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        <title>Sozialdemokratie, Christentum, Materialismus und der Krieg.</title>
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            <forname>Adolf</forname>
            <surname>Hinze</surname>
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            <idno>hinze_sozialdemokratie_krieg_1918</idno>
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        Sozialdemokratie,
Christentum,  Materialismus
und  der  Krieg.

..

Eine  philosophische  Auseinandersetzung
von

Adolf  Hinze.

Osterwiech/  Harz  und  Leipzig  1918.
Kommissionsverlag  von  A.  W.  Zichfeldt.

IV  M
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        Vorwort.

Wenn  in  letzter  Zeit  der  politische  Kampf  in  Deutschland  oft
eine  unzulässige  Gehässigkeit  und  Erbitterung  angenommen  hat,  so
gat  dieses  mehr  an  Oberflächlichkeit  der  Kämpfenden  gelegen  als  an

achkenntnis.  Man  wollte  gewissermaßen  mit  Grobheit  über  den
Mangel  an  Gründlichkeit  wegtäuschen.  Dieses  Eigenartige  des  Kampfes
zeigt  sich  darin,  daß  die  Sozialdemokratie  mit  volkswirtschaftlichen
  Argumenten  der  Theologie  des  Christentums  entgegentritt,
ohne  zu  berücksichtigen,  daß  das  Christentum  neben  der  Theologie
auch  eine  Philosophie  hat,  die  im  Katholizismus  in  Thomas  von
Aquino  und  im  Protestantismus  in  Kant  ihre  bedeutenden  Interpreten
  gefunden  hat.  Die  Kirche  tritt  hingegen  mit  der  Ethik  des
Christentums,  an  die  sie  sich  selbst  nicht  hält,  einer  Philosophie  der
Sozialdemokrarie  entgegen,  die  gar  nicht  vorhanden  ist.  —
—-DiesesgegenseitigeVerkennenundVorbeifchen,foweitesnicht
Hochmut  und  Heuchelei  ist,  hat  mich  veranlaßt,  die  in  Deutschland
vorherrschenden  Weltanschauungen  einmal  in  ihrer  philosophischen
Bedeutung,  auf  die  es  schließlich  allein  ankommt,  sich  gegenüber  zu
stellen  und  zwar  habe  ich  den  Katholizismus  in  der  Philosophie  des
Thomas  von  Aquino,  den  Protestantismus  in  derjenigen  von  Kant
und  dielenige.  der  Sozialdemokratie  in  den  volkswirtschaftlichen
Lehren  von  Marx  und  Engels  im  Zusammenhang  dargestellt,  da  sie
hierdurch  nur  verstanden  werden  können,  zumal  ich  nicht  voraussetze,
daß  diese  Lehren  in  den  Kreisen  allgemein  bekannt  sind,  für  die
diese  Schrift  gedacht  ist,  und  für  die  sie  in  der  Polikik  auf  philosophischem
  Gebiet  zur  Orientierung  dienen  soll.  «

Im  dritten  Abschnitt  der  vorliegenden  Schrift  bringe  ich  meine
eigene  Weltanschauung,  die  den  Vorzug  hat,  daß  sie  für  ihre  ethischen
Folgerungen  das  menschliche  Geschehen  in  der  Welt  so  nimmt,  wie  es
ist,  und  nicht  wie  es  sein  könnte,  oder  wie  es  nach  der  Ansicht  unmaßgeblicher
  Idealisten  sein  müßte.  Ich  verhehle  mir  durchaus  nicht,
daß  noch  vielen  gegenwärtigen  Zeitgenossen  mit  einer  nüchternen
Wirklichkeitslehre  nicht  gedient  ist,  sondern  daß  diese  es  vorziehen,
den  Gewohnheiten  und  den  Interessen  entsprechend  dem  Gebiet  einer
zügellosen  Phantasie  treu  zu  bleiben.  Für  die  Richtigkeit  meiner
Weltanschauung  ist  solches  aber  belanglos,  denn  diese  läßt  nicht  allein
die  Urteilsfähigkeit  der  Gegenwart  für  sich  sprechen,  sondern  noch
mehr  die  Erfahrungen  der  Zukunft.  Und  hierbei  ist  es  nicht  ausgeschlossen,
  daß  bei  dem  Tempo  der  Kulturentwicklung  der  Jetztzeit
die  eine  Generation  schon  das  als  selbstverständlich  ansieht,  das  für
die  vor  ergehende  noch  im  Bereich  der  Unmöglichkeit  und  Unwahrscheinlichkeit
  lag.

Oschersleben,  Juli  1918.

Adolf  Hinze.
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        Inhaltsverzeichnis.

I.  Der  Krieg  und  die  Sozialdemokratie.

Der  praktische  Materialismus  und  Idealismus..
Der  historische  Materialismus  und  die  Philosophie

Der  historische  Materialismus  und  die  Volkswirtschaft

Der  aistorische  Materialismus  und  die  Internationalitst

Nußland.

England  und  die  Vereinigten  Stoaten  Z  .%  x  .%  .%  Z

Belgien  und  Italien

II.  Der  Krieg  und  das  Chrisentum.

Die  vorchristliche  Zeit

Das  Auftreten  Jesu  und  die  geit  der  *WG  ehiisen  Z  Z

Augustinus  und  die  Scholostiter

Thomas  von  Aquino..  ....
Die  Reformation.  .......
Kant  und  das.  Christentum

Die  Zeit  nach  Kant.

III.  Der  philosophische  Maneli.

Einleitung

Die  Entwickungstheorie
Da  E  ##d.  V  B
Der  Wille

Der  Zweck
        <pb n="5" />
        I.  Der  Krieg  und  die  Sozialdemokratie.

Der  praktische  Materialismus  und  Idealismus.

Wihtrend  des  Krieges  konnte  man  von  Geistlichen  und  anderen
kirchlich  gesinnten  Leuten  verschiedentlich  die  Ansicht  hören,  daß
in  Deutschland  durch  den  Krieg  das  religiöse  Bedürfnis  des  Menschen
wieder  mehr  zur  Geltung  gekommen  sei.  Daß  durch  den  Krieg  nicht
nur  die  draußen  Kämpfenden,  sondern  auch  deren  Angehörige  zu
Hause  wieder  den  Weg  zu  Gott  und  zur  Kirche  gefunden  hätten.
Aus  dieser  Erscheinung  wurde  aber  auch  gefolgert,  daß  durch  den
Krieg  und  seine  Wirkungen  im  Menschen  die  unedlen  Eigenschaften
und  Motive  wesentlich  unterdrückt  seien,  und  daß  er  sich  nur  noch
allein  von  einer  edlen  Gefinnung  und  Selbstlosigkeit  in  seinem  Tun
und  Treiben  beeinflussen  läßt.  Mit  andern  Worten:  Durch  den
Krieg  soll  die  materialistische  Gesinnung  im  Menschen,  die  in  letzter
Zeit  sein  hervorstechendes  Merkmal  war,  einer  mehr  idealistischen
Platz  gemacht  haben.  ·
Es  muß  zugegeben  werden,  daß,  als  im  August  1914  dem
Deutschen  Reiche  von  allen  Seiten  der  Krieg  erklärt  wurde,  mit  der
Mobilmachung  eine  großzügige  Bewegung  einsetzte.  Nicht  nur  daß
Ungezählte  mit  Begeisterung  freiwillig  zu  den  Fahnen  eilten,  um
die  Heimat  und  ihre  Kultur  gegen  eine  aus  Neid,  Haß,  Angst  und
Ländergier  zusammengewürfelte  Nachbarschaft  zu  verteidigen,  sondern
auch  die  Eltern  ließen  den  Sohn  ziehen,  die  Frau  den  Gatten,  die
Kinder  den  Vater  und  die  Braut  den  Verlobten  und  sahen  mit
Stolz  sie  zu  den  Waffen  greifen,  um  unser  Leben  mit  dem  ihrigen
zu  schützen  und  um  uns  unseren  geistigen  und  materiellen  Besitz  zu
sichern.  Und  man  kann  wohl  sagen,  daß  damals  der  Hauch  einer
großen  Zeit  eine  Feiertagsstimmung  hervorgebracht  hatte,  in  der
die  Herzen  von  Hoch  und  Niedrig,  von  Arm  und  Reich  sich  in
Brüderlichkeit  entgegenschlugen  und  in  der  das  laute  Jahrmarktsgepolter
  einer  schon  krankhaften  Hochkultur  durch  eine  aus  Menschen-Gl####,
  Seilalbemolxatie,  Chrihentum,  Materialien###  und  rer  Arteg.  1
        <pb n="6" />
        2

—

würde  und  Gesittung  hervorgegangene  Ruhe  ersetzt  wurde,  in  der  die
Hetze  nach  Besitz  durch  Genügsamkeit  und  Selbstlosigkeit  gemildert  wurde.

Leider  hat  die  Stimmung  bei  den  Hiergebliebenen  nicht  lange
angehalten,  denn  mit  den  ersten  Siegen  kam  auch  das  Gefühl  der
Sicherheit  wieder,  und  mit  ihm  trat  auch  die  Alltagsnatur  wieder
in  ihre  Rechte.  Anders  an  der  Front,  hier  dürfte  der  hohe  Idealismus,
  der  zur  Geltung  gekommen  ist,  wohl  dauernde  Eindrücke
hinterlassen,  denn  hier  kam  eine  harte  Schule  dazu;  hier  mußte  das
Wertvollste  des  Menschen,  nämlich  das  Leben,  für  die  Interessen  der
Allgemeinheit  eingesetzt  werden,  ohne  einen  anderen  Lohn  dafür  zu
bekommen  als  das  Bewußtsein,  dem  Vaterlande  gegenüber  seine
Pflicht  getan  zu  haben.  Immerhin  ist  zu  hoffen,  daß  die  aus  dem
Felde  Zurückgekehrten,  die  mit  den  äußeren  Feinden  fertig  geworden
sind,  mit  Ruhe,  Ernst  und  Entschiedenheit  auch  an  die  Bekämpfung
der  inneren  gehen,  nämlich  an  die  Bekämpfung  einer  widernatürlichen
Habsucht  und  der  dadurch  verursachten  schäbigen  Gefinnung.  Wenn
aber  die  Meinung  vertreten  wird,  daß  hierdurch  auch  der  Materialismus
  bekämpft  wird,  so  muß  man  sich  doch  vor  allen  Dingen  darüber
klar  sein,  was  hierbei  unter  Materialismus  verstanden  werden  soll.
Gewöhnlich  versteht  man  unter  Materialismus  die  obige  Gesinnung,
d.  h.  eine  solche,  die  nur  nach  den  Annehmlichkeiten  des  irdischen
Daseins  trachtet  und  sie  zu  erlangen  sucht,  selbst  wenn  dadurch  die
berechtigten  Interessen  seiner  Mitmenschen  beeinträchtigt  werden.
Ein  solcher  Materialismus  ist  natürlich  die  Kehrseite  des  Menschen
und  muß  mit  Recht  als  das  an  ihm  verdächtigt  werden,  das  überwunden
  werden  muß.

zumal  es  Christen  und  eifrige  Kirchengänger  gibt,  die  recht  weitgehend
Anhänger  des  ersteren  sind.  Es  gibt  aber  noch  einen  Materialismus,
der  als  Weltanschauung  angesehen  werden  kann  und  dem  ein  großer
Teil  unserer  Volksgenossen  namentlich  der  unteren  Kreise  anhängt  und
zwar  ist  dieses  der  sogenannte  historische  Materialismus  der  Sozialdemokratie.
  «  .
Dieser  letztere  Materialismus  ist  durchaus  nicht  die  philosophische
Grundlage  eines  krankhaften  und  irrenden  Egoismus,  sondern  er
wurzelt  in  der  Politik  und  kann  deshalb  höchstens  als  politischer  Materialismus
  bezeichnet  werden,  zumal  er,  wie  wir.  noch  sehen  werden,
jeder  eingehenden  philosophischen  Begründung  entbehrt.  Da  dieser
Materialismus  in  der  Politik  wurzelt  und  da  die  Politik  die  Brutstätte
  der  Kriege  ist,  so  darf  man  sich  wohl  mit  Recht  die  Frage  vorlegen,
  wie  weit  er  in  seinen  Lehren  und  Grundlagen  durch  den  letzten
        <pb n="7" />
        3

Krieg  eine  Bestätigung  oder  Widerlegung  gefunden  hat,  d.  h.  wie  er
sich  praktisch  und  theoretisch  mit  dem  Kriege  abgefunden  hat.

Nimmt  man  diesen  Materialismus  wie  man  das  Christentum
nimmt,  d.  h.  in  dem  Sinne,  daß  Theorie  und  Praxis  sich  in  der  Gegenwart
  nicht  decken,  so  hat  die  praktische  Seite  unzweifelhaft  ein  vollständiges
  Fiasko  gemacht  und  zwar  ist  sie  an  derselben  Stelle  gescheitert
wie  das  praktische  Christentum,  nämlich  an  der  Internationalität,  die
sie  zur  Voraussetzung  hat  und  die  einen  Krieg  ausschließt.

Aber  auch  die  Theorie  ist  nicht  haltbar,  denn  ganz  abgesehen
davon,  daß  im  Lande  der  allgemeinen  Wehrpflicht  in  der  Landesverteidigung
  ein  gelinder  Zwang  ausgeübt  werden  kann,  so  würde  dieser  doch
nicht  genügt  haben,  einen  Feind  zu  schlagen  und  zu  befiegen,  wie  er
sich  in  solcher  Massenhaftigkeit  an  unseren  Grenzen  auf  uns  gestürzt
  hat.

Hierzu  war  außer  dem  Zwang  der  bitteren  Notwendigkeit  sicher
auch  ein  hohes  Pflichtgefühl  und  vor  allen  Dingen  etwas  Liebe  und
Haß  erforderlich.  Und  zwar  Liebe  zu  seinem  Volk  und  Volksgenossen
mit  allen  Vorzügen  und  Schwächen  und  Haß  gegen  das  Fremdländische,
das  uns  um  unsere  Kraft  und  der  damit  hervorgebrachten  Kulturfortschritte
  in  kleinlicher  Weise  beneidete  und  sich  anmaßte,  uns  und  diese
vernichten  zu  können.

Der  deutsche  Sozialdemokrat  ist  also  nicht  ein  Kämpfer  für  das
deutsche  Vaterland  weil  er  muß,  sondern  weit  mehr  weil  er  kann  und
weil  er  gesehen  hat,  daß  er  eine  Kultur  verteidigt,  die  bei  allen  ihren
Mängeln  und  mit  allen  ihren  Unzulänglichkeiten  denen  anderer  Länder
doch  weit  überlegen  ist.  «

Er  verteidigt,  mit  anderen  Worten  gesagt,  einen  Kulturfortschritt,
  der  weder  in  der  geographischen  Lage  unseres  Landes  noch  in
seinen  Hilfsmitteln  seine  Begründung  hat,  denn  in  dieser  Beziehung
steht  Deutschland  hinter  seinen  Gegnern  erheblich  zurück,  sondern  im
Charakter  und  in  der  Erziehung  seiner  Bewohner.  Er  verteidigt  also
den  bessern  Menschen  sowie  die  Möglichkeit,  daß  dieser  sich  noch  zu
einem  vollkommneren  entwickeln  kann  und  zwar  auf  dem  von  ihm  als
richtig  erkannten  Wege.

Der  Anhänger  einer  materialistischen  Weltanschauung  hat  sich
also,  wie  schon  bemerkt,  im  Felde  zu  einem  praktischen  Idealismus
bekehrt,  der  von  demjenigen  seiner  innerpolitischen  Gegner  nicht  im
geringsten  abweicht.

Praktisch  hat  also  der  historische  Materialismus  in  seinen  Anhängern
  genau  das  Gegenteil  von  dem  getätigt,  was  er  lehrt.
Ungekehrt  find  bei  den  Zurückgebliebenen  und  zwar  vielfach  auch
bei  den  politischen  Antipoden  der  Sozialdemokratie,  die  gerade  als
1
        <pb n="8" />
        4

mehr  oder  weniger  gläubige  Christen  Anhänger  einer  idealistischen
Weltanschauung  sein  wollen,  Erscheinungen  zu  Tage  getreten,  die  die
schäbigste  und  widerwärtigste  materialistische  Gesinnung  dokumentierten.
wenn  man  den  Materialismus  im  obigen  Sinne  nimmt,  d.  h.  daß  er
sich  in  der  Gier  nach  Besitz  von  irdischen  Gütern  äußert  und  zwar
unter  vollständiger  Nichtachtung  der  zukünftigen  Abrechnung,  die  die
Kirche  hierfür  in  Aussicht  stellt.

Diese  unerfreuliche  Begleiterscheinung  des  Krieges  läßt  sich  erklären
  aber  nicht  rechtfertigen.

Erklären  läßt  sie  sich  damit,  daß  der  Krieg  an  sich  eine  gewisse
volkswirtschaftliche  Umwälzung  und  Umformung  mit  sich  bringt.  Da
aber  der  Umfang  und  die  Dauer  des  Krieges  nicht  vorauszusehen  waren,
so  war  auch  die  Größe  und  Bedeutung  der  volkswirtschaftlichen  Umgruppierung
  nicht  vorauszusehen.  Anderseits  fehlte  die  Erfahrung  für
einen  Krieg  bei  solchen  volkswirtschaftlichen  Verhältnissen,  wie  sie  das
Deutsche  Reich  gegenwärtig  umfaßt.  Immerhin  hat  aber  ein  wesentlicher
  Teil  unseres  politischen  Lebens  sich  damit  befaßt,  Vorbereitungen
für  einen  solchen  Krieg  ins  Auge  zu  fassen,  und  es  ist  auch  gar  nicht  zu
übersehen,  daß  wir  in  militärischer  Beziehung,  in  Geldheranschaffung
und  im  Transportwesen  vollständig  bereit  und  auf  der  Höhe  waren.
Selbst  der  Entwickelung  unserer  Landwirtschaft  war  die  Richtung  ge
geben,  in  der  sie  sich  derartig  entwickelt  hat,  daß  sie  uns  in  der  Ernährungsfrage
  während  des  Krieges  zur  Not  vom  Auslande  unabhängig
machen  konnte.  «

Was  aber  nach  allgemeiner  Ansicht  nicht  auf  der  Höhe  war  und
was  zu  fast  unerträglichen  Folgen  geführt  und  einen  recht  üblen  und
unangenehmen  Eindruck  hinterlassen  hat,  das  ist  die  Organisation  und
Anpassung  der  Gütererzeugung  und  Güterverteilung  während  des
Krieges.  ·

Es  ist  ja,  wie  bereits  bemerkt,  zu  berücksichtigen,  daß  für  solche
Fälle  bisher  die  Erfahrung  gefehlt  hat,  und  daß  der  dazu  vorhandene
Beamtenapparat  etwas  schwerfällig  und  umständlich  war,  wogu  noch
kommt,  daß  letzterer  auch  durch  starke  Heranziehung  zum  Heeresdienst
sehr  verringert  war.  Anderseits  mag  man  sich  auch  wohl  von  vornherein
  in  der  Dauer  des  Krieges  getäuscht  haben.  "

Jedenfalls  hat  dieser  Apparat  versagt  und  Erscheinungen  gezeitigt,
  die  für  unsere  mühsam  erworbene  Kultur,  die  auf  dem  Schlachtfelde
  schwer  verteidigt  werden  mußte,  allein  die  Kehrseite  bedeutete.

E-s  ist  nicht  zu  bestreiten,  daß  während  eines  Krieges  die  Bedarfsartikel
  dafür  auf  alle  Fälle  schnell  und  sicher  herangeschafft  werden
müssen,  und  daß  hierbei  eine  pedantische  Sparsamkeit  unter  Umständen
verhängnisvoll  werden  kann.  Damit  liegt  aber  immer  noch  nicht  die
        <pb n="9" />
        5

Notwendigkeit  vor,  ohne  Besinnen  und  Überlegung  das  Geld  mit  vollen
Händen  auszugeben,  wie  dieses  im  Anfang  tatsächlich  der  Fall  gewesen
ist.  Wenn  das  deutsche  Volk  Selbstvertrauen  genug  besitzt  und  dem
Staate  die  notwendigen  Mittel  reichlich  zur  Verfügung  stellt,  so  hat
es  damit  sicher  nicht  die  Absicht,  eine  reichliche  Anzahl  Millionäre  zu
züchten,  sondern  es  will  unter  allen  Umständen  dafür  eintreten,  daß
diejenigen,  die  draußen  unter  den  größten  Anstrengungen  täglich  ihr
Leben  einsetzen  müssen,  in  jeder  Weise  nicht  nur  selbst  sondern  auch
mit  ihren  Familien  ausreichend  versorgt  sind.

Man  kann  sich  durchaus  nicht  vorstellen,  daß  der  Staat  unter
allen  Umständen  gezwungen  ist,  für  das  dringend  Notwendige  jeden
Preis  zu  zahlen,  und  es  wird  jeder  verständlich  und  gerecht  finden,
daß  die  Behörde  dort,  wo  bei  den  Lieferanten  die  Vaterlandsliebe  für
die  größte  Anspannung  nicht  hinreichend  ist,  mit  einem  gelinden  Zwang
und  recht  entschieden  nachhilft.

Jedenfalls  haben  die  Behörden  gezeigt,  vorausgesetzt,  daß  sie  als
Diener  der  Allgemeinheit  und  nicht  als  Organe  der  kapitalistischen
Produktion  angesehen  werden  wollen,  daß  sie  zu  dem  Idealismus  des
den  Kapitalismus  repräsentierenden  Bürgertums  in  Stadt  und  Land
kein  großes  Vertrauen  haben.

Von  diesem  Standpunkt  kann  es  sich  dann  auch  nur  darum  handeln,
  daß  man  jenen  Patrioten  den  in  schwerer  Zeit  so  leicht  verdienten
Mammon  in  der  Form  von  Steuern  nach  Möglichkeit  wieder  abnimmt,
zumal  der  Staat  Aufgaben  zu  erfüllen  hat,  die  an  die  Steuerkraft  seiner
zahlungsfähigen  Angehörigen  ohnedem  in  nächster  Zeit  die  höchsten
Anforderungen  stellen.

Derselbe  Maßstab  ist  auch  an  die  Verdienste  zu  legen,  die  durch
die  Teuerung  im  allgemeinen  und  diejenige  der  Nahrungemittel  im
besonderen  erzielt  sind.  Auch  hier  konnte  sich  der  Staat  nicht  auf  den
Idealismus  der  bemittelten  Klassen  verlassen,  sondern  er  mußte  eine
gewisse  Teuerung  für  notwendig  ansehen,  um  die  Leute  als  Konsumenten
  zur  Sparsamkeit  und  als  Produzenten  zur  Anpassung  an  die  gegebenen
  Verhältnisse  zu  erziehen,  da  es  unbedingt  notwendig  war,  mit
den  vorhandenen  und  erreichbaren  Produkten  haushälterisch  umzugehen.

Bei  solcher  in  gewissen  Grenzen  notwendigen  Wirtschaft  ist  aber
eine  Besteuerung  der  Verdienste  um  so  mehr  gerechtfertigt,  als  der
deutsche  Krämergeist,  der  dem  englischen  nur  in  der  Quantität  nachsteht,
  in  seiner  Zügellofigkeit  geradezu  hochverräterisch  gewirkt  hat.  Es
muß  als  der  Gipfel  der  Harmlosigkeit  oder  als  Zeichen  politischer  Verblödung
  angesehen  werden,  wenn  diese  Leute  das  gewaltigste  Völkerringen,
  das  je  die  Erde  gesehen  und  das  sich  in  seinen  Folgen  um  nichts
        <pb n="10" />
        6  —

geringeres  als  um  Sein  oder  Nichtsein  des  deutschen  Wesens  drehen
sollte,  vom  Standpunkt  des  Geldverdienens  aufgefaßt  haben.  Wenn
sie  gewissermaßen  den  Krieg  als  eine  Gelegenheit  angesehen  haben,  bei
der  in  einem  abgeschlossenen  Wirtschaftsgebiet  mit  begrenzten  Subsistenzmitteln
  einer  Minderheit  die  Menge  der  Verbraucher  zur  Ausplünderung
  freigegeben  sei,  wobei  obendrein  von  letzterer  noch  höhnend
verlangt  wurde,  daß  sie  sich  stillschweigend  das  Fell  über  die  Ohren
ziehen  lassen  sollte,  damit  nicht  irgendwelche  Klagen  über  die  Unzulänglichkeit
  der  Ermährung  die  Feinde  zur  Verlängerung  des  Krieges
veranlassen  könnten.

Jedenfalls  hat  der  Krieg  die  Erscheinung  gezeitigt,  daß  die  Anhänger

  einer  materialistischen  Weltanschauung  praktisch  eine  idealistische
Gesinnung  gezeigt  haben,  während  umgekehrt  Anhänger  einer  idealistischen
  Weltanschauung  im  Gegensatz  praktisch  im  Materialismus  versumpft
  sind.
«  Es  soll  damit  aber  nicht  gesagt  sein,  daß  die  draußen  von  Hause
aus  bessere  Menschen  waren  als  die  anderen.  Da  es  sich  draußen  und
drinnen  um  Männer  desselben  Blutes,  derselben  Anlagen  und  derselben
Erziehung  handelt,  so  ist  sogar  anzunehmen,  daß  bei  umgekehrter
Gruppierung  die  idealistische  Gesinnung  draußen  und  die  materialistische
  drinnen  genau  dieselbe  gewesen  wäre.  Womit  aber  nicht  gesagt  sein
soll,  daß  nach  den  Erfahrungen  an  der  Front  die  Anschauungen  der
dort  gewesenen  sich  nicht  geändert  hätten.

Wenn  man  nun  aus  dieser  eigenartigen  Begriffsverwirrung  den
beteiligten  Personen  keinen  Vorwurf  machen  darf,  so  kann  man  sehr
leicht  zu  dem  Schluß  kommen,  daß  der  Krieg  bewiesen  hat,  daß  die
Menschen  bei  der  gegenwärtigen  Wirtschaftsform  in  ihrer  praktischen
Betätigung  im  obigen  Sinne  von  Hause  aus  weder  idealistisch  noch
materialistisch  sind,  sondern  daß  sie  dieses  erst  durch  die  äußeren  Verhältnisse
  werden.

Mit  solchem  Schluß  stehen  wir  dann  überhaupt  vor  der  Frage,
wieweit  der  Mensch  die  äußeren  Verhältnisse  oder  umgekehrt  die
äußeren  Verhältnisse  den  Menschen  machen.  D.  h.  wir  stehen  damit
vor  der  Frage,  wieweit  der  Krieg  die  Theorien  des  sogenannten  historischen
  Materialismus  der  Sozialdemokratie  widerlegt  oder  bestätigt  hat.

Ehe  wir  an  die  Beantwortung  dieser  Frage  gehen,  wollen  wir
uns  erst  darüber  klar  werden,  was  überhaupt  philosophisch  sowohl  unter
Materialismus  und  Idealismus  als  auch  unter  Monismus  und  Dualismus
  zu  verstehen  ist.  —  Man  kommt  zu  diesen  Begriffen  durch  folgende
Betrachtung:  Wenn  wir  alle  Erscheinungen  und  Geschehnisse  in  der
Natur  des  Menschen  vom  philosophischen  Standpunk'  betrachten,  so  finden
wir,  daß  alle  zusammenhängenden  Geschehnisse  in  der  Zeit  im  Ver-
        <pb n="11" />
        7

hältnis  von  Ursache  und  Wirkung  oder  von  Grund  und  Folge  stehen
und  zwar  sowohl  die  körperlichen  als  auch  die  geistigen.  Der  Dualismus,
  der  immer  Idealismus  ist,  nimmt  nun  an,  daß  das  Geistige  vom
Körperlichen  nicht  nur  unabhängig,  sondern  letzterem  auch  übergeordnet
ist  und  mit  ihm  als  Ganzes  in  einer  uns  unergründlichen  Weise  in
Wechselwirkung  steht.  D.  h.  mit  anderen  Worten:  Der  Körper  dient
dem  Geistigen,  der  Seele,  gewissermaßen  als  zeitliches  Organ.  Für
den  Idealismus  besteht  also  das  Problematische  darin,  daß  er  den  Zusammenhang
  zwischen  Seele  und  Körper  nicht  ergründen  kann,  da  er
auf  das  Dasein  einer  Seele  nur  aus  dem  Dasein  des  Geistigen  in  uns
schließt.  Er  schließt  gewissermaßen  von  einer  seelischen  Wirkung  auf
eine  seelische  Ursache,  ohne  deren  Natur  und  Wesen  je  ergründen  zu
können.  Dieses  Nicht-ergründen-können  hat  im  Lauf  der  Zeit  die
verschiedenen  Ansichten  über  die  Natur  der  Seele  und  ihre  Außerung
hervorgebracht,  von  denen  im  folgenden  noch  ausführlich  die  Rede
sein  wird.

Da  also  das  voneinander  unabhängige  körperliche  und  seelische
Ursachsverhältnis  das  Wesen  des  Dualismus  und  Idealismus  ausdrückt,
so  ist  alles,  was  diese  Unterscheidung  der  Ursachsverhältnisse  oder  Kausalitäten
  nicht  annimmt,  kein  Dualismus.  Da  es  ein  drittes  nicht
gibt,  so  kann  es  nur  Monismus  sein.  Nach  dem  Monismus  muß  also
das  Geistige  restlos  eine  Außerung  des  Materiellen  sein,  in  diesem
Sinne  ist  Monismus  auch  gleichbedeutend  mit  Materialismus.  Die
meisten  Materialisten,  Monisten  und  auch  die  Sozialdemokratie  nehmen
hierbei  an,  daß  das  Geistige  in  der  körperlichen  Organisation  eine  zufällige
  Begleiterscheinung  des  Materiellen  ist.  In  diesem  Sinne  gibt
es  für  den  Materialismus  nur  ein  körperliches  Ursachsverhältnis,  das
sowohl  eine  Zweckbestimmung  des  Menschen  als  auch  einen  Gott  ausschließt,
  oder  letzteren  wenigstens  als  überflüssig  in  der  Welt  anfieht.
Da  es  aber  auch  für  den  Materialismus  im  Menschen  etwas  Geistiges
gibt,  so  muß  es  auch  für  ihn  einen  Zusammenhang  zwischen  körperlicher
Ursache  und  geistiger  Wirkung  geben;  d.  h.  es  muß  einen  Übergang  von
körperlicher  Bewegung  in  Vorstellen  und  Denken  geben  und  dieses  ist  das
Problematische  des  Materialismus,  das  genau  gesehen  mit  demjenigen
des  Idealismus  identisch  ist  und  nur  anders  formuliert  ist.  Auch  der
Materialismus  hat  dieses  Problematische  bisher  nicht  befriedigend  ergründen
  können  und  infolgedessen  auch  seinerseits  verschiedene  Ansichten
und  Systeme  hervorgebracht.  -

Vom  Standpunkt  des  Materialismus  kann  dieses  aber  auch  so
erklärt  werden,  daß  das  Körperliche  der  Inhalt  und  das  Geistige  die
Form  aller  Dinge  ist.  Und  wenn  auch  beides  zusammengehört  und
das  eine  ohne  das  andere  nicht  denkbar  ist,  so  ist  doch  nach  dieser  An-
        <pb n="12" />
        8
sicht  das  Materielle  das  Ursprüngliche,  das  Primäre  und  die  Form  nicht
das  Zufällige,  sondern  das  Abhängige  oder  Sekundäre  und  inbezug
auf  die  Zweckmäßigkeit  der  geformten  Materie  auch  das  Ideelle.  Nach
solcher  Auffassung  ist  der  Idealismus  nichts  weiter  als  das  Regulativ
des  Materialismus.

Jedenfalks  steht  fest,  daß  im  Menschen  ein  körperliches  Ursachsverhältnis
  vorhanden  ist,  das  im  Magen  des  Menschen  wurzelt  und  ein
geistiges,  das  im  Kopfe  seinen  Sitz  hat,  sowie  daß  beides  in  irgend
einer  wechselseitigen  Beziehung  zueinander  steht,  die  uns  unergründlich
ist  und  für  die  wir  uns  nur  eine  mehr  oder  weniger  ausreichende  Erklärung
  suchen  können.

Solche  mehr  oder  weniger  ausreichenden  Erklärungen  sind  die
metaphysischen  Grundlagen  aller  Weltanschauungen,  von  denen  die  für
uns  in  Frage  kommenden  im  folgenden  ausführlich  erörtert  werden
sollen.  Und  zwar  soll  hierbei  die  körperliche  Ursache  mit  materialistisch
und  die  geistige  mit  idealistisch  im  obigen  Sinne  bezeichnet  werden,
d.  h.  soweit  es  sich  nicht  um  die  Darstellung  einer  Weltanschauung  handelt,
  die  einen  Dualismus  voraussetzt.

Der  historische  Materiallsmus  und  die  Philosophie.

Nach  Engels  und  Marx  geht  die  materialistische  Anschauung  der
Geschichte  von  dem  Satz  aus,  daß  die  Produktion  der  Güter  und  nächst
dieser  der  Austausch  der  Produkte  die  Grundlage  aller  Gesellschaftsordnung
  ist.  Daß  ferner  in  jeder  geschichtlich  auftretenden  Gesellschaft
die  Verteilung  der  Produkte  und  mit  ihr  die  soziale  Gliederung  in
Klassen  und  Stände  sich  danach  richtet,  was  und  wie  produziert  und  wie
das  Produzierte  ausgetauscht  wird.  Hiernach  sind  die  letzten  Ursachen
aller  gesellschaftlichen  Veränderungen  und  politischen  Umwälzungen
nicht  in  den  Köpfen  der  Menschen,  in  ihrer  zunehmenden  Einsicht  in  die
ewige  Wahrheit  und  Gerechtigkeit  zu  suchen,  sondern  in  Veränderungen
der  Produktions=  und  Austauschweise;  sie  sind  zu  suchen  nicht  in  der
Philosophie  sondern  in  der  Okonomie  der  betreffenden  Epoche.

Die  erwachende  Einsicht,  daß  die  bestehenden  gesellschaftlichen
Einrichtungen  unvernünftig  und  ungerecht  sind,  daß  Vernunft  Unsinn,
Wohltat  Plage  geworden  ist,  war  ein  Anzeichen  davon,  daß  in  den
Produktionsmethoden  und  Austauschformen  in  aller  Stille  Veränderungen
  vor  sich  gegangen  sind,  zu  denen  die  auf  frühere  ökonomische
Bedingungen  zugeschnittene  gesellschaftliche  Ordnung  nicht  mehr  stimmt.

Nach  dieser  Ansicht  spielt  der  Kopf  mit  seinen  geistigen  Tätigkeiten,
  sowie  die  Liebe  und  der  Haß  seinen  Mitmenschen  gegenüber  bei
den  Veränderungen  und  Umwälzungen  politischer,  religiöser  und  wirt-
        <pb n="13" />
        9

schaftlicher  Natur  nur  eine  untergeordnete  Rolle.  Nach  dieser  Ansicht
kann  es  nur  ein  körperliches  Ursachsverhältnis  geben,  bei  dem  das
Geistige  eine  zufällige,  daher  untergeordnete  Begleiterscheinung  ist.
Wird  nach  dieser  Ansicht  die  Produktionsweise  geändert,  so  werden  auch
die  Menschen  geändert.

,  Wenn  nach  dieser  Ansicht  der  philosophische  Inhalt  der  Menschheit
  nur  eine  zufällige  und  abhängige  Begleiterscheinung  der  ökonomischen
  Entwicklung  ist,  so  ist  das  Leben  der  Menschheit  in  seiner  Entwicklung
  gewissermaßen  nur  eine  Magenfrage  und  die  Philosophie  ist
nur  ein  einfacher  und  bedeutungsloser  Teil  der  Volkswirtschaft.

Marxg,  der  dieses  etwas  näher  ausführt,  geht  scheinbar  von  der
Ansicht  aus,  daß  alle  bürgerlichen  Okonomen  Anhänger  der  Metaphysik
Hegels  find,  von  der  er  selbst  den  Ausgang  seiner  philosophischen  Entwicklung
  genommen  hat.  Er  nimmt  also  an,  daß  alle  bürgerlichen
Okonomen  Anhänger  eines  philosophischen  Idealismus  in  des  Wortes
verwegenster  Bedeutung  sind.  Nach  dieser  Voraussetzung  sollen  alle
Nichtanhänger  des  historischen  Materialismus  die  Produktionsverhältnisse
  wie  Arbeitsteilung,  Kredit,  Geld  u.  a.  als  fixe  unveränderliche  Kategorien
  annehmen.  Ihre  veränderlichen  Materialien  sollen  das  bewegte
und  bewegende  Leben  der  Menschen  sein.

Nach  dieser  Ansicht  sieht  man  in  den  ökonomischen  Kategorien
nur  von  selbst  entstandene  Ideen,  d.  h.  von  den  wirklichen  Verhältnissen
unabhängige  Gedanken,  deren  Ursprung  in  der  Bewegung  der  reinen
Vernunft  liegt.  Die  reine  Vernunft  erzeugt  sie  mit  Hilfe  der  Hegelschen
  Dialektik,  nach  der  aus  zwei  sich  negierenden  logischen  Kategorien
dialektisch  eine  dritte  entwickelt.  Nach  der  gewissermaßen  aus  der  Negierung
  der  These  durch  die  Antithese  die  Synthese  entsteht.  Anderseits
  müssen  die  ökonomischen  Verhältnisse  aber  abhängig  von  den
Ideen  der  reinen  Vernunft  sein.  Die  logische  Kategorie,  auf  deren  Begriff
  ich  bei  der  Philosophie  Kants  näher  eingehe,  ist  hiernach  das
Wesen  aller  Dinge.  Nach  dieser  dialektischen  Methode  ist  der  Begriff
lederzeit  in  Bewegung;  er  bleibt  nicht  das,  was  er  ist,  sondern  durch  die
in  ihm  liegende  Negation  hebt  er  sich  selbst  auf,  die  Negation  wird  aber
selbst  wieder  negiert,  so  daß  ein  neuer  Begriff  entsteht.

Die  mit  Hilfe  der  dialektischen  Methode  entwickelten  Kategorien
werden  durch  die  Vernunft  in  den  Dingen  als  Ideen  obiektiviert,  auf
welche  Weise  der  Zusammenhang  ökonomischer  Verhältnisse  nichts
anderes  als  angewandte  Metaphysik  bedeutet.  D.  h.  die  ökonomische
Entwicklung  ist  nur  die  Wirkung  der  in  den  Köpfen  der  Menschen  nach
der  dialektischen  Methode  entstehenden  Gedanken  als  Ursache.

Marx  hat  nun  die  Hegelsche  Theorie  in  der  Weise  auf  den  Kopf
gestellt,  daß  er  die  dialektische  Bewegung  im  Zusammenhang  der  Natur
        <pb n="14" />
        10

gesehen  hat  und  zwar  nicht  im  Metaphysischen  derselben,  sondern  im
Materiellen.  Im  speziellen  hat  er  diese  Ansicht  auf  die  Dinge  und
Verhältnisse  der  Volkswirtschaft  angewandt.  Marx  nimmt  wie  Hegel
die  Welt  als  einen  Komplex  von  Prozessen  und  nicht  als  solchen  von
unveränderlichen  zufälligen  Dingen.  D.  h.  also:  Die  Menschen  machen
nicht  die  ökonomischen  Verhältnisse  inbezug  auf  Produktion  und  Austauschweise
  der  materiellen  Güter,  sondern  umgekehrt  machen  letztere
den  Menschen  und  zwar  hauptsächlich  das,  was  er  in  politischer,  moralischer,
  religiöser  und  überhaupt  philosophischer  Beziehung  bedeutet.

Nach  Maxx  ist  also  der  ökonomische  Prozeß  in  der  Gesellschaft
nicht  ein  solcher  von  zufälligen  Dingen  und  Verhältnissen,  sondern  er
ist  ein  notwendiger  Entwicklungsprozeß,  bestimmt  durch  die  in  den
ökonomischen  Kategorien  festliegenden  Entwicklungsbedingungen.  Ein
Prozeß,  der  durch  die  Einsicht  und  den  Willen  der  Menschen  vielleicht
beschleunigt  oder  verlangsamt  werden  kann,  der  aber  von  ihm  nicht  geändert
  werden  kann,  sondern  der  umgekehrt  die  Menschen  ändert.  Dieser
Satz  drückt  gewissermaßen  das  philosophisch  Materialistische  des  historischen
  Materialismus  aus.  «

In  diesem  Sinne  kann  von  einer  zweckmäßigen  ökonomischen
Entwicklung  nicht  die  Rede  sein.  Die  Entwicklung  ist  zwar  nicht  zufällig,
  sondern  sie  bewegt  sich  nach  in  ihr  liegenden  Naturgesetzen.  Auf
die  Zweckmäßigkeit  für  den  Menschen  nimmt  sie  aber  keine  Rücksicht.
Die  Menschheit  hat  hiernach  keinen  anderen  Zweck,  als  sich  in  fatalistischer
  Ergebenheit  den  gegebenen  Verhältnissen  möglichst  vorteilhaft  anzupassen.


In  der  Wirklichkeit  sieht  dieses  aber  etwas  anders  aus.  Nehmen
wir  beispielsweise  die  kapitalistische  Produktion  im  Marxschen  Sinne,
so  finden  wir,  daß  diese  die  Konkurrenz  entwickelt  hat.  Die  Wirkung  der
Konkurrenz  läßt  sich  aber  sowohl  von  einer  guten  als  auch  schlechten
Seite  betrachten,  worauf  in  anderer  Beziehung  bereits  Proudhon  hingewiesen
  hat.

Betrachten  wir  die  Konkurrenz  zuerst  von  der  schlechten  Seite,  so
werden  wir  finden,  daß  sie  als  Folge  die  Überproduktion  hervorbringt,
diese  wird  durch  den  Minderprofit  negiert  und  aus  beiden  erfolgt  die
dialektische  Entwicklung  der  Syndikate  und  Produktionsverbände.

Es  läßt  sich  gar  nicht  verkennen,  daß  solche  Verbände  und  Syndikate
  eine  Profitverbesserung  nicht  durch  eine  Verbesserung  und  Vervollkommnung
  der  Produktion  erstreben,  sondern  sie  wollen  durch
Preispolitik  nur  den  Modus  der  Mehrwertverteilung  beeinflussen  und
zwar  zu  ungunsten  anderer  Erwerbsstände;  denn  das  darf  nicht  übersehen
  werden,  die  Erwerbsstände  als  Ganzes  können  den  Profit  nicht
willkürlich  erhöhen.  Eine  Nation  kann  schließlich  eine  andere  über-
        <pb n="15" />
        11

vorteilen,  wenn  sie  z.  B.  Glasperlen  gegen  Goldkörner  austauscht,  oder
Kattun  gegen  Elfenbein,  sie  kann  sich  aber  nicht  selbst  übervorteilen.
Jedenfalls  führt  die  Entwicklung  zu  Privatmonopolen  und  Syndikaten
zu  einer  Negation  des  Guten  der  kapitalistischen  Produktionsweise.
Wenn  sie  als  gute  Seite  schließlich  auch  manchmal  den  Zweck  haben,
daß  sie  Werte  erhalten,  so  haben  sie  immerhin  etwas  von  Enteignung
durch  eine  Kapitalistenklasse  an  sich,  die  die  Proletarisierung  fördert  und
zum  mindesten  einem  Staatssozialismus  entgegentreibt.

Betrachtet  man  die  kapitalistische  Produktion  und  mit  ihr  die
Konkurrenz  aber  von  der  guten  Seite,  so  liegt  diese  darin,  daß  die
Ülberproduktion  den  Profit  zugunsten  des  Verbrauchers  vermindert  und
daß  sie  den  Produzenten  zwingt,  durch  Fortschritt  seinen  Betrieb  auf
die  Höhe  zu  bringen.  In  dieser  Wirkung  liegt  überhaupt  der  Zweck  der
ganzen  kapitalistischen  Wirtschaftsweise.

Wie  man  sieht,  kommt  es  bei  der  Entwicklung  ganz  darauf  an,
von  welcher  Seite  man  die  Sache  betrachtet.  Wenn  der  Kapitalist  und
mit  ihm  die  Gesellschaft  das  Profitmachen  als  Selbstzweck  ansieht,  so
negieren  sie  sich  selbst  und  arbeiten  selbst  an  ihrer  Ausschaltung;  in
diesem  Sinne  sind  sie  gewissermaßen  die  praktischen  Anhänger  des
Marxismus.  Betrachtet  die  Gesellschaft  den  Kapitalismus  aber  als
Mittel  zum  Zweck,  wirkt  seinen  Auswüchsen  entgegen  und  lenkt  seine
Entwicklung  auf  den  richtigen  Weg,  so  kann  sich  sicher  der  Kapitalismus
zum  Wohle  des  Ganzen  so  lange  behaupten,  als  er  notwendig  ist.

Vor  allen  Dingen  zeigt  uns  dieses  aber,  daß  in  der  ökonomischen
Entwicklung  nichts  historisch  Materialistisches  ist,  das  mit  Notwendigkeit
  zu  einer  bestimmten  Produktionsänderung  führen  muß.  Die  Entwicklung
  in  der  Okonomie  nimmt  den  Gang,  den  ihr  Einsicht  und
Moral  der  Gesellschaft  vorschreiben.

Einsicht  und  Moral  haben  aber  nur  eine  feststehende  Bedeutung
inbezug  auf  einen  Zweck.  D.  h.  die  Menschen  können  keine  Naturgesetzmäßigkeit
  schaffen;  sie  können  aber  die  Richtung  einer  Entwicklung
beeinflussen,  d.  h.  sie  können  die  Richtung  einer  Entwicklung  so  beeinflussen,
  daß  sie  für  die  Gesellschaft  zweckmäßig  ist  oder  nicht.  Es  sieht
dieses  zwar  nicht  sehr  materialistisch  aus,  der  Materialismus  läßt  aber,
wie  ich  im  dritten  Abschnitt  näher  ausführen  werde,  eine  Zweckmäßigkeit
  nicht  nur  zu,  sondern  er  muß  sie  für  eine  Entwicklungstheorie  überhaupt
  voraussetzen.  Die  Zweckmäßigkeit  ist  für  ihn  nur  keine  Sache  der
à  priori-Erkenntnis  oder  der  unmittelbaren  göttlichen  Offenbarung,
sondern  es  ist  für  ihn  eine  reine  Erfahrungssache.

Für  Marx  spielt  die  Einsicht  in  der  Entwicklung  insofern  eine
Rolle,  als  er  bei  der  Umwandlung  der  einen  in  die  andere  Produktionsweise
  an  die  Einsicht  und  Urteilskraft  des  Menschen  appelliert.  Die
        <pb n="16" />
        12

politischen  Bestrebungen  der  Sozialdemokratie  sind  hierfür  ein  schlagendes
  Beispiel.  Die  Arbeiter,  die  an  der  Umwandlung  der  einen  Produktionsweise
  in  die  andere  das  größte  Interesse  haben,  sollen  dahin
wirken,  daß  die  dialektische  Entwicklung  der  Okonomie  eine  Beschleunigung
  in  der  Richtung  nimmt,  die  zum  Untergang  des  Kapitalismus
führt.  Im  speziellen  sollen  sie  dahin  wirken,  daß  die  Expropriation
durch  einzelne  Kapitalisten  und  damit  eine  weitgehende  Proletarisierung
zunimmt.  Am  Ende  soll  auch  dann  noch  die  Gewalt  eine  revolutionäre
Rolle  in  der  Weise  spielen,  daß  sie  die  Geburtshelferin  der  alten  Gesellschaft,
  die  mit  einer  neuen  schwanger  geht,  ist.  Die  Gewalt  soll  das
Werkzeug  sein,  womit  sich  die  gesellschaftliche  Bewegung  schließlich
durchsetzt  und  erstarrte,  abgestorbene  politische  Formen  zerbricht.
Nimmt  man  die  Zielstrebigkeit  der  Sozialdemokratie  philosobhisch,
  so  verträgt  sie  sich  überhaupt  schlecht  mit  dem  historischen  Materialismus.
  Denn  wenn  nach  letzterem  die  kapitalistische  Wirtschaftsweise
  den  Widerspruch  als  Regation  in  sich  trägt,  warum  soll  dieses  für
die  sozialdemokratische  Wirtschaftsweise  anders  sein?  Oder  ist  letztere
das  „non  plus  ultra“  des  historischen  Materialismus,  bei  dem  dieser
in  einen  unbeweglichen  Idealismus  umschlägt?  D.  h.  bei  dem  die
ökonomischen  Kategorien  zum  Stillstand  gekommen  sind  und  bei  dem
die  Einsicht  und  Urteilsfähigkeit  der  Menschen  wieder  zur  Geltung
kommen.  Die  Kulturgeschichte  der  Menschheit  belehrt  uns  hierüber
doch  etwas,  anders.  Sozialistischer  Kommunismus  hat  bereits  zu  verschiedenen
  Zeiten  und  an  verschiedenen  Orten  existiert.  Woran  hat  es
nun  gelegen,  daß  diese  Wirtschaftsweise,  die  obendrein  noch  den  Anforderungen
  des  Christentums  gerecht  wird,  durch  eine  andere  und
zwar  weniger  christliche  abgelöst  wurde?  Man  könnte  auch  hier  sagen,
dieser  Kommunismus  hat  dadurch  Fiasko  gemacht,  weil  er  den  Widerspruch
  als  Negation  in  sich  getragen  hat  und  zwar  ausgedrückt  dadurch,
daß  er  den  Fortschritt  nicht  hat  aufkommen  lassen.  Und  warum  hat
er  den  Fortschritt  nicht  auffkommen  lassen?  Sicher  nicht,  weil  sein
innerer  Widerspruch  dagegen  war,  sondern  einzig  und  allein,  weil  die
Menschen  für  eine  solche  Wirtschaftsweise  geistig  und  sittlich  noch  nicht
reif  waren.  Sie  waren  eben  in  philosophischer  Beziehung  nicht  das
Produkt  dieser  Wirtschaftsweise,  sondern  die  Wirtschaftsweise  war  umgekehrt
  das  Produkt  ihrer  Einsicht  und  Urteilsfähigkeit.  Sie  haben
deshalb  die  Wirtschaftsweise  auch  geändert,  als  sie  ihrer  Einsicht  nicht
mehr  entsprach.  Dasselbe  gilt  auch  heute  noch  für  den  sozialdemokratischen
Kommunismus.  Auch  hierfür  sind  die  Menschen  gegenwärtig  weder
geistig  noch  sittlich  reif.  Eine  wirtschaftliche  Gleichheit  ist  überhaupt
nur  denkbar,  wenn  dieser  eine  philosophische  vorangeht  und  zwar  nicht
eine  solche  auf  niederer  Kulturstufe,  sondern  auf  einer  hohen,  denn  nur
        <pb n="17" />
        13

auf  dieser  kann  sie  sich  gegenüber  anderen  Wirtschaftsweisen  von  Völkern
mit  niederer  Kultur  behaupten.

Schließlich  läßt  sich  die  kapitalistische  Entwicklung  auch  noch  von
einer  anderen  und  zwar  von  der  praktischen  Seite  betrachten.  Die
Marrsche  materialistische  Betrachtung  setzt  die  Tatsache  voraus,  daß
der  Kapitalismus  die  Menschen  in  Kapitalisten  und  Proletarier  scheidet,
d.  h.  daß  er  den  Mittelstand  proletarisiert.  Ist  diese  Voraussetzung
nun  durch  die  Erfahrung  der  letzten  Jahrzehnte  bestätigt?

Es  läßt  sich  nicht  verkennen,  daß  die  Großindustrie  der  Jetztzeit
Bestrebungen  zeigt,  den  konkurrierenden  Kleinbetrieb  aufzusaugen.  Dafür
  hat  sie  aber  in  ihrem  Beamtentum  einen  neuen  Mittelstand  geschaffen.
  Dazu  kommt,  daß  sie  an  die  Institutionen  für  Erziehung,
Rechtspflege,  Verwaltung  usw.  bedeutende  Anforderungen  stellt,  so  daß
auch  diese  Mittelstandsschicht,  wenn  auch  nicht  im  Verhältnis  zum
Arbeiterproletariat,  so  doch  absolut  erheblich  zugenommen  hat.  Und
schließlich  bildet  auch  die  Gliederung  in  Stadt  und  Land  noch  so  zahlreiche
  selbständige  mittlere  und  kleinere  Existenzen,  die  sich  nach  der
Statistik  eher  vermehren  als  vermindern  und  die  den  Aufstieg  in  eine
höhere  erleichtern,  so  daß  von  einer  durchgreifenden  Proletarisierung
noch  nicht  viel  zu  merken  ist.

Es  ist  nicht  zu  bezweifeln,  daß  die  Großindustrie  in  den  Kulturländern
  in  den  letzten  Jahrzehnten  einen  gewaltigen  Aufschwung  genommen
  hat.  Genau  besehen  aber  nicht  allein  dadurch,  daß  ihr  Exansionsbestrebungen
  innewohnen,  die  sie  mit  unwiderstehlicher  Gewalt
dazu  drängen,  sondern  sicher  mehr  dadurch,  daß  sie  aus  einem  Fonds
wirtschaften  kann,  den  ihr  frühere  geologische  Perioden  hinterlassen
haben.  Nämlich,  daß  ihr  ein  riesiger  Kohlenvorrat  zur  Verfügung  steht.
Wenn  man  nicht  gerade  dem  Spruch  huldigt:  „Nach  uns  die  Sintflut!“
so  kann  man  sich  heute  schon  ruhig  die  Frage  vorlegen,  was  aus  der
kapitalistischen  Entwicklung  werden  soll,  wenn  dieser  Vorrat  in  einigen
Jahrhunderten  zu  Ende  geht.  Einen  Parzellenbauer  und  einen  Handwerker
  kann  man  sich  in  Deutschland  auch  ohne  Kohlen  denken.  Einen
Großgrundbesitzer  schon  weniger;  aber  gar  nicht  die  Großindustrie  und
die  großen  Städte.  In  dieser  Hinsicht  ist  es  gar  nicht  unmöglich,  daß
mit  der  Zeit  wieder  eine  Dezentralisation  eintritt,  die  uns  sicher  in
verbesserter  Auflage  noch  einmal  eine  Zeit  der  Kleinbetriebe  wiederbringt.


Der  historische  Materiallsmus  und  die  Vollswirtschaft.

Ich  habe  die  Philosophie  des  historischen  Materialismus  vorweggeschickt.
  Viel  Philosophie  ist  überhaupt  in  ihr  nicht  enthalten.  Wer
        <pb n="18" />
        14  —
in  ihr  etwas  von  einem  philosophischen  System  sucht,  das  auch  den
Fragen  der  Erkenntnistheorie  gerecht  zu  werden  versucht,  der  wird  enttäuscht
  sein.

Die  ganze  Philosophie  des  historischen  Materialismus  ist  und
soll  auch  nach  Maxx  nichts  weiter  sein,  als  in  gewissen  Grenzen  eine
philosophisch-politische  Folgerung  aus  einem  volkswirtschaftlichen  System.
  Dieses  von  Marx  aufgestellte  volkswirtschaftliche  System  ist
dann  auch  die  eigentliche  Grundlage  der  sozialdemokratischen  Weltanschauung,
  mit  der  wir  uns  im  folgenden  näher  zu  beschäftigen  haben.
Das  Philosophische  des  historischen  Materialismus  findet  im  übrigen
noch  seine  vollständige  Widerlegung  im  3.  Abschnitt  dieses  Werkes,
der  sich  eingehend  und  ausschließlich  mit  materialistischer  Philosophie
und  ihren  Folgerungen  beschäftigt.

Matrx  geht  in  seinem  ökonomischen  System  davon  aus,  daß  sich
die  Erzeugung  von  Gebrauchsgegenständen  nach  und  nach  zu  einer
Warenproduktion  entwickelt  hat.  Das  Charakteristische  derselben  ist,
daß  der  Produzent  mit  ihr  nicht  seine  eigenen  Bedürfnisse  befriedigen.
will,  sei  es  durch  eigenen  Verbrauch  oder  durch  Austausch  gegen  andere
Gebrauchsgegenstände;  der  Gesichtspunkt  des  Produzenten  ist  bei  dieser
Gütererzeugung  einzig  und  allein,  die  Waren  billiger  herzustellen  als  zu
verkaufen.  Die  Wertgröße  der  Waren  wird  dabei  bestimmt  durch  das
Quantum  gesellschaftlich  notwendiger  Arbeitszeit,  die  zu  ihrer  Herstellung
  erforderlich  ist.  Das  gemünzte  Gewicht  der  Edelmetalle  dient
hierbei  nur  als  Vergleichs=  und  Wertmaß.  Da  der  Wert  der  Edelmetalle
  aber  auch  in  der  gesellschaftlich  notwendigen  Arbeitszeit  ihrer
Gewinnung  liegt,  so  sind  sie  als  Wertmaß  auch  Austauschäquivalent  bei
der  Warenzirkulation.

Die  in  Geld  ausgedrückte  Wertgröße  der  in  einem  Gegenstand
liegenden  gesellschaftlich  notwendigen  Arbeitszeit  ist  der  Preis  derselben.

Das  Prinzip  der  Warenproduktion  ist,  vermittelst  Geld  Ware
zu  erzeugen  und  diese  wieder  in  Geld  umzusetzen,  wobei  die  Endsumme
  größer  sein  soll  als  die  Anfangssumme.  Die  Differenz  in  der
Anfangs=  und  Endsumme,  die  man  gewöhnlich  mit  Verdienst  bezeichnet,
nennt  Marx  Mehrwert  und  die  Werte,  die  den  Mehrwert  einbringen
und  erzeugen,  sind  Kapital.

Da  unsere  gegenwärtige  Wirtschaftsweise  in  dieser  Form  arbeitet,
so  wird  unser  Zeitalter  mit  Recht  als  das  kapitalistische  bezeichnet
werden  können.

Die  Möglichkeit  des  Mehrwerts  soll  nun  nach  Marx  darin  liegen,
daß  der  gesellschaftliche  Verbrauchswert  einer  Ware  größer  ist,  als  der
gesellschaftlich  notwendigen  Arbeitszeit  für  seine  Herstellung  und  seinen
Vertrieb  entspricht.
        <pb n="19" />
        15

Die  Quelle,  aus  der  der  Mehrwert  angeeignet  werden  kann,  wird
gefunden,  wenn  man  davon  ausgeht,  daß  die  Warenwerte  als  gesellschaftlich
  notwendige  Arbeitszeit  durch  Arbeit  geschaffen  werden,  infolgedessen
  ist  der  Warenwert  nur  Arbeit,  die  vergegenständlicht  ist,  d.  h.
also  die  Arbeit  und  mit  ihr  die  Arbeitskraft  ist  schlechthin  auch  eine
Ware  und  infolgedessen  der  Besitzer  der  Arbeitskraft  ein  Warenbesitzer.

Diesem  Warenbesitzer  für  die  Arbeitskraft  weniger  zu  zahlen,
als  fie  einbringt,  ist  nach  Marx  die  Quelle  des  Mehrwerts.

In  Wirklichkeit  verhält  es  sich  aber  mit  der  Quelle  des  Mehrwerts
etwas  anders  und  zwar  liegt  die  Möglichkeit  des  Mehrwerts  allein
darin,  daß  die  Gesellschaft  mehr  Werte  zu  produzieren  vermag  und
auch  produziert,  als  sie  nach  den  gleichzeitigen  gesellschaftlichen  Ansprüchen
  verbraucht.  ÜUber  diesen  Mehrwert  soll  nun  in  irgend  einer
Weise  durch  Verteilung  so  verfügt  werden,  daß  er  den  Anreiz  zur
Steigerung  bietet,  und  dieses  kann  bei  der  Ungleichheit  der  Menschen
im  Wollen  und  Können  nur  dadurch  geschehen,  daß  er  im  Prinzip  als
Zugkraft  dem  zukommen  soll,  der  ihn  verursacht  hat  und  der  ihn  verdient.
  Hierzu  ist  der  Eigentumsbegriff  Voraussetzung  und  die  daraus
hervorgehende  Kapitalbildung  ist  gegenwärtig  das  alleinige  Mittel  zum
Zweck.  Die  Möglichkeit  der  praktischen  Durchführung  dieses  Prinzips.
liegt  nun  darin,  daß  der  gesellschaftliche  Verbrauchswert  einer  Ware
größer  ist  als  der  gesellschaftliche  Erzeugungswert  plus  Vertriebskosten.

Do  die  Arbeitskraft  aus  einem  lebenden  hochentwickelten  Organismus
  stammt,  so  wird  ihre  Wertgröße  durch  die  dauernde  Erhaltung
bestimmt,  d.  h.  durch  ihre  Erhaltung,  Fortpflanzung  und  Ausbildung.
Anderseits  beruht  in  ihrer  Größe  auch  der  dauernde  Reichtum  eines
Landes;  in  dieser  Hinsicht  enthält  ihre  Wertbestimmung  auch  ein  historisches
  und  moralisches  Element.  Schließlich  hängt  ihr  Wert  als  Ware
und  zwar  innerhalb  bestimmter  Grenzen  von  Angebot  und  Nachfrage
  ab.

Das  gegenwärtige  Verhältnis  des  Arbeiters  mit  seiner  Arbeitskraft
  zum  Kapitalisten  mit  den  Produktionsmitteln  ist  das  Produkt
einer  langfristigen  ökonomischen  Entwicklung,  deren  wirtschaftlicher  Zweck
darin  besteht,  die  Arbeitskraft  durch  weitgehende  Arbeitsteilung  am
besten  auszunutzen.

Zu  der  Werte  erzeugenden  Arbeit  gehören  also  die  zweckmäßige
Tätigkeit  des  Menschen,  der  Arbeitsgegenstand  und  die  Arbeitsmittel.
Im  handwerksmäßigen  Kleinbetriebe  gehören  die  Produktionsmittel
noch  dem  Arbeiter.  Hingegen  im  Großbetriebe,  in  denen  die  Arbeitsteilung
  am  vollkommensten  durchgeführt  ist,  und  dem  die  Fortschritte
hauptsächlich  zu  verdanken  sind,  werden  größere  und  große  Mittel  be-
        <pb n="20" />
        16

dingt,  infolgedessen  sind  die  Produktionsmittel  nicht  in  den  Händen
der  produzierenden  Arbeiter.

Die  Entwicklung  zum  Großbetriebe  hat  sich  größtenteils  in  der
Weise  vollzogen,  daß,  um  Raum  und  Zeit  auszunutzen,  verschiedene
gelernte  Arbeiter  ohne  weitgehende  Arbeitsteilung  zusammen  gearbeitet
haben,  wobei  sich  bereits  die  individuelle  Veranlagung  des  einzelnen
besser  ausnutzen  ließ.  Durch  ein  solches  planmäßiges  Zusammenwirken
wurde  aus  den  Einzelkräften  eine  neue  gesellschaftliche  Produktivkraft
gebildet,  die  größer  und  anders  ist  als  die  Summe  der  Einzelkräfte.  ·

·  In  der  Manufaktur  wurde  die  Arbeitsteilung  bereits  an  einem
Stück  durchgeführt.  Entweder  wurde  der  Gegenstand  komplizierter
Arbeit  aus  Teilprodukten  zusammengesetzt  oder  durch  hintereinander
folgende  Manipulationen  fertiggestellt.  Durch  die  Arbeitsteilung  wird
die  Arbeit  einfach  und  eintönig,  der  Arbeiter  bedarf  keiner  großen  Vorbildung,
  wodurch  die  Bildungskosten  fortfallen  und  die  Arbeitskraft
gewissermaßen  entwertet  wird;  sie  kann  anderseits  aber  zur  Virtuosität
ausgebildet  werden,  wodurch  nicht  nur  die  Qualität  relativ  gesteigert
wird,  sondern  auch  die  Quantität  und  vor  allen  Dingen  werden  die
Werkzeuge  vervollkommnet.

In  den  Großbetrieben,  bei  denen  auch  ein  großes  Risiko  in
Frage  kommt,  werden  die  Mehrwerte  durch  zweckmäßige  Arbeitsteilung
  und  ordnungsmäßiges  Ineinanderarbeiten  geschaffen:  hier
spielt  infolgedessen  die  Organisation  und  die  Verbesserung  der  Produktionsmittel
  eine  hervorragende  Rolle,  da  infolge  der  Konkurrenz  nur
hierdurch  der  Betrieb  auf  der  Höhe  gehalten  werden  kann.  Andernfalls
kann  der  Betrieb  leicht  unrentabel  werden,  das  zu  einer  Ausschaltung
desselben  führt,  wodurch  die  Produktionsmittel  mehr  oder  weniger  entwertet
  werden.  Die  Arbeit  wirkt  hier  nicht  nur  Werte  schaffend,  sondern
auch  erhaltend,  wobei  anderseits  der  Wert  der  verbrauchten  Produktionsmittel
  durch  das  Produkt  mit  hereingeholt  werden  muß.

In  der  kapitalistischen  Produktion  ist  der  Unternehmer  im  Arbeitsprozeß
  Leiter  und  Mitarbeiter  der  korporativen  Produktion.  Im
Verwertungsprozeß,  wo  er  zur  Grundlage  den  Gegensatz  der  Interessen
von  Kapital  und  Arbeit  hat,  ist  er  der  Ausbeuter  der  Arbeiter.

Soll  der  Verwertungsprozeß  den  für  den  Unternehmer  befriedigenden
  Verlauf  haben,  dann  bedingt  er  die  bedingungslose  Unterordnung
  des  Arbeiters  und  anderseits  die  despotische  Herrschaft  des  Kopitalisten.
  Gemildert  wird  dieses  dadurch,  daß  in  den  meisten  Betrieben
  von  den  Arbeitern  in  Güte  mehr  zu  erreichen  ist  als  mit  Gewalt,
infolgedessen  sucht  sich  im  eigenen  Interesse  der  Unternehmer  einen
Stamm  gut  eingearbeiteter  Arbeiter  zu  erhalten.  Selbstverständlich  spielt
hierbei  das  Angebot  und  die  Nachfrage  eine  wesentliche  Rolle.
        <pb n="21" />
        17

Das  wichtigste  Requisit  der  kapitalistischen  Produktionsweise  wie
überhaupt  die  wichtigste  Bedingung  ihrer  Möglichkeit  ist  die  Maschine.
Diese  sowohl  als  Dampf=  als  auch  Arbeitsmaschine  sucht  nicht  nur
Arbeiter  zu  sparen,  sondern  sie  ermöglicht  es  auch,  daß  Arbeiter  von
geringer  Körper=  und  Muskelkraft  zu  großer  Produktion  ausgenutzt
werden  können.  Sie  begünstigt  ferner  auch  die  Frauen=  und  Kinderarbeit,
  wodurch  sie  nicht  nur  das  Ausbeutungsmaterial  vermehrt,  sondern
  auch  den  Grad  der  Ausbeutung  selbst  erhöht.  Sie  ermöglicht  auch
die  Verlängerung  des  Arbeitstages  und  schafft  Beweggründe,  ihn  auszunutzen,
  d.  h.  da  der  Arbeiter  in  der  Hauptsache  die  Bedienung  der
Maschine  ist,  so  ermöglicht  es  letztere,  den  Arbeiter  in  der  gegebenen
Zeit  am  besten  auszupressen.  .

Es  liegt  in  der  Natur  der  Maschine,  daß  sie  nicht  nur  Gehilfin,
sondern  auch  Konkurrentin  der  menschlichen  Arbeitskraft  ist.  Sie  hat
anderseits  aber  auch  neue  Schaffensmöglichkeiten  gefunden,  so  daß,  wenn
sie  an  der  einen  Stelle  Arbeiter  freimacht,  sie  dafür  sorgt,  daß  diese  an
anderer  Stelle  ausgenutzt  werden  können;  wodurch  sie  gewaltig  am
Fortschritt  mitgewirkt  hat  und  noch  mitwirkt,  denn  es  läßt  sich  nicht
verkennen,  daß  das  Wachstum  der  Produktion  auch  den  Absatzmarkt
erweitert,  namentlich  wenn  mit  dem  Wachstum  eine  weitgehende  Verbilligung
  der  Waren  verknüpft  ist.  -

Da  infolge  ihrer  Freizügigkeit,  Beweglichkeit,  Teilbarkeit  und
ihres  Überflusses  die  Beschaffung  der  Arbeitskraft  die  geringsten  Umstände
  macht  und  nicht  mit  wesentlichen  Betriebsstörungen  verknüpft
ist,  so  ist  im  Großbetriebe  die  Erhaltung  und  Pflege  der  Maschine  der
wichtigste  Faktor,  zumal  sie  auch  dem  Grad  ihrer  Abnutzung  entsprechend
mit  in  den  Verwertungsprozeß  genommen  werden  muß,  oder  wie  es
in  der  Geschäftssprache  heißt:  Die  Maschine  muß  entsprechend  ihrer  Abnutzung
  abgeschrieben  werden.

Nach  Marx  und  seinen  Epigonen  sollen  die  Nachteile  der  kapitalistischen
  Produktionsweise  für  den  Arbeiter  hauptsächlich  darin  liegen,
daß  die  Familie  zerstört  wird,  daß  dem  Arbeiter  ferner  die  Jugend  geraubt
  und  daß  er  körperlich  und  geistig  ruiniert  zu  einem  willenlosen
Werkzeug  des  Kapitalisten  wird,  so  daß  mit  dem  Wachsen  der  Menge
der  Lohnarbeiter  zugleich  das  Elend  wächst.

Da  die  kapitalistische  Produktionsweise  neben  der  Bewegung  auf
dem  Arbeitsmarkt  auch  die  Erscheinung  entwickelt,  daß  die  Ausdehnungsmöglichkeit
  der  Industrie  mit  der  Entwicklung  der  Maschinenfabrikation,
  der  Kohlen=  und  Eisengewinnung  und  der  Ausdehnung  der
Transportverhältnisse  schnell  gesteigert  wird,  wobei  sie  nur  am  Rohmaterial
  und  am  Absatzmarkt  Schranken  findet,  so  ist  sie  in  ihrer  Existenz
  großen  Schwankungen  ausgesetzt,  wobei  sie  eine  Reihenfolge  von

inse,  SÖeslalbemstratie,  #hriltentum,  Matsrlaliha#s  und  ber  Arieg.  2
        <pb n="22" />
        18

Prosperität,  Uberproduktion,  Krise  und  Stagnation  bietet.  Für  den
Arbeiter  bedeutet  dieser  Kreislauf  ein  beständiges  Schwanken  zwischen
Überarbeit  und  Arbeitslofigkeit.

In  der  Landwirtschaft  soll  die  Maschine  noch  revolutionärer
wirken.  Dort  macht  sie  durch  Umwandlung  der  Kleinbetriebe  in  Großbetriebe
  Leute  frei,  die  das  städtische  Industrieproletariat  vermehren.
Mit  dem  Wachsen  der  Städte  wächst  anderseits  die  Verschwendung  der
Bodenfruchtbarkeit,  indem  die  dem  Boden  entnommenen  Bestandteile
ihm  nicht  wieder  zurückgegeben  werden.  Das  zusammengedrängte  Leben
in  den  Großstädten,  dem  die  natürliche  Lebensweise  fehlt,  bewirkt  und
befördert  auch  durch  seine  Einseitigkeit  die  Verkümmerung  und  Degeneration
  der  dort  Lebenden.

Durch  den  kapitalistischen  Großbetrieb  in  der  Landwirtschaft  wird
durch  Anwendung  der  Technik  dem  Boden  ein  relativ  größerer  Ertrag
abgewonnen  als  ihm  zurückgegeben  wird.  Infolgedessen  wird  mit  dem
Boden  derselbe  Raubbau  getrieben  als  mit  der  menschlichen  Arbeitskraft.

Das  Endresultat  der  kapitalistischen  Wirtschaft  ist  also,  daß  sie
zu  einer  Verwüstung  der  Erde  führt  und  daß  sie  den  Arbeiter  geistig
und  körperlich  verkommen  läßt.

Das  Prinzip  der  kapitalistischen  Produktionsweise  besteht  nach
Maxxz  darin,  wie  wir  oben  gesehen  haben,  mit  Geld  Mehrwert  zu  erzeugen
  und  sich  diesen  anzueignen  und  zwar  in  der  Form  von
Mehrprodukt.  Wird  dieses  in  Geld  umgesetzt  und  nimmt  als  solches
wieder  am  Produktionsprozeß  teil,  so  hat  es  sich  in  Kapital  verwandelt
und  erzeugt  nun  seinerseits  auch  Mehrwert.  Wird  der  Mehrwert  hingegen
  als  Einkommen  des  Unternehmers  verbraucht,  so  bleibt  das
Kapital  dasselbe;  der  Prozeß  ist  hierbei  ein  einfacher  Reproduktionsprozeß.
  Wird  der  Mehrwert  ganz  oder  zum  Teil  zum  Kapital  geschlagen,
  dann  findet  Akkumulation  von  Kapital  statt  und  die  Reproduktion
  geht  auf  erweiterter  Stufenleiter  vor  sich.

Dadurch,  daß  die  Lebens=  und  Produktionsmittel  immer  dem
Kapitalisten  gehören,  kommt  der  Lohnarbeiter  aus  dem  Produktions-=prozeß.
  immer  wieder  als  Proletarier  heraus.  Auf  diese  Weise  ist  der
Arbeiter  gezwungen,  immer  wieder  die  Vorbedingungen  zu  seiner  Abhängigkeit
  und  zu  seinem  Elend  selbst  zu  erzeugen.

Der  Wert  der  Arbeitskraft  wird  einmal  beeinflußt  durch  Produktivität,
  Intensität  und  Länge  des  Arbeitstages,  anderseits  aber  auch
durch  den  Preis  der  Lebensmittel,  in  dem  der  Preis  der  Arbeitskraft
sich  realisiert.  Ein  Schwanken  der  Lebensmittelpreise  bringt  auch  ein
solches  des  Lohnes  mit  sich.  Der  zeitlichen  Verschiedenheit  entspricht
auch  eine  räumliche,  wobei  die  anscheinend  teuerste  Arbeit  im  Ver-
        <pb n="23" />
        19

hältnis  zur  Leistung  und  zum  Mehrwert  in  Wirklichkeit  die  billigste
sein  kann.

Der  Reproduktionsprozeß  macht  auch  die  Reproduktion  der
Arbeiterklasse  notwendig.  Dadurch  aber,  daß  die  Arbeiter  ihren  Lohn
während  ihres  ganzen  Lebens  ohne  große  Uberbleibsel  konsumieren
müssen,  bleiben  sie  lebenslänglich  abhängig  vom  Kapital  und  müssen
ihre  Arbeitskraft  immer  wieder  anbieten.  Der  Arbeiter  sorgt  aber  auch
in  Zukunft  für  das  Kapital,  indem  er  Kinder  zeugt  und  unter  Entbehrungen
  großzieht  und  sie  dem  Kapital  zur  Verfügung  stellt.  Hierbei
  werden  die  Eltern  vielfach  aus  Ernährern  und  Beschützern  der
Kinder  die  Ausbeuter  derselben,  indem  sie  deren  Arbeitskraft  ausnutzen
  und  verschachern.  Es  liegt  dieses  aber  nicht  an  der  Herzlosigkeit
der  Eltern,  sondern  an  der  kapitalistischen.  Produktionsweise,  die  mit
Hilfe  der  Maschine  auch  Weiber  und  Kinder  in  der  vielseitigsten  Weise
auszunutzen  versteht,  da  es  ihrem  Prinzip  und  ihrer  Voraussetzung
entspricht,  die  Arbeitskräfte  so  billig  zu  nehmen  als  sie  zu  haben  sind.

Dadurch  aber,  daß  sie  die  althergebrachte  Form  der  Familie
lockert  und  die  jüngeren  Personen  beiderlei  Geschlechts  in  den  Produktionsprozeß
  außerhalb  des  Hauses  stellt,  bildet  sie  die  neue  ökonomische
Grundlage  für  eine  höhere  Form  der  Familie.  Die  kapitalistische  Produktionsweise
  hat  aber  die  Familie  in  ihrer  gegenwärtigen  Form  zur
Voraussetzung,  da  diese  einerseits  den  Begriff  des  Privateigentums
bedingt  und  anderseits  auch  die  Grundlage  des  Staates  in  seiner  gegenwärtigen
  Form  ist,  dessen  Aufgabe  darin  besteht,  die  in  seinen  gegebenen
Grenzen  liegenden  Produktionsbedingungen  zu  wecken,  zu  entwickeln
und  zu  sichern.  D.  h.  die  kapitalistische  Produktionsweise  verneint  ihre
Voraussetzungen  und  entwickelt  selbst  die  Bedingungen,  die  zu  ihrem
Untergang,  dabei  aber  zu  einer  vollkommeneren  Form  einer  Volkswirtschaft
  führen.

Die  kapitalistische  Wirtschaftsform  hat  im  obigen  Sinne  von
vornherein  etwas  Widernatürliches  in  ihrem  Wesen  und  zwar  besteht
dieses  darin,  daß  sich  der  Kapitalist  die  Arbeit  anderer  als  Privateigentum
  aneignet,  wobei  der  Wert  nur  ein  gesellschaftlicher  ist.  D.  h.  Produktion
  und  Produktionsmittel  werden  einer  Aneignungsform  unterworfen,
  die  die  Privatproduktion  einzelner  zur  Voraussetzung  hat.  Die
Voraussetzung  wird  aber  durch  die  gesellschaftliche  Wertbestimmung
aufgehoben,  worin  von  vornherein  ein  Widerspruch  liegt,  der  schließlich
zu  einer  Unverträglichkeit  von  gesellschaftlicher  Produktion  und  kapitalistischer
  Aneignung  führt.  Der  Widerspruch  äußert  sich  in  der  Gegenwart
  im  Proletariat  und  in  der  Bourgeeisie.

Der  Widerspruch  zwischen  gesellschaftlicher  Produktion  und  kapitalistischer
  Aneignung  zeigt  sich  in  seiner  ganzen  Bedeutung  a  ein
        <pb n="24" />
        20

Gegensatz  zwischen  Organisation  der  Produktion  in  der  einzelnen  Fabrik
  und  der  Anarchie  der  Produktion  in  der  ganzen  Gesellschaft.

Die  Austauschweise  bringt  es  in  ihrer  Verkehrtheit  mit  sich,  daß
eine  Überproduktion  an  Waren  stattfinden  kann,  bei  der  diejenigen,
die  sie  herstellen,  Mangel  an  derselben  haben.

Nach  Marx  und  Engels  sind  also  die  Produktivkräfte  in  der  bürgerlichen
  Form  ihrer  Ausnutzung  der  Gesellschaft  bereits  über  den  Kopf
gewachsen.  Der  dadurch  entstandene  Konflikt  zwischen  Produktionskräften
  und  Produktionsweise  ist  aber  nicht  ein  in  den  Köpfen  entstandener
  Konflikt,  sondern  er  besteht  in  den  objektiven  Tatsachen  außer
uns  und  ist  unabhängig  vom  Wollen  derjenigen,  die  ihn  herbeigeführt
haben.

Die  Verkehrtheit  der  gegenwärtigen  Wirtschaftsform  soll  also
ganz  einfach  darin  liegen,  daß  sie  mehr  Produzenten  als  Konsumenten
hervorbringt.  Die  kapitalistische  Akkumulation  produziert  eine  für  die
Verwertungsbedürfnisse  des  Kapitals  überschüssige  und  daher  überflüssige
  oder  Zuschuß-Arbeiterbevölkerung,  die  aber  von  einem  gewissen
Punkt  an,  wie  wir  oben  gesehen  haben,  überhaupt  die  Voraussetzung
und  die  Möglichkeit  der  Kapitalbildung  ist.

Auf  der  einen  Seite  wünscht  das  Kapital  eine  Reservearmee  von
Arbeitern,  die  gar  nichts  verdient  und  eine  arbeitende  Menge,  die  so
wenig  wie  möglich  verdient,  da  die  Enthaltsamkeit  des  Arbeiters  eine
„Quelle  des  Mehrwerts  ist  und  eine  Vergrößerung  der  Akkumulation
bedingt.  Auf  der  andern  Seite  sind  wieder  Arbeiter  erwünscht,  die  viel
verdienen,  da  sie  die  Masse  der  Konsumenten  bilden  und  damit  sie  durch
gesteigerten  Verbrauch  die  Produktion  erweitern.

Vermehren  sich  die  Arbeiter  nicht  so  schnell  wie  das  Kapital,  so
fehlt  die  Reservearmee,  d.  h.  die  Arbeiter  sind  knapp,  der  Lohn  steigt
und  das  Kapital  fließt  ab  in  das  Ausland,  wo  günstigere  Produktionsbedingungen
  zu  finden  sind,  oder  wenn  im  übrigen  die  Produktionsbedingungen
  im  Inlande  günstig  sind,  werden  Arbeiter  aus  dem  Auslande
  herangezogen.

Der  Kapitalist  bedarf  als  Vorbedingung  also  die  Freiheit  und
Freizügigkeit  sowohl  des  Arbeiters  als  auch  der  Produktion.  Infolgedessen
kämpft  er  von  seinem  Standpunkt  für  Freiheit  und  Gleichheit  und
gegen  Zwang  und  Privilegien.

Wie  bereits  bemerkt,  ist  unter  der  kapitalistischen  Warenproduktion
  die  Arbeitskraft  selbst  eine  Ware,  deren  Wert  in  dem  Verhältnis.
sinkt,  in  dem  die  Produktivität  der  Arbeit  steigt.  Je  größer  also  die
Produktivität  der  Arbeit,  je  weniger  von  deren  Vorteilen  erhält  der
Arbeiter  im  Preis  für  seine  Arbeitskraft.  Je  mehr  nun  die  kapitalistische
  Produktionsweise  in  seinen  Großbetrieben  die  Kleinbetriebe  auf-
        <pb n="25" />
        21

saugt  und  vorherrschend  wird,  desto  mehr  besteht  die  Menge  aus  besitzlosen
  Lohnarbeitern,  die  ausgeschlossen  bleiben  von  den  Früchten  der
gesteigerten  Produktivität  ihrer  Arbeit.

Dem  Kapitalisten  wird  aber  jede  Steigerung  der  Produktivkraft
der  Arbeit  zu  einer  Steigerung  des  Mehrwerts  und  zu  einer  Steigerung
der  Akkumulation.  Auch  durch  Aufsaugung  der  Kleinbetriebe  wird  der
Betrieb  verbilligt  und  die  Produktivkraft  gesteigert.

Alle  diese  Gegensätze  und  Widersprüche  in  der  kapitalistischen
Produktionsform  erzeugen  Konflikte  und  Leiden,  die  nicht  nur  auf  die
Arbeiterklasse  beschränkt  sind  und  die  mit  der  Zeit  unerträglich  werden,
b  daß  sie  gebieterisch  nach  einer  Anderung  der  Produktionsweise  verangen.


Auch  alles  andere  drängt  nach  einer  Lösung  des  Widerspruchs,
der  in  dem  gesellschaftlichen  Charakter  der  Arbeit  und  in  der  überkommenen
  Aneignungsform  der  Produktionsmittel  liegt.

Diese  Gegensätze  und  Widersprüche  haben  aber  auch  das  Klassenbewußtsein
  des  Arbeiters  geweckt;  sie  drängen  ihn  zu  einer  politischen
Tätigkeit,  die  dahin  strebt,  die  Klinke  der  Gesetzgebung  in  die  Hand  zu
bekommen  und  mit  Hilfe  dieser  die  erforderlichen  Anderungen  in  der
Produktionsform  hervorzurufen  und  durchzuführen.

Für  eine  Lösung  gibt  es  zwei  Wege,  von  denen  der  erste  nicht
gangbar  sein  kann,  da  er  zu  einer  ursprünglichen  Wirtschaftsform  zurückführt,
  d.  h.  unter  Befeitigung  allen  Fortschritts  zur  Unkultur.  Der
andere  Weg  führt  dahin,  der  Produktion  die  Aneignungsweise  der  Produktionsmittel
  anzupassen,  d.  h.  zur  Enteignung  des  Privateigentums
an  den  Produktionsmitteln  und  Produkten  und  Umwandlung  dieser
in  gesellschaftliches  Eigentum.  An  Stelle  der  anarchistischen  Warenproduktion
  tritt  dann  die  planmäßig  bewußte  Organisation  der  gesellschaftlichen
  Produktion.  Während  gegenwärtig  im  Prinzip  ein  Kampf
um  das  gesellschaftliche  Dasein  geführt  wird,  auf  den  alles  Unglück  der
Menschheit  zurückgeführt  werden  kann,  soll  in  der  zukünftigen  Produktionsform
  der  Kampf  ums  Dasein  lediglich  gesellschaftlich  geführt
werden.

Nach  dieser  Ansicht  sollen  sich  nicht  die  Menschen  in  eine  bessere
Zukunft  dadurch  hineinentwickeln,  daß  sie  an  Einsicht,  Erfahrung  und
Urteilskraft  zunehmen  und  dadurch  eine  sittliche  Reife  erlangen,  die  sie
veranlaßt,  ihre  Pflicht  zu  erfüllen,  nicht  weil  sie  müssen,  sondern  weil
sie  können.  Die  sittliche  Reife  wird  ohne  weiteres  vorausgesetzt,  d.  h.
es  wird  angenommen,  daß  das  Unsittliche  nicht  in  der  menschlichen
Natur,  sondern  ausschließlich  in  der  Gesellschoftsordnung  seine  Begründung

  hat.
        <pb n="26" />
        22

Die  Umwandlung  der  kapitalistischen  Produktionsform  in  die
zukünftige  mit  dem  gesellschaftlichen  Eigentum  der  Produktionsmittel
ist  aber  von  vornherein  nur  denkbar  bei  international  gleichmäßigem
Vorgehen  der  Hauptkulturstaaten,  denn  isoliert  kann  ein  einzelnes  Volk
einen  solchen  Zustand  weder  gründen  noch  aufrecht  erhalten,  da  unsere
ganze  Entwicklung  das  Produkt  nationaler  und  internationaler  Kräfte
und  Beziehungen  ist.

Die  internationalen  Handels-,  Zoll-,  Schiffahrts-,  Post=  und
Eisenbahntransport-Verträge,  die  internationalen  Wirtschaftskonventionen,
  das  Völkerrecht,  Ausstellungen,  Kongresse  und  die  Internationalität
  der  Wissenschaft  haben  schon  gezeigt,  daß  die  Entwicklung
schließlich  zu  einer  Weltwirtschaft  führen  muß.

Durch  die  internationale  Freizügigkeit  des  Menschen,  durch  Austausch
  der  Erfindungen  und  Verbesserungen  im  Produktionsprozeß
werden  sich  die  verschiedenen  Länder  in  ihren  sozialen  Zuständen  immer
ähnlicher.  Dazu  kommt,  daß  bei  gleichen  sozialen  Grundlagen  auch
die  politischen  Wirkungen  daraus  gleich  sein  müssen.  D.  h.  in  allen
Ländern  ist  der  Gegensatz  von  arm  und  reich,  von  Kapitalist  und  Lohnarbeiter
  der  gleiche,  infolgedessen  wird  überall  der  Arbeiter  nicht  nur
ausgebeutet,  sondern  auch  von  der  den  Besitz  habenden  politischen  Minderheit
  beherrscht  und  regiert.

Durch  das  Aufbauen  einer  Weltwirtschaft  auf  internationaler
Basis  werden  sich  die  Völker  verbrüdern;  sie  werden  sich  zu  einem  großen
Bund  vereinigen,  in  dem  von  Krieg  und  seinen  kostspieligen  Vorbereitungen
  keine  Rede  mehr  ist,  sondern  in  dem  der  ewige  Frieden,  nach
dem  sich  die  Menschheit  jahrhundertelang  gesehnt  hat,  endlich  zur  Wirklichkeit
  geworden  ist.

Das  Geld  und  die  Kräfte,  die  heute  als  Vorbereitung  für  den
Krieg  im  Interesse  des  Friedens  im  überreichen  Maße  vergeudet  werden,
  können  hernach  für  die  Wohlfahrt  und  Kultur  des  Landes  dienstbar

gemacht  werden  und  an  ihrem  Teil  noch  dazu  beitragen,  daß  das  Dasein
aller  Menschen  auf  Erden  nichts  mehr  zu  wünschen  übrig  läßt,  so  daß
für  alle  ein  vollkommener  Zustand  erreicht  ist.  6

Dieses  der  Inhalt  der  sozialdemokratischen  Lehren  und  Folgerungen
  nach  Marx,  Engels  und  ihren  Epigonen.

Es  ist  gar  nicht  zu  verkennen,  daß  diese  Lehren  für  die  arbeitenden
Klassen,  die  bei  einer  wirtschaftlichen  Umwälzung  nichts  zu  verlieren
haben,  als  eine  Art  Evangelium  gelten  können.  Letztere  für  die  Lehren
zu  gewinnen,  ist  denn  auch  alles  übertrieben  und  einseitig  dargestellt,
was  für  sie  bei  der  gegenwärtigen  Wirtschaftsform  als  nachteilig
gelten  kann.
        <pb n="27" />
        23

Wir  kommen  nun  zu  der  Frage,  wie  weit  der  letzte  Krieg  die
sozialdemokratischen  Lehren  widerlegt  oder  befestigt  hat.

Rechnet  man  bei  dieser  Betrachtung  mit  nicht  allzu  großen  Zeitspannen,
  so  liegt  die  Antwort  recht  nahe,  denn  der  Krieg  hat  die  wichtigste
  Voraussetzung  der  Sozialdemokratie  voll  und  ganz  über  den
Haufen  geworfen,  indem  er  ihre  Internationalität  auf  absehbare  Zeit
unmöglich  gemacht  hat,  womit  alle  weiteren  Folgerungen  und  Voraussetzungen
  eo  ipso  hinfällig  werden.  Wenn  nun  die  Sozialdemokratie
  auch  diesen  Ereignissen  augenblicklich  rat=  und  hilflos  gegenübersteht,
  so  wird  sie  doch  in  Zukunft  alles  daran  setzen  müssen,  die  internationalen
  Fäden  wieder  anzuknüpfen,  wenn  anders  sie  sich  nicht
dauernd  selbst  aufgeben  will.  Es  ist  anzunehmen,  daß  es  ihr  mit  der
Zeit  doch  wohl  gelingt,  wenigstens  den  status  quo  ante  wiederherzustellen.
  Es  dürfte  deshalb  von  Wichtigkeit  sein,  einmal  festzustellen,
ob  das  sozialistische  Lehrgebäude  nicht  noch  andere  Schwächen  hat  und
ob  die  Oberflächlichkeit  der  Internationalität  nicht  nur  eine  Folge
dieser  ist.

Wie  wir  oben  gesehen  haben,  geht  die  sozialistische  Lehre  von  der
Mehrwerttheorie  aus.  Diese  Theoric,  die  in  bestimmten  Grenzen
richtig  ist,  besagt,  wie  wir  gesehen  haben,  daß  das  Wesen  der  kapitalistischen
  Produktionsform  darin  besteht,  aus  dem  Arbeiter  mehr  herauszuholen,
  als  ihm  vergütet  wird.  Den  Mehrwert  nimmt  der  Kapitalist,
teils  um  damit  seine  Bedürfnisse  zu  befriedigen  und  teils,  um  neues
Kapital  damit  zu  bilden.  .

Der  Teil  des  Mehrwerts,  den  der  Kapitalist  persönlich  konfumiert,
  ist  abgesehen  von  Fällen  der  Verschwendung  keine  willkürliche,
sondern  eine  historisch  bestimmte  Größe  und  zwar  bestimmt  durch  die
standesgemäße  Lebenshaltung  der  betreffenden  Gesellschaftsschicht,  der
er  angehört.

Diese  standesgemäße  Lebenshaltung  besteht  aber  zum  größten
Teil  darin,  daß  für  die  auf  Kosten  der  Bequemlichkeit  und  Gesundheit
höher  geschraubten  Bedürfnisse  obendrein  noch  ein  Mehrfaches  bezahlt
werden  muß  als  für  die  den  gleichen  Zweck  erfüllenden  der  unteren
Klassen.  Wie  wir  weiter  unten  noch  sehen  werden,  ist  es  im  Interesse
einer  faxtschrittlichen  Kulturentwicklung  aber  erforderlich,  daß  eine  Bevölkerungsklasse
  in  dieser  Beziehung  Schrittmacherdienste  verrichtet.
Ob  es  wirklich  ein  Vorzug  ist,  das  wird  sich  an  den  Nachkommen  schon
nach  wenigen  Generationen  bemerkbar  machen.

Ist  der  Kapitalist,  wie  es  vielfach  der  Fall  ist,  der  Leiter  seines
Unternehmens,  so  zwingt  ihn  diese  Stellung  schon  allein  dazu,  in  seiner
Lebenshaltung  äußerst  mäßig  und  solide  zu  sein.  Nicht  nur,  daß  er
den  Produktionsprozeß  andauernd  inbezug  auf  die  Leistung  in  Quali-
        <pb n="28" />
        24

tät  und  Quantität  überwachen  muß;  er  muß  auch  für  den  Absatz  sorgen
und  ihm  allein  liegt  es  ob,  durch  Verbesserung  der  Produktionsmittel
und  der  Organisation,  das  Unternehmen  auf  der  Höhe  zu  halten,  denn
dieses  ist  der  Konkurrenz  gegenüber  notwendig,  da  das  Kapital  als
Konkurrenz  dem  Unternehmer  gegenüber  brutal  und  rücksichtslos  ist.  Es
ist  selbstverständlich,  daß  er  sich  nach  Möglichkeit  von  bezahlten  Hilfskräften
  unterstützen  läßt,  wobei  es  sehr  vom  Glück  und  seiner  Geschicklichkeit
  abhängt,  die  richtigen  zu  finden.

Jedenfalls  kann  man  einem  solchen  Unternehmer  gegenüber  nicht
schlechthin  von  Gewinn  sprechen,  den  das  Kapital  einbringt,  sondern
es  ist  mehr  oder  weniger  sein  Verdienst,  der  sogar  etwas  von  Entbehrungslohn
  und  Risikoprämie  an  sich  hat.  Es  ist  in  der  Hauptsache
Verdienst  für  eine  angestrengte  Tätigkeit,  für  Geschicklichkeit  und  Organisation,
  ohne  die  ein  Unternehmen  bei  den  gegenwärtigen  Konkurrenzverhältnissen
  nicht  lange  lebensfähig  bleibt,  und  ohne  die  obendrein  ein
wirtschaftlicher  Fortschritt  so  gut  als  ausgeschlossen  gelten  kann.

Den  Teil  des  Mehrwerts,  den  nun  der  Kapitalist  zu  seiner
Lebenshaltung  nicht  verwendet,  schlägt  er  zum  Kapital,  um  auch  damit
Mehrwert  zu  erwerben.  Hier  sieht  es  nun  beinahe  so  aus,  als  ob  die
Bereicherung  des  Kapitalisten  der  Selbstzweck  des  Kapitals  ist.  Was.
wird  aber  mit  dem  neuen  Kapital?  Von  wem  wird  es  verwendet?  —
Hier  läßt  sich  gar  nicht  übersehen,  daß  die  Verwendung  in  der  Hauptsache
  darin  besteht,  neue  Produktionsmittel  zu  schaffen.  Ein  Teil  wird
ferner  dem  Staat  geborgt.  Benutzt  dieser  das  Geliehene  dazu,  werbende
Anlagen  für  die  Allgemeinheit  zu  schaffen,  so  liegt  auch  hier  eine  Erweiterung
  der  Produktionsmittel  vor.  Anders,  wenn  es  für  die  Verwaltung
und  Verteidigung  des  Landes  verbraucht  wird;  hier  bedeutet  es  eine
Verminderung  des  Volksvermögens  zum  Nachteil  der  Konsumenten  im
allgemeinen  und  der  Werte  erzeugenden  Arbeiter  im  besonderen.

Ein  dritter  Weg,  den  der  Mehrwert  in  seiner  neuen  Eigenschaft
als  Kapital  wandert,  führt  in  das  Ausland.  Wird  dort  das  Kapital
dazu  verbraucht,  um  brach  liegende  Produktivkräfte  zu  beleben  und
auszunutzen,  so  dient  auch  dieses  bei  der  internationalen  Austauschweise
dazu,  die  Produktion  zu  erweitern,  die  bei  den  internationalen  Wechselbeziehungen
  schließlich  in  der  Hauptsache  uns  hier  zugute  kommt.
Wird  das  Kapital  aber  im  Auslande  für  die  Verwaltung  und  Verteidigung
  des  Landes  verbraucht,  so  unterstützt  es  dort  eine  mindestens
nicht  auf  der  Höhe  befindliche  Wirtschaft  und  entzieht  so  den  Mehrwert
  seiner  natürlichen  und  historischen  Bestimmung.

