Die  Kanzlerschaft  des  Herrn  Michaelis

Ich  sah  den  Grafen  Hertling  auf  seinen  Wunsch  noch
einmal  an  demselben  Abend  und  wiederholte  ihm  nicht
nur  meine  Bereitwilligkeit,  sondern  sprach  ihm  jetzt
meinen  dringenden  Wunsch  aus,  von  jeder  amtlichen
Stellung  befreit  zu  werden.  Sein  Antwortschreiben  hatte
mich  in  dieser  Absicht  nur  bestärkt.  Er  seinerseits  ersuchte
mich  angelegentlich,  keinen  vorzeitigen  Entschluß  zu
fassen  und  meine  Geschäfte  so  weiterzuführen,  als  ob
eine  Änderung  nicht  in  Betracht  käme.

Die  Audienz  beim  Kaiser  hatte  den  erwarteten  Verlauf
genommen.  Insbesondere  hatte  Graf  Hertling  die  Erlaubnis
erhalten,  sich  vor  seiner  endgültigen  Entscheidung  mit
den  Parteiführern  in  Verbindung  zu  setzen.

Die  Unterhaltung  mit  den  Parteiführern  stieß  zunächst
auf  die  Schwierigkeit,  daß  die  Vertreter  der  Mehrheitsparteien,
  trotz  der  von  ihnen  heraufbeschworenen  Kanzlerkrisis,
  zum  Teil  von  Berlin  abwesend  waren;  vor  allem
war  für  das  Zentrum  nur  der  Abgeordnete  Erzberger
anwesend,  dessen  Verhältnis  zu  dem  Grafen  Hertling
kein  ungetrübtes  war  und  der  bisher  offen  für  die  Kandidatur
  des  Fürsten  Bülow  eingetreten  war.  Die  Nachteile
der  Trennung  des  Kanzlerpostens  und  des  preußischen
Ministerpräsidiums  wurden  in  den  Vordergrund  geschoben.
Am  Dienstag,  30.  Oktober,  erklärte  deshalb  Graf  Hertling
Herrn  von  Valentini  und  mir,  daß  er  seine  Mission  als
gescheitert  ansehe  und  am  Abend  nach  München  zurückreisen
  wolle.  Die  Berliner  Abendblätter  erklärten  die

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