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118.  Das  Rotkehlchen.

Ein  Rotkehlchen  kam  in  dem  strengen  Winter  an  das  Fenster
eines  frommen  Landmannes,  als  ob  es  gern  hinein  möchte.  Da
öffnete  der  Landmann  sein  Fenster  und  nahm  das  zutrauliche
Tierchen  in  die  warme  Stube.  Nun  pickte  es  die  Brotkrümchen
auf,  die  von  seinem  Tische  fielen.  Auch  liebten  die  Kinder  des
Landmannes  das  Vögelchen  sehr.  Aber  als  nun  der  Frühling
wiederkam  und  die  Gebüsche  sich  belaubten,  da  öffnete  der  Landmann
  das  Fenster,  und  der  kleine  Gast  entflog  in  das  nahe  Wäldchen
und  baute  sein  Nest  und  sang  sein  fröhliches  Liedchen.

Und  siehe,  als  der  Winter  wiederkehrte,  da  kam  das  Rotkehlchen
abermals  in  die  Wohnung  des  Landmannes  und  hatte  sein  Weibchen
mitgebracht.  Der  Landmann  aber  und  seine  Kinder  freuten  sich
sehr,  als  sie  die  beiden  Tierchen  sahen,  wie  sie  aus  den  kleinen
Auglein  so  freundlich  umherschauten.  Und  die  Kinder  sagten:  „Die
Vögelchen  sehen  uns  an,  als  ob  sie  etwas  sagen  wollten.“"  Da
antwortete  der  Vater:  „Wenn  sie  reden  könnten,  so  würden  sie  sagen:
Freundliches  Zutrauen  erweckt  Zutrauen,  und  Liebe  erweckt  Gegenliebe.“
  Friedrich  Adolf  Krummacher.

119.  Gäste  auf  dem  Schulhofe.

Es  schellt.  Die  Pause  ist  zu  Ende.  Schüler  und  Schülerinnen
stellen  sich  in  Reih  und  Glied,  um  in  ihre  Klassen  zurückzukehren.
Allmählich  verstummt  der  fröhliche  Lärm.  Und  wie  es  still  wird,
da  regt  es  sich  auf  einmal  in  den  Zweigen  der  Bäume  und  auf
den  Dächern  der  Nachbarhäuser.  Kleine  Gesellen  in  grauem  Federkleide
  recken  die  kurzen  Hälse  und  schauen  nach  dem  Schulhofe,  wo
eine  reichbesetzte  Tafel  sie  zum  Frühstücksmahl  einladet.  .  So,
jetzt  sind  auch  die  letzten  Kinder  verschwunden.  Da  heben  sich
Flügel  und  Füße,  und  die  hungrige  Schar  stürzt  sich  frohlockend
hinunter.  Gäste  auf  dem  Schulhofe!  Wie  fleißig  sie  den  ganzen
Schulhof  absuchen!  Ein  jeder  will  das  beste  Krümlein  haben.  Sieh
doch,  wie  dort  einer  mit  einem  Brocken,  dicker  als  sein  Kopf,  auf
die  niedrige  Mauer  fliegt,  um  nicht  mit  den  Kameraden  teilen  zu
müssen.  Gelt,  das  sind  feine  Bissen,  ihr  Spätzlein!

Ei,  und  da  sehe  ich  ja  einen  mit  einem  bunten  Kleide  und  einer
rötlichen  Weste!  Ist  das  auch  ein  Sperling?  Nein,  das  ist  der