Die  Kanzlerschaft  des  Herrn  Michaelis

  

Ich  hob  gegenüber  Herrn  Michaelis  die  Bedenken  der
Trennung  des  Reichskanzleramtes  und  des  preußischen
Ministerpräsidiums  hervor;  aber  ich  konnte_mich  dem
Argument  nicht  ganz  verschließen,  daß  die  Trennung  als
eine  vorübergehende  Ausnahmemaßregel,  um  den  durch
die  Reichspolitik  voll  in  Anspruch  genommenen  Kanzler
von  der  Last  der  Durchbringung  der  preußischen  Wahlreform
  zu  befreien,  schließlich  hingenommen  werden  Könne.
Gegen  den  Grafen  Hertling,  der  schon  bei  Bethmanns
Abgang  an  erster  Stelle  in  Betracht  gezogen  worden  war,
damals  aber  abgelehnt  hatte,  sprach  sein  hohes  Alter.
Für  ihn  sprach,  daß  er  als  Vorsitzender  des  Bundesratsausschusses
  für  auswärtige  Angelegenheiten  in  der  auswärtigen
  Politik  kein  Neuling  war;  ferner  daß  er  in  den
parlamentarischen  Kreisen  als  alter  und  erfahrener  Parlamentarier
  ein  hohes  Ansehen  genoß  und  in  dem  Zentrum,
der  stärksten  Partei  des  Reichstags,  auf  einen  sicheren
Rückhalt  rechnen  konnte,  ein  Umstand,  der  die  dringend
nötige  Wiederkehr  einigermaßen  stabiler  innerpolitischer
Verhältnisse  erhoffen  ließ.  Wenn  Herr  Michaelis  als
preußischer  Ministerpräsident  im  Amte  blieb,  so  war
überdies  der  fatale  Eindruck,  als  ob  er  den  Unabhängigen
Sozialdemokraten  geopfert  werde,  wenigstens  einigermaßen
abgeschwächt.

Der  Kaiser  erklärte  sich  nach  einer  Erörterung  der
inneren  und  äußeren  Lage  mit  dieser  Lösung  einverstanden
  und  beauftragte  mich,  Herrn  Michaelis  davon

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