Die  Entscheidung

neu  zu

Der  Abfall  des  bulgarıschen  Bundesgenossen  gab  der
Kanzlerschaft  des  Grafen  Hertling  den  Gnadenstoß.  Auch
das  Zentrum  gab  ihn  preis.  Der  Reichstagspräsident
Fehrenbach  gab  dem  Kanzler  am  28.  September,  unmittelbar
  ehe  dieser  mit  Herrn  von  Hintze  zur  Besprechung
der  Lage  nach  ‚dem  Großen  Hauptquartier  reiste,  zü
verstehen,  daB  auch  im  Zentrum  die  Auffassung  an  Boden
gewonnen  habe,  daß  die  Lösung  der  Krisis  durch  seinen
freiwilligen  Rücktritt  erleichtert  werden  könne.

Aber  dieses  Mal  wollten  die  Mehrheitsparteien  gründliche
  Arbeit  machen.  Ein  Personenwechsel  genügte  ihnen
nicht  mehr,  sie  wollten  einen  Systemwechsel:  die  volle
Verwirklichung  des  parlamentarischen  Regimes.

Es  ist  eine  Gewohnheit  der  Völker,  daß  sie  für  schwere
Schicksale  Sündenböcke  brauchen.  Zum  Sündenbock
machte  man  jetzt  bei  uns  nicht  nur  Personen,  nicht  einmal
in  erster  Linie  Personen,  sondern  das  ‚System‘.  Darin
kam  das  große  Maß  der  vom  Persönlichen  abstrahierenden
Objektivität  des  Deutschen  zum  Ausdruck,  und  gleichzeitig
  auch  das  große  Maß  des  dem  Deutschen  eigenen
Doktrinarismus.  Denn  der  Systemwechsel  wurde  jetzt
als  Allheilmittel  und  als  Rettung  aus  der  Not  des  Vaterlands
  von  denselben  Mehrheitsparteien  —  und  ihnen
folgend  von  ihren  Anhängern  im  Lande  —  verlangt,  die
seit  einem  Jahr  in  der  Reichsregierung  durch  ihre  Vertrauensmänner
  vertreten  waren  und  die  Sünden  der
Reichsregierung  ım  Begehen  und  Unterlassen  mitgemacht,

520