356  $  76.  Der  Kriegsschädeneraatz  in  der  französischen  Rechtsprechnäg.

8  76.  Der  Kriegsschädenersatz  in  der  französischen  Rechtsprechung.


Die  durch  die  Rechtslehre  entwickelten  Grundsätze  über  die
Haftung  des  Staates  und  der  Kommunen  für  die  Kriegsschäden  sind
von  der  Rechtsprechung  weiter  geführt  und  zu  einem  Rechtssystem
ausgebaut  worden.  Von  besonderer  Bedeutung  waren  naturgemäß)
die  Entscheidungen  der  höchsten  Gerichtshöfe,  nämlich  der  Cour
de  cassation  für  bürgerlichrechtliche  Streitigkeiten  und  des  Conseil.

d’Etat  als  höchsten  Verwaltungsgerichtshofs,  an  dessen  Stelle  seit
dem  Gesetz  vom  24.  Mai  1872  für  die  Frage  der  Zulässigkeit  des
Rechtweges  das  Tribunal  des  Conflits  getreten  ist.

ı  A.  Haftung  des  Staates.
:   L  Zulässigkeit  des  Rechtsweges.!)

a.  Durch  ein  Gesetz  vom  17.  Juli  1819  wurde  den  ordentlichen
Gerichten  die  Rechtsprechung  über  diejenigen  Schadensersatzansprüche
  zugewiesen,  die  sich  auf  das  Gesetz  vom  10.  Juli  1791
(S.  362)  stützen.  Es  handelt  sich  hierbei  um  Verteidi
in  den  festen  Plätzen  im  Frieden  oder  während  des  Kriegszustandes
(&amp;tat  de  guerre),  falls  dieser  sich  nicht  schon  zum  —  wirklichen,
nicht  bloß  politischen  —  Belagerungszustand  (&amp;tat  de  siöge)  verdichtet
  oder  die  Einschließung  der  Festung  sich  ‚bereits  vollzogen

tte

Durch  ein  Gesetz  vom  30.  März  1831  wurde  die  Zuständigkeit  .
der  ordentlichen  Gerichte  auch  auf  die  außerhalb  der  festen  Plätze
vollzogenen  Befestigungsarbeiten  ausgedehnt.

Das  Tribunal  des  Conflits  stellte  daher  in  einem  Beschluß  vom
1.  Februar  1873  als  Ergebnis  dieser  Gesetzgebung  fest,  daß  die
ordentlichen  Gerichte  zuständig  seien  für  alle  Eingriffe  in  das  Eigentum
  durch  Vorgänge  der  Enteignung  oder  der  zeitweisen  Entziehung
zu  Verteidigungszwecken.

b.  Außerhalb  der  zua.  erwähnten  Fälle  sind  nicht  die  ordentlichen
Gerichte,  sondern  die  Verwaltungsgerichte  zur  Entscheidung  berufen,
insbesondere  hinsichtlich  der  Schädeh,  die  durch  faits  de  guerre
(S.  354)  oder  während  des  &amp;tat  de  sidge  hervorgerufen  sind.

U.  Voraussetzungen  der  Staatshaftung.‘)

Der  von  der  Rechtslehre  aufgestellte  Grundsatz  (S.  354),  daß
der  Staat  nur  für  mesures  de  defense  pröventives,  nicht  aber  für
faits  de  guerre  hafte,  ist  von  der  Rechtsprechung  stets  aufrecht

«  2)  Vgl.  zum  folgenden  E.  Meignen,  Lee  contrais  et  la  guerre  &amp;  A  1910,
65  ff.;  PS  irey,  Recueil  genöral  des  lois  1873  II  186  f£.;  vos  1  158;  Block-Med,
  Dictiongaire  de  l’administration  frangaise  (5.  A.  905)  II  S.  1597
(Indemnit6  en  cas  de  a;  Recueil  des  traitös  eiaite  a  la  paix  avec
V’Allemagne  (1876)  III,  S.  697.

2)  Gaston  Jdze,  La  r&amp;paration  integrale  S.  65.  Vgl.  E.  Meignen,  Les  con
trats  et  la  guerre  S.  68  f£;  A.  ‘Morin,  Les  lois  rölativew  &amp;  la  guerre  (1872)
Bd.  II,  S.  492;  Föraud-Giraud  Occupation  militaire  S.  63;  E.  Laferriäre
Trait$  de  la  jurisdiction  administrauve  Bd.  II,  S.  53  ff.;  Dalloz,  pl&amp;ömen#
au  Repertoire  ge  lögislation  usw.  15  S.  424  ff.  (R6quisitions  mia  ,  Paul
Tirard,  De  la  responsabilit#  de  la  puissance  publique  (1906)  8.