit die, mit unsterblichen 
Seelen versehenen Maschinenteile des oft überhastig arbeitenden Räderwerkes 
nicht allzu früh und allzu bald abgenutzt und unbrauchbar werden. Welche 
unendliche Gefahr liegt in dem übermäßigen Anspannen der Kräfte, 
nicht nur in ganz direkt praktischer, physischer, sondern auch in indirekter, 
moralischer und ethischer Beziehung. Es werden schließlich Erholungen ge— 
währt, die an sich gar keine sind und am Ende begibt sich der Vorgesetzte, 
absichtlich oder unabsichtlich, der außerdienstlichen Beobachtung seiner Unter— 
gebenen. Der Wert gerade dieser Pflicht der Vorgesetzten aber, welche 
strengste Auffassung des Dienstbetriebes mit den Rücksichten von Billigkeit 
und Menschlichkeit harmonisch zu vereinigen wissen muß, ist für jede „Armee 
von Christen“ ein großer, welche keine Kapuzinerpredigt auf sich angewendet 
sehen will. Es läßt sich leider nicht leugnen, daß der unsichtbare Feind 
im eigenen Lager schon manche Position genommen hat, daß von dem 
unseligen Geiste des Egoismus und Materialismus, der schließlich zum 
Atheismus führt, schon manche Glieder auch derjenigen Kreise angesteckt 
sind, deren ganz besondere Ehrenpflicht es ist, gerade hiergegen, gegen 
diesen unsichtbaren, immer weitere Drachen gebärenden Drachen ebenso tapfer 
und mutig anzukämpfen, wie gegen die Feinde in Fleisch und Bein, vor 
denen sie keine Furcht kennen. 
Unritterliche, unsoldatische Genußsucht und undeutsches Protzentum 
bedrohen mit ihrem Einbruche um so mehr auch diese Reihen, je mehr 
die Religion vernachlässigt wird und das alte Wort in Vergessenheit gerät: 
„Der frömmste Soldat ist der beste Soldat.“ Für die Wahrheit dieses 
Wortes gibt Weltgeschichte wie Kriegsgeschichte zahlreiche Beispiele. Man 
denke nur an York von Wartenburg und dessen Worte der Demut, des 
Vertrauens und der Zuversicht, mit denen er am 16. Oktober den Vormarsch 
zur Schlacht bei Leipzig (von Schkeuditz aus) antrat: „Anfang, Mitt' und 
Ende, Herr Gott zum besten wende.“ Man denke besonders auch an Zieten, 
denke an Gneisenau, Scharnhorst und Kaiser Wilhelm I. Nicht minder 
mögen uns, was Gottesfurcht und Tapferkeit anlangt, die unglücklichen 
Buren vorschweben, wenn auch andererseits das Ergebnis von deren Krieg- 
führung den Beweis befestigt, daß auch für Taktik und Strategie eine 
gründliche Schulung erforderlich ist. Was aber den unvergeßlichen Kaiser 
Wilhelm I. betrifft, so wolle Gott geben, daß dieses edlen Monarchen 
Wunsch und Wille, der dem Kern des deutschen Volkes aus der Seele 
gesprochen ist, nachhaltig in Erfüllung gehe: „Dem Volke muß die Religion 
erhalten bleiben.“ 154) 
154") Wohl dem Volke, des König ein frommer Mann ist, und wohl dem Heere, in 
dessen Reihen ein gleiches Gefühl herrscht! Die bedauernswerten Franzosen freilich sollen 
jetzt eine andere Denkart eingeimpft erhalten und man könnte meinen, nicht am Anfange 
des 20., sondern am Ende des 18. Jahrhunderts zu stehen, wenn man die Rede des franzö-
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        — 226 — 
Doch zurück zum Tschako. Derselbe war, als er zur Zeit des böhmischen 
Krieges von der sächsischen Infanterie und Artillerie getragen wurde (wobei 
die Bemerkung eingeflochten sei, daß in den Feldzug selbst die Fußtruppen 
in Mütze ausgerückt waren), bereits eine verhältnismäßig leichte Kopf- 
bedeckung geworden, der heutigen eleganten Käppiform sich nähernd. Der 
Infanterist auf dem Sgraffitogemälde ist ein Herr von Metzsch; er trägt 
den Sparrenschild seiner Familie (welcher auch denen von Brühl und 
von Pöllnitz gemeinsam ist) auf dem linken Oberarm. 15) 
Bei seinem von der französischen Armee des ersten Koaiserreiches ent- 
lehnten ersten Auftreten in den europäischen Truppenteilen war diese Kopf- 
bedeckung von Filz mit hartem Lederdeckel nach oben unverhältnismäßig 
breit ausladend gewesen. Eingeführt ist dieselbe, ebenso wie der Grund- 
typus des modernen Helmes, von Napoleon. Dieser ehemalige Leutnant 
der Artillerie, der es verstanden hatte, sich zum Cäsar emporzuschwingen, 
war — bei aller Herzensroheit als Mensch — doch unzweifelhaft ein 
imposant denkender Tyrann und gewaltiger Herrscher, ein beinahe beispiel- 
los genialer Feldherr und weitblickender Staatsmann. Mit diesem scharfen 
Blick in die Ferne verband er aber wie schon einmal angedeutet, gleich- 
zeitig eine durchdringend richtige Beobachtung der Nähe, er war schlau 
auch in verhältnismäßig kleinen Kniffen und Effekten ein Menschenkenner, 
der sich alles zu Nutzen machte. Den schmucken Hut der alten Bégiments 
Royaux in seiner zuletzt stabil gewordenen Form verbannte der zum 
Monarch gewordene Konsul als monarchischen Anklang ebenso wie es die 
Schreckensmänner und sonstigen brüderlichen Bürger getan hatten, auf 
deren Schultern er in die Höhe gekommen war. Die stolzen republika- 
sischen Kriegsministers André vernimmt, die derselbe im Frühjahr 1902 an einen Kreis 
höherer Offiziere richtete. Diese Worte des Führers einer ritterlichen Armee, die einstmals 
den „Roi trèes chrétien“, den „Allerchristlichsten König“ zum obersten Kriegsherrn gehabt 
hat, bilden einen zu furchtbaren Schlag gegen christliches Empfinden, ja gegen jede Reli- 
giosität überhaupt, als daß sie nicht, der gläubigen Welt zum Schauder, hier Platz finden 
sollten. Sie lauteten, nach dem Adelsblatte vom 25. Mai 1902, folgendermaßen: „Meine 
Herren, die Idee von der Existenz eines Gottes ist eine absurde. An ein höchstes Wesen, 
einen bewußten Lenker des Universums zu glauben ist ein veralteter Glaube, mit dem Sie 
sich den Kopf nicht zerbrechen werden. Doch genügt es nicht, selbst frei zu sein von der- 
artigen Vorurteilen, sondern es ist hohe Pflicht, auch andere, die unter Ihrem Kommando 
stehenden Soldaten, hiervon zu befreien. Es ist dies Ihre Pflicht als Offiziere. Was mich 
betrifft, so werde ich bis zum letzten Atemzuge nicht aufhören, diesen Aberglauben zu be- 
kämpfen.“ — Daß sich in der also bevormundeten Armee nicht ein großer Protest gegen 
diese frivolen Zumutungen erhoben hat, muß selbst trotz der Erwägung Wunder nehmen, 
daß die Franzosen an vieles gewöhnt sind. Einzelne Rücktritte französischer Offiziere ähneln 
schließlich der einen Schwalbe, die noch keinen Sommer macht. 
155) Die Familie von Metzsch ist eine der ältesten und angesehensten des Vogtlandes 
und ließ, ähnlich wie die Pflugk, das Adelsprädikat „von“ vielfach absichtlich weg. Burk- 
hard Mehest lebte 1206, Ritter Dietrich Mezze 1316. Konrad Maitzsch war 1400 
Amtmann zu Mila und Kaspar Metitz saß einige Jahre später auf Wolkenstein. Alle 
diese verschiedenartig geschriebenen Persönlichkeiten gehören einer und derselben Familie an. 
Der „Sparrenschild“ von dem Ludovika Hesekiel erzählt, ist der der Familie von Witzleben.
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        — 227 — 
nischen Gemüter, auf Äußerlichkeiten als auf die Wesenheit sehend, wurden 
durch Äußerlichkeiten beruhigt. War es doch auch nicht die alte Krone 
Dagoberts und des heiligen Ludwig, die der Gewalthaber sich aufsetzte. 
„Trostreicherweise“ war ja das legitime Königtum vernichtet, wenn auch 
ein ganz unberechtigter Usurpator auf dem „ersten Throne der Christenheit“ 
saß. Die königlichen Gardes du corps und Gens'darmes waren gefallen, 
gefallen als die verabscheuenswürdigen Träger eines „gegen die Freiheit 
der Nation verstoßenden“ Gedankens an Feudalwesen, Vasallentreue und 
Aristokratie. Dafür wurden erst die unverfänglichen Guiden ins Leben 
gerufen, die beileibe nicht etwa als Ehrenwachen und Ehrung, sondern 
lediglich zum Zwecke der besseren Befehlsvermittelung ganz harmlos hinter 
dem alles beherrschenden Konsul und Feldherrn postiert waren und den— 
selben als Eskorte begleiteten. Dann entstanden die Chasseurs à cheval 
der Kaisergarde, deren dunkelgrüner Waffenrock dadurch besondere Ehrung 
fand, daß Napoleon ihn als sein tägliches Kleidungsstück erkor und dann 
— der Konsulargarde entstammend — die Alte Garde, welche „stirbt, aber 
sich nicht ergibt". Die goldenen Lilien, die sich einst so stolz vom blauen 
Grunde abgehoben hatten, lagen zur Wonne und Genugtuung der einst 
so ritterlichen Landsleute Bayards unter den Füßen der als gallische Hähne 
einherschreitenden Citoyens. Daß dieselben Freiheitsschwärmer sich zu 
Tausenden auf den Wahlstätten des Korsen hinschlachten ließen, um dessen 
Ehrgeizes willen, war ja ganz etwas anderes. Dieses Verhalten brauchte 
ja nicht an das verpönte Gefühl monarchischer Treue zu erinnern. Adler 
und Trikolore, triumphierend über die Oriflamme und das Weiß der Le- 
gitimität, waren ja ganz etwas anderes als die Feldzeichen der Bourbons 
und Valois. Es tat der „so geheiligten Menschenwürde"“ durchaus keinen 
Abbruch, vom Empereur sich en canaille behandeln zu lassen, hatte man 
doch dabei die erhebende Genugtuung, sich vor keinem Könige beugen zu 
müssen. Le Roy est assassiné — (denn „mort“ schlechthin kann es wohl 
nicht gut heißen) — Vive l'’empereur! Bevor der letztere Ruf gelernt 
war, mußte er, nach Absolvierung des Vive la republique, an dem Vive 
le premier consul! gelernt werden. Und er war gelernt worden. So 
trug auch erst die Konsular-Armee die neuen Kopfbedeckungen, bevor die 
Armee des Kaisers mit ihnen geziert wurde. Mit dem kleinen Hute des 
„Petit caporal“, der als Phönix aus der Asche der Hüte des ancien. 
régime erstanden war und mit dem Tschako, jener Erfindung der Neu- 
zeit, welche den Zweck verfolgte, das Alte und Bisherige vergessen zu lassen, 
ging der Helm der Antike Hand in Hand. Jene Epoche der Götter 
Griechenlands und der Göttinnen Roms war nänmlich seitens der Durchgangs- 
Republikaner als goldenes und vorbildliches Zeitalter gefeiert worden und 
alles, was an sie erinnerte, ward als an das zurückerwünschte Heidentum 
anklingend und eine vermeintliche „goldene Freiheit“ atmend stürmisch be- 
grüßt. Wie die als Heldinnen der republikanischen Idee sich aufspielenden 
Damen der Pariser Salons sich à la grecque und nach dem Muster der 
157
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        — 228 — 
ersten römischen Republik kleideten, oder vielmehr „entkleideten",155), so 
sollten auch die männlichen Gestalten an Hektor und Achilles, an Kastor 
und Pollux oder andere Helden des „freien“ Altertums erinnern. 
Aus der eben erwähnten Idee antiken Heldentums und der Begeisterung 
für die trojanischen Kämpfer samt deren kammgezierten Helme entsprang 
der mit einem Kamm versehene Helm der republikanischen Dragoner und 
dann — durch mancherlei kleine Abänderungen verschönt — derjenige der 
kaiserlichen Kürassiere. Aus diesem wiederum hat sich der Helm der öster- 
reichischen und der der sächsischen Reiter entwickelt. Des letzteren Kamm 
war, wie dies auch auf dem Sgraffitofries zu ersehen, nachdem ihn erst 
eine volle Raupe von schwarzem Pelzbehang und dann ein vergoldeter 
Aufsatz geziert hatte, vor seiner gänzlichen Abschaffung mit einer nur ganz 
schmalen Raupe bedeckt. Jetzt führen die sächsischen Reiterregimenter, so- 
weit sie als schwere Kavallerie den Kürassieren entsprechen, den Stahlhelm 
der preußischen Kürassiere. Dieser aber und insbesondere sein „lederner“ 
Vetter von den Dragonern — aus der Kopfhaube des Napoleonischen 
Helmes unter Wegfall des antikisierenden Heroenkammes und Ersetzen des- 
selben durch eine den Abschluß in einem „Pickel“ bildende Spitze entstanden 
— ist der intellektuelle Vater der gefürchteten und berühmten „Pickelhaube". 
Auch in der preußischen Armee war der Tschako eingeführt gewesen. 
Friedrich Wilhelm IV. ersetzte denselben (ebenso wie der Kaiser von Ruß- 
land) durch jenen soeben erwähnten Helm von Leder mit Metallbeschlägen 
und metallener Spitze. Neuerdings ist die ursprünglich abnorme Höhe 
desselben, die eine ganz außerordentlich unschöne Form abgab, bedeutend 
moderiert und bildet die charakteristische Kopfbedeckung der überwiegenden 
Mehrzahl deutscher Soldaten. 
Mit weißen Reiherfedern geschmückt erscheinen die Generalshelme, die 
von des Königs Albert Majestät, dessen hochseligen Vater und erlauchten 
Bruder getragen werden. 