Ein  solches  widernatürliches  Verhältnis  liegt  vor  zwischen  Frankreich
  und  Rußland,  worauf  weiter  unten  noch  zurückzukommen  ist.
        <pb n="29" />
        25

Nachdem  wir  jetzt  gesehen  haben,  daß  der  Mehrwert  in  der  Hauptsache
  zur  Erweiterung  der  Produktion  dient,  kommen  wir  jetzt  zu  der
Frage,  wem  denn  die  Erweiterung  in  der  Hauptsache  zugute  kommt.
Die  Antwort  liegt  nahe:  Einmal  der  Bevölkerungszunahme,  dann  aber
auch  der  Masse  der  Konsumenten,  da  eine  Erweiterung  der  Produktion
ohne  weiteres  eine  solche  des  Konsums  bedingt.  Und  hier  kann  es  nicht
nur  eine  bevorzugte  Minderheit  sein,  denen  die  Erweiterung  zugute
kommt,  sondern  es  kommt  hier  die  Masse  der  Konsumenten  in  Frage,
da  die  Produktion  der  kapitalistischen  Wirtschaftsform  ganz  und  gar
auf  Massenverbrauch  zugeschnitten  ist.  Die  Sache  wird  auch  dadurch
illustriert,  daß  die  Waren  im  letzten  Jahrhundert  erheblich  billiger
geworden  sind  und  umgekehrt  der  Verdienst  größer.

Wenn  z.  B.  in  Deutschland  die  Bevölkerung  um  1%0  und  das
Kapital  um  4%  zunimmt  und  das  Kapital  bleibt  zur  Erweiterung  der
Produktion  in  der  Hauptsache  im  Lande,  wie  es  in  den  letzten  Jahrzehnten
  tatsächlich  der  Fall  gewesen  ist,  so  ist  das  sicher  eine  Entwicklung,
  von  der  derjenige  am  meisten  profitiert,  der  die  stärkste  Familie
hat.  Auf  diese  Weise  muß  der  Nationalreichtum  mit  der  Bevölkerungszunahme
  wachsen.  Überhaupt  liegt  der  Nationalreichtum  in  erster
Linie  im  Reichtum  der  produktiven  Bevölkerung.  Je  mehr  die  Bevölkerung
  zunimmt,  je  weniger  Kapital  kann  nach  dem  Ausland  abfließen
  und  es  ist  beispielsweise  nicht  der  Reichtum  Frankreichs,  der
jährlich  zwei  Milliarden  nach  außerhalb  verborgen  konnte,  sondern  es
ist  seine  Armut,  die  bei  den  günstigen  Produktionsbedingungen  des
Landes  allein  in  der  Bevölkerungsabnahme  liegt.

Es  läßt  sich  gar  nicht  verkennen,  daß  im  Interesse  zu  allererst
des  Arbeiters  der  Arbeitstag  nicht  auf  das  Maß  der  zur  Erhaltung  des
Arbeiters  notwendigen  Arbeitszeit  verkürzt  werden  kann.  Hiermit
würde  wohl  der  Mehrwert  und  die  Grundlage  des  Kapitalismus  beseitigt,
  es  würde  aber  auch  alle  Fortschrittsmöglichkeit  beseitigt,  es  würde
ferner  auch  eine  Bevölkerungszunahme  bei  gleichen  oder  besseren
Lebensbedingungen  unmöglich  gemacht.

Auch  der  sozialdemokratische  Zukunftsstaat  muß  dieser  Tatsache
Rechnung  tragen,  indem  er  annimmt,  daß,  wenn  der  Arbeitstag  auf
die  für  die  Erhaltung  des  Arbeiters  notwendige  Arbeitszeit  beschränkt
würde,  daß  sich  dann  unter  gleichen  Umständen  das  Bedürfnis  zeigen
würde,  die  notwendige  Arbeitszeit  zu  verlängern.  Und  zwar  deshalb,
weil  die  Lebensansprüche  des  Arbeiters  wachsen,  und  weil  die  Anhäufung
  eines  Fonds  zur  Fortführung  und  Erweiterung  der  Produktion
  notwendig  ist.  Diese  Anhäufung  fällt  dann  aber  in  das  Gebiet
der  notwendigen  Arbeit,  während  es  jetzt  Mehrwert  ist.
        <pb n="30" />
        26

Aber  selbst  wenn  die  Ausbeutung  des  Mehrwerts  aus  dem  Arbeiter
ein  Trugschluß  der  Sozialdemokratie  ist,  so  haften  der  kapitalistischen
Produktions=  und  Austauschweise  doch  noch  Mängel  an,  die  eine  Umwälzung
  in  eine  andere  Wirtschaftsform  ohne  weiteres  rechtfertigen
würden,  wenn  denen  nicht  Vorzüge  gegenüber  ständen,  bei  deren
Mangel  jede  andere  Wirtschaftsform  ein  Rückschritt  bedeuten  würde.

Der  größte  Nachteil  der  gegenwärtigen  Wirtschaftsform  ist  sicher,
daß  sie  recht  teuer  und  kostspielig  arbeitet  und  bei  dem  sittenlosen
  Teil  der  Kapitalistenklasse  eine  sinn=  und  zwecklose  Verschwendung
  möglich  macht.  Sie  hat  nicht  nur  den  Eigentumsbegriff
  zur  Voraussetzung,  sondern  in  ihrer  Struktur  auch  die
Familie  und  den  Staat.  Diese  drei  Zubehörteile  erfordern  zu  ihrer
Unterhaltung,  Vervollkommnung  und  Verteidigung  in  der  Verwaltung,
in  Heer  und  Flotte,  in  der  Rechtspflege  und  in  der  Erziehung  einen
kostspieligen  Apparat,  der  einesteils  den  Produktivkräften  entzogen
wird  und  anderseits  aber  mit  unterhalten  werden  muß.  Dazu  kommt,
daß  zwischen  Produzent  und  Konsument  ein  kostspieliger  Zwischenhandel
  notwendig  ist.

Die  gegenwärtige  Wirtschaftsform  hat  aber  auch  die  gesellschaftlichen
  Klassen  zur  Voraussetzung,  oder  vielmehr,  sie  ist  dieser  angepaßt.
und  nicht  umgekehrt  sind  die  Klassen  ihr  Produkt.  Dieser  Unterschied
ist  sehr  wichtig,  da  bei  der  richtigen  Auffassung  das  ganze  Wesen  der
politischen  Bewegung  dem  Verständnis  nähergeführt  werden  kann.
Die  Klassierung  beruht  auf  der  individuellen  Ungleichheit  in  Bildung
sowohl  in  Form  und  Wissen,  als  auch  in  Stellung  und  Besitz.

Um  diese  Ungleichheit  in  ihrer  historischen,  philosophischen  und
wirtschaftlichen  Bedeutung  richtig  zu  erkennen  und  zu  würdigen,  muß
man  ihre  Entwicklung  von  Anfang  an  verfolgen.  .

Die  erste  Ungleichheit  fängt  sicher  an  mit  der  ersten  ungleichen
Verteilung  der  vorhandenen  Güter  zwischen  mehreren  Personen.  Es  ist
aber  nicht  anzunehmen,  daß  sie  ein  Akt  der  Gewalt  von  seiten  der
Bevorzugten  war,  denn  die  physische  Stärke  hätte  nicht  genügt,  gegen
die  Einsicht  und  gegen  den  Willen  der  übrigen  bei  der  Verteilung  eine
Bevorzugung  zu  finden.  Es  ist  anzunehmen,  daß  der  Bevorzugte  sich
bei  der  Gewinnung,  sei  es  durch  Rat,  sei  es  durch  Tat  hervorgetan
hat  und  dafür  entsprechend  entschädigt  werden  sollte.  Jedenfalls  sollte
es  eine  Bevorzugung  des  Besseren  sein.  Es  war  aber  auch  eine  freiwillige
  Unterordnung  der  andern  und  zwar  infolge  ihrer  Einsicht  und
Überlegung.

Wenn  nun  bei  der  weiteren  Entwicklung  der  Bevorzugte  nicht
immer  der  Beste  ist,  so  kann  er  eine  Bevorzugung  schließlich  nur  erreichen,
daß  er  nicht  durch  physische  Kraft,  sondern  durch  geistige  Uberlegenheit
        <pb n="31" />
        27

gewirkt  hat.  Und  letztere  konnte  sich  sowohl  im  guten  als  auch  bösen  Sinne
äußern.  Jedenfalls  ist  der  Ursprung  der  Ungleichheit  keine  Gewaltsache,
  sondern  eine  Sache  des  Verstandes  und  der  Überlegung.  Der
Ursprung  der  Ungleichheit  ist  nicht  ökonomischer  Natur,  sondern  philosophischer,
  wobei  allerdings  ein  ökonomischer  Zweck  fürs  Ganze  die  Ursache
  gewesen  ist.

Mit  der  weiteren  Differenzierung  der  geistigen  Kräfte  tritt  dieses
noch  schärfer  hervor.  Wenn  hier  die  Ungleichheit  als  Gewalt=  und
Machtfrage  in  Erscheinung  tritt,  so  beruht  dieses  darauf,  daß  der  Bevorzugte
  mit  Hilfe  seiner  geistigen  Überlegenheit  über  die  physische
Kraft  anderer  verfügt.  «  "

Mit  der  Ungleichheit  setzte  die  Klassenbildung  und  auch  die  Arbeitsteilung
  ein.  Die  erste  Gliederung  war  wohl  die  in  Ackerbau  und
Handwerk,  aus  der  sich  der  Unterschied  zwischen  Stadt  und  Land  herausbildete.
  Und  schließlich  führte  die  Entwicklung  zu  einer  Arbeitsteilung
  am  Gegenstand  zuerst  in  der  Manufaktur  des  Mittelalters  und
dann  im  Großbetriebe  der  Jetztzeit.

Unterstützt  und  teils  auch  hervorgerufen  wurde  diese  Gliederung
durch  Krieg  und  Kämpfe  der  Menschen  untereinander.  Die  Ursache  des
Krieges  war  ursprünglich  die  Erweiterung  seiner  Lebensfähigkeit  sowohl
  in  der  Gegenwart  als  auch  für  die  Zukunft  in  den  Nachkommen
und  zwar  auf  Kosten  des  anderen.

In  allerersten  Stadium,  in  dem  sich  die  Kannibalen  noch  heute
befinden,  war  der  Krieg  eine  Art  Jagd.  Die  Getöteten  und  Gefangenen
  wurden  einfach  verspeist.  In  der  späteren  Entwicklung  wurden  die
Gefangenen  nur  getötet,  und  zuletzt  ließ  man  sie  leben  und  für  sich
arbeiten,  womit  die  Sklaverei  erfunden  war  und  eine  neue  Wirtschaftsepoche
  ihren  Anfang  nahm.  Aus  der  Sklaverei  entwickelte  sich  dann
fortschreitend  Leibeigenschaft,  Hörigkeit  und  Lohnarbeit.  Die  Entwicklung
  dieser  Stufen,  die  nie  schroff  aus  einer  in  die  andere  erfolgt
sind,  ist  auch  zeitlich  und  örtlich  sehr  verschieden.  Sie  hängt  nicht  allein
von  der  geographischen  Lage,  von  den  natürlichen  Produktionsverhältnissen
  der  inneren  und  äußeren  Erde,  wie  auch  vom  Klima  ab,  sondern
in  der  Hauptsache  vom  Charakter  der  Bewohner,  der  allein  von  der
religiösen  und  politischen  Entwicklung  des  Landes  bestimmt  ist.  Die
Entwicklung  hängt  also  in  erster  Linie  von  den  Rasseeigenschaften  der
Bewohner,  d.  h.  von  der  Entwicklung  des  Gehirns  ab,  wobei  selbstverständlich
  auch  die  äußeren  Verhältnisse  mitgewirkt  haben.

Wenn  man  die  ganze  Entwicklung  vom  Anfang  verfolgt,  kann
man  nicht  übersehen,  daß  jede  Stufe  gegen  die  vorhergehende  unleugbar
einen  Fortschritt  bedeutet.  Es  muß  auch  ferner  zugegeben  werden,  daß
        <pb n="32" />
        in  der  Entwicklung  jede  Stufe  notwendig  war,  da  es  in  der  Entwicklung,
  d.  h.  in  der  Natur,  keine  Sprünge,  sondern  nur  Übergänge  gibt.

Alle  Entwicklung  der  Gesellschaft  fängt  also  recht  eigentlich  mit
dem  Augenblick  an,  in  dem  der  Mensch  über  mehr  Produkte  verfügte  als
zum  Unterhalt  notwendig  waren;  er  konnte  nun  die  disponible  Zeit
dazu  verwenden,  teils  Produktionsmittel  zu  erzeugen  und  zu  verbessern
  und  teils  für  die  Erweiterung  seiner  Bedürfnisse,  fei  es  direkt
oder  durch  Austausch  zu  arbeiten.  Auch  hier  muß  das  Erkennen  der
Bedürfnisse  vorangegangen  sein,  d.  h.  die  Erweiterung  der  Produktion
ist  im  Kopfe  entstanden  und  nicht  ist  sie  das  Ursprüngliche  gewesen,  dem
sich  das  Bedürfnis  angepaßt  hat.

Der  ÜUberschuß  der  Produktion  über  die  Unterhaltungskosten,
d.  h.  die  Quelle  des  Mehrwerts  ist  nicht  nur  der  Ursprung  aller  gesellschaftlichen
  Entwicklung,  sondern  er  ist  überhaupt  die  Grundlage  und
Möglichkeit  aller  gesellschaftlichen,  politischen  und  intellektuellen  Fortentwicklung,
  d.  h.  aller  fortschrittlichen  Entwicklung  überhaupt.

Der  Krieg,  um  Sklaven,  d.  h.  um  Arbeitskräfte  zu  gewinnen,  ist
vielleicht  der  einzige,  in  dem  die  Ursache  rein  kapitalistisch  gewesen  ist,
da  der  Sklave  mit  seiner  Arbeitskraft  ein  Hauptbestandteil  des  derzeitigen
  Kapitals,  d.  h.  der  Produktivkräfte  war.  Daß  der  Eintritt  der
Sklaverei  ein  bedeutender  Fortschritt  in  der  Kulturentwicklung  und
für  diese  notwendig  war,  ist  bereits  oben  dargelegt;  sie  hat  aber  schließlich
  im  alten  Europa,  als  sie  ausartete  in  den  Köpfen,  wenn  auch  nicht
ausschließlich  in  denen  der  Sklaven,  eine.  Entwicklung  der  Ansicht  hervorgebracht,
  die  auf  Seite  der  Nichtsklaven  rein  idealistisch  war  und  schließlich
  zur  Aufhebung  der  Sklaverei  führte.  Bei  den  Sklaven  selbst,  die  sich
aber  nicht  allein  befreien  konnten,  mag  der  Drang  nach  Freiheit  immerhin
auch  einen  materialistischen  Beigeschmack  gehabt  haben.  Daß  die  Menschen
  dabei  durch  das  Christentum  mit  der  körperlichen  Freiheit  in  eine
geistige  Knechtschaft  geraten  sind,  soll  hier  nur  nebenbei  erwähnt  werden,
da  ich  darauf  im  nächsten  Abschnitt  näher  eingehen  werde.  Diese
Knechtschaft,  die  auch  noch  einmal  zur  Leibeigenschaft  und  Hörigkeit
geführt  hat,  hat  dann  für  Jahrhunderte  jeden  Fortschritt  unterbunden.
Und  erst  der  Erfinder  der  Dampfmaschine  hat  es  vermocht,  die  Menschen
  aus  geistiger  und  körperlicher  Knechtschaft  zu  befreien.  Die  Dampfmaschine
  und  der  von  ihr  großgezogene  Kapitalismus  hat  also  die
Menschheit  im  Bürgertum  und  in  der  Arbeiterschaft  nicht  in  die
Knechtschaft  geführt,  sondern  sie  im  Gegenteil  daraus  befreit.  Daß
der  jetzige  Zustand  noch  kein  vollkommener  ist  und  auch  nicht  sein  kann,
das  hat  nicht  wirtschaftliche,  sondern  philosophische  Gründe,  auf  die  ich
weiter  unten  zurückkomme.
        <pb n="33" />
        29

Betrachtet  man  die  wirtschaftliche  Entwicklung  der  Menschheit,
so  wird  man  finden,  daß  auf  der  untersten  Stufe  einfach  nur  ein  einfacher
  Kommunismus,  d.  h.  lediglich  ein  gesellschaftlicher  Kampf  ums
Dasein  stattgefunden  hat.  Bei  der  geringsten  Gliederung  in  Klassen
hat  dieser  eine  fundamentale  Umänderung  erfahren  und  zwar  dadurch,
daß  die  Bevorzugten  ihre  Stellung  verteidigen  mußten,  und  daß  andere
danach  streben  konnten,  zu  den  Bevorzugten  zu  gehören.  Mit  anderen
Worten:  Neben  dem  gesellschaftlichen  Kampf  ums  Dasein  hat  innerhalb
der  Gesellschaft  selbst  ein  Kampf  um  das  gesellschaftliche  Dasein  stattgefunden.
  Dieser  Kampf  um  das  gesellschaftliche  Dasein  soll  im  Prinzip
ein  Kampf  ums  Bessersein  bedeuten.  Daß  er  dieses  nicht  immer  voll  und
ganz  ist,  sondern  daß  das  Bessersein  häufig  ein  Besserscheinen  ist,
das  liegt  nicht  an  der  Mangelhaftigkeit  des  Prinzips  in  seinen  Außerungen
  und  Folgerungen,  sondern  an  der  Unvollkommenheit  der
Menschen,  denen  es  noch  an  Einsicht  und  Erfahrung  fehlt,  das  für  sich
und  seine  Nachkommen  allein  Richtige  und  Zweckmäßige  zu  tun.

Der  Kampf  um  das  gesellschaftliche  Dasein  setzt  die  Ungleichheit
innerhalb  der  Gesellschaft  voraus.  Die  Ungleichheit  ist  aber  nicht  eine
solche  der  wirtschaftlichen  Stellung,  sondern  eine  solche  der  Köpfe,
d.  h.  eine  Ungleichheit  der  geistigen  Anlagen,  der  Bildung  und  des
Intellekts.  Die  korrespondierende  Ungleichheit  der  wirtschaftlichen
Stellung  ist  nur  die  Wirkung  der  geistigen  und  nicht  umgekehrt.

Faßt  man  die  Wirkung  ins  Auge,  die  die  geistige  und  wirtschaftliche
  Ungleichheit  mit  ihrem  Kampf  um  das  gesellschaftliche  Dasein  hervorbringt,
  so  läßt  sich  nicht  übersehen,  daß  diese  darin  besteht,  nicht  nur
seine  soziale  Stellung  zu  behaupten,  sondern  zu  verbessern.  Dieser  Kampf
veranlaßt  also  den  Menschen  nicht  durch  Zwang  und  bittere  Notwendigkeit,
  sondern  aus  sich  selbst  das  herauszuholen,  was  möglich  ist.  Die
Folge  davon  ist  der  riesige  Fortschritt,  dessen  sich  unser  Wirtschaftsleben
und  mit  ihm  unsere  Kultur  in  den  letzten  Jahrzehnten  zu  erfreuen  hatte.

Die  Ungleichheit  im  obigen  Sinne  ist  also  in  der  gegenwärtigen
Epoche  der  Menschheitsentwicklung  das  Fortschrittsprinzip  überhaupt.
Sie  erhält  eine  Zugkraft  im  Menschen  lebendig,  die  in  ihrer  Wirkung
von  einem  unermeßlichen  Wert  für  die  ganze  Menschheit  überhaupt  ist.
Aber  nicht  nur  in  den  unteren  Klassen,  wirkt  diese  Zugkraft,  daß  sie
wertvolle  Elemente  in  höhere  bringt,  sondern  auch  in  den  oberen,  die
ihre  Stellung  gegen  die  Anstürmenden  verteidigen  müssen.

Wenn  die  oberen  Klassen  auch  zum  Teil  mit  den  gegenwärtigen
Verhältnissen  zufrieden  sind  und  die  Meinung  vertreten,  sie  in  ihrer
geistigen  und  körperlichen  Verfassung  seien  der  Gipfelpunkt  der  menschlichen
  Entwicklung,  die  sie  nun  als  abgeschlossen  betrachten  und  die  sie
nun  mit  allen  politischen  Mitteln  in  ihrem  gegenwärtigen  Stadium
        <pb n="34" />
        30

zu  erhalten  versuchen,  so  ist  dieses  ein  für  sie  verhängnisvoller  Tugschluß
  und  obendrein  auch  nutzlos.

Wie  nutzlos  dieses  Bemühen  ist,  das  hat  in  der  grellsten  Veleuchtung
  der  letzte  Krieg  gezeigt.  Dieser  Krieg  hat  nicht  nur  gezeigt,  daß
alle  internationale  Verbrüderung  vorläufig  nur  ein  leeres  Phantasiegebilde
  ist  und  zwar  nicht  einmal  ein  sehr  schönes,  sondern  daß  auch
alle  wirtschaftlichen  Werte  vorläufig  nicht  nur  errungen,  sondern  auch
verteidigt  werden  müssen,  wenn  anders  ihr  Wert  nicht  in  der  Luft
schweben  soll.

Diese  Erkenntnis  mag  für  alle,  die  sie  angeht,  bitter  sein;  sie  ist
ober  auch  heilsam,  vorausgesetzt,  daß  die  daraus  gewonnene  Erfahrung
beherzigt  wird  und  die  richtige  Nutzanwendung  findet.

Jedenfalls  hat  die  christliche  internationale  Verbrüderung  nicht
minder  Fiasko  gemacht  als  die  sozialdemokratische  und  der  Krieg  hat
gezeigt,  daß  es  zwischen  den  Staaten,  Völkern  und  Nationen  Gegensätze
  gibt,  die  mit  erkünstelten  Verbrüderungstheorien  ebensowenig  zu
überbrücken  sind  als  sie  mit  diplomatischer  Geschicklichkeit  dauernd  weggetäuscht
  werden  können.

Diese  Gegensätze  können  allgemeiner  und  besonderer  Natur  sein.
Die  allgemeiner  Natur  sind  durch  das  Wesen  der  Staaten  selbst  bedingt.
Der  Staat  auf  natürlicher  Grundlage  soll  auf  einem  bestimmten  Territorium
  Menschen  mit  gemeinsamer  Abstammung,  Sprache  und  Kultur,
d.  h.  Sitten  und  Gebräuchen,  zu  einer  gemeinsamen  Interessenvertretung
nach  außen  umfassen.  Daß  diese  natürliche  Grundlage  heute  nirgends
vorhanden  ist,  das  hat  nicht  an  der  wirtschaftlichen  Entwicklung  der
Staaten,  sondern  an  der  politischen  gelegen  und  letztere  ist  wieder  das
Produkt  der  philosophischen.  Die  Entwicklung  ist  also  von  den  Köpfen
ausgegangen  und  nicht  vom  Magen,  wenn  schließlich  die  Sorge  des
Kopfes  für  den  Magen  dabei  auch  eine  große  Rolle  gespielt  hat.

Der  Staat  ist  also  in  seinem  Inhalt  und  seiner  Struktur  das
Produkt  seiner  philosophischen  und  politischen  Entwicklung,  wobei
Klima,  geographische  Lage,  Bodenschätze  die  Grundfarbe  dieser  Entwicklung
  abgegeben  haben.  Die  wirtschaftliche  und  philosophische  Entwicklung
  ist  aber  nur  das  Produkt  aus  der  philosophischen  Entwicklung
der  einzelnen  Staatsangehörigen,  bei  denen  aber  außer  den  äußeren
Bedingungen  noch  Rasse,  Religion  und  Erziehung  von  ausschlaggebender
  Bedeutung  sind.  Die  Rasse  bedingt  die  körperlichen  und  mit  ihr  die
geistigen  Anlagen;  die  Religion  das  Gemütsleben  und  die  Entwicklung
der  Erziehung  und  letztere  selbst  den  Charakter.

Sind  schon  die  Wirtschaftsbedingungen  in  den  einzelnen  Staaten
nicht  fundamental  von  einander  unterschieden,  so  ist  dieses  noch  weniger
der  Fall  bei  den  geistigen  und  körperlichen  Anlagen  der  Angehörigen,
        <pb n="35" />
        31
zumal  durch  Vermischen  und  Übergänge  an  den  Grenzen  infolge  der
Freizügigkeit  von  heute  und  der  Völkerwanderungen  des  Mittelalters
die  vorhandenen  Unterschiede  noch  wesentlich  ausgeglichen  sind.  Die
vorhandenen  wesentlichen  Unterschiede  basieren  also  auf  Religion  und
Erziehung,  es  sind  also  solche  des  Kopfes  und  zwar  des  Gehirns,  d.  h.
es  sind  Unterschiede  philosophischer  Natur  und  nicht  ökonomischer.

Den  Unterschieden  der  einzelnen  Staatsangehörigen  entspricht
ein  solcher  der  Staaten,  der  allerdings  im  Wirtschaftsleben  letzterer  am
schärfsten  zum  Ausdruck  kommt.  Der  wirtschaftliche  Unterschied  ist  also
gewissermaßen  als  Folgerung  aus  dem  Philosophischen  der  Maßstab  des
letzteren,  aber  nicht  die  Ursache,  wie  es  die  materialistische  Geschichtsauffassung
  lehrt.

Bei  der  Betrachtung  der  besonderen  Gegensätze  zwischen  den  kriegführenden
  Mächten  kommen  wir  zu  den  Ursachen  des  Krieges  und  wir
werden  finden,  daß  auch  diese  philosophischer  und  nicht  wirtschaftlicher
Natur  sind.

Der  historische  Materialismus  und  die  Internationalität.
Frankreich.

Betrachten  wir  zuerst  unseren  Erbfeind  Frankreich.  Der  philosophische
  Unterschied  zwischen  uns  und  den  Franzosen  dürfte  wohl
wesentlich  darin  liegen,  daß  der  Franzose  temperamentvoller  und  oberflächlicher
  ist,  der  Deutsche  hingegen  ruhiger  und  gründlicher.  Wenn
man  den  Franzosen  nach  den  Elementen  beurteilt,  die  ihn  gegenwärtig
in  der  Offentlichkeit  vertreten,  so  muß  man  ihn  für  den  Mann  der
Phrase,  der  Pose  und  der  Geste  halten;  während  der  Deutsche  doch  mehr
der  Mann  des  Gedankens,  der  Tat  und  der  Aufrichtigkeit  ist.  Im  Erfassen
  einer  Idee  und  im  Ergreifen  der  Initiative  zu  ihrer  Durchführung
  mag  der  Franzose  uns  überlegen  sein,  in  der  Ausführung  sind
wir  ihm  aber  durch  unseren  Ordnungssinn,  durch  unser  Organisationstalent
  und  vor  allen  Dingen  durch  unsere  Zähigkeit  weit  überlegen.

Es  ist  charakteristisch  und  nicht  nur  ein  Spiel  des  Zufalls,  daß
die  große  französische  Revolution  die  Menschenrechte,  die  die  mittelalterliche
  Entwicklung  des  Christentums  erstickt  hatte,  als  Freiheit,
Gleichheit  und  Brüderlichkeit  wieder  zur  Welt  gebracht  hat  und  zwar
nicht  aus  theologischen  sondern  aus  philosophischen  Gründen.  Diese
Menschenrechte  aber  zur  Geltung  und  Anerkennung  zu  bringen,  das
blieb  uns  schwerfälligen  Deutschen  vorbehalten,  die  wir  nicht  umsonst
einen  Luther,  Kant  und  Goethe  gehabt  haben  und  die  wir  uns  nicht
mit  theoretischen  Erkenntnissen  allein  begnügen,  sondern  sie  auch  in
die  Praxis  zu  übersetzen  versuchen,  wenn  dieses  den  Schwierigkeiten
        <pb n="36" />
        32

entsprechend  auch  geraume  Zeit  in  Anspruch  nimmt.  Überhaupt  in
der  Mathematik,  in  der  Nationalökonomie,  in  materialistischer  Philosophie
  und  in  den  reinen  Naturwissenschaften  haben  die  Franzosen  der
Menschheit  reichlich  soviel  führende  Geister  gegeben  als  jede  andere
Kulturnation.  Hingegen  sind  wir  Deutschen  ihnen  überlegen  auf  dem
Gebiete  der  angewandten  Wissenschaft.  Diese  letztere  Überlegenheit  hat
es  verursacht,  daß  der  Franzose  in  wirtschaftlicher  Beziehung  mit  uns
nicht  Schritt  halten  konnte  und  im  Gefühl  dieser  Schwäche  die  mangelhafte
  Fähigkeit  durch  schwülstige  Reden  zu  ergänzen  versuchte,  womit
er  schließlich  auf  die  Dauer  sich  aber  nur  selbst  getäuscht  hat.  Es  mag
sein,  daß  es  in  Frankreich  in  der  Provinz  noch  eine  Bevölkerung  gibt,
die  uns  im  Charakter  ähnlich  ist.  Sicher  ist  diese  dort  aber  gegenwärtig
weder  tonangebend  noch  für  die  Zukunft  von  ausschlaggebender  Bedeutung.


Das  Unglück  der  Franzosen  liegt,  soweit  es  sich  in  der  Offentlichkeit
  bemerkbar  macht,  in  ihrer  politischen  Unaufrichtigkeit  und  zwar
hauptsächlich  in  derjenigen  gegen  sich  selbst.  Von  einer  solchen  gegenüber
  dem  Gegner  ist  schließlich  kein  politisches  Gebilde  ganz  frei,
zumal  die  Politik  überhaupt  nur  die  Herbeiführung  eines  Ausgleichs
von  Meinungsverschiedenheiten  ist,  bei  der,  um  möglichst  viel  zu  erreichen,
  die  Kunst  und  die  Tüchtigkeit  in  der  richtigen  Übertreibung
liegt.  Die  Unaufrichtigkeit  gegen  sich  selbst  führt  aber  zur  Herrschaft
der  Phrase  und  da  diese  von  Journalisten,  Geistlichen  und  Advokaten
berufsmäßig  gepflegt  wird,  so  konnte  es  diesen  nicht  schwer  fallen,  in
Frankreich  das  politische  Heft  in  die  Hand  zu  bekommen  und  es  im
Interesse  ihres  Ehrgeizes  oder  ihrer  Habsucht  zum  Schaden  Frankreichs
zu  mißbrauchen.  Mit  Hilfe  ihrer  Unaufrichtigkeit  sind  die  Franzosen
aber  auch  die  geborenen  Diplomaten,  die  uns  mit  unserer  Ehrlichkeit
immer  überlegen  waren,  die  aber  nur  solange  dauernd  erfolgreich  sein
konnten,  als  sich  die  politische  Uneinigkeit  Deutschlands  dabei  ausnutzen
  ließ.

Für  Frankreich  ist  es  von  folgenschwerer  Bedeutung  gewesen,
daß  die  Reformation  sich  dort  nicht  hat  durchsetzen  können.  Den  Franzosen
  ist  es  gelungen,  den  Calvinismus  mit  seiner  christlich-demokratischen
  Gesellschaftsordnung,  dem  sich  in  der  Reformationszeit  die  besseren,
d.  h.  die  denkenden,  aufrichtigen  und  vorwärtsstrebenden  Elemente  der
Bevölkerung  zugewandt  hatten,  durch  die  Hugenottenkriege  und  durch
die  Verfolgungen  unter  Ludwig  XIV.  vollständig  auszurotten  und  den
königlichen  Absolutismus  in  katholischer  Färbung  voll  und  ganz  zur
Geltung  zu  bringen.  Da  es  sich  bei  dieser  Vernichtung  wesentlich  um
den  industriell  und  kaufmännisch  hervorragenden  Teil  der  Bevölkerung
gehandelt  hat,  so  hat  sich  Frankreich  hiermit  derartig  wirtschaftlich  ge-
        <pb n="37" />
        38

schwächt,  daß  es  in  der  Kolonialpolitik  den  Engländern  gegenüber  nicht
mehr  zu  Bedeutung  kommen  konnte.  Daß  es  auf  dem  Kontinent  im
Anfang  noch  ein  blendendes  Staatswesen  schaffen  konnte,  das  hat
weniger  an  seinen  gesunden  Verhältnissen  als  an  der  politischen  Zerrissenheit
  seiner  Nachbarschaft  gelegen.  .

Daß  Frankreich  ein  rein  katholisches  Land  geblieben  ist,
das  ist  nur  darauf  zurückzuführen,  daß  der  Katholizismus  mit
seinen  Äußerlichkeiten  der  Natur  der  Franzosen  am  besten  zusagt.
Der  Protestantismus,  bei  dem  es  weniger  auf  schwülstige  Reden
als  auf  Aufrichtigkeit,  Glauben  und  christliches  Handeln  ankommt,
  kann  mit  seiner  Nüchternheit  und  Einfachheit  dem  Geschmack
  der  Franzosen  wenig  entsprechen.  Da  sie  aber  bei  ihrer  geistigen
NRegsamkeit  und  Kühnheit  ihres  Denkens  keine  bibelgläubigen  Christen
bleiben  konnten,  so  ist  es  verständlich,  daß  sie  die  Wahrheit  in  der  Philosophie
  gesucht  haben  und  hierbei  ist  es  bezeichnend,  daß  sie,  obwohl  sie
in  der  Praxis  sich  und  andere  mit  Redensarten  zu  blenden  versuchen,
in  der  Philosophie  eine  Richtung  zur  Geltung  gebracht  haben,  die  sich
in  der  Theorie  durch  eine  nüchterne  Auffassung  aller  Geschehnisse  auszeichnet.
  Diese  Richtung,  die  durch  die  Namen:  Abälard,  Descartes,
Voltaire,  Rousscau,  de  la  Mettrie,  Condillac  u.  a.  charakterisiert  wird,
führt  mehr  oder  weniger  zu  einem  philosophischen  Materialismus,
der  aber  der  damaligen  Unzulänglichkeit  naturwissenschaftlicher  Erkenntnis
  entsprechend  nichts  weiter  als  ein  dogmatischer  Unglaube  sein
konnte.  D.  h.  mit  andern  Worten,  das  entgegengesetzte  Extrem  des
christlichen  Glaubens.  »«

Die  philosophische  Entwicklung  hat  infolge  des  entarteten  königlichen
  Despotismus  und  der  heuchlerischen  Sittenlosigkeit  der  kirchlichen
Würdenträger  und  ihrer  Anhänger  in  den  höchsten  Gesellschaftskreisen
immerhin  zur  französischen  Revolution  geführt,  in  der  der  Absolutismus
  des  Königtums  mit  seinen  Auswüchsen  ein  klägliches  Ende  gefunden
  hat.  Ebenso  kläglich  endeten  aber  auch  die  Versuche,  gesunde
Verhältnisse  mit  einer  Gesellschaftsordnung  zu  schaffen,  die  der  philosophisch-materialistischen
  Weltanschauung  der  Umstürzler  gerecht  werden
konnte.  Es  mußte  schließlich  an  das  alte  wieder  angeknüpft  werden.
und  die  Folge  war  das  absolutistische  Regiment  des  1.  Napoleon,  das
ihrer  Natur  insofern  gerecht  wurde,  als  es  sich  mit  Erfolg  in  imperialisüier
  Richtung  betätigte  und  die  Franzosen  zu  Ruhm  und  Macht
führte.

Die  sogenannte  Aufklärung  im  18.  Jahrhundert,  die  das  französische
  Bürgertum  der  Revolution  in  die  Arme  getrieben  hat,  war  im
Grunde  genommen  nichts  weiter  als  eine  nach  keiner  Seite  hin  zulängliche
  Halbbildung.  Sie  ist  dieses  bis  jetzt  geblieben  und  während  ihr

Gisk#e,  Sozialbemokratie,  Christentum,  Matertaltsm-#  und  der  Krieg.  8
        <pb n="38" />
        34

in  Deutschland  nur  ein  Teil  der  Intelligenz  und  solche,  die  dazu  gehören
wollen,  anhängen,  sind  in  Frankreich  auch  die  unteren  Kreise  durchweg
von  ihr  durchdrungen.  Das  heißt,  auch  diese  Kreise  sind  innerlich  mit
der  Kirche  zerfallen,  wenn  sie  auch  schließlich  aus  Gewohnheit  und  Bequemlichkeit
  den  Außerlichkeiten  derselben  noch  anhängen.  Sie  bezeugen
  damit  eine  Weltanschauung,  die  im  Idealismus  der  Kirche  nicht
mehr  wurzelt  und  die  den  Materialismus  der  Philosophie  noch  nicht
begriffen  hat.  Dieses  dauernde  Pendeln  zwischen  Unzulänglichkeiten
in  der  Weltanschauung  ist  das  Charakteristikum  der  Franzosen.  Ihr
reger  Geist  und  ihre  leichte  Auffassungsgabe  lassen  sie  auf  der  einen
Seite  an  den  Wahrheiten  der  Kirche  zweifeln,  auf  der  anderen  Seite
hindert  sie  aber  ihre  geistige  Bequemlichkeit  und  ihre  Oberflächlichkeit
an  einem  gründlichen  Studium  der  Philosophie.

Durch  den  innerlichen  Verfall  mit  der  Kirche  haben  die  Franzosen
den  Vorteil,  daß  es  weltbürgerliche  Bestrebungen  für  sie  theoretisch  nicht
gibt;  da  es  bei  ihnen  anderseits  auch  keine  partikularistische  gibt,  so  find
sie  als  Nation  immerhin  schon  lange  ein  einheitliches  Ganzes,  in  dem  bei
der  auskömmlichen  Lebenshaltung  aller  Kreise,  bei  der  Gedankenfreiheit
und  der  Freiheit  des  Sichgehenlassens  auch  die  weltbürgerlichen  Bestrebungen
  der  internationalen  Sozialdemokratie  praktisch  spurlos  vorüber
  gegangen  sind.  In  diesem  Sinne  kann  man  es  verstehen,  daß  der
Franzose  von  sich  und  seinem  Vaterlande  in  maßloser  Weise  eingenommen
  ist  und  daß  er  die  Kultur  anderer  Länder  um  so  niedriger  einschätzt,
  je  weniger  er  bei  seiner  mangelhaften  Bildung  von  ihnen  kennt.
Immerhin  ist  der  Franzose  der  unteren  Kreise  kein  gedankenloser  patriotischer
  Mitläufer,  sondern  auch  innerlich  ein  selbstbewußter  und
leidenschaftlicher  Chauvinist,  der  allerdings  bei  seinem  lebhaften  Temperament
  und  bei  seiner  mangelhaften  Einsicht  und  Urteilsfähigkeit
leicht  der  politischen  Phrase  und  mit  dieser  der  politischen  Verdummung
und  Verführung  zugänglich  ist.

Die  in  gewissen  Grenzen  erreichte  Sorglosigkeit  des  irdischen
Daseins  in  den  unteren  Kreisen  hat  in  Frankreich  eine  Zufriedenheit
zuwege  gebracht,  die  als  Erbteil  der  romanischen  Rasse  sogar  größtenteils
  auf  Anspruchslosigkeit  zurückzuführen  ist.  Eine  Zufriedenheit,  die
sich  weder  nach  körperlicher  noch  nach  geistiger  Regsamkeit  drängt  und
die  sicher  das  stagnierende  Moment  in  der  französischen  wirtschaftlichen
Entwicklung  ist.

Anderseits  ist  das  Streben  nach  Zufriedenheit  mit  dem  irdischen
Dasein  die  Ursache  des  Ein=  und  Zweikindersystems,  das  sich  in  Frankreich
  zu  einer  nationalen  Gefahr  ausgewachsen  hat.  Auch  in  anderen
Ländern  mit  höherer  Kultur  grassiert  diese  Krankheit  in  den  Ständen
mit  gehobener  Lebensweise.  Hier  sind  aber  immer  noch  große  Kreise
        <pb n="39" />
        35

vorhanden,  die  das  Sichausleben  vom  Standpunkt  ihrer  Weltanschauung
  anders  und  richtiger  auffassen  als  die  Kreise,  die  sich  für  die  Fortgeschritteneren
  halten.  In  Frankreich  folgt  aber  sowohl  der  Arbeiter
der  Stadt  als  auch  der  Bauer,  und  Landarbeiter  dem  Beispiel  der
höheren  Kreise  und  sucht  seine  Glückseligkeit  in  der  durch  Familienbeschränkung
  gesicherten  Sorglosigkeit  des  irdischen  Daseins  für  sich  und
seine  Nachkommen.

Bei  der  Fruchtbarkeit  und  günstigen  geographischen  Lage  Frankreichs
  hat  das  Ein=  und  Zweikindersystem  unstreitig  eine  günstige
Lebenshaltung  der  gesamten  Bevölkerung  zur  Folge.  Es  hat  aber  den
Nachteil,  daß  es  den  Unternehmungsgeist  nicht  groß  werden  läßt  und
daß  es  jede  wirtschaftliche  Initiative  gleich  von  vornherein  lähmt,  zumal
  hierbei  auch  der  Bevölkerungszuwachs  für  die  Ausbreitung  und
Erweiterung  einer  Industrie  fehlt.  Die  Folge  ist,  daß  der  Nationalreichtum
  und  die  Steuerkraft  nicht  zunimmt,  und  daß  das  Land  bei
einer  Bevölkerungsabnahme,  die  hierbei  unausbleiblich  ist,  politisch
geschwächt  wird.  Diese  für  den  nationalen  Dünkel  der  Franzosen  unangenehme
  Tatsache  hat  es  mit  veranlaßt,  daß  sie  mit  aller  Gewalt
Elsaß-Lothringen  wieder  haben  wollen,  d.  h.  daß  sie  danach  streben,
ihre  Bevölkerung  durch  Eroberung  zu  vermehren.

Das  Ein=  und  Zweikindersystem  hat  aber  auch  zur  Folge,  daß
der  sexuelle  Verkehr  allgemein  mehr  vom  Standpunkt  des  Genusses  als
dem  der  unbeschränkten  Fortpflanzung  angesehen  wird;  dieses  bringt
dann  notwendig  bald  cine  gegenseitige  Gleichgültigkeit  und  Toleranz
der  Ehegatten  und  damit  eine  Lockerung  des  Familienlebens  mit  sich.
Es  bringt  aber  auch  weiter  eine  mildere  Auffassung  der  Sittenlosigkeit
und  des  Lasters  mit  sich,  und  deshalb  wird  die  Freiheit  des  Sichauslebens
  in  Frankreich  weder  durch  Maßregeln  der  Exekutive  noch  durch
gesellschaftliche  Fehme  beengt  und  was  in  Deutschland  und  England
mit  den  Großstädten  die  Ausnahme  ist,  das  ist  in  Frankreich  auch  in
der  Provinz  die  Regel.  Im  übrigen  ist  von  Freiheit,  Gleichheit  und
Brüderlichkeit  nicht  mehr  zu  merken  als  in  Deutschland,  trotzdem  es
Republik  ist  und  obwohl  sich  die  Franzosen  einbilden,  daß  sie,  wenn  sie
die  Redensart  geläufig  im  Munde  führen,  die  Spitze  der  Kultur  einnehmen.
  In  Frankreich  mögen  Kastengeist  und  Klassengegensatz  deshalb
  nicht  so  schroff  wirken,  weil  den  unteren  Klassen  infolge  ihrer
mangelhaften  Bildung  der  geistige  Horizont  beengt  ist  und  weil  infolgedessen
  das  soziale  Selbstbewußtfein  noch  nicht  so  ausgeprägt  zum  Ausdruck
  kommt  als  in  den  germanischen  Staaten;  dazu  kommt,  daß  sich
der  Franzose  aus  geistiger  Bequemlichkeit  mit  wohltönenden  Redensarten
  begnügt.

3#
        <pb n="40" />
        36

Entsprechend  der  Gesinnung,  die  sie  für  die  Bewertung  der  eigenen
Menschenwürde  an  den  Tag  legen,  ist  diejenige,  die  sie  den  Angehörigen
anderer  Nationen  gegenüber  dokumentieren.  Eine  Nation,  die  in  der
Jetztzeit  noch  die  Unglücklichen  und  Verirrten  der  ganzen  Welt  verführt
  und  sie  in  ihrer  Fremdenlegion  als  Kolonialopfer  sammelt,  verdient
  dafür  dieselbe  Verachtung  als  für  die  militärische  Verwendung
der  mehr  oder  weniger  verwilderten  Angehörigen  ihrer  Kolonien  gegen
unsere  deutschen  Angehörigen.  Aber  schließlich  ist  die  Bestialität  dieser
Wilden  noch  harmlos  gegenüber  derjenigen,  die  die  aus  ihren  eigenen
Elementen  gebildeten  Nettoyeurs  an  den  Tag  legen  mußten.  Rechnet
man  hierzu  noch  die  traurige  Erscheinung,  daß  die  Franzosen  im  letzten
Krieg  ihre  Wut  und  ihren  Haß  auch  an  hilflosen  Gefangenen  ausgelassen
  haben,  so  wird  die  Überzeugung  doch  wohl  dauernd  bleiben,
daß  ein  Verkehr  von  unserer  Seite  mit  ihnen  schon  aus  Gründen  der
Reinlichkeit  auf  das  Allernotwendigste  zu  beschränken  ist.

Die  Bedeutung  Frankreichs  für  die  Kulturentwicklung  im  Ausgang
  des  Mittelalters  und  noch  mehr  die  Selbstbeweihräucherung  unter
der  Herrschaft  der  Phrase  mußte  die  Franzosen  notwendig  zu  einer
politischen  Selbstüberhebung  führen,  die  um  so  schroffer  wirkte,  je  mehr
das  kulturelle  Frankreich  von  anderen  Nationen  überholt  wurde.  Die
kontinentale  Bedeutung  Frankreichs  hat  überhaupt  bereits  seit  der  Zeit
des  vierzehnten  Ludwig  an  der  politischen  Zerrissenheit  und  Bedeutungslosigkeit
  Deutschlands  gelegen.  Die  Deutschen,  denen  die  Gründlichkeit,
  Konsequenz  und  Treue  oft  mit  der  Vernunft  durchgehen,  hatten
die  historische  Bestimmung,  die  geistige  Macht  des  Papsttums  zu
brechen;  eine  Folge  davon  war  der  Dreißigjährige  Krieg,  der  Deutschland
  politisch  derartig  schwächte,  daß  es  nicht  nur  in  die  Abhängigkeit
einer  rücksichtslosen  Feudalität  kam,  sondern  auch  lange  Zeit  gebrauchte,
um  wieder  auf  festen  Füßen  zu  stehen.  Man  kann  es  wohl  verstehen,
daß  die  Franzosen  in  ihrer  maßlosen  Eitelkeit  und  Selbstüberhebung
sich  diesen  ihnen  sympathischen  Status  als  einen  dauernden  zu  sichern
versuchten.

Als  nun  Deutschland  in  der  zweiten  Hälfte  des  vorigen  Jahrhunderts
  anfing,  sich  aus  wirtschaftlichen,  politischen  und  kulturellen
Gründen  unter  Preußens  Vorantritt  zu  einer  möglichst  homogenen
Nation  auszuwachsen,  da  wurden  die  französischen  Kreise  bedenklich  gestört,
  und  die  grande  Nation  hielt  es  1870  für  die  höchste  Zeit,  der
deutschen  politischen  und  mit  ihr  wirtschaftlichen  Entwicklung  einen
Riegel  vorzuschieben.  Deshalb  wurde  der  Krieg  1870/71  vom  Zaune
gebrochen.  Der  Erfolg  war  aber  ein  anderer  als  die  Franzosen  ihn  in
ihrer  Verblendung  vorausgesehen  hatten,  denn  nach  völliger  Besiegung
wurden  sie  gezwungen,  nicht  nur  die  früher  geraubten  Provinzen  Elsaß-
        <pb n="41" />
        37

–––

Lothringen  wieder  herauszugeben,  sondern  auch  eine  angemessene
Kriegsentschädigung  zu  zahlen.

Durch  den  Verlauf  des  Krieges  hatte  nun  die  französische  Eitelkeit
  den  empfindlichsten  Stoß  erhalten,  der  eine  ohnmächtige  Wut  und
einen  blinden  Haß  gegen  Deutschland  verursachte,  der  in  der  Revanche-Idee
  und  im  Bestreben  einer  Wiedergewinnung  von  Elsaß-Lothringen
in  den  letzten  Jahrzehnten  seinen  Ausdruck  gefunden  hat  und  der
schließlich  zu  dem  Weltkrieg  1914—18  geführt  hat.

Wenn  Frankreich  schon  1870/71  den  kürzeren  ziehen  mußte,  d.  h.
zu  einer  Zeit,  in  der  Frankreich  und  Deutschland  noch  keinen  erheblichen
Unterschied  in  der  Einwohnerzahl  aufwiesen,  so  mußte  dieses  für
Frankreich  noch  weit  ungünstiger  werden,  als  seine  Bevölkerung  sich
eher  verringerte  als  zunahm,  während  Deutschland  eine  erfreuliche  Zunahme
  zu  verzeichnen  hatte.  Anderseits  hatte  man  in  Frankreich  auch
die  Erfahrung  machen  müssen,  daß  die  Qualität  des  französischen
Heeres  derjenigen  des  deutschen  keineswegs  überlegen  ist,  und  daß  in
der  Anwendung  der  technischen  Hilfsmittel,  in  der  Organisation  und
in  der  Führung  des  Heeres  Deutschland  umgekehrt  den  Franzosen
überlegen  ist.

In  Frankreich  kam  daher  bald  ein  merkliches  Gefühl  der  Schwäche
zur  Geltung,  das  sich  sehnsüchtig  nach  einem  kräftigen  Bundesgenossen
umgesehen  hat,  mit  dessen  Hilfe  Revanche  für  den  letzten  Krieg  genommen
  werden  sollte.  Nebenbei  sollte  Deutschland  derartig  verkleinert
werden,  daß  Frankreich  für  immer  einen  unbequemen  Rivalen  sowohl
auf  wirtschaftlichem  als  auch  politischem  Gebiet  los  wurde.

Für  diese  Bestrebungen  fand  Frankreich  in  den  80er  Jahren  des
vor.  Jahrh.  ein  inniges  Verständnis  an  der  Newa,  zumal  Frankreich
seine  Bundesgenossenschaft  nicht  mit  leeren  Händen  anbot.  Infolge  der
Bevülkerungsabnahme  in  Frankreich  konnte  dort  bei  den  reichen  natürlichen
  Hilfsquellen  des  Landes  und  bei  der  erfolgreichen  Tätigkeit  seiner
Bewohner  ein  Mehrwert  herausgewirtschaftet  werden,  der  bei  der  Sparsamkeit
  der  Franzosen  im  Inlande  keine  Verwendung  finden  konnte.
Dadurch,  daß  Frankreich  diese  Gelder  auf  Nimmerwiedersehen  an  Rußland
  verborgt  hat,  sind  sie  seiner  Kapitalbildung  entzogen  und  soweit
sie  in  Rußland  nicht  zur  Erweiterung  der  Produktion  verwendet  sind,
sind  sie  gewissermaßen  einem  idealistischen  Prinzip  geopfert,  nämlich
dem  Haß  gegen  Deutschland.

Selbstverständlich  hatten  die  Franzosen  von  Hause  aus  nicht  die
Absicht,  das  Geld  lediglich  ihrem  Haß  zu  opfern,  sondern  sie  wollten
das  Angenchme  mit  dem  Rützlichen  verbinden.  Auf  der  einen  Seite
sollte  es  eine  einträgliche  Kapitalanlage  sein,  und  auf  der  anderen  sollte
Rußland  damit  zum  Kriege  gegen  Deutschland  rüsten,  damit  der  fran-
        <pb n="42" />
        33—
zösische  Haß  endlich  seine  Befriedigung  finden  konnte  und  damit  es
endlich  von  dem  Alp  erlöst  würde,  den  Deutschlands  politische  und  wirtschaftliche
  Größe  ihm  dauernd  verursachte.  Dadurch,  daß  die  Russen
das  geborgte  Geld  nicht  produktiv  angelegt  haben,  sondern  die  Zinsen
aus  weiteren.  Anleihen  bezahlt  haben,  ist  es  bei  diesen  ein  materialistisches
  Motiv  geworden,  das  mit  zum  Kriege  geführt  hat.  Denn  bis  ins
Unendliche  läßt  sich  ein  solches  Borgsystem  nicht  treiben,  so  daß  schließlich
  ein  dritter  gesucht  werden  mußte,  der  für  die  Regulierung  zu  sorgen
hatte,  und  dieser  sollte  und  konnte  in  diesem  Sinne  nur  Deutschland  sein.

Die  französische  Hochfinanz  mit  ihren  politischen  und  journalistischen
  Schleppenträgern  aller  politischen  Richtungen  verstand  es  vorzüglich,
  der  durch  das  Schwächegefühl  tangierten  französischen  Eitelkeit
zu  schmeicheln  und  den  Haß  gegen  Deutschland  nicht  einschläfern  zu
lassen  und  zwar  einzig  und  allein,  um  im  Lande  der  Freiheit,  Gleichheit
  und  Brüderlichkeit  in  hergebrachter  Weise  die  hohle  Phrase  hochzuhalten,
  um  im  Innern  desto  sicherer  das  politische  Heft  in  den  Händen
zu  haben,  damit  die  in  Frankreich  in  gewisser  Beziehung  besonders
scharf  ausgeprägte  gesellschaftliche  Klassierung  nicht  angetastet  wurde.

Keineswegs  läßt  sich  von  Frankreich  behaupten,  daß  hier  die
letzten  Ursachen,  die  zum  Kriege  getrieben  haben,  wesentlich  wirtschaftlicher
  Natur  gewesen  sind,  d.  h.  in  der  Entwicklung  der  Güterproduktion
und  Güterverteilung  ihre  Begründung  haben.  Hierauf  könnte  es
schließlich  zurückzuführen  sein,  wenn  Frankreich  Elsaß-Lothringen  zu
seiner  wirtschaftlichen  Entwicklung  benötigte,  d.  h.  wenn  es  letzteres  als
Absatzgebiet  für  seine  Produkte  oder  als  Siedelungsgebiet  für  eine
überschüssige  Bevölkerung  notwendig  hätte.  Beides  ist  ebensowenig  der
Fall,  als  daß  die  Bewohner  Elsaß-Lothringens  als  Deutsche  wirtschaftlich
  verkümmerten.  Ebenso  wenig  läßt  sich  die  Ansicht  rechtfertigen,  daß
Frankreich  die  verlorenen  beiden  Provinzen  aus  strategischen  Gründen
wieder  haben  mußte,  um  sein  Wirtschaftsleben  für  die  Zukunft  sicher
zu  stellen.  Einmal  hatte  Frankreich  von  deutscher  Seite  überhaupt
keinen  Angriffskrieg  zu  erwarten,  und  für  einen  Angriff  ihrerseits  waren
sie  an  ihren  Ostgrenzen  ohnedem  stark  genug  befestigt.

Die  Ursachen,  die  Frankreich  zum  Kriege  getrieben  haben,  sind
also  ausschließlich  idealistischer  Natur  und  zwar  hervorgegangen  aus
Liebe  und  Haß  seinen  Mitmenschen  gegenüber.  Liebe  gegenüber  seinen
angeblichen  Volksgenossen  in  Elsaß-Lothringen,  die  von  uns  politisch
und  geistig  geknechtet  werden  sollen,  obwohl  sie  in  Wirklichkeit  mehr
Freiheit,  Gleichheit  und  Entwicklungsmöglichkeit  haben  als  die  Franzosen
  und  Haß  gegenüber  ihrem  eingebildeten  Erbfeind,  dem  Deutschen.
Das  letztere  um  so  mehr,  als  sie  es  nicht  vergessen  können,  daß  wir
1870—71  nicht  nur  ihren  militärischen  Größenwahn  empfindlich  ge-
        <pb n="43" />
        39

dämpft  haben,  sondern  daß  wir  seit  jener  Zeit  auch  ihrer  politischen
Überhebung  und  Anmaßung  überall  im  Wege  stehen.  Und  in  dieser
Beziehung  fühlt  sich  sowohl  der  Journalist  und  Advokat  als  auch  der
Bauer  und  Arbeiter  getroffen,  so  daß  sich  alle  unisono  unbekümmert
des  wirtschaftlichen  und  geschäftlichen  Risikos  in  denselben  maßlosen
Vernichtungswillen  gegen  Deutschland  verrannt  haben.  Diesen  Haß
und  Vernichtungswillen  hat  die  englische  Einkreisungspolitik  dann  diplomatisch
  geschickt  ausgenutzt  und  die  Franzosen  nicht  nur  in  diesen
letzten  Krieg  getrieben,  sondern  sie  auch  bis  zum  Verbluten  zum  Durchhalten
  veranlaßt.  Der  Erfolg  war  aber  auch  diesmal  wieder  negativ,
denn  das  Endergebnis  ist  nur  eine  ganz  bedeutende  wirtschaftliche
Schwächung  und  eine  politische  Bedeutungslofigkeit  Frankreichs  für  die
Zukunft.  Es  ist  dieses  aber  nicht  zu  bedauern,  denn  ein  europäischer
dauernder  Frieden  ist  erst  dann  möglich,  wenn  der  Franzose  als  ewiger
Störenfried  nicht  mehr  ernst  genommen  wird.

Rußland.

Betrachten  wir  Rußland,  so  werden  wir  finden,  daß  in  einer  Beziehung
  die  Verhältnisse  uns  gegenüber  denen  Frankreichs  ähnlich  sind,
nämlich  daß  bei  den  breiten  Massen  der  Bevölkerung  ein  Haß  gegen
Deutschland  von  einer  Minderheit  hervorgerufen  und  genährt  wurde.
Auch  hier  sollte  damit  die  auswärtige  Politik  unterstützt  und  gefestigt
werden,  um  über  die  Mängel  und  Schwächen  der  inneren  hinwegzutäuschen.
  Während  in  Frankreich  aber  der  Haß  von  den  Interessenten.
des  Großkapitalismus  geschürt  wurde,  sind  es  in  Rußland  die  Großfürsten,
  der  Adel  und  das  Beamtentum  der  Staatskrippe,  die  sich  dadurch
die  Möglichkeit  zu  sichern  versuchten,  weiter  im  Trüben  fischen  zu
können.  Die  Möglichkeit  lag  in  der  Hauptsache  darin,  daß  der  Haß
einen  ergiebigen  Geldzufluß  aus  Frankreich  zur  Folge  hatie.

Der  Durchschnittsrusse  unterscheidet  sich  nun  wesentlich  vom
Deutschen  durch  einen  Mangel  an  Pflichtgefühl  und  Intelligenz.  Und
dieses  scheint  mehr  an  den  körperlichen  und  dadurch  bedingten  geistigen
Anlagen,  d.  h.  an  der  Rasse,  zu  liegen,  als  an  der  Erziehung,  die  überhaupt
  in  der  Art  nur  eine  entwickelte  Eigentümlichkeit  der  Nasse  ist,
d.  h.  jedes  Volk  hat  die  Erziehung,  für  die  es  veranlagt  ist.  Hierfür  ist
bezeichnend,  daß  Rußlafld,  abgesehen  von  einzelnen  Naturwissenschaftlern
  auf  keinem  Gebiet  ein  Talent  geschweige  denn  ein  Genie  hervorgebracht
  hat.  Leute,  die  sich  in  Rußland  hervorgetan  haben,  sind
meistens  solche  nichtrussischer  Herkunft.

Die  Slaven  und  insbesondere  die  Russen,  deren  Wiege  dem
Orient  sehr  nahe  gestanden  hat,  sind  ein  Völkergemisch,  das  bei  seinen
Angehörigen  betreffs  der  geistigen  Anlagen  nur  geringe  individuelle
        <pb n="44" />
        40

Unterschiedlichkeiten  aufweist,  das  deshalb  keine  Persönlichkeiten  eniwickeln
  kann  und  das  demzufolge  überhaupt  ohne  jede  innere  Gestaltungskraft
  ist.

Nach  meinem,  weiter  unten  erörterten  Entwicklungsprinzip  ist
dieses  damit  zu  erklären,  daß  die  Slaven  in  den  Anfängen  ihrer  Kulturentwicklung
  einen  Kampf  ums  Dasein  geführt  haben,  der  an  ihren  im
Entstehen  begriffenen  Intellekt  keine  großen  Anforderungen  gestellt
hat.  Sie  müssen  in  einem  Kulturgelände  seßhaft  gewesen  sein,  in  dem
sich  ihrer  Umgebung  entsprechend  weder  Mut  noch  Willenskraft  entwickeln
  konnten  und  in  dem  kein  Bedürfnis  sie  auf  den  Gedanken  der
Arbeitsteilung  brachte.  Eine  Vermehrung  der  Bevölkerung  kann  sie
dann  auch  nur  veranlaßt  haben,  sich  räumlich  soweit  auszubreiten,  als
sie  keinen  Widerstand  benachbarter  Völker  fanden.  Anderseits  gewöhnten
  sie  sich  aber  innerhalb  ihrer  Grenzen  an  Genügsamkeit  und  Dulden
und  entwickelten  sich  so  zu  einer  Passivität,  die  das  rückschrittliche  Moment
  bei  ihnen  bleiben  mußte  und  die  sie  in  eine  geistige  Abhängigkeit
gegenüber  den  westeuropäischen  Völkern  gebracht  hat.

Im  9.  Jahrhundert  traten  die  Russen  in  der  Kulturgeschichte  in
Erscheinung  und  zwar  hatten  sie  sich  damals  mit  Angehörigen  der  aus
Skandinavien  stammenden  Waräger  vermischt.  Diese  letzteren  waren
germanischer  Herkunft,  sehr  kriegerisch  veranlagt  und  den  Russen  geistig
bedeutend  überlegen.  Diesen  Elementen  fiel  dann  auch  von  selbst  die
politische  Führung  zu.  Sie  formten  überhaupt  erst  den  russischen  Staat
und  gaben  ihm  in  ihrem  Angehörigen  Rurik  den  ersten  König.  Die
Waräger  waren  aber  derartig  in  der  Minderheit,  daß  sie  nicht  aus
Rußland  eine  germanische  Kolonie  machen  konnten,  wie  es  den  Normannen
  und  Sachsen  mit  England  gelungen  ist,  sondern  sie  sind  selbst
vollständig  im  Slaventum  aufgegangen.

Dadurch,  daß  die  Waräger  leicht  im  Slaventum  aufgingen,  kam
ein  Moment  nicht  zur  Geltung,  das  innere  nationale  Kämpfe  hervorgerufen
  hätte,  durch  die  sich  die  Russen  fortschrittlich  weiterbilden  konnten.
  Nach  außen  hin  hatten  sie  sich  zwar  der  Herrschaft  der  Tataren
während  der  nächsten  Jahrhunderte  zu  erwehren;  aber  auch  diese
Kämpfe  haben  ihre  fortschrittliche  Entwicklung  nicht  gefördert.  Im
Gegenteil  haben  die  zwei  und  ein  halb  Jahrhundert,  die  sie  unter  der
Gewaltherrschaft  der  Tataren  verbrachten,  für  ihre  weitere  politische
und  kulturelle  Entwicklung  verhängnisvoll  gewirkt.

Die  Tataren  waren  ein  nomadisierendes  kriegerisches  Volk,  das
aus  Asien  stammte  und  der  mongolischen  Rasse  angehörte.  Ihre  Erfolge
  verdankten  sie  mehr  der  Quantität  als  der  Qualität  und  der
Despotismus,  mit  dem  sie  die  Russen  beglückt  haben,  war  ihrer  asiatischen
Natur  entsprechend  sicher  die  zweckmäßigste  Regierungssorm  für  sie
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        41

selbst.  Aber  auch  die  Russen  haben  sich  unter  der  Herrschaft  der  Ta—
taren  dieser  Regierungsform  derartig  angepaßt,  daß  sie  dieselbe  auch
beibehalten  haben,  als  sie  sich  von  den  Tataren  befreit  hatten.  Der
Despotismus  ließ  dann,  um  sich  zu  behaupten,  irgendwelche  fortschrittliche
  Entwicklung  nicht  mehr  aufkommen,  so  daß  die  Objekte  der  Regierung
  nur  in  dem  Sinne  eine  politische  Gleichheit  erreicht  hatten,  daß
für  alle  die  gleiche  Rechtlosigkeit  galt  und  daß  das  einzige  Recht  die
Willkür  und  die  Macht  der  Herrschenden  war.  ·

Es  ist  ohne  weiteres  verständlich,  daß  in  einem  despotisch  regierten
Lande  mit  Untertanen  passiver  Natur,  wie  solche  den  Slaven  eigen  war,
Selbstbewußtsein  und  Vertrauen  auf  sich  und  andere  nicht  zu  finden  ist,
sondern  daß  hündische  Unterwürfigkeit  die  erste  Bürgerpflicht  bedeutet.
In  solchen  Staaten  kommen  dann  auch  nur  Naturen  zur  Gelstung,  die
das  hündische  Kriechen  und  Schmeicheln  nach  oben  am  besten  verstehen
und  die  den  Despotismus  nach  unten  am  brutalsten  und  rücksichtslosesten
zur  Geltung  bringen.  In  diesem  Sinne  mußte  sich  naturgemäß  eine
Oberschicht  entwickeln,  die  die  Menschenwürde  nur  in  der  Person  des
Zaren  respektierte  und  die  die  breiten  Massen  der  Bauern  nur  als
Helotentum  bewertete,  das  sie  wirtschaftlich  und  politisch  durch  List  und
brutale  Gewalt  nach  Möglichkeit  auszunutzen  versuchten.

Immerhin  ist  es  verständlich,  daß  dem  russischen  Bauern  die
zarische  Knute  sympathischer  war  als  die  Prügel  der  Mongolen,  zumal
er  sich  als  Christ  und  Europäer  als  etwas  Besseres  ansehen  mußte.  Zum
Christentum  und  zwar  zum  griechisch-katholischen  Bekenntnis  waren
die  Russen  schon  unter  Wladimir  im  10.  Jahrhundert  bekehrt.  Das
Ethische  des  Christentums  konnte  für  die  wirtschaftlich  und  politisch  geknechteten
  und  unterdrückten  Bauern  vielleicht  ein  Evangelium  sein,
das  ihre  Anspruchslosigkeit  und  Zufriedenheit  mit  der  irdischen  Unzulänglichkeit
  heiligte  und  ihnen  dafür  einen  Ausgleich  im  Himmel  in
Aussicht  stellte.  Das  Kosmopolitische  des  Christentums  kam  bei  ihnen
damals  überhaupt  nicht  in  Frage,  da  sie  ihr  Christentum,  das  sie  für
das  allein  seligmachende  hielten,  als  eine  Sache  des  Slaventums  ansahen,
  die  sie  gegen  die  afiatischen  Mongolen  zu  verteidigen  hatten.
Hingegen  fanden  sie  das  Demokratische  des  Christentums  dadurch  in  die
Praxis  übersetzt,  daß  die  breiten  Massen  frühzeitig  zu  einer  gemeinsamen
  Entsagung  und  zu  gemeinsamen  Leiden  im  Dienste  des  Ganzen,
das  sich  in  ihrem  Zaren  verkörperte,  erzogen  wurden.

Jedenfalls  ist  das  Christentum,  das  die  Russen  mit  ihrer  politischen
  und  wirtschaftlichen  Lage  zufrieden  mächte  und  das  wissenschaftlich
  und  kritisch  zu  nehmen,  ihnen  die  Bildung  fehlte,  weder  ein  Moment
  gewesen,  das  sie  veredelt  hat,  noch  ein  solches,  das  sie  im  Sinne
eines  gesunden  Kulturfortschritts  beeinflussen  konnte.  Man  kann  sogar
        <pb n="46" />
        42

behaupten,  daß  im  Gegenteil  das  Christentum,  das  gewissermaßen  ohne
philosophischen  Sauerteig  sie  im  Sinne  der  Apostel  von  allen  Völkern
am  unverfälschtesten  aufgenommen  haben,  für  sie  ein  verhängnisvolles
Moment  der  Rückständigkeit  geworden  ist,  da  es  sie,  die  von  Hause  aus
träumerisch  aber  nicht  grüblerisch  veranlagt  waren,  zur  Gedankenlofigkeit
  erzogen  hat.

Wenn  nun  auch  das  Christentum  für  die  inneren  Verhältnisse
wenig  vorteilhaft  gewirkt  hat,  so  hat  es  dieses  für  die  äußeren  trotz  seiner
kosmopolitischen  Tendenz  um  so  nachhaltiger  getan.  Die  grüblerischen
Deutschen  haben  sich  jahrhundertelang  gegenseitig  die  Köpfe  blutig  geschlagen,
  weil  sie  das  Weltbürgertum  des  Christentums  mit  ihrem
nationalen  Empfinden  wissenschaftlich  und  in  ehrlicher  Weise  nicht  in
Einklang  zu  bringen  vermochten.  Die  weniger  wissenschaftlich  befangenen
  Engländer  haben  mit  Hilfe  der  Augustinischen  Prädestinationslehre
  das  Christentum  ihren  nationalen  Zwecken  geradezu  angepaßt.
  Und  die  weniger  gebildeten,  in  nationalen  Fragen  aber  sehr
praktischen  Russen  haben  in  der  griechisch-katholischen  Kirche  die  Rechtgläubigkeit
  für  sich  beansprucht  und  auf  diese  Weise  eine  Formel  gefunden,
  mit  der  sich  mit  dem  Christentum  der  Panfslavismus  nicht  nur
rechtfertigen  sondern  sogar  heiligen  läßt.  .

Die  Engländer  und  Russen  haben  dem  idealistischen  Deutschen
den  christlichen  Himmel  als  unbestrittenes  Dominium  selbstlos  überlassen;
  sie  selbst  haben  sich  das  Christentum  mehr  ins  Materialistische
uQmgedeutet  und  danach  die  Erde  unter  sich  verteilt.  Obwohl  die  Russen
nach  Besiegung  der  Tataren  schon  eine  Eroberungspolitik  einleiteten.
so  beginnt  doch  ihr  panflavistisches  Christentum  erst  nach  der  Eroberung
Konstantinopels  durch  die  Türken.  Nach  dieser  Eroberung  wurde  das
Zentrum  der  griechisch-kathol.  Christenheit  nach  Moskau  verlegt,  wodurch
der  Zar  als  Autokrat  auch  das  geistige  Oberhaupt  der  ruffischen  Kirche
wurde,  was  ihn  dann  weiter  dazu  führte,  sich  das  Amt  als  Schirmherr
der  griechisch-katholischen  Kirche  überhaupt  anzumaßen.  Diese  Stellung
mußte  sein  Ansehen  in  den  Augen  seiner  beschränkten  Untertanen  ins
Ungemessene  erhöhen,  so  daß  fortan  auch  die  Kirche  dazu  beitragen
konnte,  seinen  Absolutismus  für  die  Zukunft  nach  Möglichkeit  zu
festigen.  «

Umgekehrt  hat  das  Christentum  nicht  vermocht,  den  Persönlichkeitswert
  der  Untertanen  in  den  Augen  der  Zaren  zu  erhöhen,  denn  diese
haben  ihren  Absolutismus  weiter  dadurch  gestärkt,  daß  sie  neben  einer
Günstlingswirtschaft  bösester  Art  die  breiten  Massen  der  Bauern  wirtschaftlich
  und  politisch  zu  völliger  Bedeutungslosigkeit  herabminderten,
indem  sie  ihnen  nicht  nur  jede  Spur  von  Recht  und  Freiheit  nahmen,
sondern  indem  sie  ihre  Bauern  als  eine  Sache,  d.  h.  als  Leibeigene,  der
        <pb n="47" />
        43

Habgier,  der  Willkür  und  den  Launen  ihrer  Günstlinge  überlieferten,
die  ihrerseits  als  Gegendienst  für  die  Abgaben  und  für  die  willenlose
Gefolgschaft  im  Kriege  zu  sorgen  hatten.

Es  muß  einleuchten,  daß  bei  solcher  Gestaltung  Rußland  von
inneren  Kämpfen  vollständig  verschont  bleiben  mußte,  so  daß  im  Innern
  gewissermaßen  eine  politische  Friedhofsstille  herrschte;  daß  aber
anderseits  bei  straffer  und  rücksichtsloser  Zusammenfassung  aller  brauchbaren
  Elemente  nach  außen  hin  eine  gewaltige  Macht  entfaltet  werden
konnte,  die  für  eine  Eroberungspolitik  um  so  erfolgreicher  werden
mußte,  als  es  sich  namentlich  im  Norden  und  Westen  um  Gegner
handelte,  die  durch  innere  Kämpfe  nach  außen  hin  weitgehend  geschwächt
  waren.

Schließlich  war  aber  die  durch  Gewalt  und  Gewöhnung  erreichte
Bedürfnislosigkeit  der  breiten  Massen  wenig  in  der  Lage,  die  produktiven
  Kräfte  des  Landes  zu  wecken  und  zu  steigern,  so  daß  einmal
schon  der  natürliche  Reichtum  des  Landes  nicht  zur  Geltung  kommen
konnte,  und  anderseits  mußte  jeder  Fortschritt  in  der  innern  Entwicklung
  des  Landes  ausgeschlossen  bleiben,  denn  die  Bedürfnislosigkeit
machte  keine  weitgehende  Teilung  der  Arbeit  notwendig,  infolgedessen
konnte  eine  Gliederung  in  Stadt  und  Land  nicht  in  dem  Maße  zur
Geltung  kommen,  wie  sie  der  europäische  Westen  aufzuweisen  hat.
Die  wenigen  russischen  Städte  hatten  keinen  produktiven  Bürgerstand,
der  durch  regen  Gedankenaustausch  seinen  Gesichtskreis  erweiterte  und
politisch  selbstbewußt  wurde,  sondern  in  ihnen  dominierte  das  Militär
und  die  Beamten  des  Zaren,  die  ihre  Aufgabe  darin  suchten,  das  Volk
für  den  Zaren  und  für  sich  nach  Möglichkeit  auszuplündern;  was  sie
um  so  leichter  und  gründlicher  besorgen  konnten,  je  rückständiger  die
Objekte  ihrer  Ausplünderung  waren.  Dazu  kam  ein  brutales  Zensurund
  Polizeisystem,  das  jede  geistige  Regung  sofort  im  Keime  erstickte.

Man  darf  nicht  verkennen,  daß  ein  Despotismus,  der  sich  nicht
selbst  aufgeben  will,  im  Innern  keine  andere  Politik  dulden  kann,  als
solche,  die  seinen  Absolutismus  stärkt.  Anderseits  führt  ein  solches
System  von  selbst  dazu,  von  den  innern  Gebrechen  und  Unzulänglichkeiten
  durch  eine  kraftvolle  und  erfolgreiche  Außenpolitik,  d.  h.  durch
Eroberungskriege  abzulenken.  Bei  solcher  erfolgreichen  Eroberung  war  es
nur  schlimm  für  die  eroberten  Völker,  die  eine  höhere  Kultur  hatten  als  die
Russen.  Die  von  letzteren  unterjochten  Völker  des  Südens  und  Ostens
hatten  eine  Kultur  nicht  aufzugeben;  sie  gerieten  nur  aus  einem  Despotismus
  in  den  anderen.  Man  konnte  ihnen  dabei  nicht  einmal  die
Sprache  und  Religion  nehmen,  denn  zu  einer  Assimilation  fremder
Völker  waren  die  Russen  als  leibeigene  Bauern  nicht  mehr  geeignet.
Anders  bei  den  Völkern  mit  westeuropäischer  Kultur.  Um  diese  Völker
        <pb n="48" />
        4

mit  den  eingesessenen  auf  eine  Kulturstufe  zu  bringen.  mußte  man
ihnen  nicht  nur  Recht  und  Freiheit,  sondern  überhaupt  ihre  Menschenwürde
  nehmen.

In  diesem  Sinne  hat  die  russische  Expansionspolitik  in  der
Hauptsache  weder  strategische,  kulturelle,  kolonisatorische  noch  kapitalistische
  Zwecke  verfolgt.  Sie  hat  nur  erobert,  um  zu  zerstören  und  um  dem
Despotismus  den  Landeskindern  gegenüber  einen  Daseinszweck  zu
geben,  sowie  das  eigene  Ansehen  durch  Erweiterung  der  Macht  und
durch  das  Dastehen  als  siegreicher  Herrscher  zu  erhöhen  und  zu  festigen.

An  dieser  Politik  ist  nichts  geändert,  als  nach  den  Ruriks  die
Romanows  und  nach  diesen  die  Holstein-Gottorp  ans  Ruder  kamen.
Insbesondere  hat  auch  Peter  d.  Gr.  die  Rechtlosigkeit  der  Leibeigenen
eher  verschlimmert  als  vermindert,  obwohl  er  durch  seinen  Polizei=  und
Beamtenstaat  die  Macht  der  Bojaren  ihm  gegenüber  zur  Bedeutungslosigkeit
  gebracht  hat.  Er  ist  auch  der  eigentliche  Begründer  der  Staatskirche
  und  er  hat  ferner  nicht  ohne  Geschick  versucht,  den  Russen  mit
Gewalt  die  volkswirtschaftlichen  Verhältnisse  des  Westens  in  gewisser
Beziehung  anzupassen.  Dieser  volkswirtschaftliche  Fortschritt  sollte
ihm  aber  auch  weniger  dazu  dienen,  das  Dasein  der  breiten  Massen
erträglicher  und  diese  glücklicher  und  zufriedener  zu  machen,  als  sich
Mittel  und  Heere  für  seine  Eroberungskriege  zu  verschaffen.

Peter  konnte,  durch  seinen  Absolutismus  verblendet,  aber  keinen
Blick  dafür  haben,  daß  die  Gedankenfreiheit  im  Menschen  auch
eine  negative  Seite  hat  und  zwar  die  Freiheit  des  Nichtdenkens.  Ein
volkswirtschaftlicher  Fortschritt  erfordert  Willenskraft  und  Nachdenken,
die  zu  beleben  im  Menschen  eine  Zugkraft  notwendig  ist,  die  nicht  durch
die  Knute  zur  Außerung  zu  bringen  ist,  sondern  nur  durch  politische
Freiheit  und  durch  Erziehung.  Die  Knute,  der  Galgen  und  Sibirien
waren  aber  auch  ausschließlich  die  Erziehungsinstrumente  dieses  Zaren.
mit  der  er  aber  nur  die  stumpfsinnige  Entsagung  einer  Masse  erreichte,
die  arbeitete  und  schaffte,  weil  sie  mußte  und  nicht  weil  sie  konnte.

Peter  d.  Gr.  hat  dann  auch  für  die  Kultur  seiner  Russen  ebensowenig
  etwas  Nachhaltiges  geschaffen  als  seine  Vorgänger  und  Nachfolger.
  Unter  letzteren  haben  sich  die  Zustände  noch  dadurch  verschlimmert,
  daß  die  Günstlingswirtschaft  zugenommten  hat.  Da,  wie  bereits
bemerkt,  in  einem  despotisch  regierten  Staatswesen  Elemente  nicht
durch  Rechtschaffenheit,  Arbeit  und  Fleiß  an  die  Oberfläche  kommen
können,  sondern  nur  solche,  die  sich  durch  Schmeichelei,  List  und  Täuschung
  nach  oben,  Verleumdung,  Betrug  und  Niedertracht  gegen  seinesgleichen
  und  Brutalität  nach  unten  auszeichnen,  so  ergibt  sich  der
Schluß  von  selbst,  welcher  Grad  von  Ehrbarkeit  in  der  russischen  gesellschaftlichen
  Oberschicht  schließlich  zur  Geltung  kommen  mußte.
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        45

Die  Günstlingswirtschaft  mußte  in  Rußland  um  so  folgenschwerer
  werden,  als  nach  Peter  d.  Gr.  der  Zarismus  im  Unterrock  für
eine  geraume  Zeit  zur  Geltung  kam.  In  dieser  Zeit  bekamen  Günstlinge
  den  größten  Einfluß  dadurch,  daß  sie  die  Liebhaber  dieser  nicht
gerade  sehr  sittenstrengen  Herrscherinnen  waren.  Um  in  der  Gunst
eines  Zaren  hochzukommen,  war  immerhin  noch  ein  gewisses  Maß  von
geistiger  Regsamkeit  und  staatsmännischer  Veranlagung  erforderlich,
das  allerdings  durch  Selbstbewußtsein  und  vornehme  Gesinnung  nicht
beeinträchtigt  sein  durfte.  Für  die  Gunst  einer  Zarin  war  dies  alles
aber  von  untergeordneter  Bedeutung;  hier  kam  es  vor  allen  Dingen
darauf  an,  dem  Geschmack  und  der  Sinnlichkeit  dieser  Weiber  zu  entsprechen.
  War  dieses  der  Fall,  so  waren  ihrer  Willkür  keine  Schranken
gesetzt  und  sie  mußten  in  einem  Lande  wie  Rußland  um  so  mehr
erreichen,  je  niedriger  ihre  Gesinnung  war.

Die  letzte  dieser  Herrscherinnen  war  Katharina  II.,  die  Schlosser
als  die  Semiramis  des  Nordens  bezeichnet.  Diese,  von  Geblüt  eine
Deutsche  —  ihre  Wiege  hat  in  Zerbst-Anhalt  gestanden  —,  hat  die  Eroberungspolitik
  in  großzügiger  Weise  mit  viel  Erfolg  fortgesetzt.  Für
die  fortschrittliche  Entwicklung  im  Innern  hat  sie  aber  ebensowenig
etwas  geleistet  als  ihre  Vorgänger.  Immerhin  wurde  das  Reich  insolge
  der  erfolgreichen  Außenpolitik  trotz  des  kulturellen  Rückstandes
ein  bedeutender  Faktor  in  der  europäischen  Politik.  Und  als  Napoleon
des  I.  Macht  an  der  Größe  und  Unkultur  Rußlands  zerschellte  und
ihm  den  Untergang  vorbereitete,  da  wurde  es  in  der  Folge  unter  einem
diplomatisch  nicht  ungeschickten  Zaren  sogar  zu  dem  ausschlaggebenden
Faktor  der  politischen  Bestrebungen  des  europäischen  Kontinents.  Erleichtert
  wurde  dieses  durch  Uneinigkeit  der  durch  den  Krieg  geschwächten
westlichen  Nachbarn,  und  daß  in  Deutschland  und  Österreich  die  einsetzende
  Reaktion  in  der  russischen  Rückständigkeit  den  festesten  Rückhalt
  finden  konnte.

Wenn  auch  die  russische  Expanfionspolitik  im  großen  ganzen  nach
dem  Westen  gravitierte,  so  blieb  doch  das  Endziel  aller  Bestrebungen
und  Wünsche  der  Besitz  Konstantinopels;  alle  anderen  Eroberungen
galten  ihr  nur  als  Etappen  zu  diesem  Ziel.  Konstantinopel  als  Ausgangs=
  und  lange  Zeit  Mittelpunkt  ihrer  griechisch-katholischen  Kirche
galt  ihnen  im  Besitz  der  türkischen  Mohammedaner  als  eine  religiöse
Schmach,  die  sie  dadurch,  daß  auch  slavische  Balkanstaaten  von  den
Türken  beherrscht  wurden,  zu  einer  panflavistischen  erweiterten.  In
diesem  Sinne  wurde  die  innere  und  äußere  Politik  des  Zaren  nicht
nur  moralisch  gefestigt,  sondern  in  den  Augen  der  Ungebildeten  und
politisch  rückständigen  Massen  geradezu  geheiligt.

Bei  der  Eroberung  Konstantinopels  dreht  es  sich  aber  nicht  allein
        <pb n="50" />
        46
um  eine  Vergrößerung  Rußlands,  auch  nicht  so  sehr  um  den  Besitz  der
Haggia  Sophia,  als  wesentlich  um  den  eisfreien  Zugang  zum  Mittelmeer
  und  damit  zu  den  Zugängen  der  Weltmeere  überhaupt.

Wenn  die  Russen  auch  keine  wirtschaftlichen  Hilfsquellen  haben,
die  einen  Überseeverkehr  bedingen  und  begünstigen  und  wenn  sie  auch
kein  Geschick  haben,  sich  im  Zwischenhandel  eine  in  Betracht  kommende
Seegeltung  zu  verschaffen,  so  kann  man  es  trotzdem  verstehen,  daß  bei
ihrer  Weltmachtstellung,  ihrer  Anmaßung  und  ihrer  politischen  Überhebung
  die  Abhängigkeit  und  Bedeutungslosigkeit  in  maritimer  Beziehung
  ihnen  ein  Gefühl  wirtschftlicher  und  politischer  Armut  verleihen
  mußte,  das  zu  beseitigen  in  erster  Linie  mit  in  den  Interessenzirkel
  ihrer  politischen  Bestrebungen  gehörte.  In  dieser  Beziehung
konnten  dann  frühzeitig  die  wirtschaftlichen  Interessen  des  Kapitalismus
  mit  den  religiösen  und  panslavistischen  der  breiten  Massen  auf
dieselbe  Zielstrebigkeit  vereinigt  werden.  Es  kommt  auch  dazu,  daß
ihnen  die  Erreichbarkeit  eines  eisfreien  Zugangs  zum  Mittelmeer  überhaupt
  leichter  erschien  als  im  Norden  zum  Ozean,  denn  dort  hatten  sie
sich  mit  germanischen  Völkern  auseinanderzusetzen,  die  ihnen  in  militärischer
  Beziehung  sicher  überlegen  waren.  Hingegen  hatten  die  Türken  ihre
militärische  Bedeutung  immer  mehr  und  mehr  eingebüßt,  so  daß  sie  sich
in  der  letzten  Zeit  überhaupt  nur  noch  mit  Hilfe  der  am  Balkan  interessierten
  Westmächte  halten  konnten

Den  Anfang  in  der  Vertreibung  der  Türken  vom  europäischen
Boden  hat  bereits  Peter  d.  Gr.  gemacht,  indem  er  ihnen  die  Ufer  des
Asowschen  Meeres  entrissen  hat.  Damit  hatte  Peter  auch  bereits  einen
unmittelbaren  Zugang  zu  den  südlichen  Gewässern  erreicht.  Nach  ihm
ist  es  auch  hier  besonders  Katharina  II.  gewesen,  die  am  Schwarzen
Meere  weiter  vorgedrungen  ist  und  zwar  ermöglicht  dadurch,  daß  ihr  der
Deutsche  Münnich  die  Heere  dazu  herangebildet  hat.  %

Die  Russen  hatten  es  mit  ihrem  weiteren  Vordringen  aber
schließlich  nicht  allein  mit  den  Türken  zu  tun,  sondern  der  ganze  Westen
Europas  hatte  ein  Interesse  daran,  daß  die  Macht  des  russischen  Despotismus
  nicht  zu  weit  rückte,  da  dieser  den  Westen  nur  mit  einer  halbasiatischen
  Kultur  beglücken  konnte,  deren  wichtigstes  Regierungsrequisit
  die  Knute  war  und  deren  Wirkung  nur  durch  Lüge,  Schmeichelei
und  Bestechung  abgeschwächt  werden  konnte.  Von  den  Westmächten
waren  nun  diejenigen,  die  es  in  erster  Linie  anging,  nämlich  die  Deutschen
  und  Österreicher,  unter  sich  nicht  einig  und  da  ihr  politischer
Horizont  nicht  weiter  reichte,  als  sie  vom  Kirchturm  aus  sehen  konnten,
so  hatten  sie  nach  ihrer  Ansicht  zu  Hause  wichtigere  Sachen  auszutragen
als  in  weiser  Voraussicht  zur  rechten  Zeit  dem  eroberungssũchtigen
Russen  entgegenzutreten.  Dafür  waren  es  aber  die  heutigen  intim
        <pb n="51" />
        47

Verbündeten  der  Russen  und  zwar  die  Engländer  und  Franzosen,  die
im  Verein  mit  den  Türken  im  Krimkrieg  dem  größenwahnsinnigen
Zarismus  eine  Abfuhr  beigebracht  haben,  von  der  er  sich  aus  eigenen
Kräften  nur  sehr  schwer  wieder  erholen  konnte.

Für  die  Russen  selbst  hatte  der  Krimkrieg  die  wohltätigen  Folgen.
daß  die  Leibeigenschaft  von  Alexander  II.  aufgehoben  wurde.  Nicht
aber  deshalb,  daß  nach  dem  Krimkrieg  der  Zar  an  seiner  Gottähnlichkeit
zu  zweifeln  anfing  und  er  den  Despotismus  für  Rußland  als  nicht  mehr
zeitgemäß  betrachtete,  oder  daß  er  aus  Gründen  der  Menschlichkeit  die
Bauern  aus  asiatischer  Willkür  einer  skrupel=  und  gefühllosen  Feudalität
  befreien  wollte.  Zu  dieser  Maßregel  haben  allein  wirtschaftliche
Gründe  getrieben  und  zwar  dieselben,  die  Peter  d.  Gr.  veranlaßt  haben,
sie  erst  drückend  und  schwer  zur  Geltung  zu  bringen.  Peter  d.  Gr.
bildete  die  Leibeigenschaft  aus,  um  Mittel  und  Heere  für  seine  Eroberungspolitik
  zu  bekommen  und  Alexander  II.  hat  sie  aufgehoben,  um
Mittel  und  Heere  für  dieselbe  Politik  zu  bekommen,  denn  der  wirtschaftliche
  Zusammenbruch  konnte  nach  dem  Krimkrieg  mit  Hilfe  der
Leibeigenschaft  nicht  mehr  aufgehalten  werden,  da  letztere  bei  einer
trägen  Masse,  die  nur  durch  die  Peitsche  in  Bewegung  gebracht  werden
konnte  und  deren  Erfolg,  durch  die  Trägheit  und  Verlogenheit  der
Aufpasser  stark  beeinträchtigt,  wenig  ergiebig  für  den  Zar  als  Steuerempfänger
  war.

Wenn  zu  der  Aufhebung  der  Leibeigenschaft  in  Rußland  auch
wirtschaftliche  Gründe  getrieben  haben,  so  ist  sie  doch  immerhin  nicht
die  Folge  einer  Veränderung  der  Warenproduktion  und  Austauschweise,
sondern  sie  ist  eine  Folge  der  veränderten  Denkweise  einzelner  maßgebender
  Köpfe.  Sie  ist  eine  Folge  der  russischen  Ausdehnungspolitik,
die  aber  nicht  wie  die  englische  darauf  basiert,  Absatzgebiete  oder  Rohstoffquellen
  für  eine  Warenproduktion  zu  gewinnen  oder  einen  Überschuß
  der  Bevölkerung  unterzubringen,  sondern  die  auf  reine  Ländergier,
  Machtkitzel  und  Größenwahn  zurückzuführen  ist.

Bei  der  Aufhebung  der  Leibeigenschaft  kam  die  Hälfte  der  Anbaufläche
  des  Grund  und  Bodens  in  den  Besitz  der  Bauern,  die  andere  Hälfte
verblieb  dem  Großgrundbesitz,  dem  Staat,  der  Kirche  und  der  Krone.
Diesen  Bauernbesitz  bekamen  aber  die  Bauern  nicht  etwa  mit  den  entsprechenden
  großen  aber  immerhin  erträglichen  Lasten  als  Privateigentum,
  sondern  er  wurde  ihnen  in  einer  Art  kommunistischer  Wirtschaftsweise
  als  Gemeindebesitz  zugeteilt.  Der  Dorfgemeinde  wurde  das  Land
zur  Nutznießung  überwiesen  und  von  ihr  an  die  einzelnen  Mitglieder
verteilt.  Der  Staat  hat  dieses  System  deswegen  eingeführt,  damit  die
Dorfgemeinde  solidarisch  für  die  nicht  geringen  Ankaufskosten  und
Steuern  haftete.
        <pb n="52" />
        48

Für  die  Russen  bedeutete  diese  Veränderung  der  Agrarverhältnisse
aber  keine  Verbesserung,  denn  eine  rationelle  Wirtschaft  war  hierbei
unmöglich,  da  den  einzelnen  vollständig  die  Hände  gebunden  waren.
Der  eine  konnte  seine  Vorzüge  gegenüber  dem  anderen  hierbei  nicht
zur  Geltung  bringen,  da  sie  weniger  ihm  und  der  Allgemeinheit  als
seinem  faulen  Nachbar  zugute  kamen,  denn  einmal  mußte  er  für  letzteren
die  Abgaben  mit  erarbeiten  und  anderseits  war  Bestimmung,  daß  das
Land  immer  wieder  neu  verteilt  werden  mußte.

Bei  solcher  Wirtschaftsweise  konnte  der  tätige  und  unternehmende
Bauer  auch  keine  Hypothenkenschulden  aufnehmen,  die  einmal  einen
billigeren  Zinsfuß  beanspruchen  und  ihm  anderseits  auch  eine  gewisse
Bewegungsfreiheit  in  der  Vergrößerung,  Veräußerung  und  Abrundung
gaben.  Er  mußte  hingegen  bei  den  unausbleiblichen  Mißernten  persönliche
  Schulden  machen,  hierfür  Wucherzinsen  bezahlen  und  seine
Früchte  schon  auf  dem  Acker  verkaufen  und  verpfänden.  Eine  Verarmung
  bis  zum  Verhungern  in  wirtschaftlicher  und  eine  Verblödung
in  geistiger  Beziehung  waren  die  Folgen  dieser  Freiheit.  Und  es  läßt
sich  nicht  verkennen,  daß  die  russische  Rückständigkeit  in  wirtschaftlicher
Beziehung  hauptsächlich  auf  diese  Art  kommunistischer  Bauernwirtschaft
zurückgeführt  werden  muß.  Diese  Wirtschaft  ist  aber  eine  Folge
menschlicher  Gedanken  und  nicht  der  wirtschaftlichen  Entwicklung;  sie
ist  aber  auch  ein  Schulbeispiel  dafür,  daß  eine  kommunistische  Wirtschaftsweise
  so  lange  unmöglich  ist  und  jeden  Fortschritt  ausschließt,  bis
die  Menschen  durch  körperliche  und  geistige  Entwicklung  zu  einer  vollständigen
  Ebenmäßigkeit  auf  hoher  Kulturstufe  und  damit  sittlichen
Reife  gekommen  sind.

Eine  spätere  Agrarreform,  die  die  Aufteilung  des  Bodens  im
Gemeindebezirk  zuläßt,  hat  bis  jetzt  nur  den  bemerkenswerten  Erfolg
gehabt,  daß  die  wohlhabenden  Bauern  die  armen  auskaufen,  dieses
aber  nicht,  um  eine  rationelle  Wirtschaft  zu  treiben,  sondern  um  das
Land  für  eine  extensive  Wirtschaft  zu  verpachten  und  auszuwuchern.  Die
Folge  dieser  Wirtschaft  ist  genau  wie  früher  ein  geringer  durchschnittlicher
  Ernteertrag  und  eine  dünngesäete  stupide  Bevölkerung,  deren
wirtschaftliche  und  geistige  Interessen  mit  dem  besten  Willen  mit  der
Ausdehnungspolitik  ihrer  Regierung  nicht  in  Zusammenhang  gebracht
werden  können,  es  sei  denn,  daß  die  landhungrigen  und  verarmten
Bauern  mit  erobertem  und  geraubtem  Land  zufriedengestellt  werden
sollen,  um  bei  ihnen  etwaige  revolutionäre  Gelüste  zu  dämpfen.  Auf
der  anderen  Seite  wurden  durch  die  Proletarisierung  eines  Teils  der
Bauern  Kräfte  für  den  Großgrundbesitz  und  für  eine  Industrie  frei,  so
daß  der  Entwicklung  einer  kapitalistischen  Wirtschaftsform,  wie  sie  der
Westen  hat  und  wie  sie  in  der  Gegenwart  jeder  wirtschaftliche  Fort-
        <pb n="53" />
        49

schritt  bedingt,  auch  in  Rußland  der  Boden  geebnet  war.  Sicher  ist,
daß  eine  derartige  Agrarreform,  die  der  kapitalistischen  Wirtschaftsweise
entspricht  und  bei  der  allein  die  notwendige  persönliche  Freiheit  und  der
Kopf  des  einzelnen  zur  Geltung  und  zur  Entwicklung  kommen,  noch
Kräfte  wecken  kann,  die  bei  der  Massigkeit  und  körperlichen  Gesundheit
des  Slaventums  dieses  zu  einer  dauernden  Gefahr  für  den  Westen
und  insbesondere  für  Deutschland  machen.  Vorläufig  hat  die  Entwicklung
  eine  andere  Richtung  genommen  und  zwar  hat  sie  noch  während
des  Krieges  zur  russischen  Revolution  geführt.

Aber  auch  diese  letzte  Agrarreform  ist  nicht  die  notwendige  Folge
einer  ökonomischen  Entwicklung  in  Rußland,  sondern  auch  sie  kann  allein
nur  auf  eine  veränderte  Denkweise  maßgebender  Köpfe  zurückgeführt  werden.
  Auch  hier  ist  wieder  ein  unglücklicher  Krieg  die  Veranlassung
gewesen.  Als  der  Krieg  mit  Japan  im  Jahre  1905  für  die  Russen  einen
unrühmlichen  Ausgang  genommen  hatte,  war  die  Regierungskunst  des
Zaren,  der  damals  aber  schon  mehr  von  der  führenden  Oberschicht  geschoben
  wurde  als  selber  schob,  zu  Ende.  Um  der  beginnenden  Revolution
  so  schnell  wie  möglich  Herr  zu  werden,  und  um  die  Kreditfähigkeit
  dem  Auslande  gegenüber  aufrecht  zu  erhalten,  mußte  sich  die
Autokratie  des  Zaren  zu  politischen  Zugeständnissen  bequemen,  durch
die  vor  allen  Dingen  die  produktiven  Kräfte  des  Landes  gefördert
wurden,  und  dies  konnte  bei  der  wirtschaftlichen  Struktur  Rußlands
nur  allein  durch  eine  Agrarreform  erreicht  werden.  —

Anderseits  ist  die  russische  Industrie  bis  jetzt  ein  Treibhausgewächs
  geblieben,  das  nur  im  beschränkten  Maße  für  den  Inlandverbrauch
  arbeitet.  Und  sie  kann  auch  dies  nur  dadurch,  daß  sie  durch
Prohibitivzölle  gestützt,  daß  sie  ferner  mit  ausländischem  Gelde  fundiert
  und  von  ausländischen  Köpfen  geleitet  ist.  Die  staatliche  Heranzüchtung
  und  Unterstützung  war  aber  ebenso  wie  die  Agrarreform  nur
dadurch  möglich,  daß  der  Staat  dafür  die  Gelder  aus  dem  Auslande
heranziehen  konnte,  und  hier  ist  es,  wie  bereits  bemerkt,  besonders  Frankreich
  gewesen,  das,  um  Rußland  politisch  gegen  Deutschland  zu  geinnen,
  den  Überfluß  seines  Reichtums  an  ersteres  abgeführt  hat  und
das  es  im  Verein  mit  England  schließlich  in  den  Krieg  gegen  die  Mittelmächte
  geführt  hat.

