Antrittsrede  des  neuen  Kanzlers

Die  Worte  ,‚wie  ich  sie  auffasse‘‘  waren  eine  Improvisation;
  sie  standen  nicht  in  dem  vor  der  Sitzung  den
Mehrheitsparteien  mitgeteilten  Wortlaut  und  wurden
späterhin  dem  Kanzler  zum  großen  Vorwurf  gemacht.

Wir  hatten  also  einen  neuen  Kanzler,  hatten  die  Friedensresolution
  und  überdies  die  Zusage  des  gleichen  Wahlrechts
  in  Preußen.  Das  waren  die  sichtbaren  Ergebnisse
der  Julikrisis.  Sie  waren  in  sich  widerspruchsvoll,  wie  die
ganze  Krisis  selbst.

Die  Koalition,  der  Herr  von  Bethmann  Hollweg  zum
Opfer  gefallen  war,  hatte  mit  der  andern  Koalıtion,  die
für  die  Friedensresolution  und  das  gleiche  Wahlrecht  gekämpft
  hatte,  nichts  gemein  als  das  der  Führung  Erzbergers
  folgende  Zentrum.  Die jenigen  Elemente  und
Faktoren,  die  in  der  Frage  des  Kanzlerwechsels  die
Entscheidung  herbeigeführt  hatten,  standen  innerlich
im  schärfsten  Gegensatz  zu  denjenigen,  die  für  die
Friedensresolution  und  das  gleiche  Wahlrecht  eingetreten
waren.

Deshalb  konnte  die  Lösung  der  Krisis  niemanden  befriedigen.


Die  Sozialdemokraten  und  Fortschrittler  hatten  zwar
die  Zusage  des  gleichen  Wahlrechts  und  die  Friedensresolution
  durchgesetzt,  aber  der  neue  Kanzler  stand  ihren

außen-  und  innerpolitischen  Auffassungen  wesentlich  ferner
als  Herr  von  Bethmann.      135  