Als Paradestück sind für die Garde= und Grenadierregimenter Haar- 
büsche auf den Helmen eingeführt, wovon der hier auftretende Grenadier 15) 
158) Die tonangebende, auch der Politik nicht fernstehende Madame Tallien (eine 
bildschöne Spanierin, die ihr wechselvolles Leben damit krönte, daß sie — von ihrem ersten 
Gemahl, dem Baron de Fontenay getrennt und von dem Manne ihrer zweiten Ehe, dem 
Konventsmitgliede Tallien geschieden — den Fürsten von Chimay heiratete) erschien unter 
allgemeiner Begeisterung bei einem offiziellen Balle auf dem Stadthaus derartig als klas- 
sische Göttin und Personifizierung des ungebundenen Altertums, daß nur eine zarte, äußerst 
dünne Schicht Seide ihren Körper umschloß und ein Diamantkopfputz, halb Athene-Helm, 
halb Juno-Diadem, ihre Haare zierte. Andere wetteiferten ihr nach und diese ganze Be- 
wegung galt als für die Stärkung der Republik und deren Grundgedanken äußerst verdienstlich. 
159) Wie schon an anderem Orte erwähnt, waren die stärksten und längsten Leute 
eines Infanterieregiments, in bestimmter Anzahl, zum Werfen mit Hand-Grenaden be- 
stimmt und ausgerüstet. Schließlich, als sie gleiche Bewaffnung erhalten hatten, wurden 
diese „Grenadiere“ aus ihren Truppenteilen herausgezogen und bildeten selbständige Gre- 
nadierbataillone. In Sachsen stellten die je zwei, zu einer Brigade gehörenden, in der 
Farbe ihrer weißen Uniformierung und der farbigen „Doublüre“ einander gleichen, indessen
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        — 229 — 
ein Beispiel gibt, der mit dem berühmten Zündnadelgewehr bewaffnet ist. 
Wie der am Armel der Uniform angebrachte Pfahl-Balkenschild zeigt, ist 
diese Persönlichkeit ein Graf von Vitzthum, während der Kanonier /0) hinter 
ihm, dessen Wappen mit den Rauten man an seinem Kragen angebracht 
sehen kann, einen Herrn von Metzradt darstellt. (Die Vicedome gehören 
einem der ältesten thüringisch-meißnischen Rittergeschlechter an, dessen Name 
von ihrem Amte, dem Vizedominial d. h. Vertretung des Landesherrn — 
hier speziell in Bezug auf die Stadt Erfurt — abgeleitet ist. Schon seit 
dem 13. Jahrhundert bestehen zwei Familien, die V. von Apolda und die 
V. von Eckstedt. Berthold V. v. E. lebte 1320. Im Jahre 1711 wurden 
die V. v. E. in den Grafenstand erhoben. Die alte lausitzer Familie 
von Metzradt (ursprünglich Metzenrode) stiftete mit anderen zusammen 1224 
das Minoritenkloster zu Budissin und hundert Jahre später die Kirche zu 
Milkel. Friedrich v. M. saß 1460 auf Melneckel.) Daß der Artillerie- 
helm anstatt mit einer Spitze mit einem Knopfe versehen ist, um beim 
Geschützbedienen und anderen Handgriffen in bückender Stellung ein Ver- 
letzen auszuschließen, läßt sich hier deutlich erkennen. Czapka heißt die, 
dem nationalen Hute der Polen, eben dem czapka, nachgebildete Kopf- 
bedeckung der — den altpolnischen Reiterschaaren, den Ulanskis gleich — 
mit Lanzen bewaffneten Ulanenregimenter der verschiedenen Armeen, in 
Frankreich Lanciers genannt. Die letzteren sind nach dem Feldzuge von 
1870 abgeschafft worden und auch in Rußland sind alle (bis auf zwei 
der Garde angehörige) Ulanenregimenter in Dragonerregimenter ohne Lanze 
umgewandelt worden. Im denkbar schroffsten und direktesten Gegensatze 
hierzu ist neuerdings auf Befehl Kaiser Wilhelms II. die gesamte deutsche 
Kavallerie, ja selbst die Truppe der Husaren (als deren Lebenselement die 
absolut leichte, unumschränkte Beweglichkeit gilt) mit Lanzen ausgerüstet 
worden. Der Ausspruch Montekukulis: „Die Lanze ist die Königin der 
durch gelbe resp. weiße Knöpfe von einander unterschiedenen Linien-Infanterieregimenter 
ein Grenadierbataillon. Des Grenadierbataillons von Winkel ist bereits gedacht worden. 
Es gehörte zu den Regimentern Prinz Maximilian und von Rechten. Andererseits ist die 
Leibgrenadier-Garde, aus welcher die im 19. Jahrhundert eingegangene sogenannte „Rote 
Garde“ entstand, 1729 gegründet worden. Die heutigen Grenadierregimenter sind 1867 aus 
der damaligen Leibbrigade formiert worden. 
160) Die sächsische Artillerie, welche schon vor Ausbruch des dreißigjährigen Krieges 
aus den sogenannten Hauskompagnien der Kurfürsten hervorgegangen ist und bis auf den 
heutigen Tag keine andere Farbe als dunkelgrün mit rot getragen hat, fand in der ersten 
Zeit vorwiegend im Festungsdienst Verwendung, erhielt aber sehr bald eine Erweiterung in 
dem Feldartilleriekorps, dessen erster Kommandeur der Oberst von Klengel war. Eine 
reitende Artilleriebrigade wurde bei Beginn der Napoleonischen Feldzüge aufgestellt. Die 
außerdem ein jedes Infanterieregiment begleitenden je vier Geschütze gehörten, als Regiments- 
kanonen, taktisch vollkommen zu dieser Truppe und standen unter Befehl von deren Kom- 
mandeuren. „Gordian, die Stiefel!“ (zu seinem Burschen gewendet), „Herr Leutnant, Kar- 
tätschen!“ (zum Führer der Regimentsgeschütze) war der bekannte erste Ausruf des Obersten 
von Göphardt, Kommandeurs des Infanterieregiments von Oebschelwitz bei einem plötzlichen 
überfall. Die Namen Birnbaum, Aster und Richter, Köhler, Schubert und Funke sind für 
immer mit der sächsischen Artillerie und dem Ingenieurkorps verbunden.
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        — 230 — 
Waffen“ ist demnach gewissermaßen zum Mittelpunkte einer großen Streit— 
frage zweier Prinzipien geworden. Auf beiden Seiten werden unzweifel- 
haft triftige Gründe und Erfahrungen aus der Praxis vorliegen, denn so 
kurzer Hand trifft man nicht so einschneidende Bestimmungen. Gelöst aber 
ist die Frage noch nicht. Welch hoher Wert der Lanze und der Kampfes- 
art mit derselben, von tüchtigen Reiterführern zu allen Zeiten beigelegt 
worden ist, beweist unter anderem die Tatsache, daß im Herbst 1756 der 
Kommandierende der intakten sächsischen Kavallerie, General Graf Nostitz, 
die ersten Glieder der Regimenter mit dieser Waffe ausrüsten ließ. Von 
allzu langer Dauer ist diese Einrichtung freilich nicht gewesen. Also schon 
damals Widerstreite in der Wertbemessung. Die beiden in der militärischen 
Schlußgruppe erscheinenden Vertreter der sächsischen Kavallerie sind, mit Fug 
und Recht, beritten dargestellt. Der kleine Wappenschild auf der Ulanka 
gibt die Zugehörigkeit zu der altlausitzischen Familie von Nostitz zu erkennen, 
welche sich zeitig in verschiedene Linien teilte. Der Grad der Verwandschaft 
des Lanzenträgers auf dem Wandgemälde, welcher vor kurzem als General- 
leutnant z. D. gestorben ist, mit dem Lanzenverehrer vor hundert Jahren ist 
dem Verfasser nicht genau bekannt. Durch den Löwenrumpf am unteren Teile 
des genestelten Waffenrockes erkennt man den Gardereiter als einen Herrn 
von Posern. (Von dem gleichnamigen Stammhause bei Weißenfels aus- 
gegangen, lebte Conradus de Poserne 1283. Seit einiger Zeit bekleiden die 
Sprossen dieses Geschlechtes das Amt eines Klostervogtes von Marienstern.) 
Der nebenherschreitende Schütze (mit dem hier freilich nicht ersichtlichen 
gelben Metallbeschlägen) stellt mit seiner Figur ebenso eine Art Personal- 
union zwischen dieser Truppe und den „weißknöpfigen“ Jägern dar, wie 
der Gardereiter eine solche zwischen seinem (weißen) Regimente und den 
„schwarz aufgeschlagenen“ Karabiniers. Über dem Rockpassepoil jenes Schützen 
sind die beiden Streitsicheln der von Lüttichau eingelassen. (Heinrich von 
Luttichawe saß 1370 auf Kmehlen.) Der Fähnrich Kurt von Lüttichau 
vom Schützenregiment starb den Heldentod vor Paris. Die Porträtähnlich- 
keit desselben auf dem Sgraffitogemälde sei hier ebenso ausdrücklich hervor- 
gehoben, wie die nochmalige Erwähnung, daß eine solche bei sämtlichen 
Persönlichkeiten vorhanden ist, welche hier ihren Fürsten folgen. 
Die Waffengattung der Ulanen bildet eine Mittelart zwischen leichter 
und schwerer Kavallerie. Festgehalten muß diese Grundeinteilung, der Ver- 
schiedenheit des Pferdematerials wegen, auch in Armeen werden, welche 
für die verschiedenen Arten ihrer Reiterei keine besonderen Namen und keine 
besonderen Uniformen haben. Das letztere war innerhalb der sächsischen 
Armee der Fall von der Reduktion nach den Napoleonischen Kriegen bis 
zum Eintritt in das norddeutsche Bundesheer, mithin während eines Zeit- 
raumes von gerade fünfzig Jahren. Die Gründe lagen in der weisen 
Sparsamkeit, welche es zum Wohle des Landes vermeiden wollte, eine 
allzu große Verschiedenheit in der Bekleidung und Ausrüstung walten zu 
lassen. Wenn nun die neueren sächsischen Ulanen erst im Jahre 1867
        <pb n="249" />
        — 231 — 
und die neueren sächsischen Husaren erst acht Jahre darauf errichtet 
worden sind, so haben nichtsdestoweniger Regimenter dieser Art und dieses 
Namens neben den Kürassieren, Chevauxlegers, Karabiniers und Dragonern 
in der früheren großen sächsischen Armee bereits bestanden. Von Anbeginn 
ihres Entstehens aber hat sich die herrliche sächsische Kavallerie auf das 
allerrühmlichste ausgezeichnet. (Ihre Grundfarbe war in der Hauptsache 
rot, wenn auch vielfache Abweichungen vorkamen. Es sei nur an das 
Paillegelb der Kürassiere erinnert.) Eigentümlich mutet es dabei an, daß 
in den frühesten Zeiten die Trompeter ohne Rücksicht auf die Uniform 
ihrer Regimenter in die Hoffarbe gekleidet waren, also gelb-schwarz und 
gelb-blau. Später trugen die Trompeter sogenannte Kontrefarben, das 
heißt die Farbe des Regimentswaffenrockes bildete bei ihnen die des Auf- 
schlages, die Doublüre (Aufschlag) des Regiments aber ihre Rockfarbe. Bei 
den Kürassieren waren die Trompeter rot uniformiert und diese Farbe hat 
sich später auf Raupen und Haarbüsche gerettet. 
Daß es der sächsische Oberstleutnant von Benkendorff gewesen ist, der 
mit seinem Chevauxlegers-Regimente Prinz Karl am 18. Juni 1757 die 
Schlacht bei Kolin gewonnen hat, welche österreichischerseits bereits verloren 
gegeben war, wurde schon an anderer Stelle angedeutet. Hier sei nur 
noch nachgetragen und als ein ganz besonders seltenes Beispiel von Selbst- 
losigkeit und Gewissenhaftigkeit angeführt, daß lediglich Benkendorffs un- 
begrenzte Ehrlichkeit und in diesem Falle geradezu peinliche Treue der 
Grund gewesen ist, weshalb jener Brave nicht den Maria-Theresia-Orden 
erhalten hat, der doch von der Kaiserin speziell im Nachhall an den glänzenden 
Sieg ins Leben gerufen worden war, der sich — von allen anerkannt — 
als sein Verdienst darstellte. Seine Patenschaft und das Vorschlagen zu 
dieser Auszeichnung hatten mehrere österreichische Generale, wie Laudon, 
Nadasdy und andere sofort freiwillig übernommen, allein die zweite Vor- 
schrift der Ordensstatuten, niemals gegen das Haus Osterreich zu dienen, 
erklärte (wie Rittmeister von Oppell in der Geschichte des leichten Reiter- 
regiments Prinz Clemens berichtet) Benkendorff als ein zu großes Ge- 
bundensein in der unbedingten Treue gegen seinen kurfürstlich -königlichen 
Herrn. Es sei doch nicht unbedingt ausgeschlossen, daß derselbe nicht mög- 
licherweise einmal seine Waffen gegen Osterreich wenden könne. 
Da jenes — nach dem Muster des Regimentes Sybilski leichte Dra- 
goner — als Prinz Karl leichte Pferde oder chevaux-legers vom Oberst 
von Milkau im Jahre 1734 errichtete Regiment mit kurfürstlicher Ge- 
nehmigung nur gestutzte Pferde ritt, so wurde diese Besonderheit dem 
Regimente zur Erinnerung an Kolin als Auszeichnung verliehen. 
Aus diesem Chevauxlegers-Regimente, erst Prinz Karl, dann Herzog von 
Kurland, ist 1811 das Ulanen-Regiment Prinz Clemens, 1820 das 1. leichte 
Reiter-Regiment, und 1875 das Königs-Husaren-Regiment hervorgegangen. 
Als einen Beweis von todesmutigem Reitergeist, verbunden mit auf- 
opfernder Anhänglichkeit und Verehruug zu seinem Vorgesetzten stellt sich
        <pb n="250" />
        — 232 — 
das Verhalten des Ulanen Reiß im Gefechte bei Telaticze am 1. November 1812 
dar. Major von Seydlitz, einer der verdienstvollsten Offiziere der Armee, 
sank hier tödlich getroffen vom Pferde. Da sprang mitten im blutigsten 
Handgemenge jener tapfere Ulan von dem seinen, trug unter den größten 
Schwierigkeiten den schwer Verwundeten an einen ruhigeren Ort und bestieg 
dann sofort ein Beutepferd, um sich von neuem an dem Kampfe zu beteiligen. 
Solche Beispiele der Aufopferung sowohl für eine Person wie für ein 
Ganzes zeigt die Geschichte der braven sächsischen Armee an vielen Stellen. 
Der aufopfernde Angriff des Generals von Zezschwitz mit den Resten 
der Regimenter Kochtizky = Kürassiere und Polenz-Chevauxlegers bei Jena, 
durch den die französische Kavallerie-Reserve zersprengt und aufgehalten 
wurde, ist ein Lichtblick in der traurigen Geschichte dieser Unglücksschlacht. 
