Die  Entscheidung

'’  Die  Parteileitung  der  Mehrheitssozialisten  fürchtete
jetzt  offenbar,  den  Anschluß  an  die  Revolution  zu  versäaumen.
  Sie  beauftragte  am  7.  November  den  Staatssekretär
  Scheidemann,  ım  Kriegskabinett  zu  fordern,
daß  die  Versammlungsverbote  aufgehoben  und  daß  Polzeı
  und  Militär  zur  äußersten  Zurückhaltung  angehalten
würden;  ferner  verlangte  sie  die  sofortige  Umbildung  der
preußischen  Regierung  im  Sinne  der  Reichstagsmehrheit,
die  Verstärkung  des  sozialdemokratischen  Einflusses  in
der  Reichsregierung  und  die  Abdankung  des  Kaisers
sowie  den  Thronverzicht  des  Kronprinzen  bis  zum  nächsten
Mittag.  Dieses  Ultimatum,  bei  dessen  Nichterfüllung  die
Mehrheitssozialisten  mit  ihrem  ‚Austritt  aus  der  Regierung“,
  d.  h.  ihrem  Übergang  zur  Revolution  drohten,
wurde  am  folgenden  Tage  verlängert,  und  zwar  bis  zum
Abschluß  des  Waffenstillstandes,  dessen  Unterzeichnung
für  die  nächsten  Tage  erwartet  wurde  und  dessen  Zustandekommen
  die  Sozialdemokraten  durch  ihren  Austritt  aus
der  Regierung  zu  gefährden  fürchteten.

Ein  Zufall  ließ  mich  dem  Staatssekretär  Scheidemann
am  Abend  des  8.  November  im  Vestibül  des  Reichskanzlerhauses
  begegnen.  In  sichtlicher  Erregung  sagte  er  mir:
„Wenn  nur  der  Kaiser  endlich  einen  Entschluß  faßt  und
abdankt  —  heute  noch!  Sonst  kann  ich  keine  Garantie
übernehmen.‘  Auf  meine  Frage:  ‚Und  wenn  der  Kaiser
abdankt,  welche  Garantie  können  Sie  dann  übernehmen  ?“
—  war  ein  Achselzucken  die  einzige  Antwort,

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