Die  Russen  leisten  in  der  produktiven  Tätigkeit  in  der  Landwirtschaft
  ebensowenig  als  in  der  Industrie.  Vor  allen  Dingen  sind  ihre
Erfolge  auf  diesem  Gebiet  gemessen  an  denen  der  Deutschen  von  einer
nicht  zu  verkennenden  Rückständigkeit,  obwohl  ihnen  nicht  nur  dieselben
Hilfsmittel  zur  Verfügung  stehen,  sondern  es  sind  ihnen  auch  alle  Fortschritte
  der  Wissenschaft  und  alle  Erfahrungen  der  Praxis  zugänglich.
Die  Rückständigkeit  kann  auch  nicht  allein  auf  die  politischen  Zustände

Siale,  Seitalbe#strutie,  Shristentum,  Materlsliemt  und  der  Ariss.  4
        <pb n="54" />
        50

der  Gegenwart  zurückgeführt  werden,  sondern  sie  ist  allein  auf  die  passive
Natur  der  Russen  zurückzuführen,  die  das  Produkt  einer  langfristigen
Entwicklung  ist  und  die  durch  fundamentale  Anderung  der  ökonomischen
Verhältnisse  nicht  ohne  weiteres  fundamental  mit  verändert  wird.
Wohl  aber  kann  die  Entwicklung  für  die  Zukunft  beeinflußt  und  geändert
  werden.

Die  passive  an  Entsagen  gewöhnte  Natur  des  Russen  drängt  sich
weder  nach  Wissen  und  Bildung  noch  nach  Arbeit,  um  zu  einer  besseren
Lebenshaltung  zu  kommen.  Diese  Natur  hat  nur  das  Bedürfnis,  auskömmlich
  zu  vegetieren,  sie  findet  deshalb  den  ihr  zusagenden  Wirkungskreis
  im  Ackerbau.  Da  er  hierbei  den  Erfolg  aber  nicht  in  der  eigenen
Arbeit  sucht,  so  betreibt  er  die  Landwirtschaft  extensiv  und  überläßt  das
übrige  dem  lieben  Gott  und  der  hohen  Obrigkeit,  mit  deren  Politik,
soweit  sie  ihm  durch  Eroberung  mehr  Land  in  Aussicht  stellt,  er  sich
solidarisch  erklärt.  ·

Bis  auf  die  Arbeiter  der  großen  Städte,  die  der  internationalen
Sozialdemokratie  anhängen  und  einiger  Ideologen  der  gebildeten  Kreise
haben  sich  also  unter  dem  Schlagwort  Panflavismus  in  Rußland  auch
in  der  letzten  Zeit  alle  politisch  heterogenen  Elemente  zu  einer  gemeinsamen
  Zielstrebigkeit  zusammengefunden.  Der  Zar  und  die  Regierung,
  um  sich  die  Herrschaft  zu  sichern  und  um  sie  in  Befriedigung  ihres
Größenwahns  noch  nach  Möglichkeit  zu  erweitern  und  um  anderseits
von  den  innerpolitischen  Unzulänglichkeiten  abzulenken;  die  Beamten
und  Offiziere,  um  sich  der  gefüllten  Staatskrippe  weiter  zu  erfreuen
und  um  sich  für  ihre  zügellose  materielle  Genußsucht  andere  Völker
tributpflichtig  zu  machen;  die  Geistlichkeit,  um  im  Namen  der  Rechtgläubigkeit
  für  die  Ausbreitung,  Festigung  und  schließlich  Weltherrschuft
  des  griechisch-katholischen  Bekenntnisses  zu  sorgen  und  schließlich
der  Bauer,  um  mühelos  seinen  Landhunger  durch  Eroberung  zu  stillen,
ob  dabei  in  der  Kultur  hochstehende  Bölker  um  die  Früchte  der  Arbeit
von  Generationen  gebracht  werden,  und  ob  durch  Ausrottung  und  Vernichtung
  dieser  Völker  die  Kulturentwicklung  der  Menschheit  zum  Stillstand
  und  schließlich  zum  Rückschritt  gebracht  wird,  das  ist  für  das
Seelenleben  des  Russen  moralisch  ebenso  belanglos,  als  wenn  er  im
Namen  des  Panslavismus  nach  asiatischer  Methode  innere  Kolonisation
in  der  Weise  betreibt,  daß  er  die  in  Rußland  ansässigen  und  mit  dem
russischen  Boden  verwachsenen  Deutschen  ohne  angemessene  Entschädigung
  von  Haus  und  Hof  vertreibt  und  mittel-  und  heimatlos  macht.

Das  seichte  Seelenleben  des  Russen,  das  dem  grüblerischen  und
harmlosen  Deutschen  nur  deshalb  undurchsichtig  und  unergründlich  erscheint,
  weil  es  durch  Kulturlosigkeit  stark  getrübt  ist,  kennt  nur  moralische
  Beklemmungen,  wenn  es  ohnmächtig  ist.  Ebenso  kommt  bei  den
        <pb n="55" />
        51

Russen  das  Gefühl  für  Recht  und  Billigkeit  nur  dann  zum  Durchbruch,
wenn  er  als  Objekt  der  Ungerechtigkeit  nicht  anders  kann  und  wenn
er  seinen  Vorteil  dabei  findet.  Wie  sich  der  Russe  das  Durchdringen
der  westeuropäischen  Kultur  mit  russischer  denkt,  das  hat  sein  Auftreten
in  Ostpreußen  im  letzten  Krieg  uns  und  kommenden  Geschlechtern  gezeigt,
  denn  hier  hat  er  durch  Blut  und  Feuer  Spuren  hinterlassen,  die
unserer  Politik  hoffentlich  dauernd  ein  Menetekel  bleiben.

Die  asiatische  Wildheit  und  Zügellosigkeit  des  Russen  ist  eben
nicht  die  Folge  einer  durch  politische  Rückständigkeit  bedingten  unzulänglichen
  Erziehung,  sondern  sie  ist,  wie  bereits  bemerkt,  vom  materialistischen
  Standpunkt  aus  die  Folge  eines  abnorm  veranlagten  und  entwickelten
  Gehirn=  und  Nervensystems.  Demzufolge  sind  gerade  vom
materialistischen  Standpunkt  aus  die  Russen  nicht  durch  gute  Gründe
und  philosophisches  Argumentieren  zu  überzeugen,  sondern  durch  die
Gewalt  der  nackten  Tatsachen,  die  dem  Bildungsgrad  der  Russen  entsprechend
  um  so  überzeugender  wirkt,  je  brutaler  sie  zur  Geltung  kommt.
Dies  sollten  sich  vor  allen  Dingen  einmal  die  deutschen  Sozialdemokraten
  in  ihren  politischen  Katechismus  schreiben,  damit  sie  endlich  aufhören,
  mit  ihrer  philosophischen  Verständnislosigkeit  der  Welt  ihren
verschrobenen  Idealismus  als  historischen  Materialismus  aufzubinden.
Vom  christlichen  als  auch  vom  sozialdemokratischen  Standpunkt  aus
muß  eine  weltbürgerliche  Verbrüderung  mit  den  Russen  auf  Grund
sittlicher  Reife  und  Gleichmäßigkeit  auf  absehbare  Zeit  noch  als  ausgeschlossen
  angesehen  werden.  Hieran  kann  auch  die  russische  Revolution
nichts  ändern,  und  es  ist  ein  Unding,  daß  in  einem  Agrarstaat  wie
Rußland  mit  einer  sittlich  so  tief  stehenden  Bevölkerung  der  Mischmasch
einer  kommnunistischen  und  kapitalistischen  Wirtschaftsform  sich  unmittelbar
  in  eine  sozialistische  überführen  läßt.  Die  Revolution  hat  nur  ein
wirtschaftliches  und  politisches  Chaos  geschaffen,  aus  dem  mit  zwingender
  Notwendigkeit  als  lebensfähig  nur  die  reine  kapitalistische  Wirtschaftsform
  hervorgehen  kann,  denn  Rußland  muß  sich  nolens  volens
seiner  politischen  Umgebung  in  dieser  Beziehung  voll  und  ganz  anpassen,
  denn  auch  in  jener  hat,  wie  der  Krieg  gezeigt,  die  Entwicklung
der  Menschen  noch  nicht  das  Niveau  erreicht,  auf  dem  eine  sozialistische
Wirtschaftsweise  auch  nur  denkbar  ist.

Gerade  der  Krieg  hat  gezeigt,  daß  auch  der  preußische  Militarismus,
  so  ausgezeichnet  er  sich  in  seiner  sozialen  Gleichheit  gegenüber  der
Massenhaftigkeit  unserer  Feinde  bewährt  hat,  doch  versagte,  wo  er  sich
ins  Sozialistische  zu  übersetzen  versuchte.  Ausführlich  ist  darauf  an
anderer  Stelle  zurückzukommen.

Genau-genommen  ist  der  Militarismus  in  der  Gegenwart  überhaupt
  nichts  weiter,  als  die  angewandten  Wissenschaften  in  der  besten.

4
        <pb n="56" />
        52

Weise  der  Politik  des  Vaterlandes  dienstbar  zu  machen.  Und  in  dieser
Beziehung  sind  wir  Deutschen  nicht  nur  den  Russen  sondern  auch  den
Engländern  und  Franzosen  bedeutend  überlegen,  wie  der  letzte  Krieg
unzweifelhaft  festgestellt  hat.  Diese  Überlegenheit  beruht  aber  nicht
allein  auf  einem  Mehrwissen  unserer  Führer,  sondern  eben  so  viel  auf
der  besseren  Veranlagung  und  der  entsprechend  besseren  Erziehung
unserer  Mannschaften  und  zwar  sowohl  im  Wissen  als  auch  in  körperlichen
  Fähigkeiten  und  in  der  Disziplin.  Die  Gründlichkeit  des  Deutschen
  nimmt  jede  Sache  ernst  und  so  auch  die  Unterordnung  im  Dienste
des  Ganzen.  Da  ihm  ferner  seine  geistige  Veranlagung,  eine  entsprechende
  Schulbildung,  eine  ruhige  Überlegung  und  ein  fester  Wille
mit  der  notwendigen  Ausdauer  und  den  körperlichen  Fähigkeiten  eine
Selbständigkeit  verleiht,  die  im  Rahmen  der  Möglichkeit  jeder  Aufgabe
gewachsen  ist,  so  konnte  er  den  ihm  aufgezwungenen  Verteidigungskrieg
gegen  die  von  England  aufgebotenen  Massen  der  ganzen  Welt  nicht
nur  erfolgreich  durchhalten,  sondern  den  Spieß  umdrehen  und  seinerseits
  einen  Eroberungskrieg  daraus  machen.

Wenn  uns  nun  auch  der  preußische  Militarismus  für  die  Zukunft
die  tröstliche  Gewißheit  und  Beruhigung  gibt,  daß  wir  den  Ausdeh--nungsgelüsten
  des  Panslavismus,  der  früher  oder  später  die  durch  die
Revolution  und  durch  den  Krieg  separierten  Russen,  Ukrainer,  Ruthenen,
  Polen  und  Tschechen  in  irgend  einer  Form  doch  wieder  vereinigt,
gewachsen  sind,  so  können  wir  uns  doch  auf  die  Dauer  nicht  durch  geistige
Überlegenheit  allein  schützen,  sondern  nur  dadurch,  daß  wir  unsere  erhöhte
  Produktionskraft  wesentlich  dazu  benutzen,  daß  wir  uns  ihr
entsprechend  stärker  vermehren.  Denn  solange  ein  friedlicher  Ausgleich
in  der  Entwicklung  zwischen  den  Rassen  und  Nationen  noch  ausgeschlossen
  ist  —  und  er  ist  noch  recht  lange  ausgeschlossen  —  solange  wird
die  Rasse  oder  Nation  am  Ende  Sieger  bleiben,  die  als  Ganzes  das
größte  Produkt  aus  Masse,  Fähigkeiten  und  Willen  bildet.

In  den  letzten  Krieg  hat  Rußland  die  herrschende  Kaste  geführt,
die  mit  dem  Zar  an  der  Spitze  im  Interesse  der  Selbsterhaltung  unter
dem  Aushängeschild  des  Panflavismus  Eroberungspolitik  treiben
mußte,  denn  bei  einer  inneren  Umgestaltung  mußte  der  Zar  den  Absolutismus
  und  damit  die  Macht  der  herrschenden  Kaste  preisgeben,
was  letztere  nach  Möglichkeit  zu  verhindern  suchte.

Daß  in  dem  für  die  Russen  unglücklichen  Ausgang  des  Krieges
eine  geringe  Bewegung  schon  imstande  war,  den  Zar  mit  samt  seinem
Klüngel  zu  beseitigen,  zeigt,  wie  wenig  tief  diese  Institution  im  russischen
  Volkstum  gewurzelt  hat.  Welchen  Ausgang  nun  die  Revolution
in  Rußland  auch  schließlich  nimmt,  zu  einem  Absolutismus  wird  es
        <pb n="57" />
        53

wohl  nicht  wieder  kommen,  deshalb  wird  in  Zukunft  auf  die  eine  oder
andere  Weise  die  politische  und  wirtschaftliche  Gestaltung  von  innen
heraus  kommen,  wodurch  bei  der  russischen  Volksvermehrung  die  Möglichkeit
  gegeben  ist,  daß  gewaltige  Kräfte  frei  werden.  Wenn  nun  auch
in  Rußland  wie  in  Frankreich  bei  zunehmendem  Wohlstand  sicher  der
Verbrauch  an  Puder  und  Schminke  ein  relativ  größerer  wird  als  derjenige
  an  Seife,  so  ist  doch  nicht  anzunehmen,  daß  die  Russen  sich  auch
bald  das  französische  Zweikindersystem  aneignen.  In  einer  schrankenlosen
  Volksvermehrung  in  Rußland  liegt  aber  die  alleinige  Gefahr  für
Deutschland  und  seine  Kultur,  wenn  es  in  dieser  Beziehung  zurückbleibt.
  Nicht  allein,  daß  die  Möglichkeit  vorliegt,  daß  uns  infolge  einer
fortschrittlichen  Entwicklung  das  Slaventum  in  Zukunft  mit  der  Waffe
gewachsen  sein  kann,  sondern  wir  können  auch  durch  eine  friedliche  Durchdringung
  mit  slavischen  landwirtschaftlichen  Kräften  auf  die  Dauer
den  Boden  nicht  behaupten,  wenn  die  Slaven  anfangen,  planmäßige
Siedlungspolitik  zu  treiben,  und  sie  werden  solche  mit  zunehmender
Bildung  betreiben,  da  es  ihrer  Veranlagung  am  besten  Rechnung  trägt.
Die  deutsche  Politik  sollte  daher  dafür  sorgen,  daß  die  deutschen  Elemente
  um  jeden  Preis  der  Landwirtschaft  erhalten  bleiben,  zumal  die
Intensität  der  Landwirtschaft  und  damit  der  Volkswohlstand  dadurch
nicht  unwesentlich  gesteigert  wird.  Anderseits  ist  ein  zahlreicher  Nachwuchs
  auf  dem  Lande  nicht  eine  derartige  Last  als  in  den  großen
Städten.  Auf  dem  Lande  können  sich  die  Kinder  sogar  bald  im  Interesse
  ihrer  eigenen  Entwicklung  und  zum  Segen  der  Allgemeinheit  recht
nützlich  machen.  J  ·..«  ,  .

Eine  solche  Politik  ist  um  so  notwendiger,  als  eine  weitgehende
Demokratisierung  sich  nach  dem  Kriege  in  allen  Kulturländern  nicht
mehr  aufhalten  läßt,  und  wenn  es  auch  noch  weiter  Herren=  und  Herdenvölker
  gibt,  so  läßt  sie  doch  eine  nationale  Vergewaltigung  nicht  mehr
zu,  sondern  sie  wird  das  nationale  Selbstbestimmungsrecht  auch  innerhalb
  der  Grenzpfähle  zur  Geltung  bringen.  Auf  friedlichem  Wege  können
  aber  nationale  Eroberungen  nur  mit  Durchdringung  einer  höheren
Kultur  erreicht  werden,  und  wenn  das  deutsche  Volk  in  dieser  Beziehung
  seine  Bestimmung  nicht  verkennt  und  zielbewußt  vorgeht,  so
wird  es  auch  auf  friedlichem  Wege  Sieger  bleiben.  Jedenfalls  darf  sich  das
deutsche  Volk  in  Zukunft  nicht  einer  internationalen  Verbrüderung  und
Versfimpelung  hingeben,  sondern  es  muß  dahin  streben,  alle  Elemente
für  eine  kraftvolle  nationale  Politik  zu  gewinnen,  die  auf  wirtschaftlichem
  und  sozialem  Gebiet  für  alle  Völker  vorbildlich  sein  muß;  für  eine
Politik,  die  nicht  anmaßend  aber  doch  selbstbewußt  auftritt  und  dabei
unseren  Nachkommen  diejenige  Zukunft  sichert,  in  der  das  ganze  menschliche
  Dasein  seine  Zwerkbestimmung  überhaupt  findet.
        <pb n="58" />
        —  —

England.

Wir  kommen  nun  zum  dritten  unferer  verbündeten  Feinde,  dem
Engländer.  Bei  diesem  hat  es  vielleicht  den  Anschein,  als  ob  die
Motive  seiner  Gegnerschaft  gegen  uns  ohne  weiteres  verständlich  seien
und  nichts  weiter  bedeuten  als  ein  schäbiger  Konkurrenzneid.  Das
heißt  mit  anderen  Worten,  daß  bei  ihm  die  Motive  einzig  und  allein
in  der  Warenproduktion  und  Austauschweise  lagen  und  rein  wirtschaftlicher
  Natur  gewesen  sind.

Um  dem  Engländer  gerecht  zu  werden,  müssen  wir  uns  auch  hier
sowohl  seine  eigene  geistige  Entwicklung  als  auch  die  wirtschaftliche
seines  Landes  ansehen,  zumal  der  Engländer  der  Jetztzeit  nur  dadurch
allein  verstanden  und  gerecht  beurteilt  werden  kann.

Der  Rasse  und  dem  Herkommen  nach  sind  die  Engländer  ein  Gemisch
  von  Briten,  Sachsen  und  Normannen,  von  denen  die  Briten  zur
Zeit  der  ersten  uns  bekannten  geschichtlichen  Uberlieferungen  die  Insel
zuerst  bewohnten.  Durch  den  Einfluß  des  Christentums  der  patristischen
  Zeit,  dem  die  Briten  ihren  Anlagen  und  ihrem  Charakter  entsprechend
  leicht  zugänglich  waren,  wurden  sie  mehr  zur  Passivität  als
Aktivität  erzogen,  und  dieses  wurde  ihr  Unglück,  denn  sie  konnten  so
leicht  von  den  benachbarten  Sachsen  und  Angeln,  die  anders  dachten  und
die  sie  zu  ihrem  Schutz  von  den  Gestaden  der  Nordsee  herbeigerufen
hatten,  unterjocht  werden.

Die  Sachsen  und  Angeln  hatten  sich  als  seefahrende  und  wetterfeste
  germanische  Stämme  durch  ihre  Kämpfe  mit  den  Elementen  des
Meeres  als  auch  durch  ihr  etwas  seeräuberisches  Handwerk  und  ihre
Kriegsführung  mit  anderen  seefahrenden  Nationen  ebensoviel  Kaltblütigkeit
  als  auch  Selbstbewußtsein  angeeignet,  d.  h.  Eigenschaften,
die  mit  Zähigkeit  und  Ausdauer  zur  Geltung  gebracht,  für  eine  Kolonisation
  und  Germanisterung  der  unterjochten  Briten  besonders  erfolgreich
  sein  mußten.  Da  sie  ferner,  entgegengesetzt  ihren  germanischen
Vettern  des  Kontinents,  sich  schon  bei  der  Bekehrung  nicht  dem  Christentum
  in  der  derzeitigen  römischen  Aufmachung  angepaßt  haben,  sondern
letzteres  mehr  oder  weniger  mit  ihren  Lebensanschauungen  zu  vereinbaren
  suchten,  so  ließen  sie  sich  ihre  irdischen  Rechte  zugunsten  des
Himmels  nicht  so  ohne  weiteres  verkümmern,  zumal  sie  auch  im  Anfang
von  sächsischen  Königen  regiert  wurden,  die,  wie  Alfred  d.  Gr.,  lieber
über  freiheitliebende  und  selbstbewußte  Männer  regieren  wollten  als
über  armselige  Knechte  und  Sklaven.

Als  die  Engländer  zuerst  unter  dänische  Herrschaft  und  später
durch  Wilhelm  den  Eroberer  unter  die  Botmäßigkeit  der  Normannen
        <pb n="59" />
        55

kamen,  waren  die  Sachsen  und  Angeln  auf  der  Insel  schon  derartig
wurzelfest,  daß  die  Zeit  der  Abhängigkeit  von  normannischer  Willkür,
Gewalttätigkeit  und  Unterdrückung  für  sie  nur  eine  politische  Episode,
wenn  auch  mit  weitgehenden  politischen  Folgen,  geblieben  ist,  in  der  sie
von  ihrer  Eigenart  nichts  eingebüßt  haben.

Zum  Glück  für  das  englische  Bürgertum  hatten  die  normannischen
Könige  nicht  nur  den  unversöhnlichen  Haß  der  sächsischen  Großen  zu
bekämpfen,  sondern  auch  den  Neid  und  die  Mißgunst  ihres  eigenen
Klüngels,  wobei  dann  selbstverständlich  auch  noch  in  herkömmlicher
Weise  die  Kirche  die  Schwierigkeiten  dadurch  vermehrte,  daß  sie  mit
diplomatischer  Geschicklichkeit  im  Trüben  zu  fischen  versuchte.

Furchtlose  Gewaltnaturen  wie  Wilhelm  der  Eroberer  nahmen  es
mit  allen  auf.  Seine  Nachfolger,  die  weniger  geschickt  und  gewalttätig
waren,  mußten  der  einen  oder  anderen  Partei  Konzessionen  machen,
und  von  diesen  ist  es  hauptsächlich  im  Anfang  des  13.  Jahrhunderts
der  König  Johann  ohne  Land  gewesen,  der  sich,  wenn  auch  vielleicht
wider  Willen,  in  der  Hauptsache  auf  den  freien  Mittelstand  stützte  und
diesem  in  der  berühmten  Magna  Charta  Rechte  verbrieft  hat,  die  die
Grundlage  aller  freiheitlichen  Bestrebungen  auf  der  Insel  geblieben  sind,
wenn  sie  auch  hin  und  wieder  von  selbstherrlichen  Königen  nicht  beachtet
  worden  sind.

Im  Schutze  sowohl  als  auch  tn  der  Verteidigung  der  durch  die
Magna  Charta  verbrieften  Rechte  konnte  sich  das  englische  Bürgertum
derartig  entwickeln,  daß  es  zur  Zeit  Heinrich  VIII.  schon  Selbstbewußtsein
  und  überlegung  genug  hatte,  sich  von  der  römischen  Geistesherrschaft
  nach  eigener  Ansicht  geistig  frei  zumachen.  Wenn  Heinrich  durch
seinen  Bruch  mit  dem  Papsttum  die  Reformation  auch  praktisch  durchgeführt
  hat,  so  ließen  sich  seine  Landeskinder  nach  seinen  Ansichten  und
seinen  Interessen  nur  äußerlich  mit  bekehren;  innerlich  folgten  sie
anderen  Spuren.

Heinrich  VIII.  war  als  König  nicht  nur  ein  grausamer  Despot,
sondern  auch  ein  gelehrter  Theologe,  der  mit  scholastischer  Bildung  versehen
  sich  in  theoretischer  Beziehung  mit  einem  Schein  von  Vorurteilslosigkeit
  zu  drapieren  versuchte,  wenn  er  auch  praktisch  nichts
weniger  als  ein  glaubensstarker  und  musterhafter  Christ  war.  Da
Heinrich  in  förmlicher  und  hierarchischer  Beziehung  noch  pöäpstlicher  als
der  Papst  war,  so  war  die  Loslösung  von  Rom  für  ihn  überhaupt  keine
Gewissenssache,  sondern  eine  rein  politische  Angelegenheit,  dementsprechend
  wurde  auch  das  Förmliche  der  Kirche  nicht  der  Lehre,  sondern
beides  seiner  Politik  angepaßt.  Da  er  ferner  auch  die  Toleranz  seiner
Politik  anpaßte,  und  da  beim  Reichtum  der  römischen  Kirche  an  irdi-
        <pb n="60" />
        56

schen  Gütern  die  Verfolgung  dieser  sehr  gewinnbringend  für  ihn  war,
so  waren  die  Reformierten,  die  von  seiner  Ansicht  abwichen,  die  weniger
von  ihm  verfolgten,  zumal  sie  sich  auch  aus  Furcht  und  Selbstsucht  und
durch  Heuchelei  seinem  Formenwesen  und  den  Bußerlichkeiten  der
Kirche  am  besten  anzupassen  verstanden.  Immerhin  läßt  sich  nicht
verkennen,  daß  Heinrich  VIII.,  indem  er  der  römischen  Kirche  ihren
Reichtum  genommen  hat,  sie  in  einem  Lande  wie  England  politisch
bedeutungslos  machte  und  daß  er  dadurch  dem  Fortschritt  der  weiteren
Reformation  die  Wege  geebnet  hat.

Die  glatte  Abrechnung  mit  Rom  hat  es  dann  auch  verhindert,
daß  eine  unter  seinen  katholischen  Nachfolgern  eingesetzte  Gegenreformation
  für  England  politisch  nicht  mehr  so  folgenschwer  werden  konnte,
als  solche  für  Deutschland  geworden  ist,  so  daß  das  englische  Bürgertum
die  zu  seiner  Entwicklung  notwendige  politische  Freiheit  zweihundert
Jahre  früher  erreicht  hat,  als  dasjenige  der  kontinentalen  Staaten,  und
hierdurch  war  allein  die  Möglichkeit  zu  seiner  kolonialen  Ausdehnung
und  damit  zu  seiner  politischen  Bedeutung  gegeben.  Begünstigt  wurde
dieses  noch  dadurch,  daß  die  insulare  Lage  Englands  nicht  nur  die
Einmischungsgelüste  der  katholischen  fürstlichen  Vettern  stark  beeinträchtigte,
  sondern  auch  frühzeitig  die  Schiffahrt  und  den  Überseeverkehr
zu  einer  Existenzfrage  für  England  machte.

Unter  der  Königin  Elisabeth  wurde  der  Katholizismus,  der  ihr
Thronrecht  anzweifelte,  wieder  weiter  verfolgt  und  seine  politische  Bedeutung
  für  England  noch  nach  Möglichkeit  vermindert.  Hingegen
wurde  die  Reformation,  in  der  ihr  Thronrecht  wurzelte,  nach  der  Richtung
  hin  weitergeführt,  in  der  es  ihrem  Interesse  am  meisten  dienlich
sein  konnte.  Elisabeth  versuchte  vor  allen  Dingen,  sich  wie  ihr  Bater
mit  der  Reformation  eine  Autorität  in  geistlichen  Angelegenheiten  zu
verschaffen,  um  mit  dieser  einen  politischen  Absolutismus  zu  begründen
und  zu  festigen.  In  diesem  Sinne  wurde  unter  ihr  die  englische  Hochkirche
  mit  ihrem  Bischofssystem  und  ihrem  starren  Formenwesen  gegründet.


Elisabeth  konnte  es  aber  nicht  verhindern,  daß  ein  wesentlicher
Teil  des  Bürgertums,  und  zwar  der  wirtschaftlich  und  politisch  bedeutendste,
  die  Reformation  gründlicher  nahm  und  in  seiner  geistigen  Befreiung
  auf  das  Urchristentum  im  jüdisch-christlichen  Sinne  zurückging.
Dieses  Christentum  führte  aber  nicht  nur  zum  starren  Bibelglauben,
sondern  auch  zu  einem  religiösen  Selbstbewußtsein,  das  sich  mit  dem
Episkopalsystem  der  englischen  Kirche  nicht  befreunden  konnte,  sondern
mit  Erfolg  ein  Presbyterianersystem  erstrebte,  das  dann,  auf  die  Politik
übertragen,  zu  einer  demokratischen  Regierungsform  führen  mußte,  die
        <pb n="61" />
        57

mit  den  absolutistischen  Bestrebungen  der  gekrönten  Häupter  und  deren
Anhänger  zu  unversöhnlichen  Gegensätzen  führte.

Die  Presbyterianer,  die  sich  in  England  Puritaner  nannten,  und
von  denen  sich  noch  die  Independenten  als  radikalere  Gruppe  absonderten,
  waren  Anhänger  des  Calvinismus,  dessen  Lehre  in  ihrer  Strenge
und  Einfachheit  alles  Förmliche  und  Äußerliche  der  Kirche  verwirft
und  in  seiner  Prädestinationslehre  der  Augustinischen  Ansicht  folgt,
daß  der  durch  die  Erbsünde  unfreie  menschliche  Wille  aus  sich  zum  Guten
unfähig  ist  und  nur  durch  göttliche  Vorausbestimmung  entweder  zur
Seligkeit  oder  zur  Verdammnis  bestimmt  ist,  so  daß  schließlich  nur
den  Auserwählten  die  ewige  Seligkeit  sicher  ist.  Da  es  dem  Engländer
im  Vergleich  zu  anderen  Nationen  wirtschaftlich  und  politisch  am  besten
ging,  so  konnte  er  ohne  Bedenken  und  ohne  große  Uberhebung  damals
wohl  annehmen,  daß  er  zu  den  Auserwählten  Gottes  gehöre.  Er  mußte
aber  nach  der  Bibel  hieraus  weiter  folgern,  daß  er  dafür  zu  einem
sittenstrengen  Leben  verpflichtet.  sei,  um  sich  der  göttlichen  Gnade  würdig
zu  erweisen.  Die  Beobachtung  der  Calvinschen  strengen  Kirchenzucht
wurde  dann  auch  ein  wesentlicher  Teil  seiner  Religion,  und  die  Folge
war  ein  arbeitsreiches,  tätiges  Leben,  das  auf  Luxus  und  überflüssige
Genüsse  verzichtete.

Wenn  die  Puritaner  und  Independenten  mit  der  demokratischen

mehr  kan  das  alze  keen-nn  der  Bibel,  bas  *  mehr
Spielraum  ließ,  so  daß  sie  bei  ihren  geistigen  Anlagen  und  Fähigkeiten,
mit  denen  sie  die  günstigen  äußern  Verhältnisse  rücksichtslos  und  geschickt
  auszunutzen  verstanden,  wirtschaftlich  ebenso  reich  als  politisch
mächtig  wurden.

Auf  diese  Weise  sind  die  Engländer  zu  einer  praktischen  Nützlichkeitsphilosophie
  gekommen,  der  sie  heute  noch  anhängen  und  die  im
Christentum  wurzelt.  Und  man  kann  gar  nicht  einmal  behaupten,
daß  dem  Christentum  hierbei  mehr  Gewalt  angetan  ist  als  auf  dem
—  wo  es  zur  Knechtung  und  Unterdrückung  der  Völker  benutzt

Der  wirtschaftliche  Reichtum  und  die  politische  Macht  Englands
im  Gegensatz  zu  der  derzeitigen  kümmerlichen  Entwicklung  in  den  kontinentalen
  Staaten  konnte  die  Engländer  bald  zu  der  Überzeugung
führen,  daß  sie  nicht  nur  zu  den  Auserwählten  Gottes  gehören,  sondern
daß  sie  diese  überhaupt  nur  allein  sind.  Von  diesem  Gesichtspunkt  aus
        <pb n="62" />
        58

ist  dann  auch  die  kalte  Grausamkeit  zu  verstehen,  mit  der  sie  als
glaubensstarke  und  fromme  Christen  eroberte  Völker  unterjocht,  ausgebeutet
  und  unter  Umständen  auch  ausgerottet  haben,  denn  sie  haben
jene  als  von  Gott  Verdammte  angesehen,  denen  gegenüber  Rücksicht
auszuüben  letzterem  gar  nicht  einmal  gefällig  sein  konnte.  Ferner  ist
auch  die  an  Größenwahn  grenzende  Überhebung  allen  Nichtengländern
gegenüber  zu  verstehen,  wie  auch  die  hochmütige  Nichtachtung  aller  nichtenglischen
  Kultur.

Immerhin  haben  sich  die  Engländer  dadurch  ausgezeichnet,  daß
sie  das  Sinnlose  und  den  Mißbrauch  der  christlichen  Religion  nicht  wie
die  Franzosen  mit  philosophischen  Halbheiten  bekämpft  haben.  Sie
haben  auch  nicht  wie  die  Deutschen  Jahrhunderte  lang  ein  Kompromiß
zwischen  christlichem  Widersinn  und  philosophischer  Unzulänglichkeit  gesucht,
  sondern  sie  haben  ihre  politische  Macht  dazu  benutzt,  den  politischen
Mißbrauch  des  Christentums  allein  mit  den  Lehren  des  ursprünglichen
Christentums  zu  bekämpfen  und  zwar.  nicht  nur  theoretisch,  sondern
praktisch.  Auf  diese  Weise  hatten  sie  nicht  nur  zur  rechten  Zeit  scharfe
und  allgemein  verständliche  Waffen,  die  ihnen  einen  dauernden  Erfolg
sicherten,  sondern  sie  sind  auch  einer  weltbürgerlichen  Versimpelung
frühzeitig  aus  dem  Wege  gegangen.  Sie  sind  aber  auch  mit  ihren
inneren  fundamentalen  Gegensätzen  zwischen  Fürst  und  Volk  einerseits
  und  zwischen  Kirche  und  Fürst  anderseits  zwei  Jahrhunderte
früher  fertig  geworden  als  wir  Deutsche  und  sie  konnten  bereits  daran
gehen,  die  Welt  zu  anglisieren,  als  wir  neben  religiösen  auch  noch  die
unseligen  partikularistischen  Gegensätze  auszugleichen  hatten.

Dem  Nützlichkeitsprinzip  der  englischen  religiösen  und  politischen
Entwicklung  hat  sich  auch  diejenige  der  Philosophie  frühzeitig  angepaßt.
Schon  die  Philosophen  englischer  Herkunft  des  scholastischen  Zeitalters.
wie  Duns  Skotus  und  Wilhelm  von  Occam,  auf  die  ich  im  nächsten
Abschnitt  zurückkomme,  sind  wie  auch  ihre  Nachfolger  mehr  philosophierende
  Engländer  als  englische  Philosophen.  Dem  Duns  Skotus  ist
nicht  nur  die  Theologie  eine  Erkenntnis  von  wesentlich  praktischem
Charakter,  sondern  ihm  ist  auch  nicht  die  Materie  sondern  die  Form
das  individualisierende  Prinzip;  hierbei  ist  aber  die  individuelle  Eigentümlichkeit,
  welche  die  Diesheit  begründet,  das  Wesentliche  und  nicht
eine  unsterbliche  Seele,  die  überhaupt  nur  ein  Gegenstand  des  Glaubens
  ist.

Wilhelm  von  Occam,  der  sich  den  Glaubensartikeln  gegenüber
noch  indifferenter  verhält,  läßt  überhaupt  für  unser  Wissen  nur  die
Erfahrung  gelten.  Er  lehrt  also  gewissermaßen  einen  philosophischen
Materialismus  des  Diesseits,  der  den  Glauben  an  ein  Jenseits  nicht
        <pb n="63" />
        59

auszuschließen  braucht.  Denselben  Standpunkt  haben  auch  die  namhaften
  beiden  Philosophen  der  Reformationszeit,  nämlich  Bacon  und
Hobbes,  vertreten.  ·

Francis  Bacon  ist  der  erste  Philosoph  der  neueren  Zeit,  der  die
Methode  der  philosophischen  Forschung  nur  auf  Objekte  möglicher  Erfahrung
  angewandt  wissen  will.  Nach  ihm  ist  Wissen  und  Glauben
scharf  von  einander  zu  trennen.  Dabei  gilt  ihm  der  Sieg  des  Glaubens
um  so  glänzender,  je  ungereimter  ein  göttliches  Geheimnis  ist.  Nach
Bacon  soll  das  Wissen  zur  Erweiterung  der  Macht  dienen,  wobei  es
durch  den  Glauben  nicht  beeinträchtigt  werden  soll.

Thomas  Hobbes  geht  noch  weiter.  Nach  ihm  soll  sich  die  Religion
auf  die  Heilige  Schrift  stützen,  die  Philosophie  aber  auf  die  natürliche
Vernunft.  Von  diesem  Standpunkt  aus  kommt  er  nicht  nur  zu  doppelten
  Wahrheiten  über  eine  Sache,  sondern  philosophisch  auch  zu  einer
Art  von  Materialismus,  für  den  es  nur  Phänomena  gibt,  denn  die
Empfindungen  unserer  Sinne  haben  nur  objektive  Bedeutung  und  sind
nichts  weiter  als  körperliche  Bewegungen.

Diesen  Materialismus  auf  das  Moralische  und  Politische  ausgedehnt,
  kommt  Hobbes  zu  der  Folgerung,  daß  das  Prinzip  der  Ethik
nur  die  Selbstsucht  ist,  und  daß  die  Begriffe  gut  und  schlecht  nur  relative
Geltung  haben.  Da  nach  diesem  Prinzip  der  Mensch  von  Natur  nur
auf  die  Wahrung  seiner  persönlichen  Interessen  bedacht  ist,  kann  er
selbst  bei  angeborener  Friedensliebe  nicht  leben,  ohne  diejenigen  anderer
zu  verletzen.  Es  ist  deshalb  der  oberste  Wille  eines  Monarchen  notwendig,
  dem  sich  alle  zu  unterwerfen  haben,  damit  der  Krieg  aller  gegen
alle  verhindert  wird.

Auf  diese  Weise  bringt  es  Hobbes  fertig,  nicht  nur  die  Monarchie,
sondern  sogar  den  politischen  Absolutismus  dieser  mit  seiner  materialistischen
  Weltanschauung  zu  rechtfertigen.  In  diesem  Sinne  hat  er  auch
die  praktische  Nutzanwendung  seiner  Lehre  gezogen  und  ist  ebenso  wie
Bacon  ein  getreuer  Untertan  und  Verfechter  des  absolutistischen  Königtums
  geworden,  trotzdem  sich  dieses  in  ihrer  Zeit  nicht  gerade  von  der
besten  Seite  gezeigt  hat.  Immerhin  ist  es  bezeichnend  für  die  Engländer,
  daß  sie  im  Gegensatz  zu  den  Kontinentalen  mit  dem  philosophischen
  Materialismus  das  Königtum  zu  halten  und  zu  rechtfertigen  versucht
  haben,  während  sie  es  mit  den  Lehren  des  Christentums  schroff
und  rücksichtslos  bekämpften.  Diese  fundamentale  Unterscheidung  der
Engländer  von  den  Deutschen  und  Franzosen  zeigt  auch  ganz  besonders
die  Charakteristik  ihres  Heldentums.  Es  ist  sicher  kein  Spiel  des
Zufalls,  daß  Cromwell  Indepedent,  Napoleon  Katholik  und  Friedrich
d.  Gr.  Philosoph  war.
        <pb n="64" />
        60

Auch  die  späteren  Philosophen  Englands  haben  das  Prinzip  der
englischen  Nützlichkeitsphilosophie  mit  ihrer  doppelten  Buchführung
nicht  beeinträchtigt.  Das  Prinzip  dieser  Philosophie  bedeutet  aber
nichts  weiter  als  einen  Materialismus  im  Wissen  und  Handeln  und
einen  Idealismus  im  Glauben  und  Abwarten.

Es  läßt  sich  nun  gar  nicht  verkennen,  daß  der  durch  Theologie  und
Philosophie  begründete  und  gerechtfertigte  spezifisch  englische  Materialismus
  auch  seine  Schattenseiten  hat.  Dadurch,  daß  er  die  Religion
eines  Egoismus  geworden  ist,  der  sich  nur  innerhalb  des  durch  Sprache,
Sitten  und  Gebräuche  zusammengehaltenen  Volkes  nicht  sehr  beengende
altruistische  Schranken  gesetzt  hat,  hat  er  zu  einem  Staatswesen  geführt,
  das  genau  genommen  nur  eine  nackte  Interessenvertretung  des
das  Parlament  beherrschenden  Bürgertums  geworden  ist.  Eine  solche
Interessenvertretung  wird  sich  selbstverständlich  nicht  mit  Gefühlspolitik
abgeben,  sondern  sie  wird  sich  in  ihrer  Nützlichkeitsphilosophie  nur  von
der  nüchternen  Erwägung  des  Verstandes  leiten  lassen,  wobei  sie  die
allgemein  anerkannten  Grundsätze  für  gut  und  schlecht  nur  soweit  gelten
läßt,  als  es  ihrem  Interesse  dienlich  ist,  zumal  ihr  in  ihrer  religiösen.
Anmaßung  und  Überhebung  an  der  Achtung  anderer  Nationen  nicht
vom  Standpunkt  des  Ehrgefühls,  sondern  nur  von  dem  der  Nütllichkeit
  gelegen  ist.

Der  englische  Materialismus  mußte  notwendig  auch  entsprechend
seiner  Herleitung  aus  durch  Anpassung  getrübten  Quellen  zu  der  falschen
Auffassung  führen,  daß  die  Glückseligkeit  seiner  Anhänger  in  Gegenwart
  und  Zukunft  nicht  in  der  gesunden  geistigen  und  körperlichen  Entwicklung
  derselben  liegt  und  hierzu  eine  Kolonisation  benötigt,  die  eine
schrankenlose  Fortpflanzung  und  Vermehrung  in  englischer  Kultur
möglich  macht,  wodurch  letztere  überhaupt  für  die  Zukunft  sichergestellt
und  einer  Degeneration  vorgebeugt  wird.  Nach  der  heute  maßgebenden
Auffassung  liegt  die  Glückseligkeit  des  Engländers  allein  im  Reichtum,
in  der  dadurch  bedingten  Unabhängigkeit  und  im  Genießen  der  Gegenwart
  und  zwar  letzteres  nach  englischer  Eigenart.  Entsprechend  dieser
Weltanschauung  hat  sich  denn  auch  die  englische  Volkswirtschaft  und
auswärtige  Politik  entwickelt  und  aus  dem  Agrarstaat  der  alten  Angelsachsen
  ist  nach  der  Reformation  das  heutige  Großbritannien  geworden,
in  dem  der  Handel,  der  durch  die  Macht  des  Kapitals,  durch  Gewandtheit
  und  Skrupellosigkeit  andere  für  sich  tributpflichtig  machen  kann,
alles  beherrscht,  während  der  Ackerbau,  der  Arbeit  verlangt  und  weniger
einträglich  ist,  bedeukungslos  geworden  ist.

Die  englische  Politik  hatte  dann  auch  nur  das  eine  Bieli  im  Auge,
Geldaquellen  zu  schaffen  und  zu  sichern.  Das  bedeutet  für  einen  Handels=
  und  Industriestaat  Rohstoffquellen  und  Absatzgebiete  zu  erwerben
        <pb n="65" />
        61

und  von  diesem  Gesichtspunkt  hat  der  Engländer  allein  seine  Kolonialpolitik
  aufgefaßt.  Daß  letztere  erfolgreich  gewesen  ist,  geht  daraus  hervor,
  daß  es  ihm  gelungen  ist,  nach=  und  nebeneinander  dem  Spanier,
dem  Franzosen,  dem  Holländer  und  dem  Türken  Land  und  Leute  abzunehmen,
  wo  es  nur  immer  möglich  war.  Er  hat  aber  auch  mit  derselben
Rücksichtslosigkeit  und  Brutalität  herrenloses  Land  und  selbständige
Staaten  eingesackt,  wobei  ihm  in  der  Erreichung  des  Zwecks  jedes
Mittel  national  geheiligt  war.

Immerhin  muß  dem  Engländer  der  Neid  lassen,  daß  er  die  Kolonien
  nicht  nur  erworben  hat,  um  sie  schamlos  auszupressen,  wie  es
andere  Eroberer  gemacht  haben,  sondern  er  hat  tatsächlich  auch  europäische
  Kultur  hinverpflanzt,  wenn  auch  mehr  aus  kaufmännischen  als
aus  humanitären  Gründen.  Er  hat  immer  die  Absicht  verfolgt,  in  den
Kolonien  Ordnung  und  Zufriedenheit  zu  schaffen,  um  sie  nach  Möglichkeit
  zu  anglisieren  und  dadurch  dauernd  an  sich  zu  fesseln.

Die  durch  die  insulare  Lage  bedingte  Schiffahrt,  das  durch  die
Kolonien  erweiterte  Absatzgebiet,  die  ihrerseits  billige  Rohstoffe  und
Nahrungsmittel  liefern,  und  der  Steinkohlenreichtum  des  Landes  mußten
  naturgemäß  England  zu  einem  Industrie=  und  Handelsstaat  machen,
der  schließlich  den  Gipfel  der  wirtschaftlichen  Freiheit  in  der  nach  Adam
Smith  von  Cobden  abgeleiteten  Freihandelslehre  des  Manchestertums
sehen  mußte,  die  dann  auch  von  Peel  im  Jahre  1846  durchgesetzt  wurde.
Letztere  hat  vielleicht  den  Glanz  und  Reichtum  des  Landes  erheblich
vermehrt;  sie  hat  aber  auch  den  Grund  zu  seiner  politischen  Schwäche
gelegt.  ,..

Die  oben  skizzierte  Weltanschauung,  die  sich  im  Erwerb  reichlicher
Mittel  und  im  Genuß  der  englischen  aufs  Sinnliche  gerichteten  Kultur
erschöpft,  kann  wenig  zu  einer  Begeisterung  führen,  die  für  die  Verteidigung
  dieser  Kultur  freudig  das  Leben  einsetzt.  Der  Engländer  ist
deshalb  auch  trotz  der  vielen  Eroberungskriege,  die  er  geführt  hat,
selbst  wenig  kriegerisch  veranlagt.  Er  hat  sich  deshalb  auch  daran  gewöhnt,
  seine  Kriege  bis  auf  den  letzten  mit  fremdem  Blut  zu  führen,
zumal  ihm  dieses  für  Geld  leicht  zugänglich  war.  Anderseits  genügte
für  die  Verteidigung  des  Mutterlandes,  das  infolge  der  landwirtschaftlichen
  Verkümmerung  in  der  Magenfrage  vom  Auslande  und  von  einer
ungefährdeten  Schiffahrt  abhängig  ist,  eine  überlegene  Flotte.  Abgesehen
  davon,  daß  eine  weit  überlegene  Flotte  die  kostspielige  Wehrmacht
  zu  Lande  und  mit  ihr  eine  allgemeine  Wehrpflicht  überflüssig
machte,  diente  sie  auch  dazu,  den  kolonialen  Besitz  zu  sichern,  zumal  zu
ihrer  Unterstützung  sich  England  auf  dem  Wege  nach  Indien  noch  eine
Anzahl  hervorragender  Festungen,  Flottenstützpunkte  und  den  strategisch
wichtigen  Suezkanal  verschafft  hatte.
        <pb n="66" />
        62

Das  Britische  Reich  ist  bei  dieser  Entwicklung,  wie  schon  bemerkt.
kein  Staatswesen  geworden,  wie  es  die  kontinentalen  Länder  zeigen-In
  letzteren  sind  gewissermaßen  die  Angehörigen  des  Staates  wegen  da
und  derselbe  trägt  die  Verantwortung  für  das  gegenwärtige  und  zukünftige
  Wohl  und  Wehe  der  Staatsbürger.  Gemildert  wird  dieses
allerdings  gegenwärtig  dadurch,  daß  das  Volk  durch  die  kommunale
Selbstverwaltung  und  durch  die  legislative  Mitwirkung  zur  Kontrolle
und  zur  Verantwortung  mit  herangezogen  wird.  In  England  ist
umgekehrt  der  Staat  der  Angehörigen  wegen  da  und  wird  als  deren
Interessenvertretung  nicht  vom  Volke,  sondern  von  einer  herrschenden
Majorität  dirigiert.  Er  hat  nur  den  Zweck,  dem  Staatsbürger  die
bürgerliche,  wirtschaftliche  und  politische  Freiheit  zu  sichern  und  die
Entfaltung  der  englischen  Geschäftstüchtigkeit  zu  ermöglichen.  Beeinträchtigt
  wird  dieses  nur  durch  die  beengenden  starren  Formen  der
gesellschaftlichen  Überlieferung.

Eine  rein  parlamentarische  Regierung,  die  in  Wirklichkeit  die
politische  Macht  des  besitzenden  Bürgertums  repräsentiert,  hat  England
erst  unter  den  Königen  aus  dem  Hause  Hannover  bekommen,
unter  denen  das  Königtum  trotz  der  entgegengesetzten  Anstrengungen
Georgs  III.  schließlich  zu  politischer  Bedeutungslosigkeit  vermindert
wurde.  Wenn  England  aber  trotzdem  die  Monarchie  wie  auch  den
hohen  Adel  beibehielt  und  überhaupt  schwer  zu  bewegen  war,  an  überkommenen
  Außerlichkeiten  zu  ändern,  so  lag  der  Grund  darin,  die
Klassengliederung  nicht  anzutasten.  Dem  Bürgertum  genügte  es,  das
Geld  und  die  Macht  tatsächlich  in  den  Händen  zu  haben;  sie  konnten
sich  deshalb  die  Bescheidenheit  nach  oben  ganz  gut  leisten,  zumal  den
unteren  Klassen  damit  ein  gutes  Beispiel  gegeben  war.  Eine  gesellschaftliche
  Oberschicht  brauchte  England  aber,  denn  es  lag  dem  reichen
Emporkömmling  nicht  nur  daran,  Geld  zu  verdienen,  sondern  dieses
auch  mit  den  Gewohnheiten  eines  vornehmen  Menschen  auszugeben.

Die  politische  und  mit  ihr  wirtschaftliche  Entwicklung  Englands
zu  seiner  Macht  und  seinem  Reichtum  hat  das  Geldverdienen  in  den
Vordergrund  aller  staatlichen  und  persönlichen  Interessen  gestellt  und
diesem  sowohl  die  Erziehung  als  auch  „Denkweise  angepaßt.  Der  Erfolg
  ist,  daß  in  diesem  Lande,  das  in  seiner  Blütezeit  neben  hervorragenden
  Staatsmännern  auf  allen  Gebieten  der  Wissenschaft,  sowohl
Philosophie  als  auch  Nationalökonomie  und  Naturwissenschaft,  sowie
auch  Malerei  und  Literatur  eine  Menge  genialer  Köpfe  hervorgebracht
hat,  heute  der  Nachwuchs,  wie  Kenner  versichern,  einer  geistigen  Verflachung
  und  Oberflächlichkeit  entgegengeht.  Tatsache  ist,  daß  die
Engländer  auf  den  Gebieten  der  angewandten  Wissenschaft,  wo  es  auf
Organisation,  Gründlichkeit  und  Wissen  ankommt,  uns  gegenüber  be-
        <pb n="67" />
        63

denklich  ins  Hintertreffen  geraten  sind  und  zwar,  weil  ihnen  das  fehlt,
was  sie  als  Militarismus  an  uns  verdächtigen,  nämlich  Ordnungsliebe
  und  freiwillige  Unterordnung  im  Dienste  des  Ganzen.  ·

Das  Ansehen  und  die  Bedeutung,  die  in  England  der  Reichtum
im  gesellschaftlichen  und  politischen  Leben  genießt,  mag  es  verursacht
haben,  daß  England  von  unserer  Demokratie  als  das  gesellschaftliche
und  politische  Dorado  der  Welt  angesehen  wurde,  zumal  ein  auf  Internationalität
  basierender  Handel  naturgemäß  auch  ein  großes  Maß
persönlicher  und  politischer  Freiheit  für  seine  Angehörigen  bedarf.  Der
Krieg  hat  aber  gezeigt,  daß  wir  keine  Veranlassung  haben,  auf  irgend
welche  Institutionen  der  Engländer  neidisch  zu  sein.  Die  Standesehre
und  das  Standesbewußtsein  in  Deutschland,  die  sich  nicht  wie  in  England
  ausschließlich  auf  den  Geldbeutel  stützen,  sondern  zum  Ausdruck
bringen  wollen,  daß  der  Betreffende  ein  hervorragender  Teil  des  Ganzen
ist,  wirken  in  ihrer  Ubertreibung  und  in  ihren  Auswüchsen  oft  lächerlich.
Sie  bringen  aber  auch  deutlich  zum  Ausdruck,  daß  die  Allgemeinheit
nicht  nur  des  einzelnen  wegen  da  ist,  sondern  daß  umgekehrt  der  einbelne
  auch  der  Allgemeinheit  wegen  da  ist.  Sie  bringen  gewissermaßen
zum  Ausdruck,  daß  dem  Egoismus  nicht  allein  durch  die  Gewalt  der
Allgemeinheit  Schranken  gesetzt  werden  sollen,  sondern  daß  dieser  sich
sekbst  solche  aus  Vernunft  und  Ehrgefühl  zu  setzen  versucht.  Sie  verhindern
  also  nicht  nur,  daß  der  einzelne  die  Allgemeinheit  lediglich  als
Geschäftsobjekt  anfieht,  sondern  daß  er  sich  als  harmonischer  Teil  des
Ganzen  betrachtet  oder  wenigstens  danach  strebt,  dieses  zu  werden.
Nur  auf  diese  Weise  kann  auf  die  Dauer  eine  Politik  getrieben  werden.
die  auch  für  die  Zukunft  ersprießlich  ist.  «

Wenn  hingegen  die  Durchschnittsengländer  heute  noch  bibelgläubiger
  und  frommer  sind  als  Angehörige  anderer  Nationen,  so  ist
dieses  nicht  ihrer  Einsicht,  Wahrheitsliebe  und  Harmlosigkeit  zuzuschreiben,
  sondern  der  ihrer  geistigen  Bequemlichkeit  angepaßten  mangelhaften
  Erziehung.  Die  Puritaner  und  Intependenten  in  ihrer
Mäßigkeit  und  Sittenstrenge  haben  die  Vernichtung  ihrer  Feinde,  wenn
auch  brutal  so  doch  noch  in  gutem  Glauben  betrieben,  und  was  anderen
als  Heuchelei  schien,  ist  ihnen  doch  mehr  oder  weniger  heiliger  Ernst
gewesen.  Die  heutigen  Engländer,  die  einen  Darwin  hervorgebracht
haben  und  die  nicht  nach  dem  ewigen  Leben,  sondern  allein  nach  irdischen
Schätzen  und  irdischen  Genüssen  geizen,  sind  in  ihren  Handlungen  noch
die  alten  geblieben,  ihren  Motiven  liegt  aber  kein  heiliger  Ernst  mehr
zugrunde,  sondern  ein  unschöner  Egoismus,  der  sie  als  Heuchler  scheinen
läßt,  die  sich  sehr  wandeln  müssen,  wenn  sic  ihr  Ansehen  reparieren  und
noch  einmal  ernst  genommen  werden  wollen.

Man  kann  es  dem  Engländer  nachfühlen,  daß  ihm  die  1871  er-
        <pb n="68" />
        64

folgte  politische  Einigkeit  der  deutschen  Bundesstaaten,  der  danach
erfolgte  wirtschaftliche  Aufschwung  und  die  militärische  Stärke  mit  der
Zeit  wachsendes  Mißtrauen  verursachte,  zumal  Deutschland  auch  den
Willen  und  die  Kühnheit  hatte,  mit  England  zur  See  zu  rivalisieren
und  sich  dazu  eine  Flotte  heranbildete.  Wenn  England  im  Anfang
unsere  Flottenpolitik  nur  als  eine  militärische  Marotte  angesehen  hat,
durch  die  es  sich  nicht  beunruhigt  fühlen  konnte,  so  mußte  es  diese  Ansicht
  bald  revidieren,  denn  unsere  Marine  entwickelte  sich  doch  nach  und
nach  zu  einem  Gegner,  der  auch  England  gefährlich  werden  konnte  und
ja  auch  geworden  ist.

Einer  der  dieses  frühzeitig  erkannte  und  darauf  seine  ganze  auswärtige
  Politik  zugeschnitten  hat,  war  Eduard  VII.  Dieser  hatte  vom
ersten  Augenblick  seiner  Regierung  kein  anderes  Ziel  im  Auge,  als
Deutschland  politisch  zu  isolieren  und  es  mit  einer  aus  Haß,  Neid  und
Angst  bestehenden  Explosionsatmosphäre  zu  umgeben,  die  der  Mord
von  Serajewo  zur  Entladung  gebracht  hat.  Der  König  hat  hierbei
weiter  nichts  getan,  als  auf  den  krummen  Wegen  der  überlieferten  und
bequemen  englischen  auswärtigen  Politik  mit  viel  Geschick  weiter  zu
wandeln.  Das  für  uns  Widematürliche  des  Königs  lag  darin,  daß  er.
aus  deutscher  Familie  stammend,  seine  Lebensaufgabe  darin  gesucht  hat,
Deutschland,  als  sein  ursprüngliches  Vater=  und  Mutterland,  zu  pvernichten.
  Aber  schließlich  bedeutet  dieses  nichts  weiter,  als  daß  es  ihm
und  seiner  Familie  in  kurzer  Zeit  gelungen  ist,  das  deutsche  Wesen.
das  sicher  nicht  tief  gewurzelt  hat,  vollständig  abzustreifen  und  durch
Oberflächlichkeit  in  der  Bildung  und  Skrupellosigkeit  in  der  nationalen
Gesinnung  ein  vollwertiger  Engländer  zu  werden.

Anderseits  liegt  das  für  uns  Widernatürliche  und  obendrein  auch
Unvernünftige  unserer  englischen  Vettern  darin,  daß  sie  sich  mit  dem
ihnen  wesensfremden  minderwertigen  Russenvolk  verbündet  haben,  um
ein  stammverwandtes  Volk  mit  hoher  Kultur,  wenn  auch  nicht  zu
vernichten,  so  doch  zu  politischer  Bedeutungslosigkeit  zu  bringen.  Es
mag  ja  sein,  daß  die  Engländer  an  diesem  Kriege  im  Anfang  nur
soweit  interessiert  waren,  daß  unsere  Seemacht  geschwächt  oder  vernichtet
  werden  sollte  und  daß  sie  nach  solchem  Geschehen  zum  Frieden
geblasen  hätten,  wobei  wir  wohl  nach  Möglichkeit  noch  wirtschaftlich  geschröpft
  wurden.  Es  kann  sogar  sein,  daß  wir  nach  solchem  Frieden
unter  ihrem  Schutz  und  mit  ihrer  Unterstützung  die  Russen  wieder
zurückdrängen  durften,  denn  für  so  kurzsichtig  darf  man  die  Engländer
der  maßgebenden  Kreise  doch  nicht  halten,  daß  sie  nicht  im  Russen
ihren  unversöhnlichen  nationalen  Antipoden  sehen,  der  in  ihrem  Interesse
  nicht  zu  groß  werden  durfte.  Ebensowenig  darf  man  annehmen,
daß  der  Russe  im  Engländer  seinen  liebevollen  und  selbstlosen  Freund
        <pb n="69" />
        65

sieht.  Beide  haben  augenblicklich  im  Deutschen  nur  das  größere  übel
gesehen,  nach  dessen  Beseitigung  sie  miteinander  schon  spielend  fertig
zu  werden  glaubten.  Immerhin  hat  England  die  Genugtuung,  in
diesem  Kriege  wenigstens  einen  Feind  gründlich  besiegt  zu  sehen  und
zwar  den  für  die  Zukunft  am  gefährlichsten,  nämlich  den  Russen.

Wir  kommen  nun  zu  der  Frage  ob  die  letzten  Ursachen  für  den
großen  Krieg  in  England  materialistischer  oder  idealistischer  Natur  gewesen
  sind,  d.  h.  mit  anderen  Worten,  ob  sie  philosophischer  oder  volkswirtschaftlicher
  Natur  gewesen  sind.  Hier  ist  sicher,  daß  die  Ursachen
aus  der  Entwicklung  und  den  gegenwärtigen  Verhältnissen  der  kapitalistischen
  Wirtschaftsform  hervorgegangen  sind.  Sie  sind  aber  nicht  hervorgegangen
  aus  der  kapitalistischen  Wirtschaftsform  an  sich,  sondern
sie  sind  hervorgegangen  aus  der  nationalen  Begrenzung  der  kapitalistischen
  Wirtschaftsform  in  England  und  seinen  Kolonien  und  zwar  auch
nicht  deshalb,  um  das  Gebiet  über  diese  Grenzen  hinaus  zu  erweitern;
das  ist  selbstverständlich  nicht  notwendig,  da  der  Kapitalismus  international
  ist,  sondern  um  die  Wirtschaftsform  zu  anglisieren  und  um
die  englische  Kultur  zu  sichern.  Sie  sind  hervorgegangen  aus  einem
Nationalgefühl  des  Hasses,  des  Neides  und  der  Angst  ihren  germanischen
Vettern  gegenüber,  die  ihre  Kultur,  die  sie  für  die  höhere  ansehen,  beeinträchtigen
  und  schließlich  vernichten  könnten.

Solange  Deutschland  am  Wegrande  der  Kolonialpolitik  zusehen
mußte,  wie  von  anderen  Nationen  Siedelungsgebiet  für  die  Erweiterung
  ihrer  Kultur  aufgeteilt  wurde,  wobei  es  für  andere  mit  erobern
und  mit  kolonisieren  durfte,  solange  durfte  es  sich  der  Sympathie  und
des  Wohlwollens  seiner  englischen  Vettern  uneingeschränkt  erfreuen.
Dieses  änderte  sich  aber,  als  Deutschland  in  den  letzten  Jahrzehnten
einig  und  stark  wurde,  und  als  die  deutsche  Flotte  an  die  Größe  der
englischen  immer  mehr  und  mehr  heranreichte.  Und  wenn  England
auch  von  der  Friedensliebe  Deutschlands  überzeugt  war,  so  läßt  sich
doch  das  unbehagliche  Gefühl  daerüber  nicht  verkennen,  daß  seine  absolute
Freiheit  mit  dem  Heranwachsen  von  Deutschlands  Seemacht  nach  und
nach  zu  einer  relativen  werden  mußte.  Ein  Ereignis,  das  für  Englands
Entwicklung  unter  allen  Umständen  einen  Wendepunkt  bedeuten  muß,
denn  eine  relative  Freiheit  ist  genau  genommen  überhaupt  keine.  Diese
Wahrheit  gilt  aber  nicht  allein  für  England,  sondern  auch  für  Deutschland.
  Deutschland  mit  einer  armseligen  Flotte  hat  in  einem  für  seine
Existenz  notwendigen  Überseeverkehr  und  einer  Kolonialpolitik  nur  die
Freiheit,  die  ihm  von  England  gestattet  wird  und  nur  den  Frieden,
den  England  für  gut  befindet,  wobei  man  ohne  weiteres  annehmen
kann,  daß  England,  nachdem  es  sich  die  Welt  erobert  hat,  im  Interesse

binse,  Gegialbet#stt,  hrilemum,  Natertallimms  und  der  Arieg.
        <pb n="70" />
        66

der  Konsolidierung  seines  Reiches  von  einer  aufrichtigen  Friedensliebe
beseelt  ist.

Es  ist  also  ohne  weiteres  einzusehen,  daß  der  dominierende  Teil
des  englischen  Volkes  für  den  Umfang,  die  Dauer  und  die  Tragik  des
Krieges  verantwortlich  ist,  und  daß  die  Ursachen,  die  es  dazu  getrieben
haben,  allein  imperialistischer  Natur  sind.  Und  zwar  imperialistisch  in
philosophischem  Sinne,  d.  h.  um  sich  seine  Kultur,  die  in  Sprache,
Sitten  und  Gebräuchen  besteht,  zu  sichern.  Zu  den  Sitten  und  Gebräuchen
  gehört  aber  auch  das  Geldverdienen  und  die  Befriedigung  der
Magenfrage.  Bei  dieser  kommt  es  aber  nicht  allein  auf  die  Befriedigung
überhaupt  an,  sondern  auch  darauf,  wie  sie  befriedigt  werden  soll.  Hierdurch
  wird  aber  die  materialistische  Ursache  ihrerseits  Wirkung  einer
idealistischen  Ursache,  denn  die  Magenfrage  soll  nach  nationalen  Sitten
und  Gebräuchen  befriedigt  werden.  Diese  Tatsache,  die  nicht  zu  verkennen
  ist,  muß  uns  aber  auch  zu  dem  Schluß  führen,  daß  es  in  der
Entwicklung  der  Menschheit  und  in  ihrem  Tun  und  Treiben  überhaupt
weder  ein  rein  idealistisches  noch  materialistisches  Ursachsverhältnis  gibt,
sondern  daß  beides,  wie  ich  weiter  oben  schon  näher  ausgeführt  habe,
voneinander  abhängt  und  mehr  oder  weniger  wechselseitig  aufeinander
wirkt.  «

Was  in  kultureller  Beziehung  für  die  Engländer  gilt,  das  gilt
noch  mehr  für  die  jüngere  aber  nicht  verbesserte  Auflage  des  Angelsachsentums,
  nämlich  für  die  Nordamerikaner.  Auch  diese  haben  triefend
  von  sittlicher  Entrüstung  Elle  und  Hauptbuch  bei  Seite  gelegt
und  zähnefletschend  zur  Waffe  gegriffen.  Die  Ruhe  und  Gelassenheit,
mit  der  man  in  Deutschland  die  Kriegserklärung  der  Amerikaner  zu
den  übrigen  gelegt  hat,  zeigt,  wie  hoch  man  die  unbegrenzten  Möglichkeiten
  dieses  Krämervolkes  in  militärischer  Beziehung  eingeschätzt  hat.

Die  eigene  Geschichte  Amerikas  beginnt  erst  mit  dem  Jahre  1783,
in  dem  die  Unabhängigkeit  unter  Proklamierung  der  Menschenrechte
erreicht  wurde.  Wenn  schon  in  England  für  die  Entwicklung  der  Denkrichtung
  die  Lehren  des  Calvinismus  maßgebend  sind,  so  mußte  dieses.
noch  mehr  in  Amerika  der  Fall  sein,  da  die  aus  dem  Mutterlande  eingewanderten
  Kolonisten  sich  im  Anfang  in  der  Hauptsache  aus  den
strenggläubigen  Calvinisten  rekrutierten.  Als  die  katholischen  Stuarts
in  England  und  Schottland  noch  einmal  zur  Geltung  kamen  und  die
Puritaner,  Independenten  und  Quäker  nach  Möglichkeit  verfolgten,
da  sind  es  wesentlich  die  glaubensstarken  Elemente  dieser  Gemeinschaften
gewesen,  die  den  Staub  Altenglands  von  den  Füßen  geschüttelt  und
Amerika  befiedelt  haben.  Es  ist  deshalb  verständlich,  daß  das  aus  dem
Urchristentum  gesogene  bürgerliche  Selbstbewußtsein  nach  der  Unabhängigkeit
  zu  einer  Republik  führen  mußte,  in  der  der  herrenlose  Grund
        <pb n="71" />
        67

und  Boden  auch  genügend  Spielraum  gab  für  bürgerliche  und  politische
Freiheit.  Es  ist  aber  auch  weiter  verständlich,  daß  der  Frömmigkeit
entsprechend  die  Heuchelei  in  Amerika  noch  größer  sein  mußte  als  in
England,  denn  das  Widernatürliche  der  christlichen  Ethik  bringt  es
nun  einmal  mit  sich,  daß  ein  Mensch,  je  fester  er  im  Egoismus  des
irdischen  Daseins  wurzelt,  ein  um  so  größerer  Heuchler  sein  muß,  je
frömmer  er  sein  Christentum  zum  Ausdruck  bringt.

Anderseits  ist  auch  nicht  ganz  unbegründet  und  unberechtigt,  daß
die  Engländer  und  Amerikaner  in  früherer  Zeit  auf  den  Deutschen  in
politischer  Beziecung  mit  Bedauern  und  Verachtung  herabsehen  konnten,
  da  unsere  Vorfahren  damals  unter  dem  Drucke  einer  Feudalität
schmachteten,  die  so  weit  ging,  daß  einige  Fürsten  Deutschlands  in
schamloser  Weise  ihre  Landeskinder  für  kriegerische  Zwecke  als  Soldaten
  an  die  Engländer  verkauft  haben.  Ferner  kam  dazu,  daß  unsere
für  die  Freiheit  schwärmenden  und  kämpfenden  Landsleute,  wenn  sie
in  Deutschland  verfolgt  und  unmöglich  wurden,  zu  aller  Zeit  in
England  und  Amerika  nicht  nur  eine  willkommene  Aufnahme  gefunden
haben,  sondern  es  wurde  ihnen  dort  in  politischer  Beziehung  auch  das
geboten,  wofür  sie  in  der  Heimat  gestrebt  und  gelitten  hatten.  Man
kann  es  daher  auch  verstehen,  daß  diese  verbitterten  Emigranten  von
ihrem  Ursprungslande  nicht  gerade  mit  besonderer  Liebe  und  Achtung
gesprochen  haben,  und  daß  es  ihnen  nicht  schwer  wurde,  ihr  Volkstum
aufzugeben  und  im  Angelsachsentum  aufzugehen.

Was  aber  bis  zur  Mitte  des  vorigen  Jahrhunderts  galt,  das  kann
heute  nicht  mehr  gelten.  Wenn  Deutschland  heute  noch  ein  Bundesstaat
und  als  Ganzes  eine  konstitutionelle  Monarchie  ist,  so  bietet  diese  mindestens
  dasselbe  Maß  politischer  und  wirtschaftlicher  Freiheit,  bei  der
sich  die  Persönlichkeit  entfalten  kann,  als  die  Oligarchie  Englands  und
noch  mehr  Amerikas.  Das  deutsche  Reichstagswahlrecht  ist  in  politischer
  Beziehung  der  Ausdruck  einer  demokratischen  Gleichheit,  die  nicht
mehr  übertroffen  werden  kann,  zumal  sich  der  Deutsche  bei  seiner
Gründlichkeit  nicht  damit  begnügt,  solche  Einrichtungen  nur  auf  dem
Papier  zu  haben,  sondern  er  ist  ängstlich  bedacht,  sie  auch  dem  Sinn
nach  genau  durchzuführen.  Dazu  kommt,  daß  in  Deutschland  die  Allgemeinbildung
  eine  Höhe  erreicht  hat,  bei  der  sich  die  unteren  Kreise
nicht  wie  in  England  und  Amerika  vom  Großkapitalismus  verdummen
und  vergewaltigen  lassen,  um  für  dessen  unlautere  Zwecke  politisch  gegängelt
  zu  werden.  Rechnet  man  hierzu  noch  unsere  soziale  Gesetzgebung,
  für  deren  peinlich  genaue  Durchführung  das  Bewußtsein  der
Pflicht  und  Treue  ängstlich  bedacht  ist,  so  muß  jeder  Unbefangene  zu
der  Überzeugung  kommen,  daß,  wenn  Deutschland  in  politischer  Beziehung
  auch  noch  kein  Musterstaat  und  noch  verbesserungsfähig  ist,  es

5.
        <pb n="72" />
        68

doch  in  dem  Streben  nach  Wahrheit  und  Gerechtigkeit  und  in  der
Achtung  der  Menschenwürde  vor  England  und  Amerika  vieles  voraus
  hat.

Wenn  in  England  die  Arbeiter  gegen  Ende  des  Krieges  die
Dreistigkeit  hatten,  daß  sie  einen  annektionslosen  Frieden  und  das
Selbstbestimmungsrecht  der  Völker  nur  für  ihre  Gegner  in  der  Weise
angewendet  wissen  wollten,  daß  sie  eine  Wiederherstellung  nur  für  Belgien
  aber  nicht  für  Ostpreußen  verlangten,  daß  ferner  das  Selbstbestimmungsrecht
  für  Elsaß-Lothringen,  für  die  Völker  der  Donau-Monarchie
  und  die  Balkanstaaten,  aber  nicht  für  Irland,  Agypten  und
Indien  gelten  sollte  und  daß  sie  Konstantinopel  aber  nicht  den  Suezkanal
  neutralisieren  wollten,  so  haben  sie  damit  gezeigt,  daß  sie  sich  im
Gegensatz  zu  den  deutschen  Sozialdemokraten  in  Fragen  der  nationalen
Politik  mit  der  Kapitalistenklasse  und  der  aus  dieser  hervorgegangenen
Regierung  solidarisch  fühlen  und  mit  ihr  durch  Dick  und  Dünn  gehen,
d.  h.  aber  auch,  daß  sie  politisch  ebenso  unwissend  und  anmaßend  sind
wie  jene.  Immerhin  ist  auch  dieses  verständlich,  denn  die  gewerkschaftlich
  organisierte  Arbeiterschaft  in  England  hatte  nicht  nur  gegenüber
den  Arbeitern  anderer  Länder  den  höchsten  Verdienst,  sondern  bei  ihnen
waren  auch  die  Nahrungsmittel  am  billigsten  und  war  die  Kaufkraft
des  Geldes  am  größten.  Der  englische  Arbeiter  hatte  aber  nicht  nur
die  beste  Lebenshaltung,  sondern  er  hatte  auch  bei  dem  Reichtum  des
Landes  und  Ausdehnung  der  Kolonien  die  größte  Möglichkeit,  in  eine
gehobene  Lebensstellung  zu  kommen.  Mit  zunehmender  Konkurrenz
auf  dem  Weltmarkt  wurde  dieses  natürlich  nicht  günstiger,  und  da  dem
Engländer  hier  gegenwärtig  hauptsächlich  der  Deutsche  mit  Erfolg  die
Wege  kreuzte,  so  war  in  England  an  einer  Ausschaltung  dieser  lästigen
Konkurrenz  der  Arbeiter  ebenso  interessiert  wie  der  Kapitalist,  und  da
sie  sich  dieser  Aufgabe  im  wirtschaftlichen  Kampf  nicht  gewachsen  fühlten,
  so  hatten  beide  auch  denselben  bis  zum  Wahnsinn  gesteigerten  Vernichtungswillen,
  um  auf  gewaltsame  Weise  zu  erreichen,  was  ihnen
auf  friedlichem  Wege  nicht  möglich  erschien.  Es  ist  deshalb  auch  weiter
nicht  verwunderlich,  daß  wenn  die  kapitalistischen  Drahtzieher  des.
Krieges  aus  Angst  vor  der  Liquidation  desselben  sich  an  jeden  Strohhalm
  klammerten,  der  ihnen  noch  einen  Schimmer  von  Hoffnung  bot,
den  Zweck  des  Krieges  zu  erreichen,  fie  die  kritiklose  Unterstützung  der
Arbeiterschaft  gefunden  haben.

Eine  ähnliche  Formel  für  die  unterschiedliche  Anwendung  der
Moral  für  Freund  und  Feind  hat  auch  der  amerikanische  Präsident
Wilson  gefunden.  Wenn  dieser  als  Gelehrter  über  Deutschland  richtige
Ansichten  veröffentlicht  und  hinterher  als  Staatsmann  und  Anwalt
der  Trustmagnaten  das  Gegenteilige  behauptet,  so  zeugt  dieses  sicher
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        mehr  für  eine  niedrige  Gesinnung  als  für  Wahrheitsliebe  und  Mut.
Lüge  und  Täuschung  sind  aber  die  Äußerungen  einer  mangelhaften
Selbstzucht  und  der  Feigheit,  beides  das  Charakteristikum  einer
Knechtsseele,  die  noch  unfrei  ist  und  das  Selbstbestimmungsrecht  für
seine  Person  noch  mißbraucht.  In  Ländern  mit  solcher  Bevölkerung
ist  die  Demokratie  dann  auch  nur  das  Zerrbild  einer  freiheitlichen  Einrichtung.
  Und  diese  Völker,  die  andere  mit  Freiheit  beglücken  wollen,
sollen  sich  nur  erst  einmal  selber  freimachen.  Solche  Völker  können
durch  Zufall  und  geschickte  Ausnutzung  gegebener  Verhältnisse  zeitweilig
  in  der  Geschichte  eine  Rolle  spielen,  sie  können  aber  einem  ausgeprägten
  Herrenvolk  wie  den  Deutschen  nicht  dauernd  ungestraft  in
der  Sonne  stehen,  vorausgesetzt,  daß  die  in  Deutschland  sich  breit
machende  Geschäftsmoral  nur  eine  vorübergehende  Krankheit  ist.

Für  den  Amerikaner  gestaltete  sich  der  europäische  Krieg  in  den
ersten  Jahren  insofern  günstig,  als  er  dabei  das  Angenehme  mit  dem
Nützlichen  verbinden  konnte,  d.  h.  er  konnte  seine  Sympathie  für  England
  durch  umfangreiche  Munitionslieferungen  in  ein  einträgliches
Geschäft  umsetzen.  Diesen  Kriegslieferungen  gab  er  dadurch  ein  neutrales
  Mäntelchen,  daß  er  uns  angesichts  der  englischen  Blockierung
höhnend  versicherte,  daß  auch  uns  bei  entsprechender  Bezahlung  seine
Kriegsversorgung  zur  Verfügung  stände.

Als  nun  der  deutsche  Unterseebootskrieg  anfing,  die  Kreise  der
amerikanischen  Kriegslieferanten  zu  stören,  indem  er  ihnen  die  endgültige
  Regulierung  unsicher  machte,  da  entdeckte  ihre  eigenartige  Geschäftsmoral
  plötzlich  ein  Gerechtigkeitsgefühl  für  Menschen=  und  Völkerrecht,
  als  deren  Verfechter  sich  ihr  rechtskundiger  Präsident  mit
dreister  Anmaßung  aufspielen  mußte.  Solange  das  Völker=  und  Seerecht
  von  England  zum  Nachteil  der  Mittelmächte  umgedeutet  und
gebrochen  wurde,  haben  sich  aus  Angst  vor  England  und  aus  Animosität
gegen  Deutschland  neben  den  anderen  Neutralen  auch  die  Amerikaner
nicht  gerührt.  Als  aber  Deutschland  in  berechtigter  Notwehr  seinerseits
die  englische  Übersee-Versorgung  unsicher  machte,  da  glaubten  sie,  die
harmlosen  Deutschen  mit  ihrer  sittlichen  Entrüstung  einschüchtern  zu
können;  als  sie  aber  einsehen  mußten,  daß  sie  von  uns  erkannt  waren,
da  ließen  sie  ihre  Maske  fallen  und  zeigten  offen,  daß  auch  sie  zu
unseren  geschworenen  Feinden  gehören.

Man  kann  es  verstehen  und  auch  würdigen,  daß  die  Amerikaner
angelsächsischer  Herkunft  ihre  innere  Zugehörigkeit  zu  England  nicht
verleugnen  und  daß  sie  bei  einer  endgültigen  Auseinandersetzung  zwischen
  Deutschen  und  Engländern,  zu  der  sich  schließlich  der  letzte  Krieg
zugespitzt  hatte,  sich  offen  auf  die  Seite  der  letzteren  gestellt  haben.  Für
uns  hat  aber  immerhin  dieses  offene  Bekenntnis  den  Vorteil,  daß
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        70

unseren  überseeischen  Volksgenossen  dadurch  zum  Bewußtsein  gebracht
wurde,  daß  ihre  Anglomanie  der  Jetztzeit  zwar  eine  häßliche  aber
zum  Glück  nicht  tief  sitzende  Krankheit  ist.  Auch  unsere  Landsleute
find  jetzt  gezwungen,  wenn  sie  sich  nicht  der  Verachtung  preisgeben
wollen,  ihre  enge  Zugehörigkeit  zu  ihrem  Ursprungsland  zu  bekennen
und  zu  bewahren.  Es  kann  ihnen  dieses  um  so  weniger  schwer  fallen.
als  die  Deutschen  sich  im  letzten  Kriege  nicht  nur  in  der  Kraft  und
deren  Anwendung  ihren  Gegnern  überlegen  gezeigt  haben,  sondern  vor
allen  Dingen  auch  in  der  Moral.

Jedenfalls  haben  die  Amerikaner  angelsächsischen  Blutes  gezeigt.
daß  sie  sich  politisch  mit  ihren  Vettern  Altenglands  solidarisch  fühlten.
Sie  haben  das  geschäftliche  Risiko  des  Krieges  auf  sich  genommen  und
damit  bewiesen,  daß  auch  bei  ihnen  Haß  und  Liebe  noch  stärker  sind  als
der  geschäftliche  Egoismus.  Auch  sie  wollen  am  letzten  Ende  nur  die
englische  Kultur,  die  sie  für  die  höhere  halten  und  die  ihrer  geistigen
Bequemlichkeit  angepaßt  ist,  gegen  das  im  der  Entwicklung  begriffene
Deutschtum  sicherstellen.

Belgien  und  Italien.

Das  Bestreben,  die  eigene  Kultur  zu  sichern,  wird  noch  besser
illustriert  durch  die  Nationen  mit  niederer  Kultur,  bei  denen  der  Kulturinhalt
  überhaupt  nur  aus  Religion,  Sitten,  Gebräuchen  und  der
Sprache  besteht.  Gerade  diese  Nationen,  die  durch  Aufgehen  in  größere
mit  höherer  Kultur  geistig  und  wirtschaftlich  nur  gewinnen  können,
sträuben  sich  mit  aller  Macht  dagegen,  und  sie  haben  nur  das  eine  Ziel
im  Auge,  sich  ihre  nationale  Eigenakt  in  unabhängiger  Nation  zu
sichern,  worauf  schließlich  ihre  ganze  Vergrößerungssucht  und  alle
daraus  entstehenden  Zwistigkeiten  und  Kriege  zurückzuführen  sind.
Typische  Beispiele  hierfür  find  die  Nationalitäten  der  Donau-Monarchie
und  der  Balkanstaaten.

Die  nationale  Eigenart  besteht  bei  diesen  Völkern  darin,  daß  sie
in  ihren  unteren  Klassen  an  das  Leben  keine  großen  Anforderungen
stellen;  sie  drängen  sich  deshalb  auch  nicht  übermäßig  zur  Arbeit.  Sie
nehmen  das  Leben  mit  einem  fatalistischen  Zug  als  das  von  Gott
gewollte,  für  das  sie  nach  den  Lehren  ihrer  Religion  erst  nach  dem  Tode
entschädigt  werden.  Die  Bevölkerung  dieser  Länder  kann  deshalb  auch
erst  dann  dem  Fortschritt  dienstbar  gemacht  werden,  wenn  sie  durch  Erziehung
  eine  Bildungsstufe  erreicht,  die  sie  an  den  Glaubenssätzen  ihrer
Religion  zweifeln  läßt  und  sie  dadurch  mit  ihrer  wirtschaftlichen  Lage
unzufrieden  macht.  D.  h.  also  hier,  Veränderungen  in  der  Produktion,
vornehmlich  in  der  Intensität  derselben  müssen  erst  Veränderungen
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        71

in  den  Köpfen  der  Menschen  vorangehen.  Die  letzte  Ursache  der  Veränderung
  ist  daher  idealistischer  Natur.

Solange  nun  diese  Nationen  sich  ihre  nationale  Eigenart  noch
bewahren  können,  solange  hat  es  noch  gute  Wege  mit  einer  internationalen
  Gleichheit  und  einer  darauf  basierenden  Brüderlichkeit.  Es  find
also  hauptsächlich  die  Nationen  mit  niederer  Kultur,  die  den  Beweis  erbringen,
  daß  die  letzten  Ursachen  der  menschlichen  Entwicklung  in  den
Köpfen  der  Menschen  zu  suchen  find,  und  daß  die  sozialdemokratische
sogenannte  materialistische  Auffassung  der  Geschichte  auf  falscher  Voraussetzung
  beruht,  wofür  gerade  der  letzte  Krieg  unumstößliche  Beweise
herbeigebracht  hat.  Der  sozialdemokratische  Zukunftsstaat,  der  hierauf
basiert  und  der  die  Internationalität  zur  Voraussetzung  hat,  ist  auf
absehbare  Zeit  nichts  weiter  als  ein  wesenloses  Traumgebilde.

Eine  eigenartige  Rolle  hat  in  diesem  Kriege  das  Königreich
Belgien  gespielt.  Wie  es  von  unseren  Gegnern  dargestellt  wird,  ist  sowohl
  Belgien  als  auch  England  nur  in  den  Krieg  hineingezogen,  nachdem
  von  Deutschland  die  belgische  Neutralität  durch  einen  Durchmarsch
durch  belgisches  Gebiet  verletzt  wurde.  ,

Da  für  Deutschland  im  letzten  Kriege  seine  ganze  Existenz  auf
dem  Spiel  stand  und  da  es  mit  hinterlistigen  Gegnern  zu  tun  hatte,  so
mußte  es  auf  dem  Wege  nach  Frankreich  durch  Belgien  marschieren  und
da  Belgien  den  Durchmarsch  nicht  gestatten  wollte,  so  mußte  letzteres  erst
über  den  Haufen  gerannt  werden,  denn  Not  kennt  kein  Gebot.  .-Daß

  Deutschland  dabei  unter  richtiger  Voraussetzung  gehandelt
hat,  hat  sich  hinterher  bald  und  zweifelsfrei  herausgestellt,  indem  Belgien
  und  noch  mehr  England  sich  von  vornherein  verpflichtet  hatten,
unsere  russisch-französischen  Gegner  auf  alle  Fälle  nach  Kräften  zu
unterstützen.  Es  mag  ja  sein,  daß  sich  die  belgische  Unterstützung  darauf
beschränkt  hätte,  nur  unseren  Gegnern  den  Durchmarsch  durch  ihr  Land
zu  gestatten.  Immerhin  muß  der  belgische  Standpunkt  befremden,  da
zwischen  Deutschland  und  Belgien  weder  wirtschaftliche  noch  politische
Reibungsflächen  vorhanden  waren.

Der  belgische  Standpunkt  ist  nur  dahingehend  zu  verstehen,  daß
Belgien  vielleicht  angenommen  hat,  Deutschland  würde  bei  einer  Auseinandersetzung
  mit  Frankreich,  Rußland  und  Englond  eo  ipso  verlieren
  und  ausgeteilt  werden  und  Belgien  müßte  sich  durch  Beteiligung
einen  Beuteanteil  sichern.  Oder  die  Belgier  sind  durch  die  militärische
und  wirtschaftliche  Größe  Deutschlands  zu  Gefühlen  des  Neides,  des
Hasses  und  der  Angst  gekommen,  denen  sie  infolge  ihrer  sozialen  und
religiösen  Verhältnisse,  ihrer  Sprache  und  ihres  Geblüts  leicht  zugänglich
waxen,  d.  h.  soweit  der  wallonische  Teil  der  Bevölkerung,  der  ja  der
politisch  dominierende  ist,  in  Frage  kommt.
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        72

Jedenfalls  sind  auch  hier  die  Motive  idealistischer  und  nicht  materialistischer
  Natur.  Daß  unsere  Gegner  überhaupt  ihre  Motive  idealistisch
  aufgefaßt  haben  wollen,  mag  auch  noch  daraus  hervorgehen,  daß
sie  in  widerlicher  Heuchelei  der  Welt  vorzutäuschen  versuchten,  daß  sie
nur  den  deutschen  Militarismus  zerstören  wollten,  um  dem  deutschen
Volke  selbst  die  Freiheit  zu  bringen,  nach  der  es  schon  so  lange  lechzt.

Daß  gerade  unsere  Gegner,  bei  denen,  soweit  überhaupt  von
Freiheit  die  Rede  ist,  diese  nur  eine  hohle  Phrase  sein  kann,  einem
Lande  wie  Deutschland,  in  dem  die  Menschenwürde  in  der  ganzen  Welt
noch  am  höchsten  bewertet  wird,  die  Freiheit  bringen  wollen,  gibt  ihrem
Idealismus  dabei  noch  einen  Stich  ins  Komische,  der  nur  mit  Unwissenheit
  aus  Größenwahn  entschuldigt  werden  kann.

Eine  ebenso  eigenartige  und  dabei  recht  wenig  beneidenswerte
Rolle  haben  auch  die  Nachkommen  des  alten  Roms,  die  Italiener,  gespielt.
  Diese  haben  jahrelang  ein  Bündnis  mit  den  Zentralmächten
gehabt,  aus  dem  sie  den  größten  Vorteil  gezogen  haben.  Mitten  im
Kriege  haben  sie  dieses  Bündnis  aufgelöst,  um  sich  unseren  Gegnern
anzuschließen.  Daß  am  Anfange  des  20.  Jahrhunderts  eine  derartige
Treulosigkeit  noch  möglich  war,  zeigt  allein,  auf  welch  niedriger  Stufe
der  Sittlichkeit  die  Menschen  von  heute  noch  stehen,  selbst  wenn  ihre
Vorfahren  vor  zweitausend  Jahren  schon  einen  Rechtsstaat  hatten,  der
mehr  oder  weniger  auch  für  die  heutigen  Verhältnisse  noch  Vorbildliches
  hat.  Es  zeigt  aber  auch,  wie  wenig  Einfluß  das  Christentum
auf  die  wahre  Natur  des  Menschen  selbst  in  unmittelbarer  Nähe  des
Zentrums  der  Kirche  auszuüben  vermag.

Die  Gründe,  die  die  Italiener  überhaupt  in  den  Krieg  getrieben
haben,  mögen  ja  in  erster  Linie  imperialistischer  Natur  gewesen  sein.
Die  Großstaatssucht  der  Italiener  hat  es  nicht  zugelassen,  in  einem
Ringen  aller  europäischen  Großstaaten  nicht  mitzumachen,  zumal  in
einem  südländischen  Staat,  in  dem  die  Bewohner  von  Natur  heißblütig
und  leicht  erregbar  sind,  ein  Blutrausch  viel  leichter  zur  Geltung  zu
bringen  ist  als  im  Norden.

Daß  die  Italiener  sich  aber  auf  die  gegnerische  Seite  geschlagen
haben,  dafür  wollen  sie  selbst  ein  idealistisches  Prinzip  maßgebend
machen,  nämlich  die  Befreiung  ihrer  Landsleute  im  Tridentino  und
Südtirol  von  österreichischer  Herrschaft,  in  der  sie  angeblich  nach  Befreiung
  schmachten.  Daß  sie  damit  umgekehrt  andere  Nationalitäten
in  ihre  politische  Abhängigkeit  bringen,  in  der  sie  ebensowenig  wirtschaftlich
  als  kulturell  etwas  gewinnen  können,  das  spielt  bei  dem
mangelhaften  Rechtsgefühl  und  dem  hohlen  Phrasentum  der  Italiener,
die  Treu  und  Glauben  als  Attribute  der  Dummheit  ansehen,  keine  Rolle.
In  Wirklichkeit  hat  die  Italiemer  aber  das  Gefühl  der  Minderwertigkeit
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        73

uns  gegenüber  in  die  Arme  unserer  Gegner  getrieben.  Sie  wollten
verhindern,  daß  ein  germanisches  Volk  die  Vorherrschaft  auf  dem  Kontinent
  erhalten  sollte.  Daß  dadurch  allein  die  politische  und  wirtschaftliche
  Entwicklung  der  Kleinstaaten  gegenüber  der  Ländergier
Rußlands  gewährleistet  und  gesichert  wird,  das  wird  teils  nicht  eingesehen
  und  teils  als  das  kleinere  Übel  betrachtet.  Sie  wollen  ihre
Freiheit  nicht  von  einer  Mächtegruppe  geduldet  haben,  womit  sie  insofern
  recht  haben,  als  es  dann  genau  genommen  keine  Freiheit  mehr
ist,  sondern  sie  wollen  sie  durch  eigene  Kraft  gewährleistet  haben,  und  da
sie,  um  das  Kräftegleichgewicht  herzustellen,  ihre  nicht  entsprechend  vergrößern
  können,  so  versuchen  sie,  die  andere  zu  verkleineren.  In  diesem
Punkt  kann  man  ihnen  eine  gewisse  Logik  nicht  absprechen;  es  kommen
aber  noch  andere  Gründe  dazu  und  zwar  haben  auch  sie  es  für  wahrscheinlich
  gehalten,  daß  die  Zentralmächte  gegenüber  der  feindlichen
Massenhaftigkeit  ihrem  Wunsch  entsprechend  unterliegen  mußten,  und
daß  sie  sich  nur  auf  gegnerischer  Seite  eine  Beute  sichern  könnten.
Schließlich  ist  aber  auch  durch  englisches  und  französisches  Geld  und
durch  eine  käufliche  Presse  und  käufliche  Agitatoren  eine  Stimmung
hervorgerufen,  die  es  fertig  gebracht  hat,  auch  passive  und  anständige
Naturen  mitzureißen.  ç
Auf  keinen  Fall  lassen  sich  in  Italien  die  Gründe,  die  es  in  den
Krieg  getrieben  haben,  auf  wirtschaftlichem  Gebiet  suchen.  Italien  hat
keine  Exportindustrie,  die  Rohstoffquellen  und  Absatzgebiete  sucht  und
die  durch  eine  deutsche  Konkurrenz  beeinträchtigt  wird.  Italien  hat
zwar  einen  Bevölkerungsüberschuß,  der  aber  ebensowenig  das  Bedürfnis
nach  eigenen  Kolonien  hat  als  nach  landwirtschaftlicher  Betätigung,  die
dafür  die  Bedingung  ist.  Italien  ist  ein  von  Natur  und  Geschichte  sehr
begünstigtes  Land,  das  an  die  Existenzbedingungen  seiner  Bewohner
keine  großen  Anforderungen  stellt  und  ihnen  eine  heitere  Sorglosigkeit
verschaffen  kann,  die  gerade  für  bildende  Kunst  und  Musik  so  außerordentlich
  fördernd  ist.  Dazu  kommt,  daß  sich  alljährlich  durch  den
Fremdenverkehr  ein  ergiebiger  Goldstrom  ins  Land  ergießt,  den  auszuschöpfen
  sich  die  Italiener  mit  viel  Geschick  sehr  angelegen  sein  lassen.
Gerade  der  für  Italien  so  wichtige  Fremdenverkehr  hätte  sie  vom  wirtschaftlichen
  Standpunkt  dafür  interessieren  müssen,  den  Krieg  an  der
Seite  der  Zentralmächte  so  schnell  wie  möglich  zu  beenden,  damit  die
Länder  ohne  Ausnahme  wirtschaftlich  nicht  so  sehr  geschwächt  werden
und  mit  ihrem  Vermögen  dem  Lande  Italien  auch  weiter  tributpflichtig
bleiben.  Die  ungeheuren  Werte,  die  der  Krieg  vernichtet  und  verschlungen
  hat,  schränken  in  den  nächsten  Jahren  den  Luxus  in  allen  vom
Kriege  betroffenen  Ländern  erheblich  ein  und  zum  Luxus  gehört  auch
eime  Reise  nach  Italien.
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        74

Wie  man  sieht,  hat  der  sogenannte  historische  Materialismus  der
Sozialdemokratie  weder  auf  volkswirtschaftlichem  noch  auf  politischem
Gebiet  eine  Bestätigung  seiner  Behauptungen  und  Voraussetzungen
durch  den  letzten  Krieg  gefunden.  Auf  keinen  Fall  haben  letzteren  Veränderungen
  in  der  Warenproduktion  und  Austauschweise  veranlaßt.
Es  kann  ja  sein,  daß  die  Vertreter  des  Kapitalismus  hüben  und  drüben
aus  Angst  vor  der  Liquidation  des  Krieges  durch  Verhetzung  zur  Verlängerung
  desselben  beigetragen  haben,  keineswegs  sind  sie  aber  seine
Urheber  gewesen.  Für  Deutschland  kann  man  sogar  im  Gegenteil  behaupten,
  daß  der  Kapitalismus  die  Lasten  der  Rüstungen  auf  sich  genommen
  hat,  um  den  Frieden  zu  sichern  und  um  sich  auf  friedlichem
Wege  weiter  entfalten  zu  können.

Ülberhaupt  dadurch,  daß  der  Krieg  bis  zur  Erschöpfung  auf
beiden  Seiten  geführt  wurde,  haben  die  Kapitalisten,  die  schließlich  für
den  größten  Teil  der  Unkosten  aufkommen  müssen,  dies  sicher  nicht  zu
ihrem  Nutzen  getan.