Mit den Grenadieren von Winkel haben die Reiter von Kochtizky und 
von Polenz die sächsische Krieger-Ehre und Soldatentugend hell erstrahlen 
lassen. (Des berühmten Angriffes der Kürassierbrigade Thielmann mit den 
Regimentern Garde du corps und von Zastrow und Erstürmung der 
großen Redoute an der Moskwa (auch Rajewski-Schanze genannt) ist 
schon Erwähnung getan.) 
Generalleutnant von Gutschmid, einer der hervorragendsten, befähigtesten 
und kühnsten Reiterführer, dem eine große Zukunft offen gestanden haben 
würde, erlag zu Anfang des russischen Feldzuges 1812 zu Pulawi einem 
schweren Fieber. Er war 1809 zum Chef des 1791 errichteten Husaren- 
Regiments ernannt worden, eine Auszeichnung, die seiner Person und dem 
Regimente in gleichem Maße galt. Namen wie die des Grafen Bellegarde, 
der Generale von Zezschwitz und von Gablenz aber, von Funke, von Feilitzsch, 
von Mangold, Senfft von Pilsach und andere legen Zeugnis davon ab, 
in welch glänzender Weise der sächsischen Kavallerie Führer gegeben waren, 
deren vorbildliche Tüchtigkeit die schönen Regimenter zu Taten des Ruhmes 
und der Ehre hingerissen und deren Ausbildung auf eine so hohe Stufe 
der Vollendung gebracht hat. — „Der Geist, der im ganzen Korps tut 
leben, Reißet gewaltig wie Windesweben Auch den untersten Reiter mit.“ 
„Drum frisch, Kameraden, den Rappen gezäumt, 
Die Brust im Gefechte gelüftet! 
Die Jugend brauset, das Leben schäumt, 
Frisch auf! eh' der Geist noch verdüftet! 
Und setzet ihr nicht das Leben ein, 
Nie wird euch das Leben gewonnen sein.“ 
Derartigem Geiste entspringen alle die Waffentaten, welche — die 
Grenzen des direkt Befohlenen und der reglementsmäßigen Vorschriften 
weit hinter sich lassend — dem begeisterten Zusammenwirken der kriegerischen 
Tugenden von Mut, Gehorsam und Tapferkeit mit den rein menschlichen 
Empfindungen der Hingebung, Treue und Hilfsbereitschaft ihr Entstehen 
verdanken. Hierher gehört die Befreiung beziehungsweise Rettung des Obersten
        <pb n="251" />
        — 233 — 
von Engel während des heißen Gefechtes bei Wolkowysk am 15. No- 
vember 1812. In siegreicher Attacke hatte nämlich das sächsische Husaren= 
regiment ein Regiment Kosaken durchbrochen, als es sich urplötzlich von 
zwei frischen Regimentern russischer Dragoner in der Flanke angegriffen 
sah und zum Rückzuge gezwungen wurde. Mitten aus dieser Bewegung 
kehrte dasselbe aber sofort um, als der Ruf erscholl: „Unser Oberst ist 
gestürzt und wird gefangen!“ Den Leutnant von Kracht an der Spitze, 
gelang es den Braven wirklich, ihren geliebten Kommandeur den Händen 
der Russen zu entreißen, obwohl derselbe aus sieben Wunden blutete. 161) 
In den Schlachten von Villiers und Brie-Champigny, 30. November 
und 2. Dezember 1870, war es den Sachsen, Schulter an Schulter mit 
den Württembergern fechtend, unter großen Opfern gelungen, den mit 
eminenter Wucht ins Werk gesetzten und mit hartnäckiger Zähigkeit durch- 
zuführen versuchten Ausfall der französischen Armee aus Paris zurück- 
zuschlagen. Bezugnehmend auf diese Tage, an denen alle beteiligten Truppen 
im vollsten Maße ihre Schuldigkeit getan haben, einige von ihnen aber 
sich besonders auszuzeichnen die Gelegenheit gehabt hatten, erließ der 
kommandierende General, Prinz Georg, einen Korpsbefehl, in welchem der- 
selbe die Haltung der Truppen lobte, „die mit großer Tapferkeit und 
seltenem Mute ihren alten Ruhm bewährt und der sächsischen Kriegsgeschichte 
ein neues ruhmvolles Blatt hinzugesügt haben“". Speziell ward dem 
8. Infanterie-Regimente Nr. 107 wegen des Sturmes auf Brie sur Marne 
und dem Schützen-Regiment wegen seines glänzenden Gefechtes gegen vielfach 
überlegene Kräfte Bewunderung und volle Anerkennung ausgesprochen. Nur 
einige Daten seien hierauf bezüglich angeführt. Das Regiment 107 625) 
verlor hier von den nach den mörderischen Kämpfen von St. Privat und 
Sedan überhaupt nur noch vorhandenen 17 Offizieren 12, und auch beim 
104. Regimente führten Fähnriche und Feldwebel die Kompagnien aus 
dem Gefechte. Vom 1. Schützenbataillon wurden gleich beim Beginn des 
Vorgehens der Kommandeur Major Schlick und sämtliche Hauptleute schwer 
verwundet, so daß der Premierleutnant Freiherr von Hammerstein, obwohl 
1061) Der damalige Leutnant, der im Alter von nahezu 90 Jahren als Rittmeister a. D. 
in Dresden verstorbene Herr von Kracht, hob, wenn er dieser Episode Erwähnung tat, 
immer hervor, daß Oberst von Engel gewiß nicht am Leben geblieben wäre, wenn derselbe 
nicht, der starken Kälte wegen, den Pelz eines Trompeters über den seinigen angezogen 
gehabt hätte. Die Russen würden ihre Beute noch weit hartnäckiger umstritten haben, 
wenn sie geahnt hätten, daß der vermeintliche Trompeter oder Husar der Oberst des Regi- 
mentes sei. 
162) Erfreuend und ermutigend, sowie wert, überall bekannt zu werden, ist des Königs 
eingehendes Verständnis für Tradition und Geschichte. Die während des französischen Feld- 
zuges noch jugendliche Offiziere gewesenen Söhne zweier hervorragender Kommandeure des 
107. Regiments wurden zu gegebener Zeit auf den gleichen Posten berufen wie ihre Bäter, 
wurden Obersten dieses Regimentes. Der Sohn des als Generalleutnant verstorbenen 
einstigen Obersten von Schulz (gegenwärtig selbst Generalleutnant z. D.) und der Sohn 
des an der Spitze des Regiments gefallenen Obersten von Schweinitz (gegenwärtig General- 
major und Kommandeur der 45. Brigade).
        <pb n="252" />
        — 234 — 
selbst verwundet, die Führung des Bataillons schon kurz nach dem Ein— 
tritte ins Gefecht übernehmen mußte. Daß aber auch Nichtkombattanten 
sich durch besonderen Mut und Tapferkeit hervortun können, beweist unter 
anderem das Verhalten des Büchsenmachers Kubitz vom Regiment 104, 
der seiner fortwährend im heftigsten Feuer liegenden Truppe, die nahe daran 
war, sich vollständig zu verschießen, aus dem von ihm im Karriere herbei— 
geholten Patronenwagen Patronen bis in die vordersten Linien zutrug 
und die Neufüllung desselben mehrere Male wiederholte. 
Zu den Figuren des Wandgemäldes selbst zurückkehrend, so wird jeder— 
mann nicht umhin können, zu bemerken, wie der kleine käppiartige Tschako 
mit dem kokett zur Seite gebundenen Haarschweif den sächsischen Jägern 
und Schützen in ihrer tiefdunkelgrünen, beinahe schwarzen Uniform, welche 
unwillkürlich an die „wilde verwegene Jagd“ der Lützower erinnert, etwas 
ungemein Flottes, man möchte sagen zierlich Rauhes, anmutig Kriegerisches 
verleiht. Indessen nicht aus diesem äußerlichen Grunde allein, sondern 
besonders auch wegen ihres allezeit hervorragend tüchtigen Verhaltens von 
der Zeit ihrer Gründung an — von den blutigen Waffentänzen an der Lesna, 
wo Major von Metzsch rufen mußte: „Deckt Euch, Kinder! Eure Köpfe 
sind nicht Pudelmützen!“, vorbei dann an dem „Hornisten von Düppel“ 
und dem Karree des 3. Jägerbataillons, in dessen Mitte Kronprinz Albert 
das Schlachtfeld von Königgrätz verließ, erinnernd an glorreiche Tage und 
schwere Stunden — ist diese Truppe in Sachsen außerordentlich volkstümlich, 
ähnlich den Bersaglieris in Italien und den Kaeiserjägern in Osterreich. 
Ihre Beliebtheit steigerte sich noch, nachdem im französischen Feldzuge die 
Schützen unter ihrem allverehrten, in der Armee wie im Volke gleich be- 
liebten Kommandeur Freiherrn von Hausen, dem „eisernen Obersten der 
Schwarzen"“, mit anderen Regimentern Wunder der Tapferkeit vollbracht hatten. 
Diesem Offizier wurde an dem einen Schlachttage bei Villiers zu 
drei Malen das Pferd unter dem Leibe erschossen, und hätte er zu Zeiten 
etwa Wallensteins gelebt, so würden seine Braven, die ihm mit Leib und 
Leben ergeben waren und den Geist respektierten, der von seiner vorbild- 
lichen Soldatennatur ausging, sicherlich von ihm dasselbe gesagt haben wie 
die Schillersche Soldateska von ihrem Friedländer: „Der steht unter be- 
sonderen Mächten.“ 
„Denn unter des heftigen Feuers Blitzen 
Ritt er auf und nieder mit kühlem Blut, 
Durchlöchert von Kugeln war sein Hut. 
Durch den Stiefel und Koller fuhren 
Die Ballen; man sah die deutlichen Spuren. 
Konnt' ihm keine die Haut nur ritzen, 
Weil ihn die höllische Salbe tät schützen." 
Der Furor teutonicus ward bei seinen Leuten zur unwiderstehlichen 
Glut gerechter Empörung, als ihr Oberst infolge tückischen Verrates der
        <pb n="253" />
        — 235 — 
gegenüber stehenden Franzosen seine ritterliche Kaltblütigkeit beinahe hätte 
mit dem eigenen Leben bezahlen müssen. Den mit weißen Tüchern und 
mit ihren Kopfbedeckungen winkenden, das Feuern einstellenden Feinden 
ritt nämlich Oberst von Hausen für seine Person allein entgegen, ward 
aber auf kürzeste Entfernung mit einem Hagel von Geschossen empfangen. 
Ein Wunder in der Tat, daß das Zielobjekt so vieler aus nächster Nähe 
abgegebener Schüsse mit dem Leben davon gekommen ist. Ohne etwa 
annehmen zu wollen, daß von anderen Truppenteilen nicht ähnliche den 
Korpsgeist belebende Lieder gesungen werden, möchte hier ein Vers des 
von Kurt Moser gedichteten „Schützenliedes“ Platz finden: 
„Und ging's zu blut'gem Tanze und ging's zu hartem Strauß, 
Da sprengt mit Heldenmute der Oberst uns voraus. 
Wo seine Schützen stritten wohl um des Sieges Ziel, 
Sah man den Oberst Hausen im dichten Kampfgewühl: 
Die Treue und die Ehre, Pflicht, Vaterland und Mut 
Sind fest ins Herz geschrieben dem jüngsten Schützenblut. 
Das ist die hohe Tugend; wißt ihr nicht, wie sie heißt? 
Man nennt mit einem Worte sie nur den Schützengeist.“ 
Nach dem Wehrstande folgt auf dem Bilde der Lehrstand und 
der Nährstand. 
Bevor von dem ersterwähnten Abschied genommen werden soll, darf 
die Betrachtung nicht unterdrückt werden, daß im Deutschen Reiche jeder 
einzelne Staatsangehörige durch das Gesetz der allgemeinen Wehrpflicht zum 
großen allgemeinen Wehrstande gehört, den die Nation bildet. Diese auf 
uralt germanischer Auffassung und Volksverfassung beruhende Wehrpflicht 
jedes Einzelnen drückt im Lande der Ger-Manen einem jeden waffentüchtigen 
Manne den Ger in die Hand, sobald die heilige Mutter Erde oder das 
geheiligte Herdfeuer, oder aber Ruhe, Gesetzmäßigkeit und Ordnung der 
Verteidigung bedürfen. 
In übertragener Bedeutung stellt sich die Waffe des Ger oder Lang- 
spießes, des Fram oder Wurfgeschosses und des Sax oder Streithammers 
als die kriegsgemäße Ausbildung dar, die ein jeder Sohn des Vaterlandes 
während seiner Dienstzeit im Heere genießt. Leider hat diese Ausbildungs- 
zeit neuerdings nur die Dauer von zwei Jahren. Aber hoffentlich verliert 
durch diese Maßregel jene erwähnte Waffe — die Erziehung nämlich zu 
Disziplin und Gehorsam, zu Entsagung und Aufopferung, Geschicklichkeit 
und Kriegsbereitschaft — nicht an ihrer Schärfe. Niemals darf sie auf- 
hören, jeden Augenblick ein für den Feind verderbliches Instrument in den 
Händen der Führer und der Heeresleitung zu sein: „Allezeit treu bereit 
für des Reiches Herrlichkeit.“ Trotzdem nun aber nach dem Gesetze der 
allgemeinen Wehrpflicht jeder Deutsche in einem mehr oder weniger direkten 
oder indirekten Verhältnisse zur Armee steht, so muß und darf nichts- 
destoweniger doch das alte Wort von den drei Berufsständen aufrecht
        <pb n="254" />
        — 236 — 
erhalten werden. Denn trotz des Begriffes „Volk in Waffen“ bildet das 
deutsche Volk kein Milizheer, wie beispielsweise die Schweiz, und jeder Ge— 
danke an die Einführung eines solchen muß im Interesse des Vaterlandes 
weit weggewiesen werden. Eine noch so große Masse ganz gut bewaffneter 
und ausgerüsteter, aber nicht genügend eingeübter und nicht disziplinierter 
Leute ist noch immer kein kriegsbrauchbares Heer. Ja selbst Begeisterung 
vermag am letzten Ende Manneszucht und Erfahrung nicht zu ersetzen. 
