66  $  8.  II.  Die  Behandlung  der  Kriegsschäden  nach  öffentlichem  Recht.

handelte®)  und  besonders  in  einigen  den  napoleonischen  Kriegen  folgenden
  berühmten  Prozessen  gegen  den  preußischen  Fiskus  viel  erörterte’)
  Streitfrage,  ob  der  Herrscher  gelegentlich  des  Friedensschlusses
  auf  die  seinen  Untertanen  vom  Feinde  zugefügten  Schäden
verzichten  könne,  was  ja  einen  Eingriff  in  deren  wohlerworbene
Rechte  bedeutet.  Er  bejaht  diese  Frage  betreffs  der  im  Kriegsverlaufe
  selbst  erwachsenen  Schäden,  weil  diese  nach  Kriegsrecht  eingetreten
  seien  und  weil  der  Herrscher  das  Recht  habe,  Krieg  zu  erklären
  und  Frieden  zu  schließen  und  deshalb  mangels  anderer  ausdrücklicher
  Erklärung  die  wechselseitigen  Beschädigungen  als  durch
den  Friedensschluß  für  ausgeglichen  anzusehen  seien.  Daraus  ergibt
sich  dann  für  Vasquez  als  Folge,  daß  der  Herrscher  (und  der  durch
ihn  vertretene  Staat)  auf  Ersatz  dieser  Kriegsschäden  nicht  in  Anspruch
  genommen  werden  könne.

Ueber  diese  Fragen  hat  sich  dann  auch  Hugo  Grotius  (1583
bis  1645)  an  zwei  berühmten  Stellen  seines  Hauptwerkes  „De  jure
belli  ac  pacis‘“  geäußert.  In  Buch  II  Kap.  14  $  7  spricht  er  zunächst
  von  der  Ehtziehung  wohlerworbener  Rechte  durch  die  Staatsewalt

  und  erklärt,  eine  solche  Entziehung  könnte  auf  doppelte
Weise  erfolgen:  entweder  zur  Strafe  oder  auf  Grund  der  auf  alle
Vermögenswerte  der  Untertanen  sich  erstreckenden  Oberhoheit  (dominium
  supereminens)  der  Staatsgewalt.  Er  führt  aus,  daß  in  letzterem
  Falle  die  Voraussetzung  der  Entziehung  das  Vorhandensein
eines  Öffentlichen  Bedürfnisses  sei,  und  daß,  wenn  möglich,  derjenige,
  der  sein  Eigentum  verloren  hätte,  aus  der  Staatskasse  entschädigt
  werden  müsse.*)

Seine  Erklärer  und  Nachfolger  bezogen  diese  letztere  Bemerkung
  hauptsächlich  auf  vorbedachte  und  planmäßige  Eigentumsentziehungen
  für  Kriegszwecke,  also  auf  den  Hauptteil  der  heutigen
Kriegs  Kriegeleistungen  —  eine  später  von  Vattel  mit  Erfolg  ausgebaute

simplieiter  in  intellecta  vix  defendi  posset,  verum  ita  demum  procedit,  si  ea  damna
et  mutuae  forte  depraedationes  bellorum  tempore  contigerint;  tunc  enim
iure  belli  factae  viderentur.  Unde  cum  apud  Principes  residest  ius,  tam
belli  indicendi,'  quam  foederis  ineundi,  consequens  est,  ut  foedere  post  tales  mutuas
depraedationes  icto,  Ipeo  iure  gentium  et  belli  injuriae  hinc  inde  illatae,  remissae
sublataeque  videantu:

3)  ael  zB.  Jason  Maynuse  (1435—1519),  In  „Primam  Digest  partem  “L  duni
15)  ad  L  3  (Barbarius)  D.  d.  officio  praetoru  24  ff.  Ar
Gaill  (15261587),  Practicae  observationes  (München  1678)  8.  147.  —  Jo  hann
Nicolaus  Hertius,  Commentationes  atque  opuscula  vol.  I  (Frankfurt  a.  M.  8
S.  152.  Sie  alle  lebnen  gleich  Vaequez  die  Entschädigungspflicht  des  Stastes  für
Kriegsschäden  ab.

28  8  ve,  hierzu  noch  Georg  Meyer,  Das  Recht  der  Expropriation  (1869)  S,
u}

3)  Vgl.  Bd.  I  au  9  und  18  (Prozesse  der  Meyerowicz’schen  Lieferungs-Sozietät)  ;
ferner  S.  197,  207.

*)  „Sed  hoc  quoque  sciendum  est,  posse  subditis  ius  etism  quaesitum  auferri  per
regem  duplici  modo,  aut  in  poenam  aut  ex  vi  supereminentis  ominfi.  Sed  ut  id  fiat,
ex  vi  supereminentis  dominii,  primum  regniritur  utälitas  publica,  deinde  ut,  si
fieri  potest,  compensatio  fiat  ei  qui  suum  amisit  ex  communi“.  Vgl.  hierzu  Otto
Gierke,  Johannes  Althusius  ale)  ©  294  4,