Wenn  man  den  Krieg  von  der  rein  geschäftlichen  und  kapitalistischen
  Seite  betrachtet,  so  kann  man  sich  keinen  größeren  geschäftlichen.
Blödsinn  denken.  Eine  mehrjährige  Ausschaltung  des  größten  und
besten  Teils  der  produktiven  Kräfte,  die  dafür  mit  allem  Raffinement
sich  gegenseitig  zu  vernichten  suchen,  dazu  die  Zerstörung  unermeßlicher
Waren  und  Produktionsmittel;  dies  alles  könnte  nur  einen  geschäftlichen
  Zweck  haben,  wenn  die  ganze  Volkswirtschaft  auf  Abbruch
arbeitet.

Daß  der  Krieg  für  manchen  tüchtigen  Mann  eine  Zeit  der  geschäftlichen
  Hochkonjunktur  gewesen  ist,  und  daß  in  ihm  der  Zufall  häufig
auch  dem  Tropf  Millionen  in  den  Schoß  geworfen  hat,  das  hat  daran
gelegen,  daß  er  eine  weitgehende  Verschiebung  des  vorhandenen  Vermögens
  mit  sich  gebracht  hat.  Es  war  dieses  aber  eine  sekundäre  Wirkung
  des  Krieges,  die,  wie  bereits  weiter  oben  bemerkt,  nicht  zu  vermeiden
  war.

Die  Hinfälligkeit  der  sozialdemokratischen  Lehren  wird  uns
noch  verständlicher,  wenn  wir  dem  Materialismus  auf  philosophischem
  Gebiet  näher  treten.  Wir  werden  hier  finden,  wie  ich  vorausschicken
  will,  daß  es  philosophisch  überhaupt  nur  einen  Materialismus
schlechthin  gibt,  und  zwar  einen  solchen,  der  von  der  leblosen  Natur  mit
ihren  Erscheinungen  und  feststehemden  Gesetzen  auszugehen  hat  und  auf
diese  auch  das  Menschlich-Geistige  in  seiner  Entwicklung  und  Geschichte  zurückzuführen
  hat,  wobei  er,  nebenbei  bemerkt,  durchaus  nicht  an  ein  rein
körperliches  Ursachsverhältnis  gebunden  ist.  Sobald  er  dieses  nicht
kann  und  der  Natur  Gesetze  vorzuschreiben  versucht  und  sie  verbessern
will,  ist  es  eben  kein  Materialismus  mehr.  In  diesem  Sinne  ist  der
        <pb n="79" />
        75

historische  Materialismus  auch  nichts  weiter  als  ein  volkswirtschaftliches
  und  politisches  Evangelium  idealistischer  Natur,  das  dadurch
materialistisch  scheinen  soll,  baß  es  einen  Gott  und  im  Menschen  eine
Zweckbestimmung  ausschließt  und  alles  nur  als  Zufallssache  ansieht.
Wie  wir  sehen  werden,  ist  diese  Voraussetzung  für  den  Materialismus
vollständig  aus  der  Luft  gegriffen  und  sie  muß  deshalb  auch  zu  ganz
falschen  Folgerungen  führen.  Ehe  wir  dem  philosophischen  Materialismus
  näher  treten,  wollen  wir  uns  aber  erst  mit  dem  Christentum  auseinandersetzen.


—  —.
        <pb n="80" />
        II.  Der  Krieg  und  das  Christentum.
Die  vorchristliche  Zeit.

Wie  ich  bereits  im  ersten  Abschnitt  bemerkt  habe,  hat  durch  den
Krieg  das  religiöse  Leben  sicher  etwas  Vertiefung  erfahren,  von  der
das  Christentum  beider  Konfessionen  naturgemäß  am  meisten  gewinnen
mußte,  da  es  sich  in  der  Hauptsache  um  ihre  mehr  oder  weniger  ernsthaften
  Bekenner  handelte.  Es  ist  dieses  um  so  bemerkenswerter,  als
das  Christentum  in  theoretischer  Beziehung  durch  den  letzten  Krieg
dieselbe  Widerlegung  und  Erledigung  gefunden  hat,  wie  durch  alle  vorhergegangenen
  Kriege  der  christlichen  Staaten.  Das  Christentum  hat
seine  Bedeutung  aber  nicht  durch  seine  Lehrsätze  und  Theorien  erlangt,
obwohl  diese  mit  ebenso  großer  Naivität  als  Anmaßung  zu  ewigen
Wahrheiten  gestempelt  sind,  sondern  durch  seine  Entwicklung,  und  diese
ist  derjenigen  der  Menschen  und  Staaten  entsprechend  mehr  politischer
als  kultureller  Natur  gewesen.  Um  dem  Christentum  in  seiner  Bedeutung
  gerecht  zu  werden,  muß  es  daher  sowohl  in  seiner  philosophischen
  als  auch  politischen  Entwicklung  betrachtet  werden.

Es  ist  charakteristisch  für  das  Christentum,  daß  sich  das  Wesen
desselben  ganz  um  die  Persönlichkeit  und  um  das  Erleben  ihres  Stifters
gruppiert  und  daß  beides  historisch  ebensowenig  feststeht,  wie  es  sich
heute  in  der  überlieferten  Form  wissenschaftlich  rechtfertigen  läßt.  Die
Frage  hat  sich  sogar  schon  soweit  zugespitzt,  daß  es  heißt:  Hat  überhaupt
ein  Jesus  gelebt?  Ganz  abgesehen  davon,  wie  sie  beantwortet  ist,  ist
es  schon  bezeichnend  für  die  historische  Treue  des  Christentums,  daß
eine  solche  Frage  überhaupt  gestellt  werden  kann.

Tatsache  ist,  daß  das  Christentum  aus  dem  Judentum  zu  einer
Zeit  herausgewachsen  ist,  als  letzteres  als  nationale  Selbständigkeit  kurz
vor  dem  Untergang  stand.  Es  müssen  also  in  jener  Zeit  im  Judentum
treibende  Kräfte  philosophischer  und  politischer  Natur  tätig  gewesen
sein,  die  in  der  Religion  des  Judentums,  soweit  man  von  ihrem  Nationalgefühl
  als  solcher  überhaupt  sprechen  kann,  wurzelten  und  zu  unhaltbaren
  Zuständen  geführt  haben.

Moses,  dem  die  Juden  ihre  Religion  und  ihre  Entstehungsgeschichte
  zu  verdanken  haben,  hat  als  Grundlage  dieser  sehr  geschickt  die
Schöpfungssagen  älterer  Kulturvölker  benutzt  und  für  das  Judentum
        <pb n="81" />
        77

—.

zugeschnitten.  Dadurch,  daß  er  einen  einzigen  Gott  den  ersten  Menschen
  und  mit  diesem  die  Menschen  überhaupt  nach  dem  Ebenbilde
Gottes  schaffen  läßt,  hat  er  umgekehrt  einen  Gott  nach  dem  Ebenbilde
des  Menschen  geschaffen,  mit  dem  dann  auch  unmittelbar  wie  mit  seinesgleichen
  verkehrt  werden  konnte.  Selbstverständlich  ließ  sich  Gott  nicht
mit  jedem  einzelnen  ein,  sondern  nur  mit  den  bevorzugten  Geistern  und
Führern  des  Volkes.

Moses  konnte  vielleicht  die  Geschichte  seines  Volkes  mit  historischer
  Zuverläsfigkeit,  d.  h.  nach  Überlieferung  von  Mund  zu  Mund
bis  auf  Abraham  verfolgen.  Alles  übrige  mußte  er  seiner  Phantafie
überlassen,  und  es  ist  verständlich,  daß  er  nach  dem  Grundsatz:  Der
Zweck  heiligt  die  Mittel,  das  jüdische  Volk  dabei  in  den  Vordergrund
gestellt  hat.  Er  ist  dabei  so  weit  gegangen,  die  Erschaffung  des  ersten
Menschen  mit  der  Erschaffung  des  ersten  Juden  gleichzusetzen,  woraus
sich  die  Folgerung  von  selbst  ergeben  mußte,  daß  die  Juden  nicht  nur
das  bevorzugte  Volk  Gottes,  sondern  daß  sie  auch  das  auserwählte
überhaupt  sind,  und  daß  Gott  gewissermaßen  als  nationaler  Gott  der
Juden  auch  nur  ein  Jude  sein  kann.

Es  ist  bezeichnend  für  den  Charakter  der  Juden,  daß  in  ihrer
Moythologie,  die  doch  idealisiert  sein  soll,  ihre  Stamm=  und  Erzväter
mehr  schlau  als  anständig  und  ehrlich  dargestellt  sind,  daß  ferner  ihr
Religionsstifter  und  Gesetzgeber  Moses  ein  geschickter,  wenn  auch  frommer
  Schwindler  war,  der  sicher  mehr  im  Interesse  seiner  Herrschsucht
als  für  einen  nationalen  Zweck  die  Juden  von  den  Fleischtöpfen
Agyptens  durchs  Rote  Meer  führte  und  daß  der  Stammvater  David
ihres  ersehnten  Messias  trotz  der  frommen  Psfalmen,  die  er  verfaßt
haben  soll,  nicht  allein  des  Uriasbriefes  wegen  etwas  anrüchiger  Natur
gewesen  ist.  Zur  Motivierung  dieser  Schlechtigkeiten  hat  die  jüdische
Geschichte  zwar  die  Erbsünde  erfunden,  die  ihren  Ursprung  schon  im
Paradies  hat;  sie  haben  aber  auch  gleichzeitig  die  Ausrede  erfunden,
daß  die  Sünde  nur  in  Schwachheit  gegenüber  dem  Verführer  besteht.
Im  Paradiese  war  es  die  Schlange,  die  verführte  und  später  der  Teufel.
Immerhin  mußten  sie  sich  in  Erkenntnis  ihrer  Schwachheit  und  Sündhaftigkeit
  ihren  Gott  in  erster  Linie  als  zürnenden  und  strafenden  Gott
denken,  den  sie  nur  durch  allerlei  Opfer  milder  stimmen  konnten.

In  philosophischer  Hinsicht  bietet  die  Schöpfungsgeschichte  der
Juden  mit  allen  Folgerungen  daraus  einen  kindlich  naiven  rohen
Materialismus.  Der  vermenschlichte  Gott,  der  persönliche  Verkehr  mit
ihm  und  die  Erklärungen  alles  Geschehens  im  Himmel  und  auf  Erden
lassen  nur  ein  körperliches  Ursachsverhältnis  zu.  Für  alles  Übernatürliche
  fehlt  die  Vorstellung  und  der  Begriff;  es  wird  dort,  wo  es  sich  in
den  Weg  stellt,  einfach  durch  einen  frommen  Schwindel  ausgeschaltet.
        <pb n="82" />
        78

Moses  hatte  den  Juden  einen  nationalen  Gott  gegeben  mit  der
Absicht,  fie  als  Nation  fest  zusammenzuschweißen  und  sie  in  ihrer  natiolen
  Eigenart  zusammenzuhalten.  Es  ist  dieses  auch  bis  auf  den  heutigen
  Tag  gelungen.  Es  ist  aber  nicht  die  Religion  in  ihrer  ethischen
Beziehung,  die  die  Juden  noch  heute  zusammenhält,  sondern  es  ist  das
Nationalgefühl,  das  durch  die  Religion  zum  Ausdruck  kommt,  und  daß
sie  für  das  auserwählte  Volk  Gottes  hält.  Dieses  Nationalgefühl,  daß
durch  strenge  religiöse  Vorschriften  und  Gesetze  sowie  durch  Rassereinheit
  stark,  lebendig  und  energisch  erhalten  wird,  hat  die  Juden  mit
außergewöhnlicher  Zähigkeit  und  Widerstandskraft  alle  Verfolgungen
und  Heimsuchungen  an  allen  Orten  und  zu  allen  Zeiten  überdauern
lassen,  wofür  sie  als  Belohnung  auf  die  Unterwerfung  oder  wenigstens
Tributpflichtigkeit  der  ganzen  Welt  hofften  und,  soweit  sie  gläubig  sind,
vielleicht  auch  noch  hoffen.

Einem  orientalischen  Volk  wie  die  Juden,  das  im  tropischen
Süden  beheimatet,  ohne  Sinn  und  Trieb  für  Ackerbau  und  Landarbeit
überhaupt  ist,  mußte  der  Mischmasch  einer  materialistisch-dualistischen
Weltanschauung  bald  verhängnisvoll  werden.  Eine  solche  Weltanschauung
  kann  nur  zu  einem  ungesunden  Egoismus  führen  oder  ist  überhaupt
  die  Folge  eines  solchen.  Ein  gesunder  Egoismus  strebt  nur
nach  den  Früchten  seiner  eigenen  Tätigkeit  und  zwar  subjektiv  und
objektiv,  d.  h.  er  verläßt  sich  auf  sich  selbst.  Ein  ungesunder  hingegen
strebt  nach  den  Früchten  der  Tätigkeit  anderer,  d.  h.  er  verläßt  sich  auf
Gott,  seinen  Nächsten  und  seine  geistige  Uberlegenheit.  Das  letztere
führt  zu  Reichtum,  aber  auch  zur  Verkümmerung  des  Körpers,  so  daß
dem  Menschen  auf  die  Dauer  doch  schließlich  nur  das  zugute  kommt,
was  er  sich  selbst  erwirbt.  Die  Juden  waren  hierfür  ein  typisches  Beispiel.
  Obwohl  sie  als  orientalisches  Volk  von  Natur  grausam  waren,
so  waren  sie  doch  wenig  kriegerisch  veranlagt,  da  ihnen  die  Scheu  vor
körperlicher  Anstrengung  immerhin  ein  Gefühl  der  Schwäche  verursachte.
Und  in  ihrer  ganzen  Entwicklung  konnten  sie,  abgesehen  von  der  kurzen
Zeit  der  Könige,  zu  keiner  rechten  politischen  Bedeutung  kommen,  sondern
  sie  kamen  umgekehrt  aus  einer  Abhängigkeit  in  die  andere.  In
diesem  Sinne  dürfte  es  wohl  leicht  verständlich  sein,  daß  es  notwendig
war,  um  überhaupt  die  jüdische  Nation  als  solche  zu  erhalten,  daß  alle
großen  und  kleinen  Propheten  ihr  für  die  Zukunft  einen  Messias  versprechen
  mußten,  der  ihnen  zur  Not  mit  Legionen  von  Engeln  und
himmlischen  Heerscharen  die  Welt  erobern  sollte.  Dieser  von  den
Propheten  verheißene  Messias  mußte  von  ihrem  König  David  abstammen,
  denn  unter  letzterem  hatte  das  Judentum  als  Nation  seine  Glanzzeit
  verlebt,  infolgedessen  war  er  ihr  Nationalheros,  der  nur  allein  berufen
  sein  konnte,  in  einem  Nachkommen  als  Messias  ihnen  die  heiß-
        <pb n="83" />
        79

*dvr  weltliche  und  geistige  Herrschaft  der  ganzen  Erde  zu  veraffen.
  -

Zur  Zeit  Jesu  war  das  Land  der  Juden  eine  römische  Provinz
unter  dem  Landpfleger  Pontius  Pilatus;  außerdem  herrschte  über
einen  Teil  von  Palästina  noch  der  König  Herodes  Antipas,  der  aus
einer  idumäischen  Familie  stammte,  unter  der  die  Juden  besonders  geplagt
  waren.  In  religiöser  Beziehung  unterschieden  sich  die  Juden
damals  in  drei  Sekten  und  zwar  Pharisäer,  Sadduzäer  und  Essäer.  Die
Pharisäer  waren  die  Strenggläubigen  unter  den  Juden.  Sie  waren
konservativ  und  hielten  sich  an  den  Buchstaben  des  alten  Testaments:;
sie  wollten  von  keinem  Messias  etwas  wissen,  der  nur  ihre  Weltanschauung
  verändern  wollte.  Ihnen  sollte  der  Messias  ein  jüdischer  König
sein,  der  auf  die  strenge  Beobachtung  der  jüdischen  Gesetze  und  Vorschriften
  besonders  sah  und  hiernach  Strafe  und  Belohnung  austeilte
und  der  sie  für  ihre  Strenggläubigkeit,  gewissenhaftes  Befolgen  der
Vorschriften  und  Unduldsamkeit  gegen  Andersdenkende  zu  Herren  der
übrigen  machte.  —  Die  Sadduzêer  hingegen  waren  die  Freidenker,
gewissermaßen  die  derzeitigen  liberalen  Juden.  Sie  hielten  sich  an  die
Vorschriften  ihrer  Gesetze  aus  politischen  Rücksichten;  sie  verhielten  sich
im  übrigen  aber  dem  Inhalt  des  alten  Testaments  inbezug  auf  Gott
und  die  Schöpfung  gegenüber  sehr  zweifelnd.  Trotzdem  sie  Andersdenkenden
  gegenüber  toleranter  waren  als  die  Pharisäer,  glaubten  auch
sie  an  einen  kommenden  Messias,  der  den  Juden  die  Welt  erobern
sollte,  um  ihnen  Macht  und  Reichtum  zu  verschaffen.  —  Die  Essäer
schließlich  bildeten  eine  Sekte,  die  sich  in  religiöser  Betätigung  und  im
Glauben  mehr  an  den  Geist  als  an  den  Wortlaut  des  alten  Testaments
hielt.  Sie  waren  nicht  so  strenggläubig  und  infolgedessen  auch  nicht  so
heuchlerisch  als  die  Pharisäer.  Sie  bildeten  im  Westen  des  Toten  Meeres
geschlossene  Gemeinden,  in  denen  sie  in  Zurückgezogenheit  und  stiller
Beschaulichkeit  ein  anspruchsloscs,  ernstes  und  zufriedenes  Dasein  führten.
  Auch  sie  glaubten  an  einen  kommenden  Messias,  mit  dessen  Lehre
und  dessen  kommenden  Reich  sie  sich  in  ihren  Versammlungen  sehr  eingehend
  beschäftigten.  Für  das  Christentum  haben  letztere  insofern
Bedeutung,  als  man  mit  Sicherheit  annehmen  kann,  daß  Jesus  sich  am
Tun  und  Treiben  dieses  Ordens  zu  seiner  Missionstätigkeit  herangebildet
  hat,  zumal  er  mit  Johannes  dem  Täufer,  der,  wenn  er  auch
Einsiedler  war,  doch  sicher  dieser  Sekte  nicht  fern  stand,  nicht  nur  in
geistiger  Berührung  gewesen  ist,  sondern  von  diesem  Verkehr  aus  auch
mit  seinen  eigenen  Ansichten  den  Weg  in  die  Offentlichkeit  gefunden  hat.

Außer  den  in  Palästina  beheimateten  Inden  gab  es  zur  Zeit
Jesu  auch  noch  an  anderen  Orten  jüdische  Gemeinden.  Und  von  diesen
war  es  besonders  diejenige  in  Alexandria,  die  in  der  Geschichte  der
        <pb n="84" />
        80

Juden  und  Christen  eine  besondere  Bedeutung  erlangt  hat  und  zwar
dadurch,  daß  sie  die  Religion  der  Juden  als  auch  der  Christen  mit  der
griechischen  Philosophie  in  Berührung  gebracht  hat.  Der  erste  Alexandriner
  Jude,  von  dem  eine  solche  Berührung  und  Vermittlung  bekannt
ist,  ist  Aristobulus,  der  um  die  Mitte  des  2.  Jahrh.  v.  Chr.  lebte.  Dieser
versuchte  schon,  um  die  Theologie  der  Juden  mit  der  Philosophie  der
Griechen  in  Einklang  zu  bringen,  die  biblischen  Schriften  allegorisch
zu  deuten.

Aber  erst  ein  Zeitgenosse  Jesu,  der  Alexandriner  Philon  hat  ein
von  griechischer  Philosophie  durchdrungenes  System  einer  jüdischen
Theosophie  aufgestellt,  in  dem  er  gewissermaßen  den  jüdischen  Materialismus
  mit  demjenigen  der  Stoiker  verquickt  hat,  wobei  er  selbstverständlich
  das  alte  Testament  auch  nur  allegorisch  deuten  konnte.

Philon  hat  im  Gegensatz  zu  Moses  einen  körperlosen  unsichtbaren
Gott  angenommen,  dessen  Wesen  nicht  durch  die  Sinne  zu  empfinden
ist,  sondern  dessen  Existenz  überhaupt  nur  durch  die  Vernunft  zu
erkennen  ist.  Dieser  Gott  ist  besser  als  die  Tugend  und  das  Gute  an  sich
und  dabei  allwissend;  er  ist  ferner  einheitlich,  einfach,  unvergänglich,
ewig  und  getrennt  von  der  Welt,  die  er  geschaffen  hat.  Gott  steht  auch
nicht  mit  der  Materie  in  Berührung,  die  ihn  beflecken  würde,  sondern
er  ist  allein  frei,  während  alles  andere  mit  Notwendigkeit  verknüpft  ist
und  schließlich  ist  er  nicht  mit  seinem  Wesen,  sondern  nur  mit  der
Wirkung  in  der  Welt  allgegenwärtig.

Da  ein  solcher  Gott  mit  dem  alttestamentlichen  des  Moses  nur
noch  den  Namen  gemein  hat,  so  versuchte  Philon  ihn  durch  ein  geistiges
Mittelwesen  schöpferisch  und  wirkend  im  Sinne  des  alten  Testaments
darzustellen.  Dieses  Mittelwesen  zwischen  Gott  und  Welt  ist  der  Logos,
der  im  göttlichen  Sinne  die  Zusammenfassung  der  Weisheit  und  der
Idee  ist  und  der  in  der  sinnlich  wahrnehmbaren  Welt  sich  als  göttliche
Vernunft  offenbart.  Der  Logos  soll  einerseits  das  Denken  Gottes  und
anderseits  auch  das  Produkt  des  Denkens  sein;  er  ist  also  in  subjektiver
Bedeutung  das  ideelle  göttliche  Urbild  und  in  objektiver  die  materielle
Erscheinung  der  Dinge.  Als  Produkt  des  Denkens  ist  der  Logos  auch
Gottes  Sohn  und  inbezug  auf  die  Schöpfung  das  vornehmste  Geschöpf:
er  ist  aber  gleichzeitig  auch  Weltgeist  und  Weltprinzip  und  als  Wesen
die  Welt  selber,  die  ihrerseits  von  und  mit  ihm  geschaffen,  in  dieser
Hinsicht  der  jüngere  Sohn  Gottes  ist.  Der  Logos  ist  also  in  seiner
universalen  Bedeutung  der  in  der  Welt  befindliche  und  sie  belebende
Teil  Gottes.

Der  von  den  Steikern  entlehnte  Logosbegriff,  der  bei  Philon  viel
sich  selbst  Widersprechendes  enthält,  versucht  den  materialistischen  und
vermenschlichten  Gott  des  alten  Testaments  den  Lehren  des  Platon  und
        <pb n="85" />
        81

der  Stoiker  anzupassen  und  zwar  um  den  naiven  jüdischen  Glauben  mit
dem  philosophischen  Wissen  und  Denken  der  Griechen  zu  rechtfertigen.
Für  das  Christentum  ist  dieses  insofern  von  großer  Bedeutung  geworden,
  als  ein  solcher  Logosbegriff  einer  Göttlichkeit  Jesu  angepaßt
durch  das  Johannesevangelium  in  das  neue  Testament  eingeführt
wurde  und  der  Ausgangspunkt  für  die  Dreieinigkeit  Gottes  geworden
ist.  Es  spricht  aber  nichts  dafür,  daß  zur  Zeit  Jesu  in  Palästina  bereits
etwas  von  dem  System  des  Philon  bekannt  war.

Da  Palästina  infolge  seiner  geographischen  Lage,  seines  Klimas
und  der  Passivität  seiner  Bewohner  ein  unfruchtbares  und  wenig  ergiebiges
  Land  war,  so  waren  die  wirtschaftlichen  Verhältnisse  noch  sehr
primitiv  und  der  Besitz  an  irdischen  Gütern  bei  den  Bewohnern  im
allgemeinen  kein  erheblicher,  um  so  empfindlicher  und  drückender  mußte
aber  die  Habsucht  der  herrschenden  Kreise  wirken.  Dieser  Habsucht
entgegenzuwirken  und  die  Bedrückten  zu  trösten,  dürfte  vielleicht  das
Auftreten  Jesu  auch  wesentlich  mit  veranlaßt  haben.

Das  Auftreten  Jesu  und  die  Zeit  der  ersten  Thristen.

Über  die  Kindheit  Jesu  und  seinen  Werdegang  hat  nicht  das  Geringste
  geschichtlich  genau  festgestellt  werden  können.  Das,  was  die
Evangelien  darüber  bringen,  ist  Legende;  zumal  diese  nicht  von  Zeitgenossen
  Jesu  verfaßt  sind.  Soweit  festgestellt,  sind  die  Evangelien
erst  am  Ende  des  ersten  Jahrhunderts  und  zwar  von  unbekannten  Verfassern
  aufgezeichnet,  denen  es  dabei  weniger  um  geschichtliche  Wahrheiten
  zu  tun  war,  als  um  das  Bestreben,  die  Person  Jesu  mit  den
Prophezeiungen  des  alten  Testaments  in  Übereinstimmung  zu  bringen.
Soviel  scheint  allerdings  festzustehen,  daß  Jesus  nicht  in  Bethlehem
sondern  in  Nazareth,  einer  kleinen  Stadt  in  Galiläa,  geboren  ist,  und
daß  er  nicht  in  seiner  Jugend  sondern  als  Erwachsener  und  zwar,  wie
bereits  bemerkt,  erst  nach  der  Bekanntschaft  mit  Johannes  dem  Täufer
in  die  Offentlichkeit  getreten  ist.  Er  ist  in  der  jüdischen  Weltanschauung
  groß  geworden  und  besaß  nur  die  jüdische  Bildung  der  damaligen
Zeit.  Obwohl  in  Galiläa  zu  jener  Zeit  auch  Leute  fremder  Herkunft,
darunter  vielleicht  auch  Griechen  lebten,  so  ist  doch  nicht  anzunehmen,
daß  Jesus  sowohl  von  griechischer  als  auch  alexandrinischer  Philosophie
etwas  wußte.  Er  konnte  sich  daher  in  seinem  Gedankengang  nur  im
Gebiet  des  alten  Testaments  bewegen.  Alles  darüber  hinausgehende
mußte  er  aus  sich  selbst  schaffen,  wobei  er  sich  höchstens  an  die  Lehren
der  Essäer  und  des  Johannes  anlehnen  konnte.  Nach  Ansicht  der
Evangelien-Verfasser  hat  Jesus  sich  nicht  nur  durch  seine  Hinweise  auf
Moses  und  die  Propheten  als  Anhänger  des  alten  Testaments  belannt.

Giuze,  Soezialemetrutte,  Christentum,  Raterialianius  und  der  Arieg.
        <pb n="86" />
        82

sondern  er  ist  auch  noch  insofern  Bekenner  der  jüdischen  Weltanschauung
gewesen,  als  er  wohl  anfänglich  selbst  an  einen  jüdischen  Messias  geglaubt
  hat,  der  mit  Gottes  oder  des  Teufels  Hilfe  den  Juden  die  Welt
erobern  sollte,  denn  er  selbst  wurde  ja  vom  Satan  versucht,  ihn  anzubeten,
  wofür  dieser  ihm  alle  Reiche  der  Welt  mit  aller  Herrlichkeit
verschaffen  wollte.  Auch  bei  seiner  Gefangennahme  soll  er  geäußert
haben,  daß,  wenn  er  seinen  Vater  bittet,  ihm  dieser  mehr  denn  zwölf
Legionen  Engel  schicken  würde.  Damit  aber  die  Schriften  der  Propheten
  erfüllet  würden,  hat  er  das  letztere  nicht  getan.  Ferner  soll  er
sich  sogar  Sohn  Davids  haben  nennen  lassen,  um  den  Juden  als  der
richtige  Messias  zu  erscheinen.  Selbstverständlich  ist  dies  alles  vom
historischen  Standpunkt  aus  nur  Ccum  grano  salis  zu  nehmen,  da.  wie
bereits  bemerkt,  die  Evangelien,  als  tendenziöse  Machwerke  der  ersten
Christen,  in  dieser  Beziehung  einen  sehr  fragwürdigen  Wert  haben
und  mehr  die  Ansichten  und  Absichten  der  christlichen  Epigonen  als
diejenigen  Christi  offenbaren.

Mit  Sicherheit  ist  dagegen  anzunehmen,  daß  Christus  die  Nächstenliebe
  nicht  nur  innerhalb  der  Glaubens-  und  Stammesgenossen
predigte,  sondern  für  den  Menschen  überhaupt.  Christus  hat  in  einem
entarteten  Egoismus  die  Quelle  aller  Sünde  und  Schlechtigkeit  erkannt
und  im  Altruismus,  der  die  Liebe  zur  Gattung  über  die  Eigenliebe
stellt,  die  alleinige  Besserung  und  Gottgefälligkeit  der  Menschen  gesehen.
  Diesen  Standpunkt  betont  besonders  der  Apostel  Paulus  und
zwar  sowohl  in  seinem  Briefe  an  die  Römer  als  auch  an  die  Korinther
in  folgenden  Worten:  „Seid  niemand  nichts  schuldig,  denn  daß  ihr
euch  untereinander  liebet,  denn  wer  den  anderen  liebet,  der  hat  das
Gesetz  erfüllet.  Denn  das  da  gesagt  ist:  Du  sollst  nicht  ehebrechen;  du
sollst  nicht  töten;  du  sollst  nicht  stehlen;  du  sollst  nicht  falsch  Zeugnis
geben;  dich  soll  nicht  gelüsten  und  so  ein  ander  Gebot  mehr  ist,  das  wird
in  diesem  Wort  zusammengefaßt:  Du  sollst  deinen  Nächsten  lieben  als
dich  selbst.“  Als  Leitfaden  hierfür  hat  Jesus  ferner  gelehrt,  daß  das
Reich  Gottes  mit  dem  ewigen  Leben  kein  irdisches  sondern  ein  himmlisches
  ist,  und  daß  jeder  daran  teilnehmen  kann,  der  daran  glaubt  und
danach  handelt.  "

Diese  Lehre  bildet  die  eigentliche  Quintessenz  des  Christentums,
soweit  dieses  vom  Stifter  selbst  hergeleitet  werden  kann,  denn  die  obigen
paulinischen  Briefe  mit  einigen  anderen  sind  die  einzigen  Dokumente
des  neuen  Testaments,  deren  historische  Zuverlässigkeit  einigermaßen
verbürgt  ist.  .  ,  ,

Jefus  hat  gewissermaßen  aus  dem  jüdischen  Gott-Herrn  einen
Gott-Vater  gemacht.  Die  Juden  standen  im  Gefühl  ihrer  Unverbesserlichkeit
  zu  ihrem  Gott  in  einem  Untertanenverhältnis,  das  durch  Ver-
        <pb n="87" />
        83

träge  und  Übereinkommen  geregelt  war.  Ihr  Jehova  war  ein  Gott
des  Verstandes,  der  zwar  gerecht  aber  strenge  war.  Jesus  hat  diesen
zu  einem  Gott  des  Gemüts  gemacht,  der  als  Vater  ein  Gott  der  Liebe
und  Versöhnung  sein  mußte.  Hiernach  waren  die  Menschen  Gottes
Kinder  und  unter  einander  Brüder  und  Schwestern.  Als  solche  mußte
ihr  Zusammenleben  ebenfalls  ein  solches  der  Liebe  und  Versöhnung  sein.

Jesus  hat  mit  dieser  Lehre  aber  auch  die  nationalen  Schranken
des  Judentums  durchbrochen  und  den  nationalen  Gott  der  Juden  zu
einem  Vater  aller  Menschen  gemacht,  für  den  es  keine  Auserwählte  der
Geburt  und  der  Nation  nach  geben  konnte,  sondern  nur  solche  des
Glaubens  und  der  guten  Werke.  Es  ist  verständlich,  daß  er  sich  mit
solcher  revolutionären  Lehre  den  unversöhnlichen  Haß  der  strenggläubigen
  Juden  zuziehen  mußte,  da  bei  diesen  die  Religion  überhaupt
in  erster  Linie  den  Zweck  hatte,  die  nationale  Zusammengehörigkeit  zu
heiligen  und  zu  festigen.  Für  kosmopolitische  Bestrebungen  konnten
sie  deshalb  nichts  übrig  haben  und  solche  mußten  ihnen  gleichbedeutend
mit  Frreligiositär  sein.  Die  Lehrtätigkeit  Jesu  hat  denn  auch  bald  ein
Ende  dadurch  gefunden,  daß  ihn  die  Juden  mit  Hilfe  der  römischen
Gerichtsbarkeit  ans  Kreuz  geschlagen  haben.  Immerhin  hatte  die  Zeit
aber  genügt,  daß  die  Lehre  in  einem,  wenn  auch  eng  begrenzten  Teile
der  jüdischen  Bevölkerung  derart  tief  Wurzel  fassen  konnte,  daß  sie
nicht  mehr  auszurotten  war.

Durch  den  Tod  Christi  insbesondere  in  Verbindung  mit  der
legendenhaften  Auferstehung  hatte  seine  Lehre  überhaupt  erst  die  richtige
  Werbekraft  bekommen,  denn  dieser  hatte  dadurch,  daß  er  sich  für
seine  Idee  hatte  kreuzigen  lassen,  ein  leuchtendes  Beispiel  gegeben,  die
Nächstenliebe,  d.  h.  die  Liebe  zur  Gattung  über  die  Eigenliebe  zu  stellen
  und  dieses  Beispiel  mußte  als  Geschenk  an  die  leidende  Menschheit
um  so  gewaltiger  wirken,  als  Jesus  nach  dem  Glauben  der  ersten
Christen  es  in  der  Hand  hatte,  sich  mit  Hilfe  von  mehr  denn  zwölf
Millionen  Engel  ein  irdisches  Messiasreich  zu  verschaffen.  Jesus  hat
sich  aber  für  die  sündige  Menschheit  geopfert  und  den  Tod  am  Kreuze
einem  genußreichen  irdischen  Dasein  vorgezogen;  er  hat  dadurch  der
Menschheit  ein  erhabenes  Beispiel  von  Selbstlosigkeit  gegeben,  das
nicht  mehr  übertroffen  werden  konnte,  und  das  in  seiner  Folgerung
mit  der  Lehre  vom  jenseitigen  ewigen  Leben  und  den  dazu  gehörigen
Seelen  den  mit  irdischen  Gütern  nicht  Gesegneten  eine  gewisse  tröstende
und  ausgleichende  Messias-Verheißung  bilden  konnte.  Da  Christus
auch  der  erste  war,  der  den  Juden  eine  solche  Lehre  und  Erkenntnis  als
Trost  und  Evangelium  verkündete,  da  er  auch  selbst  danach  lebte  und
dafür  litt  und  starb,  so  konnte  er  sich  ohne  besondere  Anmaßung
wohl  für  einen  bevorzugten  Gottessohn  ansehen,  den  die  Überlieferung

6
        <pb n="88" />
        84

mit  erdichteten  Wundertaten  und  dem  Wunder  der  Auferstehung  dann
bald  zu  einem  menschgewordenen  Gott  erhöht  hat.

Jedenfalls  ist  das  Christentum  aus  der  jüdischen  Theologie
herausgewachsen  und  in  dieser  zuerst  wurzelfest  geworden;  es  hat  aber
keineswegs  dieser  seine  weltumspannende  Bedeutung  zu  verdanken.
Nur  dadurch,  daß  es  von  hier  aus  Wurzel  in  dem  durch  die  griechische
Philosophie  aufgeweichten  Boden  des  römischen  Imperiums  gefaßt
hat  und  hier  mit  der  Zeit  ein  brauchbares  Requisit  der  Politik  wurde,
konnte  es  eine  universelle  Verbreitung  finden.  Das  heißt  aber  auch,
das  Christentum  hat  seine  Bedeutung  und  seine  Verbreitung  in  erster
Linie  nicht  einem  innern  ethischen  Gehalt,  einer  moralischen  Durchdringungskraft
  und  einer  Veredelungsfähigkeit  zu  verdanken,  sondern
weit  mehr  einer  weltbürgerlichen  Anpassungsfähigkeit,  mit  der  die
römische  Eroberungssucht  die  unterjochten  Völker  beruhigen  und  zur
Entsagung  erziehen  konnte.  Mit  Hilfe  seiner  inneren  Gestaltungskraft
hötte  es  in  jener  Zeit  die  Sektenbildung  innerhalb  einer  engbegrenzten
orientalischen  Bevölkerung  nicht  überschreiten  können.

Da  bereits  in  der  Zeit  der  ersten  Christen  über  den  geschichtlichen
Jefus  nichts  Bestimmtes  festgelegt  wurde,  und  da  keine  beglaubigte
Auskunft  von  Augenzeugen  schriftlich  verzeichnet  ist,  so  dürfte  der  Verdacht
  nicht  unbegründet  sein,  daß  sein  Leben  und  Wirken  absichtlich  in
ein  mystisches  Dunkel  gehüllt  wurde.  Selbst  der  Apostel  Paulus,  der
doch  unmittelbar  nach  dem  Tode  Jesu  die  Verbreitung  seiner  Lehre
mit  viel  Erfolg  in  die  Hand  genommen  hatte,  hat  sich  über  den  geschichtlichen
  Jefus  nicht  geäußert.  Das  Dunkel,  das  absichtlich  den
geschichtlichen  Jesus  der  Nachwelt  unerkennbar  machen  sollte,  konnte
aber  nur  den  Zweck  haben,  der  Mythenbildung  und  der  philosophischen
Spekulation  Spielraum  zu  verschaffen.  Beides  hat  dann  auch  unmittelbar
  nach  Christi  Tode  in  ebenso  kühner  als  auch  urteilsloser
Weise  eingesetzt.

Wenn  das  Christentum  sich  im  Anfang  auch  strahlenförmig  nach
allen  Richtungen  ausbreitete,  so  hat  es  sich  doch  hierbei  mehr  oder
weniger  nur  um  vereinzelte  kleine  Gemeinden  gehandelt,  die  sich  aus
Elementen  der  in  irgend  einer  Beziehung  unterdrückten  Bevölkerungskreise
  zusammensetzten.  Auch  in  Rom,  woselbst  das  Christentum  den
Boden  gefunden  hat,  von  dem  aus  es  den  für  die  Kultur  wichtigsten
Teil  der  Welt  erobern  sollte,  sind  es  meist  die  Unterdrückten  und
Elenden  der  eroberten  Völker  gewesen,  die  hellhörig  wurden  bei  der
Verkündigung  eines  Evangeliums,  nach  dem  die  Armen  im  Himmel
für  ihre  irdischen  Leiden  ein  Vorrecht  haben,  sofern  sie  Anhänger  des
neuen  Glaubens  werden.  Dieser  neue  Glaube  lehrte  ganz  entgegengesetzt
den  früheren  Lehren  und  Gewohnheiten,  daß  man  seine  Feinde  lieben
        <pb n="89" />
        85

soll;  daß  man  die  segnen  soll,  die  einen  verfluchen;  und  daß  man  denen
wohltun  soll,  die  einen  hassen;  daß  man  überhaupt  seinen  Nächsten
mehr  lieben  soll  als  sich  selbst.  Dazu  wurde  berichtet,  daß  Christus,  von
dem  diese  Lehre  stammt,  als  Vorbild  sich  lieber  hat  kreuzigen  lassen,  als
ein  mächtiger  König  der  Juden  zu  werden  und  daß  er  sich  hiermit  als
Sühneopfer  für  die  Sünden  der  ganzen  Menschheit  dargebracht  hat,
und  daß  er  letztere  dadurch  von  der  ewigen  Verdammnis  erlöst  hat,
d.  h.  soweit  sie  an  ihn  glaubt  und  nach  seinen  Geboten  handelt.

Von  größter  Bedeutung  war  es  aber  für  die  weitere  Entwicklung
des  Christentums,  daß  in  Rom  bei  der  Sittenlosigkeit  und  geistigen
Verflachung  auch  die  Römer  selbst  nachgerade  zu  der  Überzeugung
kommen  mußten,  daß  die  Bedeutung  und  der  Einfluß  der  römischen
Götter  und  Gottheiten  weder  in  belohnender  noch  in  strafender  Weise
irgendwie  zu  spüren  war,  so  daß  überhaupt  aller  Kult  und  was  damit
zusammenhing  nur  noch  eine  leere  Formsache  war,  die  denkende  und
empfindende  Menschen  nicht  mehr  erbauen  und  erheben  konnte.  Dazu
kam,  daß  seit  längerer  Zeit  in  Rom  auch  bereits  die  griechische  philosophische
  Bildung  Eingang  gefunden  hatte;  und  zwar  ist  es  auch  hier
wie  in  Alexandrien  zuerst  hauptsächlich  die  Philosophie  der  Striker
gewesen,  die  in  einflußreichen  Kreisen  einen  bedeutenden  Anhang  verzeichnen
  konnte.

Von  der  Philosophie  der  Stoiker,  die  in  der  Physik  eine  Art
Materialismus  vertreten,  ist  es  mehr  oder  weniger  die  von  Sokrates
ausgehende  Ethik,  die  besonders  geeignet  war,  dem  in  Entstehung  begriffenen
  römischen  Weltbürgertum  im  Staats=  und  bürgerlichen  Recht
eine  gewisse  philosophische  Rechtfertigung  und  ethische  Grundlage  zu
geben.  Den  Stoikern  galt  als  höchstes  Gut  die  Tugend,  die  in  der
Übereinstimmung  des  menschlichen  Willens  mit  dem  göttlichen  bestand.
Zu  dieser  Tugend,  die  zur  Glückseligkeit  ausreichend  ist,  führt  das  von
Sokrates  gelehrte  Sich-selbst-erkennen  und  das  dementsprechende  Handeln.
  Die  vollkommene  Pflichterfüllung  ist  das  Rechttun  in  der  rechten
Gesinnung,  wie  sie  der  Weise  besitzt,  für  den  es  demzufolge  nur  vollkommene
  Pflichterfüllung  geben  kann,  d.  h.  aber  auch,  daß  nur  der
Weise  ein  vollkommener  Mensch  sein  kann.  Obwohl  der  Weise  moralisch
  selbständig  und  frei  ist,  so  steht  er  mit  seinen  Mitmenschen  doch
in  praktischer  Gemeinschaft.  Letzteren  gegenüber  übt  er  nicht  Nachsicht
sondern  Gerechtigkeit;  er  ist  ihnen  deshalb  auch  ein  Vorbild  in  Nächstenliebe
  und  Nächstenachtung.  Ein  solches  Vorbild  ist  aber  notwendig,
da  alle  Menschen  zusammenhalten  und  sich  gegenseitig  unterstützen
müssen,  denn  sie  gehören  alle  zusammen  durch  den  gemeinsamen  Logos,
der  als  der  eine  in  allen  lebt.
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        86

Nachdem  das  Christentum  mit  der  griechischen  Philosophie  in
Berührung  gebracht  war  und  von  dieser  ausgenommen  hatte,  was  beiderseits
  anpassungsfähig  war,  konnte  es  bei  der  Verdunklung  seiner
Herkunft  nicht  ausbleiben,  daß  es  nach  und  nach  immer  mehr  philosophischen
  Charakter  annahm  und  dadurch  auch  immer  weitere  Kreise  mit
philosophischer  Bildung  sowohl  auf  römischem  als  auch  griechischem
Boden  eroberte.

Daneben  war  es  aber  vielleicht  auch  der  christliche  Gott,  der  nicht
nur  dem  Gemüt  der  philosophisch  Ungebildeten  im  Vergleich  mit  den
römischen  und  griechischen  Göttern  etwas  Erhabeneres  darstellte,  sondern
  der  in  seiner  Einheit  und  unfaßbaren  Größe  auch  dem  kritischen
Verstande  der  Bildung  etwas  sein  mußte,  an  dem  er  sich  erbauen  und
aufrichten  konnte.  Anderseits  sind  es  aber  auch  die  gebildeten  Kreise
gewesen,  die  in  dem  Bestreben,  das  aus  der  sehr  lebhaften  Phantasie  der
ersten  Christen  hervorgegangene  Metaphysische  des  Christentums  mit
dem  Verstande  auszusöhnen,  letzteres  in  der  Folge  mit  allen
Richtungen  und  Systemen  der  griechischen  Philosophie  verquickt  haben.
Sie  sind  dadurch  für  die  Entwicklung  und  die  Richtung  der  christlichen
Lehre  verantwortlich,  um  so  mehr  als  sie  auch  gleichzeitig  den  Grund
zu  den  für  die  Zukunft  folgenschweren  Lehrstreitigkeiten  gelegt  haben,  die
der  Menschheit  sicher  mehr  Unheil  gebracht  haben,  als  die  Ethik  des
Christentums  gut  machen  konnte.

Liegt  der  Ursprung  der  ersten  philosophischen  Spuren  unverkennbar
  in  dem  System  der  Stoiker,  so  ist  es  bald  darauf  die  Ideenlehre  des
Platon  gewesen,  mit  der  die  christliche  Lehre  verquickt  wurde.  Dabei
wurde  auch  gleichzeitig  der  Versuch  unternommen,  das  alte  Testament
mehr  oder  weniger  auszuschalten.  Auf  der  anderen  Seite  waren  es
aber  die  Judenchristen,  die  das  alte  Testament  als  einen  wesentlichen
Teil  des  Christentums  angesehen  haben,  den  sie  nicht  preisgeben  wollten.

In  dieser  ersten  Zeit,  die  kirchengeschichtlich  als  das  Zeitalter  der
apostolischen  Väter  bezeichnet  wird,  waren  die  christlichen  Gemeinden
noch  ohne  Zusammenhang.  Ebensowenig  gab  es  ein  einheitliches  Glaubensbekenntnis
  und  eine  über  alles  stehende  Lehrautorität.  Infolge
der  heterogenen  Elemente,  die  das  Christentum  aus  den  verschiedenen
Nationen  und  aus  den  verschiedenen  Bildungsklassen  aufgenommen
hatte,  setzten  die  Lehrstreitigkeiten  auch  sobald  ein,  als  dem  geschichtlichen
Jesus  nicht  mehr  nachgeforscht  werden  konnte.

Die  philosophische  Hauptfrage  drehte  sich  in  der  ersten  Zeit  um
die  Art  der  Göttlichkeit  Jefu,  über  die  die  Meinungen  damals  schon  sehr
weit  auseinander  gingen.  Die  eine  Partei,  und  zwar  jedenfalls  diejenige
des  gesunden  Menschenverstandes,  hat  nach  dem  Selbstbekenntnis  Jesu
diesen  für  einen  von  Gott  erwählten  Menschen  angesehen,  der  sich  in
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        87

seiner  irdischen  Mission  bewährt  hat  und  dadurch  von  Gott  in  eine
Herrscherstellung  eingesetzt  wurde.  Hingegen  hat  die  andere  Partei,
die  durch  die  apostolischen  Väter  Clemens,  Barnabas,  Ignatius  u.  a.
vertreten  war,  Jefus  als  einen  bei  der  Geburt  materiell  gewordenen
Gott  angenommen.

Eine  andere  Frage  war,  wie  schon  bemerkt,  die  Bedeutung  des
alten  Testaments  für  die  Christen,  bei  der  sich  die  Ansichten  der  Judenund
  Heiden-Christen  gegenüberstanden.  Hier  blieb  schließlich  die  Ansicht
  derjenigen  Heiden-Christen  siegreich,  die  das  Christentum  wesentlich
  im  Sinne  des  Apostels  Paulus  als  Gesetz  der  Liebe  im  Glauben  an
Jesum  auffaßte.  Das  neue  Testament  wurde  als  die  Erfüllung  des
alten  angesehen,  deshalb  mußten  beide  in  Einklang  gebracht  werden.
In  dieser  Beziehung  hat  die  Tradition  ein  weites  Gewissen  gehabt,
denn  das  in  der  Entstehung  begriffene  neue  Testament  wurde  dem  alten
nach  Möglichkeit  angepaßt  und  wo  dieses  nicht  möglich  war,  wurde  das
alte  umgedeutet  oder  als  von  den  Juden  gefälscht  angesehen.  In  diesem
Sinne  war  das  alte  Testament  nicht  ein  solches  der  Juden  sondern  der
Christen,  trotzdem  wurde  das  darin  enthaltene  Zeremonialgesetz  für  die
Christen  als  nicht  verbindlich  betrachtet.  Nachdem  der  christliche  Glaubensinhalt
  derartig  durch  das  neue  Testament  festgelegt  war,  wurde  er
durch  Glaubensregeln  ergänzt  und  hiermit  im  Zusammenhang  eine
neue  hierarchische  Verfassung  eingeleitet,  mit  der  die  katholische  Kirche
in  politischer  Beziehung  ihren  Anfung  genommen  hat.

Jedenfalls  mußte  die  Entwicklung  des  Christentums  in  den  ersten
Generationen  zu  einer  Katholisterung  und  Verweltlichung  führen,  wenn
es  sich  aus  dem  Kindheitsstadium  zu  einer  Macht  entwickeln  sollte.
Dazu  mußte  die  Lehre  ein  einheitliches  Ganze  sein  und  als  solches  einheitlich
  anerkannt  werden,  und  es  ist  verständlich,  daß  notwendig  zu
diesem  Zweck  in  den  damals  vorhandenen  Schriften  gründlich  gesiebt
und  ausgemerzt  wurde,  und  wo  dieses  nicht  hinreichte,  mußte  die  Lehre
durch  eine  geheiligte  Tradition  ergänzt  werden.  Die  Tradition,  die  den
Glauben  voraussetzt,  stützt  sich  auf  Überlieferungen,  die  bis  auf  die
Apostel  zurückreichen  und  auf  die  Überzeugung,  daß  die  Kirche  vermöge
ihrer  Verbindung  mit  dem  heiligen  Geist  in  Glaubenssachen  Autorität
erhalten  hat.  Ohne  dieses  konnte  das  Christentum  sich  nur  in  fruchtlose
  Sektirerei  verlieren,  die  ohne  jede  Werbekraft  war.

Eine  solche  Entwicklung  brachte  es  von  selbst  mit  sich,  daß  sich  eine
oberste  Instanz  als  Lehrautorität  der  Kirche  herausbildete,  die  in
Streitsachen  das  Easte  Wort  zu  sprechen  hatte,  und  der  als  Tempelhüterin
die  Sorge  für  die  Pflege  der  Religion  und  die  Zukunft  der  Kirche  anvertraut
  war.  Da  Rom  im  Mittelpunkt  der  damaligen  Christenheit
lag  und  vielleicht  auch  den  größten  und  politisch  bedeutendsten  Anhang
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        –3

hatte,  so  lag  es  nahe,  den  Bischof  von  Rom  als  die  bedeutendste  Persönlichkeit
  der  Kirche  zu  betrachten  und  dessen  Urteil  in  letzter  Instanz
als  maßgebend  für  die  Kirche  anzusehen.  Eine  historische  Berechtigung
für  einen  solchen  Primat  wurde  daraus  hergeleitet,  daß  der  Apostel
Petrus  persönlich  in  Rom  gewirkt  haben  soll  und  gewissermaßen  Vorgänger
  des  dortigen  Bischofs  gewesen  ist.  Jedenfalls  war  die  Autorität
des  römischen  Bischofs  in  Wirklichkeit  früher  vorhanden,  als  sie  formell
anerkannt  wurde.

Erst  in  der  ersten  Hälfte  des  2.  Jahrh.  n.  Chr.  tauchen  Spuren
in  der  Entwicklung  des  Christentums  auf,  die  weder  aus  der  Tradition
noch  aus  geschichtlicher  Kombination  hergeleitet  sind,  sondern  die  durch
wissenschaftliche  Forschung  für  uns  verbürgt  werden  konnten,  indem  sie
in  literarischen  Dokumenten  zu  finden  sind,  deren  geschichtliche  Zuverlässigkeit
  festzustellen  war.  Diese  Spuren  rühren  her  von  den  sogenannten
  Gnostikern.  Diese  selbst  haben  zwar  auch  noch  keine  Schriften
hinterlassen,  ihre  geistige  Tätigkeit  für  die  Entwicklung  des  Christentums
  läßt  sich  aber  zweifelsfrei  nachweisen  aus  den  Schriften  ihrer
Gegner,  von  denen  sie  leidenschaftlich  bekämpft  worden  find.

Von  den  Gnostikern  wird  dem  Basilides,  Marxion,  Valentinus
u.  a.  auch  die  erste  Sammlung  neutestamentlicher  Schriften  zugeschrieben.
  Ihre  Bedeutung  hat  aber  darin  gelegen,  daß  sie,  worauf  schon
ihr  Name  hindeutet,  in  dem  oben  skizzierten  Sinne  in  die  kirchlichen
Lehren  philosophische  Erkenntnis  hineinzubringen  versuchten.  Sie
wollten  damit  das  Christentum  zu  einer  metaphysischen  Offenbarung
im  Sinne  griechischer  Philosophie  machen,  d.  h.  fie  wollten  der  christlichen
  Mythenbildung  dadurch  entgegenwirken,  daß  sie  den  christlichen
Glauben,  der  damals  bereits  hohe  Anforderungen  an  die  Gedankenlosigkeit
  und  Harmlosigkeit  der  Gläubigen  stellte,  durch  ein  christliches
Wissen  zu  rechtfertigen  versuchten.

Neben  und  nach  den  Gnostikern  find  es  vor  allen  Dingen  die
christlichen  Apologeten,  die  versucht  haben,  die  Lehren  des  Christentums
weiterzubilden,  wenn  auch  schon  mehr  dogmatisch  als  wissenschuftlich,
obwohl  sie  ihre  Aufgabe  in  der  Hauptsache  darin  gesucht  haben,  das
Christentum  gegen  die  heidnischen  Philosophen  zu  verteidigen,  wobei
sie  am  alten  Testament  als  der  entscheidenden  Offenbarungsurkunde
Gottes  festgehalten  haben.  Von  diesen  Apologeten  sind  es  besonders
Justin  und  Athenagoras,  die  für  die  Weiterentwicklung  des  Christentums
  von  Bedeutung  sind,  da  bei  ihnen  die  Lehre  von  der  Dreieinigkeit
Gottes  ihren  Anfang  nimmt.

Beide  waren  mit  der  Philosophie  Platons  und  der  Stoiker  vertraut
  und  mehr  oder  weniger  Anhänger  derselben.  Da  sie  nach  dieser
einen  Gott  nach  dem  alten  Testament  nur  im  Sinne  des  Alexandriners
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        89

Philon  annehmen  konnten;  da  sie  ferner  aber  nach  der  Offenbarung  eine
Göttlichkeit  Jesu  in  dem  Sinne  angenommen  haben,  daß  dieser  als  der
alleinige  Sohn  Gottes  der  Mensch-gewordene  Logos  sei,  so  mußten  sie,
um  der  Offenbarung  und  der  griechischen  Philosophie  gerecht  zu  werden,
folgerichtig  zu  einer  mehrfachen  Außerung  der  Einheit  Gottes  kommen.
Das  von  Jesu  unabhängige  vernünftige  Walten  in  der  Welt,  haben  sie
als  dritte  Außerung  der  Einheit  Gottes  und  zwar  als  den  heiligen
Geist  angesehen.

Mit  dieser  Lehre,  bei  der  die  Kühnheit  des  Denkens  nur  durch  die
Spitzfindigkeit  der  Spekulation  übertroffen  wird,  haben  jene  alten  Väter
das  Christentum  sicher  etwas  gewaltsam  mit  der  Ideenlehre  des  Platon,
auf  die  ich  an  anderer  Stelle  noch  näher  eingehe,  in  Anpassung  gebracht
und  hierdurch  für  die  Folge  den  Grund  zur  christlichen  Dogmatik  gelegt.

Obwohl  die  Dreieinigkeit  Gottes  für  den  Monotheismus  des
Christentums  gewissermaßen  schon  an  sich  eine  contradictio  in  adjecto
bedeutet  und  recht  unwissenschaftlich  aussieht,  so  darf  man  nicht  verkennen,
  daß  sie  im  Gegenteil  ein  ernster  Versuch  ist,  die  naive  christliche
Metaphysik  dem  kritischen  wissenschaftlichen  Denken  näher  zu  bringen
und  da  derzeitig  die  philosophische  Spekulation,  die  sich  auf  Platon  und
Aristoteles  stützte,  durch  naturwissenschaftliche  Erkenntnis  ebensowenig
getrübt  war  als  heute  umgekehrt  die  naturwissenschaftliche  Spekulation
durch  philosophische  Erkenntnis,  so  kann  man  es  immerhin  verstehen,
daß  die  Dreieinigkeitslehre  den  wissenschaftlichen  Ansprüchen  jener  Zeit
gerecht  werden  konnte,  wenn  auch,  ihrer  hypothetischen  Natur  entsprechend
  nicht  ausbleiben  konnte,  daß  auch  sie  in  der  Folge  mehrfach
der  Grund  zu  Lehrstreitigkeiten  wurde.  .

Nach  den  Apologeten  sind  es  besonders  die  Antignostiker  Irenäus
und  Tertullianus  und  die  Alexandriner  Clemens  und  Origenes  gewesen,
  die  die  Entwicklung  des  Christentums  nicht  unwesentlich  beeinflußt
  haben.  Die  Bedeutung  der  ersten  beiden  hat  aber,  wie  schon  ihre
Bezeichnung  sagt,  in  der  Bekämpfung  der  Gnostiker  und  mit  denselben
derjenigen  der  philosophischen  Spekulation  überhaupt  gelegen.  Anderseits
  sind  sie  es  gewesen,  die  neben  dem  christlichen  Gesetz  auch  die
Tradition  zur  Geltung  gebracht  haben,  wodurch  sie  die  weiteren  Begründer
  der  christlichen  Dogmatik  geworden  sind.

Irenäus  hat  das  mosaische  Gesetz  als  Vorstufe  des  Christentums
betrachtet  und  an  der  Identität  des  mosaischen  Gottes  mit  dem
christlichen  sestgehalten.  Nach  ihm  sind  der  Sohn  und  der  heilige
Geist  mit  Gott  dem  Vater  eins  und  Werkzeuge  der  Schöpfung
und  Offenbarung.  Jesus  hat  das  Sittengesetz  nicht  nur  bestätigt,
sondern  die  Erfüllung  auch  von  der  Gesinnung  und  nicht  von  den
äußeren  Gebräuchen  abhängig  gemacht.  Der  Mensch  hat  dabei  die
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        90

Willensfreiheit  für  die  Erfüllung  und  empfängt  dementsprechend  in
der  Ewigkeit  Lohn  oder  Strafe.  Schließlich  hat  Irenäus  auch  das
bestimmt  ausgeprägte  Taufbekenntnis  als  apostolische  Wahrheitsregel
proklamiert.

Tertullianus,  der  wesentlich  dasselbe  vertritt  als  Irenäus,  ist
aber  betreffs  der  philosophischen  Spekulation,  deren  Freiheit  Irenäus
nur  beschränken  will,  noch  weiter  gegangen.  Er  will  diese  überhaupt
aus  dem  Christentum  ausscheiden,  da  sie  nach  ihm  die  Mutter  der
Ketzerei  ist.

Gegenüber  der  auch  von  Irenäus  und  Tertullianus  verteidigten
Trinität  Gottes  sind  noch  die  Monarchianer  zu  erwähnen,  die  eine
Trinität  als  unvereinbar  mit  dem  alt=  und  neutestamentlichen  Monotheismus
  betrachteten.  Nach  ihrer  Ansicht  ist  Gott  der  Alleinherrscher,
während  der  Sohn  und  heilige  Geist  nur  Modi  seines  Wesens  oder
seiner  Offenbarung  und  dem  Vater  untergeordnet  sind.  Diese  Ansicht
hat  später  im  Arianismus  seine  kirchliche  Erledigung  auf  dem  Konzil
zu  Nicäa  gefunden.  Theoretisch  war  sie  im  Sinne  der  Kirche  aber
schon  abgetan  durch  die  Philosophie  des  Clemens  von  Alexandrien  und
des  christlichen  Origenes.

Origenes  hat  als  erster  System  in  die  Philosophie  des  Christentums
  gebracht;  er  hat  dem  Christentum  mit  viel  Erfolg  eine  philosophische
  Grundlage  im  griechisch-jüdischen  Sinne  gegeben,  wobei  er  sich  auch
die  berechtigten  Elemente  des  Gnostizismus,  den  er  im  übrigen  heftig
bekämpft,  angeeignet  hat,  so  daß  er  für  die  Entwicklung  des  kirchlichen
Lehrsystems  mit  maßgebend  und  von  großer  Bedeutung  geworden  ist.

Nach  Origenes  sind  die  heiligen  Schriften  von  Gott  inspiriert;  sie
enthalten  also  Gottes  Wort  oder  seine  Offenbarungen  und  zwar  wird
uns  dieses  dadurch  gewiß,  daß  wir  beim  Lesen  derselben  vom  Wehen
des  heiligen  Geistes  berührt  werden.  Das  alte  Testament  ist  erst  durch
das  neue  enthüllt  worden,  hingegen  wird  das  neue  durch  die  Wiederkunft
  Christi  enthüllt;  es  wird  sich  dann  in  ein  ewiges  Evangelium
verwandeln.

Gott  ist  nach  Origenes  ein  rein  geistiges  Wesen  und  eine  körperlose
  Einheit,  die  nur  als  solche  unveränderlich  gedacht  werden  kann,
denn  alles  Materiale  ist  veränderlich.  Gott  hat  aus  nichts  die  Welt
gemacht  und  gut  geschaffen  und  ist  als  Urheber  des  alten  und  neuen
Testaments  der  Gesetzgeber  und  Vater  Jesu  Christi,  des  durch  den
heiligen  Geist  aus  der  Jungfrau  Maria  geborenen  und  durch  freiwillige
Selbsterniedrigung  menschgewordenen  Sohnes.  Gott  ist  aber  nicht
ohne  Maß  und  Grenze,  sondern  er  ist  sich  selbst  begrenzend,  da  sich  das
schlechthin  Unbegrenzte  selbst  nicht  fassen  könnte.  Von  Gott  dem  Vater
wird  der  Sohn  erzeugt,  aber  nicht  als  wesensgleicher  Gott,  sondern  als
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        91

menschgewordene  göttliche  Willensäußerung,  die  aber  mit  dem  Vater  in
Wesensgemeinschaft  steht.  Der  Sohn  erkennt  den  Vater  aber  minder
vollkommen  als  dieser  sich  selbst  erkennt;  er  steht  als  Abbild  dem  Urbilde
nach  und  verhält  sich  zum  Vater,  wie  wir  uns  zu  ihm;  d.  h.  wie  der
Sohn  und  der  Geist  alle  Geschöpfe  überragen,  so  überragt  beide  wiederum
  der  Vater.  Im  Verhältnis  zur  Welt  ist  Gott  Urbild,  durch  ihn
find  alle  Dinge  geschaffen,  aber  nicht  nach  seinem  Ebenbilde,  sondern
nach  dem  Ebenbilde  des  Logos.  In  der  Entfaltung  der  göttlichen  Einheit
  zur  Vielheit  ist  der  Sohn  das  erste  Glied;  der  Geist  das  zweite,
das  der  geschaffenen  Welt  zunächst  steht,  aber  doch  noch  zur  Gottheit
gehört  und  zwar  als  das  letzte  Moment  in  der  Dreieinigkeit.  Der
Geist  ist  der  Vermittler  unserer  Gemeinschaft  mit  Gott  und  dem  Sohne.
Neben  dem  heiligen  Geist  soll  es  eine  unermeßliche  aber  nicht  unbegrenzte
  Zahl  einzelner  Geister  geben,  die  die  Erkenntnis  Gottes  in
derselben  Vollkommenheit  besitzen  als  der  Sohn  und  von  denen  auch
jeder  ein  Sohn  Gottes  sein  soll.  ·

Die  Seelen  sind  ursprünglich  in  ganz  gleicher  Qualität  von  Gott
geschaffen  und  nur  von  ihrer  Freiheit  und  Selbstbestimmung  hängt  es
ab,  ob  sie  sich  für  das  Gute  oder  Böse  entscheiden  wollen;  d.  h.  sie  haben
Wahlfreiheit  zwischen  dem  Guten  und  Bösen.  Ursache  des  Bösen  ist
nicht  Gott  und  auch  nicht  die  Materie,  sondern  die  freie  Tat  jener  Abwendung
  von  Gott,  die  letzterer  nicht  angeordnet  aber  auch  nicht  verhindert
  hat.  Im  Jenseits  gibt  es  dafür  Lohn  oder  Strafe.  Die  bösen
Geister,  an  ihrer  Spitze  der  Teufel,  versuchen  uns,  damit  wir  uns
bewähren;  aber  auch  diese  sind  besserungsfähig  und  sollen  erlöst  werden.
Zuletzt  ist  aus  Liebe  zur  Menschheit  der  Logos  mit  menschlichem  Leib
und  Seele  selbst  vom  Himmel  gekommen,  um  die  Menschheit  zu  erlösen
und  wieder  zu  Gott  und  zu  einem  seligen  Leben  zurückzuführen.  Die
jenseitigen  Strafen  dienen  den  Sündern  nur  zur  Läuterung,  deren
Dauer  der  Sünde  angemessen  ist;  diese  Sünder  werden  zu  einer  Zeit
aber  auch  erlöst,  wo  Gott  sein  wird  alles  in  allem,  das  Maß  und  die
e  der  ganzen  Bewegung  der  Seelen,  die  nur  ihn  empfinden  und
schauen.

..  Origenes  hat  mit  seiner  Philosophie  gewissermaßen  in  der  Entwicklung
  des  Christentums  eine  vorhergegangene  Epoche  abgeschlossen
und  die  kommende  eingeleitet.  Ist  die  vorhergegangene  Zeit  mehr  eine
solche  der  innern  Entwicklung,  d.  h.  eine  philosophische  gewesen,  so  ist  die
folgende  mehr  eine  solche  der  äußern  Entwicklung,  d.  h.  eine  politische.

Die  philosophischen  Anstrengungen  der  ersten  Jahrhunderte  haben
zweifellos  nicht  nur  den  guten  Willen,  die  ehrlichste  Gesinnung  und
den  heiligen  Ernst  der  damaligen  Interpreten  des  Christentums  bewiesen,
  sondern  auch,  daß  es  ihnen  lediglich  um  die  Ergründung  der
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        92

Wahrheit  zu  tun  war.  Sie  hatten  sich  im  Interesse  der  Weiterentwicklung
  und  Ausdehnung  des  Christentums  die  Aufgabe  gestellt,  die  revolutionär
  wirkende  Ethik  des  Christentums  nicht  nur  auf  eine  theologische
sondern  auch  philosophische  Grundlage  für  alle  Zeiten  sicherzustellen,
wobei  sie  sich  nur  auf  unbeglaubigte  Überlieferungen  und  das  alte
Testament,  das  sie  im  Interesse  einer  Offenbarungslehre  nicht  aufgeben
konnten,  zu  stützen  vermochten.  Es  läßt  sich  aber  nicht  verkennen,  daß
das  alte  Testament  im  Lichte  der  Kritik  nichts  weiter  ist  als  ein  Konglomerat
  von  Unmöglichkeiten,  Widersprüchen  und  Zweideutigkeiten,
in  dem  obendrein  das  Laster  eine  größere  Rolle  spielt  als  die  Tugend.
Ein  neues  Testament,  das  hiermit  in  Einklang  gebracht  werden  mußte,
konnte  selbstverständlich  von  Unmöglichkeiten  und  Widersprüchen  auch
nicht  ganz  frei  bleiben.

Die  schwierigste  Aufgabe  war  dabei  die  Logoslehre,  die  im  Sinne
der  griechisch-jüdischen  Philosophie  des  Philon  die  Gottheit  Christi  und
den  Monotheismus  auszugleichen  und  zu  erklären  versuchte  und  die
schließlich,  wie  wir  gesehen  haben,  zur  Dreieinigkeit  Gottes  führte.

In  den  Anfängen,  als  das  Christentum  eine  Herzenssache  innerhalb
  der  Gemeinde  war,  war  die  Einfachheit  und  Volkstümlichkeit  das
Erhabenste  an  der  Lehre.  Später  als  es  ganze  Völker  verschiedener
Herkunft  mit  den  verschiedenen  Klassen  und  Kasten  umfaßte,  da  mußte
es  sich  diesen  Verhältnissen  anpassen  und  notwendig  ein  festes  Lehrsystem
  schaffen,  wobei  die  Dogmenbildung  nicht  zu  umgehen  war.

Hierfür  ist  bezeichnend,  wie  die  Dreieinigkeitslehre,  die,  wie  wir
gesehen  haben,  vielfach  zu  Lehrstreitigkeiten  Veranlassung  gegeben  hat,
zu  einem  Dogma  gestempelt  wurde.  In  dieser  Lehre  standen  sich  am
Anfang  des  4.  Jahrh.  n.  Chr.  die  Ansicht  eines  Anhängers  des  Origenes,
des  Presbyters  Arius  aus  Alexandrien  und  diejenige  des  Bischofs  Alexander
  von  Alexandrien  gegenüber.  Nach  Arius  kann  zwischen  Gott  und
dem  Logos  keine  Wesensgleichheit  sein,  da  letzteres  ein  Geschöpf  Gottes
ist.  Da  der  Sohn  dem  Wesen  nach  kein  Gott  ist,  so  kann  er  auch  von
Natur  keine  göttlichen  Eigenschaften  haben.  Dennoch  ist  er  nicht  ein
Geschöpf  und  Erzeugnis,  wie  die  anderen  Geschöpfe,  sondern  er  steht
durch  Gottes  Gnade  und  Adoption  in  einem  anderen  Verhältnis  zu
ihm  und  inbezug  auf  die  Menschwerdung  gilt  alles,  was  die  Schrift
und  die  Überlieferung  darüber  aussagen.  Die  Affekte,  die  der  geschichtliche
  Christus  zeigt,  lehren,  daß  er  als  Logos  ein  leidensfähiges  und
deshalb  nicht  absolut  vollkommenes  Wesen  ist,  daß  er  die  Vollkommenheit
  aber  erstrebt  und  auch  erreicht.  Neben  den  Logos  ist  auch  noch  der
heilige  Geist  als  besonderes  Geschöpf  zu  stellen,  denn  der  Christ  glaubt
an  Vater,  Sohn  und  Geist.
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        93

Die  Ansicht  des  Bischofs  Alexander  besagt  dagegen  in  der  ihr
später  vom  Bischof  Athanasius  gegebenen  Form,  daß  Gott  selbst  als
Erlöser  in  die  Menschheit  eingegangen  ist.  Nach  ihm  ist  das  Göttliche
in  Christus  nichts  Geschaffenes,  und  da  es  eine  mittlere  Substanz  nicht
geben  kann,  so  muß  es  etwas  Ursprüngliches  und  mit  Gott  Wesensgleiches
  sein.  Die  Gottheit,  die  sich  als  Vater  und  Sohn  äußert,  ist
eine  Einheit  und  als  solche  ungeschaffen,  da  sie  sonst  die  Eigenschaft  der
Veränderlichkeit  hätte.  Der  Sohn,  der  nicht  geschaffen  ist,  aber  vom
Vater  in  der  Weise  erzeugt  ist,  wie  die  Sonne  das  Licht  und  die  Quelle
den  Bach  erzeugt,  heißt  deshalb  Sohn,  weil  er  die  ewige  vollkommene
Abstrahlung  des  Vaters  ist,  d.  h.  er  ist  das  aus  dem  Wesen  des  Vaters
hervorgegangene  Ebenbild.  Er  heißt  auch  Logos  als  schöpferische  Macht
des  Vaters.

Diese  letztere  Lehre  wurde  durch  das  vom  Kaiser  Konstantin  berufene
  ökumenische  Konzil  in  Nicäa  im  Jahre  325  als  grundlegendes
Dogmo  festgelegt;  es  wurde  als  solches  aber  erst  allgemein  anerkannt
nach  dem  vom  Kaiser  Theodosius  berufenen  zweiten  ökumenischen  Konzil
  zu  Konstantinopel  im  Jahre  381,  woselbst  es  noch  durch  die  Wesensgleichheit
  auch  des  heiligen  Geistes  zu  einer  wirklichen  Dreieinigkeit  erweitert,
  wurde.  Die  politische  Bedeutung  des  Dogmas  dürfte  wohl
schon  daraus  hervorgehen,  daß  sowohl  zu  Nicäa  der  Kaiser  Konstantin
als  auch  zu  Konstantinopel  der  Kaiser  Theodosius  in  ihrer  Würde  als
römischer  pontifex  maximus  das  entscheidende  Wort  gesprochen  haben.

Wie  man  sieht,  hat  es  immerhin  drei  Jahrhunderte  gedauert,  bis
das  Christentum  in  Rom  sich  soweit  ausgedehnt  hatte,  daß  es  von  den
Machthabern  als  eine  politische  Größe  angesehen  wurde,  mit  der  gerechnet
  werden  mußte.  Die  Christenverfolgungen  unter  Decius  und
Diokletian  haben  die  Entwicklung  des  Christentums  vielleicht  mehr  gefördert
  als  gehindert;  war  doch  hierbei  Gelegenheit,  dem  Beispiel  des
Meisters  nachzustreben  und  für  seinen  Glauben  und  ein  Prinzip  freudig
in  den  Tod  zu  gehen;  hierdurch  wurde  einmal  auf  empfängliche  Gemüter
  stark  eingewirkt  und  anderseits  diente  die  Flucht  vieler  Versolgten
  zur  Ausbreitung  des  Christentums.

Eine  etwas  zweifelhafte  Errungenschaft  hatte,  wie  schon  bemerkt,
das  Christentum  zu  verzeichnen,  als  der  römische  Kaiser  Konstantin
nach  Besiegung  seines  Mitregenten  Licinius  323  sich  selbst  zum  Christentum
  bekannte,  nachdem  er  bereits  nach  Besiegung  des  sich  auf  die
heidnische  Partei  stützenden  anderen  Mitregenten  Maxentius  im  Jahre
312  ein  Toleranzedikt  erlassen  hatte.  Konstantin  hat  sich  aber  nicht  etwa
aus  Überzeugung  bekehrt,  sondern  weil  die  Christen  derzeitig  schon  eine
Macht  in  den  Händen  hatten,  die  er  schlau  auszunutzen  verstand  und  der  er
        <pb n="98" />
        94

die  Erreichung  seiner  ehrgeizigen  Pläne  durch  Beseitigung  seiner  Mitregenten
  allein  zu  verdanken  hatte.

Anderseits  hatte  sich  das  Christentum  auch  bereits  ganz  gut!  zur
Hoffähigkeit  entwickelt  und  sich  überhaupt  der  Entwicklung  des  römischen
  Kaisertums  derartig  angepaßt,  daß  es  sich  auch  ohne  Bedenken  zur
Staatsreligion  eignete.  Abgesehen  von  Julianus  Apostata  haben  die
Nachfolger  Konstantins  nicht  nur  das  Christentum  zur  Staatsreligion
erhoben,  sondern  auch  mit  Gewalt  das  Heidentum  unterdrückt.

Infolge  der  Dogmen  und  Spitzfindigkeiten,  auf  die  sich  bald  das
Christentum  mehr  stützte,  als  auf  seinen  selig  machenden  Inhalt,  wurde
eine  Interpretation  notwendig;  anderseits  hatte  es  sich  bei  der  Vergötterung
  des  Stifters  auch  im  Göttesdienst  den  heidnischen  Gebräuchen  nach
Möglichkeit  genähert  und  das  Lebensfähige  des  Heidentums  aufgenommen,
  so  daß  eine  Priesterkaste  notwendig  wurde,  die  sich  bald  das
kirchliche  Regiment  aneignete  und  an  Stelle  der  ursprünglich  einfachen
Andacht  mit  Lehre,  Gesang  und  Gebet  einen  prunkvollen  Kirchendienst
einführte,  der  in  dem  äußeren  Auftreten  des  Papsttums  seinen  Gipfelpunkt
  gefunden  hat.

Mit  der  Entwicklung  und  Erhebung  des  Christentums  zur
Staatsreligion  begann  die  Bekehrung  heidnischer  Völker,  soweit  ihre
Fürsten  bekehrt  wurden,  im  großen,  wobei  die  allein  seligmachende
Kirche  ebenso  gewissenlos  als  brutal  und  rücksichtslos  vorging  und  eine
Unduldsamkeit  an  den  Tag  legte,  die  jede  Gedankenfreiheit  gleich  im
Keime  erstickte,  ganz  entgegengesetzt  der  Toleranz,  die  man  dem  Christentum
  selbst  hatte  zuteil  werden  lassen.

Die  Kirche  beschränkte  sich  aber  nicht  allein  darauf,  die  Menschen
geistig  gering  zu  achten,  sondern  die  geistigen  Würdenträger  aller  Grade
fingen  auch  mit  der  Zeit  an,  das  Volk  nach  Möglichkeit  auszusaugen  und
mit  dem  irdischen  Gut  ein  übermütiges  weltliches  Leben  zu  führen,  wodurch
  sie  einen  praktischen  Materialismus  bekundeten,  der  demjenigen
der  vorchristlichen  Juden,  sowie  der  Römer  zur  Zeit  der  Julier  in
nichts  nachstand.  Das  ausgesogene  Volk  wurde  dabei  mit  schwülstigen.
Reden  und  Phrasen  abgespeist  und  auf  das  Leben  nach  dem  Tode
vertröstet.  Wenn  hierdurch  das  Christentum  damals  nicht  versumpfte,
so  hat  es  an  der  Ausbreitung  des  Mönchswesens  gelegen,  das  entgegengesetzt
  den  irdischen  Freuden  und  Genüssen  mehr  oder  weniger  entsagte,
und  dadurch  als  Beispiel  im  Sinne  des  Stifters  das  wahre  praktische
Christentum  lebendig  erhalten  hat.

Nachdem  auf  dem  ökumenischen  Konzil  zu  Konstantinopel  die
Wesensgleichheit  des  Logos  mit  Gott  als  Kirchenlehre  anerkannt  war,
stand  man  vor  der  Frage:  Wie  verhält  sich  in  dem  Mensch  gewordenen
Gottessohn  göttliches  und  menschliches  Wesen  zueinander?
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        95

Der  Bischof  Appolinaris  von  Laodicea  hatte  die  Ansicht  vertreten,
daß  die  Union  zwischen  einem  vollkommenen  Gott  und  einem  vollkommenen
  Menschen  ein  Unding  sei  und  niemals  ein  einheitliches
Wesen  geben  könne.  Christus  kann  daher  nur  ein  vollkommener  Gott
sein.  Das  Menschliche  in  Christus  ist  nur  das  Substrat,  oder  das
Organ  der  Gottheit  und  das  Objekt  der  Erlösung.  Da  die  Kirche  aber
die  vollkommene  Menschheit  Christi  gebrauchte,  um  die  Willensfreiheit
für  ihn  zu  retten  und  um  den  evangelischen  Berichten  zu  entsprechen,
nach  denen  Christus,  der  es  schließlich  am  besten  wissen  mußte,  sich  selbst
für  einen  Menschen  gehalten  hat,  so  setzte  sie  auf  dem  Konzil  zu  Chalcedon
  im  Jahre  451  als  Dogma  fest,  daß  Christus  sowohl  wahrer  Gott
als  wahrer  Mensch  ist,  und  daß  beide  Naturen  unvermischt  und  ungeteilt
in  ihm  zu  einer  Person  verbunden  sind.  Gleichzeitig  wurden  die  Lehren
des  Nestorius,  Patriarch  von  Konstantinopel,  und  diejenige  des  Cyrill,
Patriarch  von  Alexandrien,  verdammt.  Ersterer  hatte  die  Ansicht  vertreten,
  daß  Göttliches  und  Menschliches  in  Christus  nur  äußerlich  ohne
innere  Einheit  verbunden  sei  und  daß  die  Maria  nicht  eine  Mutter
Gottes  sein  könne.  Nach  Ansicht  des  letzteren,  die  damals  durch  den
Abt  Eutyches  in  Konstantinopel  vertreten  wurde,  hat  Christus  überhaupt
  nur  eine  Natur  und  zwar  eine  göttliche.

Der  Kampf  in  diesen  Glaubensfragen,  wobei  es  sich  allerdings
um  das  grundlegende  Dogma  handelte,  drehte  sich  aber  nicht  allein
um  den  Inhalt  derselben,  sondern  noch  mehr  um  die  politischen  Interessen
  des  römischen  Kaisers  und  um  die  Eifersucht  und  Machtfragen
zwischen  den  Bischöfen  von  Rom,  Alexandrien  und  Konstantinopel,  infolgedessen
  war  der  Streit  nach  dem  Konzil  von  Chalcedon  auch  noch
nicht  zu  Ende  und  erst  auf  dem  Konzil  zu  Konstantinopel  im  Jahre  680
wurde  das  Dogma  noch  dahingehend  erweitert,  daß  in  Christus  ein
göttlicher  und  ein  menschlicher  Wille  angenommen  wurde  und  zwar  so,
daß  letzterer  dem  ersteren  immer  untergeordnet  ist.

In  philosophischer  Beziehung  ist  es  in  der  Epoche  nach  Origenes
hauptsächlich  der  heilige  Augustin,  der  in  der  Entwicklung  des  Christentums
  und  in  der  Lehrbildung  von  großem  Einfluß  und  großer  Bedeutung
  gewesen  ist.  Dieses  Zeitalter  wird  kirchengeschichtlich  als  dasjenige
der  Kirchenväter  bezeichnet.

Augustinus  und  die  Scholastiher.

Die  theologisch-philosophische  Spekulation  wurde  immerhin  auch
in  diesem  Zeitalter  im  Anfang  noch  in  der  Hauptsache  von  der  Schule
des  Origenes  gepflegt  und  zwar  find  es  hier  die  Kappadozier  Gregor
von  Nyssa,  dessen  Bruder  Bafilius  der  Große  und  Gregor  von  Nazianz,
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        96

die  die  Philosophie  ihres  Lehrers  mehr  oder  weniger  vertieft  und  verbreitert
  haben.  Wichtiger  war  es  aber  für  die  Kirche,  die  damals  schon
weit  verweltlicht  und  zu  politischer  Bedeutung  gekommen  war,  ihre
Stellung  und  ihre  Bedeutung  innerhalb  der  Menschheit  in  nicht  zu
bescheidenen  Grenzen  festzulegen.  Dieser  Aufgabe  hat  sich  der  heilige
Augustin  mit  ebenso  viel  Geschick  als  Erfolg  unterzogen  und  ist  dadurch
in  gewisser  Beziehung  zum  Gründer  der  römisch-katholischen  Kirche
geworden.

Nach  Augustin  liegt  das  wichtigste  Merkmal  der  katholischen
Kirche  an  der  Einheit  und  zwar  an  derjenigen  von  Glaube,  Liebe  und
Hoffnung  und  an  derjenigen  der  Katholizität.  Letztere  ist  das  Allumfassende
  und  Verbindende  der  Kirche,  das  nur  ein  Werk  des  heiligen
Geistes  sein  kann  und  das  für  uns  das  größte  Wunder  bedeutet.  Der
Glaube  hat  hierbei  die  Hoffnung  durch  die  Tätigkeit  der  Liebe  und
3war  der  Liebe  zu  Gott,  zum  Erlöser  und  zum  Nächsten.

Ein  anderes  Merkmal  der  Kirche  ist  die  Heiligkeit,  die  darauf
basiert,  daß  die  Kirche  durch  ihre  Verbindung  mit  Christus  und  dem
heiligen  Geist  ihre  Bestimmung  darin  sucht,  im  Menschen  das  Höchste
zur  Geltung  zu  bringen.  Dieses  wird.  aber  nicht  allein  durch  Belehrung
  erreicht,  sondern  noch  mehr  durch  Erziehung,  und  hierzu  gebraucht
sie  die  Zucht.  Neben  den  Heiligen  duldet  sie  aber  auch  Unheilige,
d.  h.  unvollkommene  und  unverbesserliche  Christen  und  zwar,  um  auch
ihnen  die  Möglichkeit  der  Erlösung  zu  bieten,  die  für  sie  als  Mitglieder
der  Kirche  nicht  ausbleiben  kann.

Ein  weiteres  Merkmal  ist  die  erreichte  Katholizität,  d.  h.  die
Verbreitung  in  einheitlicher  Gemeinschaft;  diese  hat  sich  so  verwirklicht,
wie  sie  vorausverkündet  wurde,  trotzdem  die  Kirche  ein  großes  Maß
von  Glauben  und  Gehorsam  auf  Grund  ihrer  Mysterien  verlangt.

Und  schließlich  ist  noch  ein  Merkmal  der  Kirche  ihre  Apostolizität,
die  sich  darin  äußert,  daß  die  Kirche  im  Besitz  der  apostolischen  Schriften
und  Lehren  ist  und  daß  sie  ihre  Existenz  und  Tradition  bis  auf  die
Apostel  zurückführen  kann.  Auf  die  Apostolizität  ist  ihre  Lehrautorität,
  der  Primat  des  Bischofs  von  Rom  als  Nachfolger  des  Petrus  und
der  des  Repräsentanten  der  Apostel  und  auch  schließlich  ihrd  Irrtumslosigkeit
  zurückzuführen.

Auch  in  philosophisch-theologischer  Beziehung  ist  Augustinus,
durch  platonische  und  neuplatonische  Spekulation  vorbereitet,  für  das
Christentum  von  weitreichender  Bedeutung  gewesen.  Nach  ihm  nützt
die  Wissenschaft  nur,  wenn  Liebe  dabei  ist,  sonst  bläht  sie  nur  auf.  Wir
sollen  streben  das,  was  wir  mit  festem  Glauben  begriffen  haben,  auch
durch  die  Vernunft  zu  erkennen.  Von  dem  Streben  nach  unnützem
Wissen  muß  die  Demut  uns  heilen.  Den  guten  Engeln  ist  die  Kennt-
        <pb n="101" />
        97

nis  aller  körperlichen  Dinge,  mit  der  die  Dämonen  sich  blähen,  etwas
Niedriges  gegenüber  der  heiligenden  Liebe  des  unkörperlichen  und
unveränderlichen  Gottes;  sie  erkennen  sicherer  das  Zeitliche  und  Veränderliche
  gerade  darum,  weil  sie  dessen  erste  Ursachen  in  dem  Worte
Gottes  anschauen,  durch  welches  die  Welt  gemacht  ist.

Ferner  hat  nach  Augustin  Gott  zuerst  die  Engel  geschaffen,  von
denen  ein  Teil  gut  geblieben  und  der  andere  böse  geworden  ist,  darauf
erst  die  sichtbare  Welt  und  den  Menschen.  Von  einem  Menschen,  den
Gott  als  den  ersten  geschaffen  hat,  hat  das  Menschengeschlecht  seinen.
Anfang  genommen.  Sowohl  diejenigen  irren,  die  annehmen,  die  Welt
und  die  Menschen  seien  immer  gewesen,  als  auch  diejenigen,  die  viele
Jahrtausende  von  Jahren  für  festgestellt  halten,  da  doch  aus  der  heiligen
  Schrift  hervorgeht,  daß  noch  nicht  sechstausend  Jahr  seit  der
Erschaffung  der  Welt  vergangen  sind.  Ganz  verwerflich  ist  die  Meinung,
  daß  nach  dem  Weltuntergang  die  Welt  sich  so,  wie  sie  früher  war,
erneuere  und  daß  alle  Ereignisse  wiederkehren.  Nur  einmal  ist
Christus  gestorben  und  er  wird  nicht  wieder  in  den  Tod  gehen,  sondern
wir  werden  einst  auf  ewig  bei  ihm  und  bei  Gott  sein.

Im  ersten  Menschen  lag  schon,  wenn  auch  nicht  sichtbar,  so  doch
nach  Gottes  Vorherwissen,  der  Keim  des  Guten  und  Bösen.  Durch  den
Sündenfall,  der  in  dem  Ungehorsam  gegen  das  göttliche  Gebot  läg,
war  der  Mensch  dem  Tode  als  der  gerechten  Strafe  verfallen.  Es  gibt
für  den  Menschen  aber  einen  zweifachen  Tod  und  zwar  den  des  Leibes,
wenn  die  Seele  ihn  verläßt,  und  den  der  Seele,  wenn  Gott  sie  verläßt.
Das  letztere  ist  nicht  ein  Aufhören  des  Bestehens  des  Lebens  überhaupt,
wohl  aber  des  Lebens  aus  Gott.  Auch  der  erste  Tod  ist  an  sich  ein
Ülbel,  gereicht  aber  dem  Guten  zum  Heil:  der  zweite  Tod,  der  die  größte
Pein  ist,  trifft  hingegen  nur  die  Bösen.  Auch  der  Leib  wird  auferstehen
  und  zwar  der  der  Gerechten  in  verklärter  Gestalt  und  edler  als
der  der  ersten  Menschen  vor  der  Sünde  war,  der  der  Ungerechten  aber
zu  ewiger  Verdammnis.  Als  Adam  Gott  verlassen  hatte,  ward  er.
von  Gott  verlassen  und  der  Tod  in  jeglichem  Sinne  war  die  ihm  angedrohte
  Strafe.  Freiwillig  verirrt  und  mit  Recht  verdammt,  erzeugte
er  Verirrte  und  Verdammte,  denn  wir  alle  waren  in  seinem  Samen
schon  enthalten  und  durch  die  Sünde  befleckt,  infolgedessen  auch  dem
Tode  und  der  Verdammnis  verfallen.  Durch  den  üblen  Gebrauch  des
freien  Willens  ist  die  Reihe  dieses  Unheils  entstanden,  die  das  in  der
Wurzel  verdorbene  Menschengeschlecht  durch  eine  Folge  von  Leiden
bis  zu  dem  ewigen  Tode  hinführt,  aber  mit  Ausnahme  derer,  die  durch
Gottes  Gnade  erlöst  werden.

Die  durch  die  Erbsünde  verdorbene  Natur  kann  nur  der  Urheber
wiederherstellen,  zu  welchem  Zweck  Christus  erschienen.  Im  Hinblick
9I%,  Soellalbemofratte,  Christentum,  Materiallemus  und  der  Arieg.  7
        <pb n="102" />
        98

auf  die  Erlösung  ließ  Gott  die  Versuchung  und  den  Fall  des  ersten
Menschen  zu,  obschon  es  in  seiner  Macht  stand,  zu  bewirken,  daß  weder
ein  Engel  noch  ein  Mensch  sündige;  aber  er  wollte  dieses  ihrer  Selbstentscheidung
  nicht  entziehen,  um  zu  zeigen,  wieviel  Übel  ihr  Stolz  und
wieviel  Gutes  seine  Gnade  vermöge.

Gegen  Pelagius,  der  die  Haupteigenschaft  Gottes  in  der  Gerechtigkeit
  sieht  urd  verständigerweise  nur  eine  Neigung  zur  Sünde
durch  Gewohnheit  und  böses  Beispiel  annimmt,  behauptet  Augustinus
die  Nichtbedingtheit  der  göttlichen  Gnade  durch  menschliche  Würdigkeit
und  hält  an  einer  absoluten  Prädestination  fest.  Nach  dieser  soll  die
Bestrafung  des  zur  ewigen  Verdammnis  von.  Gott  vorher  bestimmten
Teils  der  Menschheit  nicht  zur  Reinigung  der  Bestraften  dienen,  sondern
als  Beweis  der  göttlichen  Gerechtigkeit;  hingegen  soll  sie  Auserwählten
die  göttliche  Gnade  und  Barmherzigkeit  beweisen.

Augustinus  hat  in  seiner  Seelenlehre  nicht  nur  in  metaphysischer
sondern  auch  ethischer  Beziehung  versucht,  die  Philosophie  des  Christentums
  mit  dem  Idealismus  Platons  und  der  Neuplatoniker  zu  vereinbaren.
  Nach  Platon  ist  das  Erkennende  in  uns  eine  vom  Leibe  grundverschiedene
  immaterielle  Substanz,  genannt  Seele.  Der  Leib  hingegen
  ist  ein  Hindernis  der  Erkenntnis;  daher  ist  alle  durch  die  Sinne
vekmittelte  Erkenntnis  trüglich.  Untrüglich  ist  allein  das  reine  Denken,
  d.  h.  die  von  aller  Anschauung  freie  Seelentätigkeit.  Die  Seelen
selbst  sind  höheren  Ursprungs;  sie  entstammen  der  idealen  Welt,  was
schon  der  Trieb  zum  Wissen,  die  Begeisterung  für  alles  Schöne  und  das
Streben  des  Geistes,  über  den  Körper  zu  herrschen,  zeigt.  Anfangs
gehen  alle  Seelen  in  männliche  Körper.  Während  ihrer  Verbindung
mit  dem  Körper  sind  sie  in  einem  ihrem  Wesen  unpassenden  Zustande.
An  sich  göttlich,  das  Wahre  erkennend,  selbständig  und  frei,  sind  sie
unter  dem  Einflusse  des  Körpers  leidend  und  durch  die  Begierden  und
Leidenschaften,  die  das  Überwiegen  des  sinnlichen  Prinzips  hervorruft,
in  Übel  verstrickt.  Die  Bestimmung  der  Seele  und  der  Zweck  des
Lebens  ist  das  Streben  nach  Befreiung  vom  Einflusse  des  Körperlichen,
die  Brechung  der  Macht  des  Bösen  durch  Entfernung  des  Irrtums
mittels  Erkenntnis  des  Wahren  und  Göttlichen  und  das  Streben,  weise,
tugendhaft  und  gottähnlich  zu  werden.

Die  Neuplatoniker,  als  deren  hervorragender  Vertreter  Plotinos
gelten  muß,  gingen  noch  weiter.  Nach  diesen  ist  die  Wahrnehmung  für
die  Erkenntnis  unwesentlich,  wenn  nicht  gar  schädlich.  Die  Erkenntnis
des  Wahren  wird  nicht  durch  Beweis  gewonnen,  sondern  dadurch,  daß
alle  Verschiedenheit  zwischen  Erkennendem  und  Erkanntem  aufhört.  Die
höchste  Stufe  des  Erkennens  ist  ein  ekstatisches  Schauen  Gottes,  wobei
alle  Trennung  zwischen  Gott  und  der  Seele  aufhört.  Aufgabe  der
        <pb n="103" />
        99

Menschen  ist  es,  sich  so  viel  wie  möglich  in  diesen  ekstatischen  Zustand
zu  versetzen.  «.

Das  Göttliche  ließ  die  Weltintelligenz  als  sein  Abbild  aus  sich
hervorgehen  und  zwar  aus  der  Ideenwelt,  die  sie  in  sich  enthält.  Ausder
  Weltseele  bilden  sich  die  einzelnen  Seelen;  diese  vermögen  die  Ideen
und  auch  das  Absolute  zu  schauen.  Das  Stoffliche  ist  das  Nichtseiende,
durch  dessen  Verbindung  mit  der  Seele  die  trügerische  Sinnenwelt
entsteht.

nif  Der  Mensch  soll  durch  Askese  die  Sinnlichkeit  töten  und  sein
Denken  allein  der  Ideenwelt  zuwenden,  damit  er  seinen  irdischen  Beruf
  richtig  erfüllt.  Tut  er  dieses,  so  steigt  seine  Seele  zur  Ideenwelt,
zu  Gott  empor  und  vereinigt  sich  mit  letzterem.  Die  Seele  des  schlechten
  und  irdisch  gefinnten  Menschen  fällt  dagegen  der  Seelenwanderung

eim.

Mit  dieser  Seelentheorie  sind  die  Neuplatoniker  zu  einem  reinen
Idealismus  gelangt,  d.  h.  zu  einer  Auffassung,  nach  der  das  geistige
Ursachsverhältnis  vom  körperlichen  unabhängig  ist;  umgekehrt  ist
das  daneben  existierende  körperliche  an  sich  bedeutungslos,  da  es  ja  ein
Ursachsverhältnis  des  Nichtseienden  ist;  es  ist  aber  auch  anderseits  vom
Geistigen  abhängig.  Eine  praktische  Folgerung  ist  der  Hang  zur
Schwärmerei  und  zur  Mystik,  sowie  eine  Verachtung  aller  Erfahrungswissenschaft.
  Es  ist  nicht  zu  verkennen,  daß  das  Christentum  sich  von
diesen  Lehren  recht  viel  angeeignet  und  für  seine  nicht  immer  lauteren
Zwecke  zurechtgestutzt  und  angepaßt  hat,  so  daß  nicht  nur  Platon,  sondern
  auch  die  Neuplatoniker  für  die  Entwicklung  des  Christentums  in
philosophischer  Beziehung  von  großem  Einfluß  gewesen  sind.

Man  darf  allerdings  nicht  übersehen,  daß  zur  Zeit  der  Kirchenväter
  die  Ergebnisse  der  Erfahrungswissenschaft  noch  nicht  weit  her
waren,  und  wenn  griechische  Philosophen  der  Zeit  vor  Sokrates,  wie
Heraklit,  Empedokles  u.  a.  schon  weit  richtigere  Ansichten  vom  Weltgeschehen
  hatten,  so  fehlten  hierfür  die  Beweise  und  Begründungen,  die
erst  die  neuere  Zeit  gebracht  hat.  Es  ist  auch  nicht  ausgeschlossen,  daß
die  Kirchenväter  von  dieser  Philosophie  wenig  oder  gar  keine  Kenntnis
gehabt  haben.  «

Die  Christen  der  ersten  Jahrhunderte  waren  gewissermaßen  noch
eine  Art  Brüdergemeinde,  bei  der  die  Dogmen=  und  Legendenbildung
mehr  eine  Gewissensfrage  war,  die  den  Zweck  verfolgte,  das  Widernatürliche
  des  alten  Testaments  mit  dem  Widernatürlichen  des  neuen
und  beides  mit  den  Begriffen  des  gesunden  Menschenverstandes  in
Übereinstimmung  zu  bringen.  Die  Staatskirche  mit  einer  Priesterhierarchie
  hatte  eine  derartige  Rücksicht  nicht  mehr  notwendig;  in  ihr
wurden  Streitfragen  einfach  mit  Gewalt  erledigt.