Aufgabe der zum stehenden Heere einberufenen oder dessen Reserven an— 
gehörigen Söhne des Vaterlandes ist es, Geist, Erziehung und Wesen 
kriegerischen Denkens und Fühlens gewissermaßen als einen Sauerteig ins 
Volk zu bringen, durch den die ganze Nation sozusagen militärisch durchwirkt 
wird. Aber trotzdem die gesamte wehrfähige Bevölkerung — man verzeihe 
den trivialen Ausdruck, er ist durchaus ernst und edel gemeint — zu ethischen 
Kommißbrotessern gestempelt erscheint, ist doch der Soldatenstand immer noch 
ein Stand für sich. Noch immer gilt unseres idealsten Dichters Wort: „Der 
Soldat muß sich können fühlen“, noch immer der Ausruf Scribe's: „Ha, 
welche Lust, Soldat zu sein!“ Und wenn des Dienstes mitunter vielleicht 
gar zu drückende Schwere den letzteren Ausruf vielleicht da oder dort etwas 
zu dämpfen geeignet sein sollte, so bleibt selbst dann, selbst in den schwie— 
rigsten Momenten, immer es eine Ehre, Soldat zu sein. Es ist auch eine 
Ehre, Soldat gewesen zu sein. Des sind die Veteranen Zeuge, welche, der 
ruhmreichen Überlieferungen des gesamten Heeres wie der einzelnen Truppen— 
teile und des Eides gedenkend, der sie mit jenen verbunden hat, in schlichtem 
bürgerlichen Kleide eine nach innen glänzende Garde um die Person 
ihres Fürsten, um die hohe sittliche Idee von Ordnung und Gesittung, 
von Religion und Vaterland bilden. 163) Manneszucht pflegend in Herz 
und in Haus, in Gemeinde und Staat, treten sie zu Kriegervereinen zu- 
163) Die Umstürzler und Sozialdemokraten freilich, denen — wie ihr Genosse Liebknecht 
sagt — das Wort „Vaterland“ keinen Zauber hat, sondern ein überwundener Standpunkt, 
ein reaktionärer, feindlicher ist, denen in Bezug auf das Panier, welches die alten Soldaten 
aufwerfen, „das Pentagramma Pein macht“, in den Militärvereinen instinktiv ein Bollwerk 
gegen die überflutung der bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Ansichten und Bestrebungen 
sehend, bemühen sich, diese Vereine und deren Organisation mit Hohn und Spott zu ver- 
folgen. „Hurra-Kanaillen“ und „Kriechervereinler“ nennen sozialdemokratische Zeitungen 
die Männer, welche ihre Anhänglichkeit an den Kriegerstand mutig bekennen und Vereinen 
angehören, die gegründet sind „zur Wahrung und Förderung ehrenhafter Gesinnungen für 
Ordnung und Sittlichkeit, der Treue für König und Vaterland, Kaiser und Reich sowie 
Gehorsam gegen Gesetz und Obrigkeit.“ Mögen die alten Krieger sich durch solche Be- 
schimpfungen nicht irre machen lassen, sondern nach wie vor Ehre und Gewissen als Richt- 
schnur ansehen. Mögen sie nach wie vor die Fahne der Treue hochhalten. Mögen sie stets 
gerüstet und gefechtsbereit sein, den guten Kampf zu kämpfen, der Verheißung hat; 
noch in ihren alten Tagen, ja in denen erst recht. Und mögen sie immer Waffen zu diesem 
Kampfe blank halten, es sind keine äußerlichen greifbaren Waffen, es sind die unsichtbaren 
geistigen Waffen, die aus dem Zeughause der Gottesfurcht, Königstreue und Baterlands- 
liebe stammen. Mögen die braven Veteranen allezeit bereit sein, mit Ehren zu bestehen, 
wenn der Herr der Heerscharen sie zur großen Revue vor sein heiliges Angesicht ruft.
        <pb n="255" />
        — 237 — 
sammen, deren Motto das Bibelwort ist: „Fürchtet Gott, ehret den König, 
habet die Brüder lieb!“ Getragen werden ihre Gedanken und Bestrebungen 
von dem Kampfruf „Deutschland“, von der Parole „König und Vaterland“ 
und von dem Feldgeschrei „Christus“. Hut ab vor den Alten, die jung 
gekämpft haben, vor denen, die unter dem im Sturm gebleichten Silber- 
haar sich ein warmes Herz erhalten haben für alles Gute und für alles Edle. 
Wie hoch auch des einsichtigen und weitsichtigen Königs Georg Majestät 
das Element der alten Krieger ehrt, welches in den vaterlandsfrohen und 
königstreuen Militärvereinen und deren Bestrebungen seinen vorbildlichen 
Ausdruck findet, geht unter anderem daraus hervor, daß der hohe Herr 
durch Vermittelung des Kriegsministeriums (im September 1902) eine alt- 
sächsische Bestimmung beziehungsweise Ehrung oder Vergünstigung hat wieder 
ins Leben treten lassen. Nach derselben dürfen beim Begräbnis eines ehe- 
maligen Feldzugteilnehmers (sofern die ehrenvolle Führung des Betreffenden 
nachgewiesen werden kann und falls der Tod in einer Garnisonstadt er- 
folgt ist) auf Wunsch der Angehörigen durch das Garnisonkommando zwölf 
aktive Soldaten als Träger gestellt werden. Nicht nur der einzelne Mann 
und dessen Familie, auch Heer und Vaterland werden dadurch geehrt. Die 
Bedeutung des Standes wird vor Augen geführt, dessen Angehörige in 
erster Linie Gesundheit und Leben für das Gemeinwohl dahinzugeben bereit 
sind, der durch die Schärfe des Schwertes die gedeihliche Tätigkeit und 
das ruhige Wirken der anderen Stände gewährleistet. 
Schwert, Laute und Pflug gehören zusammen. Alle drei Stände, die 
durch diese Attribute symbolisiert werden, haben gleiche Berechtigung im 
Staatsleben und haben die gleiche Aufgabe, zum Wohle des Ganzen er- 
folgreich zu wirken. Keiner von ihnen könnte dieser Aufgabe auf die Dauer 
gewachsen sein, wenn er nicht an den Geschwistern jederzeit kräftige An- 
lehnung hätte. Gegenseitige Unterstützung, Achtung und Liebe sind Elemente, 
welche allenthalben segensreich wirken. Sie sind zum gedeihlichen Zu- 
sammenwirken der einzelnen Stände und ihrer Berufsarten von eminentester 
Wichtigkeit. « 
„Ein jeder Stand hat seinen Frieden, ein jeder Stand hat seine Last“ 
singt Gellert. „Nach ewigen ehernen großen Gesetzen müssen wir alle 
unseres Daseins Kreise vollenden“ sagt Goethe und meint damit ohne Zweifel 
nicht nur das Dasein als Mensch, sondern auch als Berufserfüller. 
Angefrischt von dem kräftigen Erdgeruch der heimatlichen Ackerscholle, 
über welche seit tausenden von Jahren der gleiche Himmel sich wölbt, sind 
die Saaten ausstreuenden und Ernte einbringenden Landleute unter den 
sengenden Strahlen der reifenden Sonne wie im strömenden Naß des 
befruchtenden Regens jahraus jahrein Zeugen der unmittelbarsten Ein- 
wirkung von Gottes Walten. — Unter dem Donner und Getöse verderben- 
bringender Feuerschlünde, die in blutiger Feldschlacht den Boden erzittern 
lassen, halten Tausende aus, für Vaterland und Ehre eintretend, obwohl 
im heißen Gewoge des in Pulverdampf gehüllten Kampfes die Herzen
        <pb n="256" />
        — 238 — 
selbst der Mutigsten nicht unbewegt bleiben. — Von dem rußenden Schwalch 
der Fabriken, bei der Glut der Hochöfen und in der Luft der Gebläse 
werden unter dem betäubenden Geräusche von Schlegel und Eisen, Hammer 
und Pochwerk Gestalten nerviger Männer geschwärzt, die, an Cyklopen 
und Titanen erinnernd, das Härteste erweichen und das Sprödeste in 
Formen zu bringen verstehen. — Am Ambos der Schmied, an der Presse 
der Drucker, arbeitet jener für das Fortkommen von Pferd und Wagen, 
dieser für dasjenige von Reitern auf dem Pegasus. — In Künstlerateliers 
von dem Staube der Gyps= und Marmorabfälle, in den Mühlen und 
Backstuben vom Mehle aus Roggen und Weizen werden die Emsigen in 
schneeiges Weiß gehüllt, die zu geistiger und leiblicher Nahrung schaffen. — 
Der Jünger von Hans Sachs, bei lustigem Pfeifen des sangesfrohen Nürn- 
bergers gedenkend, fertigt Schuhe und Stiefel, während „der Schneider 
mit der Nadel“ seiner Aufgabe mit derselben Ehre gerecht wird wie „mit 
Schild und Schwert der Adel.“ — Meister und Gesellen suchen in fleißiger 
Arbeit die Wahrheit des ewig neuen Wortes „An Gottes Segen ist alles 
gelegen“ mit dem alten in Einklang zu bringen „Handwerk hat goldenen 
Boden.“ — Kaufleute aller Art ordnen im Austausche mit den Erzeug- 
nissen des Inlandes Ballen und Säcke, Kisten und Kasten, welche die 
Produkte fernster Länder bergen: Alle diese Erscheinungen haben ihre große, 
unleugbare Wichtigkeit; jede einzelne dieser Beschäftigungen hat ihre weite 
Kreise ziehende Bedeutung. 
Nicht vergessen werden oder hintangestellt über der Arbeit fleißiger 
und geschickter Hände oder über den Leistungen physischer Kraft darf der 
geistige Hauch, der als Lebensodem für das ganze Volk aus den Studier- 
stuben gläubiger Gelehrter, Dichter und Denker hinausdringt ins ganze 
Land; ebenso wie der reiche Segen eines vielleicht äußerlich armen, aber 
innerlich um so reicheren, im Christentum echten wie im Deutschtum rechten 
Pfarrhauses. 
Bildung und Erziehung der Jugend, einen Kulturzweig, der gerade 
in Sachsen zu höchster Blüte entfaltet ist, repräsentieren auf dem Sgraffito- 
fries die drei Jünglinge mit den Fahnen 1. der von Friedrich dem Streit- 
baren im Jahre 1409 gegründeten Universität Leipzig, 2, der Schule zum 
Heiligen Kreuz in Dresden, welche bereits Anno 1300 urkundlich erwähnt 
wird und somit wohl eins der ältesten Gymnasien Deutschlands sein dürfte, 
sowie 3. der Technischen Hochschule, welche im Jahre 1871 aus dem (An- 
fang des 19. Jahrhunderts errichteten) Polytechnikum zu ihrem jetzigen 
Grad erhoben worden ist. 
Der Korpsbursche im studentischen Wichs, mit dem Cerevismitzchen 
(welches seinen Namen bezeichnenderweise von der lateinischen Ubersetzung des 
„Urstoffes“ Bier ableitet) und der dem Polentum entnommenen Pickesche 
ist ein Herr von Erdmannsdorff. Sein Wappen erscheint auf der breiten 
Verbindungsschärpe. (Wernherus de Ertmaristorf lebte 1206. Johannes 
von Erdmanstorf und seine Söhne waren um 1280 im Altenburgischen
        <pb n="257" />
        — 239 — 
begütert.)169) Professor Walthers Sohn hält, als Primaner der Kreuz— 
schule, die Fahnenwacht jenes akademischen Palladiums, dem auch Theodor 
Körner gefolgt ist, als er hier den Grund zu dem Wissen legte, welches 
seinen feurigen Dichtergeist befähigte, ihn auf die allseitig neidlos aner— 
kannte Höhe der Volkstümlichkeit zu bringen, welche dieser patriotische Poet 
und poetische Patriot mit Recht genießt. Daß jenem Helden, dem Freunde 
164) Wenn bei den Vertretern der ritterlichen Lehensmannschaft, oder wie das Lehens- 
buch sagt „erbarn Mannschaft“, also adliger Familien, genealogische Notizen haben beige- 
geben werden können, so liegt das in der historischen Tatsache begründet, daß in den frühe- 
sten Zeiten nicht die Schicksale aller Menschen und nicht die Geschichte aller Familien 
aufgezeichnet werden konnten. Vielmehr beschränkten sich zu einer Zeit, in welcher die 
Kunst des Schreibens in der Hauptsache nur hinter Klostermauern eine Heimstätte hatte, 
jene Aufzeichnungen naturgemäß auf solche Personen oder Geschlechter, die durch besondere 
Taten oder hervorragende Stellungen bekannt waren. Wenn auch die Gleichheit aller Freien 
als Grundlage galt, so gab doch schon in den alten Zeiten germanischer Volksverfassung der 
Besitz eines Hofes, der bald zum Edelhofe wurde, ein von der Allgemeinheit anerkanntes über- 
gewicht. Grund und Boden konnte nicht ohne weiteres von Vater auf Sohn vererbt werden, 
vielmehr gehörte hierzu die Einwilligung und übereinstimmung der ganzen Sippe (Adol), hier- 
durch die Gewähr gebend, nur wirklich Tüchtige auf jenen Plätzen zu sehen. Auch durfte nur 
ein Sohn in den Besitz des freien Hofes (Alod) gelangen, dessen Unteilbarkeit den Grund zu 
steigender Macht legte. An die Grundgesessenen gliederte sich, aus deren jüngeren Söhnen und 
den Mannen der Gefolgschaften sich rekrutierend, der Berufsstand der Ritter, der später unter 
dem Namen Adel zum Geburtsstand wurde. Ohne weiteres ist zuzugeben, daß (durch die 
historische Entwickelung der politischen und sozialen Verhältnisse im Laufe von Jahrhunderten 
bedingt) mancher westfälische Bauer mit größerem Rechte dem Uradel angehört, als mancher 
Edelmann, der dies für sich in Anspruch nimmt. Jedenfalls aber muß die Geschichte mit dem 
Adel rechnen und ihn anerkennen als einen wichtigen Faktor auf dem Wege der Entwickelung, 
der vieles Große und Edle vollbracht hat, dessen Führerschaft der Volksgemeinde zumeist 
zur Wohlfahrt gedient hat, wenn er seines hohen Berufes der Vorbildlichkeit gewaltet. Ja, 
die Existenzberechtigung des Adels kann nicht geleugnet werden, so lange derselbe seine 
Pflichten als seine Rechte ansieht, so lange sozialaristokratisches Denken und Fühlen in wirk- 
samer Weise von ihm ausströmt und er vorbildlich zu wirken beflissen ist, in Ausführung 
des Wortes „Adel verpflichtet". 
