J.

Die  Juli-Resolulion,  der  Anfang  des  moralischen
Iusammenbruchs

(Helfferich  in  der  „Kreuz-Zeitung“  vom  1.  Juli,  Nr.  300.)

Als  die  Deutsche  Nationalversammlung  am  22.  und  23.  Juni
vor  der  schweren  Wahl  stand,  sich  den  unerträglichen  und  schmachvollen
  Bedingungen  unserer  Feinde  zu  unterwerfen  oder  die
Folgen  einer  Ablehnung  mit  mannhafter  Entschlossenheit  hinzunehmen,
  da  gab  den  Ausschlag  die  Berufung  auf  den  moralischen
  Zusammenbruchdes  deutschen  Volkes.  Das
deutsche  Volk,  so  verkündeten  die  Befürworter  der  Unterwerfung,
verfüge  nicht  mehr  über  die  für  einen  Widerstand  irgendwelcher
Art  erforderliche  moralische  Kraft.

Und  in  der  Tat,  auch  der  Mutige  und  Entschlossene  konnte
sich  in  diesen  ernsten  Augenblicken  der  Sorge  nicht  entschlagen,
ob  das  deutsche  Volk  in  dem  gegebenen  Zustand  seiner  sittlichen
Kräfte  einer  rettenden  Großtat  überhaupt  noch  fähig  sei.  Wir
brauchen  uns  nur  umzusehen,  um  überall  die  entsetzlichen  Verwüstungen
  in  der  Moral  des  deutschen  Volkes  gewahr  zu  werden.
Fast  jeder  Tag  bringt  neue  Zeichen  der  Auflösung  des  Sinnes
für  deutsche  Zucht  und  deutsche  Ordnung,  für  deutsche  Zusammengehörigkeit
  und  deutsches  Staatsgefühl,  neue  Zeichen,  für  den
erbärmlichen  Kleinmut  und  die  stumpfsinnige  Gleichgültigkeit
gegenüber  unsern  höchsten  Gütern,  für  das  hemmungslose  Überwuchern
  des  ödesten  und  blödesten  Materialismus,  des  borniertesten
  und  kurzsichtigsten  Egoismus.  Das  ist  aus  dem  wunderbaren
  Geist  der  Einheit  und  Entschlossenheit  geworden,  in  dem
das  deutsche  Volk  im  August  1914  zu  den  Waffen  griff,  um  Haus
und  Herd,  deutsche  Arbeit  und  deutsches  Wesen  vor  fremder  Gewalt
  zu  schützen!

Dieser  in  der  Geschichte  der  Völker  beispiellose  Zusammenbruch
  ist  es,  der  in  der  entscheidenden  Stunde  des  Krieges  unsere