71#
        <pb n="104" />
        100

»  Wie  bereits  bemerkt,  hatte  sich  der  Klerus  nach  dem  Vorbilde  des
jüdischen  Hohenpriesters  im  Bischof  von  Rom  auch  ein  geistiges  Oberhaupt
  herangebildet.  Dieses  übte  auf  dem  Stuhl  Petri  mit  Hilfe  der
weltlichen  Regierung  bald  eine  geistige  Herrschaft  aus,  die  ebenso  unduldsam
  als  rücksichtslos  war.  Die  weltliche  Regierung  hatte  schon
unter  Theodosius  d.  Gr.  eine  Kirchenzucht  eingeführt,  die  sich  sowohl
gegen  die  Anhänger  des  Arius  als  auch  gegen  die  Heiden  richtete.
Letztere  wurden  damals  bereits  mit  Gewalt  zu  Christen  im  Sinne  des
Nicäischen  Glaubensbekenntnisses  gemacht,  wobei  ein  Rückfall  ins
Heidentum  mit  strenger  Strafe  bedroht  war.

Mit  der  Macht  des  Papstes  nahm  auch  die  von  ihm  sanktionierte
Dogmenbildung  zu,  mit  der  in  der  Hauptsache  der  Zweck  verfolgt  wurde,
den  kirchlichen  und  weltlichen  Absolutismus  zu  kräftigen.  Die  Wissenschaft,
  d.  h.  die  Philosophie  hatte  nur  die  Aufgabe,  durch  eine  weitgehende
  Begriffsbildung  der  reinen  Phantasie  den  Glauben,  der  sich
auf  die  unmittelbare  göttliche  Offenbarung  stützte,  wissenschaftlich  im
kirchlichen  Sinne  zu  rechtfertigen.  Die  Männer,  die  in  jener  Zeit
derartig  wissenschaftlich  tätig  waren  und  die  die  Philosophie  zu  einer
Magd  der  Theologie  herabgewürdigt  haben,  hatten  in  der  Regel  auch
die  Leitung  der  Priesterschulen,  infolgedessen  hat  man  die  ganze  Gruppe
dieser  Wissenschaftler  mit  dem  Namen  Scholastiker  bezeichnet.

-  Immerhin  muß  anerkannt  werden,  daß  es  auch  im  Zeitalter  der
Scholastiker  Philosophen  gegeben  hat,  die  den  metaphysischen  Problemen
durchaus  nicht  aus  dem  Wege  gegangen  sind,  sondern  die  mit  anerkennenswerter
  Begabung  in  gründlicher  Weise  sie  zu  lösen  versucht  haben,
wobei  sie  selbst  einen  Gegensatz  mit  der  herrschenden  Anschauung  der
mächtigen  Gegner  nicht  gescheut  haben.  6
·  Einer  der  frühesten  namhaften  Scholastiker  ist  Johannes  Skotus
oder  Erigena.  Dieser  stellt  schon  den  Grundsatz  voran,  daß  mit  dem
Glauben  an  die  geoffenbarte  Wahrheit  alle  unsere  Forschung  beginnen
muß.  Bei  der  Aufgabe,  in  die  Geheimnisse  der  Offenbarung  einzudringen,
  sollen  uns  die  Schriften  der  Kirchenväter  leiten,  mit  deren
Lehren  wir  uns  fromm  und  ehrfurchtsvoll  aber  nicht  kritisch  zu  beschäftigen
  haben.  Von  den  Bätern  ist  uns  die  wahre  Autorität  und  die
durch  die  Vernunft  gefundene  Wahrheit  überliefert,  die  nicht  miteinander
  in  Widerspruch  geraten  können,  da  beide  der  göttlichen  Weisheit.
entstammen.

-  Auch  in  philosophischer  Begriffsbildung  zeigt  sich  Erigena  bereits
als  typischer  Vertreter  der  Scholastiker,  wie  uns  seine  Einteilung  des
Seienden  und  Nichtseienden  zeigt.  Nach  ihm  gibt  es  vier  Spezies  und
zwar  die,  welche  schafft  und  nicht  geschaffen  wird;  die,  welche  geschaffen
wird  und  schafft;  die,  welche  geschaffen  wird  und  nicht  schafft  und  die,
        <pb n="105" />
        101

welche  weder  geschaffen  wird  noch  schafft.  Da  die  Philosophie  des
Erigena  für  die  Folge  nicht  von  weitgehender  Bedeutung  geworden  ist,
so  soll  sie  hier  nicht  weiter  erörtert  werden,  um  so  mehr  haben  wir  uns
aber  mit  derjenigen  eines  späteren  Scholastikers,  nämlich  mit  der  des
Thomas  von  Aquino  zu  beschäftigen.

Durch  Thomas  von  Aquino  hat  die  Scholastik  ihren  Höhepunkt
und  auch  ihre  große  Bedeutung  für  die  Zukunft  erlangt.  Trotzdem
kann  nicht  verkannt  werden,  daß  Thomas,  der  sich  den  philosophischen
Anmaßungen  der  Kirche  vollständig  angepaßt  hat,  doch  der  Bildung
seines  Jahrhunderts  entsprechend  in  genialer  Weise  eine  Lösung  der
metaphysischen  Probleme  versucht  hat.  Thomas  hat  dabei  die  Grenzen
des  philosophischen  Wissens  und  des  christlichen  Glaubens  derart  gezogen,
  daß  beides  sich  gegenseitig  nicht  in  Widersprüche  verwickelt,  sondern
  sich  vorteilhaft  im  Sinne  der  Kirche  ergänzt.  Er  hat  dadurch  die
Philosophie  des  Christentums  in  einer  Weise  zum  Abschluß  gebracht,
daß  sie  den  wissenschaftlich  nicht  hochgeschraubten  Anforderungen  des
Katholizismus  noch  heute  genügt.  Diese  Bedeutung  mag  es  verursacht
haben,  daß  der  heilige  Thomas  von  seinen  Gegnern  heute  noch  um  so
mehr  verächtlich  als  Scholastiker  verdächtigt  wird,  je  weniger  seine
Philosophie  bekannt  ist.  ç  —

Thomas  von  Aquino.

Thomas  von  Aquino,  der  ein  Schüler  von  Albertus  Magnus
war,  unterschied  gleich  diesem  zwei  Arten  von  Wahrheiten  und  Quellen
ihrer  Erkenntnis  und  zwar  natürliche  und  übernatürliche,  von  diesen
entstammen  die  ersteren  der  Vernunfterkenntnis.  Die  übernatürlichen
sind  aber  diejenigen,  die  der  direkten  göttlichen  Offenbarung  entstammen,
  dazu  gehören  insbesondere  die  spezifisch  christlichen  Glaubenswahrheiten,
  wie  die  Dreieinigkeit  Gottes.  Diese  letztere  entzieht  sich
der  Vernunfterkenntnis  insofern,  als  sie  nur  von  der  Schöpfung  auf
den  Schöpfer  und  seine  Beschaffenheit  schließen  kann  und  zwar  in  dem
Sinne,  daß  Gott  das  Prinzip  aller  Wesen  ist.  In  der  Schöpfung  dokumentiert
  sich  das  Wesen  Gottes  in  seiner  Dreieinigkeit  nur  als  schöpferische
  Einheit,  die  als  solche  nur  unserer  Vernunft  zugänglich  ist,  während
  die  Dreieinigkeit  eine  Glaubenssache  ist,  die  uns  direkt  im  neuen
Testament  geoffenbart  wird.  Zu  den  übernatürlichen  Wahrheiten  gehört
  ferner  die  Lehre  von  der  Menschwerdung  des  göttlichen  Logos,
die  von  der  Erbsünde  und  der  Erlösung  durch  den  Tod  Christi,  die  von
den  Sakramenten,  von  der  Auferstehung  der  Toten,  vom  Weltgericht,
vom  Fegefeuer  und  von  der  ewigen  Seligkeit  oder  Verdammnis.
Schließlich  gehört  nach  Thomas  noch  die  Lehre  von  dem  Angefangen-
        <pb n="106" />
        102

haben  der  Welt  durch  einen  Schöpfungsakt  Gottes  zu  den  übernatürlichen
  Glaubenswahrheiten,  da  nach  ihm  nur  das  Geschaffensein  der
Welt  philosophisch  bewiesen  werden  kann.  Die  Aufgabe  der  Vernunft
bei  diesen  übernatürlichen  Wahrheiten  besteht  nur  darin,  die  Einwendungen
  dagegen  zu  widerlegen  und  zu  zeigen,  daß  sie  überhaupt  nicht
vernunftwidrig  sind,  ferner  Wahrscheinlichkeitsgründe  dafür  aufzubringen
  und  sie  durch  Gleichnisse  und  Analogien  zu  verdeutlichen.

Die  sogenannten  natürlichen  Vernunftwahrheiten  sind  solche,  die
durch  die  Vernunft  auf  Grund  ihrer  Erkenntnisprinzipien  gewonnen
und  bewiesen  werden  können  und  zwar  in  der  Weise,  daß  sie  aus  bekanntem
  und  anerkanntem  Gewissen  und  Wahrem  in  strenger  Konsequenz
  und  logischer  Folge  nach  den  Gesetzen  des  Denkens  abgeleitet
und  vom  Intellekt  als  Wahrheit  a  priori  erfaßt  werden.  Zu  diesen
Vernunftwahrheiten  gehört  das  Dasein  Gottes  überhaupt  und  mit  ihm
seine  Eigenschaften  als  Einheit,  als  vollkommenes  und  als  absolutes
Wesen;  ferner  die  Weltschöpfung,  das  Dasein  und  die  Unsterblichkeit
der  Seele.  Inbezug  auf  die  übernatürlichen,  d.  h.  spezifisch  christlichen
Wahrheiten  bilden  die  Vernunftwahrheiten  die  Grundlage  und  die
Voraussetzung,  da  die  Übernatur  die  Natur  als  Fundament  voraussetzt
und  letztere  nur  über  ihre  Grenzen  hinaus  ergänzen  soll.  Für  die  nicht
philosophisch  geschulten  Menschen  gehören  auch  die  natürlichen  Wahrheiten
  in  das  Offenbarungsgebiet  und  bilden  dann  die  ersten  Glaubens-=wahrheiten,
  die  den  spezifisch  christlichen  auch  so  als  Grundlage  dienen
können.  Immerhin  können  aber  die  übernatürlichen  Wahrheiten  nicht
Gegenstand  der  Philosophie  sondern  der  Theologie  sein.  Letztere  führt
ihre  Beweise  nicht  aus  der  Vernunft  sondern  aus  den  Offenbarungsurkunden,
  d.  h.  aus  Schrift  und  Tradition.  Eine  eigentliche  Einsicht
oder  Erkenntnis  der  Sache  wird  durch  diese  Offenbarungswahrheiten
nicht  gewonnen,  weil  sie  die  Vernunft  übersteigen;  wenn  sie  dennoch  als
Wahrheiten  geglaubt  werden,  so  geschieht  dieses  mehr  mit  dem  Willen
als  mit  der  Vernunft,  d.  h.  mehr  durch  Unterwerfung  als  durch  Einsicht.
Der  Wille  steht  also  im  Glauben  höher  als  die  Vernunft.  Als  Beweis
für  die  Göttlichkeit  des  Christentums  dienen  die  Wunder  des  Stifters,
ferner  die  Weissagungen  der  Propheten  des  alten  Testaments,  die  sich
durch  Christus  erfüllt  zeigen,  und  die  wunderbare  Ausbreitung  des
Christentums,  sowie  das  dabei  erreichte  ehrwürdige  Alter  der  Kirche.
Schließlich  ist  aber  ein  besonderes  Motiv  des  Glaubens  die  Gnade
Gottes,  die  sich  in  einem  geheimnisvollen  inneren  Antrieb  zum  Glauben
äußert  und  durch  die  wir  instinktiv  das  Richtige  treffen.

Unter  obigen  Voraussetzungen  hat  nun  Thomas  nicht  nur  philosophisch
  das  Dasein  Gottes,  das  einer  Seele  und  ihrer  Unsterblichkeit
bewiesen,  sondern  er  hat  auch  eine  Erkenntnislehre  geschaffen.  In
        <pb n="107" />
        103

seinen  philosophischen  Bestrebungen  ist  er  in  der  Hauptsache  von
Aristoteles  ausgegangen.

In  seiner  Erkenntnislehre  geht  Thomas  von  den  Sinnen  aus,
die  sich  bei  der  Wahrnehmung  aber  passiv  verhalten,  während  das
Objektive,  d.  h.  das  Wahrnehmbare  das  Tätige  ist.  Die  einzelnen
Empfindungen  werden  durch  einen  Gemeinsinn  zusammengefügt  und
kommen  so  als  stofflose  Bilder  in  die  Seele,  deren  innerer  Sinn,  der
bis  zur  Denkkraft  gesteigert  werden  kann,  weitere  Funktionen  der  Erkenntnis
  verrichtet.  Zu  dieser  immerhin  noch  niederen  Seelentätigkeit
gehört  die  Unterscheidung,  das  Urteilen,  die  Vorstellung  und  das  willkürliche
  Erinnern.  Die  sinmlichen  Bilder  find  aber  nur  die  Vermittler
der  Erkenntnis,  welch  letztere  durch  den  höheren  Sinn  der  Seele,  durch
den  Intellekt  stattfindet.  Der  Intellekt  ist  dem  Wesen  nach  einfach;
seiner  Natur  und  seiner  Außerung  nach  unterscheidet  er  sich  aber  in
einen  aufnehmenden  und  einen  tätigen  Intellekt  und  zwar  nach  Thomas
in  den  intellectus  possibilis  und  intellectus  agens.  Letzterer  macht
erkennbar,  indem  er  gewissermaßen  die  Dinge  mit  einem  göttlichen  Licht
erhellt,  damit  sie  vom  intellectus  possibilis  als  species  intelligibiles
  erkannt  und  aufgenommen  werden,  wobei  sich  dieser  passiv  verhält.
  Die  species  intelligibiles  drücken  nun  das  Wesen  der  Dinge  in
unserer  Erkenntnis  aus,  denen  in  den  Dingen  selbst  die  universalia
in  re,  d.  h.  die  Wesen  im  Objekt  korrespondieren.

Der  Intellekt  ist  also  das  Vermögen,  die  universalia  in  re  mit
Hilfe  der  Sinne  zu  universalia  post  rem,  das  sind  die  species
intelligibiles,  zu  machen;  mit  anderen  Worten,  er  ist  das  Vermögen,
aus  dem  Empfinden  eine  Erkenntnis  zu  machen.  Das  heißt  auch,  der
Intellekt  ist  die  Fähigkeit,  das  Allgemeine  und  Wesenhafte  aus  dem
Einzelnen,  das  Notwendige  aus  dem  Zufälligen  und  das  Intelligible
oder  Geistige  aus  dem  Sinnlichen  zu  erkennen.

Den  universalia  in  re  und  post  rem,  die  nicht  identisch  sind,
sondern  von  denen  das  letztere  das  der  menschlichen  Seele  eigentümliche
Seelenbild  der  ersteren  ist,  entspricht  auch  noch  die  universalia  ante
rem  als  Urbild  in  Gott.  Die  Ur-  oder  Vorbilder  bleiben  in  Gott,
während  die  universalia  in  re  als  Sachprinzip,  d.  h.  als  Wesenheit
von  Gott  geschaffen  wird.  Sie  sind  also  von  Gott,  aber  nicht  in  Gott;
sie  können  deshalb  auch  nicht  zu  Gott  zurück.  Man  hat  es  demnach
hierbei  auch  in  der  organischen  Welt  mit  starren  unveränderlichen
Formen  der  Arten  zu  tun,  die  eine  Entwicklung  darüber  hinaus  nicht
zulassen.  «

Die  Begriffe  Raum,  Zeit  und  Bewegung  müssen  hiernach  mit
Recht  als  den  Dingen  objektiv  zukommende  Eigenschaften  aufgefaßt
werden  und  zwar  ist  die  Bewegung  der  Übergang  aus  der  Potentialität
        <pb n="108" />
        104

in  die  Aktualität,  die  vom  göttlichen  Willen  und  vom  Verstande
ausgeht.

Die  Erkenntnislehre  des  heiligen  Thomas  ist  dem  derzeitigen
Stand  der  exakten  Wissenschaften  entsprechend  ein  hervorragendes  Dokument
  menschlichen  Scharfsinnes  und  wissenschaftlicher  Gründlichkeit.
Die  Schwächen,  die  es  aufweist,  sind  darauf  zurückzuführen,  daß  Thomas,
  wie  auch  Aristoteles  und  viele  andere,  wie  Frd.  Alb.  Lange  in
seiner  Geschichte  des  Materialismus  sehr  richtig  bemerkt,  in  der  Auffassung
  ihrer  idealistischen  Philosophie  die  subjektiven  und  objektiven
Elemente  nicht  auseinanderhalten  konnten.  Dieses  letztere  finden  wir
#erst  bei  Kant  konsequent  durchgeführt.  Hingegen  hat  die  Verwechslung
bei  den  Scholastikern  nicht  nur  zu  den  kühnsten  Hypothesen  geführt,
sondern  auch  zu  der  Annahme,  daß  eine  metaphysische  Unbegreiflichkeit
durch  einen  abstrakten  Begriff  mit  einem  passenden  Ausdruck  erklärt
und  bewiesen  werden  könne.  Mit  diesem  Verfahren  haben  aber  nicht
nur  die  Scholastiker  und  vor  ihnen  die  Sophisten  erkenntnistheoretische
Probleme  erledigt,  sondern  auch  unsere  philosophierenden  Naturforscher
der  Jetztzeit  haben  das  Gebiet  der  logischen  Phantasterei  mit  viel
Erfolg  betreten.  .

Auf  Grund  seiner  Erkenntnislehre  sucht  Thomas  die  Beweise
für  das  Dasein  Gottes  nicht  in  den  Offenbarungswahrheiten,  sondern
er  versucht,  die  Beweise  sowohl  für  das  Dasein  als  auch  für  die  göttlichen
Eigenschaften  vermittelst  der  Vernunft  herbeizubringen.  Die  Beweise
sollen  auch  nicht  a  priori,  aus  dem  Begriffe  der  Wesenheit  erkannt
werden,  sondern  a  posteriori,  indem  aus  den  erscheinenden  Wirkungen
auf  eine  nicht  sichtbare  Ursache,  die  Gott  ist,  geschlossen  wird.  Hierbei
handelt  es  sich  aber  nur  um  das  Dasein  Gottes  überhaupt;  über  die
Eigenschaften  Gottes  können  die  erscheinenden  Wirkungen  nur  den
Ausgangspunkt  bieten.  Neben  der  Notwendigkeit  einer  ersten  Ursache
ist  es  ferner  die  Notwendigkeit  eines  ersten  Bewegers.  Außerdem  setzt
die  Existenz  des  Zufälligen  überhaupt  ein  Notwendiges  voraus.  Ein
weiterer  Beweis  stützt  sich  auf  das  zweckmäßige  Tun  und  Wirken  solcher
Wesen,  denen  ein  klares  Bewußtsein  zukommt,  d.  h.  auf  den  Instinkt
der  Lebewesen,  deren  zweckmäßige  Tätigkeit  auf  einen  Willen  hindeutet,
  der  nur  ein  göttlicher  sein  kann.  Und  schließlich  lassen  die  verschiedenen
  Grade  der  Vollkommenheit  unter  den  Geschöpfen  auf  den
höchsten  Grad  der  Vollkommenheit,  den  nur  ein  Gott  besitzen  kann,
schließen.  Dieser  letztere  Beweis  geht  wie  vieles  andere  von  Aristoteles
aus.  Letzterer  nahm  die  Welt,  soweit  er  sie  kannte,  als  etwas  Fertiges
und  Abgeschlossenes,  in  der  alles  nach  vier  metaphysischen  Prinzipien
geregelt  ist  und  zwar  nach  Stoff,  Form,  Ursache  und  Zweck.  Durch
Vergleich  der  niederen  und  höheren  Organismen  wird  gefunden,  daß
        <pb n="109" />
        105

sich  in  der  Welt  alles  nach  Rangstufen  und  Wertbegriffen  ordnen  läßt,
diese  Rangverhältmisse  find  aber  nicht  in  der  menschlichen  Auffassung
begründet,  sondern  in  der  Natur  der  Dinge.  Nach  Thomas  ist  der
größere  oder  geringere  Grad  der  Vollkommenheit  innerhalb  einer  Art
durch  die  größere  oder  geringere  Annäherung  an  das  Vollkommenste
innerhalb  derselben  bedingt.  Dasselbe  gilt  für  die  Dinge  in  der  Welt
überhaupt;  auch  diese  sind  mehr  oder  weniger  vollkommen  in  ihrem
Sein,  je  mehr  oder  weniger  sie  sich  einem  höchst  vollkommenen  Wesen
nähern.  Das  höchste  in  einer  Art  soll  nun  der  Grund  dessen  sein,  was
von  jener  Art  als  Wesen  zur  ÄAußerung  kommt,  infolgedessen  soll  auch
das  höchst  vollkommene  Wesen  die  Ursache  aller  Vollkommenheit  in  allen
Geschöpfen  der  Welt  sein.  D.  h.  es  existiert  ein  höchst  vollkommenes
Wesen,  das  den  Grund  aller  sich  uns  zeigenden  Vollkommenheit  in  sich
schließt  —  und  dieses  Wesen  nennen  wir  Gott.

Betreffs  der  Bewegung  und  einer  Kausalreihe  kann  man  sich  keine
Unendlichkeit  in  der  Reihe  denken.  Die  Endlichkeit  setzt  aber  ein  erstes
voraus,  d.  h.  einen  ersten  Beweger  und  eine  erste  Ursache  —  und  dieses
ist  Gott.  Anderseits  läßt  alles,  was  zufällig  ist,  auch  das  Nichtsein  zu;
vom  Nichtsein  in  das  Sein  bedarf  es  aber  einer  Ursache,  die  notwendig
sein  muß  und  die  auch  auf  das  Dasein  eines  Gottes  führt.

Als  Vertreter  des  Dualismus  und  Idealismus  stellt  Thomas
in  Anlehnung  an  die  Bibel  Gott  als  den  Schöpfer  der  Welt  hin.  Als
solcher  steht  er  außerhalb  dieser  und  ist  ein  Sein  ohne  Stoff,  d.  h.  ein
Geist  ohne  Körper;  er  kann  sich  und  die  Welt  nicht  empfinden,  wohl
aber  erkennen.  Da  anderseits  die  Unvollkommenheit  im  Stoff  liegt,
so  muß  er  als  stofflos  auch  in  dieser  Hinsicht  vollkommen  sein.  Gott
ist  also  das  Wesen  im  ersteren  Sinne,  auf  dem  alles  übrige  Sein  beruht
und  das  ohne  Gott  wesenlos  und  nicht  erkennbar  sein  müßte.  Die
höchste  Vollkommenheit  Gottes  schließt  auch  auf  die  höchste  Intelligenz,
welch  letztere  auch  noch  aus  der  Immaterialität  gefolgert  werden  kann,
denn  wie  die  Formen  nur  dadurch  der  Wirklichkeit  nach  intelligibel
sind,  daß  sie  von  der  Materie  abgezogen  werden,  so  kann  auch  ein  Wesen
nur  der  Immaterialität  nach  intelligent  und  denkend  sein,  zumal  der
Stoff  das  Bewegte  und  die  Intelligenz  das  Bewegende,  d.  h.  die  Ursache
oder  der  Grund  des  Bewegten  ist,  so  daß  der  Stoff  gewissermaßen  das
Organ  der  Form  ist.  Das  Denken  ist  aber  auch  insofern  unabhängig  vom
Körper,  als  es  nicht  unbedingt  eine  Wirkung  nach  außen  hervorbringen
muß,  infolgedessen  vervollkommnet  sich  das  Denken  durch  sich  selbst.
Auch  das  Erkennen  Gottes  ist  insofern  unabhängig  vom  Stoff  der
Objekte,  als  Gott  nur  durch  seine  eigene  stofflose  Wesenheit  erkennt.
Als  höchste  Vollkommenheit  und  Intelligenz  muß  Gott  auch  Selbstbewußtsein
  haben,  ferner  muß  er  sich  und  auch  die  Welt  ohne  Irrtum
        <pb n="110" />
        106

erkennen  und  zwar  muß  er  letztere  an  sich  selbst  erkennen,  denn  wenn  er
sich  als  Ursache  erkennt,  muß  er  folgerichtig  auch  die  Wirkung,  die  von
ihm  ausgeht,  erkennen  und  zwar  in  deren  Eigentümlichkeit,  zumal  er
die  Urbilder  der  Dinge,  die  ihm  ähnlich  sind,  in  sich  hat.  Wenn  aber
Gott  die  Kausalität  und  die  Eigentümlichkeit  der  Dinge  erkennt,  so
muß  er  auch  notwendig  die  Summe  der  Möglichkeiten  erkennen.

Eine  natürliche  Folge  der  Intelligenz  ist  der  Wille.  Der  göttlichen
  Intelligenz  muß  deshalb  auch  ein  göttlicher  Wille  entsprechen.
Denken  und  Wollen  ist  real  und  identisch  mit  dem  Sein,  d.  h.  das
Sein  Gottes  kommt  in  der  Intelligenz  und  im  Willen  zur  Außerung.
Sowie  die  natürlichen  Dinge  das  Bestreben  in  ihrer  vollkommenen
Natürlichkeit  haben,  so  strebt  die  intellektuelle  Natur  zu  einer  vollkommenen
  intelligiblen  Form  des  Verstandes,  d.  h.  sie  erstrebt  das
seelische  Gleichgewicht.  Gottes  Wille  ist  demnach  ein  erstrebtes  seelisches
Gleichgewicht  mit  sich  und  den  Dingen  der  Welt,  und  zwar  indem  er
sich  selbst  als  Zweck  und  die  Dinge  als  Mittel  dazu  will.  Ersteres  will
er  mit  Notwendigkeit  und  letzteres  mit  Freiheit,  so  daß  sich  im  letzteren
Gottes  Güte  und  die  Liebe  zu  den  Menschen  dokumentiert.  Die  Güte
Gottes  gegenüber  den  Menschen  besteht  aber  darin,  daß  er  sie  als  an
seiner  Glückseligkeit  teilnehmende  Wesen  ins  Dasein  gesetzt  hat  und  daß
er  als  Vorsehung  dafür  sorgt,  daß  sie  alle  das  Ziel  erreichen.

Als  Sein  ohne  Stoff  ist  Gott  vollkommen  und  als  solcher  unveränderlich,
  denn  nur  die  Materie  bedingt  die  Veränderung,  d.  h.  aber
auch,  er  ist  ewig.  Die  Ewigkeit  läßt  sich  auch  daraus  folgern,  daß  Gott
ohne  Bewegung  ist,  denn  letztere  hat  sowohl  einen  Anfang  als  auch
Ende  und  beides  schließt  eine  Ewigkeit  aus;  beides  setzt  aber  auch  eine
Materie  voraus.  Gott  ist  aber  die  Ursache  der  Veränderung  der  Welt
und  da  diese  stetig  vor  sich  geht,  so  ist  Gott  allgegenwärtig  und  da  sie
auch  stetig  im  ganzen  Raum  erfolgt,  so  muß  er  auch  allmächtig  sein,  d.  h.
die  Allmacht  ist  die  Voraussetzung  Gottes  als  Weltbeweger.

Gott  bewegt  die  Welt  aber  nicht  nur,  sondern  er  hat  sie  auch
geschaffen,  wie  Thomas  durch  folgendes  zu  beweisen  versucht:  Alles,
was  in  irgend  einer  Art  unvollkommen  ist,  entsteht  aus  dem,  das  in
jener  Art  das  Vollkommenste  ist.  Da  nun  alle  weltlichen  Dinge  unvollkommen
  sind,  so  haben  sie  auch  kein  wirkliches  Sein,  sondern  sie  find
nur  durch  ein  vollkommenes  Sein.  Dieses  vollkommene  Sein  ist  Gott
und  als  solcher  die  erste  Ursache,  d.  h.  der  Schöpfer  der  weltlichen
Dinge.  —  Es  läßt  sich  nicht  verkennen,  daß  sich  Thomas  mit  dieser
Beweisführung  etwas  im  Kreise  dreht,  denn  er  beweist  mit  der  Unvollkommenheit
  der  weltlichen  Dinge  das  Dasein  Gottes  als  deren  erste
Ursache,  die  aber  das  Geschaffensein  der  weltlichen  Dinge  ohne  weiteres
in  sich  schließt.  Er  setzt  also  gewissermaßen  voraus,  was  er  beweisen
        <pb n="111" />
        107

will.  Das  Geschaffensein  in  diesem  Sinne  heißt  auch,  geschaffen  aus
nichts.  Das  letztere  geht  auch  daraus  hervor,  daß  dem  Wesen,  das  geschaffen
  wird,  früher  ein  Nichtsein  zukommt.  Das  Sein  ist  aber  durch
eine  erste  Ursache  hervorgerufen,  der  nichts  Körperliches  zugrunde  liegt,
wie  bei  den  uns  bekannten  Kausalverhältnissen,  infolgedessen  kann  die
Wirkung  der  ersten  Ursache  nur  eine  Schöpfung  sein.  D.  h.  die  Wirksamkeit
  der  ersten  Ursache  muß  entsprechend  ihrem  Sein  von  der  Art
sein,  daß  sie  nicht  bloß  durch  Bewegung  eine  Form  in  die  Materie
einführt,  sondern  daß  sie  das  Sein  selbst  gibt,  also  das  ganze  Wesen
nach  Materie  und  Form  ins  Dasein  setzt.  —  Je  allgemeiner  ferner  eine
Wirkung  ist,  desto  höher  muß  die  Ursache  stehen.  Da  es  auch  an  sich
unbewegliche  Dinge  gibt,  so  ist  das  Sein  allgemeiner  als  das  Bewegtwerden,
  infolgedessen  muß  die  Ursache  des  Seins  noch  über  derjenigen
des  Bewegens  stehen  und  diese  kann  nur  ein  schaffender  Gott  sein.
Wäre  eine  ewige  Materie,  d.  h.  eine  solche,  die  in  Ewigkeit  den  ganzen
Weltenraum  ausfüllt,  dann  könnte  Gott  nicht  außerhalb  dieser  gedacht
werden.  Ferner  bestimmt  sich  die  Ordnung  der  Tätigkeiten  nach  der
Ordnung  der  Ursachen.  Die  erste  höchste  Tätigkeit  muß  also  der  ersten
höchsten  Ursache  entsprechen;  erstere  ist  aber  die  Schöpfung,  da  sie  der
Ausgang  aller  Tätigkeit  ist,  diese  kann  daher  nur  Gott  zukommen.
Es  liegt  auch  den  allgemeinen  Wirkungen  eine  allgemeine  und  erste
Ursache  zugrunde.  Die  allgemeine  Wirkung  der  ersten  Ursache  ist  das
Dasein,  das  also  den  Dingen  nur  von  Gott  gegeben  sein  kann,  d.  h
Schöpfungsmacht  hat  nur  Gott.  .

Wenn  Thomas  auch  durch  die  Vernunft  zu  beweisen  versucht,
daß  die  Welt  aus  nichts  geschaffen  ist,  so  hält  er  anderseits  einen  Vernunftbeweis
  dafür  unmöglich,  daß  sie  auch  nach  nichts  geschaffen  sei;
er  nimmt  letzteres  aber  als  einen  Glaubensartikel  an,  gegen  den  die
Vernunft  nichts  Gegenteiliges  vorbringen  kann.  In  der  Schöpfung,
die  mit  der  ersten  Bewegung  verbunden  ist,  liegt  auch  die  dauernde  Erhaltung
  der  Welt,  die  sich  in  einem  stetigen  Wechsel  von  Sein  und
Anderssein  äußert.  Gerade  aus  der  letzten  idealistisch  sehr  richtigen
Auffassung  folgert  Thomas,  daß  die  Welt  ein  wirkliches  unabhängiges
Sein  nicht  hat,  sondern  die  Existenz  nur  durch  ein  höheres  Sein,  durch
Gott  hat.

Gott  hat  aber  nicht  nur  die  Materie  und  die  Formen,  d.  h.  Körperliches
  und  Geistiges,  geschaffen,  sondern  er  hat  dieses  auch  in  einer
reichhaltigen  Verschiedenheit  geschaffen  und  zwar  in  Stufen  von  reinen
Formen  bis  zur  reinen  Materie;  diese  Verschiedenheiten  an  Arten  und
Gattungen  sind  unmittelbar  als  dauernde  unveränderliche  Typen  geschaffen,
  wobei  der  höchste  Grund  der  Berschiedenheiten  Gott  selbst  ist.
Nach  Thomas  soll  diese  Vielheit  und  Verschiedenheit  dem  Fortschritt
        <pb n="112" />
        108

nach  geordnet  eine  höhere  Vollkommenheit  begründen  als  die  Einheit
und  Gleichmäßigkeit.  Anderseits  können  sich  die  Dinge  durch  die  Verschiedenheit
  gegenseitig  ergänzen  und  zum  Wohle  dienen,  wodurch  sie
Gott  gerade  ähnlich  sind  und  zwar  um  so  ähnlicher,  je  mehr  dieses  auf
Erkenntnis  und  Wollen  zurückgeführt  werden  kann.  Im  Anfangsstadium
  der  Schöpfung  waren  die  Dinge  Gott  um  so  ähnlicher,  je
näher  sie  Gott  als  der  ersten  Ursache  standen;  da  die  Ursache  vollkommener
  als  die  Wirkung  ist,  so  ist  die  Unvollkommenheit  eine  Folge
der  Veränderung  im  Laufe  der  Zeit.  —  Eine  Folgerung,  die  sich  mit  der
Entwicklungstheorie  der  Neuzeit,  zu  der  alle  naturwissenschaftlichen
Entdecungen  und  Fortschritte  führen,  im  schärfsten  Widerspruch  beindet.


Zu  einem  gleichen  Widerspruch  führt  die  Seelenlehre  des  heiligen
Thomas.  In  dieser  nimmt  er  den  Erkenntnis-  und  Denkformen  entsprechend
  und  dem  Aristoteles  folgend  für  die  menschliche  Seele  drei
verschiedene  Außerungen  an  und  zwar  eine  anima  vegetativa  für  die
materiellen  Bedürfnisse  des  Körpers,  eine  anima  sensitiva  für  die
Empfindung  und  eine  anima  rationalis  für  die  Erkenntnis.  Die
ersten  beiden  sind  vom  Körper  abhängig  und  werden  von  letzterer,  die
unabhängig  und  für  sich  existenzfähig  ist,  beherrscht.  Die  ersten  beiden
haben  nur  ein  niederes  Begehrungsvermögen,  wie  es  auch  die  anderen
Lebewesen  haben,  während  der  höheren  Seele  des  Menschen  der  Wille
eigentümlich  ist  und  zwar  ist  dieser  insofern  frei,  als  ihm  objektiv  die
Macht  der  Selstbestimmung  zugehört  und  als  er  in  bezug  auf  das
Objekt  eine  Wahlfreiheit  hat,  wodurch  der  sittliche  verantwortliche  Charakter
  des  Menschen  bedingt  ist.  Die  Macht  der  Selbstbestimmung  ist
aber  insofern  eingeschränkt,  als  der  Mensch  zur  Glückseligkeit  determiniert
  ist.  Der  Verstand  ist  insoweit  nicht  übergeordnet,  als  wer  den
Zweck  will,  auch  die  Mittel  muß  wollen,  wobei  dann  der  Verstand  bei
der  Wahlfreiheit  das  Richtige  zu  treffen  hat.  Die  Eigentümlichkeit  der
menschlichen  Seele  ist  das  Denkvermögen,  das  nicht  von  körperlichen
Organen  abhängt,  sondern  durch  das  Objekt  der  Tätigkeit,  durch  das
Erkennen  geoffenbart  ist.  Dieses  Objekt  ist  das  Intelligible  der  Dinge,
das  in  deren  Abstraktion  festgehalten  wird;  die  Sinne  erfassen  dabei
das  Spezielle  und  der  Intellekt  das  Allgemeine.  Umgekehrt  geht  aus
der  Tatsache  des  rein  geistigen  Erkennens  der  organ=  und  körperlose
Intellekt  als  Schluß  hervor.

Nach  Thomas  ist  der  Mensch  ein  Sinnenwesen,  das  unter  die
Naturdinge  fällt,  deshalb  gehört  der  Leib  zu  seiner  Wesenheit,  d.  h.  der
Mensch  ist  eine  Einheit  aus  Seele  und  Materie,  also  eine  einheitliche
Persönlichkeit  trotz  des  dualistischen  Charakters.  Die  Seele  gibt  der
Persönlichkeit  nicht  durch  ihre  Tätigkeit,  sondern  durch  ihr  Wesen  das
        <pb n="113" />
        109

Eigentümliche,  d.  h.  die  Wesensform.  Es  ist  der  Seele  natürlich,  mit
dem  Leibe  vereinigt  zu  sein,  infolgedessen  enthält  sie  auch  nach  der
Trennung  noch  ein  gewisses  Verhältnis  zu  demselben;  sie  ist  in  ihrem
Sein  nicht  vom  Körper  abhängig,  sie  bedarf  aber  des  Körpers  zur  Vervollständigung
  ihres  Wesens;  sie  ist  gewissermaßen  vermöge  ihres  Wesens
  in  primärer  Beziehung  die  Form  des  Leibes  und  in  sekundärer
das  Bewegende  desselben.  Der  Leib  ist  demzufolge  in  erster  Beziehung
Materie  und  in  zweiter  Organ.  Da  sich  die  Natur  jedes  Wesens  in  der
ihr  eigentümlichen  Tätigkeit  offenbart,  so  offenbart  sich  diejenige  des
Menschen  im  Denkenz  hierdurch  ist  die  spezifische  Natur  des  Menschen
bestimmt.  Das  Spezifizierende  eines  Dinges  ist  dessen  Form,  also  ist
Denken,  d.  h.  der  Intellekt  oder  die  Seele  die  Form  des  Leibes.  Das
Formsein  des  Leibes  ist  also  das  Wesentliche;  daher  notwendig  und
nicht  zufällig.

Die  menschliche  Seele  ist  sowohl  im  Uranfang  als  auch  im  weiteren
  Verlauf  des  menschlichen  Daseins  durch  einen  unmittelbaren
Schöpfungsakt  Gottes  ins  Dasein  gesetzt  und  zwar  im  Augenblick  ihrer
Verbindung  mit  dem  Körper.  Die  Schöpfung  der  Seele  tritt  aber  erst
dann  ein,  wenn  der  Embryo  eine  gewisse  organische  Bildung  erhalten
hat,  denn  ursprünglich  hat  der  Embryo  nur  organisches  und  vegetatives
Leben.  Im  Verlauf  des  Wachstums  tritt  die  anima  sensitiva  dazu
und  später  die  anima  rationalis.  Würde  letztere  durch  die  Zeugung
entstehen.  so  wäre  sie  ein  Produkt  des  Körpers,  das  mit  demselben  auch
wieder  vergehen  müßte.  Die  im  menschlichen  Samen  bei  der  Zeugung
wirksame  Kraft  disponiert  nur  den  leiblichen  Stoff  durch  die  vegetative
und  sensitive  Seele  zur  Aufnahme  der  höchsten  Form,  durch  welche  das
Erzeugte  erst  seinen  spezifisch  menschlichen  Charakter  erhält  und  demzufolge
  der  Mensch  gewissermaßen  seinesgleichen  zeugen  kann.  Das
Organ  der  sensitiven  Seele  ist  der  Verstand  und  dasjenige  der  intellektuellen
  die  Vernunft,  die  bei  der  Entwicklung  des  Menschen  in  eine
wechselseitige  Kausalität  sowohl  untereinander  als  auch  mit  Organen
der  vegetativen  Seele  treten.  ·

Da  die  Seele  das  Intelligible  der  Dinge  erkennt,  so  muß  sie
unkörperlich  sein,  d.  h.  ohne  Form  und  Materie.  Hätte  sie  Form  und
Materie,  so  wäre  sie  ein  Körper  und  keine  Seele.  Mit  anderen  Worten:
In  dem  Begriff  Seele  liegt  schon  die  Immaterialität.  Sie  kann  aber
auch  nicht  reine  Form  sein,  denn  als  solche  wäre  sie  nur  ein  Verhältnis
des  Körpers;  sie  hätte  also  kein  Dasein  an  sich.  Sie  muß  also  eine
Form  sein,  die  für  sich  existiert,  d.  h.  eine  forma  subsistens.  Als
Körper  könnte  die  Seele  nur  zusammenfassend  tätig  sein,  das  Erkennen
könnte  sich  dann  aber  nur  auf  die  Erscheinung  und  nicht  auf  das  Intelligible,
  das  ist  das  Wesen  der  Dinge,  beziehen.  Da  die  Seele  von  Ma-
        <pb n="114" />
        110

terialität  frei  ist  und  doch  subfistiert,  so  ist  sie  einfach  und  nur  ein  Zusammengesetztes
  aus  Wesenheit  und  Sein  oder  aus  Potenz  und  Aktualität.
  Als  Subsistenz  ist  die  Seele  aber  auch  individuell.  Aus  Unkörperlichkeit
  und  Einfachheit  ergibt  sich  die  Unsterblichkeit,  denn  wo  kein
vergängliches  Zusammengesetztes  ist,  da  kann  auch  keine  Trennung  sein.
Der  Körper  kann  auch  nicht  Subjekt  der  Seele  sein,  weil  sie  selbst  eine
vom  Körper  unterschiedliche  Subfistenz  hat.  Was  aber  in  einem  Subjekt
  ausgenommen  wird,  das  kann  nur  nach  Art  und  Beschaffenheit
desselben  sein,  und  da  die  Seele  nur  das  Intelligible,  das  Universale
der  Dinge  aufnimmt,  so  muß  sie  auch  intelligibel  sein.  Das  Intelligible
ist  immateriell  und  unsterblich,  infolgedessen  auch  die  Seele.  Die  Seele
betätigt  sich  hauptsächlich  auf  dem  Gebiet  der  Wissenschaft  und  Tugend,
auf  dem  sich  die  subjektive  Vollkommenheit  des  Menschen  zeigt.  Hierdurch
  wird  die  Seele  gewissermaßen  vom  Sinnlichen  und  Körperlichen
als  etwas  Bedeutungsloses  abgezogen,  woraus  die  Unmöglichkeit  zu
schließen  ist,  daß  das  Trennen  der  Seele  vom  Körper  diese  zerstört.
Ferner  hat  der  Mensch  ein  zu  seinem  Wesen  gehöriges  Verlangen  nach
Fortdauer  nach  dem  Tode,  das  von  der  Seele  ausgeht  und  nicht  ohne
Grund  und  Folge  ist.  Es  kommt  noch  dazu,  daß  alles,  was  anfängt
und  endigt,  im  Anfang  und  Ende  dieselbe  Potenz  hat;  die  Seelen
haben  nur  durch  die  erste  Ursache  anfangen  können,  sie  können  auch  nur
durch  diese  ein  zeitiges  Ende  finden,  das  aber,  wie  schon  bemerkt,  die
Güte  Gottes  nicht  zuläßt.

Ist  also  die  Seele  unzerstörbar  und  sie  hat  ein  Dasein  nach  dem
Absterben  des  Körpers,  so  muß  ihre  Erkenntnis  in  diesem  Zustande
eine  andere,  d.  h.  übernatürliche  sein  und  zwar  erkennt  die  Seele  außerhalb
  des  Körpers  mit  aller  Vollkommenheit  nur  durch  ein  göttliches.
Licht.  Die  vom  Leibe  getrennte  Seele  erkennt  zunächst  sich  selbst  und
zwar  unmittelbar,  ferner  auch  die  gleichen  Substanzen,  d.  h.  die  anderen
Seelen.  Die  natürlichen  Dinge,  die  anderer  Substanz  sind  und  zu
denen  auch  die  Engel  gehören,  erkennt  die  Seele  nur  durch  die  von  Gott
kommenden  intelligiblen  Spezies  und  hiervon  die  Einzeldinge  auch  nur
insofern,  als  sie  im  irdischen  Leben  mit  ihnen  in  Berührung  gewesen  ist
und  ihnen  eine  Hinneigung  bewahrt  hat,  oder  soweit  sie  diese  auf  Anordnung
  Gottes  erkennen  soll.  Vom  Verkehr  mit  der  Erde  ist  sie  im
übrigen  abgeschlossen  und  der  Gemeinschaft  der  Geister  zugeteilt.

Im  irdischen  Leben  dient  die  Materie  dazu,  die  Seelen  zu  unterscheiden,
  d.  h.  die  Materie  ist  das  principium  individuationis.  Hierbei
unterscheidet  Thomas  aber  als  Urstoff  eine  materia  prima,  die  an  sich
unwirklich  ist  und  erst  durch  die  Bewegung  Wirklichkeit  erhält,  deren.
Möglichkeit  in  ihr  aber  enthalten  ist.  Als  bewegte  Materie  bildet  sie  in
der  Form  der  Elemente  die  materia  signata,  als  welche  sie  das  prin-
        <pb n="115" />
        111

ipium  individuationis  enthält.  Die  beseelten  Wesen  stammen  aus
Gottes  Schöpfertätigkeit  und  zwar  mittelbar  aus  dem  Stoff,  da  Erde
und  Wasser  die  lebendigen  Wesen  hervorbringen  sollen.  Die  Erzeugung
lebendiger  Wesen  ist  eine  Wesenheit  von  Stoff  und  Form  zu  einer
neuen  Substanz  und  zwar  geht  die  Form  aus  der  materie  signata
hervor,  in  der  sie  als  Keim  enthalten  ist.  4

Als  irdisches  Ziel  des  menschlichen  Daseins  sieht  Thomas,  wie
schon  bemerkt,  das  Streben  nach  Glückseligkeit  an.  Letztere  muß  aber
im  Geistigen  gesucht  werden  und  zwar  in  dem  Bestreben,  Gott  ähnlich
zu  werden,  wozu  als  Mittel  nur  die  Tugend  dienen  kann.  Der  Mensch
ist  von  Gott  zur  Glückseligkeit  wohl  determiniert;  er  wird  aber  durch
die  Begierde  des  Fleisches,  die  ein  Werk  des  Teufels  ist,  dauernd  beeinflußt.
  Der  Mensch  ist  gut,  weil  er  von  Gott  geliebt  wird  und  sich  seiner
Gnade  erfreut,  nicht  aber  weil  er  Gott  liebt.  Da  Gott  überhaupt  für
den  Menschen  unerreichbar  ist,  so  soll  man  für  ihn  seinen  Stellvertreter
  auf  Erden,  nämlich  den  Papst  über  alles  lieben.  Ferner  soll
man  auch  seinen  Nächsten  um  Gottes  willen  lieben.  Einrichtungen,
die  dieses  unterstützen  und  fördern,  sind  die  Kirche  und  der  Staat  und
zwar  hat  der  Staat  die  irdische  und  die  Kirche  die  überirdische,  d.  h.  die
jenseitige  Glückseligkeit,  zu  fördern.  In  der  Kirche  ist  deshalb  das
Ülbernatürliche  das  Primäre  und  das  Natürliche  das  Sekundäre.  Hiernach
  ist  die  Folgerung  selbstverständlich,  daß  die  Kirche  dem  Staat  von
Gott  übergeordnet  ist,  welcher  Standpunkt  in  der  Theorie  des  Katholizismus
  auch  heute  noch  verteidigt  wird.  6

Während  Platon  und  die  Kirchenväter  das  Geistige  vom  Körper
als  unabhängig  abzusondern  versuchten  und  so  zu  einem  reinen  Idealismus
  kamen,  nach  dem  die  Ideen  allein  Wirklichkeit  haben,  so  versuchten
die  Scholastiker  nach  Aristoteles  eine  gewisse  Abhängigkeit  zu  finden
und  zu  erklären.  Nach  Aristoteles  wird  in  der  Welt,  wie  schon  weiter
oben  bemerkt,  alles  nach  vier  metaphysischen  Prinzipien  geregelt  und
zwar  sind  dieses  Stoff,  Form,  Ursache  und  Zweck.  Der  Stoff  ist  dasjenige,
  das  die  Möglichkeit  zu  allem  aber  nichts  in  Wirklichkeit  ist,  d.  h.
also  ein  Seiendes  dem  Vermögen  nach  und  ein  Nichtseiendes  der  Wirklichkeit
  nach.  Form  ist  dasjenige,  was  den  Stoff  zu  einem  Wirklichen
macht;  sie  ist  das  Wesen  und  die  Seele  jedes  Dinges  und  die  Idee,  nach
der  sich  der  Stoff  gestaltet.

In  der  Stufenfolge  hat  man  zu  unterst  den  Stoff  schlechthin
und  zu  oberst  die  reine  Form,  d.  h.  die  stofflose  Aktualität,  den  absoluten
göttlichen  Geist.  Dieser  muß,  da  der  Stoff  nur  durch  ein  Wirkendes
zur  Form  werden  kann,  ein  erstes  Bewegendes  sein.  Auch  beim  Menschen
  ist  der  Stoff  das  Starre  und  Leblose,  der  aber  der  Möglichkeit
nach  Leben  hat;  kommt  die  Form  dazu,  so  ist  es  etwas  Wirkliches.  Das
        <pb n="116" />
        112

heißt,  die  Form  oder  die  Seele  ist  die  Verwirklichung  des  menschlichen
Körpers.  Außerdem  hat  der  Mensch  als  höchstes  Gebilde  der  Schöpfung
die  Natur  aller  niederen  Stufen  in  sich  und  zwar  die  Pflanzenseele  als
anima  vegetativa,  die  Tierseele  als  anima  sensitiva  und  den  Geist
als  anima  rationalis,  welch  letztere  alle  übrigen  beherrscht.  Aristoteles
nennt  die  Seele  die  Entelechie  des  Leibes,  d.  h.  die  Zweckverwirklichung
desselben.

Duns  Skotus  weicht  insofern  von  Aristoteles  ab,  als  nach  ihm
zwischen  Form  und  Materie  eine  gewisse  wechselseitige  Abhängigkeit
herrscht.  Das  Belebende  der  Materie  ist  auch  bei  ihm  die  Form;  es
tritt  aber  außerdem  noch  die  individuelle  Eigentümlichkeit  hinzu,  die
den  gegenwärtigen  Charakter,  den  er  mit  haecceitas  bezeichnet,  begründet.
  Das  Reale  der  Materie  faßt  er  deshalb  als  wesentlich  und
notwendig  auf,  da  eine  Wissenschaft,  die  nur  mit  Vernunftbegriffen
operiert,  nur  eine  solche  der  Logik  sein  kann.

Skotus  stellt  den  Willen  noch  höher  als  Thomas.  Der  Wille  ist
bei  ihm,  wie  später  bei  Schopenhauer,  das  Wesentliche  der  Seele,  dem
alles  gehorcht.  Das  Verhältnis  von  Willen  und  Verstand  bei  unserer
Seele  ist  eine  Nachbildung  derselben  Verhältnisse  bei  Gott.  Schöpfung,
Menschwerdung  und  die  Annahme  des  Verdienstes  Christi  als  Sühne
für  unsere  Schuld  beruhen  auf  dem  freien  Willen  Gottes,  der  nicht
durch  eine  Vernunftnotwendigkeit  bedingt  ist,  womit  die  Unabhängigkeit
  des  Geistes  von  der  Materie  eine  vollständige  ist.  Duns  Skotus
hat  auch  die  Lehre  von  der  unbefleckten  Empfängnis  der  Jungfrau
Maria,  die  derzeitig  noch  nicht  zum  Dogma  erhoben,  anerkannt  und
verteidigt.

Die  Erledigung  der  philosophischen,  d.  h.  wissenschaftlichen  Seite
des  Christentums  durch  die  Scholastiker  wurde  noch  wirksam  dadurch
unterstützt,  daß  den  Laien  das  Lesen  der  Bibel  überhaupt  verboten
wurde,  und  daß  die  Auslegung  der  Bibel  nur  der  Priesterschaft  und
dem  Papst  zustand.  Ferner  wurden  die  durch  ihren  Mißbrauch  zu  so
furchtbarer  Wirkung  gekommenen  Inguisitionstribunale  geschaffen,  die
dem  Dominikanerorden  übertragen  wurden.

Die  christlichen  Massen,  derartig  geistig  geknechtet  und  unterdrückt,
  boten  in  ihrer  stumpfsinnigen  Entsagung  für  die  diesseitigen
Genüsse  und  den  Blick  aufs  Jenseits  gerichtet  ein  vorzügliches  Objekt
der  politischen  Beherrschung,  infolgedessen  hat  das  Christentum  in
Europa  in  allen  Ländern  schon  frühzeitig  eine  willkommene  Aufnahme
und  Verbreitung  gefunden,  zumal  mit  den  Fürsten  die  Untertanen
ohne  weiteres  bekehrt  wurden.

Mit  der  Verbreitung  und  Ausdehnung  des  Christentums  nahm
auch  der  Einfluß  und  die  Macht  der  Kirche  und  ihrer  Würdenträger  zu.
        <pb n="117" />
        113

In  den  ersten  Jahrhunderten  nach  dem  Konzil  von  Nicäa  ging  dieses
um  so  schneller  und  nachhaltender,  als  im  römischen  Reich  die  weltliche
Herrschaft  in  Verfall  geriet  und  sich  gegen  die  Einfälle  fremder  aus  dem
Norden  kommender  Völker  verteidigen  mußte,  denen  sie  schließlich
unterlegen  sind.  Die  Kirche  mit  dem  Papsttum  an  der  Spitze  hat  es
verstanden,  aus  diesen  politischen  Umwälzungen  für  sich  den  größten
Nutzen  zu  ziehen.  Sie  hat  deshalb  nach  Möglichkeit  zu  einer  Verschmelzung
  der  morgenländischen  mit  der  abendländischen  Kultur  beigetragen.
  Indem  sie  nach  dem  Grundsatz:  Eine  Hand  wäscht  die  andere,
die  abendländischen  Herrscher  unterstützt  hat,  den  Süden  politisch  zu
unterjochen,  hat  sie  dafür  mit  Unterstützung  der  letzteren  den  Norden
kirchlich  unterjocht.

Mit  der  Macht  der  Kirche  wuchs  auch  die  Begierde,  Herrschsucht
und  Anmaßung  ihrer  Würdenträger  mit  dem  Papst  an  der  Spitze;
diese  verfolgten  nur  noch  das  eine  Ziel,  ihre  Herrschaft  zu  erweitern
und  zu  befestigen;  sie  gingen  dabei  schließlich  soweit,  sich  von  der  weltlichen
  Macht  unabhängig  zu  machen  und  sogar  die  Oberherrschaft  über
letztere  zu  erstreben,  womit  sie  mit  den  deutschen  Fürsten  allerdings  nach
und  nach  in  einen  schroffen  Gegensatz  geraten  sind,  der  schließlich  unter
Gregor  VII.  seinen  Höhepunkt  erreichte,  der  dann  aber  doch  mit  einer
gänzlichen  Niederlage  des  Papsttums  endete.

Ein  Schritt  auf  diesem  Wege  war  die  Aneignung  von  weltlichem
  Besitz  durch  das  Papsttum.  Ferner  die  Emanzipation  der  Geistlichkeit
  von  der  weltlichen  Gerichtsbarkeit,  besonders  daß  über  alle
Klagen  gegen  die  Bischöfe  nur  der  Papst  zu  entscheiden  hatte  und
schließlich  die  von  Gregor  WII.  durchgeführte  Cölibatsgesetzgebung.  Die
Ehelosigkeit  der  Priester  sollte  eine  Nachahmung  derjenigen  Christi  und
der  Apostel  sein;  sie  war  der  Geistlichkeit  schon  in  früherer  Zeit  durch
das  Mönchswesen  aufgedrängt;  von  dieser  aber  nicht  sonderlich  beachtet.
Erst  Gregor  VII.  unseligen  Angedenkens  hat  sie  in  kalter  politischer  Berechnung
  rücksichtslos  durchgeführt.  Dieser  Staatsmann  verfolgte  dabei
keine  andere  Absicht,  als  die  Priester  nicht  in  der  Hauptsache  an  die  Familie
  und  mit  dieser  an  die  Heimat  und  den  Staat  zu  binden,  sondern  sie
unabhängig  als  ein  international  gesinntes  gefügiges  und  fanatisches
Organ  der  römischen  Kirche  in  der  Hand  zu  haben.  Ferner  erließ
Gregor  Gesetze  gegen  die  Simonie  und  Investitur  durch  Laien,  d.  h.
der  bis  dahin  übliche  Modus,  sich  Amter  und  Würden  von  der  weltlichen
Macht  zu  kaufen,  oder  von  dieser  damit  belehnt  zu  werden,  wurde  aufgehoben
  und  durch  das  Wormser  Konkordat  dahin  abgeändert,  daß  die
Investitur  der  gewählten  deutschen  Bischöfe  mit  Ring  und  Stab  von
der  Kirche  erfolgt;  die  Reichslehen  empfangen  sie  dagegen  vom  Kaiser.

Ginze,  Sozialbemotratie,  Shristentum,  Materialismus  unb  der  Krieg.  8
        <pb n="118" />
        114

Gregor  VII.  erstrebte  aber,  wie  bereits  bemerkt,  nicht  nur  die
Unabhängigkeit  der  Kirche,  sondern  er  wollte  überhaupt  als  Stellvertreter
  Christi  die  höchste  Macht  in  geistlichen  wie  auch  weltlichen
Dingen  besitzen.  Und  seine  Macht  war  auch  tatsächlich  schon  so  groß,
daß  er  den  Deutschen  Kaiser  Heinrich  IV.  zu  einem  Bußgang  nach
Canossa  veranlassen  konnte.

Die  Macht  der  Kirche  wurde  aber  nicht  nur  erstrebt,  um  allein
unabhängig  von  der  weltlichen  Macht  zu  sein  und  um  die  Laienwelt
geistig  zu  knechten,  sondern  noch  viel  mehr,  um  sie  auszubeuten.  Zu
diesem  Zweck  hat  sich  die  Kirche  nicht  nur  sehr  reichlich  beschenken  lassen
und  Erbschleicherei  getrieben,  sondern  sie  hat  auch  den  christlichen  Kultus
dahin  entwickelt,  daß  er  durch  prunkvolle  tote  Außerlichkeit  blendete  und
durch  Meßopfer  und  Ablaßhandel  zu  einem  einträglichen  Geschäft
wurde.

Da  die  Geistlichkeit,  infolge  ihres  unmoralischen  Lebenswandels
durch  Wort  und  Sakrament  die  Masse  nicht  mehr  beeinflussen  konnte,
ohne  sich  selbst  dabei  der  Lächerlichkeit  preiszugeben,  so  versuchte  sie  den
Teufels=  und  Aberglauben  nach  Möglichkeit  zu  fördern.  Besonders
geeignet  war  hierfür  das  strafende  Moment  in  der  Religion  und  zwar
hauptsächlich  die  von  Augustinus  eingeführte  Lehre  vom  Fegefeuer,  die
allerdings  erst  im  Jahre  1439  zum  Glaubensartikel  erhoben  wurde.

Das  Fegefeuer  soll  eine  Art  Reinigungsfeuer  für  solche  Seelen
sein,  die  zwar  nicht  dem  Teufel  und  den  ewigen  Höllenstrafen  anheimfallen,
  die  aber  doch  derartig  fündhaft  belastet  sind,  daß  sie  auch  nicht
sofort  in  den  Himmel  kommen  können.  Für  diese  ist  zu  ihrer  Läuterung
  eine  den  Sünden  entsprechende  Zeit  der  Buße  im  Fegefeuer
vorgesehen.  «

Die  Kirche  hat  aber  die  Macht,  die  Zeit  im  Fegefeuer  abzukürzen
und  die  Mittel  hierzu  sind  die  Fürbitte,  die  Seelenmesse  und  der  Ablaß.
  Der  Ablaß  konnte  aber  nur  durch  Verrichtung  guter  Werke
erreicht  werden.  Ein  gutes  Werk  war  aber  auch,  die  Kirche  mit  Geld
zu  unterstützen.  Die  Gläubigen  konnten  also  für  sich  selbst  oder  für
liebe  Angehörige,  die  im  Fegefeuer  zu  schmachten  hatten,  je  nach  den
Mitteln  die  teilweise  oder  ganze  Befreiung  erwerben.  Ablaß  konnte
aber  auch  für  Todsünden,  die  die  ewige  Verdammnis  verdienten,  erreicht
werden  und  zwar  dadurch,  daß  die  Kirche  die  Macht  hatte,  nach  der
Beichte  der  Sünde  Absolution  dafür  zu  erteilen,  wodurch  die  ewigen
Strafen  in  zeitliche  gemildert  wurden.

Auch  durch  Erwerbung  von  Reliquien  konnte  Ablaß  erkauft  werden.
  Unter  Reliquien  sind  hierbei  Gegenstände  zu  verstehen,  die  mit
irgend  einem  Heiligen  der  Kirche  in  Berührung  gewesen  sind;  sie  find
infolgedessen  auch  von  Heiligkeit  durchdrungen,  wobei  sich  ihre  Be-
        <pb n="119" />
        115

deutung  in  dieser  Beziehung  nach  derjenigen  des  Heiligen  richtet.  Am
wertvollsten  sind  natürlich  diejenigen,  die  mit  Christus,  und  nächst
diesen  diejenigen,  die  mit  den  Aposteln  in  Berührung  gewesen  sind.
Der  Ablaßwert  dieser  Reliquien  findet  darin  seine  Begründung,  daß
daß  am  Kreuze  vergossene  Blut  Christi  allein  so  kostbar  war,  daß  es
nicht  nur  seinen  Zweck,  die  Gläubigen  von  der  Sünde  zu  erlösen,  erfüllen
kann,  sondern  daß  es  weit  darüber  hinaus  reicht.  Dazu  kommt  noch
die  Heilstätigkeit  der  Apostel  und  der  Heiligen,  so  daß  ein  großer
berschuß  von  Verdienst  vorhanden  ist,  über  den  die  Kirche  das  Recht
und  die  Macht  der  Verfügung  für  die  Sündenvergebung  ihrer  Gläubigen
  hat.  Dieser  Verdienst  ist  gewissermaßen  in  den  Reliquien  der
Kirche  vergegenständlicht  und  konnte  daher  mit  diesen  je  nach  Bedarf
und  Bezahlung  erworben  werden.

Der  Handel  mit  Ablaß  und  mit  Reliquien  ist  dann  auch  ein  einträgliches
  Geschäft  gewesen,  zumal  es  ohne  Konkurrenz  war,  denn  nur
die  Kirche  hatte  das  Recht,  Gegenstände  zu  Reliquien  zu  machen  und
sie  zu  veräußern.  Die  Päpste  und  Bischöfe  haben  dann  auch,  je  nach
ihrer  Bedürftigkeit  und  ihren  Ansprüchen,  von  diesem  Geschäft  den  ausgiebigsten
  Gebrauch  gemacht.  Sie  gingen  dabei  sogar  so  weit,  daß  sie
das  Geschäft  nicht  nur  mit  dem  Kirchendienst  vereinten,  sondern  daß
ste  den  Ablaß  mit  marktschreierischer  Reklame  bei  jeder  Gelegenheit,  wo
sich  Leute  ansammelten,  anpreisen  und  anbieten  ließen.  Dieses  ging
schließlich  soweit,  daß  es  in  Deutschland,  wo  man  die  Angelegenheit
etwas  gründlicher  nahm,  einen  Skandal  zeitigte,  der  in  Anbetracht  auch
der  anderen  Mißstände  zu  einer  Reformation  der  Kirche  an  Haupt  und
Gliedern  geradezu  drängte.

Mit  den  Einnahmen  wuchs  auch  die  Verschwendung  und  mit  ihr
die  Sittenlosigkeit  der  niederen  als  auch  hohen  Geistlichkeit,  die  in  Rom
zeitweilig  solchen  Umfang  angenommen  hatte,  daß  die  ärgste  Zeit  des
römischen  Kaisertums  dagegen  verblassen  mußte.  Auch  mit  dem  Leben
Unschuldiger  wurde  mit  Hilfe  der  Inquisition  genau  so  leichtfertig  und
so  grausam  umgegangen  als  zur  Zeit  der  römischen  Cäsaren.

Unter  den  Germanen  waren  die  Westgoten  die  ersten,  bei  denen
das  Christentum  Eingang  gefunden  hat  und  zwar  hatten  diese  die  Bekehrung
  nach  der  Lehre  des  Arius,  die  die  Wesensgleichheit  des  Logos
mit  Gott  nicht  anerkannte,  ihrem  Bischof  Ulfilas  (341—381)  zu  verdanken,
  der  ihnen  auch  gleich  die  Bibel  in  ihre  Muttersprache  übersetzt  hat.
Später  ging  die  Bekehrung  von  den  Frankenkönigen  aus,  von  denen
als  erster  Chlodwig  nach  einem  Sieg  über  die  Alemannen  im  Jahre
496  das  Christentum  angenommen  hatte.  Chlodwig  hatte  in  einem
bedenklichen  Moment  der  Schlacht  sich  von  seinen  heidnischen  Göttern
verlassen  geglaubt  und  den  Christengott,  zu  dem  sich  seine  Gemahlin

ge
        <pb n="120" />
        116

bereits  bekehrt  hatte,  zu  Hilfe  gerufen.  Chlodwig  hat  das  Christentum
nach  dem  zu  Nicäa  festgelegten  Glaubensbekenntnis  nach  Athanasius
angenommen  und  mit  einem  sanften  Zwang  auch  seine  gesamten  Untertanen
  dazu  bekehrt,  womit  das  Christentum  Staatsreligion  der  Franken
geworden  war.

In  Deutschland  war  es  dann  im  8.  Jahrhundert  hauptsächlich
der  Angelsachse  Winfried,  der  unter  dem  Namen  Bonifatius  als  Apostel
der  Deutschen  wirkte  und  unter  dem  Schutze  der  fränkischen  Könige  mit
Erfolg  die  Deutschen  unter  die  geistige  Herrschaft  der  römischen  Päpste
zu  bringen  versuchte.  Den  letzten  Widerstand  fand  diese  Bekehrung
bei  den  Sachsen,  die  erst  nach  einem  blutigen  Kriege  von  Karl  d.  Gr.
der  allein  seligmachenden  Kirche  zugeführt  wurden.  Karl  wurde  vom
Papst  unterstützt  in  der  Erlangung  der  römischen  Kaiserkrone,  d.  h.  in
der  Ausdehnung  seiner  weltlichen  Herrschaft  über  Rom,  nachdem  er  vorher
  schon  als  christlicher  Frankenkönig  Patrizius  der  Römer  gewesen.
Als  Gegenleistung  hatte  er  dafür  die  nordischen  Völker  der  Papfstkirche
zugeführt.  Dieses  war  insofern  von  weltgeschichtlicher  Bedeutung,  als
die  Entwicklung  des  Christentums  und  mit  ihr  gewissermaßen  die
Kulturentwicklung  der  Menschheit  von  jetzt  ab  in  den  Händen  der  Germanen
  lag.  Letztere  hatten  damit  das  Erbe  der  morgenländischen
Kultur  übernommen,  die  sie  von  nun  an  mit  germanischem  Geist  durchdringen
  und  verjüngen  mußten,  damit  sie  überhaupt  lebensfähig  und
schließlich  kein  Unsegen  für  die  Menschheit  werden  konnte.

Vor  Karl  d.  Gr.  war  es  bereits  dessen  Vater,  Pipin  der  Jüngere,
dem  das  Papsttum  viel  zu  verdanken  hatte.  Dieser  hatte  sich  als
Majordomus  zwar  mit  Gewalt  aber  doch  mit  einer  gewissen  Berechtigung
  die  Königskrone  des  Frankenreichs  angeeignet;  für  welchen
Schritt  er  die  Anerkennung  des  Papstes  erstrebte,  da  mit  dessen  Macht
hierbei  sehr  zu  rechnen  war.  Für  die  erhaltene  päpstliche  Anerkennung
und  moralische  Unterstützung  zeigte  er  sich  dann  insofern  erkenntlich,
daß  er  das  den  Langobarden  abgenommene  Exarchat  Ravenna  dem
Nachfolger  des  heiligen  Petrus  schenkte  und  so  der  Begründer  der  weltlichen
  Macht  des  Papstes  mit  dem  Kirchenstaat  wurde.

Karl  d.  Gr.  vermehrte  den  weltlichen  Besitz  des  Papstes  noch,
ohne  dem  Papst  aber  die  Landeshoheit  zu  verleihen,  sondern  er  machte
ihn  inbezug  auf  den  weltlichen  Besitz  nur  zu  einen  Vasallen  des
Frankenreiches.  Karl  konnte  es  mit  seiner  machtvollen  Persönlichkeit
auch  noch  durchsetzen,  daß  die  Wahl  des  Papstes  von  ihm  bestätigt
werden  mußte.  Dadurch,  daß  er  seine  weltliche  Macht  über  die  geistige
des  Papstes  behaupten  konnte,  wurde  er  gewissermaßen  Schutzherr  der
Kirche.  Er  ließ  sich  aber  anderseits  auch  vom  Papste  zum  römischen
Kaiser  krönen,  das  für  den  apostolischen  Stuhl  eine  Ehre  sein  sollte;
        <pb n="121" />
        117

es  wurde  von  diesem  aber  in  der  Folge  als  Recht  beansprucht,  wodurch
es  gewissermaßen  der  Ausgangspunkt  des  Kampfes  zwischen  Kaiser  und
Papst  geworden  ist,  der  das  ganze  Mittelalter  beherrschte.

Die  Nachfolger  Karls  hatten  es  dem  Papsttum  gegenüber  schon
schwieriger,  zumal  ihre  Macht  durch  innere  Kämpfe  in  der  Regel  erheblich
  geschwächt  war,  so  daß  das  Papsttum  seinem  Ziel  der  weltlichen
Oberhoheit  über  die  katholische  Christenheit  immer  näher  kam.  Die  ganze
Tätigkeit  und  Entwicklung  der  Kirche  im  Mittelalter  hat  dann  auch  unverkennbar
  hauptsächlich  eine  politische  Seite.  Die  Fürsten  und  auch  die
Kirche  waren  sich  darüber  einig,  daß  die  christlichen  Schafe  gründlich  geschoren
  und  diechristlichen  Bauern  gründlich  geschunden  werden  mußten;:
sie  waren  sich  nur  nicht  über  die  Verteilung  der  Beute  einig,  da  der  eine
dem  anderen  seinen  Beuteanteil  mißgönnte.  Diese  rein  politische  und
auch  rein  materialistische  Seite  des  Christentums  wurde  im  Mittelalter
vorherrschend.  Sie  hatte  mit  der  Lehre  Christi  und  mit  dem  Nachleben
der  ersten  Christen  auch  nicht  mehr  die  entfernteste  Ahnlichkeit;  sie  hat
dann  auch  bald  zu  jenen  erbitterten  Kämpfen  zwischen  Fürst  und
Klerus  geführt,  die  das  Germanentum  auszutragen  hatte  und  wenn  es
nicht  daran  zugrunde  gegangen  ist,  so  hat  es  dieses  nur  seiner
unverwüstlichen  gesunden  Natur  zu  verdanken.

Es  läßt  sich  nicht  verkennen,  daß  die  Germanen  durch  die  Bekehrung
  zum  Christentum  einen  für  sie  verhängnisvollen  Schritt  getan
haben,  denn  sie  sind  damit  in  eine  weltbürgerliche  Aussöhnungspolitik
orientalischer  Herkunft  geraten,  in  der  sie  mit  ihrer  Aufrichtigkeit  und
Ehrlichkeit  bis  heute  noch  keinen  Schritt  weiter  gekommen  sind,  da  sonst
der  Weltkrieg  1914—18  eine  Unmöglichkeit  sein  mußte.  Das  Christentum
  hat  im  Gegenteil  durch  seine  philosophische  Unsicherheit  die  natürlichen
  nationalen  und  Rassegegensätze  noch  durch  widernatürliche  konfessionelle
  vermehrt  und  dadurch  die  unheilvollen  Bruderkriege  entfacht,
von  denen  der  30  jährige  Krieg  für  Deutschland  so  schwerwiegende  Folgen
  gehabt  hat.  In  dieser  Hinsicht  ist  das  Christentum  in  seiner
römischen  Aufmachung  für  das  Germanentum  eine  orientalische  Pille
gewesen,  an  der  es  fast  zugrunde  gegangen  ist.

Anderseits  hat  die  Kirche  durch  Einführung  des  Gottesgnadentums
  für  die  Fürsten  auch  dem  weltlichen  Absolutismus  erst  die  Wege
geebnet,  wenn  auch  schließlich  nur,  um  ihn  für  sich  zu  gebrauchen.
Während  bis  dahin  bei  den  Germanen  Fürst  und  Volk  mehr  oder
weniger  durch  Treue  miteinander  verbunden  waren,  so  bildete  sich
durch  das  Christentum  das  Verhältnis  der  Erbuntertänigkeit  heraus,
nach  der  schließlich  das  Volk  als  geknechtete  Masse  nur  noch  als  Mittel
für  fürstlichen  Größenwahn  angesehen  wurde.
        <pb n="122" />
        118

Mit  dieser  Ansicht  der  Fürsten  war  der  Kirche  aber  wenig  gedient.
  Wie  bereits  bemerkt,  versuchte  sie  infolgedessen  bald,  die  weltliche
Macht  nach  Möglichkeit  zu  schwächen.  Sie  erstrebte  dieses  aber  nicht
dadurch,  daß  sie  das  Volk  über  das  wirkliche  Evangelium  des  Christentums
  aufklärte  und  letzteres  wieder  in  die  Praxis  zu  übersetzen  versuchte,
  sondern  sie  benutzte  die  Gegensätze  der  Fürsten  untereinander
dazu,  durch  Hintertreppenpolitik  den  einen  gegen  den  anderen  auszuspielen.
  «

Um  die  Schwächung  der  weltlichen  Macht,  die  naturgemäß  eine
Stärkung  der  kirchlichen  bedeutete,  zu  erreichen,  scheuete  die  Kirche  in
jenen  Zeiten  auch  nicht  vor  den  gewöhnlichsten  Fälschungen  zurück.
So  hat  sie  z.  B.  die  Sage  erfunden,  daß  der  Kirchenstaat  dem  Papst
bereits  von  Konstantin  d.  Gr.  geschenkt  sein  sollte,  so  daß  die  von
Karl  d.  Gr.  festgelegte  Abhängigkeit  des  Kirchenstaates  vom  Kaisertum
keine  Berechtigung  hätte.  Ferner  hat  sie  die  pseudo-isidorischen  Dekretalen
  erfunden,  die  die  Emanzipation  der  Geistlichkeit  von  der
weltlichen  Gerichtsbarkeit  verlangen,  so  daß  alle  Klagen  gegen  Bischöfe
vor  das  Forum  des  Papstes  zu  bringen  sind.  Diese  Dekretalen  wurden
auf  einen  Bischof  Isidor  von  Sevilla  zurückgeführt.  In  Wirklichkeit
sind  sie  aber  im  9.  Jahrhundert  in  Reims  verfertigt  und  vom  Papst
Nicolaus  I.  in  die  päpstlichen  Archive  geschmuggelt.  Als  die  Fälschungen
  im  16.  Jahrhundert  bekannt  wurden,  hatten  sich  die  Gesetze
im  Interesse  der  Kirche  bereits  bewährt;  sie  wurden  infolgedessen  beibehalten.


Jedenfalls  hatte  das  Papsttum  seine  Machterweiterung  in  erster
Linie  der  politischen  Uneinigkeit  germanischer  Fürsten  zu  verdanken.
Einige  sehr  zielbewußte,  sehr  kluge  und  sehr  rücksichtslose  Päpste  haben
denn  auch  das  Papsttum  bald  auf  die  erstrebte  Höhe  gebracht.  Da
eine  solche  aber  für  diese  Institution  unnatürlich  war,  so  ist  durch
schlecht  veranlagte  und  minder  befähigte  der  Niedergang  ebenso  schnell
wieder  herbeigeführt.  Namentlich  ist  es  der  Norden  gewesen,  der  mit
der  Zeit  der  Mißwirtschaft  der  römischen  Kirche  keinen  Geschmack
abgewinnen  konnte  und  der  bald  Kämpfer  heranbildete,  die  sich  nicht
scheueten,  die  Mißverhältnisse  bei  ihrem  richtigen  Namen  zu  nennen
und  ihnen  schroff  entgegen  zu  treten.

Die  Reformation.

In  philosophischer  Beziehung  war  es  schon  in  den  Anfängen  der
Scholastik  die  Richtung  der  Nominalisten,  die  ihren  Gedankengang  der
Seelentheorie  der  Kirche  nicht  anzupassen  vermochte  und  die  Mut  genug
hatte,  eine  gegenteilige  Ansicht  zu  vertreten.  Die  dem  Nominalismus
        <pb n="123" />
        119

gegenüberstehende  herrschende  Ansicht  der  Kirche  wurde  im  Gegensatz
hierzu  als  Realismus  bezeichnet.  Letztere  stützte  sich  auf  die  Ansicht
des  Platon,  nach  der  das  Allgemeine  in  den  Dingen  dem  Besonderen
vorangehen  soll.  Nach  dieser  Ansicht  ist  z.  B.  im  Menschen  das  rein
Menschliche  als  Begriff  der  Gattung  das  Ursprüngliche,  d.  h.  nach
Platon  die  Idee,  die  als  Urbild  von  Gott  stammt  und  die  für  sich
Realität  besitzt.  Hingegen  ist  das  Individuelle,  d.  h.  das  Persönliche
durch  Raum,  Zeit  und  Materie  hinzugekommen.  Diese  Annahme
drückt  der  extreme  Realismus  durch  die  Formel  aus:  Universalia
ante  rem.  .

Die  Scholastiker,  die  den  obigen  Realismus  erheblich  zu  mildern
versuchten,  ließen  nur  die  Formel  gelten:  Universalia  in  re.  Der
Realismus  dieser  Anschauung,  der  weiter  oben  bei  Thomas  von  Aquino
bereits  näher  erörtert  ist,  stützte  sich  auf  die  Lehre  des  Aristoteles,  nach
der  der  Begriff  der  Gattung  nur  im  Individuellen  eine  reale  Existenz
hat.  Auch  diese  Ansicht  läßt,  wie  wir  bei  der  Philosophie  des  heiligen
Thomas  gesehen  haben,  sowohl  noch  eine  Dreieinigkeit  Gottes  als  auch
eine  unabhängige  Seele  des  Menschen  zu.  Während  also  nach  Platon
das  Prinzip  der  Individuation  vor  den  Dingen  existiert,  legten
Aristoteles  und  nach  ihm  die  Scholastiker  dieses  in  die  Dinge  selbst.
Noch  weiter  in  dieser  Richtung  gingen  nun  die  Nominalisten,  die  sich
zu  dem  Standpunkt  bekannten,  daß  nur  die  Individuen  selbst  reale
Existenz  haben  und  daß  Gattungen  und  Arten  nur  Zusammenfassungen
des  Ahnlichen  sind.  Mit  dieser  Anschauung  kamen  sie  zu  der  Formel:
Universalia  post  rem.  .

Der  Nominalismus  hatte  seine  namhaftesten  Vertreter  in  dem
Franzosen  Roscellinus  und  in  dem  Engländer  Wilhelm  von  Occam.
Während  der  erstere  nur  die  Folgerung  zog,  mit  der  nominalistischen
Anschauung  das  Dogma  von  der  Trinität  Gottes  unhaltbar  zu  machen,
ging  der  letztere,  der  in  der  ersten  Hälfte  des  14.  Jahrhunderts  lebte,
Franziskaner  und  ein  Schüler  des  Duns  Skotus  war,  in  politischer
Beziehung  noch  dadurch  weiter,  daß  er  sich  in  dem  Kampfe  der  Hierarchie
und  päpstlichen  Anmaßung  mit  der  weltlichen  Macht  auf  die  Seite  der
letzteren  stellte.  Ferner  suchte  er  bereits  sehr  richtig  das  Allgemeine
nicht  in  den  Dingen  selbst,  sondern  in  der  Auffassung  des  denkenden
Geistes,  der  das  Gemeinsame  verschiedener  Dinge  unter  gleichem  Ausdruck
  vereinigt.  Die  Abstraktion,  durch  welche  das  Allgemeine  in
unserem  Geiste  gebildet  wird,  setzt  nach  ihm  keine  Aktivität  des  Verstandes
  oder  des  Willens  voraus,  sondern  sie  ist  eine  unmittelbare
Folge  der  Wahrnehmung.  «  ·

Es  läßt  sich  nicht  verkennen,  daß  Occam  in  Anerkennung  des
Konkreten  als  des  Wesentlichen  alles  auf  ein  körperliches  Ursachsver-
        <pb n="124" />
        120

hältnis  zurückzuführen  sucht,  womit  er  ohne  weiteres  einem  philosophischen
  Materialismus  die  Wege  ebnet.  Außerdem  hatte  er  —  wenn
auch  noch  undeutlich  —  das  Gefühl,  daß  in  der  Erscheinung  der  Dinge
etwas  zum  Ausdruck  kommt,  das  nicht  in  den  Dingen  selbst,  sondern
im  Subjekt  gebildet  und  von  diesem  auf  das  Objekt  bezogen  wird.

Neben  obigen  beiden  ist  noch  der  Franzose  Petrus  Abaelardus,
ein  Schüler  des  Roscellinus,  zu  erwähnen,  der  den  nicht  gerade  scholastischen
  Grundsatz  aufgestellt  hat,  daß  erst  die  vernünftige  Einsicht
den  Glauben  begründen  müsse,  da  sonst  die  christlichen  Wahrheiten
unsicher  sind.  Von  diesem  Standpunkt  mußte  er  dann  die  Dogmen
der  Kirche,  wenn  er  sie  nicht  verwerfen  wollte  —  und  hierzu  genügte
die  Bildung  der  damaligen  Zeit  nicht  —  anders  zu  deuten  versuchen.
Z.  B.  war  die  Dreieinigkeit  Gottes  nach  ihm  nur  die  dreifache  Verkörperung
  von  Macht,  Weisheit  und  Güte  zu  einer  Einheit.  In  der
Ethik  ist  nach  ihm  die  Freiheit  des  Willens  und  die  Selbstbestimmung
die  Grundlage  der  Sittenlehre.  Nicht  die  Tat  an  sich,  sondern  die
Absicht  begründet  die  Sünde  oder  Tugend.  Was  nicht  gegen  das
Gewissen  ist,  ist  nicht  Sünde,  obschon  es  an  sich  fehlerhaft  sein  kann,
da  das  Gewissen  dem  Irrtum  unterworfen  ist.  Man  soll  die  Sünde
hassen  aus  Liebe  zur  Tugend  und  nicht  aus  Furcht  vor  Strafe.  Hieraus
  ist  dann  zu  folgern,  daß  nur  Reue  und  Buße  und  nicht  die  äußerlichen
  Gebräuche  der  Kirche  ein  Unrecht  fühnen  können.

Auch  in  politischer  Beziehung  hatte  das  Papsttum  mit  dem
Anfang  des  14.  Jahrhunderts  seinen  Kulminationspunkt  bereits  hinter
sich.  Bonifatius  VIII.  wurde  mit  seiner  Bulle:  „Unam  sanctam“
von  denen,  die  sie  angehen  sollte,  schon  nicht  mehr  ganz  ernst  genommen.
  Diese  Bulle  verdammte  die  Meinung  als  ketzerisch,  daß  die  weltliche
  Macht  unabhängig  von  der  geistlichen  sei.  Immerhin  war  es  noch
ein  Versuch,  mit  Gewalt  die  Macht  und  Fürforge  auch  für  das  irdische
Wohl  der  Menschheit  festzuhalten.  In  der  Ausbeutung  der  Massen
und  Ansammlung  von  Kirchengütern,  sowie  in  dem  unsittlichen  Verhalten
  der  hohen  und  niederen  Geistlichkeit  hatte  sich  dagegen  nichts
geändert,  obwohl  verschiedentlich  eine  durchgreifende  Reformation  der
Kirche  versucht  wurde.  Infolgedessen  tauchten  verschiedentlich  schon
Vorläufer  der  Reformation  auf,  die  ihre  Sittenpredigten  gegen  Papst,
Fürsten  und  Geistlichkeit  gewöhnlich  auf  dem  Scheiterhaufen  büßen
mußten,  wie  z.  B.  Savonarola  und  Johann  Hus.

Hus  wie  vor  ihm  auch  die  Waldenser  und  Wnycliffe  versuchten
das  Christentum  wieder  auf  Christum  als  alleiniges  Oberhaupt  und
auf  die  Bibel  als  alleinige  Erkenntnisquelle  zurückzuführen.  Wenn
ihre  Bestrebungen  auch  Erfolg  hatten,  so  war  dieser  doch  örtlich  begrenzt,
  so  daß  von  einer  durchgreifenden  Reformation  nicht  die  Rede
        <pb n="125" />
        121

sein  konnte.  Diese  blieb  dem  deutschen  Augustinermönch  Martin  Luther
vorbehalten,  der  durch  die  Macht  seiner  Persönlichkeit  und  durch  die
deutschen  politischen  Verhältnisse  begünstigt,  den  Kampf  mit  dem
Papsttum  für  die  nordischen  Staaten  erfolgreich  durchgeführt  hat.

Luther,  1483  in  Eisleben  als  Sohn  eines  Bergmanns  geboren,
sollte  dem  Wunsche  seines  Vaters  entsprechend  Rechtsgelehrter  werden.
Er  neigte  aber  mehr  zur  Theologie,  dessen  Studium  er  sich  auf  der
hohen  Schule  in  Erfurt  mit  Eifer  und  ganzer  Hingebung  widmete.  Da
ihm  das  Studium  der  lateinischen  Klassiker  und  auch  der  Bibel  nicht
den  erstrebten  Seelenfrieden  brachte,  suchte  er  diesen  schließlich  im
Kloster;  er  trat  zu  Erfurt  in  den  Augustinerorden,  und  vertiefte  sich
dort  in  die  Schriften  des  Stifters  dieses  Ordens  und  auch  ferner  in
die  Bibel.  Das  Ergebnis  war  schließlich  die  Überzeugung,  daß  die
Seligkeit  nicht  durch  Werktätigkeit  der  Kirche,  sondern  durch  den  eigenen
lebendigen  Glauben  errungen  werden  könne.  Diese  Überzeugung  mußte
ihn  von  vornherein  zu  einem  Gegner  des  Ablaßhandels  machen,  da
dieser  seinem  Wesen  nach  darin  beruhte,  durch  verkäufliche  Werktätigkeit
der  Kirche  die  Seele  vom  Fegefeuer  zu  retten.

Im  Jahre  1510  wurde  Luther  in  Angelegenheit  seines  Ordens
nach  Rom  geschickt,  das  er  mit  Andacht  und  Begeisterung  eines  frommen
  deutschen  Mönches  betrat.  Auf  dem  Stuhl  Petri  saß  zu  jener
Zeit  Julius  II.,  der  als  Nachfolger  des  berüchtigsten  aller  Päpste,  des
Alexander  VI.,  vor  seiner  Wahl  ein  Reformkonzil  versprochen  hatte;
der  aber  nach  seiner  Wahl  nicht  mehr  daran  dachte,  sondem  sich  nur
noch  für  die  Erweiterung  der  weltlichen  Macht  durch  Eroberung  interessierte,
  der  infolgedessen  auch  weit  davon  entfernt  war,  die  unter
seinem  Vorgänger  auf  die  Spitze  getriebene  Sittenlosigkeit  der  Geistlichkeit
  mit  eisernem  Besen  auszukehren.  Luther,  der  aus  Liebe  zur
Wahrheit  Geistlicher  geworden  war  und  der  seinen  Beruf  mit  deutscher
Gründlichkeit  auffaßte,  mußte  in  dem  päpstlichen  Sündenbabel  die
Sittenlosigkeit  der  Geistlichkeit  und  die  Geringschätzigkeit,  mit  der  sie
die  Religion  und  die  amtlichen  Verrichtungen  überhaupt  nahmen,
kennen  lernen,  wodurch  seine  fromme  Begeisterung  recht  bald  gründlich
abgekühlt  wurde.  Abgestoßen  von  diesem  Treiben  widmete  er  sich  um
so  mehr  dem  Studium  der  Bibel  und  befestigte  immer  mehr  die  Überzeugung,
  daß  die  Seligkeit  nur  durch  den  lebendigen  Glauben  und
einen  rechtschaffenen  Lebenswandel  erworben  werden  könne.

Als  Nachfolger  von  Julius  II.,  den  Luther  den  Blutsäufer  nennt,
kam  ein  Sprosse  des  Hauses  der  Medici  unter  dem  Namen  Leo  X  auf
den  Stuhl  Petri.  Leo  war  vielleicht  im  Sinne  der  damaligen  Zeit
eine  vornehme  Natur;  er  war  auch  nach  dem  damaligen  Maßstab
        <pb n="126" />
        122

hochgebildet,  und  dabei  begeistert  für  die  schönen  Künste;  er  war  aber
anderseits  auch  empfänglich  für  die  Genüsse  des  Lebens  und  durchaus
kein  Heiliger  im  Sinne  der  Apostel.  Nach  Gregorovius  „Geschichte  der
Stadt  Rom  im  Mittelalter“  hat  sich  kein  Papst  dem  Treiben  seiner
Zeit  so  rückhaltslos  hingegeben  als  dieser.  Für  Leo  war  das  Papsttum
nicht  eine  Quelle  der  Arbeit  und  Sorge  für  die  christlichen  Gläubigen,
sondern  eine  solche  der  raffiniertesten  und  luxuriösesten  Genüsse,  die
jenes  Zeitalter  zu  bieten  hatte.  Für  die  Ideale  des  entsagungsvollen
Mönchtums  hatte  er  nichts  übrig  und  soweit  es  seine  Kreise  nicht  unmittelbar
  störte,  war  er  auch  tolerant  gegen  Andersgläubige.  Sittenlosigkeit
  war  an  seinem  Hofe,  dem  zwar  die  Zierde  der  legitimen  edlen
Weiblichkeit  fehlte,  an  dem  sich  die  illegitime  aber  ungeniert  breit
machen  konnte,  durchaus  nicht  verpönt,  und  es  war  eine  widerwärtige
Komödie,  wenn  angesichts  dieser  Zustände  die  Geistlichkeit  mit  erheucheltem
  Ernst  die  Würde  ihres  Amtes  und  die  Weihe  ihrer  eigenen
Person  vor  den  Augen  der  Menge  zur  Geltung  zu  bringen  hatte.  Die
weltliche  Oberschicht  war  in  Rom,  soweit  sie  nicht  mit  der  Geistlichkeit
verschwägert  und  verwandt  war,  ohne  jede  Bedeutung.  Den  Staat,
den  Reichtum,  den  Luxus,  die  Bildung  sowie  alles  was  Wert  hatte,
hatte  die  Geistlichkeit  an  sich  gerissen.  Die  Kardinäle  hatten  größere
Einkünfte  als  der  vornehmste  Adel;  die  jährliche  Rente  soll  bei  manchen
30  000  Dukaten  und  noch  mehr  betragen  haben.

Man  versteht,  daß  die  Hofhaltung  des  Papstes  und  das  Leben
der  Geistlichkeit  mit  ihrem  Klüngel  recht  viel  Geld  kostete  und  man
kann  es  Martin  Luther  nachfühlen,  wenn  er  schreibt:  „Nun  aber  ist
ein  solch  Gewürm  und  Geschwürm  in  dem  Rom,  und  alles  sich  päpstlich
rühmt,  daß  in  Babylonien  nicht  ein  solch  Wesen  gewesen  ist.  Es  sind
mehr  denn  dreitausend  Papstschreiber  allein;  wer  will  die  andern
Amtleute  zählen,  so  der  Amter  so  viel  sind,  daß  man  sie  kaum  zählen
kann,  welche  alle  auf  die  Stifter  und  Lehen  Deutschlands  warten  wie
Wölfe  auf  die  Schafe.“  Die  laufenden  Ausgaben  wurden  aus  den
laufenden  regelmäßigen  Einnahmen  bestritten.  In  der  Beschaffung
solcher  war  die  Kirche  ebenso  erfinderisch,  wie  skrupellos  und  dummdreist,
wie  Luther  in  seinem  Schreiben:  „An  den  christlichen  Adel  deutscher
Nation  von  des  christlichen  Standes  Besserung“  in  seinem  gerechten
Zorn  feststellen  muß.  Es  kamen  aber  auch  noch  zufällige  Ausgaben
hinzu  und  eine  solche  verlangte  der  Bau  der  neuen  Peterskirche  in  Rom,
der  durch  Leo  X.  wesentlich  gefördert  wurde.  Um  diese  Mittel  aufzubringen,
  schrieb  Leo  1516  einen  großen  Ablaß  aus  und  übertrug  dem
Markgrafen  Albrecht  von  Brandenburg,  der  auch  Erzbischof  von  Mainz
und  als  solcher  Kurfürst  war,  den  Vertrieb  desselben  auf  Teilung.
Albrecht,  der  auch  notwendig  Geld  gebrauchte,  ergriff  diese  Gelegen-
        <pb n="127" />
        123

heit  mit  Freuden  und  betraute  mit  der  Durchführung  des  Geschäfts  den
Dominikaner  Johann  Tetzel.

Zur  Zeit  als  Tetzel  in  marktschreierischer  Weise  in  Stadt  und
Land  seinen  Ablaß  anbot  und  absetzte  und  dadurch  den  Leichtsinn  und
den  Aberglauben  förderte,  war  Luther  Prediger  und  Lehrer  an  der
Universität  Wittenberg.  Obwohl  er  das,  was  die  Kirche  mit  Ablaß,
Bullen,  Beichtbriefen,  Butterbriefen  und  anderen  Konfessionalien  gestohlen,
  als  Flickwerk  erachtete  gegen  das,  was  sie  im  übrigen  zusammengaunerte,
  so  empörte  ihn  doch  das  dreiste  und  verlogene  Benehmen
des  Tetzel  derartig,  daß  er  sich  zuerst  in  der  Predigt  und  dann  in
schriftlichen  Eingaben  an  die  Bischöfe  dagegen  wandte,  und  als  dieses
nichts  fruchtete,  brachte  er  die  berühmten  95  Thesen  gegen  die  Ablaßkrämerei
  an  der  Schloßkirche  zu  Wittenberg  zum  öffentlichen  Anschlag.
Da  er  mit  diesen  Thesen  die  Ansicht  aller  anständigen  Leute  zum
Ausdruck  brachte,  so  fanden  sie  dank  der  schon  in  Wirksamkeit  getretenen
Buchdruckerkunst  die  weiteste  Verbreitung  und  einen  namhaften  Anhang.

Diese  Thesen,  die  im  Ausdruck  noch  recht  mäßig  gehalten  waren
und  die  den  Ablaß  an  sich  noch  nicht  ganz  verwerfen  sollten,  sondern
die  sich  nur  gegen  den  Mißbrauch  desselben  richteten,  obwohl  sie  die  Verwendung
  und  die  Bedeutung  ganz  erheblich  einschränkten,  waren  doch
der  eigentliche  Ausgangspunkt  der  Reformation.  In  Rom  wurde  der
Anschlag  der  Lutherschen  Thesen  und  die  von  Tetzel  erfolgte  Entgegnung
zuerst  für  einen  Streitfall  zwischen  Augustinern  und  Dominikanern
angesehen,  dem  weiter  keine  Bedeutung  beizulegen  war.  Als  die  Angelegenheit
  schließlich  aber  weitere  Kreise  zog,  war  es  zu  spät  für  Rom,
sie  aufzuhalten,  zumal  es  für  Luther  eine  Gewissensfache  war,  in  der
er  die  Bibel  auf  seiner  Seite  hatte  und  in  der  er  zu  einem  Widerruf
gegen  seine  Überzeugung  nicht  zu  bewegen  war.  Schließlich  wurde  er
in  seiner  Sprache  immer  deutlicher  und  gröber,  dabei  aber  volkstümlicher,
  so  daß  er  bei  der  Anmaßung  und  Halsstarrigkeit  der  Kirche  mehr
geschoben  als  freiwillig  bald  ganz  außerhalb  dieser  stand.  Sein  Anhang
  war  dabei  aber  schon  so  groß,  daß  er  die  von  Eck  aus  Rom  mitgebrachte
  Bannbulle  gegen  ihn  mitsamt  den  pöäpstlichen  Dekretalien.
ohne  große  Gefahr  verbrennen  konnte.