Die Geschichte, und Forscher wie Betrachter der Geschichte, müssen ferner damit rechnen, 
daß in den früheren Zeiten zumeist Nachrichten adeliger Geschlechter in den Chroniken Auf- 
nahme gefunden haben. Hierbei möge noch die Bemerkung eingeflochten werden, daß vom 
Standpunkte der Ethik aus ein nicht edel denkender Adel kein Adel ist und wenn ihn der 
Fürstenmantel ziere. Im übrigen haben adelige wie nicht adelige Familien ihre Geschichte. 
Und die Bestrebungen des neuerdings von dem Professor Dr. Unbescheid ins Leben ge- 
rufenen Vereins für Stammeskunde verdienen volle Anerkennung. Nicht nur auf Burgen 
und Schlössern (sofern dieselben und ihre Archive Plünderungen und Zerstörungen über- 
dauert haben), sondern auch in manchem Schreine und in manchen Folianten manchen 
Bürgerhauses sind ethische Schätze enthalten, die noch des Hebens harren. Jede Familien- 
geschichte stellt in ihrer selbstverständlichen Tendenz der Anregung zum Guten einen wert- 
vollen Schatz dar, durchweht vom anspornenden Geiste der Ahnen, wertvoller als Schätze, 
die von Motten und Rost gefressen werden. Solchen Schatzes sich für seine Person und 
seine Familie erfreuen zu können, ihn aus dem Wust von Pergamenten und Papieren ans 
Tageslicht sowie zur Nachachtung zu fördern, muß sich ein jeder angelegen sein lassen, der 
über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft seiner selbst wie seines Geschlechtes und der 
Seinigen überhaupt nachdenkt.
        <pb n="258" />
        — 240 — 
Schillers und dem Verehrer Goethes, den wir nach mehr als einer Rich— 
tung hin mit Stolz zu den Unseren zählen dürfen, in Dresden ein be— 
sonders pietätvolles Gedenken bewahrt wird, ist außer dem undefinierbaren 
instinktiven Volksempfinden, welches Körners Gefühle als die seinigen 
anerkennt, aus des Volkes wie aus des Dichters Seele gleichermaßen 
hervorgegangen, dem rastlosen Eifer des Hofrat Peschel zu danken, der 
aus eigenen Mitteln den Grundstock zum Körnermuseum gelegt hat. 165) 
Es folgen nun im Zuge auf dem Sgraffitofries der Architekt Nikolai 
sowie die Maler Peschel und Hübner. Letztere zwei sind in Betrachtung 
der von ihnen ausgedachten Entwürfe zum Wandgemälde des „Fürsten- 
zuges“ vertieft. Wie Eingang dieser gegenwärtigen Arbeit berichtet ist, 
hat die von des Königs Johann Majestät zur Prüfung der vorgelegten 
Skizzen und Entwürfe eingesetzte Kommission von Künstlern, Gelehrten 
und Kunstfreunden nach eingehender Beratung denjenigen des Historien- 
malers (setzigen Professors) Walther den Vorzug gegeben. Die Peschel- 
165) Das einst Körners Eltern gehörig gewesene Haus in Loschwitz, in welchem Schiller 
sowohl wie der junge Körner gelebt und gedichtet haben, befindet sich jetzt im Besitze der 
Gutschmidschen Erben (Familien von Göphardt und von Koppenfels). Im Weinbergsgarten 
dieses Grundstücks spenden noch heute die „große Kastanie“ und der „alte Nußbaum“ 
Schatten, unter deren Blätterdache so manches herrliche Gedicht jener gottbegnadeten Sänger 
seine Entstehung gefunden hat. Ein besonderes Empfinden pietätvoller Wehmut aber er- 
wecken die beiden schlanken Kiefern, welche je am Tage der Geburt des Sohnes Karl 
Theodor, den 23. September 1791, wie vorher an dem der Tochter Emma, den 19 April 
1788 von deren Vater eingepflanzt worden sind. Schon kurze 22 Jahre nach dem Ein- 
pflanzen des Kiefernbäumchens — zu welcher Größe hätte sich der ausgezeichnete Dichter 
noch weiter entwickeln können — ward die irdische Hülle des entseelten Helden (am 
26. August 1813) auf Feldmark des Dorfes Wöbbelin unter einer knorrigen Eiche gebettet 
und dessen Schwester Emma einige Jahre darauf. Wie jene „Lebensbäume“ auf Körner- 
schem Grund und Boden weiter wuchsen, so sollte das auch die Totenwacht haltende Eiche 
tun können. In hochherziger Gesinnung nämlich machte der Großherzog von Mecklenburg- 
Schwerin die seitdem mit „Leier und Schwert“ verzierte und mit einer Mauer umfriedigte 
geweihte Stätte dem Vater Theodors zum Geschenke. Im „Zriny“, dem deutschen Gefolgs- 
mann und ungarischen Leonidas, hat Körner mit Lapidarschrift die Hoheit der Begriffe 
Ehre und Vaterland festgehalten. Im „Gebet vor der Schlacht“ ist es kindliche Frömmig- 
keit und männliche Tapferkeit, die uns das Herz noch jetzt höher schlagen lassen, ebenso wie 
seinen Waffengefährten vor beinahe hundert Jahren. In seinem Tode, den er so fand, 
wie er ihn so oft in seinen Liedern begeistert gepriesen hatte, gibt er uns eine neue Probe 
des Ausspruches von Horaz: Dulce et decorum est pro patria mori. Körners be- 
kannte Lützow-Strophe „Was glänzt dort im Walde im Sonnenschein“, vom Tonkünstler 
Karl Maria von Weber im Musik gesetzt, ist, zur freudigen Genugtuung historischen Sinnes, 
zum Regimentssignal des preußischen Ulanenregiments Nr. 6 geworden, welches aus dem 
Lützowschen Freikorps entstanden ist. Bei dieser Gelegenheit sei darauf hingewiesen, daß 
von jenem in Pillnitz heimisch gewesenen Komponisten die Signale stammten, welche die 
sächsische Armee bis zu ihrer Organisation nach preußischem Muster geführt hat — wie 
auch auf die nicht allen bekannte Tatsache, daß Weber den Klang, den Tonfall und die 
Melodie dieser, durch Horn und Trompete geblasenen Kommandos den Stimmen der 
Waldvögel unserer Heimat entnommen hat. Der Wohlklang derselben war denn auch ein 
allgemein anerkannter.
        <pb n="259" />
        — 241 — 
Hübnerschen Pläne sind nicht zur Ausführung gelangt. Demjenigen 
Künstler, dessen Projekt endgültig angenommen und ausgeführt worden ist, 
gereicht es daher entschieden zur Ehre, seinen geistigen Konkurrenten — 
sine ira et studio — einen Platz gegeben und deren Andenken an dieser 
Stelle gesichert zu haben. “ 
Als weitere Vertreter des huldigenden Volkes, welches in einer Gruppe 
zusammengefaßt, voll anhänglicher Treue und Verehrung freudig dem Zuge 
der Fürsten sich anschließt, gelangen nunmehr drei Persönlichkeiten zur 
Darstellung, deren Gesichtszüge allen Dresdnern als diejenigen liebenswerter 
und berühmter Mitbürger, allen Sachsen als diejenigen hervorragender 
Landsleute, allen Deutschen aber als solche großer Söhne ihres Volkes 
bekannt sind: Schilling, Hähnel und Ludwig Richter. 16) 
Johannes Schilling, 1828 zu Mittweida geboren, Hofrat und Professor, 
Schüler Rietschels und Hähnels, hat seit 1857 sein ständiges Domizil in 
Sachsens Hauptstadt. Diese verdankt ihm einige hervorragende Meister- 
werke, wie z. B. die Gruppen der Tageszeiten an der großen Freitreppe 
der Brühlschen Terrasse, das Panthergespann mit Bacchus und Ariadne am 
Hoftheater, das Reiterdenkmal König Johanns und andere mehr. Von 
allen Werken des Meisters das bedeutendste aber ist das herrliche National- 
denkmal auf dem Niederwald. 
166) Hier möchte auch der beiden Söhne des Lehrers Schmidt gedacht werden, welche 
mit Eifer bei den Vorarbeiten zur Reproduktion der Bilder des Fürstenzuges behülflich ge- 
wesen sind. Die Genehmigung zur Reproduktion hat die Hof-Kunsthandlung Ernst Arnold 
(Inhaber A. Gutbier) in dankenswerter Weise erteilt. Bei dieser Kunsthandlung (Dresden, 
Schloßstraße) sind noch jetzt Exemplare der von derselben vor einigen Jahren heraus- 
gegebenen, von A. Stern mit Notizen versehenen Abbildungen zu haben. Das stimmungs- 
volle Bild des Innenhofes ist von der Kunsthandlung Köhler, Große Meißnergasse. 
107) Wenn auch nicht alle schönen Künste durch Repräsentanten hier vertreten sind 
und die Jünger der Musen nicht eine besondere Abordnung bilden, so berührt es doch sehr 
angenehm, unter den schaffenden Künstlern so hervorragende hier anzutreffen, deren schöne 
Seelen schön empfunden haben und deren Werke — von ihrer meisterhaften Technik aus 
den Gedanken in die Tat umgesetzt — so „trefflich und vollkommen“ sind. Sie haben hohes 
erreicht, sind aber auch stets des Dichterwortes und der hehren Mahnung eingedenk geblieben: 
« „Der Menschheit Würde ist in Eure Hand gegeben. 
Bewahret sie! 
Sie sinkt mit Euch. Mit Euch wird sie sich heben.“ 
Und hieran — jene drei Männer als Vorbilder zur Besserung aufstellend — möchte ganz 
bescheidentlich die Hoffnung angeknüpft werden, daß da, wo nicht nur das Leben, sondern 
auch die Kunst — voll starrer Ableugnung ihres himmlischen Entstehens — in den er- 
stickenden Banden des öden Naturalismus und der Leugnung Gottes wie alles Edlen be- 
fangen ist, eine baldige Umkehr zum Besseren eintreten möge. Wie Gewitterschwüle lasten 
Sittenlosigkeit und Verrohung auf dem Menschengeschlecht. Moderne Künstler helfen 
vielfach in unbegreiflicher Verblendung dazu, das Modern allgemein zu machen, anstatt 
ihren hohen Beruf zu erkennen und als solchen aufzufassen, durch welchen Gottesfunken in 
die Welt entsendet und der Menschheit geboten werden sollen. Möchte doch die Kunst, 
gerade weil sie frei und göttlich ist, sich selbst und dem gesunden Sinne der noch nicht 
entmenschten Menschheit zum Aufschwingen in reinere Luft verhelfen, ehe ein verderben- 
drohendes Gewitter die Welt von den Miasmen der Gottentfremdung reinigen muß.
        <pb n="260" />
        — 242 — 
Ernst Hähnel, geboren 1811 zu Dresden, gestorben daselbst im 
80. Lebensjahre, ist im In- und Ausland als der Schöpfer hervorragend 
künstlerischer Bildhauerwerke bekannt, unter denen wiederum die Standbilder 
historischer Personen die bedeutendsten sind. In seiner Vaterstadt sind 
Zeugen dessen die Statue Friedrich Augusts II. auf dem Neumarkt und 
diejenige Theodor Körners vor der Kreuzschule. Auch rührt der heilige 
Georg auf dem Brunnen neben der Sophienkirche von ihm her, der in 
seiner Schönheit und Bedeutsamkeit viel zu wenig gewürdigt wird. Die 
berühmten Skulpturen am alten, leider durch Feuersbrunst vernichteten 
Hoftheater waren ebenfalls Meisterwerke von Hähnels Hand. 
Ludwig Richter, am 28. September 1803 zu Dresden geboren — von 
den Kindern, die seine liebenswürdige Greisengestalt fröhlich umhüpften, 
wenn er in seinem Lieblingsaufenthaltsorte Loschwitz weilte, nur immer 
schlechthin „der gute Mann" genannt —, ist bekanntlich der Schöpfer jener 
gemütvollen Radierungen, in denen Poesie und Idylle mit der technischen 
Meisterschaft des Malers und Stechers verbunden sind. Außerdem atmen 
sie sämtlich den Hauch einer kindlich reinen Seele. Dieselben bergen eine 
willkommene Unterstützung der Ethik, des Idealismus und der Gemütstiefe 
in ihren künstlerisch geführten Strichen. Vom technischen Standpunkte aus 
brachten sie Richter den Ruhm, den Holzschnitt nach dem Vorbilde Dürers 
auf seine ursprüngliche Einfachheit zurückgeführt zu haben. Seine Bilder, 
in denen er (als einer der Ersten) Landschaft mit Genre innigst verbindet, 
stellen mit Vorliebe das deutsche Volk in dessen häuslichen Beschäftigungen 
dar, wobei Kinder und Haustiere fast niemals fehlen. Sie zeugen von 
einer wahren, heiter-religiösen Innigkeit des Gemütes und jedes einzelne 
von ihnen mutet an wie ein Gebet. Man hat vielfach gefabelt von 
„Rembrandt als Erzieher“ (welches Buch in 45 Auflagen erschienen sein 
soll). Ohne die vortrefflichen künstlerischen Eigenschaften und guten Ab- 
sichten jenes berühmten Holländers leugnen zu wollen, muß doch festgestellt 
werden, daß Ludwig Richter nicht nur als Maler, sondern auch als Mensch 
vorbildlich gewesen ist. Er kann in der Tat als Erzieher gelten. Seine 
„Lebenserinnerungen“ bilden einen kostbaren Schatz für jedes Haus. Wollte 
Gott, daß alle Deutschen, ja alle Menschen sich an Ludwig Richters echt 
christlicher Frömmigkeit, seinem natürlichen Frohsinn, seiner kindlichen Be- 
scheidenheit und Mildtätigkeit, an dessen positivem Können und Wissen, 
sowie an seiner rastlosen Schaffensfreudigkeit, mit ernster Uberlegung Vor- 
bild und Beispiel nähmen. Am Morgen seines Todestages, des 19. Juni 
1884, mit dessen untergehender Sonne des Altmeisters Seele Abschied nahm 
von der Erde, um zum ewigen Leben einzugehen droben beim Vater, hat 
der stets von unsichtbaren Ranken zarter Poesie umwoben gewesene deutsche 
Mann nachstehende Worte in sein Tagebuch geschrieben — dasselbe schließend: 
„Groß denken, im Herzen rein, 
Halte dich gering und klein. 
Freue dich in Gott allein."
        <pb n="261" />
        — 243 — 
Hofkaplan Klein hielt dem teuren Entschlafenen eine tief empfundene 
Leichenrede. 105) 
Die drei blumengeschmückten Kinder, die ihm auf dem Sgraffitofriese 
folgen, sind Richtersche Gestalten, von Walther pietät= und verständnisvoll 
hierher gesetzt. Denn gleichwie dieselben den „guten Mann“ umdrängen, 
dessen Herzensgüte aus seinen milden Augen leuchtet, so gibt die Anwesen- 
heit von Kindern im Gefolge der Fürsten die Anhänglichkeit auch dieser 
Kleinsten und Jüngsten des Volkes für das angestammte Herrscherhaus zu 
erkennen. Und — wer die Jugend hat, der hat die Zukunft. 
