Die  Kanzlerschaft  des  Herrn  Michaelis

von  Grävenitz  war,  wie  sein  Herr  und  Meister  selbst,
ein  guter  preußischer  Verwaltungsbeamter,  brachte  aber
nicht  die  Eigenschaften  mit,  die  ihn  zum  Chef  der  Reichskanzlei
  qualifiziert  hätten.  Dieser  Mangel  ist  in  der  kurzen
Zeit  der  Kanzlerschaft  des  Herrn  Michaelis  sehr  fühlbar
gewesen.

Herr  Michaelis  stand  mit  dem  Herzen  zweifellos  auf  der
Seite  der  rechtsgerichteten  Minderheit  des  Reichstags.
Trotzdem  war  er  von  dem  ehrlichen  Willen  beseelt,  loyal
mit  den  aus  Zentrum,  Freisinnigen  und  Sozialdemokraten
bestehenden,  gelegentlich  durch  den  Hinzutritt  der  Nationalliberalen
  verstärkten  Mehrheitsparteien  zusammenzuarbeiten.
  Später,  bei  seiner  Abschiedsrede  an  die  stimmführenden
  Bundesratsbevollmächtigten,  hat  er  selbst
bekannt,  daß  er  während  seiner  ganzen  Kanzlerschaft
schwer  unter  diesem  Zwiespalt  gelitten  habe.

Zunächst  hatte  er  mit  seiner  Unterwerfung  unter  die
Friedensresolution  und  mit  der  Ankündigung  der  Parlamentarisierung
  einen  gewissen  Erfolg.  Am  Tag  nach  seiner
Antrittsrede,  am  20.  Juli,  wurde  der  Kriegskredit,  an
dessen  Bewilligung  sich  alle  die  schweren  Diskussionen
angeknüpft  hatten,  mit  allen  Stimmen  gegen  diejenigen
der  Unabhängigen  Sozialdemokraten  bewilligt.

An  demselben  Tag  sah  der  Kaiser  bei  mir  im  Reichsamt
des  Innern  in  Gegenwart  der  Minister,  Staatssekretäre
und  stimmführenden  Bundesratsbevollmächtigten  die
Führer  der  einzelnen  Reichstagsfraktionen  einschließlich

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