Wie  schon  weiter  oben  bemerkt,  ist  die  Reformation  nicht  von
vornherein  das  selbständige,  zielbewußt  entworfene  und  durchgeführte
Werk  Luthers  gewesen,  zu  dem  er  etwa  durch  philosophisches  Denken
und  Spekulieren  veranlaßt  wurde,  sondern  Luther  wollte  ursprünglich
nur  den  Mißbräuchen  der  Kirche  entgegentreten,  er  wurde  dabei  aber
von  dem  herrschsüchtigen  und  keiner  Belehrung  zugänglichen  Papsttum
gewissermaßen  aus  der  Kirche  herausgedrängt;  er  war  dann  aber  die
richtige  Persönlichkeit,  den  Kampf  mit  aller  Schärfe  anzunehmen  und
        <pb n="128" />
        124

durchzuführen,  was  ihm  um  so  sicherer  gelungen  ist,  als  er  verschiedene
günstige  Bedingungen  vorgefunden  hat,  die  er  in  der  richtigen  Weise  auszunutzen
  verstand.  Einmal  war  das  Bedürfnis  nach  einer  gründlichen
Säuberung  der  Kirche  recht  dringend  geworden  und  wurde  allgemein
anerkannt.  Ferner  wurde  durch  die  Buchdruckerkunst  dem  Drang  nach
Bildung  und  geistiger  Freiheit  mächtig  Vorschub  geleistet.  Dann  war
es  aber  auch  die  breite  Menge  des  ausgebeuteten  und  geschundenen
Volkes,  namentlich  der  Bauern,  die  im  wirtschaftlichen  Elend  unter  der
Unterdrückung  der  geistlichen  und  weltlichen  Macht  seufzten  und  die
von  einer  Reformation  in  religiöser  Beziehung  auch  eine  solche  in  wirtschaftlicher
  erhofften.  Leider  konnte  Luther  den  gewiß  sehr  berechtigten
Wünschen  der  Bauern  nicht  ohne  weiteres  gerecht  werden,  denn  mit  den
Bauern  konnte  er  wohl  das  alte  Gebäude  einreißen,  aber  bei  den  damaligen
  geistigen  und  wirtschaftlichen  Zuständen  kein  neues  aufbauen.
Hierbei  mußte  Luther  an  das  Alte  anknüpfen  und  überhaupt,  wenn
Luther  etwas  erreichen  wollte,  mußte  er  die  Mitwirkung  der  Fürsten
und  des  Adels  haben,  an  die  er  sich  auch  in  erster  Linie  gewandt  hat.
Daß  er  dieses  nicht  aus  Byzantinismus  getan  hat,  das  dürften  uns  die
Briefe  beweisen,  mit  denen  er  Heinrich  VIII.  von  England  und  den
Herzog  Julius  von  Braunschweig  bedacht  hat.

Die  Fürsten  und  der  Adel  jener  Zeit  hatten  nicht  nur  die  Bildung
ihres  Jahrhunderts,  die  an  sich  vielleicht  nicht  hervorragend  war,  sondern
  sie  hatten  vor  allen  Dingen  die  weltliche  Macht  in  den  Händen.
so  daß  mit  ihrer  Bekehrung  auch  ihre  ganzen  Untertanen  in  Stadt  und
Land  mit  bekehrt  wurden.  Es  mag  ja  sein,  daß  der  eine  oder  andere
der  weltlichen  Machthaber  aufgeklärt  genug  war,  die  Papstkirche  auf
Grund  philosophischer  Erwägung  abzulehnen;  bei  der  großen  Mehrheit
war  dieses  sicher  nicht  der  Fall.  Hier  waren  die  Motive  nicht  nur  rein
politischer  Art,  sondern  sie  waren  auch  aus  einer  sehr  materialistischen
Gesinnung  hervorgegangen.  Einmal  war  ihnen  die  Kirche  als  Mitregentin
  in  ihren  Ländern  recht  lästig  und  unbequem,  zumal  der  Geistliche
  mit  der  ihm  eigenen  Anmaßung,  Dreistigkeit  und  Sucht  zu  intrigieren
  sich  in  alles  mischte  und  alles  zu  beeinflussen  suchte  und  dem
weltlichen  Regiment  oft  und  mit  Erfolg  entgegenwirkte.  Anderseits
war  es  besonders  die  Habsucht  der  Kirche  und  ihrer  Diener,  die  die
Fürsten  verstimmten.  Diese  Habsucht  hatte  es  verstanden,  nicht  nur
einen  großen  Besitz  an  Grund  und  Boden  anzuhäufen,  sondern  sich  aus
einer  mehr  oder  weniger  legalen  Tributpflichtigkeit  des  Volkes  noch
dauernd  hohe  Einkünfte  zu  sichern.  Und  schließlich  hatten  die  Bauern
und  Bürger  nur  ein  Fell,  das  geschoren  werden  konnte;  wenn  dieses  die
geistliche  Macht  zu  ausgiebig  besorgte,  blieb  für  die  Fürsten  und  den
Adel  nicht  viel  übrig,  denn  damals  hatte  der  eine  wie  der  andere  weder
        <pb n="129" />
        125

den  Willen  noch  die  Fähigkeit  die  Produktivität  der  erwerbenden
Stände  zu  steigern.  Alles  Steigern  der  Abgaben  dieser  Stände  konnte
nur  auf  Kosten  der  an  sich  schon  kümmerlichen  Lebenshaltung  derselben
geschehen.  Und  wenn  auch  damals  die  Menschenwürde  eines  Bauern
nicht  hoch  bewertet  wurde,  so  mußte  man  diesem  immerhin  soviel  lassen,
daß  er  leben,  sich  fortpflanzen  und  arbeiten  konnte.  Z„

Luther,  der  seine  Gönner  kannte,  hat  dann  auch  in  seinem
Schreiben  „An  den  christlichen  Adel  deutscher  Nation  ..  die  Geldgier
  der  Kirche  und  ihre  Wirkung  mit  recht  kräftigen  Worten  in  den
Vordergrund  gestellt  und  mit  dem  Prinzip  der  Nationalität  noch  wirkungsvoller
  gemacht.  Sicher  ist  es  der  politische  Egoismus  gewesen,
der  in  der  Hauptsache  die  deutschen  Fürsten  der  Reformation  in  die
Arme  getrieben  hat,  so  daß  sie  die  Sache  Luthers  zu  der  ihrigen  gemacht
  haben.  Luther  hat  ihnen  die  Angelegenheit  noch  dadurch
schmackhaft  gemacht,  daß  er  den  Landesherren  die  bischöfliche  Gewalt
über  ihre  Völker  zusprach,  wodurch  er  in  Deutschland  die  Landeskirchen
ins  Leben  rief  und  in  der  Folge,  wenn  auch  unabsichtlich,  das  partikularistische
  Prinzip  und  den  fürstlichen  Absolutismus  förderte.

In  philosophischer  Hinsicht  hat  Luther  das  Christentum  nicht
vorwärts  gebracht.  Er  hat  das  Christentum  gewissermaßen  nur  von
dem  Beiwerk  gerlinigt,  das  die  Papstkirche  nicht  immer  aus  lauterer
Absicht  als  durch  die  Tradition  geheiligte  Lehren  hinzugefügt  hatte.
Nach  ihm  ist  die  Bibel  die  alleinige  und  untrügliche  Quelle  in
Glaubenssachen.  Die  Rechtfertigung  allein  durch  den  Glauben  an
Christus  ist  der  alleinige  Heilsgrund.  Immerhin  hat  Luther  durch
diese  Lehren  den  Christen  wieder  auf  sein  eigenes  sittliches  Verantwortungsgefühl
  vor  Gott  angewiesen.  Er  hat  den  Christen  gewissermaßen
  gezwungen,  den  eigenen  Maßstab  an  sein  sittliches  Tun
und  Treiben  zu  legen  und  über  sich  selbst  nachzudenken.  Mit  dem
Willen  zum  Nachdenken  war  aber  auch  die  Gedankenfreiheit  eingeräumt,
  und  hiermit  war  dem  Protestantismus  wenigstens  eine  philosophische
  Entwicklungsmöglichkeit  gegeben,  die  unter  allen  Umständen
aus  der  Finsternis  des  Mittelalters  in  die  Morgendämmerung  einer
anderen  Zeit  führen  mußte.  Mit  dieser  befreienden  Tat  hat  Luther
sicher  einen  Wendepunkt  in  unserer  Kulturgeschichte  herbeigeführt,  von
dem  die  weltgeschichtliche  Bedeutung  Deutschlands  ihren  Ausgang  genommen
  hat.

Z  An  den  grundlegenden  christlichen  Dogmen  hat  Luther  jedoch
nicht  gerüttelt.  Die  Reformation  ist  deshalb  auch  mehr  eine  politische
als  philosophische  gewesen.  Für  ihn  war  die  Reformation  in  der
Hauptsache  eine  Loslösung  von  Rom.  Indem  er  das  Christentum
soweit  angängig  auf  das  paulinische  Urchristentum  zurückgeführt  hat,
        <pb n="130" />
        126

hat  er  eine  Formel  gesucht  und  gefunden,  das  von  Rom  zu  seinen
unlautern  Zwecken  gemißbrauchte  Kosmopolitische  des  Christentums  zu
einem  deutsch-nationalen  Christentum  umzudeuten,  wobei  er  aber  im
Gegensatz  zu  Calvin  das  Demokratische  des  Christentums  mit  Rücksicht
auf  die  derzeitigen  politischen  Verhältnisse  Deutschlands  nicht  berücksichtigt
  hat.  D.  h.  Luther  hat  sein  Christentum  der  damaligen  gesellschaftlichen
  Klassierung  Deutschlands  angepaßt.  Daß  er  trotzdem  nicht
gleich  einen  durchschlagenden  Erfolg  hatte,  das  hat  an  der  politischen
Vielgestaltigkeit  Deutschlands,  d.  h.  an  seiner  Kleinstaaterei  gelegen.
Diese  Kleinstaaterei,  die  erst  der  moderne  Kapitalismus  zur  Bedeutungslosigkeit
  gebracht  hat,  hat  es  zuwege  gebracht,  daß  in  Deutschland
bunt  durcheinander  ein  Staat  protestantisch  wurde  und  ein  anderer
katholisch,  d.  h.  von  Rom  abhängig  blieb,  und  zwar  je  nachdem  auf
welcher  Seite  der  regierende  Fürst  am  besten  seine  Rechnung  zu  finden
glaubte.  Hierzu  kam,  daß  in  verschiedenen  größeren  Städten  auch
das  selbstbewußte  Bürgertum  aus  eigener  Überzeugung  im  Protestantismus
  Wurzel  faßte  und  wenn  es  diesen  auch  so  weit  kräftigte,  daß  er
unter  allen  Umständen  lebensfähig  blieb,  so  wurde  doch  anderseits  auch
hierdurch  die  konfessionelle  Zerrissenheit  Deutschlands  noch  vergrößert,
wodurch  die  befreiende  Wirkung  für  den  Anfang  immerhin  stark  beeinträchtigt
  wurde.

Wenn  Luther  für  den  Augenblick  nicht  mehr  leisten  konnte,  so  hat
dieses  nicht  an  seiner  Persönlichkeit  gelegen,  sondern  an  den  äußeren
Verhältnissen,  denen  er  Rechnung  zu  tragen  hatte.  In  Luther,  der
aus  dem  Mittelstande  des  deutschen  Volkstums  herausgewachsen  ist,  ist
das  Deutschtum  in  einer  Reinheit  und  Kernigkeit  verkörpert,  an  die
keine  andere  geschichtliche  Größe  Deutschlands  heranreicht.  Trotzdem
kann  er  nur  als  Sohn  seiner  Zeit  betrachtet  werden,  dem  nur  die  Bildungsmittel
  seines  Jahrhunderts  zur  Verfügung  standen,  und  diese
auch  nur  in  der  einseitigen  Auffassung  des  Strenggläubigen.

Luther  hat  seinen  Durst  nach  Wahrheit  aus  den  trüben  Quellen
des  alten  und  neuen  Testaments  stillen  müssen.  Die  Bibel  war  ihm
nicht  nur  der  Leitfaden  zur  Glückseligkeit,  sondern  auch  zur  Erkenntnis;
sie  lieferte  ihm  infolgedessen  auch  einzig  und  allein  das  geistige  Rüstzeug
  für  seine  Kämpfe.  Alles  philosophische  Deuteln  und  Rechtfertigen
der  Scholastiker  galt  ihm  nur  als  ein  Verwässern  der  christlichen  Lehre.
Von  solchem  Standpunkt  aus  hatte  er  auch  selbstverständlich  nichts
übrig  für  die  in  jener  Zeit  herrschende  Philosophie  des  Aristoteles.
Insbesondere  hat  er  dessen  Metaphysik,  Physik  und  Seelenlehre  vollständig
  abgelehnt.  Er  war  hierin  noch  strenger,  anderseits  aber  auch
folgerichtiger  als  die  katholische  Kirche,  die  jene  Philosophie  in  der  Auf-
        <pb n="131" />
        127

machung  des  heiligen  Thomas,  wie  wir  gesehen  haben,  noch  heute  anerkennt.
  ·  ’

Schon  das,  was  ich  bei  der  Philosophie  des  heiligen  Thomas
über  die  Lehre  des  Aristoteles  ausgeführt  habe,  macht  uns  den  Standpunkt
  Luthers  verständlich;  er  wird  dies  aber  noch  mehr,  wenn  wir  aus
den  Lehren  desselben  über  Gott  und  die  Seele  noch  das  folgende  betrachten.
  ·

Wie  bereits  bemerkt,  kommt  Aristoteles  zu  einem  Gottesbegriff,
indem  er  folgert,  daß  alles  Sein  eine  Stufenfolge  darstellt.  Die
unterste  Stufe  ist  der  Stoff  ohne  Form,  d.  h.  der  Stoff  an  sich.  Die
oberste  dagegen  die  Form  ohne  Stoff,  d.  h.  die  Form  an  sich.  Sie  ist
gewissermaßen  stofflose  Aktualität,  d.  h.  dem  Wesen  nach  Tätigkeit  und
im  Begriff  der  absolute  göttliche  Geist,  der  seinem  Wesen  nach  abhängig
vom  Stoff,  d.  h.  vom  Weltganzen  ist  und  nicht  außerhalb  dieser  gedacht
werden  kann.  Das  einzige  nun,  das  von  der  Materie  völlig  unabhängig
  erscheint,  ist  das  Denken;  aber  nicht  das  sich  auf  Objekte  außer
sich  beziehende  Denken,  sondern  das  reine  Denken,  das  den  Denkenden
und  das  Gedachte  zu  einer  Einheit  vereinigt.  Nach  Aristoteles  hat  die
Welt  eine  Seele  oder  einen  Geist,  der  abhängig  von  der  Welt  und
A  Posterlor#  gedacht  werden  muß  und  die  die  Welt  durch  Bewegung  zur
Erscheinung  bringt.  Sie  hat  aber  noch  eine  Seele,  die  unabhängig,
ruhend  und  a  prlori  von  der  Materie  gedacht  werden  muß.  Ebenso
der  Mensch.  Auch  dieser  hat  außer  der  empfindenden,  begehrenden
und  bewegenden  Seele,  die  sterblich  ist,  noch  eine,  die  mit  dem  Körper
nicht  zusammenhängt,  die  aber  an  den  Äther  im  menschlichen  Körper  gebunden
  ist.  Diese  Seele  ist  immateriell  und  einfach.  Diese  Seele
tritt  von  außen  in  den  Körper,  in  dem  sie  sowohl  das  Formungsprinzip
  als  auch  das  Zweckprinzip  (die  Entelechie)  zur  Außerung  bringt.

Es  läßt  sich  nun  nicht  verkennen,  daß  die  Gortes=  und  Seelentheorie
  des  Aristoteles  mit  derjenigen  des  Moses  nicht  ohne  weiteres
übereinstimmt.  Und  Luther,  der  selbst  mehr  ein  Mann  des  Handelns
all  des  Grübelns  war  und  der  in  seiner  Werbetätigkeit  mit  dem  geraden
Sinn  und  der  Einfalt  seiner  Volksgenossen  zu  rechnen  hatte,  mußte
sich  als  Bibelgläubiger  notwendig  für  die  von  Moses  entscheiden.  Für
uns  Deutsche  war  diese  rein  theologische  Auffassung  der  Bibel  insofern
von  großer  Bedentung,  als  Luther  nur  als  begeisterter  und  fanatischer
Anhänger  derselben  sich  veranlaßt  fühlen  konnte,  diese  in  eine  volkstümliche
  deutsche  Sprache  zu  übersetzen.  Diese  Übersetzung  sowie  sein
Katechismus  und  seine  Kirchengesänge  sind  dann  Jahrhunderte  lang
die  einzigen  geistigen  Mittel  gewesen,  die  das  deutsche  Gemütsleben
rege  gehalten,  verbreitet  und  weitergebildet  haben.
        <pb n="132" />
        128

Da  aber  der  Protestantismus,  wenn  er  nicht  erstarren  wollte,  auch
wieder  mit  der  Philosophie  anbinden  mußte  und  da  die  immerhin
nüchternen  Lehren  des  Aristoteles  mit  denjenigen  des  fortschreitenden
Protestantismus  noch  am  besten  in  Beziehung  gebracht  werden  konnten,
so  war  eine  Berührung  bald  wiederhergestellt  und  zwar  ist  es  bereits
Luthers  Freund  und  Mitarbeiter,  Philipp  Melanchthon,  gewesen,  der
versucht  hat,  beides  zu  verquicken.

Auch  an  der  römisch-katholischen  Kirche  ist  das  Auftreten  Luthers
nicht  spurlos  vorübergegangen.  Der  Reformation  ist  es  sicher  zu  verdanken,
  daß  die  Kirche  doch  etwas  mehr  zur  Selbstzucht  veranlaßt
wurde,  und  daß  die  Mißstände,  die  die  Reformation  auf  den  Plan  gerufen
  haben,  im  Interesse  der  Selbsterhaltung  doch  mit  der  Zeit  vollständig
  verschwunden  sind.  An  ihren  durch  die  Tradition  geheiligten
Lehren  hat  sie  dagegen  nichts  revidiert  und  fortschrittlich  geändert.  Sie
hat  im  Gegenteil  diese  durch  die  Bemühungen  der  Jesuiten  auf  dem
vatikanischen  Konzil  zu  Rom  im  Jahre  1870  noch  dahin  ergänzt  und
gefestigt,  daß  in  Glaubenssachen  die  Unfehlarkeit  des  Papstes  proklamiert
  wurde.  Mit  diesem  Unfehlbarkeitsdogma  hat  das  Papsttum
sicher  die  Höhe  des  religiösen  Absolutismus  erreicht.  In  der  politischen
Wirkung  ist  dieses  aber  ebenso  belanglos  geblieben,  wie  der  von  demselben
  Papst,  nämlich  Pius  IX.,  herausgegebene  Syllabus,  der  mit  der
im  Jahre  1864  herausgegebenen  Encyklika  „Quanta  cura“  der  modernen
  Weltanschauung,  die  sich  in  Geringschätzung  der  katholischen
Kirche  mit  ihren  Lehren  und  ihrer  Macht  äußerte,  entgegenwirken  sollte.
Es  zeigte  sich  aber  bald,  daß  die  katholische  Kirche,  die  die  Kulturentwicklung
  nicht  mit  der  Inquisition  aufhalten  konnte,  mit  geistigen
Waffen  der  modernen  Weltanschauung  gegenüber  erst  recht  ohnmächtig
ist.  Daß  das  Papsttum  mit  Hilfe  der  Jefuiten  verschiedene  fürstliche
Personen  und  auch  einige  Provinzen  wieder  gewonnen  hat,  muß  zugegeben
  werden.  Es  war  dieses  aber  in  der  ersten  Zeit  nach  der  Reformation
  und  kann  nur  als  ein  Erfolg  der  politischen  Bestrebungen
der  Kirche  angesehen  werden.

Wenn  Luther  zu  seiner  Zeit  schon  mit  der  Philosophie  nichts
anfangen  konnte,  so  gilt  dieses  noch  mehr  von  der  Naturwissenschaft.  Es
waren  zu  seiner  Zeit  zwar  schon  die  Buchdruckerkunst,  das  Schießpulver,
der  Kompaß  und  mit  ihm  Amerika  entdeckt;  es  waren  aber  noch  keine
naturwissenschaftlichen  Lehrsätze  gefunden,  die  mit  denen  der  Kirche  im
Widerspruch  standen.  Kopernikus,  der  mit  seinem  Sonnensystem  die
mosaische  Schöpfungslehre  zwar  schon  bedenklich  ins  Wanken  gebracht
hat,  ist  wohl  ein  Zeitgenosse  von  Luther,  doch  ist  nicht  anzunehmen,
daß  letzterer  diese  Theorie  schon  philosophisch  würdigen  konnte,  vorausgesetzt,
  daß  sie  ihm  überhaupt  bekannt  war.  Umgekehrt  hat  die  Re-
        <pb n="133" />
        129

sormation  der  Naturerkenntnis  sehr  die  Wege  geebnet.  Wenn  Luther
und  seine  Epigonen  in  ihrem  fanatischen  Glaubenseifer  auch  unduldsam
gegen  abweichende  Ansichten  im  Buchstabenglauben  waren,  so  lag  doch
schon  in  der  Natur  der  Reformation  ein  Drängen  und  Suchen  nach
Wahrheit,  das  schließlich  geduldet  und  anerkannt  werden  mußte.

Nach  Luthers  Tode  setzte  nach  dem  Tridentiner  Konzil  bald  eine
kräftige  Reaktion  der  römischen  Kirche  ein,  um  das  an  die  Evangelischen
verlorene  Gebiet  wiederzugewinnen.  Hierbei  war  es  hauptsächlich  die
von  Ignaz  von  Loyola  gestiftete  Gesellschaft  Jesu,  die  als  Jesuitenorden
sich  die  Bekämpfung  des  Protestantismus  zur  vornehmsten  Aufgabe
gesetzt  hatte.  Diesem  Orden,  der  das  Christentum  im  katholischen
Sinne  ebenso  ernsthaft  wie  fanatisch  auffaßte,  hat  das  Papsttum  viel
zu  verdanken.  Die  Mitglieder  dieses  Ordens,  die  sich  ausgezeichnet
mit  dem  Schein  der  Selbstlosigkeit  zu  drapieren  verstanden,  haben  nicht
nur  durch  Pflege  der  katholischen  Wissenschaft  die  theoretische  Seite  des
Christentums  unter  ihre  Fittiche  genommen,  sondern  sie  haben  mit
Hilfe  ihrer  diplomatischen  Geschicklichkeit  auch  nach  und  nach  den  politischen
  Teil  der  Kirche  an  sich  gerissen  und  sind  so  mit  der  Zeit  die
eigentlichen  Machthaber  des  Papsttums  gewörden.  Mit  Hilfe  des
Beichtstuhls  hatten  sie  Gelegenheit,  sich  die  Vertrauensseligkeit  der  katholischen
  Fürsten  und  noch  mehr  Fürstinnen  zu  erschleichen,  die  ihnen
die  Erziehung  der  zukünftigen  Vertreter  der  katholischen  weltlichen
Macht  anvertrauten.  Letztere  haben  sie  dann  auch  infolge  ihrer  geistigen
  Überlegenheit  und  ihrer  Skrupellosigkeit  bald  am  Gängelband
geführt  und  in  den  Glaubenskrieg  getrieben,  der  schließlich  mit  dem
Dreißigjährigen  Kriege  so  unsagbares  Unglück  über  Deutschland  gebracht
  hat.  Von  allem  Unglück,  das  das  Christentum  über  die  Menschheit
  gebracht  hat,  ist  dieses  das  größte  und  fluchwürdigste.  Der  Dreißigjährige
  Krieg  hat  Deutschland  nicht  nur  zu  einer  Wüste  gemacht,  in  der
die  Bevölkerung  von  16  auf  4  Millionen  gesunken  war,  die  hinterher
ohnmächtig  zusehen  mußten,  wie  ihr  Land  teilweise  an  den  Grenzen
von  beutegierigen  Nachbarn  verschlungen  wurde,  sondern  er  hat
Deutschland  auch  in  der  politischen  Entwicklung  um  zwei  Jahrhunderte
zurückgebracht  und  dadurch  die  Anmaßung  verursacht,  mit  der  England
und  Frankreich  diesen  Kulturstaat  als  Macht  zweiten  Ranges  ansehen
und  behandeln  konnten.  Und  schließlich  hat  er  die  noch  übrig  gebliebenen
  Bauern  auch  wirtschaftlich  derartig  verelendet,  daß  sie  sich  in
stumpfsinniger  Verzweiflung,  bloß  um  das  erbärmliche  Dasein  zu
fristen,  den  adligen  Grundherren  zur  Hörigkeit  und  Frohn  übergeben
haben,  die  damit  ihrerseits  noch  aus  ihnen  herauszupressen  versuchten,
was  irgend  möglich  war.

Die  Religionsfreiheit  war  aber  für  Deutschland  gerettet,  und  wenn

Ginze,  Sejtalbemetratte,  Christentum,  Materiallsms  und  der  Arieg.  9
        <pb n="134" />
        130

dieser  durch  das  partikularistische  Staatskirchentum,  das  eine  Idee  der
bürgerlichen  Freiheit,  die  hieraus  irgendwie  gefolgert  werden  könnte,
als  Todfünde  bekämpfte,  auch  beengende  Schranken  gesetzt  waren,  so
waren  doch  die  Gedankenfreiheit  und  der  daraus  hervorgehende  Forschungstrieb
  nicht  beengt.  Der  letztere  hat  aber  mit  der  Erfindung  der
Dampfmaschine  eine  wirtschaftliche  Entwicklung  eingeleitet,  die  auf
philosophischem  und  auch  politischem  Gebiet  bereits  so  manches  umgewertet
  hat  und  noch  umwertet,  so  daß  von  einer  ungünstigen  Beeinflussung
  durch  die  Religion  in  dieser  Beziehung  nichts  mehr  zu  befürchten
  ist.

Do  die  Jesuiten  die  Philosophie  des  heiligen  Thomas  mit  ihrer
Anwendung  auf  den  Glauben  im  wesentlichen  zu  ihrer  Anschauung
gemacht  haben,  und  da  von  der  katholischen  Kirche  alle  späteren  Philosophen,
  die  eigene  Ansichten  entwickelt  haben,  auf  den  Index  gesetzt  sind,
so  betrachtet  sie  ihre  theoretische  Entwicklung  als  abgeschlossen.  Anders
der  Protestantismus.  Hier  ist  die  Forschung  und  Spekulation  auf
theologischem,  philosophischem  und  naturwissenschaftlichem  Gebiet  noch
ununterbrochen  tätig.  Wenn  es  sich  schließlich  dabei  bisher  auch  nur
um  eine  aufweichende  und  auflösende  Tätigkeit  gehandelt  hat,  so  wird
doch  sicher  auch  ein  positiver  Erfolg  nicht  ausbleiben,  der  dem  deutschen
Volke  endlich  das  ersehnte  seelische  Gleichgewicht  bringt.

Mit  den  naturwissenschaftlichen  Errungenschaften  setzte  auch  bald
ein  philosophischer  Materialismus  ein.  Dieser  mußte  aber  wegen  der
hypothetischen  Natur  seiner  Theorien  und  der  Unzulänglichkeit  derselben
  in  der  Gesamtheit  in  seinen  Folgerungen  ebenso  dogmatisch  vorgehen,
  wie  die  christliche  Lehre,  er  konnte  infolgedessen  dieser  vor  der
Hand  keinen  Abbruch  tun.  Anders  der  philosophische  Idealismus,  der
auf  demselben  Gebiet  zur  Kußerung  kam,  wie  derjenige  der  Kirche.  Hier
war  es  im  17.  Jahrhundert  zuerst  der  Franzose  Rens  Desrartes,  der
mit  seiner  Philosophie  reformatorisch  wirkte.

Descartes  ging  nicht  von  irgend  einer  Erkenntnis  durch  Offenbarung
  aus,  sondern  verwies  den  spekulativen  Geist  auf  das  Denken.
Durch  seinen  Fundamentalsatz:  cogito,  ergo  sum!  (ich  kann  denken,
daher  bin  ich)  hat  er  deutlich  ausgedrückt,  daß  wir  zunächst  auf  unser
eigenes  Bewußtsein  beschränkt  sind,  und  daß  die  Welt  uns  nur  als  Vorstellung
  gegeben  ist.  Er  erkannte  aber  auch  schon  die  Unsicherheit  unserer
ganzen  Erkenntnis,  die  er  durch  seinen  Zweifel  an  der  Außenwelt
ausdrückte  und  der  darin  seine  Begründung  hat,  daß  sich  unsere  Erkenntnis
  aus  einem  subjektiven  und  einem  objektiven  Teil  zusammensetzt.
Den  Zweifel  an  der  Außenwelt  beruhigte  er  mit  der  Annahme,  daß
uns  Gott,  den  er  neben  uns  als  wirklich  annahm  und  den  er  aus  der
a  Ppriori-Idee  in  uns  ableitete,  nicht  betrügen  werde.  Neben  der
        <pb n="135" />
        131

Gottheit  nahm  Descartes  noch  zwei  Substanzen  an  und  zwar  eine  ausgedehnte
  körperliche  und  eine  denkende  seelische.  Die  Seele  steht  mit
dem  Körper  nur  an  einem  einzigen  Punkte  und  zwar  in  der  Zirbeldrüse
des  Gehirns  in  unmittelbarer  Beziehung  und  Wechselwirkung.

Die  Berechtigung  des  Zweifels  an  der  Außenwelt  findet  sich  noch
schärfer  ausgedrückt  bei  dem  Engländer  George  Berkeley,  der  zu  einem
subiektiven  Idealismus  dadurch  kommt,  daß  es  nach  ihm  keine  obiektive
außer  uns  existierende  Außenwelt  gibt.  „Die  Welt  ist  meine  Vorstellung
  und  außer  mir  ist  nichts!"  Das  Objekt  außer  mir  hat  keine
Wirklichkeit  an  sich,  sondern  die  Wirklichkeit  existiert  nur  als  Schein  im
Subjekt.  Wir  nehmen  nicht  die  Gegenstände  selbst  wahr,  sondern  nur
unsere  Empfindungen.  Unsere  Vorstellungen  müssen  aber  eine  äußere
Ursache  haben,  und  da  diese  nicht  materiell  sein  kann,  so  muß  sie  geistig
sein,  und  zwar  sind  die  Geister  tätige  unteilbare  Substanzen.  Die  Vorstellungen
  in  den  endlichen  Geistern  werden  hervorgebracht  durch  Gott
allein  und  zwar  in  geordneter  Weise,  die  auch  wieder  dafür  spricht,  daß
sie  eine  Ursache  außer  uns  haben.

Die  von  Berkeley  in  ihrer  ganzen  Wichtigkeit  erkannte  Frage  der
Unterscheidung  von  Subjektivität  und.  Objektivität,  in  der  das  erkenntmistheoretische
  Problem  ausgedrückt  ist,  soll  von  mir  bei  der  Erörterung
des  Kritizismus.  Kants  näher  dargelegt  werden,  vorher  muß  der  Engländer
  David  Hume  als  Vorläufer  Kants  hier  noch  berücksichtigt  werden.

Hume,  der  auf  dem  Boden  der  Philosophie  seiner  Landsleute
Hobbes  und  Locke  stand,  die  die  Vertreter  einer  stark  materialistischen
Richtung  sind,  bildete  diese  infolge  seiner  Untersuchung  über  den  Ursprung
  und  Anwendung  der  Begriffe  Kausalität  und  Substanz  zu  einem
Skeptizismus  um,  indem  er  für  die  Kausalität  kein  anderes  Kriterium
finden  konnte  als  die  Gewohnheit.  Die  Anwendbarkeit  des  Kausalitätsgesetzes,
  d.  h.  die  Erkennbarkeit  der  Art  und  Weise  des  objektiven
Zusammenhangs  zwischen  Ursache  und  Wirkung  ist  zu  bezweiflen,  sobald
  sie  das  Gesamtgebiet  der  Erfahrung  überschreitet  und  auf  das  Dasein
Gottes  und  die  Unsterblichkeit  der  Seele  zu  schließen  versucht.  In
seinen  Untersuchungen  über  den  Substanzbegriff  kommt  er  zu  dem
Schluß,  daß  die  Substanz  nur  eine  Erdichtung  unserer  Phantasie  ist,
um  den  Zusammenhang  berschiedener  Qualitäten  zustande  zu  bringen.

Bis  zu  David  Hume  ist  die  Philosophie  ebenso  dogmatisch  verfahren
  als  die  Theologie,  d.  h.  sie  hat  in  bezug  auf  Gott,  Freiheit  und
Unsterblichkeit  den  Erfahrungskreis  mit  ihren  Folgerungen  überschritten,
ohne  dieses  durch  eine  Prüfung  der  Erkenntnismöglichkeit  zu  rechtfertigen,
  sie  hat  gewissermaßen  eine  metaphysische  Behauptung  mit  einer
andern  abgelöst.  Hume  hat  auf  diese  Schwäche  mit  seinem  Skeptizismus
  aufmerksam  gemacht  und  dem  großen  Königsberger  Denker

9#
        <pb n="136" />
        132

Immanuel  Kant  blieb  es  vorbehalten,  mit  seinem  Kritizismus  aller
Erkenntnismöglichkeit  vom  Standpunkt  des  Idealismus  bis  zum  Ursprung
  nachzugehen.  Vom  Idealismus  der  philosophischen  Anfänge
bis  zur  Zeit  des  Bischofs  Berkeley  unterscheidet  sich  der  Idealismus
Kants  nach  dessen  eigener  Gegenüberstellung  dadurch,  daß  jene  alle
Erkenntnis  durch  Sinne  und  Erfahrung  als  lauter  Schein  ansehen,
während  die  Wahrheit  nur  in  den  Ideen  des  reinen  Verstandes  und
der  Vernunft  enthalten  ist.  Nach  Kant  hingegen  ist  alle  Erkenntnis  von
Dingen  aus  bloßem  reinen  Verstande  oder  reiner  Vernunft  nichts  als
lauter  Schein,  und  nur  in  der  Erfahrung  ist  Wahrheit.  Daß  sich  der
Idealismus  Kants  grundsätzlich  von  dem  seiner  philosophischen  Vorgänger
  und  dem  der  Kirche  unterscheidet  geht  schon  deutlich  aus  dieser
Gegenüberstellung  hervor.  Kant  bezeichnet  seinen  Idealismus  als
formalen  oder  kritischen,  den  des  Bischofs  Berkeley  als  dogmatischen
und  den  des  Descartes  als  skeptischen.  Anderseits  kann  Kant  aber
noch  weniger  als  reiner  Empiriker  und  Vertreter  des  Materialismus
angesprochen  werden.

Kant  und  das  Christentum.

In  der  Prolegomena,  die  Kant  zur  Erläuterung  seiner  Kritik
der  reinen  Vernunft  geschrieben  hat,  setzt  er  voraus,  daß  es  eine  reine
metaphysische  Erkenntnis  gibt,  d.  h.  eine  Erkenntnis,  deren  Prinzipien
nicht  empirisch  sind,  sondern  jenseits  aller  Erfahrung  liegen.  Die  Aufgabe
  seiner  kritischen  Philosophie  ist  nun  festzustellen,  wie  eine  solche
metaphysische  Erkenntnis  möglich  ist,  und  zu  welchen  Folgerungen  sie
mit  Berechtigung  führen  kann.

Die  Voraussetzung  einer  rein  metaphysischen  Erkenntnis  stützt  sich
auf  die  Tatsache,  daß  es  reine  synthetische  Erkenntnisse  a  priori  wirklich
  gibt  und  zwar  in  der  reinen  Mathematik  und  reinen  Naturwissenschaft,
  da  beide  Sätze  enthalten,  die  über  die  Grenzen  der  Erfahrung
hinaus  durch  die  bloße  Vernunft  eine  apodiktische  Gewißheit  erhalten
haben.  Kant  untersucht  nun  erst  die  Frage,  wie  eine  mathematische
und  naturwissenschaftliche  synthetische  Erkenntnis  möglich  ist.

Kant  ging  davon  aus,  daß  er  die  Erkenntnisurteile,  die  das
Erkenntnisvermögen  der  Menschen  zu  bilden  vermag,  in  analytische  und
synthetische  unterschied.  Analytische  nannte  er  solche,  die  vom  Subjekt
des  Satzes  nichts  anderes  aussagen,  als  was  schon  begrifflich  selbst  im
Subjekt  enthalten  ist;  z.  B.  der  Leuchter  leuchtet  oder  der  Kreis  ist  rund.
Es  sind  dieses  also  Urteile,  die  selbstverständlich  oder  notwendig  sind.
Urteile  nun,  die  notwendig  sind  und  die  durch  diese  Notwendigkeit  Allgemeingültigkeit
  haben,  nennt  Kant  Urteile  a  priori,  denen  die
        <pb n="137" />
        133

a  posteriori,  d.  h.  Erfahrungsurteile  gegenüber  stehen.  Alle  analhtischen
  Urteile  sind  notwendig,  d.  h.  a  priori;  sie  bringen  aber  nur  eine
Tautologie  und  können  unser  Wissen  nicht  erweitern  sondern  höchstens
erläutern.

Wenn  ich  aber  sage:  Die  Fläche  ist  rund,  so  habe  ich  in  der  Aussage
  eine  Außerung,  die  nicht  schon  begrifflich  im  Subjekt  liegt,  sondern
die  neu  hinzukommt.  Eine  solche  Aussage  ist  ein  synthetisches  Urteil,
und  weil  ich  erst  die  Erfahrung  gebrauche,  um  das  Runde  festzustellen,
so  ist  es  ein  synthetisches  Urteil  a  posteriori.

Nun  gibt  es  aber  auch  Urteile,  die  vom  Subjekt  des  Satzes  etwas
Neues  aussagen,  das  selbstverständlich  und  allgemeingültig  ist,  ohne
daß  die  Erfahrung  dieses  bestätigen  kann.  Diese  Urteile  nennt  Kant
synthetische  Urteile  a  priori.  Wenn  ich  z.  B.  sage:  Zwei  parallel
laufende  Linien  schneiden  sich  nicht,  so  habe  ich  ein  synthetisches  Urteil
a  priori,  denn  ich  bin  von  dem  Nichtschneiden  fest  überzeugt,  ohne  es
durch  die  Erfahrung  beweisen  zu  können.  Es  ist  dieses  wohlverstanden
kein  analytisches  Urteil,  denn  ich  urteile  mit  dem  Nichtschneiden  über
meine  Wahrnehmung  hinaus.

Kant  suchte  den  Ursprung  der  Allgemeingültigkeit  synthetischer
Urteile  im  Subjekt,  d.  h.  in  der  urteilenden  Person  und  zwar  nahm  er
ganz  richtig  an,  daß  sich  im  Subjektiven  ein  Faktor  befinden  müsse,  der
in  der  Wirkung  seiner  Urteilskraft  unabhängig  von  aller  äußeren  Einwirkung
  ist,  der  infolgedessen  nicht  zufällig  sondern  notwendig  ist.  Das
Notwendige  wird  aber  nicht  hinzugedacht,  sondern  es  liegt  in  der
Form,  die  hinzukommen  muß.  ·

Die  synthetischen  Urteile  a  priori  in  ihrer  Herkunft  und  in  ihren
Prinzipien  sind  also  die  Grundlage  der  Kantschen  kritischen  Philosophie.
Das  Kennzeichen  dieser  Urteile  ist,  daß  sie  Notwendigkeit  und  Allgemeingültigkeit
  haben;  beides  kann  aber  nicht  auf  empirischem  Wege,  d.  h.
durch  Erfahrung  gewonnen  werden,  da  wir  von  den  Dingen  nur  die
Erscheinung,  aber  nicht  das,  was  sie  an  sich  sind,  haben.  Die  Notwenseren
  und  Allgemeingültigkeit  sind  daher  unabhängig  von  aller  Erahrung.



Umgekehrt  ist  aber  die  Erkenntnis  a  priori  die  Bedingung  aller
Erfahrung,  mithin  auch  aller  Erfahrungsobjekte;  d.  h.  diese  haben  die
Form,  die  ihnen  die  formende  Einheit  in  mir  vermittels  der  a  priori-Erkenntnisprinzipien
  gibt.  Das  Ursprüngliche  in  den  Erfahrungsobjekten
  d.  h.  das  Substrat  der  Objektivation  ist  das  Ding  an  sich.  Dasselbe
  ist  transzendent,  weder  Einheit  noch  Vielheit  und  ewig  unerkennbar.


Synthetische  Urteile  sind  also  dadurch  möglich,  daß  der  Mensch
den  Stoff  der  Erkenntnis,  den  er  vermöge  seiner  Aufnahmefähigkeit
        <pb n="138" />
        134

aufnimmt,  mit  den  reinen  Erkenntnisformen,  die  er  vermöge  subjektiver
Aussichschöpfung  unabhängig  von  aller  Erfahrung  erzeugt,  zu  einer
synthetischen  Einheit  zusammen  fügt.

In  der  idealistischen  Philosophie  kommt  man  erkenntnistheoretisch
zu  einem  Ding  an  sich,  daß  man  die  Anschauungswelt  in  Subjektives
und  Objektives  unterscheidet.  D.  h.  bei  der  Wahrnehmung  eines  Gegenstandes
  durch  die  Sinne  kommen  wir  mit  dem  Objekt  selbst  nicht  in
unmittelbare  Berührung,  sondern  wir  nehmen  das  Objekt  nur  an  der
Veränderung  unseres  eigenen  Zustandes  wahr.  Wenn  wir  beispielsweise
  einen  Gegenstand  mit  unseren  Augen  wahrnehmen,  so  nehmen
wir  unmittelbar  nur  die  Wirkung  der  Lichtstrahlen  auf  unseren  Körper
wahr.  Das  Erkenntnisvermögen  liegt  also  ausschließlich  im  Subjekt
und  das  scheinbar  objektive  Erkenntnisvermögen  ist  nur  in  das  Objekt
hineingelegte  Subjektivität.  Nimmt  man  diese  dem  Objekt,  so  bleibt
der  unserer  Erkenntnis  nicht  weiter  zugöngliche  Träger  der  objektivierten
  Subjektivität  als  das  Ding  an  sich  übrig.

Da  dieser  Punkt  ebenso  wichtig,  wie  schwer  verständlich  ist,  will
ich  ihn  noch  an  einem  Beispiel  weiter  erläutern.  Rehme  ich  z.  B.  einen
roten  Würfel  als  Objekt  und  mich  als  Subjekt,  so  geschieht  die  Wahrnehmung
  in  der  Weise,  daß  das  weiße  Licht,  das  aus  verschiedenen
gesärbten  Lichtstrahlen  zusammengesetzt  ist,  auf  den  Würfel  fällt.  Von
diesen  Strahlen  werden  die  roten  vom  Würfel  aufgesogen  und  die
anderen  zurückgeworfen,  wodurch  er  uns  rot  erscheint.  Das  Zurück--werfen
  der  Strahlen  geschieht  unter  demselben  Winkel,  unter  dem  sie
auffallen,  hierdurch  wird  nun  sowohl  der  Treffpunkt  des  Auges  bestimmt
als  auch  die  starke  oder  schwache  Wirkung  auf  dieses.  Die  objektiven
Faktoren  bei  einer  Wahrnehmung  mit  den  Augen  sind  also  das  Aufsaugen
  und  Abstoßen  der  Lichtstrahlen  vom  Objekt  überhaupt  sowie  die
Art  des  Abstoßens  und  die  dadurch  bedingte  starke  oder  schwache  Wirkung
  auf  unser  Auge.  ,

Vom  Auge  ab  kommen  nur  die  subjektiven  Faktoren  in  Frage,
die  darin  bestehen,  daß  die  Wirkung  nach  dem  Gehirn  als  dem  Nervenzentrum
  fortgepflanzt  wird  und  hier  aus  den  objektiven  Elementen  ein
Körper  von  Länge,  Breite  und  Tiefe,  d.  h.  von  drei  Dimensionen  konstruiert
  und  als  solcher  wahrgenommen  wird.  Die  subjektiven  Faktoren
werden  uns  noch  verständlicher,  wenn  wir  einen  gemalten  roten  Würfel
nehmen:  trotzdem  dieser  mit  der  Leinwand  oder  dem  Papier  nur  eine
Fläche  bildet,  wirken  die  Lichtstrahlen  genau  wie  bei  einem  wirklichen
Würfel.  Hierbei  muß  es  uns  ohne  weiteres  klar  werden,  daß  die  Konstruktion
  eines  Würfels  wie  eines  Körpers  überhaupt  aus  seinen
Flächenelementen  ein  subjektiver  Faktor  ist,  d.  h.  aus  den  einzelnen
Empfindungen  der  Sinne  macht  der  Verstand  ein  Objekt.  Also  genau  ge-
        <pb n="139" />
        135

nommen,  nehme  ich  beim  Sehen  eines  Gegenstandes  nur  die  dadurch
verursachte  Veränderung  meines  Nervenzentrums  wahr.  Diese  Veränderung
  zeigt  sich  mir  als  Bild,  von  dem  ich  zurück  auf  das  Objekt
schließe,  das  die  Art  der  Veränderung  bedingt.  Man  wird  jetzt  wohl
verstehen,  daß  die  subjektive  Zutat  bei  der  Wahrnehmung  eines  Gegenstandes
  eine  große  Bedeutung  hat  und  daß  sich  die  Eigenschaften  eines
solchen  zuerst  in  unserem  Kopfe  befinden  und  von  dort  aus  auf  den
Gegenstand  übertragen  werden.  Und  man  kann  bei  dieser  Betrachtung
wohl  auf  den  Gedanken  kommen,  daß,  wenn  diese  Übertragung  nicht
stattfindet,  der  Gegenstand  die  von  uns  konstruierten  Eigenschaften
überhaupt  nicht  hat.  Da  uns  der  Gegenstand  aber  beeinflußt,  so  hat  er
selbstverständlich  eine  Existenz  wie  Bedeutung  überhaupt,  die  vom  Subjekt
  aber  unabhängig  ist.  Dieses  vom  Subjekt  Unabhängige  kann  als
solches  der  Erkenntnis  des  Subjekts  nicht  zugängig  sein,  es  ist  infolgedessen
  für  dieses  nach  Kant  das  Ding  an  sich.  «

"  Das  subjektive  Erkennungsvermögen  ist  als  formende  Einheit
anzusehen.  Diese  setzt  sich  zusammen  aus  Anschauungs=  und  Denkformen,
  deren  Formungsvermögen  von  aller  Wahrnehmung  unabhängig
  und  den  Menschen  eigentümlich  ist.  Dieses  Formungsvermögen
macht  aus  den  Elementen  der  Empfindung  durch  Verknüpfung  mit  dem
subiektiv  entstehenden  Raum=  und  Zeitbegriff  eine  Anschauung  und
Vorstellung  und  durch  Verknüpfung  der  letzteren  mit  den  Denkformen
des  Verstandes,  d.  h.  den  a  priori-Prinzipien  desselben,  eine  Erkenntnis.
  .  .

Da  die  Anschauungsformen  Raum  und  Zeit  wie  auch  die  Verstandesprinzipien
  als  Denkformen  subjektive  Zutaten  zur  Erkenntns
sind,  die  in  ihrer  Ursprünglichkeit  im  Subjekt  vor  aller  Erfahrung  sind;
die  überhaupt  eine  Wahrnehmung  erst  zu  einer  Erfahrung  machen  und
die  nicht  dem  einzelnen  Subjekt  sondern  der  menschlichen  Natur  überhaupt
  eigentümlich  sind,  so  müssen  die  Erkenntnisse  allgemein  gültig
und  notwendig  sein;  d.  h.  sie  müssen  die  Eigenschaft  synthetischer  Urteile
a  Ppriori  haben.

Unsere  Sinne  werden  von  den  Dingen  außer  uns  erregt,  wodurch
die  sinnlichen  Empfindungen  wie  Farbe,  Geruch  usw.  entstehen.  Diese
Empfindungen  sind  aber  nicht  bei  allen  Menschen  agualitativ  gleich;
z.  B.  kann  die  Empfindung  der  Farbe  bei  den  verschiedenen  Menschen
sehr  ungleich  sein.  Diese  Empfindungen  haben  deshalb  nach  Kant  keine
objektive  Gültigkeit.  Anders  die  Empfindung  des  Körpers  in  seiner
Begrenzung  und  Beweglichkeit;  hier  gibt  es  keine  verschiedene  Auffassung;
  diese  Empfindungen  sind  deshalb  Anschauungen  mit  objektiver
Gültigkeit  und  zwar  sind  sie  es  geworden,  daß  zwei  subjektive  Anschauungsformen,
  nämlich  Raum  und  Zeit,  dazugekommen  sind.  Diese
        <pb n="140" />
        136

Anschauungsformen,  die  a  priori  in  uns  sind,  machen,  wie  gesagt,  die
Anschauung  zu  einer  notwendigen  und  allgemein  gültigen.

Wie  bereits  bemerkt,  rechnet  Kant  zu  dem  subjektiven  Teil  der
Erscheinung  im  Gegensatz  zu  Locke  auch  den  Raum=  und  Zeitbegriff  und
zwar  ist  der  Raum  das  subjektive  Formprinzip  der  Objekte.  Da  man
sich  die  Gegenstände  sowohl  außer-  und  nebeneinander  nicht  nur  verschieden
  sondern  auch  an  verschiedenen  Orten  vorstellen  kann  und  zwar
auch  als  Erinnerung  unabhängig  von  der  Empfindung,  so  muß  der
Raumbegriff  vor  aller  Anschauung  a  priori  in  uns  liegen  und  als
reine  subjektive  Zutat  die  Vorstellung  und  mit  ihr  die  Erfahrung
möglich  machen.

Selbstverständlich  muß  dem  subjektiven  Raum=  und  Zeitbegriff
auch  etwas  Objektives  korrespondieren.  Dies  liegt  nach  Kant  aber  mit
in  dem  Ursprünglichen  des  Objekts,  d.  h.  in  dem  Begriff  des  Dinges  an
sich,  der  unserer  Erkenntnis  nicht  weiter  zugänglich  ist.

Wenn  hiernach  der  Raum  das  subjektive  Formprinzip  der  Anschauung
  der  mittelbaren  Objekte  l.  so  ist  die  Zeit  das  subjektive  Formprinzip
  der  inneren  Anschauung,  d.  h.  also  des  unmittelbaren  Objekts,
nämlich  uns  selbst.  Man  kann  die  Gegenstände  als  Wahrnehmungsund
  Erfahrungssubstrate  aus  Raum  und  Zeit  wegdenken:;  Raum  und
Zeit  selbst  kann  man  nicht  wegdenken;  sie  haften  also  den  Gegenständen
außer  uns  nicht  an,  sondern  sie  sind  nur  a  priori  Bedingungen  im
Subjekt,  die  aber  —  was  nicht  zu  übersehen  und  sehr  wichtig  ist  —
eine  Anschauung  überhaupt  erst  möglich  machen.  Die  Zeit  kann  aber
keine  Bestimmung  äußerer  Erscheinungen  sein,  da  sie  weder  zur  Lage
noch  zur  Gestalt  gehört;  dagegen  bestimmt  sie  das  Innere  der  Vorstellungen
  in  unserem  eigenen  Zustande.  Immerhin  ist  die  Zeit  aber
auch  die  formale  Bedingung  aller  äußeren  Erscheinung  und  zwar  mittelbar
  durch  Verknüpfung  mit  unserer  inneren,  denn  alle  Gegenstände  in
und  außer  uns  stehen  im  Verhältnis  der  Zeit,  d.  h.  mit  anderen  Worten:
Die  Zeit  ist  die  Bedingung  des  Nacheinander  und  Nebeneinander,
während  der  Raum  nur  die  Bedingung  des  Nebeneinander  ist.  Dieses
soll  weiter  unten  noch  näher  erörtert  werden.

Da  nun  Raum  und  Zeit  subjektive  Faktoren,  d.  h.  a  priori-Begriffe
  sind,  so  müssen  nach  Kant  die  darauf  basierenden  Sätze  der
reinen  Mathematik  auch  synthetische  Urteile  a  priori  sein,  d.  h.  mit
anderen  Worten:  In  der  Subjektivität  von  Raum  und  Zeit  finden
die  Sätze  mit  apodiktischer  Gewißheit  der  reinen  Mathematik  ihre  ausreichende
  Begründung  und  zwar  die  der  Geometrie  im  Raum  und  die
der  Arithmetik  in  der  Zeit.

Sind  nun  Raum  und  Zeit  als  Formen  der  subjektiven  sinnlichen  Anschauung
  in  ihrem  Ursprung  a  priori,  so  müssen  notwendig  die  Denk-
        <pb n="141" />
        137

formen  als  Prinzipien  des  reinen  Verstandes,  die  aus  der  sinnlichen
Anschauung  Erkenntnis  machen,  in  ihrem  Ursprung  erst  recht  a  priori
sein  und  in  ihrer  Außerung  synthetische  Urteile  a  priori  geben.  Diese
a  priori-Denkformen,  die  das  Vermögen  des  reinen  Verstandes  umfassen,
  beschränken  sich  in  ihrer  Außerung  aber  nur  auf  das  Gebiet  der
möglichen  Wahrnehmung,  die  sie  dahin  ergänzen,  daß  die  Wahrnehmung
uns  lehrt,  was  da  sei  und  wie  es  sei,  aber  nicht,  daß  es  notwendigerweise
  so  und  nicht  anders  sein  müsse.  Die  Notwendigkeit=  und  Allgemeingültigkeit
  gibt  erst  der  Verstand  kraft  seiner  a  priori-Denkformen.
  Z.  B.  die  Sätze,  daß  die  Substanz  bleibt  und  beharrt  und  daß
alles,  was  geschieht,  jederzeit  durch  eine  Ursache  nach  beständigen  Gesetzen
  vorher  bestimmt  sei,  bieten  Notwendigkeit  und  Allgemeingültigkeit,
  die  aus  der  Wahrnehmung  allein  nicht  geschlossen  werden  können,
sondern  die  nur  auf  ein  a  priori-Vermögen  des  Verstandes  zurückgeführt
  werden  müssen.  Das  a  priori-Vermögen  des  Verstandes  besteht
  also  darin,  aus  einer  Wahrnehmung  ein  Erfahrungsurteil,  d.  h.
aus  etwas  Unbewußtem  etwas  Bewußtes  zu  machen.  Dieses  geschieht
in  der  Weise,  daß  die  sinnliche  Anschauung  durch  eine  Funktion  des
Verstandes  als  ein  Begriff  zur  Erkenntnis  gebracht  wird.  Die  Funktion
  ist  hierbei  das  Einheitliche  verschiedener  Vorstellungen  unter  eine
gemeinschaftliche  zu  ordnen  und  Urteile  zu  bilden,  die  mittelbare  Erkenntnisse
  der  Gegenstände  sind;  d.  h.  mit  anderen  Worten:  Das  durch
das  Objekt  verursachte  unmittelbare  Empfinden  als  mittelbare  Vorstellung
  auf  das  Objekt  zu  übertragen.

Das  ganze  Gebiet  des  Verstandes,  auf  dem  dieser  synthetische
Urteile  a  priori  bilden  kann,  umfaßt  nach  Kant  der  Form  und  Art
nach  die  folgenden  Urteile:

Der  Quantität  Der  Qualität  Der  Relation  Der  Modalität
nach  nach  nach  nach
Einzelne  Bejahende  Kategorische  Problematische
Besondere  Verneinende=  Hypothetische  Assertorische
Allgemeine  Limitative  Disjunktive  Apodiktische

Jedem  dieser  Urteile  liegt  nun  ein  besonderer  Stammbegriff  des
reinen  Verstandes  zugrunde,  die  Kant  logische  Kategorien  nennt.  Es
sind  dieses  die  folgenden:
        <pb n="142" />
        138

Der  Quantität  Der  Qualität  Der  Relation  Der  Modalität

nach  nach  nach  nach
Einheit  Nealität  Substanz  und  Möglichkeit  und
Vielheit  Negation  Akzidenz  Unmöglichkeit
Allheit  Limitation  Ursache  und  Dasein  und
«  Wirkung  Nichtsein

Gemeinschaft  und  Notwendigkeit
Wechselwirkung  und  Zufälligkeit
zwischen  dem
Handelnden  und
Leidenden

Zu  einem  Verständnis  dieser  logischen  Kategorien  oder  Verstandesbegriffe
  kann  man  dadurch  kommen,  daß  man  sich  beispielsweise
bei  derjenigen  der  Einheit  von  einem  Gegenstand  die  Substanz  und
den  Raum  wegzudenken  hat,  wobei  die  logische  Kategorie  der  Einheit
übrig  bleibt.  Diese  ist  zwar  an  sich  nicht  denkbar,  sie  wird  es  aber,
wenn  wir  sie  mit  der  Zeit  verbinden,  sie  gibt  uns  dann  als  reine  Größe
die  Zahl  ohne  Hinsicht  auf  einen  Inhalt.  D.  h.  also:  Die  Kategorie
der  Quantität  bildet  mit  der  Zeit  eine  Zahlenreihe  als  Vielheit,  die  aus
Einheiten  zusammen  gesetzt  ist.  Die  Allheit  ist  die  Vielheit  als  Einheit
genommen.

Wir  finden  also,  daß  die  Kategorien  der  Quantität  solche  der
mittelbaren  Anschauung,  d.  h.  der  mittelbaren  Objekte  find,  und  zwar  ist
die  Kategorie  der  Allheit  eine  dialektische,  d.  h.  eine  solche,  die  aus  den
beiden  anderen  entwickelt  ist.

Die  Kategorien  der  Qualität  sind  dagegen  solche  der  unmittelbaren
  Wahrnehmung  oder  des  unmittelbaren  Ichempfindens,  verursacht
  durch  äußere  Einflüsse,  wie  z.  B.  Schwere  oder  Wärme.  Diese
Kategorien  beziehen  sich  also  nicht  auf  die  Größe  oder  Ausdehnung  des
Gegenstandes,  sondern  auf  die  Eigenschaften,  die  den  Inhalt  desselben
ausmachen.  Die  Mannigfaltigkeit  des  Inhalts  wird  bedingt  durch
die  mehr  oder  weniger  starke  Einwirkung  auf  unsere  Sinne.  Die  Einwirkung
  ist  also  graduell;  sie  kann  bis  O  Grad  abnehmen.  Denken  wir
uns  auch  hier  Substanz  und  Eigenschaften  weg,  so  bleibt  uns  nur  die
logische  Kategorie  der  Qualität,  die  mit  der  Zeit  verbunden  uns  den
Zeitinhalt  gibt.  Mit  anderen  Worten:  Die  Kategorie  der  Qualität
gibt  uns  also  ohne  Beziehung  auf  Substanz  und  Eigenschaften  in  der
Realität  den  Begriff  des  Seins  und  in  der  Negation  denjenigen  des
        <pb n="143" />
        139

Nichtseins  in  der  Zeit.  Die  Kategorie  der  Limitation  ist  auch  hier  eine
dialektische,  da  sie  aus  den  ersten  beiden  in  der  Weise  entwickelt  ist,  daß
sie  uns  den  Begriff  der  Enschränkung  der  Realität  durch  die  Negation
  gibt.

Genau  besehen  sind  also  die  Kategorien  der  Anschauung  diejenigen
  der  Raumempfindung  und  die  der  Wahrnehmung  diejenigen
der  Zeitempfindung,  da  beides  ohne  Inhalt  nur  leere  Begriffe  sind.
Immerhin  machen  diese  Kategorien  zwei  wesentliche  Teile  unseres
a  priori-Begriffsvermögens  des  Verstandes  aus,  das  die  Erfahrung
zur  Voraussetzung  hat.

Der  dritte  Teil  des  a  priori-Begriffsvermögens  sind  nach  Kant
die  Kategorien  der  Relation.  Da  diese  Kategorien  aber  diejenigen  der
Quantität  und  Qualität  voraussetzen  und  aus  ihnen  resultieren,  so  ist
der  dritte  Teil  des  a  priori--Begriffsvermögens  gewissermaßen  die
Fähigkeit,  aus  den  Kategorien  der  Quantität  und  Qualität  resultierende
  Kategorien  zu  bilden.  Z.  B.  setzt  Substanz  und  Akzidenz  Realität
  und  Einheit  oder  Vielheit  voraus.  Die  Kategorie  Ursache  und
Wirkung  setzt  sowohl  Anschauung  als  auch  Empfindung  voraus,  denn
sie  gibt  uns  a  priori  den  Begriff,  daß  das  Objekt  der  Anschauung  die
Empfindung  des  Subjekts  bedingt.  Mit  anderen  Worten:  Sie  bringt
uns  zum  Begriff,  daß  die  Quantität  subjektiv  in  die  Qualität  umschlägt.
  Während  die  Kategorie  der  Kausalität  uns  nun  zum  Begriff
bringt,  daß  zusammenhängende  Veränderungen  der  Quantität,  d.  h.
der  Anschauungsobjekte  auch  eine  solche  der  Qualität,  d.  h.  des  empfindenden
  Subjekts  bedingen,  so  bringt  uns  die  Kategorie  der  Gemeinschaft
  und  Wechselwirkung  ausschließlich  das  Verhältnis  zwischen  Handelnden
  und  Leidenden  zum  Begriff.  «

Mit  der  Zeit  verknüpft  geben  uns  die  Kategorien  der  Relation
ohne  Hinsicht  auf  einen  bestimmten  Inhalt  den  Begriff  der  Zeitordnung.
  Der  Begriff  der  Substanz  ist  die  Beharrlichkeit  des  Realen  in
der  Zeit;  derjenige  der  Kausalität  ist  die  regelmäßige  Aufeinanderfolge
in  der  Zeit  und  diejenige  der  Wechselwirkung  ist  das  Zugleichsein  der
Bestimmungen  der  einen  Substanz  mit  denen  der  anderen.  Als  resultierende
  Kategorien  setzen  sie  nicht  nur  diejenigen  der  Quantität  und
Qualität  voraus,  sondern  auch  die  Erfahrung.  Die  Gesetze  mit  apodiktischer
  Gewißheit,  die  sie  bilden  und  die  Kant  synthetische  Grundsätze
a  priori  nennt,  sind  dann  auch  nur  Analogien  der  Erfahrung.

Der  vierte  Teil  des  a  priori-Begriffsvermögens  umfaßt  nach
Kant  die  Kategorien  der  Modalität.  Mit  der  Zeit  verbunden  geben
diese  uns  den  Zeitbegriff,  und  zwar  ist  der  Begriff  der.  Möglichkeit  das
Dasein  eines  Gegenstandes  zu  irgendeiner  Zeit;  der  Begriff  der  Wirk-
        <pb n="144" />
        140

lichkeit  ist  das  Dasein  zu  einer  bestimmten  Zeit,  und  der  Begriff  der
Notwendigkeit  ist  das  Dasein  eines  Gegenstandes  zu  jeder  Zeit.

Wir  sehen,  daß  auch  die  Kategorien  der  Modalität  diejenigen  der
Quantität  und  Qualität  voraussetzen.  Während  letztere  aber  die  Anschauung
  und  Empfindung  zum  Begriff  bringen,  haben  erstere  das
Vermögen  über  die  Empfindung  und  Anschauung  hinaus  das  Sein
mur  zu  denken.  D.  h.  das  Denken  kann  das  Sein  als  möglich,  als  wahr
und  als  notwendig  annehmen;  die  Modalität  bezieht  sich  also  gewissermaßen
  nicht  auf  die  Urteilsinhalte,  sondern  auf  die  Urteilskraft.

Kant,  der  den  zwölf  Verschiedenheiten  der  Urteile  entsprechend
auch  zwölf  logische  Kategorien  finden  wollte,  hat  seinem  System  hierbeie
sicher  etwas  Gewalt  angetan.  Schon  die  Kategorien  der  Allheit  und
Limitation  sind  anderer  Art  als  die  anderen  der  Quantität  und  Qualität.
  Diese  Kategorien  sind,  wie  schon  bemerkt,  gewissermaßen  solche
der  logischen  Dialektik,  d.  h.  es  sind  entwickelte.  Nimmt  man  z.  B.  in
Hegelscher  Schreibart  die  Realität  als  Thesis  und  die  Negation  als
Anthithesis,  so  hat  man  als.  Synthefis  die  dialektische  Kategorie  der
Limitation.

Das  a  priori-Vermögen  des  Verstandes,  dialektische  Kategorien
zu  bilden  ist  sicher  eine  wesentliche  Erweiterung  desselben,  die  von  Kant
nicht  als  solche  berücksichtigt  ist.  Auch  die  Kategorien  der  Relation  sind
genau  gesehen,  keine  reinen  Stammesbegriffe.  Wenn  diese  auch  keine
dialektischen  Kategorien  sind  in  dem  Sinne,  daß  sie  aus  Satz  und
Gegensatz  entwickelt  werden,  so  setzen  aber  auch  sie,  wie  wir  gesehen
haben,  die  Kategorien  der  Quantität  und  Qualität  voraus,  aus  denen
se  gewissermaßen  resultieren,  d.  h.  deren  Verhältnis  sie  zum  Begriff

ringen.

Während  nun  die  Kategorien  der  Relation  mit  Hilfe  der  Empfindung
  das  Verhältnis  der  Dinge  zueinander  zum  Begriff  bringen,  so
bringen  diejenigen  der  Modalität  durch  bloßes  Denken  das  Verhältnis
der  Dinge  zum  Verstande  zum  Begriff.  Die  Kategorien  der  ersten  drei
Klassen  geben  also  den  Begriff  der  Erkenntnis  der  Dinge  und  ihrer
Verhältnisse,  während  die  der  Modalität  das  Denken  eines  bereits  erkannten
  Gegenstandes  zum  Begriff  bringen.  Der  vierte  Teil  des
a  priori-Vermögens  des  Verstandes  besteht  also  darin,  einen  erkannten
Gegenstand  nur  zu  denken.  Er  besteht  aber  auch  darin,  ein  erkanntes
Verhältnis  der  Dinge  zum  Subjekt  und  untereinander  zu  denken  und
zum  Begriff  zu  bringen.  Dieses  Vermögen  des  Verstandes  bildet  nun  den
Übergang  zu  dem  Vermögen  der  reinen  Vernunft,  die  aus  dem  gedachten
  Verhältnis  erkannter  Dinge  Schlüsse  zieht,  die  zu  einem  gedachten
  Verhältnis  nur  gedachter  Dinge,  d.  h.  zu  Ideen  führen.  Auf
diesem  Wege  kommt  Kant  nun  zu  soviel  Vernunftschlüssen,  wie  es  ver-
        <pb n="145" />
        141

schiedene  Urteile  der  Relation  nach  gibt,  nämlich  zu  dreien.  Da  es  nun
der  Relation  nach  kategorische,  hypothetische  und  disjunktive  Urteile
gibt,  so  unterscheiden  sich  daraus  gefolgert  die  Vernunftschlüsse  auch  als
kategorisch,  hypothetisch  und  disjunktiv.  Der  kategorische  Vernunftschluß
führt  nun  weiter  gefolgert  zu  einer  Substanz,  die  nichts  Akzidentielles
mehr  enthält  und  ewig  beharrt,  d.  h.  er  führt  zu  der  Idee  einer  immateriellen
  menschlichen  Seele.  Der  hypothetische  Schluß  führt  dagegen  zu
einem  Weltbild  als  einer  Kausalreihe  ohne  Anfang  und  Ende,  d.  h.  er
führt  zu  der  Idee  von  der  Unendlichkeit  der  Welt,  und  schließlich  führt
der  disjunktive  Schluß  zu  dem  absoluten  Ganzen  aller  Teile,  d.  h.  zu
einer  geistigen  Einheit  eines  Systems,  das  alle  Vollkommenheit  und
mit  dieser  auch  alle  Realität  besitzt;  mit  anderen  Worten  gesagt,  führt
der  disjunktive  Schluß  zur  Idee  eines  Gottes.

Mit  der  Herleitung  der  Verstandesbegriffe  und  ihrer  Anwendung
mit  Hilfe  der  Zeit  bekommt  die  Kantsche  Philosophie  etwas  geschraubt
Künstliches,  bei  dem  die  Schwerverständlichkeit  und  die  Unsicherheit
ihren  Anfang  nimmt.  Hätte  Kant  die  Kategorien  in  einer  verständlichen
  Weise  herleiten  und  entwickeln  können,  und  hätte  er  für  ihre  formale
  Beschaffenheit  und  für  die  Erschöpfung  ihrer  Anzahl  allgemein
verständliche  Kriterien  herbeibringen  können,  so  hätte  sein  Kritizismus.
außerordentlich  gewonnen.  Er  hätte  zwar  nicht  soviel  kommentiert
werden  können;  er  wäre  aber  für  alle  Zeiten  ein  sicherer  Leitfaden  und
die  kritische  Grundlage  in  Angelegenheit  der  reinen  Vernunft  geworden.
Daß  Kant,  der  von  der  Humeschen  Anzweiflung  des  Kausalitätsbegriffes
zu  seinem  ganzen  System  gekommen  ist,  keine  Kriterien  für  seine
Kategorientafel  herbeigebracht  hat,  obwohl  ihm  die  Notwendigkeit  dazu
bewußt  war,  mag  wohl  daran  gelegen  haben,  daß  er  es  nicht  konnte;
in  welchem  Nichtkönnen  auch  bereits  die  ganze  Schwäche  seines  Systems
zur  Außerung  kommt.

Es  muß  einleuchten,  daß,  wenn  schon  die  Kategorienlehre  so
dunkel  und  unsicher  ist,  auch  alles  dunkel  und  unverständlich  werden
muß,  was  aus  dieser  gefolgert  wird  und  was  auf  ihr  gegründet  ist.
Was  für  die  Kategorien  gilt,  das  gilt  deshalb  auch  für  die  synthetischen
Grundsätze  und  die  Ideenlehre.

Kant  hat  das  Prinzip  der  Kategorienlehre  in  der  Urteilsfähigkeit
des  Verstandes  gefunden  und  die  Kategorien  selbst  aus  der  fertigen
Arbeit  früherer  Logiker  entnommen;  und  man  muß  sich  als  sein  Anhänger
  schon  auf  seine  Unfehlbarkeit  darüber  verlassen,  daß  sie  unsere
ganze  Erkenntnismöglichkeit  der  Dinge  aus  bloßem  Verstande  umfassen
  und  erschöpfen.  Für  den  Standpunkt  unseres  Materialismus
genügt  das  Vorstehende.  Auf  die  Unzulänglichkeit  im  einzelnen  komme
ich  weiter  unten  noch  zurück.
        <pb n="146" />
        142

Die  Vereinigung  der  Vorstellungen  in  einem  Bewußtsein  bildet
nach  Kant,  wie  bereits  bemerkt,  das  Urteil.  Urteilen  ist  also  Verstandestätigkeit.
  Sofern  die  Urteile  nur  als  Bedingungen  der  Erkenntnisse
betrachtet  werden,  sind  sie  Regeln.  Sind  diese  Bedingungen  notwendig,
so  sind  es  Regeln  a  priori,  und  bilden  letztere  gleichzeitig  einen  Ausgangspunkt
  der  Ableitung  anderer  Urteile,  so  sind  es  Grundsätze
a  priori.  Diese  Grundsätze  a  priori  möglicher  Erfahrung  sind  zugleich
allgemeine  Gesetze  der  Natur,  die  a  priori  erkannt  werden  können,  und
die  wir  in  diesem  Sinne  nicht  von  der  Natur  erhalten,  sondern  die  der
Natur  von  uns  vorgeschrieben  werden.

Nachdem  also  Kant  zergliedert  hat,  wie  a  priori  synthetisch  erkannt
  werden  kann,  stellt  er  in  den  Grundsätzen  fest,  was  mit  den  Anschauungsformen
  a  priori  zu  erkennen  ist.  Der  logischen  Herleitung
der  Kategorien  und  der  Schematas  entsprechend  unterscheidet  er  neben
den  vier  logischen  Möglichkeiten  der  Urteile  vier  Verschiedenheiten  der
Grundsätze,  die  er  in  bezug  auf  Quantität,  Qualität,  Relation  und
Modalität  bezeichnet  als  Axiome  der  Anschauung,  Antizipationen  der
Wahrnehmung,  Analogien  der  Erfahrung  und  als  Postulate  des
empirischen  Denkens.

Das  Prinzip  der  Axiome  der  Anschauung  ist:  Alle  Anschauungen
sind  extensive  Größen.  —  Alle  Erscheinungen  enthalten  der  Form  nach
eine  Anschauung  in  Raum  und  Zeit.  Sie  entstehen  durch  Zusammensetzung
  des  Gleichartigen  und  durch  das  Bewußtsein  der  synthetischen
Einheit  dieses  Gleichartigen.  In  dem  Bewußtsein  der  Zusammensetzung
  liegt  aber  schon  analhtisch  der  Begriff  Größe.  Dieselbe  ist  extensiv,
  weil  sie  durch  dieselbe  Synthesis  vorgestellt  werden  muß,  die  den
Raum  und  die  Zeit  bestimmt.  Eine  extensive  Größe  ist  eine  solche,  in
der  die  Vorstellung  der  Teile  diejenige  des  Ganzen  möglich  macht  und
dieser  notwendig  vorhergeht.

Antizipationen  der  Wahrnehmung.  Das  Prinzip  derselben  ist:
In  allen  Erscheinungen  hat  das  Reale,  das  ein  Gegenstand  der  Empfindung
  ist,  eine  intensive  Größe,  d.  h.  einen  Grad.  —  Antizipation  ist
nach  Kant  die  Erkenntnis,  durch  die  dasjenige,  was  zur  empirischen
Erkenntnis  gehört,  a  priori  erkannt  und  bestimmt  wird.  —  Jede
Empfindung  ist  einer  Verringerung  bis  zum  allmählichen  Verschwinden
fähig.  Zwischen  Realität  und  Negation  ist  ein  kontinuierlicher  Zusammenhang
  vieler  Empfindungsgrade,  die  bis  ins  unendliche  Kleine
gehen.  Da  uns  Raum  und  Zeit  die  Empfindungen  zur  Anschauung
bringen,  können  die  Empfindungen  die  Kontinuität  nur  von  diesen,
denen  sie  a  priori  eigentümlich  ist,  haben.  Sowohl  das  Extensive  der
Anschauung  als  das  Intensive  der  Wahrnehmung  sind,  obwohl  sie
a  posteriori  gegeben,  durch  die  Verbindung  mit  Raum=  und  Zeitmaß
        <pb n="147" />
        143

wie  auch  mit  den  Kategorien  Erkenntnisse  a  priori.  Mit  anderen
Worten:  An  den  Größen  ist  nur  die  Kontinuität  dasjenige,  was  zur
empirischen  Erkenntnis  gehört  und  a  priori  erkannt  werden  kann.

Analogien  der  Erfahrung.  Das  Prinzip  derselben  ist:  Erfahrung
ist  nur  durch  die  Vorstellung  einer  notwendigen  Verknüpfung  der  Wahrnehmung
  möglich.  Erfahrung  ist  eine  empirische  Erkenntnis,  die  durch
Wahrnehmung  ein  Objekt  bestimmt;  sie  ist  also  in  diesem  Sinne  eine
Erweiterung  der  Wahrnehmung,  die  im  Objekt  derselben  nicht  enthalten
  ist.

Die  Analogien  und  Postulate  können  nur  regulative  Grundsätze
sein,  da  sie  nur  auf  das  Verhältnis  des  Daseins  Bezug  haben.  Es  ist
dieses  so  zu  verstehen,  daß,  wenn  bei  ihnen  ai:b—i  ist,  so  geben  sie
nicht  x,  sondern  nur,  daß  das  Verhältnis  von  c:x  dasselbe  ist  als  das
von  a:  b.  Es  ist  noch  zu  bemerken,  daß  die  Analogien  wie  alle  Grundsätze
  nur  im  empirischen  und  nicht  im  transzendentalen  Verstandesgebrauch
  allein  Bedeutung  und  Gültigkeit  haben.

Erste  Analogie:  Bei  allem  Wechsel  der  Erscheinungen  beharrt
die  Substanz  und  das  Quantum  derselben  wird  in  der  Natur  weder
vermehrt  noch  vermindert.  —  Die  Zeit,  in  der  aller  Wechsel  der  Erscheinungen
  gedacht  werden  soll,  wechselt  nicht,  da  fie  dasjenige  ist,  an
dem  wir  den  Wechsel  wahrnehmen.  Die  Zeit  dann  aber  für  sich  nicht
wahrgenommen  werden,  folglich  muß  in  den  Gegenständen  der  Wahrnehmung
  ein  Substrat  anzutreffen  sein,  welches  als  Korrelat  der  Zeit
diese  überhaupt  zur  Vorstellung  bringt.  Dieses  Substrat  bringt  uns
die  Kontinuität  der  Zeit  zur  Vorstellung,  infolgedessen  muß  das  Substrat
  selbst  solche  haben.  Die  Kontinuität  ist  aber  das  einzige  Kriterium
für  das  Bleibende  des  Substrates  und  Substanz  ist  der  Begriff  dafür.
Was  wechselt  und  uns  den  Gegenstand  überhaupt  zur  Vorstellung
bringt,  sind  die  Akzidenzen.

Zweite  Analogie:  Alle  Veränderungen  geschehen  nach  dem  Gesetze
der  Verknüpfung  von  Ursache  und  Wirkung.  —  Der  Begriff  Veränderung
  setzt  voraus,  daß  dasselbe  Subjekt  mit  zwei  entgegengesetzten  Bestimmungen
  als  existierend,  mithin  als  beharrend  angesehen  werden
kann.  —  Durch  Wahrnehmung  stelle  ich  in  der  Anschauung  etwas  als
nacheinander  Folgendes  fest  und  zwar  ist  diese  Feststellung  ein  hypothetisches
  Urteil.  An  dem  Beharren  der  Substanz  erkenne  ich  die
Kontinuität  der  Zeit  und  umgekehrt.  Da  die  Zeit  die  Äußerung
meines  inneren  Sinnes  ist,  der  von  den  Akzidenzen  der  Substanz,  d.  h.
von  der  Veränderung  derselben  erregt  wird,  so  muß,  wenn  die  Zeitabschnitte
  unmittelbar  zusammen  hängen,  auch,  Grund  und  Folge  unmittelbar
  zusammen  hängen.  Dieses  Urteil  zu  einem  apodiktischen  zu  machen,
        <pb n="148" />
        144

durch  die  das  Zusammenhängen  des  aufeinander  Folgenden  als  Ursache
und  Wirkung  anzusehen  ist,  ist  ein  a  priori-Begriff  des  Verstandes.

Wenn  der  Verstand  überhaupt  nicht  das  Vermögen  hätte,  Grund
und  Folge  als  Ursache  und  Wirkung  zu  erkennen,  so  könnte  er  aus
einem  Wahrnehmungsinhalt  kein  Erfahrungsurteil  machen,  d.  h.  ohne
die  Kategorie  der  Kausalität  wäre  keine  Möglichkeit  empirischer  Erkenntnis.
  Hieraus  geht  hervor,  daß  der  Begriff  der  Kausalität  keine
den  Dingen  anhängende  Bedingung  andeutet,  sondern  der  Erfahrung
anhängt,  so  daß  letztere  nur  eine  objektiv  gültige  Erkenntnis  von  Erscheinungen
  und  ihrer  Zeitfolge  sein  kann.  Es  muß  also  in  dem,  das
vorhergeht,  die  Bedingung  anzutreffen  sein,  unter  der  das  zweite  notwendig
  folgen  muß.

Dritte  Analogie:  Alle  Substanzen,  sofern  sie  im  Raum  als  ungleich
  wahrgenommen  werden  können,  sind  in  durchgängiger  Wechselwirkung.
  —  Zugleich  sind  Dinge,  wenn  es  in  der  Wahrnehmung  gleich
ist,  welches  zuerst  wahrgenommen  wird.  Das  Zugleich  ist  also  die
Existenz  des  Mannigfaltigen  in  derselben  Zeit;  es  ist  gewissermaßen
das  Nacheinander  in  der  Wahrnehmung  ohne  Kausalität.  Das  Wahrnehmen
  des  Zugleichseins  bedingt  neben  der  Kontinuität  der  Zeit  auch
diejenige  des  Raumes,  ohne  welch  letztere  überhaupt  kein  Zeitverhältnis
möglich  ist.  Wenn  die  Erscheinungen  räumlich  isoliert  wären,  d.  h.  sie
hätten  keinen  räumlichen  Zusammenhalt  und  gegenseitiges  Ineinanderwirken,
  so  könnte  das  Zugleichsein  nicht  festgestellt  werden,  da
zwischen  dem  Dasein  des  einen  und  des  anderen  keine  empirische  Synthesis
  führen  kann;  d.  h.  man  hätte  keine  Unterscheidung,  ob  die  eine
Erscheinung  objektiv  auf  die  andere  folge  oder  zugleich  mit  ihr  sei.

Die  Bestimmungen  in  der  Zeit  und  im  Raum  sind  also  a  priori
und  zu  jeder  Zeit  gültig.  Natur,  soweit  sie  durch  den  Verstand  empirisch
ermittelt,  ist  der  Zusammenhang  der  Erscheinungen  nach  bestimmten
Gesetzen  in  bezug  auf  ihr  Dasein.  Diese  Gesetze  entstehen  aus  und  durch
die  a  priori-Prinzipien  des  Verstandes  und  der  Sinnlichkeit,  d.  h.  sie
sind  subjektiv,  sie  haben  aber  nur  Existenz  und  Gültigkeit,  wenn  sie  auf
ein  Objekt  bezogen  werden  können.

Die  Postulate  des  empirischen  Denkens  überhaupt:  Was  mit  den
formalen  Bedingungen  der  Erfahrung  übereinkommt,  ist  möglich;  was
mit  den  materialen  Bedingungen  der  Erfahrung  zusammenhängt,  ist
wirklich  und  dasjenige,  dessen  Zusammenhang  mit  dem  Wirklichen  nach
allgemeinen  Bedingungen  der  Erfahrung  bestimmt  ist,  ist  notwendig.  —
Das  Postulat  der  Möglichkeit  der  Dinge  fordert,  daß  der  Begriff  derselben
  mit  den  formalen  Bedingungen  einer  Erfahrung  überhaupt  zusammenstimme.
  Mögliche  Dinge  müssen  also  die  Form  und  die  Bedingungen
  der  Erfahrung  a  priori  in  sich  haben.  Zur  Erkennung  der
        <pb n="149" />
        146

Wirklichkeit  gehört  Wahrnehmung  und  Empfindung.  Diese  brauchen
aber  nicht  unmittelbar  vom  Gegenstande  zu  sein,  sie  müssen  aber  nach
den  Analogien  der  Erfahrung  in  einem  unmittelbaren  Zusammenhang
mit  diesem  stehen.  Bei  der  Möglichkeit  geht  der  Begriff  vor  der  Wahrnehmung
  und  bei  der  Wirklichkeit  hinter  dieser.  Das  Kriterium  der
Notwendigkeit  liegt  im  Gesetz  der  möglichen  Erfahrung,  daß  alles,  was
geschieht,  durch  eine  Ursache  in  der  Erscheinung  a  priori  bestimmt  sei.
Wir  können  also  nicht  vom  Dasein  der  Dinge,  sondern  nur  von  ihrem
Zustand  die  Notwendigkeit  erkennen:  d.  h.  also,  wir  erkennen  die  Notwendigkeit
  der  Wirkung,  deren  Ursache  uns  gegeben  ist,  daher  reicht
das  Merkmal  der  Notwendigkeit  nicht  weiter  als  das  Gebiet  möglicher
Erfahrung.  Die  Grundsätze  à  priori  der  Modalität  find  nicht  objektiv
synthetisch,  da  sie  dem  Begriff  in  der  Qualität  und  Quantität  nichts
hinzufügen,  sondern  sie  sind  fubjektiv  synthetisch,  weil  sie  dem  Begriff
die  Erkenntniskraft  hinzufügen,  d.  h.  sie  bestimmen  das  Verhältnis
zwischen  Subjekt  und  Objekt  in  bezug  auf  die  Frage:  was  kann?  was
ist  und  was  muß?  ·

Das  Postulat  der  Möglichkeit  läßt  nach  den  Analogien  der  Erfahrung
  auch  Begriffe  zu,  denen  kein  Erfahrungsinhalt  entspricht,  die
also  gewissermaßen  nur  Gedankendinge  sind.  Kant  bezeichnet  diese
Gedankendinge  als  solche,  die  nicht  Objekte  unserer  sinnlichen  Anschauung
  sind,  wie  z.  B.  das  Ding  an  sich;  er  nennt  sie  Noumena  im
Gegensatz  zu  den  Sinnen=  oder  Erscheinungswesen,  die  er  Phänomena
nennt.  Der  Begriff  eines  Noumenon  in  diesem,  d.  h.  im  negativen
Sinne  ist  nur  ein  Grenzbegriff,  um  die  Anmaßung  der  Sirnnlichkeit
einzuschränken.  Ein  Noumenon  ist  problematisch,  da  es  keinen  Widerspruch
  enthält,  und  da  es  als  Begrenzung  der  Sinnlichkeit  mit  dieser
zusammenhängt,  so  hat  es  objektive  Bedeutung  und  Realität,  die  aber
nicht  erkannt  werden  kann.  Ein  Noumenon  gibt  unserem  Verstande  die
Erweiterung,  daß  er  nicht  durch  die  Sinnlichkeit  eingeschränkt  wird,
sondern  daß  er  diese  einschränkt;  er  setzt  sich  dabei  aber  auch  selbst  die
Grenze,  daß  durch  keine  Kategorie  das  Ding  an  sich  erkannt,
sondern  nur  als  unbekanntes  Etwas  gedacht  werden  kann.

Zu  den  Obliegenheiten  des  Verstandes  gehört  auch  noch  die  Handlung,
  die  die  Vergleichung  der  Vorstellungen  mit  der  Erkenntniskraft
verknüpft  und  dabei  unterscheidet,  ob  sie  zum  reinen  Verstande  oder
zur  sinnlichen  Anschauung  gehören.  Diese  Überlegung  nennt  Kant  die
transzendentale  Überlegung.  Durch  Gewohnheit  erfolgt  diese  Verknüpfung
  oft  automatisch  unter  Ausschaltung  der  Überlegung,  wodurch
dann  der  Trugschluß  entstehen  kann,  daß  sie  eo  ihso  zum  reinen  Verstande
  gehören.

Sinie,  Soalbemotxatit,  Christentum,  Materialion#s  und  der  Kries.  10
        <pb n="150" />
        —14é

Im  vorstehenden  ist  nun  das  Gebiet  begrenzt,  das  vom  Standpunkt
  der  Kantschen  idealistischen  Philosophie,  die  es  nicht  mit  Scheinwesen
  zu  tun  hat,  der  Erkenntnis  zugänglich  ist  und  die  Erfahrung
hierbei  als  Kriterium  hat.

Der  Verstand  hat  aber  nicht  nur  eine  Bildungskraft,  sondern
auch  eine  Einbildungskraft.  Diese  ist  einmal  reproduktiv,  indem  sie
aus  der  Erinnerung  urteilt.  Sie  kann  aber  auch  produktiv  sein,  indem
sie  über  die  Erfahrung  hinausgeht  und  hier  reine  Verstandeswesen
bildet,  die  Kant  als  Ideen  bezeichnet.  Das  Vermögen  des  Verstandes,
das  sich  mit  den  Ideen  beschäftigt,  neunt  Kant  die  reine  Vernunft.
Die  philosophische  Beschäftigung  mit  den  Ideen,  wobei  es  sich  darum
handelt,  ihren  metaphysischen  Charakter  festzustellen,  ist  nach  Kant  die
transzendentale  Dialektik.  Aus  dem  Schein  aber  etwas  Wirkliches  zu
machen,  das  objektive  Gültigkeit  hat,  das  vermag  die  Vernunft  nicht
und  sie  wird  es  auch  niemals  bewerkstelligen,  denn  der  Schein  besteht
gerade  darin,  den  subjektiven  Grund  eines  Urteils  für  objektiv  zu
halten.

Der  Verstand  ist  also  nach  Kant  das  Vermögen  vermittelst  der
Kategorien,  die  Erscheinungen  nach  gegebenen  Regeln  dem  geistigen  Ich
des  Menschen,  d.  h.  der  geistigen  Einheit  einzuordnen  und  sie  dadurch
zu  Vorstellungen  zu  machen.  Die  Vernunft  ist  hingegen  dasjenige,  die
Verstandesregeln  unter  die  Prinzipien  einer  höheren  Einheit  zu
bringen.  Diese  Prinzipien  sind  demzufolge  synthetische  Erkenntnisse
aus  Begriffen  ohne  Hinsicht  auf  Anschauung.  Mit  anderen  Worten
ausgedrückt,  besteht  die  Tätigkeit  des  Verstandes  darin,  Urteile  zu
bilden,  die  unmittelbar  aus  den  synthetischen  Grundsätzen  abgeleitet
sind,  und  diejenige  der  Vernunft,  aus  den  Verstandesurteilen  Schlüsse
zu  ziehen.  Nach  den  Gesetzen  der  Logik  gibt  es,  wie  bereits  weiter
oben  bemerkt,  in  ihrer  Vollständigkeit  nun  dreierlei  Vernunftschlüsse
und  zwar  kategorische,  hypothetische  und  disjunktive.  Der  kategorische
Schluß  schließt  von  den  Bedingungen  des  Allgemeinen  auf  die  Bedingungen
  des  Speziellen,  z.  B.  ich  bin  ein  Mensch;  die  Menschen  sind
sterblich;  ich  bin  sterblich.  Der  hypothetische  Schluß  stützt  sich  dagegen
auf  das  so  beliebte  „wenn  und  aber  des  Wahrscheinlichen“  und  der
disjunktive  auf  das  „entweder  oder  aller  Möglichkeiten“.

Die  Tatsache,  daß  ich  kategorisch  schließen  kann,  führt  in  ihrer
Folgerung  zu  der  Idee  einer  vom  Objektiven  unabhängigen  geistigen
Einheit  in  mir,  die  man  sich  als  menschliche  Seele  denken  kann;  d.  h
sie  führt  zu  einer  psychologischen  Idee.  Die  Tatsache  hingegen,  daß  ich
hypothetisch  schließen  kann,  führt  in  ihrer  Folgerung  wohl  zu  der  Ider
von  einer  Verschiedenheit  der  Dinge,  die  in  ihrer  geistigen  Abhängigkeit
  aber  als  Ganzes  gedacht  werden  kann;  d.  h.  sie  führt  zu  einer  kos-
        <pb n="151" />
        147
mologischen  Idee.  Und  schließlich  führt  die  Tatsache,  daß  ich  die  Welt
als  Ganzes  denken  und  daß  ich  über  alle  Möglichkeit  disjunktiv  schließen
kann,  in  ihrer  Folgerung  zu  der  Idee  von  der  Möglichkeit  einer  Vielheit
  als  Allheit,  die  auch  als  geistige  Einheit  des  Weltganzen,  als  Gott
gedacht  werden  kann,  d.  h.  sie  führt  zu  einer  theologischen  Idee.

Nach  Kant  ist  das  Verstandesvermögen  gewissermaßen  doppelseitig.
  Die  eine  Seite  ist  nach  der  Erscheinungswelt  gerichtet  und  bedarf
  dieser  zur  Außerung,  wenn  ihre  Fähigkeit  dabei  auch  a  priori
vorhanden  ist;  diese  Seite  stützt  sich  also  vollständig  auf  die  Erfahrung
und  deren  Objekte.  Es  ist  hierbei  aber  ohne  weiteres  einzusehen,  daß
eine  Verstandeswissenschaft,  die  das  Wesen  des  Verstandes  von  dieser
Seite  aus  ergründen  will,  nur  eine  empirische  sein  kann.  Die  andere
Seite,  die  mit  der  Erfahrung  zwar  auch  zusammenhängt  und  in  dieser
wurzelt,  beschäftigt  sich  aber  mit  den  Begriffen  an  sich,  deren  geistigen
Verhältnissen  und  Folgerungen:  sie  führt  unmittelbar  unabhängig  von
der  Erfahrung  zu  dem  Dasein  einer  höheren  geistigen  Einheit,  die
Kant,  wie  schon  bemerkt,  die  reine  Vernunft  nennt.  Diese  letztere  Seite
des  Verstandes  beschäftigt  sich  in  diesem  Sinne  in  erster  Linie  mit  sich
selbst,  d.  h.  mit  dem  Übersinnlichen  des  Subjekts,  das  gewissermaßen
das  geistige  Ich  des  Menschen  bedeutet.  Diese  Verstandeswissenschaft
ist  also  eine  rationale.  Sie  muß  auch  vom  Übersinnlichen  des  Ich  ausgehend
  unmittelbar  zu  dem  Üübersinnlichen  der  Einzeldinge  kommen  und
zwar  sowohl  in  deren  objektiven  Verhältnissen  zum  Subjekt  als  auch
auf  den  übersinnlichen  Zusammenhang  untereinander,  welche  Folgerung
dann  weiter  zu  der  geistigen  Gesamtheit  aller  Einzeldinge  und  damit
zum  absoluten  Ganzen  aller  Erfahrung  überhaupt  führen  muß;  d.  h.
sie  muß  zum  geistigen  Inhalt  des  Weltganzen,  den  man  Gott  nennen
kann,  führen.

Da  die  Vernunft  bei  den  Ideen  aber  nur  unmittelbar  von  der
Erfahrung  und  ihren  Objekten  unabhängig  ist;  mittelbar  aber  in  dieser
ihre  Wurzel  und  ihren  Ursprung  hat,  so  können  ihre  Schlüsse,  soweit
sie  vollständig  außer  aller  Erfahrung  liegen,  auch  nur  Trugschlüsse  sein.
Kant  weist  nun  nach,  wie  im  folgenden  näher  erörtert  werden  soll,  weshalb
  und  wieweit  es  sich  bei  den  Ideen  nur  um  Trugschlüsse  handeln
kann,  und  wirweit  aber  trotzdem  die  Vernunft  berechtigt  ist,  solche  Vernunftschlüsse
  zu  ziehen;  d.  h.  wieweit  sie  überhaupt  berechtigt  ist,  Metaphysik
  zu  treiben  und  an  welcher  Stelle  sie  sich  in  ihrer  Tätigkeit  selbst
Grenzen  zu  setzen  hat,  womit  dann  auch  das  Problem  gelöst  ist,  wie
überhaupt  Metaphysik  möglich  ist.

Die  drei  Vernunftschlüsse,  die  den  drei  Ideen  entsprechen,  drückt
Kant  selbst  wie  folgt  aus:
10*
        <pb n="152" />
        148

I.  Der  Schluß  vom  transzendentalen  Begriff  des  Subjekts,  der
nichts  Mannigfaltiges  enthält,  auf  die  in  jeder  Beziehung  mögliche
Einheit  desselben;  d.  h.  der  Schluß  vom  Übersinnlichen  des  Menschen
auf  die  menschliche  Seele.  —  Diesen  dialektischen  Schluß  nennt  Kant
den  transzendentalen  Paralogismus,  d.  h.Falschheit  des  Schlusses  der
Form  nach.  Und  da  die  Form  in  Raum  und  Zeit  besteht,  so  kommt
der  Trugschluß  davon,  daß  man  die  subjektive  Zutat  von  Raum  und
Zeit  als  objektiv  zu  der  Erkenntnis  nimmt.

II.  Der  Schluß  vom  transzendentalen  Begriff  der  in  jeder  Beziehung
  möglichen  Totalität  der  Bedingungen  zu  einer  gegebenen  Erscheinung;
  d.  h.  der  Schluß  der  Welt  als  der  in  jeder  Beziehung  möglichen
  Einheit  als  Ganzes  in  bezug  auf  die  Bedingungen  der  Erscheinungen.
  —  Den  Zustand  der  Vernunft  bei  diesem  dialektischen
Schluß  nennt  Kant  die  Antinomie  der  reinen  Vernunft,  d.  h.  das
Widersprechende  derselben.

III.  Der  Schluß,  der  davon  ausgeht,  daß  von  der  Totalität  der
Bedingungen  gegebener  Gegenstände  überhaupt  gedacht  werden  kann,
und  der  dabei  auf  die  absolute  synthetische  Einheit  aller  Bedingungen
der  Möglichkeit  eines  Wesens  kommt,  das  nach  seinem  bloßen  transzendentalen
  Begriff  nicht  erkannt  werden  kann.  D.  h.  der  Schluß,  der
auf  das  Wesen  aller  Wesen,  auf  Gott  kommt,  und  von  dessen  unbedingter
  Notwendigkeit  man  sich  ebenfalls  keinen  Begriff  machen  kann.
Mit  anderen  Worten:  Der  Schluß  auf  Gott  als  der  absoluten  Einheit
aller  Gegenstände  des  reinen  Denkens  überhaupt.  Diesen  Vernunftschluß
  nennt  Kant  das  Ideal  der  reinen  Vernunft.

Die  Idee  der  Seele  hat  ihren  Ursprung  in  unserem  geistigen  Ich,
das  sich  durch  das  „ich  denke“  äußert  und  dem  unser  Körper  nur  ein
mittelbares  Ojekt  der  Erkenntnis  ist.  D.  h.  das  „ich  denke"“  ist  ein
Gegenstand  des  inneren  Sinnes,  während  der  Körper  ein  solcher  des
äußern  ist.  Wenn  man  von  dem  „ich  denke“  oder  noch  besser  „ich
existiere  denkend“  nicht  nur  auf  die  Möglichkeit,  sondern  auf  die  Wirklichkeit
  einer  Seele  schließen  will,  so  kann  dieses  nur  vermittelst  der
Kategorien  des  Verstandes  geschehen.

