59

nicht  auf,  unsere  Mutter  hat  keinen  schwarzen  Fuß  wie  du;  du  bist
der  Wolf.“  Da  lief  der  Wolf  zu  einem  Bäcker  und  sprach:  „Ich
habe  mich  an  den  Fuß  gestoßen,  streich  mir  Teig  darüber!“  Und
als  ihm  der  Bäcker  die  Pfote  bestrichen  hatte,  so  lief  er  zum  Müller
und  sprach:  „Streu  mir  weißes  Mehl  auf  meine  Pfote!“  Der
Müller  dachte:  Der  Wolf  will  einen  betrügen,  und  weigerte  sich;
aber  der  Wolf  sprach:  „Wenn  du  es  nicht  tust,  so  fresse  ich  dich.“
Da  fürchtete  sich  der  Müller  und  machte  ihm  die  Pfote  weiß.  Ja,
so  sind  die  Menschen!

Nun  ging  der  Bösewicht  zum  drittenmal  zu  der  Haustüre,
klopfte  an  und  sprach:  „Macht  mir  auf,  Kinder,  euer  liebes  Mütterchen
ist  heimgekommen  und  hat  jedem  von  euch  etwas  aus  dem  Walde
mitgebracht.“  Die  Geißerchen  riefen:  „Zeig'  uns  erst  deine  Pfote,
damit  wir  wissen,  daß  du  unser  liebes  Mütterchen  bist!“  Da  legte
er  die  Pfote  ins  Fenster,  und  als  sie  sahen,  daß  sie  weiß  war,  so
glaubten  sie,  es  wäre  alles  wahr,  was  er  sagte,  und  machten  die
Türe  auf.  Wer  aber  hereinkam,  das  war  der  Wolf.  Sie  erschraken
und  wollten  sich  verstecken.  Das  eine  sprang  unter  den  Tisch,  das
zweite  ins  Bett,  das  dritte  in  den  Ofen,  das  vierte  in  die  Küche,
das  fünfte  in  den  Schrank,  das  sechste  unter  die  Waschschüssel,  das
siebte  in  den  Kasten  der  Wanduhr.  Aber  der  Wolf  fand  sie  alle
und  machte  nicht  langes  Federlesen:  eins  nach  dem  andern  schluckte
er  in  seinen  Rachen;  nur  das  jüngste  in  dem  Uhrkasten,  das  fand
er  nicht.  Als  der  Wolf  seine  Lust  gebüßt  hatte,  trollte  er  sich  fort,
legte  sich  draußen  auf  der  grünen  Wiese  unter  einen  Baum  und
fing  an  zu  schlafen.

Z.  Wie  die  alte  Geiß  ihre  Kinder  errettet.

Nicht  lange  danach  kam  die  alte  Geiß  aus  dem  Walde  wieder
heim.  Ach,  was  mußte  sie  da  sehen!  Die  Haustür  stand  sperrweit
auf;  Tische,  Stühle  und  Bänke  waren  umgeworfen,  die  Waschschüssel
lag  in  Scherben,  Decken  und  Kissen  waren  aus  dem  Bette  gezogen.
Sie  suchte  ihre  Kinder,  aber  nirgends  waren  sie  zu  finden.  Sie
rief  sie  nacheinander  bei  Namen,  aber  niemand  antwortete.  Endlich,
als  sie  an  das  jüngste  kam,  da  rief  eine  feine  Stimme:  „Liebe
Mutter,  ich  stecke  im  Uhrkasten.“  Sie  holte  es  heraus,  und  es
erzählte  ihr,  daß  der  Wolf  gekommen  wäre  und  die  anderen  alle
gefressen  hätte.  Da  könnt  ihr  denken,  wie  sie  über  ihre  armen
Kinder  geweint  hat!