Kaiser  und  Reichstag

der  Mehrheitssozialdemokraten.  Es  war  das  erstemal,
daß  der  Kaiser  in  dieser  Weise  mit  dem  Reichstag  in
Berührung  trat.  Er  unterhielt  sich  nahezu  drei  Stunden
lang  auf  das  angeregteste  und  unbefangenste  mit  den
einzelnen  Abgeordneten,  ohne  jedoch  die  akuten  Fragen
des  Kanzlerwechsels,  der  Friedensresolution  und  der
inneren  Politik  zu  berühren.

\Es  war  das  einzige  Mal,  daß  der  Kaiser  mit  dem  heutigen
  Reichspräsidenten  Ebert  zusammentraf.  Ich  hatte
ihm  erzählt,  daß  Herr  Ebert  vor  kurzem  seinen  zweiten
Sohn  auf  dem  Schlachtfelde  verloren  habe.  Nach  der
allgemeinen  Begrüßung  und  Vorstellung  sprach  der  Kaiser
als  einen  der  ersten  Abgeordneten  Herrn  Ebert  an  und
drückte  ihm  in  schlichten  und  herzlichen  Worten  seine
Teilnahme  aus.

"Nachträglich  habe  ich  fast  bedauert,  dem  Kaiser  zu
dieser  Zusammenkunft  geraten  zu  haben,  die  eine  persönliche
  Fühlung  zwischen  Kaiser  und  Reichstag  anbahnen
und  dadurch  zum  Ausgleich  mancher  Gegensätzlichkeiten
beitragen  sollte;  denn  es  kam  mir  zu  Ohren,  daß  Teilnehmer
  an  der  Zusammenkunft  einige  Äußerungen,  die
der  Kaiser  in  seiner  zwanglosen  und  burschikosen  Art
getan  hatte,  in  vergröberter  und  entstellter  Form  verbreiteten,
  um  Stimmung  gegen  den  Kaiser  zu  machen.

11  Helfferich,  Weltkrieg  III  161