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Das  Bäumlein  spricht  mit  Trauern:  „Mein  Glas  liegt  in  dem
Staub,  die  andern  Bäume  dauern  mit  ihrem  grünen  Laub;  wenn
ich  mir  noch  was  wünschen  soll,  wünscht'  ich  mir  grüne  Blätter  wohl.“

4.

Da  schlief  das  Bäumlein  wieder  ein,  und  früh  ist's  wieder
aufgewacht;  da  hat  es  grüne  Blätter  fein.  Das  Bäumlein  lacht
und  spricht:  „Nun  hab'  ich  doch  Blätter  auch,  daß  ich  mich  nicht  zu
schämen  brauch'.“

Da  kommt  mit  vollem  Euter  die  alte  Geiß  gesprungen,  die
sucht  sich  Gras  und  Kräuter  für  ihre  Jungen;  sie  sieht  das  Laub
und  fragt  nicht  viel,  sie  frißt  es  ab  mit  Stumpf  und  Stiel.

Da  war  das  Bäumlein  wieder  leer.  Es  sprach  nun  zu  sich
selber:  „Ich  begehre  nun  keiner  Blätter  mehr,  weder  grüner,  noch
roter,  noch  gelber;  hätt'  ich  nur  meine  Nadeln,  ich  wollte  sie  nicht
tadeln."“

5.

Und  traurig  schlief  das  Bäumlein  ein,  und  traurig  ist  es  auf—
gewacht.  Da  besieht  es  sich  im  Sonnenschein  und  lacht  und  lacht.
Alle  Bäume  lachen's  aus,  das  Bäumlein  macht  sich  nichts  daraus.

Warum  hat  das  Bäumlein  denn  gelacht?  Und  warum  alle
seine  Kameraden?  Es  hat  bekommen  in  einer  Nacht  wieder  alle
seine  Nadeln,  daß  jedermann  es  sehen  kann.  Geh  hinaus,  sieh  nach,
doch  rühr's  nicht  an!  —  Warum  denn  nicht?  —  Weil's  sticht!

Friedrich  Rückert.

45.  Waldvöglein.

1.  Ich  geh'  durch  einen  grasgrünen  Wald
und  höre  die  Vögelein  singen;
sie  singen  so  jung,  sie  singen  so  alt,
die  kleinen  Vögelein  in  dem  Wald,
die  hör'  ich  so  gerne  wohl  singen.

2.  O  sing'  nur,  singe,  Frau  Nachtigall!
Wer  möchte  die  Sängerin  stören?
Wie  wonniglich  klingt's  im  Widerhall!
Es  lauschen  die  Blumen,  die  Vögel  all'
und  wollen  die  Nachtigall  hören.

Für  unsere  Kleinen.  Hessische  Fibel.  II.  Teil.  1.  Auflage.  3