Als erster auf der rechten Seite der jetzt kommenden Reihe schreitet 
der gelehrte Germanist Geheimer Hofrat Dr. Förstemann, ein echter Mann 
der Wissenschaft. Sein beinahe 25 jähriges Wirken als Königlicher Ober- 
bibliothekar ist nach allen Richtungen hin ein segensreiches gewesen und 
sein Name hat in der Gelehrtenwelt besonders durch seine von tiefer Wissen- 
schaftlichkeit zeugende Erläuterung zu der berühmten Dresdner „Maya- 
Handschrift", dem ehrwürdigen altmexikanischen Hieroglyphen-Kodex, einen 
Klang von Bedeutung errungen. Er sowohl wie sein Nachfolger in der 
Vorstandschaft der königlichen öffentlichen Bibliothek, Dr. Schnorr von 
Carolsfeld, haben keine Mühe gescheut, durch Katalogisieren der großartigen 
Bücherschätze derselben die Benutzung dieser Fundgrube im Bereich der 
Wissenschaften zu erleichtern, welche ihr Entstehen den sächsischen Fürsten 
verdankt. Die goldenen Worte „Usui publico patens“ am Hauptgiebel 
des Japanischen Palais, in dessen schönen Räumen außer der großartigen 
Bibliothek der Wettiner früher auch die ebenso weltberühmte Porzellan- 
sammlung untergebracht war, geben Kunde von fürstlicher Fürsorge und 
königlichen Gedanken. Sie laden zum Besuche einer Stätte ein, an welcher 
wissenschaftliche Weiterbildung als eine edle Erholung betrieben werden 
kann, wo ernste Studien auf tausenden von Regalen, in Manuskripten wie 
in Drucken ihren Mentor finden. 16) 
Als Mittelgestalt der Herrengruppe ist diejenige des sprachengewandten 
Geheimrates Wiesner aufgefaßt (gestorben 1898, 67 Jahre alt), Abteilungs- 
kommissar und Dezernent für die schönen Künste im Ministerium; während 
  
168) In einer liebevoll geschriebenen Biographie im Sächsischen Volkskalender von 1903 
setzt Geheimer Rat Roscher der Persönlichkeit Ludwig Richters ein verdientes literarisches 
Ehrendenkmal, während ihm ein solches aus Erz von seinen Verehrern und Mitbürgern 
bereits vor einigen Jahren auf der Brühlschen Terrasse errichtet worden ist. Die Bewohner- 
schaft von Loschwitz, einschließlich der dort lebenden zahlreichen Künstler, beging den hundertsten 
Geburtstag des Altmeisters, der so gern in dem idyllischen Orte sich aufgehalten hat, unter 
Beteiligung weiter Kreise, in sinnig feierlicher Weise. 
169) Wie im schattigen Walde unter moosigem Steine die Quellen des mastentragenden 
Stromes entspringen, so ist hier — kann hier wenigstens sein — der aus Quellen 
schöpfende Ausgangspunkt von Forschungen und Arbeiten, deren Wert und Einfluß viel 
weiter zu gehen im stande sind, als Schiffahrt und Weltverkehr es je vermögen. Denn der 
Geist beherrscht die Materie.
        <pb n="262" />
        — 244 — 
links neben demselben der Kunsthistoriker und Archäolog Professor Freiherr 
von Weißenbach schreitet, der immer so tapfer und begeistert für die ethische 
Bedeutung der Gotik wie deren majestätische Formenentfaltung eingetreten 
ist. Und er hat Recht! Kann es doch kaum etwas Erhabeneres geben als 
einen gotischen Dom mit seiner himmelanstrebenden Spitzbogengliederung, 
in welcher jeder einzelne Teil voll gleicher Harmonie eine Summe von 
Schönheit in sich birgt. Diese Schönheit aber ist um so wirkungsvoller, 
weil sie im Grunde genommen einer edlen Einfachheit entspringt. Engel, 
Heilige und Tiere, Laubwerk und allerhand Symbole beleben die schlanken 
Fialen, Rosetten schmiegen sich schmeichelnd in die Reihen des Dreipaß, 
und der künstlerische Eindruck des gefälligen Maßwerkes wird noch erhöht 
durch die glühenden Farben der Glasmalerei, mit welcher die Fenster ge- 
schmückt sind. Freiherr von Weißenbach, 1847 geboren, ist einer von den- 
jenigen Kunstverständigen, die durch ihren Einfluß zur Hebung des Kunst- 
gewerbes wesentlich beigetragen haben. Er lebt jetzt vorzugsweise auf seinen 
Gütern in Ungarn. Von dem kunstsinnigen Herzog von Altenburg zum 
Professor erhoben, ist derselbe unablässig bemüht gewesen, den Kunsthand- 
werkern die Notwendigkeit des Studiums der Stilgesetze früherer Kultur- 
perioden ans Herz zu legen in der sehr richtigen Erkenntnis, daß nur 
durch eine solche aus pietätvollem Verständnis für das Schöne des Alten 
hervorgehende Kenntnis und deren richtiger Verbindung mit den Errungen- 
schaften wie den technischen Vorteilen der Neuzeit ein Emporheben sämt- 
licher Zweige des Kunstgewerbes auf die Höhe der Vollendung möglich ist. 
Das Wappenbild seiner Familie — der Ochsenkopf — ist (gleichzeitig eine 
Moderichtung andeutend) auf Herrn von Weißenbachs Hemdkragen angebracht. 
(Heinrich von Wizinbach lebte 1217, Conradus de Wizzenbach 1270. Der- 
selbe wird als Ritter des deutschen Ordens Wisbach geschrieben. 10) 
Bergmann und Bauer sind ebenfalls zur Stelle. Das ist Recht. Sie 
versinnbildlichen die ehrliche Arbeit auf der Erde und unter der Erde; 
sie verdienen Ehrung und höchste Anerkennung. Wie in der dunklen Tiefe 
des Schachtes bei unsicherem Grubenlichte der Bergmann die metallenen 
Schätze hebt — die bei guter Benutzung so reichen Segen, bei schlechter 
und unrechter Benutzung so entsetzlichen Unsegen über das Menschengeschlecht 
zu bringen vermögen — so arbeitet der Landmann vom frühesten Hahnen- 
120) Als Kuriosum möge die Notiz hier Platz finden, daß Christine von Weißenbach 
die Stamm-Mutter des jetzigen russischen Kaiserhauses geworden ist. Verheiratet mit Georg 
von Zeutsch, Burggrafen und Hofmarschall der Grafen von Mansfeld, hatte jene Christine 
eine Tochter Christine Eleonore, welche sich 1687 mit dem Fürsten Johann Ludwig von 
Anhalt vermählte. Der Sohn dieses fürstlichen Paares, Friedrich August von Anhalt-Zerbst, 
hatte die Prinzessin Johanna Elisabeth von Holstein-Gottorp zur Ehe, und aus dieser ent- 
sprang Prinzessin Sophie Auguste, die unter dem Namen Katharina 1745 sich mit Groß- 
fürst Peter, dem nachmaligen Kaiser Peter III. von Rußland, vermählte. Nach dem Ab- 
leben dieses ihres kaiserlichen Gemahls hatte sie den russischen Kaiserthron als Katharina 
die Große bis zu ihrem Tode 1796 inne.
        <pb n="263" />
        — 245 — 
schrei an unter den glühenden Strahlen sengender blendender Mittagssonne, 
bis fahle Dämmerung sich über Wald und Flur ausbreitet, bis die kühlende 
Nacht Weiler und Dörfer, Scheunen und Ställe, Mensch und Tier unter 
ihre schützenden Fittiche nimmt. Beide arbeiten, und Arbeit adelt das 
Menschengeschlecht. Ob mit Arm oder Kopf — gleichviel, es arbeitet jeder, 
der Nützliches schafft. Daher gelten auch für jede Arbeit Schillers Worte:17) 
„Arbeit ist des Bürgers Zierde, 
Segen ist der Mühe Preis. 
Ehrt den König seine Würde, 
Ehret uns der Hände Fleiß." 
Ob auf, ob unter der Erde arbeiten, gleichviel. Weder Schwerter 
noch Helme, weder Federn noch Schienen lassen sich schmieden, weder Zirkel 
noch Kompaß sich herstellen, wenn nicht des Bergmanns rastlose Tätigkeit 
das Erz dazu fördert. Die Pflugschar könnte nicht die Scholle ritzen, 
und fleißige Hände könnten keine Nadel führen, wenn jene Braven unter 
der Erde müßig wären. Hochöfen und Eisenhämmer müßten still stehen, 
die Industrie, die einen so großen Ehrenplatz im Vaterlande einnimmt und 
so großen Segen von sich ausgehen läßt, wäre vernichtet, wenn die Kohlen 
ausblieben und all das Material fehlen würde, welches zur Erzeugung 
der Maschinen erforderlich ist. Eisenbahn und Schiffahrt müßten den 
Verkehr einstellen; dem Handel, der so reichen Nutzen sich selbst und manchem 
anderen bringt, wäre der Lebensnerv unterbunden. Und die menschliche 
Gesellschaft fiele tausende von Jahren in der Kultur zurück, wenn wieder 
Vieh und Rohprodukte die Stelle des Wertmessers annehmen müßten, den 
jetzt mit Gold, Silber und Kupfer (und freilich auch Papier von Lumpen) 
das Münzwesen bildet. 
Weit trauriger und viel folgenschwerer noch, von unabsehbaren Konse- 
quenzen namenlosen Elendes begleitet, würde die Arbeitseinstellung des 
Landmannes sein. „Denn wäre nicht der Bauer, so hätten wir kein 
Brot!“ Da ist es von nicht hoch und dankbar genug anzuschlagender 
Bedeutung, daß gerade in Sachsen, diesem blühenden Lande höchstentwickelter 
Industrie, diesem besonders wohl geordneten Staatswesen, dessen Leitung 
von der Wichtigkeit und Bedeutung eben dieser Industrie, wie nicht minder 
  
171) Wie das „Dienen“ so ehrt auch das „Arbeiten“. Ja, beides ist im Grunde das- 
selbe. Das stolz-demütige Wort des blinden Böhmenkönigs und seines überwinders bei 
Crecy, des „Schwarzen Prinzen“ — Ich dien! — würde keinen Sinn haben, wenn es 
nicht gleichzeitig bedeuten sollte: ich arbeite. Mit dem rechten Arbeiten aber ist das 
rechte Beten verbunden. Ora et labora ist eine alte Mahnung. Dienen und arbeiten 
geschieht in letzter Instanz immer zur Ehre Gottes und in Befolgung seiner Gebote. Für 
alle ehrlichen Gewerbe steigen allsonntäglich die Gebete der Christenheit aus den Kirchen 
empor, ebenso wie es erhebend und schön ist, daß an derselben heiligen Stelle Gott gebeten 
wird, dem Könige königliche Gedanken zu verleihen. Wie viel, wie unendlich viel liegt in 
dieser kurzen Fürbitte.
        <pb n="264" />
        — 246 — 
auch des Handels aufs vollständigste durchdrungen ist, der vitalen Be— 
deutung der Landwirtschaft derjenige Wert beigelegt wird, den sie verdient. 
Es berührt auf das wohltuendste sympathisch und gereicht allen Vater— 
landsfreunden und einsichtigen Sozialpolitikern zur Genugtuung, daß (bei 
Gelegenheit der im Sommer 1898 zu Dresden abgehaltenen Ackerbau— 
Ausstellung) der Vertreter der Regierung, Minister von Metzsch, voll staats- 
männischer Objektivität vor aller Offentlichkeit die Landwirtschaft, den 
Bauernstand als denjenigen Stand bezeichnet hat, der „Lunleugbar die 
Grundveste unseres Volkes und der Urgquell aller seiner wirtschaftlichen 
Wohlfahrt ist". Mit ebensolchem großen Rechte bezeichnete bei derselben 
Gelegenheit Graf Könneritz, Präsident der Ersten Kammer und Vorsitzender 
des Landeskulturrates, die Landwirtschaft als „das älteste Gewerbe“, welchem 
Achtung und Schutz in hohem Maße gewährt werden muß. „An alter 
Sitte hängt der Landmann mit alter Treue", fuhr unter donnerndem Beifall 
der Herr Vorsitzende fort, „das hindert ihn aber nicht, zu erkennen, daß 
nur die Verbindung der körperlichen Tüchtigteit mit geistiger Bildung ihn 
glücklich vorwärts bringen kann“. Das alles sind goldene Worte, die der 
große wie der kleine Bauer, der Landwirt aller Lagen mit Stolz und 
Genugtuung nicht nur hören allein, sondern vor allem auch beherzigen 
muß. Das sind aber auch ebenso Wegweiser für den Entwickelungsgang 
und Winke für die Denkungsart der Welt außerhalb der Landwirtschaft. 
Niemals darf dieselbe den hohen ethischen wie den enormen praktischen 
Wert dieser letzteren unterschätzen. 
Aus dem subtilsten mechanischen Kunstwerke, aus Warenballen und 
Stoffproben, aus Maschinenteilen wie allen möglichen Patenteinrichtungen 
läßt sich, selbst in der vollendetsten Retorte, weder Mehl noch Brot her- 
stellen.1)F Schon dem Riesenfräulein Chamissos auf Burg Niedeck ist klar 
gemacht worden, daß der Bauer und sein Pflug kein Spielzeug sei. Und 
deshalb singt auch Edmund Stubenrauch, indem er von des Landmanns 
ehrenvollstem Attribut, dem Pfluge spricht, mit Recht: 
„Erhabner Pflug, des Sängers Lied dir lohne. — 
Wie du ist edler, heil'ger kein Gerät. 
Im Range stehst du nach des Kaisers Krone; 
Du nährst den Bettler, wie die Majestät! 
1:2) Gewiß ist Handel und Spekulation gewinnbringend und die Industrie segensreich; 
und der Weltverkehr muß hohe Achtung abnötigen. Aber die Wichtigkeit der Landwirtschaft 
dürfte doch allen ihren übermütigen Feinden und allen denen zum Trotz, die sie der Schutz- 
losigkeit preisgeben wollen, die größeste sein. Derartig „absolut unter allen Umständen“ 
und „für ewige Zeiten“ ausgeschlossen, wie die Verächter von „Ar und Halm“ meinen, ist 
es immerhin nicht, daß die Welt einmal wieder das traurige Schauspiel einer Hungersnot 
erleben könne, deren Wellen bis an ihre eigenen Magen schlagen könnten, und daß selbst 
für teure Wertobjekte das nicht in genügendem Maße erlangt werden könnte, was zur 
Nahrung dient. Wenn auch nicht wahrscheinlich, ja im hohen Grade unwahrscheinlich, ist 
eine solche Eventualität doch andererseits nicht unmöglich.