Alle  Gegenstände  sind  Subjekt  und  Prädikat.  Das  Prädikat  sind
die  Akzidenzen;  werden  diese  abgesondert,  so  bleibt  als  eigentliches
Subjekt  die  Substanz  als  das  Ding  an  sich  übrig.  Da  das  Eigentümliche
  unseres  Verstandes  aber  darin  besteht,  nur  durch  Begriffe,  d.  h.
vermittelst  der  Prädikate  oder  Akzidenzen  zu  denken,  wobei  das  absolute
Subjekt  jederzeit  fehlen  muß,  so  können  wir  das  Ding  an  sich  nie  für
ein  letztes  Subjekt  halten.  .

Nun  könnte  man  annehmen,  daß  wir  in  unserem  Ichbewußtsein,
d.  h.  in  unserem  geistigen  Ich  das  Substanziale  des  letzten  Subjekts,
        <pb n="153" />
        149

d.  i.  das  Ding  an  sich,  in  unmittelbarer  Anschauung  als  Substrat  unseres
inneren  Sinnes,  d.  h.  als  Seele  haben,  denn  alle  Prädikate  des  inneren
Sinnes  beziehen  sich  auf  das  Ich  als  denkendes  Subjekt,  und  dieses  kann
nicht  weiter  als  Prädikat  eines  anderen  Subjekts  gedacht  werden.  Das
Verhältnis  von  Subjekt  und  Prädikat  unseres  inneren  Sinnes  sieht
allerdings  so  aus,  als  ob  hier  nicht  nur  eine  Idee  sondern  ein  Gegenstand,
  nämlich  das  absolute  Subjekt,  in  der  Erfahrung  gegeben  sei.
Dieses  ist  nicht  der  Fall,  denn  das  Ich  als  Bezeichnung  des  Gegenstandes
  des  inneren  Sinnes,  soweit  dieser  außerhalb  der  Wahrnehmung
liegt,  ist  kein  Begriff  einer  Wesenheit,  sondern  nur  eines  Verhälmisses.
Dieses  Ich  umfaßt  nur  die  Beziehung  der  inneren  Erscheinungen  auf
das  unbekannte  Subjekt  derselben.  Die  Idee  der  Seele  als  unser  geistiges
  Ichsubstrat  kann  nur  immateriell  gedacht  werden,  und  cs  ist  ein
Mißverstand,  aus  einer  angenommenen  Erkenntnis  von  dem  Substantialen
  unseres  denkenden  Wesens  auf  seine  Natur  zu  schließen,  sofern  die
Kenntnis  desselben  außerhalb  des  Inbegriffs  der  Erfahrung  fällt.

Selbst  wenn  man  unser  geistiges  Ich  als  letztes  Subjekt  des
Denkens,  das  nicht  als  Prädikat  eines  anderen  Subjekts  vorgestellt
werden  kann,  Substanz  neunt,  so  bleibt  dieses  nur  ein  leerer  Begriff,
d.  h.  ein  Noumenon,  wenn  nicht  die  Beharrlichkeit  bewiesen  werden
kann.  Die  Beharrlichkeit  kann  als  synthetischer  Grundsatz  a  priori
aber  nicht  aus  dem  Objekt,  sondern  nur  aus  dem  Subjekt  bewiesen
werden  und  zwar  nur  vermittelst  der  Anschauung  und  Kategorien  durch
ein  Obsekt  in  bezug  auf  eine  mögliche  Erfahrung.  Die  subjektive  Bedingung
  aller  unserer  möglichen  Erfahrung  ist  aber  das  Leben,  folglich
kann  nur  auf  eine  Beharrlichkeit  der  Seele  im  Leben  geschlossen  werden.
Der  Tod  des  Menschen  ist  das  Ende  aller  Erfahrung,  und  soweik  die
Seele  ein  Gegenstand  dieser  ist,  auch  ihr  Ende.  D.  h.  mit  anderen
Worten,  ein  Fortleben  unseres  Ich  kann  möglich  sein,  in  einer  uns
saßbaren  Form  ist  es  aber  undenkbar,  da  es  außer  aller  Erfahrung  liegt.

Wenn  schon  die  reine  Vernunft  bei  der  Ergründung  ihrer  selbst  zu
keinem  positiven  Ergebnis  kommt,  so  gelingt  ihr  dieses  noch  weniger,
wenn  sie  sich  mit  der  Gesamtheit  der  Erscheinungen  an  sich,  d.  h.  mit
der  Welt  als  Ganzes  beschäftigt.

Wie  ich  bereits  bei  den  Kategorien  ausgeführt  habe,  führt  der
hypothetische  Vernunftschluß  zu  einem  Weltbild  als  einem  Kausalnexus
ohne  Anfang  und  Ende.  Da  nun  dieses  Weltbild  sowohl  der  Quantität,
der  Qualität,  der  Relation  und  der  Modalität  nach  betrachtet  werden
kann,  so  führt  der  hypothetische  Vernunftschluß  zu  vier  kosmologischen
Ideen.  Diese  Ideen,  rein  objektiv  genommen,  bieten  eine  natürliche
Antithetik,  in  der  den  vier  dialektischen  Behauptungen  der  reinen  Vernunft
  ebensoviel  Gegenbehauptungen  entgegenstehen.  D.  h.  aus  den
        <pb n="154" />
        150
vier  kosmologischen  Ideen  fließen  folgende  vier  Antinomien  der  reinen
Vernunft,  die  um  so  schärfer  in  die  Erscheinung  treten,  als  es  sich  hierbei
um  Objekte  der  Sinnenwelt  handelt.

I.  Die  Antinomie  der  Quantität.  Thesis:  Die  Welt  hat  der  Zeit
und  dem  Raum  nach  einen  Anfang.  —  Antithesis:  Die  Welt  ist  der
Zeit  und  dem  Raum  nach  unendlich.

II.  Die  Antinomie  der  Qualität.  Thesis:  Alles  in  der  Welt
besteht  aus  dem  Einfachen.  —  Antithesis:  Es  ist  nichts  Einfaches,  sondern
  alles  ist  zusammengesetzt.

III.  Die  Antinomie  der  Relation.  Thesis:  Es  gibt  in  der  Welt
Ursachen  durch  Freiheit.  —  Antithefsis:  Es  ist  keine  Freiheit,  sondern
alles  ist  Natur.

IV.  Die  Antinomie  der  Modalität.  Thesis:  In  der  Reihe  der
Weltursachen  ist  irgend  ein  notwendiges  Wesen.  —  Antithefis:  In  dieser
Reihe  ist  nichts  notwendig,  sondern  alles  ist  zufällig.

Kant  führt  den  Beweis  derartig,  daß  er  die  dogmatischen  Behauptungen
  der  Thesis  mit  der  empirischen  Unzulänglichkeit  der  Antithesis
  widerlegt  und  umgekehrt.  Die  Behauptungen  der  Antithesis
stützen  sich  nicht  allein  auf  die  Erklärungen  der  Erscheinungen  in  der
Welt  durch  ein  Prinzipium  des  reinen  Empirismus,  sondern  auch  auf
die  Auflösung  der  transzendentalen  Ideen  vom  Weltall  selbst.  Hingegen
  legen  die  Behauptungen  der  Thesis  außer  der  empirischen  Erklärungsart
  innerhalb  der  Reihe  der  Erscheinungen  noch  über  die  Erfahrung
  hinausgehende  intellektuelle  Anfänge  zugrunde,  wodurch  sie
zum  Dogmatismus  der  reinen  Vernunft  werden.  Der  Dogmatismus
hat  hierbei  ein  gewisses  praktisches  Interesse,  denn  die  Behauptungen,
daß  die  Welt  einen  Anfang  habe,  daß  mein  denkendes  Selbst  einfacher
und  unverweslicher  Natur  und  in  seinen  willkürlichen  Handlungen  frei
und  unabhängig  vom  Naturzwang  sei,  und  daß  die  Ordnung  der  Welt
von  einem  Urwesen  abstamme,  von  dem  alles  seine  Einheit  und  zweckmäßige
  Verknüpfung  entlehnt,  das  sind  Grundsteine  der  Moral  und
Religion,  die  die  Antithesis  von  ihrem  Standpunkt  aus  nicht  gelten
lassen  kann.  Hierzu  kommt  noch  ein  spekulatives  Interesse,  indem  man
vom  Unbedingten  ausgeht,  um  das  Bedingte  begreiflich  zu  finden  und
ein.  Vorzug  der  Popularität,  der  darin  liegt,  daß  der  durchschnittliche
Menschenverstand  es  bequemer  findet,  von  den  Gründen  zu  den  Folgen
zu  gehen  als  umgekehrt,  wobei  er  nicht  über  die  Möglichkeit  des
unbekannten  Ersten  nachzudenken  hat.  Aber  auch  die  Antithesis  kann
dogmatisch  wirken,  wenn  sie  mit  ihren  Verneinungen  über  die  Grenze
ihrer  möglichen  Erkenntnis  geht.  Jedenfalls  kann  man  die  Antinomien
nicht  auflösen,  daß  man  eine  dogmatische  Behauptung  durch  die  andere
ersetzt;  hierdurch  ist  die  Auflöfung  nicht  nur  ungewiß,  sondern  un-
        <pb n="155" />
        "151.

möglich.  Die  kritische  Auflösung  ist  insofern  gewiß,  als  sie  die  Frage
nicht  objektiv  betrachtet,  sondern  nach  dem  Fundament  der  Erkenntnis,
auf  dem  sie  gegründet  ist.

Kant  löst  die  Antinomien  durch  die  Subjektivität  der  Erscheinung,
  d.  h.  durch  Unterscheidung  zwischen  Erscheinung  und  dem  Ding
an  sich,  die  er  umgekehrt  damit  beweist  und  erklärt.  Nach  dem  transzendentalen
  Idealismus  ist  alles  in  Raum  und  Zeit  Angeschaute  nur
Erscheinung,  das  als  bloße  Vorstellung  einer  Reihe  von  Veränderungen
außer  unseren  Gedanken  keine  an  sich  gegründete  Existenz  hat.  Die
Gegenstände  der  Erfahrung  sind  nur  in  dieser  gegeben  und  nicht  an
sich  selbst,  sie  existieren  also  außer  derselben  nicht.

In  den  ersten  beiden  Antinomien  widersprechen  die  Behauptungen
  der  Antithesis  nicht  nur  denjenigen  der  Thesis,  sondern  sie  sagen
darüber  hinaus  noch  etwas  Synthetisches  aus.  Dieses  nennt  Kant  die
dialektische  Opposition  im  Gegensatz  zur  analhtischen,  bei  der  der  Gegensatz
  nur  den  Widerspruch  enthält.  In  zwei  dialektisch  einander  entgegengesetzten
  Urteilen  können  aber  alle  beide  falsch  sein,  und  dieses  ist
der  Fall  bei  den  ersten  beiden  Antinomien.  Da  in  den  ersten  beiden
Antinomien  die  Behauptungen  auf  Raum  und  Zeit  basieren,  diese  aber
subjektive  Formen  der  Anschauung  sind,  so  ist  die  Welt  in  bezug  auf
diese  ein  Noumenon,  d.  h.  intelligibel  und  als  solches  selbst  die  Grenze
unserer  Erkenntnis.  Dasselbe  gilt  für  das  unendlich  Kleine.  Die
unendliche  Größe  der  Welt  und  das  unendlich  Kleine  der  Teile  ist  als
Grenzbegriff  unserer  Vernunft  nichts  weiter  als  ein  regulatives  Prinzip
derselben.  .

In  den  beiden  ersten  Antinomien  hat  man  es  mit  einer  Syn—
thefis  von  Gleichartigem  inbezug  auf  sinnliche  und  übersinnliche  Gegenstände
  zu  tun,  in  den  letzten  beiden,  in  den  dynamischen,  liegt  dagegen
eine  von  Ungleichartigem  vor.  Während  jene  es  mit  der  Größe  zu  tun
baben,  befassen  sich  diese  mit  dem  Dasein  und  mit  dem  Verhältnis  der

jekte.

Da  an  einem  Gegenstand  der  Sinne  dasjenige  intelligibel  ist,
was  nicht  selbst  Erscheinung  ist.  so  kann  letzteres,  wenn  es  Substrat  der
Erscheinung  ist,  von  zwei  Seiten  betrachtet  werden  und  zwar  als  intelligibel
  nach  der  Handlung  des  Ding  an  sich  und  sensibel  nach  der  Wirkung
als  Erscheinung  der  Sinnenwelt.  Da  die  intelligible  Seite  unter
keinem  Zeitverhältnis  steht  und  letzteres  das  Kriterium  für  die  Notwendigkeit
  der  Kausalität  ist,  so  fällt  die  Kategorie  der  Notwendigkeit
fort  und  man  kann  auf  Unabhängigkeit  und  Freiheit  schließen,  die  aber
inbezug  auf  den  intelligiblen  Charakter  nicht  erkannt,  sondern  nur
gedacht  werden  kann,  d.  h.  man  kann  wohl  die  Möglichkeit  aber  nicht  die
Wirklichkeit  der  Freiheit  nachweisen.  Inbezug  auf  den  phänomenalen
        <pb n="156" />
        –

Teil,  d.  h.  auf  die  Erscheinung  hat  man  es  aber  mit  Erkenntnis  zu
tun  und  hier  gilt  die  Kategorie  der  Notwendigkeit,  d.  h.  die  Antithefis
der  Antinomie.  Bei  der  dritten  Antinomie  ist  also  sowohl  die  Behauptung
  der  Thesis  als  auch  Antithesis  möglich,  je  nach  dem  Standpunkt,
  von  dem  man  sie  betrachtet.

In  der  vierten  Antinomie  handelt  es  sich  um  die  höchste  Bedingung
  alles  Veränderlichen,  d.  h.  um  die  Weltursache  als  notwendiges
Wesen  und  hiermit  um  die  unbedingte  Existenz  der  Substanz  selber.

Auch  in  der  vierten  Antinomie  können  sowohl  die  Behauptungen
der  Thesis  und  Antithesis  wahr  sein,  da  das  notwendige  Wesen  als
intelligibel  außer  der  Reihe  der  Erscheinungen  gedacht  werden  muß.
Betrachtet  man  die  Seite  der  Sinnenwelt,  so  wird  man  finden,  daß  alle
Dinge  als  zufällig  nur  eine  empirisch  bedingte  Existenz  haben,  was
aber  nicht  ausschließt,  daß  die  ganze  Reihe  der  Gesamtheit  eine  unbedingte
  Existenz  hat.  Dieses  Unbedingte  ist  intelligibel  und  kann  als
transzendentaler  Grund,  d.  h.  als  notwendiges  Wesen  gedacht  werden.

Auch  die  letzten  beiden  Antinomien  können  als  regulatives  Prinzip
  nur  zeigen,  daß  unfere  Vernunft  das  Intelligible  nur  als  Grenzbegriff
  gebrauchen  kann  und  daß  sie  hierüber  hinaus  nur  über  eine
Möglichkeit  aber  nicht  Wirklichkeit  urteilen  kann.  Das  Unbedingte  der
vierten  Antinomie  überschreitet  das  Kosmologische  der  Ideen  und  führt
ins  Übersinnliche  und  damit  zum  Ideal  der  reinen  Vernunft  überhaupt.

Die  Lehre  der  Theologie  vom  Dasein  Gottes,  die  sich  angeblich
auf  die  Vernunft  stützt,  hat  das  Bestreben,  die  Idee  vonsder  Möglichkeit
eines  Wesens  aller  Wesen  derartig  zu  vergegenständlichen  und  zu  einer
Wirklichkeit  zu  machen,  daß  sie  unserem  Begriff  zugänglich  ist.

Da  in  der  Idee  Gottes  als  das  Wesen  aller  Wesen  auch  diejenige
der  höchsten  Realität  liegt,  von  der  die  Beweise  für  das  Dasein  Gottes
der  rationalen  Theologie  ausgehen,  so  untersucht  Kant  zuerst,  was  der
Vernunft  von  der  höchsten  Realität  überhaupt  zugänglich  ist.

Kant  geht  davon  aus,  daß  auch  die  Begriffe  der  Negarionen  von
Realitäten  abgeleitet  sind,  so  daß  die  Realitäten  gewissermaßen  den
transzendentalen  Inhalt  zu  der  Möglichkeit  aller  Dinge  und  ihrer
durchgängigen  Bestimmung  enthalten.  Den  Gegenstand  durchgängig
zu  bestimmen,  heißt:  ihn  mit  allen  Aussagen  der  Erscheinung  vergleichen
und  ihn  dadurch  bejahend  oder  verneinend  vorzustellen.  Für  diese  Bestimmung
  haben  wir  nun  in  unserer  Vernunft  ein  transzendentales
Substrat,  das  in  diesem  Sinne  nichts  anderes  ist,  als  die  Idee  von  einem
Unbeschränktsein  der  Realität,  d.  h.  unser  geistiges  Ich  ist  selbst  Beweis,
  daß  es  etwas  Wirkliches  gibt,  das  über  unsere  Sinnenwelt  hinausgeht.
  In  dem  Unbeschränktsein  der  Rsalität  und  Homogenität  der
Materie  kann  man  hieraus  eine  solche  für  die  Allheit  herleiten  und
        <pb n="157" />
        153
diese  einem  transzendentalen  Ideal  zugrunde  legen,  von  der  als
höchste  Realität  das  Wesen  aller  Wesen  als  Gottesbegriff  gedacht  werden
kann.  Nach  einer  natürlichen  Illusion  lassen  wir  dabei  einen  Grundsatz,
  der  eigentlich  nur  für  Sinnendinge  gelten  kann,  für  alle  Dinge
gelten.  D.  h.  den  Begriff  der  Realität  der  uns  gegebenen  Sinnendinge
dehnen  wir  zu  einem  Inbegriff  der  Realität  aller  Dinge  aus.  Aus  der
Idee  vom  Inbegriff  aller  Realität  wird  in  der  Weise  das  Wesen  aller
Wesen  gemacht,  daß  durch  die  distributive,  d.  h.  verteilende  Einheit  des
Erfahrungsgebrauchs  des  Verstandes  in  die  kollektive,  d.  h.  zusammenfassende
  Einheit  eines  Erfahrungsganzen  dialektisch  verwandelt  wird.

Der  ontologische  Beweis  für  das  Dasein  Gottes  schließt  nun  aus
dem  Begriffe  Gottes  als  des  allerrealsten  Wesens  auf  seine  Existenz,
da  diese  und  zwar  als  notwendig  zu  den  Realitäten  gehört  und  im  Begriffe
  des  allerrealsten  Wesens  mit  enthalten  ist.  Nach  obigen  Ausführungen
  ist  der  Begriff  des  allerrealsten  Wesens  nur  ein  Gedankending,
  bei  dem  das  Sein  gerade  ein  Prädikat  ist,  das  sich  unserer  Erfahrung
  entzieht.  Legt  man  das  Sein  aber  schon  in  den  Begriff  des
Subjekts,  so  hat  man  nichts  weiter  als  eine  Tautologie,  d.  h.  ein  ana-Ilhtisches
  Urteil.  Die  Behauptung  aber,  die  bewiesen  werden  soll,  lautet:
Gott  ist,  und  diese  ist  wie  jeder  Existenzialsatz  ein  synthetisches  Urteil,
das  in  bezug  auf  Gedankendinge,  wie  im  vorhergehenden  erörtert,
niemals  a  priori  bewiesen  werden  kann.

Der  kosmologische  Beweis  schließt  daraus,  daß,  wenn  überhaupt
etwas  existiert,  auch  schechthin  ein  notwendiges  Wesen  als  dessen  Ursache
existieren  muß.  Dieser  Beweis  ist  nach  Kant  nicht  mehr  die  Außerung
einer  erlaubten  Hypothese,  sondern  die  dreiste  Ammaßung  einer  apopiktischen
  Gewißheit,  da  die  Prinzipien  der  Vernunft  zu  einer  Kausalreihe
über  die  Erfahrung  nicht  hinausführen  können,  und  über  diese  kann  man
wohl  etwas  als  möglich  aber  nicht  als  wirklich  und  notwendig  erkennen,
wie  schon  bei  der  dritten  Antinomie  dargelegt  ist.  Aber  selbst  wenn
man  auf  eine  erkennbare  schlechthin  notwendige  Ursache  käme,  so  ist  damit
  diese  noch  nicht  als  das  vollkommene  Wesen  erwiesen,  hierzu  müßte
erst  wieder  der  ontologische  Beweis  herangezogen  werden,  dessen  Ungültigkeit
  im  vorstehenden  dargelegt  ist.  ·

Der  physikotheologische  Beweis  schließt  aus  der  Zweckmäßigkeit
der  Natur  auf  die  absolute  Weisheit  und  Macht  eines  Urhebers.  Nach
Kant  verdient  dieser  Beweis  mit  Achtung  genannt  zu  werden,  da  er  der
älteste,  klarste  und  der  gemeinen  Menschenvernunft  am  meisten  angemessene
  ist.  Sachlich  hat  er  aber  nicht  die  geringste  Gültigkeit,  da  er
die  Vernunft  von  einer  Kaufalität,  die  sie  kennt,  zu  dunklen  und  unerweislichen
  Erklärungsgründen  führt,  die  sie  nicht  kennt.  Wenn  dieser
Beweis  von  der  Ordnung  und  Zweckmäßigkeit  der  Welt  auf  das  Dasein
        <pb n="158" />
        164
Gottes  schließt,  so  gelangt  er  nur  zu  dem  Begriffe  eines  Weltbaumeisters.
aber  nicht  zu  dem  eines  Weltschöpfers,  da  die  Voraussetzung  sich  nur
auf  die  Form  aber  nicht  auf  den  Inhalt  der  Materie  bezieht.  Für  den
Beweis  aus  letzterer  müßten  die  vorhergehenden  Beweise  herangezogen
werden,  die  ja  ebensowenig  Gültigkeit  haben.

Wenn  nun  auch  diese  Beweise  inhaltlich  vollständig  ihren  Zweck
verfehlen,  so  sind  doch  namentlich  die  ersten  beiden  insofern  von  Bedeutung,
  als  sie  regulativ  ein  sormales  Interesse  der  Vernunft  besorgen,
  denn  der  eine  zwingt  dazu,  daß  systematische  Einheit  in  die
Erkenntnis  gebracht  wird,  indem  einem  eingebildeten  obersten  Grund
nachgegangen  wird,  und  der  andere  warnt  davor,  keine  einzige  Bestimmung,
  die  die  Existenz  der  Dinge  betrifft,  als  den  absolut  notwendigen
  obersten  Grund  anzunehmen,  sondern  immer  noch  weiter
zu  forschen.

Die  transzendentale  Theologie  hat  nach  Kant  trotz  aller  Unzulänglichkeit
  einen  wichtigen  negativen  Gebrauch,  indem  sie  eine  beständige
  Zensur  unserer  Vernunft  ist,  soweit  sie  mit  reinen  Ideen  zu
tun  hat.  Ebenso  bleibt  das  höchste  Wesen  für  den  spekulativen  Gebrauch
  der  Vernunft  ein  bloßes  aber  doch  fehlerfreies  Ideal,  d.  h.  ein
Begriff,  der  die  ganze  menschliche  Erkenntnis  schließt  und  krönt,  dessen
objektive  Realität  auf  diesem  Wege  aber  weder  bewiesen  noch  widerlegt
werden  kann;  hiermit  ist  sowohl  den  Dogmen  der  Schulmetaphysik  als
auch  dem  Atheismus  der  Boden  entzogen.  Die  transzendentalen  Ideen
sind  also  nicht  konstitutive  Prinzipien,  durch  welche  gewisse  jenseits  der
Erfahrung  liegende  Objekte  erkannt  werden  können,  sondern  sie  fordern
nur  prinzipielle  Vollständigkeit  des  Verstandesgebrauchs  im  Zusammenhang
  der  Erfahrung  und  sie  sollen  als  regulatives  Prinzip  den  Verstand
  dazu  anhalten,  in  allen  Erkenntnissen  die  systematische  Einheit
zu  suchen.

Die  Vernunft  kann  uns  durch  ihre  Prinzipien  a  priori  nichts
weiter  lehren  als  was  ihr  die  Erfahrung  zugänglich  macht.  Über
letztere  kann  sie  nur  insofern  hinausgehen.  als  sie  nach  den  obersten
Gründen  aller  Erfahrung  forscht  und  zwar  nicht,  was  diese  an  sich  sind,
sondern  welches  ihre  höchsten  Zwecke  sind.  Dieses  letztere  ist  aber  nicht
eine  Aufgabe  der  reinen  sondern  der  praktischen  Vernunft.  Das  heißt
also  mit  anderen  Worten:  Die  Vernunft  kann  sich  mit  Ideen  beschäftigen,
  infolgedessen  muß  sie  dieses  tun,  um  sich  selbst  in  ihrer  Vollständigkeit
  kennen  zu  lernen.

Zum  Schluß  seien  hier  noch  Kants  eigene  Worte  über  das  Resultat
  der  Kritik  der  reinen  Vernunft  angeführt:  „Vernunft  lehrt  uns
durch  alle  ihre  Prinzipien  a  priori  niemals  etwas  mehr  als  Gegenstände
  möglicher  Erfahrung  und  auch  von  diesen  nichts  mehr  als  was
        <pb n="159" />
        in  der  Erfahrung  erkannt  werden  kann;  aber  diese  Einschränkung  hindert
  nicht,  daß  sie  uns  nicht  bis  zur  objektiven  Grenze  der  Erfahrung,
nämlich  der  Beziehung  auf  etwas,  was  selbst  nicht  Gegenstand  der  Erfahrung,
  aber  doch  der  oberste  Grund  aller  desselben  sein  muß,  führe,
ohne  uns  doch  von  demselben  etwas  an  sich,  sondern  nur  in  Beziehung
auf  ihren  eigenen  vollständigen  und  auf  die  höchsten  Zwecke  gerichteten
Gebrauch  im  Felde  möglicher  Erfahrung  zu  lehren.“

In  der  Kritik  der  praktischen  Vernunft  geht  Kant  nun  davon  aus,
daß  der  Mensch  für  sich  als  Subjekt  sowohl  mittelbares  als  auch  unmittelbares
  Objekt  ist.  D.  h.  der  Mensch  ist  für  seine  eigene  Vernunft
sowohl  Erscheinung  als  auch  Ding  an  sich.  Der  Mensch  ist  also  im
Kantschen  Sinne  sowohl  ein  Phänomen  als  auch  Noumen  und  besitzt
demzufolge  einen  akzidentiellen  und  einen  intelligiblen  Teil.

Für  den  intelligiblen  Teil  hat  nun  Kant  in  der  Kritik  der  reinen
Vernunft  bei  der  dritten  Antinomie  die  Möglichkeit  der  Freiheit  zugegeben.
  In  der  Möglichkeit  der  Freiheit  liegt  aber  auch  als  Voraussetzung
  die  Möglichkeit  des  Willens.  In  der  praktischen  Vernunft
nimmt  Kant  die  Freiheit  aber  als  wirklich  an,  und  zwar  folgert  er  sie
daraus,  daß  in  uns  ein  moralisches  Gesetz  mit  apodiktischer  Gewißheit
zur  Offenbarung  kommt,  d.  h.  ein  solches,  das  von  uns  a  priori  erkannt
  und  demzufolge  als  wirklich  angesehen  werden  muß  und  das  die
Freiheit  zur  Voraussetzung  hat.  Mit  der  Wirklichkeit  der  Freiheit  in
moralischer  Beziehung  wird  von  Kant  nun  weiter,  wie  im  folgenden
näher  erörtert,  auch  die  Möglichkeit  von  Gott  und  Unsterblichkeit  bewiesen.


Es  läßt  sich  nicht  verkennen,  daß  mit  dem  a  priori-Erkennen
des  moralischen  Gesetzes  —  und  etwas  anderes  kann  uns  nach  Kantscher
Auffassung  die  apodiktische  Gewißheit  nicht  geben  —  eine  Erweiterung
unseres  Begriffsvermögens  notwendig  gefolgert  werden  muß;  und  zwar
eine  Erweiterung,  die  die  in  der  Kritik  der  reinen  Vernunft  mit  den
Kategorien  festgelegte  Grenze  unter  allen  Umständen  überschreitet,  denn
das  moralische  Gesetz  setzt  nicht  nur  die  Freiheit  und  den  Willen  voraus,
  sondern  es  setzt  auch  notwendig  selbst  für  die  Autonomie  des  Willens
  die  Unterscheidung  von  gut  und  schlecht  voraus;  gut  und  schlecht
kann  eine  Sache  aber  nur  in  Hinsicht  auf  einen  Zweck  sein;  der  Verstand
muß  also  notwendig  im  Rantschen  Sinne  auch  die  Kategorie  des  Zwecks
besitzen.  Kant  hat  diese  Konsequenz,  da  sie  nicht  in  sein  System  paßte,
nicht  gezogen;  das  nähere  Eingehen  auf  die  Kritik  der  praktischen  Vernunft
  wird  aber  zeigen,  daß  sie  berechtigt  ist.

Während  Kant  in  der  Kritik  der  reinen  Vernunft  in  der  Analytik
von  den  Elementen  der  Anschauung  und  Vorstellung  zu  den  synthe-
        <pb n="160" />
        tischen  Grundsätzen  kommt,  fängt  er  in  der  Kritik  der  praktischen  Vernunft
  mit  der  Möglichkeit  praktischer  Grundsätze  a  priori  an.  Die
praktische  Vernunft  hat  es  überhaupt  nur  mit  den  Bestimmungsgründen
des  Willens  zu  tun,  d.  h.  sie  hat  es  nicht  damit  zu  tun,  etwas  zu  erkennen,
  sondern  etwas  der  Erkenntnis  entsprechend  durch  ihr  eigenes
Vermögen  wirklich  zu  machen.  Die  Möglichkeit  praktischer  Grundsätze
liegt,  wie  bereits  bemerkt,  im  Willen  und  in  dessen  Voraussetzung,  der
Freiheit.

Ist  ein  praktischer  Grundsatz  nur  subjektiv  gültig,  so  nennt  Kant
ihn  Maxime:  ist  er  dagegen  objektiv  gültig,  d.  h.  für  den  Willen  jedes
vernünftigen  Wesens,  so  neunt  er  ihn  ein  praktisches  Gesetz.

Ein  Imperativ  ist  eine  Regel,  die  durch  ein  Sollen  ausdrückt,
daß,  wenn  die  Vernunft  den  Willen  gänzlich  bestimmte,  die  Handlung
unausbleiblich  nach  dieser  Regel  erfolgen  würde.  Bestimmt  der  Imperativ
  den  Willen  nur  in  Ansehung  einer  begehrten  Wirkung  mit
Rücksicht  auf  die  Ausführbarkeit,  so  ist  er  hypothetisch.  Bestimmt  der
Imperativ  den  Willen  aber  schlechthin  ohne  Rücksicht  auf  die  Ausführbarkeit,
  so  ist  er  kategorisch  und  bei  objektiver  Gültigkeit  ein  praktisches
Gesetz.  Der  hypotherische  Imperativ  kann  nar  praktische  Vorschriften
geben,  da  er  in  der  Wirkung  auf  ein  Objekt  bedingt  ist,  das  nur
empirisch  gegeben  sein  kann,  hierbei  ist  aber  die  Notwendigkeit  durch
das  Subjekt  bedingt.  Man  hat  es  hier  nur  mit  praktischen  Prinzipien
zu  tun,  die  als  Bestimmungsgrund  des  Willens  ein  Begehrungsvermögen
  in  bezug  auf  das  Objekt  voraussetzen.  Diese  praktischen  Prinzipien
  gehören  in  den  Bereich  der  Selbstliebe  oder  eigenen  Glückseligkeit
und  können  als  empirische  Naturgesetze  die  Grundlage  für  praktische
Übereinkommen  der  Menschen  sein.  Sie  können  aber  nie  Anspruch  auf
objektive  Gültigkeit  machen,  da  diese  hierbei  bedeutet,  daß  die  Handlung
  nicht  nur  notwendig  geschieht,  sondern  geschehen  muß.

Hiernach  kann  sich  also  ein  vernünftiges  Wesen  seine  Maximen
nur  dadurch  als  praktische  Gesetze  denken,  wenn  sie  den  Bestimmungsgrund
  des  Willens  nur  der  Form  aber  nicht  dem  Inhalt  nach  enthalten,
d.  h.  wenn  man  bedingungslos  will.  Nur  hierdurch  ist  der  Wille  unabhängig
  von  den  Gesetzen  der  sinnlichen  Erscheinung,  d.  h.  frei  und
in  seiner  Außerung  a  priori.  Anderseits  sind  wir  uns  unmittelbar
bewußt,  daß  unser  Wille  einem  Gesetz  unterliegt,  das  schlechthin  gilt;
dieses  Gesetz  gibt  dem  Menschen  die  reine  Vernunft,  die  nicht  irren
kann  und  deren  Gesetze  daher  ohne  weiteres  praktisch  sein  müssen.  Dieses
  Gesetz,  das  a  priori  und  allgemein  gültig  ist,  nennen  wir  das
Sittengesetz.

Der  Erkenntnis  des  unbedingt-Praktischen  können  wir  uns  nur
unmittelbar  bewußt  werden  und  zwar  vom  Standpunkt  der  Moral  aus,
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        151
denn  der  Freiheit  können  wir  uns  nicht  unmittelbar  bewußt  werden,
da  ihr  Begriff  negativ  ist;  wir  können  auch  nicht  aus  der  Erfahrung
auf  sie  schließen,  da  wir  durch  diese  nur  den  Mechanismus  der  Natur
erkennen,  der  gerade  das  Gegenteil  der  Freiheit  ist.  Wir  können  also
die  Freiheit  nur  aus  der  Tauglichkeit  einer  Maxime  zum  praktischen
Gesetz  erkennen  und  auch  dieses  nur  unmittelbar.  In  dem  „ich  kann“,
werde  ich  mir  bewußt,  daß  ich  soll;  d.  h.  ich  erkenne  in  mir  das  Kategorische
  der  Moral,  deren  Voraussetzung  die  Freiheit  ist.

Nach  dieser  Auffassung  kommt  man  zu  dem  folgenden  Grundsatz
der  reinen  praktischen  Vernunft:  „Handle  so,  daß  die  Moxime  deines
Willens  jederzeit  als  Prinzip  einer  allgemeinen  Gesetzgebung  gelten
könne.“  Dieses  Gesetz  ist  der  kategorische  Imperativ  Kants,  der  als
tunthetischer  Satz  a  priori  weder  auf  reiner  noch  empirischer  Anschauung
  gegründet  ist  und  als  solcher  nicht  nur  für  alle  endlichen  Wesen,
die  Vernunft  und  Willen  haben,  sondern  auch  für  das  unendliche  Wesen
als  die  oberste  Intelligenz  gilt.

Der  kategorische  Imperativ  als  Grundgesetz  der  Moral  hat,  wie  ich
bereits  bemerkt  habe,  die  Freiheit  zur  Voraussetzung  und  diese  dokumentiert
  sich  in  der  Selbstbestimmung  des  Willens;  d.  h.  der  Wille
ist  hierbei  nicht  dem  Gesetz  unterworfen,  sondern  er  ist  selbst  gesetzgebend.
  Kant  neunt  dieses  die  Autonomie  des  Willens  und  bezeichnet
sie  als  das  alleinige  Prinzip  aller  moralischen  Gesetze  und  der  ihnen
gemäßen  Pflichten.  Hingegen  bezeichnet  Kant  mit  Heteronomie  der
Willkür,  wenn  sich  das  Handeln  auf  irgend  einen  besonderen  oder  allgemeinen
  Zweck  bezieht,  wobei  es  ganz  gleichgültig  ist,  ob  der  Zweck
ein  guter  oder  böser  ist,  d.  h.  mit  anderen  Worten,  wenn  der  Wille  durch
irgend  einen  Zwang  beeinflußt  wird.

Bei  der  Autonomie  des  Willens  kommt  das  Gebot  unabhängig
aus  dem  Innern  jedes  vernünftigen  Wesens:;  es  ist  also  unmittelbar
subjektiv.  Hingegen  bei  der  Heteronomie  des  Willens  ist  das  Gebot  abhängig
  vom  Objekt,  infolgedessen  nur  mittelbar  subjektiv.  Die  Autonomie
  des  Willens  wird  also  durch  das  Pflichtgefühl  und  die  Heteronomie
  durch  den  Vorteil  geleitet.  Man  hat  auch  zu  unterscheiden  zwischen.
einer  Handlung  aus  Pflicht  und  einer  pflichtgemäßen  oder  legalen.
Erstere  ist  eine  moralische,  die  nur  auf  subjektiv  reiner  Achtung  für  das
Gesetz  bafiert  und  gegen  alle  Selbstliebe  und  unter  Umständen  sogar
gegen  die  Legalität  sein  kann.  Wird  der  Wille  aber  außer  durch
Achtung  vor  dem  Gesetz  noch  durch  irgendwelche  Anregung  der  Selbstliebe
  beeinflußt,  selbst  wenn  sie  dabei  einen  guten  Zweck  verfolgt,  so
kann  eine  Handlung  wohl  pflichtmäßig  und  legal  inbezug  auf  die
menschliche  Gemeinschaftsordnung  sein:  sie  geschieht  aber  nicht  schlechthin
  aus  Pflicht.
        <pb n="162" />
        Nach  der  dritten  Antinomie  in  der  Kritik  der  reinen  Vernunft
kann  man  in  einem  Ursachsverhältnis  nur  inbezug  auf  den  intelligiblen
Teil  von  Freiheit  sprechen.  Hiernach  ist  das  moralische  Gesetz  ein  Gesetz
der  Kausalität  durch  Freiheit,  indem  hierfür  der  überfinnliche,  d.  h.  der
intelligible  Teil  des  vernünftigen  Wesens  in  Frage  kommt,  womit  aber
dem  Begriff  der  Freiheit  positive,  wenn  auch  nur  praktische  Realität
zukommt.  Die  Kausalität  als  Freiheit  kommt  also  dem  Menschen  zu,
soweit  er  Wesen  an  sich,  d.  h.  ein  Noumenon  ist;  die  Kausalität  als
Naturmechanismus  hingegen,  soweit  er  dem  Reiche  der  Erscheinungen
angehört.  Unsere  übersinnliche  Natur,  soweit  wir  uns  von  ihr  einen
Begriff  machen  können,  ist  nichts  anderes  als  eine  Natur  unter  der
Autonomie  der  reinen  praktischen  Vernunft.  Das  Gesetz  dieser  Autonomie
  aber  ist  das  moralische  Gesetz,  d.  h.  der  kategorische  Imperativ.

Für  dieses  Gesetz  gibt  es  weder  ein  Kriterium  für  die  Herkunft
  noch  für  die  apodiktische  Gewißheit  und  daß  es  a  priori  ist.  Wir
haben  für  dieses  Gesetz  als  einziges  Kriterium  nur  die  Gewißheit,  daß
es  unmittelbar  allen  vernünftigen  Wesen  bewußt  ist.  Umgekehrt  kommen
  wir  nun  von  diesem  Gesetz  auf  eine  Freiheit,  die  objektive  Realitär
hat,  da  der  intelligible  Teil  der  Kausalität,  der  die  Freiheit  voraussetzt,
auch  solche  hat,  d.  h.  wirklich  ist.  Die  Freiheit,  die  nach  Kant  ein
Postulat  der  praktischen  Vernunft  sein  muß,  kann,  wie  die  Kritik  der
reinen  Vernunft  gezeigt  hat,  möglich  sein,  wenn  bei  Ursache  und  Wirkung
  erstere  von  intelligibler  Herkunft  angenommen  wird.  Nun  ist
aber  die  Kausalität  eine  Kategorie,  die  zu  ihrer  Kußerung  der  Zeit  als
Schema  bedarf.  Die  Zeit  ist  aber  als  Außerung  unseres  inneren
Sinnes  subjektiv;  sie  kann  also  dem  Ding  an  sich,  d.  h.  dem  Intelligiblen
  nicht  als  angehörig  gedacht  werden.  Kant  erklärt  nun  diese
Schwierigkeir,  daß  entsprechend  einer  Kausalität,  die  aus  Naturmechanismus
  und  Freiheit  in  einer  Handlung  besteht,  auch  das  Subiekt
einen  doppelten  Charakter  hat  und  zwar  als  Erscheinung  in  der  Zeit
und  als  Noumenon,  d.  h.  Ding  an  sich  ohne  Zeitbedingung.  In  letzterer
Hinsicht,  in  der  es  sich  als  Einheit  selbst  Gesetze  gibt,  ist  ihm  nichts
vorhergehend  vor  einer  Willensbestimmung,  d.  h.  jede  Kausalreihe,  die
die  wechselnde  Bestimmung  seiner  Existenz  berrifft,  ist  nichts  als  Folge
und  nimmt  hier  ihren  Anfang.  Daß  das  Subjekt  in  diesem  Sinne  die
Freiheit  hat,  eine  Kausalreihe  ins  Leben  zu  rufen  oder  nicht,  geht  auch
daraus  hervor,  daß  das  Subjekt  hierfür  ein  Urteilsvermögen  hat,  das
sich  als  Gewissen  äußert.  Immerhin  hat  aber  die  Freiheit  nicht  eine
rein  objektive  Realität,  sondern  gewissermaßen  eine  subjektiv-objektive
oder  unmittelbar  objektive.

Eine  weitere  Schwierigkeit  ergibt  sich  für  die  Wirklichkeit  der
Freiheit  bei  der  notwendigen  Annahme,  daß  Gott  als  allgemeines
        <pb n="163" />
        1599
Urwesen  die  Ursache  auch  der  Substanz  sei,  die  alle  Handlungen  bei  der
Schöpfung  bereits  vorgesehen  hätte.  Die  Handlungen  des  Menschen,
die  aber  hierbei  in  Frage  kommen,  sind  solche  der  Bestimmung  in  der
Zeit,  die  der  Erscheinung  angehören  und  nicht  dem  Ding  an  sich,
andernfalls  wäre  der  Mensch  nichts  weiter  als  ein  von  Gott  in  Bewegung
  gesetzter  Automat.  Man  kann  sich  den  Menschen  überhaupt
ebensowenig  als  Erscheinung  wie  als  Ursache  der  Handlungen  in  der
Sinnenwelt  erschaffen  denken.  Der  Mensch  kann  nur  als  Noumenon  erschaffen
  sein,  dem  ein  Vermögen  a  priori  eigentümlich  ist,  sich  seine
Erscheinung  selbst  zu  schaffen.

Kant  macht  also  aus  der  theoretischen  Möglichkeit  der  dritten
Antinomie  der  Kritik  der  reinen  Vernunft  eine  praktische  Wirklichkeit.
Das  moralische  Gesetz  bestimmt  das  als  Wirklichkeit  einer  übersinnlichen
Natur,  was  die  spekulative  Philosophie  als  Möglichkeit  offen  gelassen
hat.  Die  praktische  Vernunft  ergänzt  in  dieser  Weise  gewissernaßen
die  theoretische,  wenn  auch  nur  in  praktischer  Betätigung,  infolgedessen
hat  sie  nach  Kant  den  Primat  vor  letzterer,  d.  h.  ihr  Interesse  ist  dem
der  theoretischen  übergeordnet.

In  Hinsicht  auf  das  Subjekt  kann  eine  Handlung  Wohl  und  Wehe
verursachen,  wobei  es  gleichgültig  ist,  ob  sie  an  sich  gut  oder  böse  ist.
Was  gut  ist,  muß  im  Urteil  eines  jeden  vernünftigen  Wesen  begehrenswert
  und  was  böse,  verabscheuungswert  sein;  mithin  bedarf  es  außer
der  Sinne  noch  der  Vernunft  zur  Beurteilung.  Wenn  ein  Vernunftprinzip
  als  Bestimmungsgrund  des  Willens  gedacht  wird,  d.  h.  ohne
Rücksicht  auf  ein  mögliches  Objekt  des  Begehrungsvermögens,  so  ist  das
Prinzip  a  priori  und  ein  praktisches  Gesetz  der  reinen  Vernunft.  Geht
aber  ein  Bestimmungsgrund  des  Begehrungsvermögens  vorher,  so  hat
man  nur  eine  praktische  Vorschrift,  ganz  abgesehen  davon,  daß  diese  auch
vernünftig  sein  kann.  Hieraus  folgt  nun,  daß  der  Begriff  des  Guten
und  Bösen  nicht  vor  dem  moralischen  Gesetz,  sondern  nach  demselben
und  durch  dasselbe  bestimmt  werden  kann.

Die  Begriffe  des  Guten  und  Bösen  sind  als  Folgen  der  Willensbestimmung
  a  priori  und  praktisch,  als  solche  können  sie  sich  nicht  auf
die  Kategorien  der  reinen  Vernunft  beziehen,  sondern  sie  setzen  diese
voraus.  Soweit  sich  die  Vernunft  aber  ein  Gesetz  der  Freiheit  gibt.
das  sich  als  a  Priori,  d.  h.  als  praktisches  Gesetz  ausweist,  sind  sie  als
Bestimmungsgrund  der  Kaufsalität  die  Modi  des  letzteren.  In  der
Freiheit  liegt  die  Möglichkeit  des  Begehrungsvermögens.  Das  Begehrungsvermögen
  besitzt  nun  ein  Mannigfaltiges  der  Begehrungen,  die
ein  ebenso  Mannigfaltiges  der  Freiheit  voraussetzen  und  die  Kant  die
Kategorien  der  Freiheit  nennt.  Kant  findet  auch  hier  analog  den-
        <pb n="164" />
        1060
jenigen  der  reinen  Vernunft  insgesamt  zwölf  dieser  Kategorien,  für  die
er  auch  dieselbe  Einteilung  hat  und  zwar:

I.  Der  Quantität  nach:
Subjektiv  nach  Maximen,  d.  h.  Willensmeinungen  des  Individuums:
objektiv  nach  Prinzipien,  das  sind  Vorschriften;
a  priori  objektive  sowohl  als  subiektive  Prinzipien  der  Freiheit,  das

sind  Gesetze.
II.  Der  Qualität  nach:
Praktische  Regeln  des  Begehens,
»  „  des  Unterlassens,
„  der  Ausnahmen.
III.  Der  Relation  nach:
Auf  die  Persönlichkeit,
auf  den  Zustand  der  Person,
wechselseitig  einer  Person  auf  den  Zustand  der  anderen.
IV.  Der  Modalität  nach:
Das  Erlaubte  und  Unerlaubte,
die  Pflicht  und  das  Pflichtwidrige,
vollkommene  und  unvollkommene  Pflicht.

Die  Freiheit  ist  hiernach  eine  Art  Kausalität,  die  aber  empirischen
Bestimmungsgründen  nicht  unterworfen  ist,  die  deshalb  als  außerhalb
der  Sinnenwelt  als  Eigenschaft  eines  intelligiblen  Wesens  angenommen
werden  kann,  bis  die  Kategorien  der  Modalität  den  Übergang  von
praktischen  Prinzipien  zu  solchen  der  Sittlichkeit  problematisch  einleiten.
Wenn  diese  in  ihrer  Gesetzmäßigkeit  auch  unmittelbar  bewußt  sind,  so
haben  sie  doch  einen  dogmatischen  Charakter  bekommen.

Die  Kategorien  der  reinen  Vernunft  bedürfen  zu  ihrer  Rußerung
ein  Schema.  Diejenigen  der  Freiheit,  d.  h.  einer  nicht  sinnlich  bedingten
Kausalität,  bringen  keine  Anschauung  hervor,  infolgedessen  bedürfen  sie
in  ihrer  Anwendung  ein  Schema  nicht,  sondern  das  alleinige  Erkenntnisvermögen,
  das  die  Anwendung  des  Sittengesetzes  auf  Gegenstände
der  Natur  vermittelt,  ist  der  Verstand.

Das  Wesentliche  des  moralischen  Gesetzes  ist,  daß  es  unmittelbar
den  Willen  bestimmt;  wie  dieses  möglich  ist  und  wie  überhaupt  ein  freier
Wille  möglich  ist,  das  sind  Probleme,  die  die  menschliche  Vernunft  nicht
zu  lösen  vermag.  Letztere  muß  sich  darauf  beschränken,  a  priori  zu
erkennen,  was  sie  an  sich  als  Triebfeder  im  Gemüt  des  Menschen  auslöst.
  Als  einzige  und  zugleich  unbezweifelte  moralische  Triebfeder
findet  Kant  die  Achtung  für  das  moralische  Gesetz,  soweit  diese  von  der
objektiven  Wirkung  desselben  unabhängig  ist.  Aus  dem  Begriff  der
Triebfeder  entspringt  derjenige  eines  moralischen  Interesses,  d.  h.  ein
reines  sinnenfreies  Interesse,  das  gewissermaßen  als  Triebfeder  des
        <pb n="165" />
        161

Willens  sich  nur  auf  das  Gesetz  an  sich  bezieht.  Denselben  Ursprung  hat
auch  der  Begriff  einer  moralischen  Maxime,  die  auf  dem  bloßen  Interesse
  beruht,  das  man  an  der  Befolgung  des  Gesetzes  nimmt.

In  der  grenzenlosen  Hochachtung  des  reinen  von  allen  Vorteilen
entblößten,  moralischen  Gesetzes,  wie  es  von  der  praktischen  Vernunft
uns  zur  Befolgung  gegeben  ist,  sieht  Kant  das  Besondere,  das  den
Menschen  bewegt  und  sich  als  moralisches  Gefühl  äußert.  Die  Handlung,
  die  hieraus  entspringt,  heißt  Pflicht.  Der  Begriff  der  Pflicht
fordert  also  an  der  Handlung,  daß  sie  in  objektiver  Hinsicht  mit  dem  Gesetz
  übereinstimmt  und  an  der  Maxime,  daß  sie  in  subjektiver  Hinsicht
Achtung  fürs  Gesetz  als  die  alleinige  Bestimmungsart  des  Willens
hervorbringt,  d.  h.  daß  mit  der  Handlung  allein  das  Gesetz  erfüllt
werden  soll.  Für  das  allervollkommenste  Wesen  fällt  bei  dem  moralischen
  Gesetz,  das  auch  für  dieses  gilt,  der  Begriff  fort;  hier  ist  es  nur
der  Ausdruck  der  Heiligkeit.  In  Hinsicht  auf  das  vollkommenste  Wesen
folgt  hieraus  das  Gebot:  Liebe  Gott  über  alles  und  deinen  Nächsten
als  dich  selbst!  —  Und  nicht:  Liebe  dich  über  alles,  Gott  aber  und
deinen  Nächsten  um  deinetwegen!

Neben  der  Pflicht,  die  Kant  als  ehrwürdigen  großen  Namen  bezeichnet,
  ist  es  die  Freiheit  und  Unabhängigkeit  von  dem  Mechanismus
der  ganzen  Natur,  die  die  Persönlichkeit,  soweit  sie  zur  intelligiblen
Welt  gehört,  ausmachen  und  deren  Eigentümlichkeit  darin  besteht,  sich
zugleich  als  Person  der  Sinnenwelt  von  der  eigenen  Vernunft  gegebenen
praktischen  Gesetzen  zu  unterwerfen,  dessen  Grundgesetz  das  Moralische
ist,  das  nach  Kant  heilig,  d.  h.  unverletzlich  ist.  Der  Mensch  dagegen  ist
zwar  unheilig;  doch  soll  ihm  das  heilig  sein,  daß  er  nicht  nur  Mittel
der  Schöpfung,  sondern  Zweck  an  sich  selbst  ist.

Weiter  untersucht  und  bestimmt  Kant  den  Begriff  vom  höchsten
Gut,  als  dessen  zwei  spezifisch  verschiedene  Elemente  er  Glückseligkeit
und  Sittlichkeit  erkennt,  deren  Verbindung  analytisch  nicht  erkannt  werden
  kann,  und  die  zu  der  Frage  führt,  wie  ist  das  höchste  Gut  praktisch
möglich)  D.  h.  ist  die  Begierde  nach  Glückseligkeit  die  Bewegsursache
zu  Maximen  der  Tugend,  oder  ist  die  Maxime  der  Tugend  die  wirkende
Ursache  der  Glückseligkeit?  Da  es  a  priori,  d.  h.  moralisch  notwendig
ist,  das  höchste  Gut  durch  Freiheit  des  Willens  hervorzubringen,  so
muß  die  Bedingung  der  Möglichkeit  lediglich  auf  Erkenntnisgründen
a  priori  beruhen.

Im  vorhergehenden  haben  wir  gesehen,  daß  ein  Gesetz,  in  dem  die
Begierde  nach  Glückseligkeit  die  Ursache  ist,  überhaupt  kein  moralisches
ist.  Das  erste  der  Frage  ist  deshalb  unmöglich  und  das  zweite  dagegen.
falsch,  da  die  Maxime  der  Tugend  a  priori  im  moralischen  Gesetz  liegt
und  nicht  eine  Ursache  desselben  sein  kann.  Es  liegt  hier  eine  Antino-FHinze,

  Sozlalbemokratie,  Christentum,  Matertallsmus  ond  der  Krieg.  11
        <pb n="166" />
        162

mie  der  praktischen  Vernunft  vor,  die  Kant  in  der  Weise  löst,  daß  er  die
Tugend  als  Ursache  in  den  intelligiblen  Teil  des  Menschen  legt  und  die
Gluͤckseligkeit,  unter  der  Selbstzufriedenheit  in  sittlicher  Beziehung  zu
verstehen  ist,  in  den  sinnlichen  Teil.  In  Hinsicht  auf  einen  intelligiblen
Urheber  der  Natur  kann  eine  Verbindung  in  dieser  Weise  nicht  nur  möglich,
  sondern  sogar  notwendig  sein.  Das  heißt,  in  praktischen  Grundsätzen
ist  eine  natürliche  und  notwendige  Verbindung  zwischen  dem  Bewußtsein
  der  Sittlichkeit  und  der  Erwartung  einer  ihr  proportionierten
Glückseligkeit  als  möglich  denkbar;  überhaupt  ist  in  dieser  Unterordnung
  der  Glückseligkeit  unter  die  Tugend  das  höchste  Gut  auch  das
ganze  Objekt  der  reinen  praktischen  Vernunft.

Vom  Postulat  der  Freiheit  kommt  Kant  zu  einem  Postulat  von
der  Unsterblichkeit  der  Seele.  Unter  Postulat  der  reinen  praktischen
Vernunft  versteht  Kant  einen  theoretischen  Satz,  der  einem  a  priori
unbedingt  geltenden  praktischen  Gesetz  unzertrennlich  anhängt,  aber
theoretisch  nicht  zu  beweisen  ist.  Ebenso  wie  die  Freiheit  mit  dem  moralischen
  Gesetz  in  diesem  Sinne  unzertrennlich  verknüpft  ist,  so  ist
auch  durch  den  Begriff  des  höchsten  Gutes  die  Unsterblichkeit  der  Seele
mit  dem  moralischen  Gesetz  unzertrennlich  verknüpft.

Das  notwendige  Objekt  für  den  durch  das  moralische  Gesetz  bestimmten
  Willen  besteht  allein  darin,  das  höchste  Gut  zu  erreichen.  Im
Begriff  des  höchsten  Gutes  liegt  aber  schon,  daß  hierbei  die  Gesinnung
dem  moralischen  Gesetz  völlig  angemessen  ist.  Die  völlige  Angemessenheit
  des  Willens  zum  moralischen  Gesetz  ist  Heiligkeit,  d.  h.  eine  Vollkommenheit
  der  Tugend,  der  kein  vernünftiges  Wesen  der  Sinnenwelt
während  des  Daseins  in  der  Zeit  fähig  ist,  solange  die  in  der  Sinnenwelt
  wurzelnde  Glückseligkeit  ihre  Folge  ist.  Da  sie  aber  als  praktisch
notwendig  gefordert  wird,  wie  uns  a  priori  bewußt  ist,  so  kann  sie  nur
in  einem  ins  Unendliche  gehenden  Fortschreiten  angetroffen  werden.
Das  heißt,  aus  dem  Widerstreit,  der  in  der  moralischen  Anforderung
an  den  Menschen  und  seinem  moralischen  Vermögen  liegt,  und  der  nach
dem  Gebot  des  moralischen  Gesetzes  notwendig  ausgeglichen  werden
muß,  folgt  die  Unsterblichkeit  der  Seele.  Man  kann  auch  sagen,  die
Endlichkeit  der  Sinnenwelt  bietet  uns  die  von  einem  intelligiblen  Urheber
  gewollte  Verknüpfung  von  Tugend  und  Glückseligkeit  nicht,  infolgedessen
  müssen  wir  sie  in  der  Unendlichkeit  erwarten.

Während  das  Postulat  der  Unsterblichkeit  der  Seele  aus  der  Vollkommenheit
  der  Sittlichkeit  hergeleitet  wurde,  wird  dasjenige  des  Daseins
  Gottes  von  der  Vollkommenheit  der  Glückseligkeit  als  des  anderen
Teiles  des  höchsten  Gutes  hergeleitet.

Glückseligkeit  als  der  Zustand  eines  vernünftigen  Wesens,  dem
betreffs  seiner  Existenz  alles  nach  Wunsch  und  Willen  geht,  beruht  auf
        <pb n="167" />
        163

der  Übereinstimmung  der  Natur  zu  seinem  ganzen  Zweck  und  zu  dem
wesentlichen  Bestimmungsgrunde  seines  Willens.  Das  handelnde  vernünftige
  Wesen  ist  aber  nicht  Ursache,  sondern  abhängig  von  der  Natur,
es  kann  infolgedessen  durch  seine  Kraft  die  Übereinstimmung  nicht  erwirken.
  Da  das  moralische  Gesetz  aber  Freiheit  voraussetzt,  daher
Unabhängigkeit  von  der  Natur  notwendig  verlangt,  so  ist  kein  notwendiger
  Zusammenhang  zwischen  Sittlichkeit  und  der  ihr  proportionierten
  Glückseligkeit  eines  zur  Welt  als  Teil  gehörigen  Wesens  festzustellen.
  Anderseits  wird  aber  im  Postulat  der  Unsterblichkeit  der
Seele  als  möglich  hingestellt,  daß  eine  Übereinstimmung  vom  Standpunkt
  der  Sittlichkeit  nicht  nur  möglich  ist,  sondern  auch  erstrebt  und
erreicht  werden  soll.  Der  Grund  der  Übereinstimmung  ist  also  vorhanden;
  in  der  Natur  ist  er  nicht,  folglich  muß  er  außerhalb  derselben
und  zwar  außerhalb  der  gesamten  Natur  gewissermaßen  als  oberste
Ursache  sein.  Es  wird  also  das  Dasein  einer  Ursache  der  gesamten
Natur,  die  letztete  nicht  selbst  ist,  postuliert,  und  die  als  solche  den  Grund
der  genauen  Übereinstimmung  der  Sittlichkeit  und  der  Tugend  enthält.
Diese  oberste  Ursache  soll  den  Grund  der  Übereinstimmung  der  Natur
mit  den  Sitten  aber  nicht  nur  der  Form  sondern  auch  der  moralischen
Gesinnung  nach  enthalten.  Also  wird  das  oberste  Gut  in  der  Welt  nur
dadurch  möglich,  daß  eine  oberste  Ursache  in  der  Welt  angenommen
wird,  die  eine  der  moralischen  Gesinnung  gemäße  Kausalität  hat.  Ein
Wesen  aber,  das  sich  Gesetze  vorstellen  und  danach  handeln  kann,  hat
Verstand  und  als  Grund  in  der  Kausalität  den  Willen.  Also  ist  die
oberste  Ursache  in  der  Natur,  soweit  sie  zum  höchsten  Gut  vorausgesetzt
werden  muß,  ein  Wesen,  das  dieses  durch  Verstand  und  Willen  ist;  es
muß  als  solches  auch  als  Urheber  der  Welt,  als  Gott  bezeichnet  werden.

Da  es  die  Pflicht  des  Menschen  ist,  das  höchste  Gut,  d.  h.  die  angemessene
  Verbindung  von  Tugend  und  Glückseligkeit  hervorzubringen,
so  setzt  dieses  die  Möglichkeit  des  höchsten  Gutes  voraus  und  mit  ihm
das  Dasein  Gottes.  Es  ist  also  unser  Pflichtgefühl,  d.  h.  es  ist  moralisch
  notwendig,  das  Dasein  Gottes  anzunehmen.  In  diesem  Sinne
erfüllt  das  Dasein  Gottes  für  uns  ein  Bedürfnis  in  praktischer  Absicht,
d.  h.  das  seelische  Gleichgewicht  in  uns  herzustellen;  dieses  wird  aber
erfüllt  durch  den  Glauben,  der  aber  aus  reiner  theoretischer  und  reiner
praktischer  Vernunft  abgeleitet  ein  reiner  Vernunftglaube  ist.  Anderseits
  ist  ein  Wesen,  das  sich  selbst  die  Pflicht  vorstellen  und  danach
handeln  kann,  für  unsere  Vernunft  ein  Verstandswesen,  d.  h.  Gott  ist
in  diesem  Sinne  die  oberste  Intelligenz,  die  als  solche  aber  keine  Gefühlssache
  a  priori  von  uns  ist,  sondern  eine  Erkenntnissache  der  reinen
Vernunft,  die  infolgedessen  nur  eine  Hypothese  ergeben  kann.

Es  führt  also  das  moralische  Gesetz  durch  den  Begriff  des  höchsten

114
        <pb n="168" />
        164
Gutes,  als  das  Objekt  und  der  Endzweck  der  reinen  praktischen  Vernunft,
  zur  Religion,  d.  h.  zu  der  Erkenntnis  aller  Pflichten  als  göttlicher
  Gebote,  die,  wenn  sie  auch  die  wesentlichen  Gesetze  eines  jeden
freien  Willens  für  sich  selbst  sind,  doch  als  Gebote  des  höchsten
Wesens  angesehen  werden  müssen.  Die  Religion  führt  also  nicht  zu
einer  Moral,  wie  wir  uns  glücklich  machen,  sondern  wie  wir  der  Glückseligkeit
  würdig  werden  sollen.

Durch  die  Postulate  der  praktischen  Vernunft  bekommt  die  theoretische
  Erkenntnis  der  reinen  Vernunft  insofern  eine  Erweiterung,  daß
letztere  berechtigt  ist,  die  Möglichkeit  des  höchsten  Gutes  als  praktisch
schlechthin  notwendiges  Objekt,  dem  die  Postulate  anhängen,  vorauszusetzen.
  Von  dieser  Erweiterung  kann  aber  in  theoretischer  Absicht
kein  positiver  Gebrauch  gemacht  werden.  Die  drei  Ideen  der  spekulativen
  Vernunft  sind  an  sich  noch  keine  Erkenntnisse,  sondern  nur  Gedanken,
  in  denen  nichts  Unmögliches  ist,  denen  aber  durch  die  Postulate
Obiekte  gegeben  werden,  indem  ein  bloß  problematischer  Gedanke  objektive
  Realität  bekommt.  Trotzdem  kann  die  spekulative  Vernunft  im
Besitze  des  Zuwachses  mit  jenen  Ideen  nicht  erweiternd,  sondern  nur
erläuternd  vorgehen,  so  daß  sowohl  dem  Anthropomorphismus,  d.  h.
der  Menschgestaltung  Gottes  als  auch  dem  Fanatismus  der  Boden  entzogen
  wird.

Das  einzige,  was  wir  aber  wirklich  wissen,  ist,  daß  wir  jenseits
unserer  Sinnenwelt  nichts  Positives  wissen  und  daß  hier  das  Gebiet
des  Glaubens  liegt,  dessen  Grenzen  Kant  genau  ermittelt  haben  will.
Es  scheint,  als  ob  die  Natur  in  der  Begrenzung  unserer  Erkenntnis  in
Ansehung  unseres  Zweckes  uns  etwas  stiefmütterlich  behandelt  hätte.
Dieses  ist  aber  nicht  der  Fall,  denn  könnten  wir  den  Glauben  durch
Wissen  ersetzen,  so  würden  Gott  und  Ewigkeit  mit  ihrer  furchtbaren
Majestät  uns  unablässig  vor  Augen  liegen;  wir  würden  das  Gesetz
erfüllen,  weil  wir  als  Wissende  nicht  anders  könnten;  d.  h.  wir  könnten
unsere  Pflicht  nicht  aus  Sittlichkeit  erfüllen,  das  gerade  unser  Menschliches
  ausmacht.  So  ist  denn  die  unerforschliche  Weisheit,  durch  die
wir  existieren,  nicht  minder  verehrungswürdig  in  dem,  was  sie  uns
versagte,  als  in  dem,  was  sie  uns  zuteil  werden  ließ.

Die  Zeit  nach  Kant.

Im  vorstehenden  habe  ich  versucht,  die  Philosophie  Kants,  soweit
sie  für  die  christliche  Kirche  in  Betracht  kommt,  im  Zusammenhang  darzustellen.
  Das  System  hat  trotz  der  Gründlichkeit,  mit  der  es  zustande
gebracht  ist,  manche  Schwächen  und  kein  derartiges  Werk  hat  zu  so
vielen  Kommentaren  Veranlassung  gegeben  als  dieses.  Es  läßt  sich  auch
        <pb n="169" />
        165

nicht  übersehen,  daß  Kant  selbst  auf  dem  Gebiet  der  Logik  nicht  immer
ganz  logisch  ist  und  dort,  wo  man  Kriterien  für  seine  Thesen  sucht,  nur
einen  Hinweis  auf  seine  Unfehlbarkeit  findet,  wie  z.  B.  in  seiner  Lehre
vom  innern  Sinn  und  vom  Umfang  und  der  Ableitung  seiner  Kategorientafel.
  Aber  dieses  ist  schließlich  nicht  das  Wesentliche,  so  daß
trotz  solcher  Schwächen  der  Kritizismus  Kants  für  den  philosophischen
und  theologischen  Idealismus  und  Dualismus  von  grundlegender  Bedeutung
  ist.  Es  hat  sich  überhaupt  jede  Weltanschauung,  die  auf  philosophischer
  Basis  gegründet  ist  und  ernst  genommen  werden  will,  mit
Kants  Lehre  von  den  spnthetischen  Urteilen  a  priori  und  derjenigen
von  Raum  und  Zeit  auseinanderzusetzen,  womit  aber  auch  gesagt  ist,
daß  mit  jenen  Lehren  Kants  System  steht  und  fällt.  Ich  komme  hierauf
  im  nächsten  Abschnitt  noch  eingehend  zurück.

Was  nun  aber  Kants  Verhältnis  zum  christlichen  Lehrsystem  anbetrifft,
  so  dürfte  es  wohl  nicht  zweifelhaft  sein,  daß  er  in  der  Kritik
der  reinen  Vernunft  letzteres  theoretisch  vom  Standpunkt  der  Erkenntnis
  bis  zur  völligen  Vernichtung  erledigt  hat.  Wenn  er  in  der  Kritik
der  praktischen  Vernunft  auch  das  Wesentliche  vom  Standpunkt  der  Moral
als  Glaubenssache  wieder  aufgerichtet  hat,  so  hat  er  das  Glaubensgebiet
doch  derartig  begrenzt,  daß  die  Glaubenssätze  der  Kirche  wohl  eine
zeitliche  Berechtigung  und  Bedeutung  haben  können,  daß  sie  aber  keine
ewige  von  Gott  geoffenbarte  Wahrheiten  sind,  sondern  daß  die  Entwicklung
  des  Kirchenglaubens  überhaupt  dahin  gehen  muß,  sie  mit  der
Zeit  durch  einen  reinen  Vernunftglauben  auszuschalten.  Mit  andern
Worten:  Die  christlichen  Glaubenssätze  sind  theoretisch  nicht  haltbar,
aber  praktisch  können  sie  dem  Bildungsniveau  der  Zeit  entsprechend
nicht  nur  berechtigt  sondern  sogar  notwendig  sein.  Von  solchem  Standpunkt
  aus  ist  es  selbstverständlich,  daß  den  Außerlichkeiten  der  Kirche
jede  Bedeutung  abgesprochen  wird  und  daß  diese  sogar  für  schädlich  angesehen
  werden  müssen,  wo  sie  zur  Heuchelei  erziehen  und  so  das  sittliche
  Handeln  mehr  hemmen  als  fördern.

Stellt  man  in  besonderen  die  Philosophie  Kants  als  diejenige  des
Protestantismus  der  des  Thomas  von  Aquino  als  derjenigen  des  Katholizismus
  gegenüber,  so  läßt  sich  unschwer  feststellen,  daß  ein  Fortschritt
letzterer  gegenüber  aber  nur  innerhalb  der  Grenzen  des  Idealismus  zu
finden  ist.  Von  seiner  Kategorienlehre  an  wird  Kant  überdies  genau  so
dogmatisch,  wie  es  der  heilige  Thomas  ist.  Kant  nimmt  genau  wie  jener
eine  vom  Körper  unabhängige  seelische  Wirkung  im  Menschen  an.
Während  Thomas  die  Ursache  dieser  Wirkung  aber  in  einer  immateriellen
  Seele  sieht,  läßt  Kant  die  Frage  nach  der  Ursache  offen  und
ungelöst,  und  er  versucht  nur  in  der  Kriktik  der  praktischen  Vernunft
eine  Möglichkeit  für  die  Seele  zu  finden.  Kant  hat  eigentlich  nur  gezeigt,
        <pb n="170" />
        166

daß  die  letzten  großen  Fragen  der  Menschheit  mit  dem  Idealismus
weder  endgültig  noch  befriedigend  beantwortet  werden  können.  Diese
Feststellung  ist  aber  unverkennbar  von  der  allergrößten  Wichtigkeit.

Anderseits  ist  der  Kantsche  kategorische  Imperativ  nichts  anderes
als  der  philosophisch  verschnörkelte  Fundamentalsatz  der  christlichen
Ethik:  „Du  sollst  Gott  und  deinen  Nächsten  lieben  als  dich  selbst!“

Positiv  genommen  bieten  also  weder  der  Protestantismus  noch
die  Philosophie  Kants  einen  Fortschritt  im  Christentum  selbst.  Als
Philosophie  des  Christentums  kann  überhaupt  diejenige  des  hl.  Thomas
in  ihrer  klaren  Verständlichkeit  und  genialen  Abrundung  weder  reformiert
  noch  verbessert  werden.  Der  Protestantismus  als  auch  die  Philosophie
  Kants  haben  in  philosophischer  Beziehung,  auf  die  es  am  letzten
Ende  aber  allein  ankommt,  nur  einen  negierenden  Wert.  Sie  machen
gewissermaßen  nur  den  Boden  empfänglich  für  den  philosophischen  Materialismus,
  der  von  den  Erfahrungswissenschaften  unterstützt,  bereits
die  Offensive  zu  einem  für  ihn  siegreichen  Kampfe  ergriffen  hat.

Es  ist  gewissermaßen  das  Wesen  des  christlichen  Protestantismus,
daß  er  sich  in  stetiger  Bewegung  und  Entwicklung  befindet.  Und  zur
Zeit  Kants  war  er  bei  den  Intellektuellen  durch  Lessing,  Reimarus  u.  a.
besonders  stark  in  Bewegung  gebracht,  so  daß  Kants  Lehren  einen  fruchtbaren
  Boden  gefunden  haben.  Sie  haben  dann  auch  nur  im  Protestantismus
  Wurzel  gefaßt.  Immerhin  kann  Kant  nicht  als  Philosoph  des
Protestantismus,  gewissermaßen  im  üblen  Sinne  als  Scholastiker  desselben
  bezeichnet  werden,  denn  für  die  protestantischen  Kreise  selbst  im
Lande  der  Dichter  und  Denker  gilt  auch  heute  noch,  was  Schlosser  in
seiner  Weltgeschichte  schreibt,  nämlich,  daß  wenige  die  Philosophie  Kants
beurteilen  können,  obgleich  das  Resultat  alle  angeht.

Jedenfalls  hat  Kant  das  Christentum  vom  Standpunkt  des
Idealismus  derartig  verwässert,  daß  es  in  seiner  Aufmachung  fast  nicht
wieder  zu  erkennen  ist.  Hierzu  kommt  aber  noch,  daß  es  auch  auf  materiellem
  Gebiet  in  der  Naturwissenschaft  einen  Gegner  gefunden  hat,
der  insofern  von  der  größten  Bedeutung  ist,  als  dessen  Resultate  nicht
nur  unzweifelhaft  apodiktisch,  sondern  auch  in  ihrer  Handgreiflichkeit
allgemein  verständlich  sind.

Der  Entwicklung  der  Naturwissenschaft  entsprechend  ist  es  zuerst
die  Astronomie  gewesen,  die  den  Bibelglauben  bedenklich  ins  Wanken
gebracht  hat,  und  zwar  war  es  schon  zu  Luthers  Zeit  Kopernikus,  der  eine
dreifache  Bewegung  der  Himmelskörper  festgestellt  hat,  nämlich:  I.  Eine
tägliche  Bewegung  der  Erde  um  die  eigene  Achse  von  West  nach  Ost.
II.  Eine  jährliche  Bewegung  der  Erde  um  die  Sonne  von  West  nach
Ost.  III.  Eine  entsprechende  Bewegung  sämtlicher  Planeten  um  die
Sonne.  Diese  Feststellung,  die  der  mosaischen  Schöpfungsgeschichte  der
        <pb n="171" />
        167

Bibel  vollständig  entgegengesetzt  ist,  wurde  später  von  Galilei  bestätigt
und  von  Johann  Kepler  erweitert.  Letzterer  stellte  fest,  daß  die  Planeten
  mit  ihren  Bahnen  nicht  Kreise,  sondern  Ellipsen  beschreiben,  in
deren  einem  Brennpunkt  die  Sonne  steht;  ferner  daß  die  Quadratzahlen
der  Umlaufszeiten  der  Planeten  sich  zueinander  verhalten,  wie  die
Kubikzahlen  ihrer  mittleren  Entfernung  von  der  Sonne,  und  schließlich,
  daß  die  Verbindungslinien  mit  der  Sonne,  die  „Radii  vectores“
zu  gleichen  Zeiten  gleiche  Flächen  beschreiben.  Galilei  hatte  außerdem
noch  das  Fallgesetz  entdeckt,  das  besagt,  daß  sich  die  Quadrate  der  Fallzeiten
  wie  die  Fallräume  verhalten.  Dieses  Fallgesetz  wurde  durch  die
Massenanziehung  erklärt,  die  Kepler  auch  später  bei  der  Bewegung  der
Himmelskörper  vermutete,  die  Newton  aber  erst  bestimmt  nachgewiesen
und  mathematisch  in  seinem  Gravitationsgesetz  zum  Ausdruck  gebracht
hat,  nach  diesem  verhält  sich  die  Anziehung  zwischen  zwei  Massen  umgekehrt
  wie  das  Quadrat  der  Entfernung.

Neben  der  Astronomie,  die  die  Gesetzmäßigkeit  im  großen  nachgewiesen
  hat,  ist  es  die  Chemie,  die  diese  im  kleinen  nachweist.  Die
erste  grundlegende  Entdeckung  hat  der  Franzose  Lavoisier  gemacht,
indem  er  nachweisen  konnte,  daß  bei  chemischen  Veränderungen  das
Gewicht  der  Ausgangssubstanzen  gleich  ist  dem  der  Endsubstanzen,  daß
also  bei  einer  chemischen  Veränderung,  sei  es  beispielsweise  durch  Verbrennung
  oder  Verwesung,  von  der  Substanz  nichts  verloren  geht.
Diesem  Gesetz  von  der  Erhaltung  der  Substanz  schließt  sich  das  ebenso
wichtige,  von  Robert  Mayer  entdeckte,  von  der  Erhaltung  der  Kraft  an:
letzteres  heißt:  Eine  Energie  läßt  sich  verlustlos  und  gesetzmäßig  in  eine
ander,  überführen,  wie  z.  B.  Wärme  in  mechanische  Arbeit  und  umgekehrt.
  «

Von  nicht  minder  großer  Bedeutung  sind  die  Resultate  der
synthetischen  und  physiologischen  Chemie.  In  ersterer  war  es  der  Anfang
  einer  neuen  Epoche,  als  Fr.  Wöhler  im  Hannstoff  den  ersten
organischen  Körper  aus  seinen  Elementen  aufbauen  konnte.  Dieser
Synthese  folgte  dann  unter  andern  in  neuerer  Zeit  von  Emil  Fischer
diejenige  des  Zuckers  und  des  Eiweißes.  Der  letzte  Körper  ist  der
wesentliche  Bestandteil  der  Pflanzen=  wie  auch  Tierzellen,  in  denen
also  dieselben  Kräfte  wirken  als  in  der  anorganischen,  d.  h.  leblosen
Natur.  Da  aus  Zellen  auch  der  Mensch  zusammengesetzt  ist,  so  ist  in
seinem  organischen  Leben  notwendig  dieselbe  Gesetzmäßigkeit  als  in
der  ihn  umgebenden  Natur.  ·

Jedenfalls  haben  diese  Entdeckungen  den  strengen  Beweis  erbracht,
  daß  in  der  Natur,  den  Menschen  eingeschlossen,  alles  gesetzmäßig
zugeht  und  daß  von  Wundern  und  Offenbarungen,  wie  sie  die  Bibel
und  die  Tradition  der  Kirche  lehrt,  keine  Rede  sein  kann,  sondern  daß
        <pb n="172" />
        168

es  sich  dabei  nur  um  eine  fromme  Erdichtung  handelt,  die  zu  einer
bestimmten  Zeit  vielleicht  eine  gewisse  Berechtigung  hatte,  die  aber
heute  vor  dem  Richterstuhl  der  Vernunft  nicht  mehr  bestehen  kann.

Die  oben  skizzierten  Resultate  der  Naturwissenschaft  haben  aber
philosophisch  genommen  nicht  nur  eine  verneinende  Eigenschaft,  sondern
mit  vielen  andern  vereint  auch  eine  bejahende,  indem  sie  das  Material
zu  einer  Hypothese  bieten,  die  über  die  Herkunft  und  den  Zweck  des
Menschen  etwas  aussagt,  daß  sich  mit  der  Erfahrung  nicht  im  Widerspruch
  befindet  und  das  sehr  viel  Wahrscheinlichkeit  für  sich  hat,  und
das  den  Inhalt  des  nächsten  Abschnittes  ausmachen  soll.

Von  Kant  ausgehend  und  getrieben  durch  die  naturwissenschaftlichen
  Ergebnisse,  hat  im  Protestantismus  die  sogenannte  rationale
Theologie  wieder  eingesetzt,  deren  Anfänge  bis  auf  Wolff  und  Leibniz
zurückgehen  und  der  auch  zur  Zeit  Friedrichs  d.  Gr.  in  der  Aufklärung
schon  bedeutend  vorgearbeitet  war.  Unter  Friedrich  d.  Gr.  war  es  in
Deutschland  hauptsächlich  Herm.  Sam.  Reimarus,  der  Bibel  und
Christentum  einer  gründlichen  Untersuchung  unterzog,  die  für  beide
sehr  vernichtend  ausgefallen  ist.  Reimarus  konnte,  wie  David  Fr.
Strauß  schreibt,  an  den  handelnden  Personen  der  Bibel  nichts  Göttliches,
  wohl  aber  Menschliches  im  schlimmsten  Sinne  des  Wortes  finden.
Das  christliche  Glaubenssystem  ist  nach  ihm  nicht  nur  falsch  und  voller
Widersprüche,  sondern  auch  allen  gesunden  religiösen  Begriffen  der  Menschen
  entgegen  gesetzt  und  der  sittlichen  Vervollkommnung  des  Menschen
direkt  hinderlich.  Nach  Reimarus  ist  das  einzige  göttliche  Wunder  die
Schöpfung  selbst.  Alle  anderen  Wunder  stehen  mit  der  göttlichen
Weisheit  und  Vollkommenheit  im  Widerspruch.  Der  Zweck  Gottes  bei
der  Schöpfung  der  Welt  ist  gewesen,  alle  möglichen  lebenden  Wesen
hervorzubringen,  deren  Bestimmung  darin  besteht,  sich  zu  einem  bestmöglichen
  Leben  in  Einklang  zu  bringen.  In  dieser  weisen  Einrichtung
ist  die  Offenbarung  Gottes  zu  sehen.

Aber  nicht  nur  in  Deutschland,  sondern  auch  in  dem  katholischen
Frankreich  und  in  dem  bigotten  England  hatte  eine  derartige  Kritik
mit  folgender  Zersetzung  des  Christentums  eingesetzt.  In  Frankreich
waren  es  neben  Voltaixe,  Montesquien  und  Rousseau  die  verschiedenen
materialistischen  philosophischen  Systeme,  die  einen  weitgehenden  Einfluß
  selbst  über  die  Grenzen  Frankreichs  hinaus  in  dieser  Beziehung  ausübten.
  Hingegen  waren  es  in  England  neben  dem  schon  zitierten
Berkeley,  die  Philosophen  Locke,  Hume,  Adam  Smith  und  die  schottischen
  Philosophen  sowie  die  Naturwissenschaftler  Priestley  und  Newton,
die  für  alle  Kulturnationen  aufklärend  wirkten  und  denen  bereits  im
17.  Jahrhundert  von  Bacon,  Hobbes  und  Herbart  of  Cherbury  weitgehend
  vorgearbeitet  war.
        <pb n="173" />
        169

Der  Rationalismus  sollte  einen  Ausgleich  zwischen  dem  alten
Kirchenglauben  und  den  Forschungsergebnissen  der  Aufklärung  schaffen.
Er  versuchte  zu  diesem  Zweck,  alles  Übernatürliche  der  Bibel  und  der
christlichen  Lehre  auf  einen  natürlichen,  widerspruchsfreien  und  gemeinverständlichen
  Zusammenhang  zu  bringen.  Dieses  Bestreben  hätte
nun  viel  für  sich,  wenn  sich  nicht  inzwischen  als  unzweifelhaft  herausgestellt
  hätte,  daß  der  ganze  Inhalt  des  neuen  Testaments  überhaupt
keine  historische  Treue  besitzt,  worauf  ich  schon  weiter  oben  hingewiesen
habe.  Von  den  ganzen  Schriften  des  neuen  Testaments  ist  nur  die
Echtheit  der  vier  ersten  Briefe  des  Apostel  Paulus  unbestritten.  Die
drei  ersten  Evangelien  samt  der  Apostelgeschichte  gelten  für  tendenziöse
Kompilationen  aus  dem  Anfang  und  das  vierte  als  eine  dogmatisierende
  Zusammenstellung  aus  einer  etwas  späteren  Zeit.  Hierzu  kommt
nun  noch,  daß  in  neuerer  Zeit  der  Assyriologe  Prof.  Delitzsch  festgestellt
hat,  daß  auch  im  alten  Testament  vieles  anfechtbar  ist,  und  daß  die
mosaische  Schöpfungsgeschichte  und  die  Grundlagen  der  jüdischen  Kultur
von  Moses  den  Babyloniern  entlehnt  sind,  die  sie  ihrem  großen
Hammurabi  zu  verdanken  haben.

In  diesem  Zusammenhang  muß  auch  noch  das  theologische  System
Schleiermachers  berücksichtigt  werden,  der  unmittelbar  nach  Kant,  gestützt
auf  das  Johannes-Evangelium  das  fromme  Gefühl  als  Kriterium  für  den
Glauben  angenommen  hat,  und  der  im  übrigen  für  die  Entwicklung  des
Protestantismus  von  nicht  geringem  Einfluß  gewesen  ist.  Schleiermacher
  hatte  sich  die  Aufgabe  gestellt,  einen  ewigen  Vertrag  zu  stiften
zwischen  dem  lebendigen  christlichen  Glauben  und  der  nach  allen  Seiten
freigelassenen,  unabhängig  für  sich  arbeitenden  wissenschaftlichen  Forschung,
  so  daß  jener  diese  nicht  hindere  und  diese  nicht  jenen  ausschließe.
  Im  übrigen  ließ  Schleiermacher  weder  die  Schöpfung  nach
der  Bibel,  noch  die  Lehre  vom  Sündenfall,  von  der  Geburt  Jesu  aus
der  Jungfrau,  von  seinen  Wundern,  seiner  Auferstehung  und  seiner
Himmelfahrt  gelten.  Schleiermacher  findet  die  wahre  Bedeutung  der
theologischen  Begriffe,  Dogmen  und  Sätze  darin,  daß  durch  sie  das
religiöse  Gefühl,  d.  h.  das  fromme  Gefühl  im  unmittelbaren  Selbstbewußtsein
  in  der  Richtung  auf  das  Unendliche  und  Ewige  zum  Ausdruck
  gelange.  Den  Sätzen  und  Dogmen  ist  als  solchen  noch  keine
wissenschaftliche  Gültigkeit  beizulegen,  da  nicht  die  Objekte  der  religiösen.
Vorstellungen,  sondern  die  dadurch  ausgedrückten  Gemütszustände  Berechtigung
  haben.  Religion  ist  nach  Schleiermacher  das  Bewußtsein
unserer  Einheit  mit  dem  Ewigen  und  Unendlichen,  welches  sich  in  der
Welt  spiegelt;  es  ist  also  das  Bewußtsein  der  Einheit  von  Vernunft
und  Natur,  des  Unendlichen  und  Ewigen  mit  dem  Endlichen  und
Zeitlichen.  Ferner  sind  die  beiden  Ideen:  Gott  und  die  Welt  einerseits.
        <pb n="174" />
        170

nicht  identisch,  denn  als  Gott  denken  wir  uns  eine  Einheit  ohne  Vielheit
  und  als  Welt  eine  Vielheit  ohne  Einheit.  Anderseits  ist  aber
keine  dieser  beiden  Ideen  ohne  die  andere  zu  denken.  Sobald  man
Gott  vor  der  Welt  oder  ohne  die  Welt  denken  will,  wird  man  sofort
inne,  daß  man  nur  noch  ein  leeres  Phantasiegebilde  vor  sich  hat.  Wir
sind  nicht  befugt,  ein  anderes  Verhältnis  zwischen  Gott  und  Welt  zu
setzen,  als  das  des  Zusammenseins  beider.  Sie  sind  nicht  dasselbe,  aber
es  find  doch  nur  zwei  Worte  für  die  gleiche  Sache.  Beide  Ideen  sind
nur  ausgefüllte  Gedanken,  die  ausgefüllt  notwendig  in  das  Gebiet  des
Endlichen  herabgezogen  werden;  wie  wenn  wir  Gott  als  bewußtes
absolutes  Ich  uns  vorstellen.

Alle  diese  philosophischen  Reformbestrebungen  gehen  von  der  nicht
ganz  unrichtigen  Annahme  aus,  daß  der  Mensch  notwendig  eine  Religion
  haben  muß.  Soweit  er  nun  die  christliche  bereits  hat,  ist  diese
ihm  nach  Möglichkeit  anzupassen,  da  er  sich  ihr  auf  die  Dauer  nicht
anzupassen  vermag.  Auf  diesem  Standpunkt  steht  auch  heute  noch  der
von  Schleiermacher  stark  beeinflußte  liberale  Teil  des  Protestantismus,
während  die  Positiven  noch  mehr  oder  weniger  am  alten  Kirchenglauben
hängen.  Es  geht  aber  auch  hieraus  hervor,  daß  das  Christentum  immer
noch  eine  recht  zweifelhafte  Sache  ist,  die  als  Weltanschauung  weder  in
der  orthodoxen  noch  in  der  liberal  verwässerten  Aufmachung  einen  denkenden
  und  aufrichtigen  Menschen  auf  die  Dauer  befriedigen  kann.

Betrachtet  man  das  ungeheure  Belastungsmaterial,  sowohl  in
philosophischer,  geschichtlicher,  politischer  und  naturwissenschaftlicher  Beziehung,
  das  sich  in  Jahrhunderten  gegen  das  Christentum  angehäuft
hat,  so  drängt  sich  einem  unwillkürlich  die  Frage  auf,  wie  es  überhaupt
kommen  kann,  daß  das  Christentum  als  Weltanschauung  trotzdem
immer  noch  eine  so  große  Rolle  spielt.  «

Für  den  Katholozismus  ist  diese  Frage  leicht  zu  beantworten.
Dieser  ist  gegen  alle  Reformbestrebungen  einfach  hermetisch  abgeschlossen
  und  durch  das  Unfehlbarkeitsdogma  in  Glaubenssachen  gesichert.
Anders  der  Protestantismus.  Hier  sind  die  Gründe,  die  teilweise  auch
noch  für  den  Katholizismus  gelten,  verschiedener  Art.  Einmal  hat  die
Kirche  ein  recht  ehrwürdiges  Alter  erreicht,  das  schon  allein  auf  das
Gemüt  wirken  kann.  Sie  hat  aber  die  Zeit  und  ihre  Macht  ausgiebig
dazu  benutzt,  sich,  wenn  auch  kein  wissenschaftliches,  so  doch  din  politisches.
festes  Gefüge  zu  geben,  das  durch  die  Gewohnheit  zu  einem  notwendigen,
  und  ich  leugne  nicht,  in  engen  Grenzen  auch  brauchbaren  Requisit
  des  Staates  geworden  ist,  und  zwar  vornehmlich  soweit  die  fehr
wichtige  Erziehung  des  Nachwuchses  in  Frage  kommt.  Bei  Kindern
läßt  sich  selbstverständlich  nicht  mit  philosophischen  Lehren,  wie  sie  die
Wissenschaft  heute  darbietet,  eine  sittliche  Basis  legen,  wie  es  erforderlich
        <pb n="175" />
        171

ist.  Kindern  ist  nur  mit  handgreiflichen  und  leicht  verständlichen  Lehren
beizukommen,  die  je  nach  Verdienst  mit  Belohnung  oder  Strafe  aufwarten.
  Allerdings  wird  durch  Eintrichtern  des  Apostolikums  dem
männlichen  Teil  der  Jugend,  soweit  er  selbständig  zu  denken  lernt,
etwas  mit  auf  den  Weg  gegeben,  das  für  ihn  dauernd  eine  Quelle  des
Zweifels  und  der  Unruhe  ist.  Außerdem  wirkt  es  nicht  gerade  vorteilhaft
  erzieherisch,  wenn  dem  Menschen  in  der  Jugend  etwas  beigebracht
wird,  das  er  später  als  Unwahrheit  erkennen  muß,  ganz  gleich,  daß  ihm
dieses  vielleicht  bona  fide  beigebracht  ist.

Ferner  kommt  dazu,  daß  die  herrschende  Kaste  einer  Nation  das
Christentum  auch  heute  noch  ganz  gut  dazu  gebrauchen  kann,  ihre
weniger  bemittelten  Mitbürger  auf  das  Himmelreich  zu  vertrösten,
während  sie  dafür  in  aller  Ruhe  die  irdischen  Freuden  genießen  kann.
Eine  solche  Kaste  hält  natürlich  das  Christentum  für  vollkommen  und
benutzt  ihre  Macht  und  ihren  Einfluß  dazu,  dasselbe  nach  Möglichkeit
gegen  aufklärende  und  zersetzende  Elemente  zu  schützen.  Dieses  könnte
aber  die  Auflösung  des  Christentums  nicht  hemmen,  geschweige  verhindern,
  wenn  hierfür  nicht  ein  anderer  Grund  maßgebend  wäre  und  dieser
ist,  daß  es  auch  heute  noch  keine  andere  Weltanschauung  gibt,  die  dem
religiösen  Bedürfnis  der  Allgemeinheit  sowohl  in  metaphysischer  als
auch  sittlicher  Beziehung  vollkommen  gerecht  wird.  Schließlich  ein
Dogma  durch  ein  anderes  ersetzen,  kann  bei  der  heutigen  Durchschnittsbildung
  und  kritischen  Veranlagung  nur  eine  ephemere  Bedeutung  haben
und  nur  Unruhe  und  Unsicherheit  verursachen.

Schließlich  ist  nun  noch  die  Frage  zu  erörtern,  wie  sich  das
Christentum  mit  dem  letzten  gewaltigen  Völkerringen  überhaupt  abgefunden
  hat.  Daß  der  Soldat  im  Felde  von  einer  rauheren  Wirklichkeit
  angefaßt,  empfänglich  für  die  Religion  ist,  das  hat  mit  der  Kirche
an  sich  nichts  zu  tun.  Hier  kommt  vielmehr  das  große  Schillerwort  zur
Geltung:  „Es  gibt  im  Menschenleben  Augenblicke,  wo  sich  der  Mensch
dem  Weltgeist  näher  fühkt.“  Und  wo  sollte  sich  der  Mensch  dem  Weltgeist
  näher  fühlen  als  dort,  wo  er  täglich  und  stündlich  den  Tod  vor
Augen  hat.  Daß  er  dort  das  Bedürfnis  fühlt,  auf  irgend  eine  Weise
mit  seinem  Herrgott  in  Beziehung  zu  treten,  ist  ohne  weiteres  verständlich.


Wie  stellt  sich  die  Kirche  aber  zur  Berechtigung  des  Krieges?
Obwohl  sie  Jahrhunderte  lung  im  Widerspruch  mit  sich  selbst  Kriege
verursacht  und  auch  im  Namen  Gottes  selbst  geführt  hat,  so  ändert
dieses  nichts  an  der  Tatsache,  daß  sie  auch  heute  noch,  wenn  sie  sich  nicht
selbst  aufgeben  will,  den  Krieg  verdammen  muß,  denn  das  Christentum
ist  keine  Religion  des  Kampfes,  sondern  eine  solche  der  Duldung  und
der  Liebe.  Das  Christentum  ist  überhaupt  die  Lehre  gegen  den  Krieg.
        <pb n="176" />
        172

Es  soll  als  Religion  der  Liebe  und  mit  Rücksicht  auf  das  ewige  Leben
die  Gegensätze  im  Zusammenleben  ausgleichen  und  dieses  nicht  nur
innerhalb  einer  Nation.  Das  christliche  Gebot,  das  auch  Heiden  und
noch  mehr  christlichen  Ausländern  gegenüber  gilt,  heißt:  „Du  sollst
deinen  Nächsten  lieben  als  dich  selbst!“  Mit  diesem  Gebot  scheitert  das
Christentum  aber  an  derselben  Stelle  wie  die  Sozialdemokratie,  nämlich
  an  der  Internationalität.  Eine  internationale  Verbrüderung  sowohl
  auf  christlicher  als  auch  sozialdemokratischer  Basis  ist  etwas  Widernatürliches,
  das  für  die  Menschheit,  die  ihrer  innern  Stimme,  die  nicht
irrt,  folgt  und  folgen  muß,  auch  eine  Unmöglichkeit  ist.  Dieses  beweist
aber  auch,  daß  die  christliche  Weltanschauung  noch  utopistischer  ist,  als
die  sozialdemokratische,  denn  sie  verlangt  nicht  nur  Unmögliches  und
Widernatürliches,  sondern  sie  stellt  auch  solches  nach  dem  Tode  in  Aussicht.
  Beide  Weltanschauungen  beschränken  sich  nicht  darauf,  die  Natur
und  ihre  Geschehnisse  so  zu  nehmen,  wie  sie  sind  und  sie  zu  erklären  und
zu  ergründen,  sondern  sie  gehen  davon  aus,  wie  sie  sein  könnten  und
sein  müßten;  d.  h.  sie  maßen  sich  an,  der  Natur  Sittengesetze  vorzuschreiben
  und  gewissermaßen  ihren  Schöpfer  zu  korrigieren,  womit  sie
aber  nur  ihre  eigene  Hilflosigkeit  und  Unzulänglichkeit  beweisen,  denn
die  Entwicklung  der  Natur  nimmt  von  ihnen  keine  Notiz,  sondern  sie
verfolgt  unbeirrt  den  Weg,  der  ihr  in  ihrer  Zweckbestimmung  vorgeschrieben
  ist.  Jedenfalls  läßt  sich  zwischen  Krieg  und  Christentum
theoretisch  nicht  der  geringste  Zusammenhang  finden,  aus  dem  eine
Begründung  und  Rechtfertigung  des  Krieges  durch  das  Christentum
hergeleitet  werden  kann.  Wenn  dieses  trotzdem  versucht  wird,  so  kann
es  nur  in  der  Weise  geschehen,  daß  entweder  das  Christentum  derartig
umgedeutet  und  verwässert  wird,  daß  von  demselben  nur  der  Name  als
christlich  überbleibt,  oder  daß  die  im  Kriege  zutage  tretenden  altruistischen
  Erscheinungen  der  Kämpfer  auf  einen  Idealismus  des  Christentums
  zurückzuführen  versucht  wird.

Anders,  wenn  man  den  Krieg  als  Mittel  zum  Zweck,  d.  h.  als
Mittel  für  das  Christentum  ansieht.  Dieses  kann  aber  nur  in  der
Hinsicht  geschehen,  daß  durch  den  Krieg  andere  Nationen  zu  einem
christlichen  Leben  gezwungen  werden  sollen,  oder  daß  sich  die  Kriegführenden
  durch  den  Krieg  ihr  christliches  Leben  sichern  wollen  und
zwar  ein  christliches  Leben,  das  unter  Verachtung  aller  irdischen  Freuden
und  Genüsse  seinen  Daseinszweck  nur  in  einer  Vorbereitung  für  das
ewige  Leben  nach  dem  irdischen  Tode  sieht.

