Die  Anfänge  des  Grafen  Hertling

sondern  vorsichtig  umschrieb:  ,‚Sie  alle  wissen,  in  welch
großzügiger  Weise  in  dem  mächtigsten  deutschen  Bundesstaat
  die  Initiative  zu  einer  weitgreifenden  Reform  von
der  höchsten  Stelle  aus  ergriffen  worden  ist;  ich  habe
jetzt  und  hier  über  diesen  Gegenstand  weiter  nichts  zu
sagen.  Die  Linksparteien  konnten  diese  formelle  Korrektheit
  hinnehmen;  denn  inzwischen  hatten  sie  auf  Grund
der  ihnen  in  den  Verhandlungen  über  die  Hertlingsche
Kanzlerschaft  gegebenen  Zusagen  den  Erfolg  erreicht,
daß  dem  Preußischen  Landtag  das  Gesetz  über  die
Wahlreform  zugegangen  war.

Aber  nicht  nur  bei  den  Sprechern  der  Mehrheitsparteien
fand  Graf  Hertling  ein  freundliches  Willkommen,  sondern
auch  der  Wortführer  der  Konservativen,  Graf  Westarp,
gab,  bei  allen  Vorbehalten  gegenüber  den  Vorgängen  bei  der
Ernennung  des  Grafen  Hertling,  namens  seiner  politischen
Freunde  ,‚der  uneingeschränkten  Wertschätzung  für  die
Person  des  jetzigen  Reichskanzlers“  Ausdruck.

Auffallend  und  bezeichnend  war  die  Haltung  der
Mehrheitssozialdemokraten.  Sie  hatten  am  stärksten  auf
die  „Parlamentarisierung  der  Regierung  gedrückt  und,
wenn  sie  auch  für  sich  selbst  auf  eine  Vertretung  in  der
neuen  Regierung  verzichteten,  darauf  bestanden,  daß
Herr  von  Payer  als  Vertrauensmann  der  Mehrheitsparteien
zum  Vizekanzler  ernannt  wurde.  Schon  der  Verzicht  auf
den  Eintritt  eines  ihrer  Führer  in  die  neue  Regierung
hatte  klar  gezeigt,  daß  die  Sozialdemokratie  zwar  einen

                                                                                                                  235