        <pb n="265" />
        — 247 — 
Heiliger Pflug, den uns der Herr gegeben, 
Das Brot uns zu erkämpfen, in die Hand, 
Was wäre ohne dich des Menschen Leben, 
Was ohne dich das teure Vaterland? — 
O, Heil dem Volk, das klug und fromm genug, 
Als höchstes Gut zu schätzen seinen Pflug.“ 
Die erste derjenigen Bitten des Vaterunsers, die auf irdische Dinge 
gerichtet sind, betrifft das „tägliche Brot“. 
Wenn aber irgendwo und irgendwie über den größeren oder geringeren 
Wert der einzelnen Berufsarten und Stände gestritten werden sollte, so 
würde diese müßige Frage in der lehrreichen Fabel von der Rebellion der 
einzelnen Glieder des menschlichen Körpers die beste Antwort finden. Es 
vermag das eine nicht ohne die Hilfe des anderen zu existieren und ordnungs- 
gemäß zu funktionieren. Handel und Industrie also müssen mit der Land- 
wirtschaft Hand in Hand gehen, soll anders nicht Volk und Staat in rück- 
läufige Bewegung geraten. Das Dröhnen der Hammerwerke kann wohl 
den Taktschlag der Dreschflegel übertönen, aber ersticken darf es ihn 
nicht. Und die „Sirene“ der Dampfmaschinen soll den Gesang der 
Schnitterinnen nicht betäuben. Das Herumstreifen mit den Flügeln des 
Merkur aber (gleichviel ob durch Dampf oder Elektrizität getrieben) muß 
mindestens dadurch ein Gegengewicht erhalten, daß die Füße im heimischen 
Boden wurzeln, der starken Eiche gleich, dem Sinnbild germanischer Treue; 
wurzeln wie die Linde, das Symbol der deutschen Innigkeit und Gemütstiefe. 
Geschmückt mit einem Blumensträußchen an der Brust, das (als Zeichen 
des Berufes geltende) Winkelmaß mit bunten flatternden Bändern um- 
wunden, wie sich's für „hohe Zeit“, das heißt „Festzeit“ geziemt, so schreitet 
auf dem Wandgemälde nunmehr der brave Maurergeselle Kern daher. 
Trotz des Schurzfelles — Rüststück und Ehrenattribut der Maurer, wie 
es der Küraß den Kürassieren ist — hat er ein „hochzeitlich" Kleid an. 1) 
Wie der erste Maurer das Winkelmaß, so trägt der zweite, Pietzsch mit 
Namen, das andere Abzeichen des Standes — die Kelle. Diese beiden 
Männer sind beim Putzen und bei der Grundierung der Mauerfläche, 
welche zur Aufnahme des Sgraffitogemäldes vorbereitet werden mußte, dem 
ausführenden Künstler treulich und geschickt behilflich gewesen. Letzterer 
selbst, der Historienmaler Professor Wilhelm Walther, geboren zu 
Kämmerswalda am 18. Oktober 1826, schließt bescheidentlich den Zug der 
von ihm so lebenswahr, historisch treu und künstlerisch schön zur Dar- 
stellung gebrachten Gestalten. 
179) Freilich machen Kleider Leute; aber nur der Oberflächliche wird sich jüber den 
Wert ihrer Träger täuschen lassen. Und nun gar der Vater im Himmel — der sieht 
das Herz an. Nichtsdestoweniger ist es etwas Schönes, ja mitunter Rührendes, um 
ein einfaches, auch äußerliches Festkleid. Sträußchen und Band geben das Gepräge der 
Gala. (Fröhliche Miene und fröhliches Herz gehören freilich dazu.)
        <pb n="266" />
        — 248 — 
Gar herrlich kann das Werk den Meister loben; doch kommt der 
Segen immerdar von oben. 
Dem Erlauchten Hause Wettin aber, dessen mit Sachsenland, Sachsen— 
volk und Sachsengeschichte so eng verwachsene Vertreter auf diesem Gemälde 
erneute Verewigung gefunden haben, gelten die Worte, die als Abschluß 
der Fassade angebracht sind: 
„Du alter Stamnm, sei stets erneut 
In edler Fürstenreihe; 
Wie allezeit Dein Volk Dir weiht 
Die alte deutsche Treue.“ 
— 
——— 
Nachtragsbemerkung zu Seite 10. 
Nach erfolgter Drucklegung gegenwärtiger Schrift und unmittelbar 
vor deren Eintritt in die Offentlichkeit erfährt der Verfasser, daß die Ab- 
sicht bestehe, das Kunstwerk auf eine ganz neue, eigenartige Weise vor dem 
Untergange zu bewahren. 
Das Wandgemälde soll (nach den noch vorhandenen Originalkartons 
Professor Walthers) in gleicher Farbe und gleichem Tone auf Meißner 
Porzellanfliese übertragen werden, denen durch sogenanntes Scharffeuer- 
Verfahren eine unbegrenzte Dauer verliehen wird. 
Die Platten sollen derartig an= (beziehungsweise in-) einander gesetzt 
werden, daß eine vollständig einheitliche Wirkung erzielt wird. — Hoffentlich 
entschließt sich patriotischer Opfersinn und vaterländischer Kunstsinn für 
Bewilligung der Kosten. 
Daß die Kunstschöpfung des „Fürstenzuges“ einzig dastehe und es 
gar wohl verdiene, daß alle Hände über sie gebreitet werden, das haben 
die hervorragendsten Künstler anerkannt; einschließlich solche italienischer 
Nationalität, bei denen all sgraffito zu Hause ist.
        <pb n="267" />
        Namen der vorkommenden Personen und Familien. 
Abendroth, von, Major 
Ackermann, Oberhofprediger. 
Ahnert, Grenadier 
Alba, Herzog 
Alberti, Mediziner 
Albinus, Hofprediger 
Albinus, Schriftsteller 
Allin, Musiker 
Ammon, von, Oberhofprediger 
André, Kriegsminister. 
Arnold, Historiker 
Arnold, Hof- Kunsthandlung 
Arnshaugk, von, Elisabeth 
Artois, Graf von 
Aster, Oberst. 
Aster, Familie 
Aufseß, von, Gelehrter 
Ay, Dr., Bürgermeister 
Bähr, George, Baumeister 
Banner, General 
Barby, Graf von 
Baumann, von, Geheimer Rat. 
Baumgarten, Hauptmann 
Bayard, Ritter 
Beerwalde, von, Dietrich 
Begas, Bildhauer 
Bellegarde, Graf von 
Benedek, von, Feldzeugmeister 
Benkendorff, von, Oberstleutnant 165, 231 
Berbisdorff, von .. 
Berlepsch, Ritter von• 
Berlichingen, Ritter von 
Berling, Geschichtschreiber 
Berlitt, Professor 
Bernadotte, Marschall 147, 171, 223 
Bernhardi, Professor 
166,. 
47, 92, 
232 
179 
102 
65 
87 
136 
66 
82 
Seite 
Beust, von, Minister 133, 178 
Beutler, Dr., Oberbürgermeister 7 
Bienemann, Geschichtschreibeer 130 
Binnet, Hof-Perückenmacher 126 
Birnbaum, Oberst... 229 
Bismarck, Fürst von . . 190, 193 
Böttger, Apotheker. .. 134 
Böttiger, Geschichtschreiber 44, 5. 68 
1, 102, 133, 153 
Boxberg, von, Obett 180 
Brandenburg, Historiker 63 
Brandenstein, von, Katharinea 60 
Brandt von Lindau, Oberst. . . 111 
Broizem, d00dn 205 
Brühl, von, Famili 226 
Brühl, Graf von.. . 56, 135 
Buggenhagen, Geistliche 66 
Bünau, von, Mairor 150 
Bünau, von, Familie . .. . 94, 176 
Burdenbach, von, Feldhauptmann. . 91 
Burgsdorff, von, Geheimer Rat 142 
Burkhardt, Theologa 66 
Bussche, von dem, Oberhofjägermeister 208 
Carlowitz, von, Familli 533, 205 
Carlowitz, von, Hausmarschall 15, 208 
Carlowitz, von, Geornrg 80 
Carlowitz, von, Geheimer RKat 81 
Cayon, Historiker 10 
Cellini, Benevenuto, Ciseleur. . . 94 
Cerrini, von, General. . . I71, 221 
Cerrini, von, Oberstleutnant . . 151 
Chamisso, von, Dichter 247 
Chiaveri, Architekt... 1339 
Chimay, Fürst on 228 
Clausewitz, von, General-la 91 
Cochläus, Geistlicher 76
        <pb n="268" />
        — 250 — 
Seite 
Cosel, Gräfin vo 126 
Cranach, Lukas, Maler .77, 96 
Craushaar, von, Generalmaiioen 182 
Crell, Kanzler 841, 99 
Czartoryski, Fürst odvo 145 
Dante, Alighieri. . .. . . . 45 
Darus, Graf von, Intendant 152 
Daun, Graf von, Feldmarschall 138, 165 
Diepenbroik, von, Kardinalfürstbischof 101 
Dinglinger, Ciseleur ... 94 
DonadrmProfesjor...... 6 
Donin, Grafen von.. . . . 50 
Drechsler, Feldwebe. 1383 
Druckschuh, Bürger. 51 
Dunger, Hofbaumeister 75 
Dürer, AlbrEct 8 
Durant, von, Abgeordneter 83 
Eck, Dr., Theolooa 116 
Edzard, Graf. .... . 171746 
Egger, Accisrat 109 
Egidy, von, Major. . 148 
Ehrenstein, von, Kreishauptmann. . 208 
Ehrenthal, von, Direktor. . . . 94 
Einsiedel, von, Familie. . . . . 52 
Einsiedel, von, Minister 152 
Eisenberg, von, Kunigunde . 44 
Eisenbergk, Pfarrer P706 
Elterlein, von, Barbara 96 
Emser, Hofprediger .76 
Engel, von, General.. . . . . 187 
Engel, von, Oberst. .. . . . 233 
Erbstein, Dr., Geheimer Rat . 94 
Erdmannsdorff, von, Student 238 
Erdmannsdorff, von, Familie 238 
Ermisch, Dr., Geheimer Archivrat. 2 
Eschenbach, von, Wolfren 27 
Fabrice, Graf von, Kriegsminister 181 
Fabrice, von, Oberst 190 
Falke, Kulturhistoriker 91, 163 
Feilitzsch, von, Familie . 232 
Fiedler, Dr., Leibarzztt 199 
Finck, von, General 138 
Flade, Pfarrer 154 
Flemming, von, Generalfeldmarschall 100, 120 
Fontenay, von 228 
Forell, von, General, Schweizerkapitän 142 
Vorker -Schubauer, Dr., Kreishaupt- 
mann 208 
Förstemann, Dr., Geheimer Rat . 243 
Freytag, Ernst, Schriftstller 181 
Freytag, Gustav, Schriftsteller 48, 62 
Friderici, von, Oberst . 173 
Friesen, von, Rittmeister . 180 
Friesen, vonÖ 190, 202 
Fröhlich, Hofbaumeister 75 
Frundsberg, von, Feldoberst 90 
Fugger, Graf von.. 993 
Funk, von, Generall 151 
Funke, Major 190 
Gablenz, von, Familie. . . 52 
Gablenz, von, Oberst 232 
Gallas, Graf, Feldherr 104 
Gärtner, Dr., Instruktor 140 
Geisler, Bauer 144 
Gellert, Dichter . 237 
Gersdorff, von, Familie 56, 122, 205 
Gersdorff, von, General 148 
Gersdorff, von, Major 219 
Gerstenberg, von, Korporal 222 
Glafey, Geschichtschreiber . 46 
Gleichen, von, Familie 56, 71 
Globig, von, Famillie. 1061 
Globig, von, Gesandter 153 
Gneisenau, von . 225 
Göphardt, von, Familie 240 
Göphardt, von, Oberst 148 
Göphardt, von, Oberleutnant 180 
Goethe, Wolfgang 27 
Goltz, von der, Generalfeldmarschal 110 
Götz, von, Premierleulnnt. 183 
Götzinger, Pastor . 176 
Gowisch, von der, Bergvogt. . . 22 
Grebner, Paul . . ..127 
Gretschel, Historiker . 99 130, 145 
Groitzsch, von, Wipre1cht 15 
Gröner, Botaniker 96 
Grothus, von, Schriftsteller 101 
Grumbach, Ritter von, Wilhelm 97 
Grünenwald, von, Hauptmann. 173 
Gundermann, Geistlicher. . . 99 
Gurlitt, Geheimer Hofrat . . .. 7 
Gutbier, Hofkunsthändler 10, 241 
Gutschmid, von, Minister 143 
Gutschmid, von, General. ... 
Gutschmid,von,Familie....40,75 
Haake,Paul........127 
Hähnel, Bildhauer .... 
Hake,von,Generalleutnant....173 
Hake, von, Oberst
        <pb n="269" />
        — 251 — 
Seite 
Halm, Sekondeleulnnt 1383 
Hammerschmidt, Organift 107 
Hammerstein, von, Premierleutnant 233 
Hänel, Bergzimmerlig 1396 
Harras, von, german 60 
Hassel, Dr., Geheimer RKRat 104, 208 
Haugk, von, Hofmarschall 208 
Haugk, von, Oberstallmeister 208 
Hausen, von, Familie. . . 93, 205 
Hausen, von, Kriegsminister 207 
Hausen, von, Obert. 1080, 234 
Hausen, von, Mairor 148 
Hausmann, Maler 10 
Heinicke, Architktktt. 195 
Heinnecke, von, Geheimer Rat 136 
Hering, Hauptmaon . .180 
Herwarth von Bittenfeld, General. 1590 
Hesekiel, Ludovicna.. . . .. 226 
Heßberg, von, Katharina. 60 
Hiller, von, Mair . 223 
Hoönegg, von, Oberhosprediger. . 102 
Hoenig, Militärschriftsteller 192 
Hoffmann, Gefreiter 1m 
Hoffmann, Dr., Leibarzt 199, 209 
Hohenlohe, Fürst o0vo 221 
Hohenthal, Graf von .. 57 
Höhler, Schriftsteller 101 
Holk, von, Generaclaa 104 
Holleben, von.. 205 
Hönisch, Korporal.. .. . . . 173 
Höpfner, von, Oberst... . . . . 221 
Hübel, Kreishauptmann. . . 195 
Hübner, Maler.. . . .. 241 
Hund, von, Burchard. . . . 65 
Jähns, Schriftsteller 1464 
Jamnitzer, Goldschmi 94 
Jonas, Geistliche 66 
Kaemmel, Dr., Professor 3, 20, 63, 
, 149, 174 
Kaiser, Sergent. 133 
Karpzow, Hofprediger 1113 
Karras, von . .. .... ·84 
Kauffungen, von, Kunz 61 
Kees, Oberpostmeister .. . . . . 109 
Kemmerlein, Geistlicher . . . 65 
Kern, Maurergesel. 247 
Ketteler, von, Erzbisch 208 
Keymann, Rektor .. . 107 
Kirchbach, von, Geheimer Rat .. . 207 
Kirchbach, Liteat 57 
Klajus, Gelehrter 
Klein, Hofkaplan 
Knabe, Feldwebel 
Klengel, von, General. 
