Die  Kanzlerschaft  des  Herrn  Michaelis

  

Forderungen  die  Not-  und  Zwangslage  auszunutzen,  die
der  Krieg  über  das  Reich  verhängte.  Die  Sozialdemokratie
war  es,  die  —  treibend  und  getrieben  —  hier  voranging.
Ihre  Führer  haben  schon  frühzeitig  in  dringlicher  Form
innerpolitische  Forderungen  präsentiert,  sicherlich  zum
Teil  in  der  guten  und  ehrlichen  Absicht,  die  unter  dem
Druck  des  Krieges  immer  schwerer  leidenden  Massen
gegenüber  der  gefährlichen  Agitation  der  Unabhängigen
Sozialdemokraten  nicht  nur  bei  der  Partei,  sondern  auch
bei  der  Sache  des  Vaterlandes  festzuhalten.  Die  Fortschrittliche
  Volkspartei,  das  Zentrum  und  die  Nationalliberalen
  folgten  mehr  oder  minder  zögernd,  teils  in  der
Überzeugung,  daß  nur  eine  Erweiterung  der  Volksrechte
unser  Volk  moralisch  zum  Durchhalten  befähigen  könne,
teils  aber  auch  aus  Parteikonkurrenz,  vor  allem  aber
aus  dem  Gesichtspunkt  heraus,  daß  der  Krieg  verloren
sei,  wenn  die  Sozialdemokratie  mit  ihrer  Gefolgschaft
abschwenke  und  etwa  die  Kriegskredite  verweigere.

Mit  dem  Aufwerfen  der  innerpolitischen  Streitfragen
und  dem  Wiederaufleben  des  Parteikampfes  hörte  auch
die  reibungslose  Unterstützung  der  Regierung  durch  den
Reichstag  auf.  Die  alte  Übung  der  Friedenszeit  trat
wieder  in  Kraft,  nach  der  die  Reichstagsparteien  in  der
Reichsleitung  den  natürlichen  Gegner  sahen,  nach  der  jede
Kritik  und  jeder  Angriff  gegen  die  Regierungsvertreter
eine  lobenswerte  parlamentarische  Tat  war  und  der
Abgeordnete  es  fast  als  eine  Verlegenheit  empfand,  für

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