61

81.  Die  sieben  Raben.

1.  Die  sieben  Brüder  werden  Raben.

Ein  Mann  hatte  sieben  Söhne  und  immer  noch  kein  Töchterchen,
so  sehr  er  sich's  auch  wünschte.  Endlich  schenkte  ihm  Gott  auch  ein
Mädchen.  Die  Freude  war  groß,  aber  das  Kind  war  schmächtig
und  klein  und  sollte  wegen  seiner  Schwachheit  die  Nottaufe  haben.
Da  schickte  der  Vater  einen  der  Knaben  eilends  zur  Quelle,  Taufwasser
  zu  holen,  und  die  anderen  sechs  liefen  mit.  Weil  aber  jeder
der  erste  beim  Schöpfen  sein  wollte,  fiel  ihnen  der  Krug  in  den
Brunnen.  Da  standen  sie  und  wußten  nicht,  was  sie  tun  sollten,
und  keiner  getraute  sich  heim.  Als  sie  immer  nicht  zurückkamen,
ward  der  Vater  ungeduldig  und  sprach:  „Gewiß  haben  sie's  wieder
über  einem  Spiele  vergessen,  die  gottlosen  Jungen!“  Es  ward  ihm
angst,  das  Mädchen  müßte  ungetauft  verscheiden,  und  im  Arger
rief  er:  „Ich  wollte,  daß  die  Jungen  alle  zu  Raben  würden!“
Kaum  war  das  Wort  ausgeredet,  so  hörte  er  ein  Geschwirr  über
seinem  Haupte  in  der  Luft,  blickte  in  die  Höhe  und  sah  sieben  kohlschwarze
  Raben  auf=  und  davonfliegen.

2.  Das  Schwesterchen  macht  sich  auf,  die  Raben
zu  suchen.

Die  Eltern  konnten  die  Verwünschung  nicht  mehr  zurücknehmen,
und  so  traurig  sie  über  den  Verlust  ihrer  sieben  Söhne  waren,
trösteten  sie  sich  doch  einigermaßen  durch  ihr  liebes  Töchterchen,  das
bald  zu  Kräften  kam  und  mit  jedem  Tage  schöner  ward.  Es  wußte
lange  Zeit  nicht  einmal,  daß  es  Geschwister  gehabt  hatte;  denn  die
Eltern  hüteten  sich,  ihrer  zu  erwähnen,  bis  es  eines  Tages  von
ungefähr  die  Leute  von  sich  sprechen  hörte,  das  Mädchen  wäre  wohl
schön,  aber  doch  eigentlich  schuld  an  dem  Unglück  seiner  sieben
Brüder.  Da  ward  es  ganz  betrübt,  ging  zu  Vater  und  Mutter
und  fragte,  ob  es  denn  Brüder  gehabt  hätte,  und  wo  sie  hingeraten
wären.  Nun  durften  die  Eltern  das  Geheimnis  nicht  länger  verschweigen,
  sagten  jedoch,  es  sei  so  des  Himmels  Verhängnis  und
seine  Geburt  nur  der  unschuldige  Anlaß  gewesen.  Allein  das
Mädchen  machte  sich  täglich  ein  Gewissen  daraus  und  glaubte,  es
müßte  seine  Geschwister  wieder  erlösen.  Es  hatte  nicht  Ruhe  und
Rast,  bis  es  sich  heimlich  aufmachte  und  in  die  weite  Welt  ging,
seine  Brüder  irgendwo  aufzuspüren  und  zu  befreien,  es  möchte  kosten,