Michaelis  zum  Rücktritt  geneigt

fand  Herrn  Michaelis  in  seiner  bisherigen  Zuversichtlichkeit
  stark  erschüttert.  Dazu  hatte  beigetragen  eine
Zeitungsmeldung  über  eine  Audienz  des  bayrischen
Gesandten  Grafen  Lerchenfeld  beim  Kaiser,  die  in  Wirklichkeit
  überhaupt  nicht  stattgefunden  hatte.  Herr
Michaelis  sagte  mir,  daß  er  kürzlich  bei  einer  Unterredung
mit  dem  Grafen  Lerchenfeld  den  bestimmten  Eindruck
gehabt  habe,  daß  auch  dieser  ihn  für  reif  zum  Abgang
halte.  Das  war  keine  Täuschung;  auch  mir  gegenüber
hatte  sich  Graf  Lerchenfeld  sehr  entschieden  in  diesem
Sinne  ausgesprochen.  Herr  Michaelis  nahm  an,  daß  Graf
Lerchenfeld  auch  dem  Kaiser  in  diesem  Sinne  vorgetragen
haben  werde.  Vor  allem  aber  war  Herr  Michaelis  zu  der
Überzeugung  von  der  Unhaltbarkeit  seiner  Stellung  dadurch
gekommen,  daß  seine  Verhandlungen  mit  den  Gewerkschaftlern
  sich  zerschlagen  hatten.  Diese  hatten  ihm  eine
Liste  von  Forderungen  präsentiert,  die,  wie  Herr  Michaelis
mir  sagte,  außerordentlich  weit  gingen  und  auch,  soweit
sie  an  sich  vielleicht  annehmbar  wären,  nicht  als  Bedingung
für  das  Verbleiben  des  Kanzlers  aufgestellt  werden  dürften.

Aus  dieser  Lage  zog  Herr  Michaelis  die  Folgerung,  indem
er  mich  beauftragte,  dem  Kaiser  den  Vorschlag  zu  unterbreiten,
  daß  der  bayrische  Ministerpräsident  Graf  Hertling
  zum  Reichskanzler  ernannt  werden  solle,  während
er,  Herr  Michaelis,  als  preußischer  Ministerpräsident,
wenigstens  bis  zur  Erledigung  der  Wahlreform,  auf  seinem
Posten  bliebe.

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