Klengel, von, Oberst 
Knöffel, Baumeister 
Knothe, Professor 
Kochtizky, von, Regiment. 
Köckeritz, von, Familie 
Köhler, Familie 
Köhler, Kunsthandlung 
König, Schriftsteller 
Königsmark, Gräfin von. 
Könneritz, von, Familie 
Seite 
96 
243 
112, 229 
Könneritz, Graf von, Präsident 208, 246 
Koppenfels, von, Familie 
Körbitz, von# 
Körner, Theodor 
Kosciuszkos, Politiker 
Kracht, von, Leutnant. 
Krakau, Dr., Geheimer Rat. 
Kreuter, Schütze 
Kreuzinger, Geistlicher. 
Kröcher, von, Abgeordneter 
Krosigk, von, Familie 
Kroßner, Hofkaplan 
Kubitz, Büchsenmacher. 
Küstner, Hauptmann 
Kyaw, von, Familie 
Kyaw, von, General 
Lang, Mathäus, Kardinal 
Langenn, von, Geheimer RKat 186 
Lartique, General 
Laudon, von, General. 
Le Coque, von, General. 
Lenbach, Maler. 
Leszczynski, Graf von 
Liebknecht . 
Lilie, Alexander, General 
Lindenau, von, Minister 
Lindenau, von, Johann 
Lobdaburg, Grafen von# 
Logau, von, Dichter 
Low, von, Regiment 
Luthardt 
Luther, Martin. 
Lüttichau, von, Familie 
Lüttichau, von, Fähnrich 
Malachowski, Graf von 
Maltitz, von, Elisabeth 
180, 239 
127 
148, 222 
101 
65, 66, 77, 97 
230 
230 
145 
29
        <pb n="270" />
        Maltitz, von, Familie 
Mangoldt, von, General 
Maning, Soldat 
Marcolini, Graf von# 
Marschall-Ostheim, von 
Matielli, Bildhauer. 
Mehnert, Dr., Geheimer dosrai 
Meissonier, Maler .. . 
MelanchthonPhIltpp. 
Melbourne, Redakteur. . 
Menzel, Geheimer Kanzlist 
Metzradt, von, Familie 
Metzradt, von, Hauptmann 
Metzsch, von, Familie 
Metzsch, von, Minister 
Metzsch, von, Major 
Meyer, Oberhofprediger 
Miltitz, von, Familie 
Minckwitz, von, Familie 
Minckwitz, von, Leutnant. 
Minckwitz, von, Oberst 
Milkau, von, Familie 
Milkau, von, Oberst 
Mirus, Oberhoforediger 
Moltke, von, Generalfeldmarschall 1 . 
Montbé, von, Familie 
Montbé, von, Generalleutnant. 
Montecuccoli, Graf 
Mosen, von 
Moser, Dichter 
Mülich, Professor 
Müller, Gustav, Maler 
Müller, Otto, Maiorn 
Müller, Sächs. Annalen. 
Sünsterberg, von, Rektor 
Muskulus, Geistlicher 
Nadasdy, General. . 
Naumann,Referveleutnant. 
Naundorff,von,F-amilie. 
Nawothnig,Maler. 
Neefe, Dr., Leibarzt 
Neitschitz, von, Magdalena 
Nicolai, Architekt 
Nikolai, Pastor 
Niesenwand, von, Generalleutnant. 
Nostitz, von, Familie 
Nostitz, Graf von 
Oberbreier, Theolog 
Oebschelwitz, von, Regiment. 
201, 208 
Seite 
94 
187, 232 
183 
143 
86 
6 
221 
65, 97 
212 
137 
229 
229 
226 
207, 246 
222 
208 
56, 94 
42 
222 
110 
52 
231 
99 
184, 193 
. 205 
173 
229 
61 
235 
65 
161 
252 
Oelsnitz, von der, Friedrich 
Oertel, Leutnant 
Oertel, Historiker . 
Oppell, von, Kriegsminister 
Oppell, von, Rittmeister 
Ossa, von, Melchior 
Otto, Dr., Minister , 
Oxenstierna, Kanzler 
Pache, M. 
Palacky, Historiker 
Pape, von, Hauptmann 
Pape, von, Generalleutnant. 
Pappenheim, von, Familie 
Pappenheim, von, General. 
Patkull, von, Kriegsrat 
Peifer, Kanzler 
Peschel, Hofrat= 
Peschel, Maler 
Peter, Historiker 
Peter, Rektor 
Percer, Leibarzt. 
Pflugk, von, Familie 
Pflugk, von, Niklas 
Pfordten, von der, Minister 
Pforte, von der, Hauptmann 
Pietzsch, Maurergeselle. 
Planitz, von der, Familie 
Planitz, von der, Kriegsminister 
Planitz, von der, Präsident 
Planitz, von der, Hauptmann 
Pöllnitz, von, Familie 
Polenz, von, Regiment 
Polenz, von, Familie 
Pölitz, Geschichtschreiber 
Pollich, Dr., Rektor 
Poniatowski, Graf von 
Ponikau, von, Familie 
Pöppelmann, Baumeister. 
Poppelmann, Major 
Posern, von, Familie 
Posse, Dr., Geheimer Rat 
Prittwitz, von, General 
Promnitz, Graf von 
Rabenhorst, von, Kriegsminister 
Rabenhorst, von, Familie 
Rahns, Dr., Professor 
Ranke, von, Historiker. 
Rechten, von, Regiment 
Reibisch, von, Sebastian. 
Reiffenberg, von, Regiment. 
. 18, 
144, 
Seite 
76 
173 
13 
173 
231 
96 
207 
104 
173 
205 
101 
127 
118 229 
83
        <pb n="271" />
        — 253 — 
Seite 
Reiß, Ulan . 232 
Reitzenstein, von, Oberst. . 173 
Repnin, Fürst von .. 152 
Reuß, Graf von, Generalfeldmarschall 112 
Reynier, von, General. . . . 146, 223 
Richter, Famillie 229 
Richter, Kanonier 173 
Richter, Ludwig, Maler 241 
Richter, Profesrr 55 
Richter, Sergeant 138 
Riese, #aadm 9336 
Rietzschel, Bildhauer · 242 
Rochlitz, Gräfin von .. . . . 113 
Röder, Premierleutnant. . . . . 183 
Roscher, Geheimer Rat . . . . . 243 
Roth, Leibarzt . .. .176 
Roth von Schreckenstein, Archivrat 42, 47 
Rüger, Dr., Minister 204, 207 
Rusch, Balthasar .......80 
Sadolet,Kardinal.......73 
Scharnhorst, von, General 225 
Schenkendorff, von, Dichter 25 
Schertlin von Burdenbach, Veldoberst 91 
Schilde, Sergeant . ...183 
SchlllerFriedr1ch... ...27 
Schilling, Bildhauer, Hofrat 241 
Schimpff, von, General 190 
Schimpff, von, Kämmerer 208 
Schimpff, von, Familie 205 
Schirack, Korporal. 173 
Schirnding, von, General .. 173 
Schleinitz, von, Familie.. 18, 94, 105 
Schleinitz, von, Hans... 80 
Schlick, Major .. . .. 233 
Schlieben, von, Familie. . . . . 18 
Schlieben, von, Kreishauptmann 208 
Schlotheim, von, Oberst 193 
Schmalz, Premierleutnant 183 
Schmalz, Familie 205 
Schmettow, von, General 138 
Schmidt, Georg, Kohlenbrenner 61, 88 
Schmidt, Lehrer und Söhne 241 
Schmiedel, Dr., Kreishauptmann 208 
Schneider, Bürgermeister 51 
Schneider, apostolischer Vikar 154 
Schnorr von Carolsfeld, Oberölblio= 
thekar 
Schober, Dr., Hofrat 201 
Scholz, Malerin. 1461 
Schönberg, von, Familie.. . . 89 
Schönberg, von, Oberhofmarschall. . 99 
Seite 
Schönberg, von, Kasprr 56 
Schönberg, von, Feldmarschall. 99 
Schönberg, von, auf Rothschönberg 77 
Schönfels, von .. 61 
Schöning, von, Militärschriftsteller 138, 166 
Schöning, von, Feldmarschall 112 
Schubert, Familie 205 
Schubert, Hauptmann. 190 
Schulenburg, Graf von der 130 
Schultz, Maller 10 
Schulz, Generalleutnant . 233 
Schumann, Feldwebel. 183 
Schütz, Dr., Oberhofprediger 97 
Schwalbach, von, Oberst 106 
Schwalbe, Hans, Küchenjungge 61 
Schweinitz, von, Generalmajor. 233 
Schweinitz, von, Oberst. 182 
Schweinitz, Ritter odo 61 
Schweinitz, von, Feldoberst 105 
Scribe, Dichter . 236 
Seckendorff, von, Gechichemter. 7), 78 
Seebach, von, Bertha. .. 25 
Selmnitz, von, Familie . 138 
Selnekker, von, Oberhosprediger 99 
Selle, Dr., Leibarzt .. . . 199 
Senfft, von, Minister 149 
Senfft, von, Familie 205 
Seydewitz, von, Familie. . . 18 
Seydewitz, von, Minister 81, 101 
Seydlitz, von, Major 232 
Sichart, von, Obert. 13 
Sickingen, Ritter von.. 92 
Sieber, Oberpostmeister 109 
Sobieski, Fürst von ... 
Spalatin,Hofkaplan......66 
Stadion,von,Bischof......78 
Stahl, Politiker 101 
Staupitz, on 87 
Stein, von 149 
Steindel, von, Brigade . . 148 
Stern, Hofrat .. 10, 177 
Stichart, Pastor, delchihichieber 99, 174 
Stössel, Kirchennat . . 97 
Stromer, Leibaznt 668 
Stubenrauch, Dichter 247 
Suhm, von, Gesandter . 132 
Sunder, Luktksss 9P66 
Sybilski, Regimenet. 34331 
Syvestre, Künster 6 
Tallien, Madame 228. 
Tauscher, Oberstleutnant 180
        <pb n="272" />
        Tettenborn, von, Hauptmann 
Thielmann, von, General 
Thümmel, Unteroffizier 
Tormarssow, von, General 
Torstenson, General 
Totenwart, von, Reiteroberst 
Trautmannsdorff, von, General 
Treitzschke, von, Familie 
Treitzschke, von, Professor 
Treitzschke, von, General. 
Triller, von, Familie 
Trimberg, von, Dichter 
Trotha, von, Thilo 
Truchseß von Waldburg“. 
Tschirnhausen, Graf von 
Tschirschky, von, Familie 
Tümpling, von . 
Turenne, von, Marschall. 
Uechtritz, von, Oldwig 
Unbescheid, Dr., Professor 
Uttmann, Barbara. 
Veihel, Geheimschreiber 
Velde, van der, Professor 
Velspach, von, Ratsherr 
Vitzthum, von, Familie 
Vitzthum, von 
— 2 
149, 
174, 
205, 
Vitzthum, Graf von, Prnbeman 
Vollborn, Hauptmann 
Voltaire, Dichter 
Wach, Dr., Rector magnificus 
Wächter, Dr., Assessor 
Wackerbarth, von, Generalfeldmarschall 
Wagner und von Wagner, Familie 
Wagner, Pfarrer 
Wahl, Bischof 
Waldersee, Graf von 
Wallenstein, Feldhderr 
Seite 
148 
222 
183 
148 
104 
83 
112 
205 
101 
219 
88 
66 
71 
44, 
134 
205 
180 
110 
103 
O 
(Sl.. 
( 
4 — 
Walther, Professor 
Walther, Kreuzschüler 
Walther von der Vogelweide 
Wangenheim, Ritter von, Friedrich 
Warmuth, Dr., Oberlehrer 
Weber, von, Tonkünstler 
Weigel, Hauptmann 
Weise, Schriftsteller 
Weißenbach, von, Professor 
Seite 
8, 248 
239 
27 
47 
199 
240 
173 
. 67 
8, 241 
Weißenbach, von, Familie Christine 244 
Welck, von, Kreishauptmann 208 
Welck, von .. 74 
Weller, Oberhofprediger . 110 
Welzing, Johann 56 
Wichmann, Hauptmann 183 
Wiesner, Geheimer Rath. 244 
Winkel, von (eigentlich aus dem 
Winkel,h, Oberst 221 
Winkelmann . . 136 
Witzleben, von, Familie . 226 
Wolfram von Eschenbach 27 
Wrangel, von, Feldmarschall 39 
Wurmb, von, Generalmajor 161 
Vork, Graf von, General 149, 225 
Zahn, von, Präsident. 208 
Zastrow, von, Regiment. 222 
Zaunmacher, von, Schweizerhauptmann 161 
Zehmen, von, Familie 18, 122 
Zeibig, Jakob, Schiffer 102 
Zencker, von, Hauptmann 186 
Zeschau, von, Familie 205 
Zeschau, von, General. 152 
Zezschwitz, von, Familie 18, 205 
Zezschwitz, von, General 147, 232 
Zezschwitz, von, Flügeladjutant. 174 
Zeutsch, von, Georg 244n 
Zieten, von, General . 225 
Zimmermann, Schriftsteller 57 
Zryni, Graf von 107 
Zschinski, von, Minister 173 
r 
(-)
        <pb n="273" />
        <pb n="274" />
        Schloss Anlage I. 
v. Hausen, Der Fürstenzug am Kgl. Schlosse zu Dresden. 4 
  
  
81 
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e##leg ver S Peich, Diesben. 7.
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        v. Hausen. Der Fursiching am Lal Schloĩse zu Dreoden 
Anlage Il. 
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