Hier  ist  unschwer  einzusehen,  daß  in  keinem  der  kriegführenden
christlichen  Staaten  ein  derartiges  Leben  geführt  wird  und  auch  nicht
geführt  werden  kann,  und  daß  auch  nicht  ein  einziger  Kämpfer  mit
diesen  Motiven  in  das  Feld  gezogen  ist.  Der  Krieg  wird,  wie  bereits
        <pb n="177" />
        173

hervorgehoben,  sowohl  von  der  ganzen  Nation,  wie  auch  von  jedem
einzelnen  einzig  und  allein  geführt,  um  der  Nation  ihre  Eigenart  zu
sichern.  D.  h.  die  Nation  will  sich  dauernd  sichern,  daß  ihre  Angehörigen
ihr  irdisches  Dasein  so  einrichten,  wie  es  ihrer  Eigenart  entspricht  und
der  sich  ihre  Sitten  und  Gebräuche  angepaßt  haben.  Mit  dieser  Eigenart
  glaubt  sie  sich  auch  ihre  Zukunft  zu  sichern  und  zwar  nicht  diejenige
ihrer  Angehörigen  nach  dem  Tode  im  Himmel,  sondern  einzig  und  allein
diejenige  hier  auf  der  Erde.  Worin  diese  Eigenart  besteht,  ist  dabei
ganz  gleichgültig;  sicher  ist  sie  bei  den  einzelnen  Nationen,  wie  wir  im
ersten  Abschnitt  gesehen  haben,  ganz  verschieden.  Nehmen  wir  z.  B.
die  deutsche  Eigenart,  so  finden  wir,  daß  sie  nicht  nur  darin  besteht,  daß
wir  bei  Tabak  und  Bier  in  deutscher  Sprache  kannegießern  können,
sondern  daß  bei  uns  auch  die  Menschenwürde  von  hoch  und  niedrig,
von  arm  und  reich  allgemein  als  das  Höchste  anerkannt  wird,  und  daß
neben  der  wirtschaftlichen  Weiterentwicklung  auch  die  Pflege  des  Körpers
  und  des  Gemütslebens  nicht  vernachlässigt  wird.  Jedenfalls  bedeutet
  die  Erhaltung  der  Eigenart,  daß  bei  allen  Nationen  bei  ihren
kriegerischen  Motiven  der  Egoismus  zugrunde  liegt.  Und  zwar  ein
Egoismus,  der  nur  das  irdische  Dasein  im  Auge  hat,  der  infolgedessen
auch  nur  einen  philosophischen  Materialismus  als  Grundlage  hat  und
der  nur  seiner  selbst  wegen  altruistische  Außerungen  hat,  die  ihm  mehr
oder  weniger  das  Ansehen  eines  praktischen  Idealismus  verleihen.

Dieser  praktische  Idealismus,  der  genau  gesehen  nur  ein  Regulativ
  des  Materialismus  ist,  wird  oft  fälschlich  als  der  philosophische
Idealismus  überhaupt  angesehen.  Namentlich  die  Kirche  reklamiert
ihn  immer  als  die  ethische  Wirkung  ihres  Evangeliums.

Wenn  uns  der  Krieg  vornehmlich  in  Hindenburg  und  Ludendorff
auch  gezeigt  hat,  daß  der  alles  überragende  Kopf  auch  heute  noch  seine
Bedeutung  hat,  und  daß  wir  von  einer  philosophischen  Gleichheit  noch
weit  entfernt.  sind,  wenn  die  Allgemeinbildung  in  Deutschland  auch
einen  hohen  Stand  erreicht  hat.  Auch  hoch  entwickelte  Individuen  bedürfen
  der  Organisation  und  der  Führung.  Nicht  nur  im  Osten  hatte
der  deutsche  Kopf  die  feindlichen  Massen  zu  ersetzen.  Auch  im  Westen,
wo  uns  die  höher  kultivierten  Engländer  und  Franzosen  mit  Unterstützung
  der  Nordamerikaner  durch  Massenhaftigkeit  an  Menschen  und
Munition  erdrücken  wollten,  hat  es  die  Genialität  jener  beiden  Führer
vermocht,  die  deutsche  Minderheit  in  der  Verteidigung  so  zu  organisieren,
  daß  sie  solange  den  eroberten  Boden  behaupten  konnte,  bis  der  Angriffskrieg
  im  Osten  und  der  Unterseebootskrieg  im  Westen  den  unmenschlichen
  Vernichtungswillen  unserer  Feinde  gedämpft  hatten.
Anderseits  ist  auch  hierbei  die  philosophische  Überlegenheit  des  einzelnen
auf  unserer  Seite  gegenüber  dem  einzelnen  auf  der  Gegenseite  zur  Gel-
        <pb n="178" />
        174

tung  gekommen  und  zwar  hier  weniger  auf  dem  Gebiet  der  Intelligenz
als  dem  der  Willenskraft,  Zähigkeit  und  Ausdauer,  welche  Eigenschaften
aber  nur  ein  gesunder  Körper  zur  Außerung  bringen  kann,  und  welche
Eigenschaften,  wenn  sie  dauernd  zur  Geltung  kommen  und  sich  bewähren
sollen,  im  ganzen  ein  politisch  und  wirtschaftlich  gesundes  Staatswesen
zur  Voraussetzung  haben.

Jedenfalls  ist  nicht  nur  die  Ursache  des  Krieges  in  der  philosophischen
Ungleichheit  der  Nationen  zu  suchen,  sondern  auch  der  Ausgang  desselben.
  Und  für  einen  dauernden,  wenn  auch  nicht  ewigen  Frieden  muß
entweder  die  Ungleichheit  durch  Erziehung  und  Entwicklung  beseitigt
werden,  oder  es  muß  eine  sittliche  hochstehende  Macht  vorhanden  sein,
die  so  bedeutend  ist,  daß  der  Frieden  von  ihr  garantiert  und  gewährleistet
  werden  kann.  Alle  Friedensbestrebungen  auf  anderer  Grundlage,
  sei  es  aus  christlicher  oder  sozialdemokratischer  Solidarität  werden
dagegen  noch  dauernd  unfruchtbar  bleiben,  und  dieses  ist  gar  nicht  einmal
  zu  beklagen,  da  ein  solcher  Frieden  im  Zeitalter  des  Kapitalismus
stagnierend  wirkt  und  leicht  zu  einer  Verweichlichung  und  schließlich
Degeneration  führen  kann,  so  daß  die  betreffende  Nation  schließlich
nicht  Zweck,  sondern  nur  Mittel  der  menschlichen  Entwicklung  ist.
Der  Ausgang  des  letzten  Krieges,  in  dem  Deutschland  sich  gegenüber
  dem  Vernichtungswillen  der  ganzen  Welt  zu  verteidigen  hatte,
hat  gezeigt,  daß  Deutschland  trotz  Christentum  und  Sozialdemokratie
innerlich  noch  gesund  ist.  Zum  Glück  hat  der  Deutsche  zu  seiner  internationalen
  Anbiederung  und  weltbürgerlichen  Verbrüderungssucht
selbst  kein  rechtes  Vertrauen  gehabt,  so  daß  er  sich  am  Ende  doch  mehr
auf  seinen  Verstand  und  seine  Faust  verlassen  hat,  als  auf  seine  Gemütsergüsse.
  Anderseits  ist  vielleicht  die  übertriebene  Höflichkeit  im
internationalen  geschäftlichen  Verkehr  auch  kein  Fehler,  wenn  daneben
nur  das  Pulver  trocken  gehalten  wird.  Immerhin,  seit  der  deutsche
Michel  angefangen  hat,  das  Grübeln  und  Dichten,  das  überdies  den
Dingen  nicht  auf  den  philosophischen  Grund  geht,  auf  seine  Mußestunden
  zu  beschränken  und  an  den  Werktagen  mit  der  nüchternen  Wirklichkeit
  zu  rechnen,  seitdem  kann  die  deutsche  Art  zum  Wohle  der  ganzen
Menschheit  weder  am  Christentum,  noch  an  der  Sozialdemokratie  und
am  allerwenigsten  an  der  weltbürgerlichen  jüdischen  Aufweichung  und
Beeinflussung  zugrunde  gehen.

Schließlich  ist  die  Stellung  der  christlichen  Kirche  noch  eigenartiger
dadurch  geworden,  daß  auf  beiden  Seiten  der  Kriegführenden  auch
Nichtchristen  mit  in  den  Kampf  gezogen  sind.  Wenn  dieses  von  Deutschland
  und  Österreich  auch  nicht  mit  Zwang  verursacht  ist,  da  sich  die
Türken  als  Verbündete  angeschlossen  haben,  so  ändert  es  nichts
daran,  daß  der  christliche  Gott,  von  dem  doch  alle  den  Sieg  erfleht
        <pb n="179" />
        175

haben,  Nichtchristen  zu  einem  Sieg  über  Christen  verhelfen  soll.  Daß
dieses  im  Sinne  einer  christlichen  Züchtigung  der  Gottlosen  geschehen
sollte,  das  anzunehmen,  ist  von  den  Kämpfenden  wohl  niemand  mehr
naiv  genug  gewesen,  obwohl  an  Heuchelei  und  Verlogenheit  von  unseren
Gegnern  das  Menschenmöglichste  geleistet  ist.  Hatten  die  frommen
Russen  doch  die  Naivität  oder  Dummdreistigkeit,  durch  Bet=  und  Bittprozessionen
  von  ihrem  Gott  den  Sieg  über  Deutschland  und  OÖsterreich
zu  erflehen,  und  dieses  doch  schließlich  nur,  daß  sie,  ihrer  moralischen
Veranlagung  entsprechend,  in  den  besiegten  Ländern  schänden,  morden,
sengen  und  plündern  konnten.  Glücklicherweise  ist  Gott  aber  auch  heute
noch  wie  zur  Zeit  Friedrichs  d.  Gr.  mit  den  starken  Bataillonen  und
zwar  solchen,  die  nicht  nur  stark  an  Masse  sind,  sondern  stark  an  Kraft,
Intelligenz  und  einem  darauf  basierenden  Selbstvertrauen.  Ebenso
wie  schon  in  früheren  Kriegen  die  deutsche  Erziehung  gesiegt  hat,  so  hat
sie  auch  im  letzten  den  Sieg  davon  getragen  und  dadurch  bewiesen,  daß
es  auch  heute  noch  der  Kopf  ist,  der  über  die  Massen  triumphiert,  vorausgesetzt,
  daß  er  zu  einem  gesunden  Körper  gehört.

Der  Krieg  hat  aber  auch  bewiesen,  daß  ein  christlicher  Gott,  dem
alle  Menschen,  die  sich  zu  ihm  bekennen,  gleich  lieb  sind,  nicht  gut  denkbar
  ist.  Wohl  aber  ist  ein  nationaler  Gott  denkbar  und  zwar  führt,  wie
wir  im  folgenden  Abschnitt  sehen  werden,  der  philosophische  Materialismus
  allein  zu  einem  solchen.  Mit  dem  christlichen  Gott  fällt  aber  auch
die  Dreieinigkeit  desselben  und  die  ganze  christliche  Metaphysik.  Hingegen
  kann  die  christliche  Ethik  nicht  fallen,  da  sie  praktisch  gar  nicht
vorhanden  ist.  «
        <pb n="180" />
        III.  Der  philosophische  Materialismus.

Einleitung.

Wie  ich  bereits  im  vorigen  Abschnitt  bemerkt  habe,  muß  sich  jede
Weltanschauung  mit  den  synthetischen  Urteilen  a  priori  Kants,  sowie
seiner  Lehre  von  Raum,  Zeit  und  dem  Ding  an  sich  auseinandersetzen.
Da  nun  eine  Weltanschauung,  die  dem  heutigen  Stand  der  Wissenschaft
entsprechen  muß,  nichts  enthalten  darf,  das  sich  mit  letzterer  in  Widerspruch
  befindet,  so  haben  wir  von  der  Frage  auszugehen:  Gibt  es  auch
für  die  Naturwissenschaft  ein  Ding  an  sich?  —  Wenn  ja,  ist  dieses  mit
den  von  Kant  festgestellten  in  seiner  Herleitung  ibentisch  und  berechtigt
es  zu  denselben  Folgerungen?

Für  die  Naturwissenschaft  kann  es  sich  also  nur  darum  handeln,
ob  sie  uns  Beweise  und  Kriterien  dafür  herbeibringen  kann,  daß  das
Erscheinungsvermögen  das  Wesen  der  Substanz  vollständig  erschöpft,
oder  ob  es  auch  für  die  Naturwissenschaft  ein  Ding  an  sich  gibt,  das  ja
schließlich  einen  andern  Namen  haben  kann.  Wie  stellen  sich  also
Physik,  Chemie  und  Biologie  zu  der  Frage  des  Ding  an  sich.  Oder  da
die  Naturwissenschaft  alle  Erkenntnis  auf  die  Sinne,  d.  h.  auf  die
Empfindung  zurückführen  muß,  so  kann  man  auch  fragen:  Gibt  es  auch
für  die  Empfindung  ein  Ding  an  sich?

Ich  bin  in  meiner  Weltanschauung  von  dieser  Frage  ausgegangen
und  bei  der  hypothetischen  Natur  aller  Theorien  der  Physik  und  Chemie
mußte  ich  bald  zu  der  Überzeugung  kommen,  daß  es  auch  in  der  Naturwissenschaft
  ein  Ding  an  sich  gibt.

Das  naturwissenschaftliche  Ding  an  sich,  das  man  auch  Substanzproblem
  nennen  kann,  hat,  wie  bemerkt  und  wie  im  folgenden  näher
erörtert  werden  soll,  seine  Ursache  darin,  daß  alle  naturwissenschaftlichen
  Lehrsätze  und  Theorien  hypothetisch  sind.  D.  h.  man  kann  mit
diesen  Theorien  wohl  vieles  erklären;  eine  absolute  Gewißheit  können
sie  aber  nicht  beanspruchen  und  beanspruchen  sie  auch  nicht,  da  es  dafür
keine  sicheren  Kriterien  gibt.  Untersucht  man  aber,  worin  die  Unzulänglichkeit
  der  naturwissenschaftlichen  Forschung  ihre  Begründung  hat,
so  wird  man  unschwer  finden,  daß  sie  in  dem  Nichtergründen  der  Unendlichkeit,
  sowohl  des  Raumes,  der  Zeit  und  des  Weltganzen,  wie  auch
des  unendlich-Kleinen  der  Substanz  liegt.  Als  Beispiel  hierfür  nehmen
        <pb n="181" />
        177
man  nur  aus  der  Chemie  die  Atomtheorie  und  aus  der  Physik  die
Theorie  des  Lichtes.

Der  Chemiker  kommt  bei  der  Zerlegung  aller  Körper  zu  einer
Anzahl  Grundstoffe  die  er  nicht  weiter  zerlegen  kann  und  die  er  deshalb
Elemente  nennt.  Bisher  sind  deren  annähernd  90  gefunden,  womit
ihre  Anzahl  aber  noch  nicht  erschöpft  ist.  Diese  Elemente  wirken  in  der
Weise  aufeinander,  daß  sie  sich  anziehen  oder  abstoßen  und  zwar  in
ihren  kleinsten  Größen,  den  Atomen.  Die  Atome  sind  aber  derartig
kleine  Größen,  daß  sie  als  folche  nicht  wahrgenommen  werden  können,
sondern  man  ist  zu  ihrer  Existenzannahme  auf  Umwegen  gekommen.
Un  sich  von  der  Kleinheit  der  Atome  einen  Begriff  zu  machen,  hat  man
nur  zu  berücksichtigen,  daß  man  Mengen  von  1  noch  mit  bloßem
Auge  wahrnehmen  kann,  mit  Hilfe  eines  Mikroskops  aber  noch  weit
kleinere.  Z.  B.  färbt  1  mg  Kalium  permanganat  1000  cem  Wasser
noch  deutlich  rot;  hierbei  hat  man  dann  in  einem  emm  die  winzige
Menge  eines  /166666  mg;  diese  winzige  Menge  unter  ein  Mikroskop
gebracht,  kann  man  von  ihr  noch  gut  den  ½  Teil  wahrnehmen,  ohne
deshalb  schon  die  Atome  unterscheiden  zu  können.

Jedenfalls  ist  ein  Atom  eine  fragliche  Größe,  die  bisher  noch
niemand  gesehen  hat  und  von  deren  Größe,  Form  und  Inhalt  man  sich
keine  Vorstellung  machen  kann,  infolgedessen  sind  auch  alle  Theorien,
die  auf  der  Atomannahme  beruhen,  ebenso  fragwürdig.  Da  z.  B.  die
Verschiedenheit  der  Elemente  in  der  Wirkung  der  Atomgrößen  ihre
Begründung  hat,  so  weiß  man  überhaupt  über  die  Natur  der  Elemente
in  diesem  Sinne  so  gut  wie  nichts.  Man  kennt  von  den  Elementen
genau  genommen  nichts  weiter  als  ihre  Wechselwirkung  in  Beziehung
auf  uns.  Auch  die  Tatsache,  daß  der  Chemiker  annimmt,  daß  seine
Grundstoffe,  wie  Wasserstoff,  Sauerstoff,  Kohlenstoff.  Stickstoff,  Eisen,
Silber,  Gold  usw.  Mehrfache  eines  Urelementes  sind,  bezeugt  uns,  daß
es  für  ihn  ein  naturwissenschaftliches  Substanzproblem  gibt,  das,  wie
gesagt,  darin  begründet  ist,  daß  er  das  unendlich-Kleine  nicht  erschöpfend
ergründen  kann.  -

Genau  so  liegen  die  Verhältnisse  in  der  Physik  bei  den  Lichtstrahlen.
  Der  Physiker  weiß  heute  noch  nicht  bestimmt,  ob  er  es  bei
den  Lichtstrahlen  mit  einer  Materie  oder  nur  mit  einer  Kraftwirkung
zu  tun  hat;  und  gesetzt  den  Fall,  er  ist  sich  über  diesen  Punkt  klar,  so
find  ihm  auch  hier  in  dem  unendlich-Kleinen  der  Lichtelemente  dieselben
Grenzen  gesetzt,  wie  dem  Chemiker  bei  den  Atomen

Die  Physik  hat  außerdem  noch  die  Grenzen  der  Naturerkenntnis
bei  der  Erforschung  des  Weltganzen.  Mag  die  Astronomie  mit  Hilfe
des  Fernrohrs  und  Spektroskops  das  Weltall  Billionen  von  Meilen
durchforschen  können,  es  ist  immer  noch  etwas  dahinter,  das  sich  ihrer

Oinz#e,  Soztalbtemoetratte  Christemum,  Matertaltsmus  und  der  Krieg.  12
        <pb n="182" />
        178

Forschung  entzieht,  d.  h.  das  unendlich-Große  als  Ganzes  entzieht  sich
für  immer  ihrer  Ergründung.  Immerhin  ist  es  von  großer  philosophischer
  Tragweite,  daß  sie  festgestellt  hat,  daß  innerhalb  ihrer  Forschungsgrenze
  das  Weltganze  eine  einheitliche  Fortsetzung  ist.

Wenn  wir  die  Forschung  der  Chemie  und  Physik  näher  betrachten,
so  werden  wir  nicht  übersehen,  daß  sie  den  Inhalt  oder  die  Natur  der
Substanz  in  der  Form  und  Größe  der  Außerung  suchen.

Selbst  das  philosophisch-naturwissenschaftliche  Problem  des  Übergangs
  räumlicher  Bewegung  in  Vorstellen  und  Denken  ist  darauf  begründet,
  das  Was  der  Materie  in  dem  Wie  derselben  zu  suchen.  Dieses
Problem,  das  in  dieser  Form  für  alle  Zeiten  unergründlich  ist,  aber  den
Kern  unserer  Frage  nicht  trifft,  ist  eine  Art  idealistisches  Geschlinge,  in
dem  die  meisten  gelehrten  Materialisten  theoretisch  hängen  bleiben,  sich
aber  praktisch  der  materialistischen  Zeitströmung  mit  männlicher  Entsagung
  und  mit  der  Ansicht  überlassen,  daß  ein  Gemütsbedürfnis  eines
gebildeten  Mannes  unwürdig  ist.

Wie  man  sieht,  gibt  es  für  die  Naturwissenschaft,  soweit  sie  in  dem
Wie  der  Materie  das  Was  derselben  sucht,  tatsächlich  ein  Substanzproblem,
  hinter  dem  aber,  genau  besehen,  nichts  weiter  steckt  als  das
Ding  an  sich  des  formalen  Idealismus  Kants.  Und  da  die  Empfindung
durch  unsere  Sinne  sich  nur  im  Grad,  aber  nicht  in  der  Art  verändern
kann,  so  bleibt  die  Ergründung  des  unendlich-Rleinen  sowie  auch  des
unendlich-Großen  auf  dem  Gebiet  der  Naturforschung  für  immer  ein
frommer  Wunsch.

Nimmt  man  das  Substanzproblem  aber  nicht  rein  naturwissenschaftlich,
  d.  h.  in  Hinsicht  auf  das  Formale  und  soweit  man  daraus
auf  seinen  Inhalt  schließen  will,  sondern  nimmt  man  es  philosophisch,
d.  h.  in  Hinsicht  auf  das  empfindende  Subjekt,  so  äußert  sich  das
Problem  darin,  ob  die  chemische  Wechselwirkung  der  Elemente  in  ihrer
Beziehung  auf  den  empfindenden  Menschen  das  Wesen  der  Elemente,
d.  h.  den  Zweck  der  Substanz  vollständig  erschöpft.  Auch  diese  Frage
ist  weder  mit  ja  noch  mit  nein  zu  beantworten,  weil  uns  keine  Wissenschaft
  bisher  sichere  Kriterien  über  das  Wesen  der  Substanz  hat  herbeibringen
  können.

Stellt  man  sich  bei  dieser  Formulierung  des  Substanzproblems
auf  den  Standpunkt  des  vorurteilsfreien  Naturwissenschaftlers  und  erkennt
  eine  erschöpfende  Zweckmäßigkeit  der  Elemente  für  uns  überhaupt
  nicht  an,  sondern  man  sieht  das  ganze  Weltgeschehen  als  blinden
Zufall  an,  so  ist  die  Frage  in  diesem  Sinme  erledigt  und  es  gibt  nur
ein  naturwissenschaftliches  Substanzproblem,  das  in  seiner  Formulierung
  nie  ergründet  werden  kann.  Man  huldigt  dabei  aber  nur  einem
beschränkten  Materialismus,  für  den  der  Verstand  nur  ein  veredelter
        <pb n="183" />
        179

Instinkt  ist,  und  demgegenüber  die  Religion  der  niedersten  Stufe  ein
Fortschritt  bedeutet.

Es  sei  noch  einmal  wiederholt,  daß  man  auf  drei  Wegen  zu  einem
Ding  an  sich  oder  Substanzproblem  kommen  kann.  Einerseits  auf
naturwissenschaftlichem,  indem  man  bei  der  Nichtergründung  des  unendlich-Kleinen
  und  des  unendlich-Großen  der  Materie  bei  einem  Substanzproblem
  stehen  bleibt.  Anderseits  in  der  Philosophie  einmal  auf
dem  von  Kant  eingeschlagenen  idealistischen  Wege,  auf  dem  man  die
tiefe  Kluft  zwischen  Subjekt  und  Objekt  nicht  überwinden  kann  und
schließlich  auf  dem  von  mir  eingeschlagenen  Wege,  der  zu  einem  philosophischen
  Materialismus  führt,  und  auf  dem  das  Nichtergründen  der
ganzen  Zweckmäßigkeit  der  Materie  inbezug  auf  den  Menschen  auch
einstweilen  „Halt“  gebietet.

Es  ist  nicht  zu  verkennen,  daß  das  Ding  an  sich,  zu  dem  die  drei
Wege  führen,  genau  genommen  dasselbe  ist,  nämlich,  daß  wir  keine
Kriterien  dafür  haben,  daß  unser  Erkenntnisvermögen  den  Inhalt  der
Materie  oder  Substanz  vollständig  erschöpft.  Man  kann  zu  dieser
Überzeugung  noch  besser  kommen,  wenn  man  sich  das  Problem  auf  dem
Wege  des  Materialismus  als  gelöst  vorstellt.  Nimmt  man  an,  daß  das
Empfindungsvermögen  der  Substanz,  wie  es  sich  in  uns  und  gegenüber
uns  äußert,  das  Wesen  oder  den  Inhalt  derselben  erschöpft,  so  gibt  es
keinen  problematischen  Rest  der  Substanz  für  uns  mehr.  Damit  ist
aber  auch  das  Ding  an  sich  des  Idealismus  als  auch  das  Substanzproblem
  der  Naturwissenschaft  erledigt;  letzteres,  das  heute  den  Inhalt
der  Substanz  in  der  Formung  sucht,  ist  dann  nur  noch  ein  Formproblem
  der  Substanz,  das  philosophisch  bedeutungslos  ist.  Aber  wie
bemerkt,  hat  der  Materialismus,  für  den  es  göttliche  Offenbarungen
nicht  gibt,  sondern  der  nur  auf  die  Erfahrung  angewiesen  ist,  für  eine
derartige  Behauptung  noch  keine  Kriterien,  infolgedessen  haben  gegenwärtig
  alle  drei  Ansichten  in  ihrer  Art  recht.  Der  Unterschied  liegt
nur  darin,  daß  der  Idealismus  wie  auch  die  Naturwissenschaft  auf
ihren  Wegen  niemals  zum  Ziel  kommen  können,  sondern  sich  einem
trostlosen  „ignorabimus“  zu  unterwerfen  haben,  während  der  von  mir
eingeschlagene  Weg  die  tröstliche  Aussicht  bietet,  daß  man  zum  Ziele
kommen  kann  und  daß  es  für  uns  inbezug  auf  das  Ding  an  sich  nur
ein  „ignoramus“  gibt.

Den  Leitfaden  und  überhaupt  die  Möglichkeit  das  Ding  an  sich
zu  überwinden,  das  hat  der  Materialismus  allein  einer  Entwicklungstheorie
  zu  verdanken  und  hierin  liegt  wieder  anderseits  die  große  philosophische
  Bedeutung  derselben.  ·

Jahrhundertelang  hat  man  sich  darüber  gestritten:  Gibt  es  ein
Ding  an  sich  oder  nicht?  Eine  befriedigende  Lösung  dieser  Frage,  die

12*
        <pb n="184" />
        180

ich  im  vorstehenden  wohl  genügend  klar  gelegt  habe,  kann  aber  nur  eine
Entwicklungstheorie  bringen  und  zwar  nur  in  der  Weise,  wie  ich  sie
im  folgenden  näher  ausführen  will.

Wenn  ich  behauptet  habe:  Die  Physik  und  Chemie  könmen  uns
keine  Kriterien  für  das  Ding  an  sich  oder  das  Substanzproblem  bieten,
da  sie  die  Unendlichkeit  nicht  erfassen  können,  so  liegt  dieses  Nichterfassen
  daran,  daß  der  Mensch  mit  seiner  Erkenntnis  an  die  Empfindung
  gebunden  ist  und  letztere  wird  durch  Raum  und  Zeit  begrenzt.
Der  Mensch  ist  daher  dem  Irrtum  unterworfen.  Diese  Tatsache  wird
wohl  allgemein  (den  heiligen  Vater  und  seine  Getreuen  nicht  ausgeschlossen)
  anerkannt  und  sie  hat  eine  so  einschneidende  Bedeutung  für
das  ganze  menschliche  Dasein,  daß  man  nicht  nur  sagen  kann:  Irren  ist
menschlich!  sondern  mit  demselben  Recht:  Das  Menschliche  ist  Irren!

Nehmen  wir  aber  mit  der  Entwicklungstheorie  an,  daß  der
Mensch  sich  aus  bewußtloser  Materie  nach  und  nach  entwickelt  hat,  so
ist  der  Mensch  heute  nichts  weiter  als  sich  bewußt  empfindende  Materie.
Denn  so  lange  es  für  ihn  noch  ein  Substanzproblem  gibt,  kann  man
von  sich  erkennender  Materie  nicht  sprechen.  Als  sich  bewußt  empfindende
  Materie  ist  der  Mensch  mit  der  ihm  umgebenden  Materie  voll
und  ganz  identisch,  d.  h.  der  Mensch  ist  nichts  weiter  als  geformte
Materie  höherer  oder  höchster  Ordnung.  Alles  positive  Wissen  der
Naturwissenschaft  namentlich  in  der  Physiologie  hat  dieses  ebenso  gut
festgestellt,  wie  man  es  täglich  am  Entstehen  und  Vergehen  des  Menschen
  selbst  feststellen  kann.  «

Sind  wir  auf  unserem  materialistischen  Standpunkt,  d.  h.  bei
einer  rein  mechanischen  Auffassung  unserer  Daseinsbetätigung  auch
allein  auf  unsere  Empfindung  angewiesen,  auf  die  wir  alle  Erkenntnis
zurückführen  müssen,  so  kommt  es  uns  doch  hierbei  zugute,  daß  wir  nicht
nur  eine  mittelbare,  sondern  auch  unmittelbare  Empfindung  haben,
d.  h.  eine  Empfindung,  bei  der  Subjekt  und  Objekt  dasselbe  sind;  und
es  dürfte  wohl  ohne  weiteres  verständlich  sein,  daß  die  unmittelbare
Empfindung  eine  Brücke  sein  kann,  die  den  erkenntnistheoretischen  Abgrund
  zwischen  Subjekt  und  Objekt  überwindet.  Mit  anderen  Worten:
Die  unmittelbare  Empfindung  bietet  uns  die  Möglichkeit,  zu  einer
irrtumslosen  Empfindung,  d.  h.  zu  einer  Erkennung  kommen  zu  können.

Hier  handelt  es  sich  nun  zunächst  darum,  festzustellen,  was  wir
denn  eigentlich  unmittelbar  empfinden.  Wir  können  dieses  kurz  dahin
beantworten,  daß  wir  uns  unmittelbar  als  Ganzes  im  Ganzen  empfinden.
  D.  h.  wir  empfinden,  wenn  auch  schließlich  noch  nicht  irrtumslos,
daß  die  in  uns  tätigen  Kräfte  ausschließlich  dieselben  sind,  wie  in  der
uns  umgebenden  Natur;  daß  sie  sich  aber  infolge  der  Formung  unseres
Körpers  zu  einer  resultierenden  Kraft  entwickelt  und  vereinigt  haben,
        <pb n="185" />
        181

die  der  uns  umgebenden  Natur  als  etwas  Ganzes  gegenübersteht.  Wie
sich  diese  resultierende  Kraft  äußert,  werden  wir  weiter  unten  sehen,
hier  kommt  es  nur  darauf  an,  sich  klar  zu  machen,  daß  wir,  obwohl  mit
der  Außenwelt  voll  und  ganz  identisch  und  ihr  zugehörig,  doch  etwas
Ganzes,  wenn  auch  nichts  anderes  sind.  Da  ausschließlich  unsere
Empfindung  unsere  Erkenntnis  sein  soll,  so  können  wir  auch  sagen:  Wir
haben  eine  unmittelbare  Erkenntnis  und  zwar  erkennen  wir  uns  als
Ganzes  im  Ganzen.

Es  wird  uns  nun  verständlich  sein,  daß,  wenn  wir  uns  und  die
Welt  in  diesem  Sinne  auffassen,  es  für  uns  als  Ganzes  eine  Kluft
zwischen  Subjekt  und  Objekt  in  dem  Sinne  nicht  gibt,  wie  wir  sie  beim
Idealismus,  der  von  der  unmittelbaren  Erkenntnis  ausgeht,  finden.
Ebenso  wenig  hat  für  uns  als  Ganzes  die  Unendlichkeit  des  Raumes
eine  Bedeutung.

Wenn  wir  uns  irrtumslos  empfinden  und  nachweisen,  daß  wir
mit  der  umgebenden  Materie  voll  und  ganz  identisch  und  nichts  weiter
find,  so  empfinden  wir  auch  die  letztere  irrtumslos,  und  es  gibt  dann
für  uns  kein  Substanzproblem.

Wir  sind  aber  nicht  nur  an  den  Raum,  sondern  auch  an  die  Zeit
gebunden  und  in  der  letzteren  Abhängigkeit  liegt  heute  noch  allein  der
Grund,  daß  wir  uns  noch  nicht  irrtumslos  empfinden  können.  Und
zwar  liegt  es  darin,  daß  wir  unseren  Zweck  in  der  Zeit  noch  nicht
erkennen,  d.  h.  mit  anderen  Worten,  wir  erkennen  unseren  Weltzweck
noch  nicht.  Es  ist  ohne  weiteres  klar:  Ist  der  Mensch  nichts  weiter
als  geformte  Materie  und  hat  als  solche  seinen  Zweck  in  der  Welt  erkannt,
  so  hat  er  sich  selbst  und,  da  er  materiell  mit  seiner  Außenwelt
identisch,  auch  diese  erkannt.  Für  ihn  gibt  es  dann  kein  Ding  an
sich  mehr.

Wir  haben  jetzt  nur  noch  unsern  materialistischen  Standpunkt
zu  begründen,  daß  der  Mensch  nichts  weiter  als  geformte  Materie  ist,
und  daß  es  für  ihn  wohl  eine  Möglichkeit  geben  kann,  seinen  Weltzweck
noch  einmal  kennen  zu  lernen.  Beide  Fragen  werden,  wie  ich  im  nachfolgenden
  näher  ausführen  werde,  von  der  Entwicklungstheorie  erschöpfend
  mit  ja  beantwortet.

Nach  der  Entwicklungstheorie  hat  unser  Gesamtdasein  auf  der
Erde  einen  Anfang  und  ein  Ende,  infolgedessen  muß  es  für  die  Menschheit
  einen  Höhepunkt  der  Entwicklung  geben,  d.  h.  einen  Punkt,  auf
dem  die  Menschheit  das  Maximum  ihrer  Erfahrung  erreicht  hat;  einen
Punkt,  auf  dem  die  Menschheit  weiß,  weshalb  sie  auf  der  Erde  und
mit  der  Erde  überhaupt  gelebt  hat.  Sie  muß,  mit  anderen  Worten,
ihren  Daseinszweck  erkennen.  Der  Mensch  empfindet  sich  und  die  Welt
dann  ohne  Irrtum;  er  ist  dann  sich  erkennende  Materie  und  hat  als
        <pb n="186" />
        182

solche  sogar  eine  dualistische  Außerung  trotz  seiner  monistischen
Quintessenz  und  Vergangenheit.

Da  der  philosophische  Materialismus  nur  in  einer  Entwicklungstheorie
  eine  ausreichende  Begründung  findet,  nach  der  die  Arten  nicht
in  ihrer  gegenwärtigen  Form  geschaffen  find,  sondern  sich  in  langen
Fristen  entwickelt  haben  und  zwar  die  höheren  aus  den  niederen,  so  soll
diese  Theorie  hier  näher  erörtert  werden,  zumal  sie  nur  eine  Hypothese
ist;  allerdings  eine  solche,  die,  wie  wir  sehen  werden,  den  Erscheinungen
am  besten  Rechnung  trägt.

Die  Entwichlungstheorie.

Nicht  nur  die  Bibel,  sondern  auch  der  heilige  Thomas  lehren,
daß  Gott  die  Welt  und  mit  ihr  die  Erde  aus  nichts  geschaffen  hat.  Und
zwar  hat  er  die  Erde  mit  allem  was  drum  und  dran  gleich  so  geschaffen,
wie  wir  sie  heute  noch  vorfinden.  Das  soll  heißen:  Gott  hat  alle  Geschöpfe,
  wie  sie  der  selige  Noah  mit  in  die  historische  Arche  genommen
hat,  als  unvergängliche  Typen  geschaffen.  Bei  dieser  Ansicht  wurde
nicht  nur  die  Erde  als  ruhend  angenommen,  sondern  auch,  daß  die
Sonne  dieselbe  umkreist.

Ihrer  Zeit  angemessen  ist  diese  Schöpfungsgeschichte  bewundernswert
  und  immerhin  ein  Versuch,  die  Religion  mit  der  Erscheinung  in
Einklang  zu  bringen.

Der  erste,  der  nachhaltig  an  dieser  Schöpfungstheorie  rüttelte,
war,  wie  bereits  bemerkt,  der  Pater  Kopernikus,  der  einen  vollgültigen
Beweis  dafür  erbrachte,  daß  die  Sonne  im  Mittelpunkt  eines  Planeten-=systems
  steht,  und  daß  sich  umgekehrt  die  Planeten  um  die  Sonne
bewegen.

Als  dann  mit  der  Zeit  Fernrohre  geschaffen  wurden,  vermittels
deren  man  Form  und  Bewegung  der  Planeten  genauer  beobachten
konnte,  hatte  man  in  dem  die  Sonne  umkreisenden  Saturn  einen  Planeten
  entdeckt,  der  von  einem  gasförmigen  Ring  umgeben  ist.  Man
hatte  ferner  festgestellt,  daß  sich  die  Planeten  alle  in  derselben  Richtung
bewegen,  in  der  sich  die  Sonne  um  ihre  eigene  Achse  dreht  und  zwar  in
einer  Ebene,  die  der  Aquatorebene  der  Sonne  entspricht.  Und  schließlich
war  man  zu  der  Überzeugung  gekommen,  daß  die  Erde  in  einem  Abkühlungsprozeß
  begriffen  ist,  da  die  Temperatur  nach  dem  Innern  der
Erde  mit  der  Tiefe  zunimmt.

Auf  Grund  obiger  Feststellungen  stellten  Kant  und  unabhängig
von  ihm  Laplace  die  bekannte  Nebularhypothese  auf,  die  besagt,  daß
die  Sonne  und  alles  was  zu  ihrem  Planetensystem  gehört,  ursprünglich
eine  einzige  Dunstmasse  gewesen  ist,  die  den  ganzen  Raum  erfüllt  hat,
in  dem  sich  das  Planetensystem  noch  jetzt  bewegt.  Durch  Abkühlung
        <pb n="187" />
        183

und  Verdichtung  haben  sich  an  der  Peripherie  Ringe  losgelöst,  die  auseinander
  gesprengt,  sich  nach  und  nach  zu  solchen  kugelförmigen  Massen
zusammengezogen  haben,  die  Bewegung  und  Richtung  der  Urmasse  beibehalten
  haben.  Aus  diesen  losgelösten  Massen  haben  sich  die  Planeten,
deren  einer  die  Erde  ist,  gebildet.  „

Infolge  weiterer  Verdichtung  und  Abkühlung  der  losgelösten
Massen,  haben  diese  auch  eine  Bewegung  um  ihre  eigene  Achse  angenommen,
  wie  sich  auch  von  ihnen  noch  Massen  losgelöst  haben,  die  denselben
  Abkühlungs=  und  Verdichtungsprozeß  durchgemacht  haben  wie
sie  selbst,  und  die  sie  jetzt  als  Monde  umkreisen.  '

Diese  Kant-Laplacesche  Ansicht  hat,  obwohl  nur  eine  Hypothese,
  doch  viel  Wahrscheinlichkeit  für  sich  und  wird  wohl  von  allen
Gebildeten  ohne  Einschränkung  anerkannt.  .

Als  man  zu  der  Überzeugung  gekommen  war,  daß  unser  ganzes
Planetensystem  auf  dem  Wege  der  Entwicklung  entstanden  ist,  mußte
eine  weitere  Folgerung  bald  dahin  führen,  anzunehmen,  daß  auch  die
Geschöpfe  auf  dem  Wege  der  Entwicklung  entstanden  seien.  Eine  Stütze
erhielt  diese  Ansicht  dadurch,  daß  der  Franzose  G.  Cuvier  bei  einem
Studium  der  lebenden  Wesen  einerseits  diese  inbezug  auf  ihre  Gestalt
und  inneren  Organe  in  vier  natürliche  Hauptformen,  nämlich  in
Wirbeltiere,  Gliedertiere,  Weichtiere  und  Strahltiere  unterscheiden
konnte;  anderseits  ergab  die  Versteinerungskunde,  daß  sich  die  Tiere
um  so  auffallender  von  den  jetzt  lebenden  unterscheiden  und  einer
niedrigeren  Stufe  angehören,  je  tiefer  und  älter  die  Erdschicht  ist,  in
der  sie  gefunden  werden.

Cuvier  selbst  hat  die  naheliegende  Folgerung  einer  Entwicklungstheorie
  nicht  gezogen,  sondern  er  hat  als  Anhänger  der  Kirche  seine
Katastrophentheorie  aufgestellt,  die  besagt,  daß  die  Erde  ihren  jetzigen
Zustand  mehreren  Schöpfungsperioden  zu  verdanken  hat,  und  daß  den
sechs  Schöpfungstagen  des  Moses  sechs  geologische  Schöpfungsperioden
entsprechen.  Jeder  Neuschöpfung  ging  eine  Revolution  voraus,  die
alles  organische  Dasein  vernichtete.  Nach  fünf  vergeblichen  Versuchen
kam  der  Schöpfer  schließlich  bei  dem  Menschen  an,  der  ihn  endlich  als
Schöpfungswerk  befriedigte.

Andere  namhafte  Männer  waren,  gestützt  auf  die  Versteinerungen
entgegen  Cuvier  der  Meinung,  daß  in  der  Welt  sich  alles  in  einer
ununterbrochenen  Umbildung  befindet,  so  daß  die  gegenwärtigen  Geschöpfe
  ihren  Zustand  auf  dem  Wege  der  Entwicklung  erreicht  haben.

Als  Ursache  einer  derartigen  Umbildung  führte  Lamark  den
Gebrauch  und  Nichtgebrauch  der  Organe  an.  D.  h.  daß  bei  einem  intensiven
  Gebrauch  sich  die  Organe  in  einer  bestimmten  Richtung  weiter
ausbilden  können,  und  daß  sie  anderseits  durch  Nichtgebrauch  verkün-
        <pb n="188" />
        184—
mern,  wofür  man  in  den  Rudimenten,  d.  h.  verkümmerten  Organen  des
Menschen  charakteristische  Beweise  hat.  Solche  verkümmerte  Organe
sind  die  Schwanzwirbel,  die  Nickhaut  der  Augen  u.  a.

Im  Gegensatz  zu  Lamark  stand  dessen  Landsmann  S.  Hilaire
auf  dem  Standpunkt,  daß  eine  fortschrittliche  Entwicklung  in  der  Hauptsache
  durch  die  beständige  Veränderung  der  Außenwelt,  insbesondere  der
Atmosphäre  verursacht  sei.  Diesen  Standpunkt  S.  Hilaires  habe
auch  ich  eingenommen  und  in  meinem  Hauptwerk:  Erscheinung  und
Wirklichkeit  eingehend  begründet.

Eine  andere  auf  viele  Versuche  gestützte,  aber  trotzdem  nur  teilweise
  befriedigende  Erklärung  für  die  Ursachen  der  Entwicklung  hat
später  der  bedeutende  englische  Forscher  Darwin  gegeben.  Nach  ihm
wird  die  fortschreitende  Umbildung  durch  den  Kampf  ums  Dasein  bedingt.
  D.  h.  der  Kampf  ums  Dasein  stellt  eine  natürliche  Züchtung  dar,
bei  der  nur  die  Exemplare  als  Sieger  hervorgehen,  die  sich  den  Lebensverhältnissen
  am  besten  anzupassen  vermögen.

Wie  schon  bemerkt,  findet  bei  den  Versteinerungen  entsprechend
der  Altersfolge  ihrer  geologischen  Fundstellen  ein  stufenweises  Aufrücken
  von  niederen  zu  höheren  organischen  Formen  statt  und  zwar  sind
diese  Formen  denen  sehr  ähnlich,  die  jedes  höhere  Wirbeltier  einschließlich
  den  Menschen  bei  der  embryonalen  Entwicklung  noch  heute  durchmacht
  und  wie  sie  anderseits  auch  die  Klassifikation  des  heutigen  Tierreichs
  noch  aufweist.  Infolge  dieser  eigenartigen  Erscheinung  hat  man
jedenfalls  mit  Recht  gefolgert,  daß  die  Keimesgeschichte  eines  Indididuums
  eine  Rekapitulation  der  Stammesgeschichte  ist.

Eine  bedeutende  Schwierigkeit  hat  sich  bei  der  Entwicklungstheorie
  in  der  Frage  der  Urzeugung  geboten;  das  ist  die  Frage:  Wie
hat  sich  das  organisch  Lebendige,  das  ist  die  Tierzelle,  aus  dem  Anorganischen
  gebildet?  Auf  der  einen  Seite  nimmt  man  als  Erklärung
an,  daß  Gott  sie  unmittelbar  geschaffen  hat;  auf  einer  andern,  daß  die
Erde  mit  Zellen  von  einem  andern  Himmelskörper  infiziert  ist;  und
schließlich,  daß  sie  von  ungefähr,  d.  h.  durch  Zufall  entstanden  ist.  Ich
habe  in  meinem  zitierten  Werke  nicht  nur  versucht,  die  Urzeugung
natürlich  zu  erklären,  sondern  auch  die  Entstehung  des  Mehrzelligen
aus  dem  Einzelligen.

Bei  der  Formulierung  der  Entwicklungstheorie  hat  man  anfänglich
  den  Menschen  als  sacrosankt  für  solche  Theorien  nicht  berücksichtigt,
  um  das,  wenn  auch  nicht  verbriefte  so  doch  angemaßte  Recht  der
Kirche,  über  Herkunft  und  Hingang  des  Menschen  zu  urteilen,  nicht
anzutasten.  Aber  schließlich  mußte  man,  gestützt  auf  eine  Fülle  von
Tatsachen  und  Beweisen  den  Menschen  doch  in  die  Entwicklungstheorie
        <pb n="189" />
        185

mit  einschließen  und  da  lag  es  am  nächsten,  ihn  nach  der  berüchtigten
Affentheorie  zunächst  von  den  Affen  abstammen  zu  lassen.

Ich  muß  gestehen,  daß  ich  mich  mit  dieser  Theorie  auch  wenig
befreunden  kann,  wenn  auch  mehr  aus  wissenschaftlichen  als  ästhetischen
Gründen.  Ich  habe  in  meiner  „Erscheinung  und  Wirklichkeit“  die  Ansicht
entwickelt  und  begründet,  daß  sich  der  Mensch,  wenn  nicht  schon  vom  Ei
ab,  so  doch  mindestens  von  einer  niedrigen  Wirbeltierstufe  getrennt
entwickelt  hat.  Diese  Ansicht  wird  uns  durch  folgende  Betrachtung  wohl
leicht  verständlich.

Abgesehen  von  jeder  anderen  Klassifikation  kann  man  die  lebenden
Geschöpfe  heute  in  Land-,  Wasser-  und  Luftbewohner  unterscheiden.
Nach  dieser  Unterscheidung  gehören  die  Säuger,  soweit  ihnen  die  vier
Extremitäten  eigen,  durchweg  zu  den  Landbewohnern.  Den  vier  Extremitäten
  entsprechend  lassen  sich  die  Säuger  ferner  in  Vierbeiner,  Vierhänder
  (Affen)  und  zweihändige  Zweibeiner  (Menschen)  unterscheiden.

Die  Versteinerungskunde  hat  nun  Dokumente  dafür  erbracht,  daß
es  in  einer  früheren  geologischen  Epoche  nur  Wasser-bewohnende  Wirbeltiere
  gegeben  hat.  Erst  in  einer  späteren  Epoche,  in  der  die  Reptilien
  auftreten,  zeigt  sich  eine  Differenzierung,  indem  man  neben
Schwimm-,  auch  Lauf-  und  Flugreptilien  unterscheiden  kann,  die  alle
drei  reine  Wassertiere  als  Vorfahren  hatten.  Wenn  man  nun  annehmen
  muß,  daß  sich  ein  Flugreptil,  dessen  Versteinerung  in  der  Bergakademie
  in  Berlin,  nebenbei  gesagt,  jedem  Naturfreund  zugänglich  ist,
aus  einem  Wassertier  entwickelt  hat,  warum  soll  sich  der  äußern  Umgebung
  entsprechend,  d.  h.  in  einer  waldreichen  Umgebung  nicht  auch  ein
Kletterreptil  aus  einem  Wasserbewohner  entwickelt  haben;  bei  einem
solchen  Reptil  mußten  sich  wohl  die  vier  Extremitäten  zu  Händen,  d.  h.
Greiforganen  entwickeln,  wie  sie  ja  das  Charakteristikum  der  Affen  sind.

Genau  wie  der  Zweig  der  Affen  sich  in  den  Kletterreptilien
abgezweigt  haben  kann,  kann  sich  auch  der  Zweig  der  Menschen  als  Laufund
  Kletterreptile  abgetrennt  haben.  Da  das  Hauptmerkmal,  das  uns
von  den  Affen  trennt,  wie  gesagt,  darin  besteht,  daß  wir,  abgesehen  vom
Gehirn  und  geistigen  Fähigkeiten,  zwei  Geh=  und  zwei  Greiforgane
haben,  während  die  Affen  vier  Greiforgane  haben,  so  können  wir  daraus
  wohl  einen  Schluß  auf  unsere  eigentümliche  Entwicklung  ziehen,
indem  wir  annehmen,  daß  unsere  reptilartigen  Vorfahren  sowohl  im
Dickicht  der  Bäume  als  auch  auf  ebener  Erde  heimisch  waren.  Bei
solcher  Lebensart  mußten  sich  die  vorderen  und  hinteren  Extremitäten.
nicht  nur  verschiedenartig  entwickeln,  sondern  unsere  Vorfahren  konnten
sich  auch  gleichzeitig  an  Fleisch-  und  Pflanzenkost  gewöhnen.  Durch
Anpassung  an  eine  verschiedenartige  Nahrung  hatten  sie  dann  in  einer
Verdoppelung  der  Subsistenzmittel  die  besten  Entwicklungsbedingungen,
        <pb n="190" />
        186

d.  h.  sie  konnten  durch  eine  starke  Vermehrung  von  vornherein  eine
dominierende  Stellung  einnehmen.

Nach  dieser  Ansicht  stammt  also  der  Mensch  nicht  von  den  Affen
ab.  Da  er  sich  aber  im  Anfang  wenig  divergierend  von  den  Affen
entwickelt  hat,  so  kann  er  immerhin  mit  diesen,  wenn  auch  nicht  dieselben
so  doch  ähnliche  Vorfahren  gehabt  haben.

Untersucht  man  weiter,  welche  Eigentümlichkeit  uns  außerdem
von  den  übrigen  Wirbeltieren  trennt,  so  wird  man  bald  finden,  daß  der
Mensch  nicht  nur  einen  Kampf  ums  Dasein  kämpft,  sondern  einen
bewußten  Kampf  um  das  bessere  Dasein  und  zwar  äußert  sich  dieser  in
dem  Kampf  um  das  gesellschaftliche  Dasein.  Dieser  Kampf  hat  die
Eigentümlichkeit,  daß  er  sich  gegen  seinesgleichen  richtet.  Die  Menschheit
  kämpft  einen  gesellschaftlichen  Kampf  ums  Dasein  überhaupt:
innerhalb  der  Gesellschaft  aber  außerdem  einen  Kampf  um  das  bessere
Dasein.  Obwohl  dieses  Prinzip,  das  darin  besteht,  daß  der  Mensch
seine  Wahlfreiheit  durch  Vernichtung  seines  Nachbars  erweitert,  den
Menschen  auf  den  ersten  Blick  nicht  gerade  vorteilhaft  von  den  unter
ihm  stehenden  Wesen  unterscheidet,  so  läßt  sich  doch  unschwer  erkennen,
daß  dieses  Prinzip  eine  entwicklungsgeschichtliche  Notwendigkeit  besitzt,
  da  es  das  Fortschrittsprinzip  für  uns  ist.  Solange  der  Mensch
noch  nicht  im  Wissen  vollkommen  ist,  solange  kann  er  auch  in  seinem
Tun  noch  nicht  vollkommen  sein,  solange  ist  er  aber  auch  noch  nicht
sittlich  reif,  d.  h.  solange  erfüllt  der  Mensch  seine  moralische  Pflicht,  sich
voll  und  ganz  für  den  Fortschritt  des  Ganzen  hinzugeben,  nur  wenn
er  muß.

In  diesem  Prinzip,  das  sich  auf  der  tiefsten  Stufe  in  der
Menschenfresserei  und  auf  den  höheren  in  den  blutigen  Kriegen  äußert,
liegt  nicht  nur  der  Ursprung  der  sogenannten  Erbfünde,  sondern  auch
der  Kulturhebel,  der  den  Menschen  aus  dem  Paradiese  harmloser  Naturgeschöpfe
  in  sein  zielbewußtes  Kulturleben  gehoben  hat,  woselbst  er,
allerdings  im  Schweiße  seines  Angesichts  sein  Brot  essen  muß.  Aber
diese  Arbeit  hat  ihn  nicht  nur  zu  dem  gemacht,  was  er  ist,  sondern  sie
wird  ihn  auch  auf  den  Gipfel  der  Entwicklung,  auf  dem  er  nicht  nur
sich  selbst,  sondern  auch  seinen  Gott  erkennt,  bringen.

In  dieser  Hinsicht  hat  man  dann  die  weiße  Rasse  und  vor  allem
das  Germanentum,  das  es  durch  eigene  Arbeit  in  der  Kultur  am
weitesten  gebracht,  als  den  geraden  Stamm  der  Menschheit  anzusehen,
von  dem  sich  die  niederen  schon  frühzeitig  abgezweigt  haben.  Die
niederen  mögen  diejenigen  sein,  die  früh  in  südliche  Regionen  kamen,
woselbst  ihnen  ohne  Mühe  und  Nachdenken  die  Früchte  der  Natur  in
den  Hals  gewachsen  sind.  In  diesem  Sinne  hat  dann  auch  die  Wiege
der  Menschheit  nicht  im  tropischen  Süden,  sondern  im  hohen  Norden
        <pb n="191" />
        187

gestanden,  woselbst  die  Geburtshelferin  der  Menschheit  vielleicht  die
Eiszeit  gewesen  ist.

Als  durch  das  Herannahen  der  Eiszeit  die  Subsistenzmittel
unserer  vormenschlichen  Ahnen  im  hohen  Norden  vermindert  wurden,
wurden  sie  allmählich  gezwungen  nach  Süden  zu  ziehen,  wobei  sie  mit
ihren  südlicheren  Nachbaren  wohl  in  unversöhnliche  Gegensätze,  wie
solche  in  der  Kulturzeit  der  Zug  nach  dem  Westen  wieder  hervorgebracht
  hat,  geraten  sind.  Mit  der  Bekämpfung  gleichwertiger  Gegner
trat  bei  ihnen  ein  revolutionäres  Moment  in  die  Entwicklung,  da
hierdurch  die  Intelligenz  ununterbrochen  gesteigert  werden  mußte  und
noch  muß  und  nur  hierdurch  ist  die  Möglichkeit  gegeben,  daß  sie  auch
noch  weiter  gesteigert  wird  und  zwar  solange,  bis  sie  nicht  mehr  steigerungsfähig
  ist.  Dieses  Ziel  ist  der  Kulminationspunkt  der  Entwicklung,
d.  h.  der  Punkt,  auf  dem  sich  die  Menschheit  ohne  Irrtum  empfindet,
wo  fie  ihren  Weltzweck  und  sich  selbst  erkennt.  Auf  dieser  Stufe  ist  die
Menschheit  sittlich  reif;  sie  hat  dann  wieder  nur  einen  gesellschaftlichen
Kampf  ums  Dasein  zu  kämpfen,  aber  nicht  mehr  um  das  bessere,  da  sie
das  beste  erreicht  hat.

Heute  ist  aber  der  Kampf  um  das  bessere  Dasein,  der  schließlich
im  Prinzip  ein  Kampf  um  das  Bessersein  ist,  innerhalb  der  Gesellschaft
noch  berechtigt,  da  sie  noch  sehr  unvollkommen  ist.  Die  Schattenseite
dieses  Kampfes  liegt  nur  darin,  daß  der  Mensch,  der  seinen  Idealismus.
leider  nur  in  der  Form  sucht,  nur  besser  scheinen,  aber  nicht  sein  will.

Es  läßt  sich  nun  nicht  übersehen,  daß  die  Entwicklungstheorie
folgerichtig  bis  zu  ihren  Anfängen  zurückgeführt,  nur  zu  einer  Auffassung
  eines  rein  mechanistischen  Weltgeschehens  führen  kann.  Ein
rein  mechanistisches  Weltgeschehen  ist  aber  nichts  anderes  als  philosophischer
  Materialismus.  Das  Geistige  kann  nach  solcher  Auffassung
sich  nicht  als  fertige  Form  mit  der  Materie  verbinden,  sondern  die
Form,  die  das  Wesen,  das  Geistige  bedingt,  ist  gerade  das  Entwicklungsresultat.
  Eine  Entwicklung  innerhalb  einer  Art  läßt  schließlich  auch
die  Philosophie  des  heiligen  Thomas  noch  zu,  und  eine  solche  hat  auch
tatsächlich  Anhänger  in  der  katholischen  Kirche  und  im  besonderen  unter
den  Jesuiten  gefunden.

Selbstverständlich  hat  man  es  nur  mit  einer  Hypothese  zu  tun,
soweit  man  über  die  Erfahrung  hinaus  folgert;  aber  immerhin  mit
einer  solchen,  die  uns  bisher  Unbegreifliches  begreiflich  macht,  was  man
von  den  kirchlichen  Hypothesen  und  Offenbarungslehren  nicht  behaupten
kann.  Mit  dieser  Hypothese  läßt  sich  aber  nicht  allein  die  Vergangenheit
  erklären,  sondern  noch  mehr  das  Geschehen  der  Gegenwart,  woraus
man  schließlich  allein  die  richtige  Nutzanwendung  für  die  Zukunft
finden  kann.
        <pb n="192" />
        188

Da  die  Entwicklungstheorie  eine  Seele,  der  der  Körper  nur  als
sekundäres  zeitliches  Organ  dient,  ausschließt,  so  muß  das  Erkenntnisvermögen
  in  uns  einen  anderen  Ursprung  haben  und  zwar  kann  dieser,
wie  uns  das  folgende  zeigen  wird,  nur  allein  in  unserem  Empfindungsvermögen
  liegen.

Das  Empfindungsvermögen.

Es  steht  auch  für  die  materialistische  Weltanschauung  fest,  daß
in  der  Welt  neben  den  physikalischen  Kräften  der  unorganisierten
Materie  in  der  organisierten  auch  solche  geistiger  Natur  vorhanden  sind.
Diese  letzteren  äußern  sich  bei  den  niederen  organisierten  Lebewesen  als.
Empfindung  und  bei  den  Menschen  als  Geistiges,  das  neben  dem
Empfinden  auch  vorstellen  und  denken  kann.

Nach  der  Seelenlehre  der  Kirche  ist  das  Geistige  des  Menschen
als  dessen  Seele  nicht  nur  unabhängig  vom  Körper,  sondern  ihm  sogar
übergeordnet  und  nur  zeitlich  mit  ihm  verbunden.  D.  h.  der  Körper
dient  der  Seele  zeitlich  als  Organ  und  hat  als  solches  die  niedere  Seelentätigkeit
  zur  Rußerung  zu  bringen.  Unter  niederer  Seelentätigkeit
wird  Wachsen  und  sinnliche  Empfindung  verstanden,  während  Vorstellen,
  Denken  und  Schließen  die  höhere  und  reine  Seelentätigkeit
ausmacht.  ·

Ferner  soll  die  Seele  einfach  und  infolgedessen  unveränderlich
sein.  Der  Widerspruch  mit  dieser  Annahme,  der  darin  liegt,  daß  die
geistige  Außerung  sich  bei  der  Entwicklung  des  Menschen  vom  Kinde
zum  Erwachsenen  verändert,  wird  damit  erklärt,  daß  bei  der  Entwicklung
  erst  die  niedere  Seelentätigkeit  entsteht  und  daß  die  höheren
geistigen  Fähigkeiten  entsprechend  der  Entwicklung  des  Körpers  dann
nach  und  nach  dazu  kommen.

Nach  den  Lehren  des  Materialismus  muß  das  Geistige  aber
nicht  nur  abhängig  vom  Körper  sein,  sondern  selbst  Vorstellen  und
Denken  muß  neben  dem  Empfinden  ausschließlich  als  eine  Funktion
des  Materiellen  angesehen  werden.  Die  Frage,  bei  der  es  sich  um  Sein
oder  Nichtsein  des  Materialismus  handelt,  heißt  also:  Erschöpft  die
Empfindung  das  Wesen  des  menschlichen  Individuums,  oder  kann
Vorstellen  und  Denken  unabhängig  von  der  Empfindung  sein  und
wirken?  .

Hier  müssen  wir  uns  erst  einmal  klar  darüber  werden,  daß  Vorstellen
  überhaupt  nichts  weiter  ist  als  Empfindung,  die  durch  Wiederholung
  und  Mannigfaltigkeit  bewußt  und  zu  einer  Erfahrungssache,
d.  h.  zu  einer  Erkenntnis  wird.  Das  Denken  dabei  ist  überhaupt  nur
eine  reproduktive  Tätigkeit  und  zwar  diejenige,  die  die  Empfindung
        <pb n="193" />
        189

durch  die  Erfahrung  zu  einer  Erkenntnis  macht.  Mit  andern  Worten:
Wo  keine  Empfindung  ist,  dort  ist  auch  keine  Vorstellung  und  keine
Erkenntnis.  Für  den  Materialismus  gilt  also  uneingeschränkt  der
Satz:  Nibil  est  in  intellectu,  qduod  non  antea  fuerit  in  sensu.
Das  Denken  über  die  Erfahrung  hinaus,  daß  sich,  wie  wir  im  vorigen
Abschnitt  gesehen  haben,  mit  Gott,  Seele  und  Unendlichkeit  beschäftigen
kann,  hängt  insofern  von  der  Empfindung  ab,  als  es  nur  durch  Analogieschluß
  über  diese  hinaus  urteilt,  wobei  es  überhaupt  nur  mit  der  Möglichkeit
  und  Wahrscheinlichkeit,  aber  nicht  mit  der  Notwendigkeit  rechnen
  kann.

Die  Quelle  unserer  geistigen  Tätigkeit  ist  also  die  bewußte
Empfindung.  Bewußt  wird  nun  eine  Empfindung  dadurch,  daß  sie
mit  einer  anderen,  vorhergegangenen,  verglichen  werden  kann;  diese
letztere  muß  also  bewußt  geworden  im  Gedächtnis  haften  und  nach
Belieben  in  Erinnerung  gebracht  werden  können.  Wir  sehen  also,  daß
das  Wesentliche  der  bewußten  Empfindung  und  damit  überhaupt  aller
geistigen  Außerung  des  Menschen  das  Erinnerungsvermögen  unseres
Körpers  ist.  Das  Gedächtnis  ist  nun  ferner  derartig  ausgebildet,  daß
es  durch  irgend  welchen  Reiz  mehrere  Empfindungen  in  Erinnerung
bringen  kann.  Es  bleiben  aber  nicht  nur  die  Empfindungen  selbst  im
Gedächtnis  haften,  sondern  auch  die  dafür  geltenden  Bezeichnungen,
d.  h.  die  durch  Gehör  oder  Gesicht  zum  Empfinden  gebrachten  Worte:
und  auch  diese  können  nach  Belieben,  aber  auch  nur  durch  irgend  welchen
Reiz  in  Erinnerung  gebracht  und  unabhängig  von  jeder  Empfindung
zu  Urteilen  und  Schlüssen  verwendet  werden,  wodurch  recht  eigentlich
die  geistige  Tätigkeit  des  Menschen  zur  Außerung  kommt  und  wodurch
sich  der  Mensch  im  wesentlichen  von  den  höheren  Tieren  unterscheidet.

Auf  alle  Fälle  bedarf  auch  die  höhere  geistige  Tätigkeit,  um  uns
zum  Bewußtsein  zu  kommen,  des  Körpers  als  Organ.  Daß  die  Seele
aber  nicht  nach  den  Lehren  der  Kirche  das  Primäre  hierbei  ist,  zeigt
alle  Erfahrungswissenschaft,  nach  der  es  feststeht,  daß  sich  das  Seelenleben
  als  geistige  Außerung  des  Menschen  in  jeder  Beziehung  sowohl
der  Entwicklung  des  Körpers  als  auch  dessen  Tätigkeit  und  Zustand
anpaßt;  das  Geistige  kann  deshalb  nur  eine  Außerung  des  Körpers  sein,
und  die  Ursache  des  reinen  abstrakten  Denkens,  in  dem  gewissermaßen
die  seelische  Wirkung  zur  Außerung  kommt,  kann  nur  im  Zirkel  der
aus  der  Empfindung  hervorgegangenen  Erkenntnis  gedacht  werden.
Von  einer  seelischen  Ursache  ohne  Körper  kann  sich  auch  das  reine
Denken  keine  Vorstellung  und  auch  keinen  abstrakten  Begriff  machen.
Für  den  Menschen  kann  es  deshalb  ein  solches  einfaches  überirdisches
Seelenleben  überhaupt  nicht  geben.  Ist  die  Seele  aber  nur  die  geistige
Außerung  des  materiellen  Körpers,  so  hat  sie  mit  diesem  Anfang  und
        <pb n="194" />
        190

Ende  und  ist  in  jedem  Zustand  des  Körpers  das  Entwicklungsresultat
desselben.

Wenn  nun  auch,  wie  wir  gesehen  haben,  die  Kußerung  des  Erinnerungsvermögens
  unmittelbar  unabhängig  von  der  Empfindung  sein
kann,  so  kann  sie  dieses  aber  nicht  mittelbar  sein,  denn  wo  keine
Empfindung  ist,  dort  kann  auch  kein  Vorstellen  und  Denken  stattfinden.
  Ein  vollständig  Blindgeborener  hat  weder  von  Hell  und
Dunkel  noch  von  der  Verschiedenheit  der  Farben  eine  Vorstellung  und
Erinnerung,  sie  sind  infolgedessen  aus  eigener  Anschauung  auch  für  sein
Denkvermögen  nicht  vorhanden.  Wenn  ihm  dafür  die  Worte  in  irgend
einer  Weise  verständlich  gemacht  werden,  so  benötigt  er  auch  hierfür  die
Empfindung  und  zwar  diejenige  durch  die  anderen  Sinne,  die  in  der
Regel  dafür  übernormal  empfindlich  sind.

Aus  diesen  Feststellungen  geht  unbedingt  hervor,  daß  Vorstellen
und  Denken  kein  von  der  Empfindung  unabhängiges  geistiges  Vermögen,
  sondern  nur  eine  Erweiterung  und  Vervollkommnung  des  organisierten
  Empfindungsvermögens  ist.  Diese  Feststellung  genügt  für
den  Materialismus.  Wie  das  Vorstellen  und  Denken  durch  räumliche
Bewegung  zur  Außerung  kommt,  das  ist  philosophisch  völlig  belanglos.
Für  den  Materialismus  genügt  es,  zu  wissen,  daß  Vorstellen  und
Denken  eine  Erweiterung  der  Empfindung  ist  und  als  solche  nur
Empfindungsvermögen  ist,  das  der  Materie  eigentümlich  und  damit
ausschließlich  eine  Außerung  dieser  sein  muß.  Wenn  dieses  Wissen  aus
Gründen,  die  weiter  unten  noch  näher  erörtert  werden  sollen,  auch  vorläufig
  noch  hypothetisch  ist,  so  bietet  es  doch  einen  hohen  Grad  von
Wahrscheinlichkeit.  Diese  Wahrscheinlichkeit  wird  überhaupt  schon  zu
fast  apodiktischer  Gewißheit  durch  die  Ergebnisse  der  experimentellen
Psychologie,  insbesondere,  wie  im  folgenden  ersichtlich,  durch  die  Feststellung
  auf  dem  Gebiete  der  Nerven=  und  Gehirn-Anatomie  und
Physiologie.

Nach  den  Feststellungen  der  Erfahrungswissenschaften  unterliegt
es  keinem  Zweifel,  daß  Vorstellen  und  Denken  an  physikalische  Veränderungen
  unseres  Körpers,  die  unser  animalisches  Leben  ausmachen,
gebunden  sind.  Hören  diese  Veränderungen,  die  als  Ernährung  den
Kreislauf  des  Blutes  hervorbringen,  auf,  so  hört  auch  Vorstellen  und
Denken  auf.  Es  soll  noch  einmal  wiederholt  werden:  Bewußte  Empfindung
  und  damit  Vorstellen  und  Denken  ist  nur  durch  ununterbrochene
Veränderung  der  Empfindung  möglich.  Und  für  diese  ununterbrochene
Veränderung  ist  unser  animalisches  Leben,  das  durch  den  Kreislauf  des
Blutes  unterhalten  wird,  die  Voraussetzung.  Mit  Beendigung  dieser
materiellen  Tätigkeit  hat  auch  alle  geistige  Außerung  des  Menschen
ein  Ende.
        <pb n="195" />
        191

Nachdem  wir  überzeugt  sind,  daß  unsere  höhere  geistige  Tãtigkeit
  nichts  weiter  als  eine  Außerung  unseres  Empfindungsvermögens
ist,  liegt  es  uns  ob,  die  materiellen  Bedingungen  unserer  Empfindung
festzulegen.  Hier  ist  nun  allgemein  bekannt,  daß  das  materielle  Substrat
  unserer  Empfindung  die  Nervenmasse  in  uns  ist.  ·

Wie  aus  einem  Vortrag  von  Aug.  Forel  über  „Gehirn  und
Seele“  ersichtlich,  besteht  die  Nervenmasse  aus  Nervenzellen;  diese
letzteren,  Neuronen  genannt,  sind  im  ganzen  Körper  zwischen  den
übrigen  Geweben  in  faserförmiger  Anordnung  enthalten  und  zwar  sind
hier  zwei  Hauptsorten  von  Neuronen  zu  unterscheiden,  nämlich  die
zentripetalen  oder  sensiblen,  die  die  Sinnesreize  dem  Zentralnervensystem
  übermitteln,  und  die  zentrifugalen  oder  motorischen,  die  die
Neurokyme,  das  ist  die  wellenförmige  Bewegung  des  Zentralnervensystems,
  auf  die  Muskeln  übertragen.  Das  Nervensystem  entsteht  ontogenetisch
  aus  dem  äußeren  Keimblatt  des  Embryos  als  Abkömmling
gewöhnlicher  tierischer  Zellen.  Seine  Spezialeigenschaft  besteht  in  der
Fähigkeit  seiner  Elemente,  empfangene  Reize  rasch  durch  eine  wellenartige
  Molekularbewegung  zu  befördern  und  an  andere  Elemente  zu
übertragen.  .

Die  einzelnen  Nervenelemente  stehen  in  der  Nervenbahn  durch
einen  astförmigen  Fortsatz  miteinander  im  Kontakt.  Es  gibt  demnach
kein  Nervennetz,  sondern  nur  das  ineinander  greifende  Gewirr  der
unzähligen  äußerst  langen  und  feinen,  verästelten  Polypenarme  der
Nervenzellen.  Die  wichtigsten  Nervenzellen  besitzen  einen  Hauptast,
der  dazu  bestimmt  ist,  das  Neurokym,  d.  h.  die  Nervenwelle,  isoliert
zu  irgend  einem  weit  entfernten  Element  zu  leiten.  Das  Nervenelement
  wird  durch  eine,  von  dem  umgebenden  Gewebe  abgesonderten
amorphen  Masse,  dem  Myelin  isoliert.  Nach  einer  anderen  Lesart
sollen  die  Endbäumchen  der  einen  Zelle  mit  dem  Protoplasma  der
anderen  innig  verwachsen  sein.  Das  eine  oder  das  andere  kann  jedenfalls
  an  der  Tatsache  nichts  ändern,  daß  die  Nervenmasse  das  materielle
Substrat  der  Empfindung  ist.

Das  motorische  Neuron  hat  seine  Zelle  im  Zentralnervensystem:
seine  Endfortsätze  legen  sich  wie  Vogelkrallen  den  Muskelfasern  an  und
reizen  sie  auf  den  Willen  vom  Zentralpunkt  zur  Bewegung.  Die
beiden  peripheren  Neuronensorten  sind  aber  nur  untergeordnete  Organe
des  ihnen  weit  überragenden  Neuronkomplexes,  des  Gehirns,  das  beim
Menschen  1200—1800  g.  wiegt  und  fast  nur  aus  aneinander  liegenden
aufs  Mannigfaltigste  kombinierten  Systemen  feinster  und  kompliziertester
  aufeinander  wirkenden  und  rückwirkenden  Neuronen  besteht.

Das  Gehirn  ist  nun  in  eine  Menge  einzelne  aufeinander  wirkende,
  bald  für  sich  und  bald  vereint  arbeitende  Abteilungen  eingeteilt,
        <pb n="196" />
        192

deren  einzelnen  Bedeutung  noch  nicht  genau  hat  ergründet  werden
können.  Immerhin  steht  unzweifelhaft  fest,  daß  ohne  materielle  Tätigkeit
  des  Gehirns  keine  geistige  Außerung  des  Menschen  möglich  ist.

Zwischen  Gehirn  und  den  peripheren  Neuronen  liegen  das
Rückenmark  und  untergeordnete  Gehirnteile,  welche  intermediäre  Neuronenkomplexe
  darstellen,  zum  größten  Teil  phylogenetisch  älter  sind  und
daher  bei  weniger  entwickelten  Tieren  eine  relativ  höhere  Rolle  spielen.

Wichtig  find  noch  die  Feststellungen  von  Hodge  und  Schiller,
die  an  Nerven  des  Tieres  gezeigt  haben,  daß  die  Anzahl  der  Nervenelemente
  eines  bestimmten  Nervs  bei  der  Geburt  der  gleiche  ist  als  im
Alter  und  daß  der  erhebliche  Uolummenunterschted  einzig  auf  der
6—7  fachen  Vergrößerung  der  Markscheiden,  d.  h.  der  Isoliermasse
beruht.  Ferner  hat  das  Experiment  bewiesen,  daß  nach  der  Geburt
zerstörte  Elemente  des  Zentralnervensystems  bei  den  Menschen  und  bei
den  Wirbeltieren  sich  niemals  wieder  neu  bilden.  Auch  diese  Tatsachen
sprechen  dafür,  daß  im  Zentralnervensystem,  im  Lauf  des  postembryonalen
  Lebens,  keine  neuen  Neuronen  entstehen  und  daß  nicht  ihre  Zahl
sich  vermehrt,  sondern  daß  nur  ihre  Markhülle,  ihre  Länge  und  ihre
Verästelung  wächst.  Wir  arbeiten  demnach  im  Alter  mit  denselben
Neuronen  als  in  der  Kindheit,  wodurch  die  Haftbarkeit  der  Gedächtnisbilder
  uns  schon  verständlicher  wird.

Die  Lehre  der  Hirmlokalisationen  und  die  diesbezüglichen  Experimente
  an  Tieren,  die  Herderkrankungen  des  menschlichen  Gehirns,  ein
tieferes  Studium  der  Geisteskranken,  die  kriminelle  Anthropologie  und
ihre  Beziehung  zur  Psychiatrie,  die  Lehre  der  Suggestion,  das  Studium
des  Schlafes,  das  Studium  der  Entwicklung  der  normalen  und  defekten
Kinderseele,  der  Blindgeborenen  z.  B.  geben  uns  noch  zahllose  Anhaltspunkte,
  welche  teilweise  zeigen,  wie  das  Gehirn  funktioniert  und
wie  die  Seele  durch  die  Gehirnstörungen  verändert  wird,  bald  partiell,
bald  allgemein,  bald  zentripetal,  bald  zentral,  bald  zentrifugal,  bald
in  dieser,  bald  in  jener  Hinsicht.  Immer  mehr  und  immer  klarer  stellt
es  sich  hierbei  heraus,  daß  lokalisierte  Hirnstörungen  auch  lokalisierte
Seelen=  oder  Nerbenstörungen  verursachen,  daß  diffuse,  allgemeine  Erkrankungen
  des  Großhirns  die  Seelentätigkeit  allgemein  stören,  und
daß  die  höhere  Seele  des  Menschen  allein  vom  Großhirn  abhängt.
Störungen  und  Zerstörungen  des  Rückenmarkes,  des  Kleinhirns,  des
Hirnstammes,  lassen  stets  die  psychischen  Funktionen  intakt,  wenn  sie
das  Großhirn  nicht  in  Mitleidenschaft  ziehen,  während  solche  Vorgänge
im  Großhirn  dieselben  stets  beeinträchtigen  und  stören,  sobald  sie  diffus
oder  wenigstens  ausgedehnt  sind.  Kleine  Hirndefekte  verursachen  freilich
  nur  lokalisierte  oder  partielle,  oft  nicht  nachweisbare  Störungen
des  Seelenlebens.  Es  wird  dieses  dadurch  verständlich,  daß  jedes
        <pb n="197" />
        193
Nervensystem  aus  einer  großen  Anzahl  Nervenzellen  mit  ihren  Fasern
besteht  und  wenn  hiervon  nur  ein  Teil  fehlt,  so  können  die  anderen
dafür  eintreten,  so  daß  eine  merkliche  Störung  der  Funktion  sich  nicht
zeigt.  Z.  B.  sieht  der  Einäugige  trotz  der  Verringerung  seines  Sehvermögens
  noch  die  ganze  Außenwelt.  Immerhin  kommt  es  bei  der
partiellen  Zerstörung  auf  die  Lokalität  an.  Es  gibt  Teile  des  Großhirnes,
  wo  ein  kleiner  Herd  große  Zerstörungen  verursachen  kann,  wenn
er  gerade  ein  umschriebenes  aber  wichtiges  Nervensystem,  sei  es  am
Zellenleib,  sei  es  im  Faserverlauf,  ganz  zerstört.  Die  konstante  schwere
Geistesstörung,  die  immer  alle  diffusen  Schrumpfungsprozesse  des
ganzen  Großhirnes  begleitet  (progressive  Paralyse,  senile  Schrumpfung),
nelbgt  wenn  dieselben  noch  nicht  hochgradig  sind,  ist  der  beste  Beweis
afür.

Sicher  zeigen  die  Forelschen  Betrachtungen  der  anatomischen  und
physiologischen  Verhältnisse  des  Nervensystems  und  insbesondere  des
Gehirns,  daß  es  weder  für  letzteres  ein  primäres  Seelenvermögen  gibt,
noch  daß  in  den  verschiedenen  Sinnesnerven  etwas  spezifisch  Psychologisches
  zur  Rußerung  kommt.  Das  Nervensystem  mit  Gehirn  ist
nichts  weiter  als  das  materielle  Substrat  der  Empfindung.  Da  überhaupt
  die  verschiedenen  Sinnesnerven  die  gleiche  anatomische  und
physiologische  Beschaffenheit  und  Wirkung  haben,  so  kann  ihre  Unterschiedlichkeit
  nur  in  der  Wellenlänge  und  Geschwindigkeit  ihrer  Molekularbewegung
  liegen.

Betrachten  wir  ferner  die  Empfindung  auf  ihren  Inhalt,  so
finden  wir,  daß  wir  uns  und  die  Außenwelt  empfinden,  und  zwar
empfinden  wir  uns  an  der  Außenwelt  und  die  Außenwelt  an  uns.
D.  h.  wir  empfinden,  wie  bereits  an  anderer  Stelle  hervorgehoben,  die
Außenwelt  an  der  Veränderung  unseres  eigenen  Zustandes;  wir
empfinden  also  das  Objektive  nur  an  der  Veränderung  des  Subjekts.
Wir  empfinden  gewissermaßen  einen  von  außen  kommenden  Reiz  und
zwar  an  der  Unterschiedlichkeit  seiner  Wellenlänge  und  Geschwindigkeit.
Beispielsweise  empfinden  wir  als  Ton  eine  Bewegung,  die  in  der
Sekunde  400—20  000  Schwingungen  macht  und  330  m  Geschwindigkeit
  hat.  Als  farbigen  Strahl  empfinden  wir  hingegen  eine  solche,
die  in  der  Sekunde  300—1000  Billionen  Schwingungen  bei  einer  Geschwindigkeit
  von  300  000  km  macht.  Dadurch,  daß  die  farbigen  Strahlen
  sich  zum  Lichtstrahl  zusammensetzen  und  daß  sie  von  den  materiellen
Gegenständen  unterschiedlich  absorbiert,  reflektiert  und  gebrochen  werden,
  entsteht  die  Verschiedenheit  des  Reizes  auf  unseren  Körper,  und
damit  die  Verschiedenheit  der  Veränderung  unseres  Zustandes  und
unserer  Empfindung,  und  damit  schließlich  auch  die  Mannigfaltigkeit  der
Objekte,  d.  h.  der  Dinge  außer  uns.

Oinze,  Soiialbemokratit,  Christentum,  Aateriallamul  und  der  Kriez.  13
        <pb n="198" />
        Wir  haben  aber,  wie  weiter  oben  bereits  bemerkt,  zwei  Sorten
von  Neuronen,  nämlich  die  zentripetalen  und  die  zentrifugalen.  Die
ersteren  sind  es  nun,  die  die  Sinnesreize  nach  dem  Gehirn  leiten,  d.  h.
die  die  Unterschiedlichkeit  der  Außenwelt  dorthin  leiten,  wo  sie  mit  der
Zentralisation  der  motorischen  Nerven  zusammen  kommt.  Dieser
letztere  Punkt  ist  gewissermaßen  die  resultierende  Einheit  aller  körperlichen
  Organe,  in  dem  sich  durch  stetige  Veränderung  die  Bewegung  und
das  Leben  des  ganzen  Körpers  in  seinen  Teilen  und  Organen  als  Einheit
  äußert.

Die  motorischen  Neuronen  haben  aber  nicht  nur  die  Aufgabe  und
Fähigkeit,  die  durch  den  Stoffwechsel  erzeugte  Bewegung  als  Einheit
zu  zentralisieren  und  als  Leben  zur  Empfindung  zu  bringen,  sondern
sie  haben  auch  eine  rückwirkende  Kraft,  indem  sie  durch  Reaktion  auf
die  Muskeln  den  Willen  des  Ich  zur  Außerung  bringen.  Auch  die  Bewegung
  der  motorischen  Neuronen  kann  nur  eine  Molekularbewegung
sein  und  in  diesem  Sinne  wird  es  verständlich  sein,  daß  aus  der  Molekularbewegung
  der  zentrifugalen  und  zentripetalen  Neuronen  beim
Zusammentreffen  eine  resultierende  Molekularbewegung  wird,  die  als
Einheit  sowohl  materiell  als  auch  psychisch  zur  Außerung  kommt.

Diese  resultierende  Molekularbewegung,  deren  Richtung,  Wellenlänge,
  Geschwindigkeit  und  Intensität  durch  die  Eigenschaften  der  Komponenten
  vollständig  bestimmt  wird,  kann  nichts  Zusammengesetztes
sein,  da  sie  als  solches  einer  verknüpfenden  Einheit  bedarf,  die  als  metaphysisch
  unserer  Erkenntnis  nicht  zugänglich  ist.  Die  Komponenten
müssen  beim  Zusammentreffen  verschmelzen  und  sich  als  Einheit  fortpflanzen,
  und  in  einer  der  zahlreichen  Abteilungen  des  Gehirns  zur
Außerung  kommen:  hier  kann  die  resultierende  Einheit  nun  sowohl
koordinierte  als  auch  assoziierte  Neurokyme  auslösen  und  uns  in
dieser  Weise  reproduktiv  in  Erinnerung  bringen.

Nur  in  dieser  Weise  läßt  es  sich  erklären,  daß  auch  unser  Gedächtnis
  ausschließlich  eine  Rußerung  der  materiellen  Tätigkeit  des  Gehirns
  ist.  Für  die  materialistische  Weltanschauung  ist  aber  eine  solche
Erklärung  notwendig,  da  sie  unter  Ausscheidung  aller  Metaphysik  alles
als  Außerung  der  Materie  auffassen  muß.

Wie  bereits  hervorgehoben,  ist  für  die  materialistische  Weltanschauung
  die  Entwicklung  der  organischen  Gebilde  die  Voraussetzung.
Hiernach  muß  neben  der  ontogenetischen  Entwicklung  des  Nervensystems
auch  eine  phylogenetische  stattgefunden  haben.  Vom  Standpunkt  der
Entwicklungstheorie  sind  dann  sämtliche  Unterschiede  in  der  Empfindung
zwischen  den  niederen  und  höher  organisierten  Lebewesen  nur  eine
Folge  der  durch  die  Entwicklung  entstandenen  körperlichen  Verschiedenheiten.
  Nach  dieser  Anschauung  sind  dann  die  Charakterunterschiede
        <pb n="199" />
        195

der  Menschen  nicht  eine  Folge  der  Erfahrung  und  Erziehung,  sondern
eine  Folge  der  ungleichen  körperlichen  Veranlagung  und  insbesondere
der  ungleichen  Entwicklung  des  Gehirns.

Der  anständige  Mensch  kann  aus  Mangel  an  Einsicht  und  Erfahrung
  unrichtig  handeln;  diese  Handlung  kann  auch  nachteilig  für
seine  Mitmenschen  sein.  Er  handelt  aber  im  guten  Glauben,  und  dieses.
ist  allein  das  Charakteristische  für  seine  Honorigkeit  und  für  seine  gesunde
  Veranlagung.  Der  unanständige  Mensch  sucht  hingegen  seine
Mitmenschen  bewußt  und  absichtlich  zu  schädigen,  wobei  er  je  den  Umständen
  nach  mit  Lüge,  Täuschung,  Betrug,  Verleumdung  usw.  arbeitet.
Daß  letzteres  ein  Zeichen  schlechter  Veranlagung  ist,  und  daß  es  auf
eine  mangelhafte  Entwicklung  des  Gehirns  zurückgeführt  werden  muß,
beweist  uns  auch  die  Kriminalität,  die  bei  der  Beurteilung  der  Schlechtigkeiten
  die  erbliche  Belastung  als  mildernden  Umstand  gelten  läßt.

In  der  Reihe  der  Entwicklung  nimmt  das  Empfinden  mit  dem
organisierten  Leben  seinen  Anfang,  d.  h.  dort,  wo  die  Reaktion  physischer
und  chemischer  Kräfte  über  die  Komponenten  auf  eine  resultierende
Zentralkraft  wirkt.  Jede  Veränderung  der  Komponenten  muß  notwendig
  eine  solche  der  Resultierenden  mit  sich  bringen,  und  letztere  Veränderung
  ist  gewissermaßen  ein  subjektives  Reagieren  auf  eine  objektive
Einwirkung.

Das  Wesentliche  der  Materie  ist  aber,  wie  ich  noch  einmal  wiederholen
  will,  ihr  entwicklungsfähiges  Empfindungsvermögen.  In  den
einfachen  und  zusammengesetzten  Elementen  äußert  sich  dieses  in  den
chemischen  und  physikalischen  Kräften;  es  hat  aber  die  Eigentümlichkeit,
daß  es  auch  resultierende  Kräfte  bilden  und  entwickeln  kann,  die  sich
in  den  höheren  Formen  als  geistige  Kräfte  äußern,  und  die  im  Menschen
selbst  auch  Vorstellungs=  und  Denkvermögen  haben.  Nur  in  dieser
Weise  läßt  es  sich  erklären,  daß  räumliche  Bewegung  ohne  metaphysische
Hilfsmittel  in  Vorstellen  und  Denken  übergehen  kann.

Nimmt  man  den  körperlichen  Dualismus  mit  Körper  und  Seele,
oder  nimmt  man  den  des  Cartesius  mit  denkender  und  ausgedehnter
Substanz,  oder  nimmt  man  mit  Spinoza  und  den  modernen  Monisten
eine  Substanz  mit  zwei  Attributen  oder  einer  materiellen  und  einer
parallel  denkenden  Seite  an,  so  läßt  sich  mit  keiner  dieser  Weltanschauungen
  die  Natur  mit  ihren  körperlichen  und  geistigen  Außerungen  restlos
  erklären.  Es  läßt  sich  nicht  erklären,  wie  bei  den  höheren  Formen
Geistiges  auf  Körperliches  und  umgekehrt  wirkt,  d.  h.  wie  die  wechselseitige
  Kausalität  ohne  übersinnliche  Hilfsmittel  zustande  kommt,  oder
wie  sie  überhaupt  möglich  ist.  Die  Annahme  des  Monismus,  daß  das
Geistige  nur  eine  zufällige  und  untergeordnete  Begleiterscheinung  des
Körperlichen  ist,  läßt  eine  wechselseitige  Kausalität  und  mit  dieser

18*
        <pb n="200" />
        eine  zweckmäßige  Entwicklung  nicht  zu.  Nach  dieser  Weltanschauung
kann  der  Mensch  dann  nichts  anderes  sein  als  ein  zufälliges  und  zweckloses
  Phänomen  der  Natur.  Diese  Anschauung  bietet  einen  so  trostlosen
  Pessimismus  und  solch  eine  frivole  Erniedrigung  der  Menschenwürde,
  daß  man  sich  nicht  wundern  kann,  wenn  sich  nur  die  gedankenlose
  Halbbildung  vorübergehend  zu  ihr  bekennt.

Die  Tatsachen  und  Erfahrungen  der  Entwicklung  lassen  aber  eine
Zweckmäßigkeit  und  mit  dieser  eine  wechselseitige  Kausalität  nicht  verkennen,
  und  gerade  diese  Erkenntnis  muß  zu  der  Überzeugung  führen,
daß  die  materialistische  Weltanschauung,  die  sich  hierauf  stützen  kann,
dem  tatsächlichen  Verhältnis  in  der  Natur  am  besten  Rechnung  trägt.

Der  Materialismus,  der  die  wechselseitige  Kausalität  gewissermaßen
  zur  Voraussetzung  hat,  kann  diese  sehr  gut  mit  den  resultierenden
Kräften  erklären,  denn  wirkt  eine  physikalische  Kraft  von  außen  auf  die
physikalischen  Kräfte  der  geistigen  Resultierenden,  so  wirkt  sie  ohne
weiteres  auf  die  Resultierende  selbst  und  dieses  ist  bei  allen  Empfindungen,
  wie  wir  oben  gesehen  haben,  der  Fall.  Umgekehrt  muß  eine
Veränderung  der  Resultierenden  auch  unmittelbar  eine  Veränderung
der  Komponenten  bedingen.  Ich  komme  hierauf  weiter  unten  noch
zurück.

Wic  wir  im  vorigen  Abschnitt  gesehen  haben,  ist  die  Kausalität
nach  Kant  eine  der  Denkformen  des  Verstandes  und,  wenn  sie  als  solche
auch  nur  Bedeutung  inbezug  auf  eine  Erfahrung  hat,  so  ist  sie  doch
nur  eine  subjektive  Zutat  zu  dieser  und  als  a  priori-Prinzip  in  der
Ursache  unabhängig  von  der  Wahrnehmung.  Sie  hat  also  nach  Kant,
wie  Raum,  Zeit  und  die  übrigen  Kategorien  nur  subjektive  Bedeutung.

Fuür  die  materialistische  Weltanschauung  kann  es  keine  a  priori-Prinzipien
  weder  des  Verstandes  noch  der  Anschauung  geben,  sondern
die  Begriffe  Raum  und  Zeit  wie  auch  die  Kategorien  müssen  mit  der
Empfindung  in  derselben  Weise  erklärt  werden,  wie  dieses  bei  der
Kausalität  im  obigen  bereits  versucht  ist.

Da  wir  uns  bei  unseren  Ausführungen  allein  auf  die  Naturerscheinungen
  in  ihrer  Gesetzmäßigkeit  stützen  können,  so  haben  wir  uns
vorerst  über  diese  klar  zu  werden.  Da  ferner,  wie  wir  weiter  oben  gesehen
  haben,  alle  Erscheinung  im  Subjekt  entsteht,  so  muß  es  auch  eine
subjektive  Voraussetzung  für  die  Gesetzmäßigkeit  der  Erscheinungen
geben.  Dieses  ist  auch  der  Fall;  und  zwar  liegt  sie  darin,  daß  wir
unser  Empfindungsvermögen  als  unveränderlich  in  der  Art  empfinden.
D.  h.  unser  organisiertes  Empfindungsvermögen  kann  sich  im  Grad
aber  nicht  in  der  Qualität  verändern.

Wenn  wir  z.  B.  eine  Menge  Wasser  in  seine  Bestandteile,  d.  h.
in  Sauerstoff  und  Wasserstoff  zerlegen,  diese  hinterher  wieder  ver-
        <pb n="201" />
        197,

einigen,  so  finden  wir  dieselbe  Menge  Wasser  wieder,  und  zwar
empfinden  wir  sie  wieder  als  dieselbe,  wenn  wir  uns  der  Wage  als
Hilfsmittel  dabei  bedienen.  Gerade  durch  Hilfsmittel  wie  Wage  und
Fernrohr  wird  unsere  Empfindung  nicht  verändert,  sondern  nur  erweitert.
  Und  die  Tatsache,  daß  nicht  nur  wir,  sondern  jeder  Beliebige
ein  Experiment  unter  denselben  Bedingungen  wiederholen  und  zu  denselben
  Resultaten  kommen  kann,  macht  eine  Feststellung  zu  einer  allgemeinen
  und  notwendigen,  d.  h.  gesetzmäßigen.  Anderseits  beweist
es  uns.  aber  auch,  daß  unser  Empfindungsvermögen  in  der  Art  gleich
und  unveränderlich  ist.  Diese  Unveränderlichkeit  des  Empfindungsvermögens
  wird  bei  aller  Naturforschung  vorausgesetzt,  sie  ist  aber  auch
der  Grund,  daß  die  Empfindung  direkt  über  das  Studium  von  körperlicher
  Ursache  und  Wirkung  nie  hinaus  kann,  womit  aber  das  Ding  an
sich  nicht  ergründet  werden  kann.

Anderseits  ist  das  Empfinden  der  Unveränderlichkeit  des.
Empfindungsvermögens  das  einzige  Beharrungsprinzip  in  der  Welt.
Und  dieses  ist  sehr  wichtig,  denn  es  berechtigt  uns  allein,  über  unsere
räumliche  und  zeitliche  Empfindungsgrenze  hinauszugehen.

Unsere  Empfindung  hat  uns  dabei  gezeigt,  daß  innerhalb  unserer
räumlichen  und  zeitlichen  Empfindungsgrenzen  die  Welt  eine  einheitliche
  Fortsetzung  ist;  wir  können  deshalb  nicht  nur  die  Folgerung  ziehen,
daß  sie  eine  solche  auch  außerhalb  dieser  Grenzen  ist,  sondern  daß  das
Weltganze  überall  von  einer  solchen  Empfindung  beherrscht  ist,  wie  wir
sie  kennen.  Wir  können  deshalb  ruhig  von  uns  auf  das  Weltganze
schließen  und  von  einer  Weltempfindung  sprechen,  der  wir  ähnlich  sind
und  deren  Substrat  oder  Träger  die  Substanz  und  die  Organe  des
Weltalls  sind.

Während  wir  uns  aber  als  Teil  am  Ganzen  empfinden,  kann  sich
umgekehrt  das  Ganze  an  seinen  Teilen  empfinden.  Da  das  Weltall
aber  nicht  an  Raum=  und  Zeitgrenzen  gebunden  ist,  sondern  sich  in  jeder
Beziehung  erschöpfend  empfindet,  so  ist  das  Weltempfinden  voll  und
ganz  ein  Welterkennen.  Der  Welt  als  Ganzes  kann  man  somit  auch
von  unserem  materialistischen  Standpunkt  einen  dualistischen  Charakter
zuerkennen,  der  allerdings  auch  für  diese  nur  im  Sichselbsterkennen  besteht.
  Anderseits  kann  man  auch  zu  einem  mit  der  Wissenschaft  verträglichen
  Gottesbegriff  kommen,  nach  dem  wir  sogar  unserem  Gott
qualitativ  ähnlich  sind.

Nachdem  wir  in  der  Empfindung  der  Unveränderlichkeit  unseres
Empfindungsvermögens  ein  Kriterium  für  ein  Beharrungsprinzip  in
der  Welt,  sowie  für  die  Naturgesetzmäßigkeit  der  materiellen  Erscheinungen
  gefunden  haben,  können  wir  versuchen,  mit  diesem  Prinzip
auch  den  a  priori-Begriffen  Kants  gerecht  zu  werden.  Für  eine
        <pb n="202" />
        28

mechanische  Welterklärung,  d.  h.  für  einen  philosophischen  Materialismus
  kann  es,  wie  bereits  bemerkt,  dem  Entwicklungsprinzip  zufolge
überhaupt  keine  a  priori-Elemente  der  Erkenntnis  geben,  und  es  gehört
auch  dieses  zu  seiner  Voraussetzung,  daß  er  die  synthetischen  Urteile
a  priori  Kants  in  solche  a  posteriori,  d.  h.  Erfahrungsurteile,  zu
überführen  vermag.  ·

Um  diese  Aufgabe  zu  lösen,  muß  man  von  den  einfachen  Empfindungen
  ausgehen,  und  das  sind  diejenigen,  durch  die  man  zu  einer
Körperempfindung  kommt.  In  dieser  Beziehung  muß  aber  der  Körper
nicht  als  etwas  von  drei  Richtungen:  Länge,  Breite  und  Tiefe  ausgefaßt
  werden,  sondern  als  eine  Form  mit  Inhalt.  Zu  einer  Formempfindung
  gehören  aber  Licht=  und  Bewegungsempfindung,  denn  die
Lichtempfindung  bietet  mir  nur  eine  Fläche,  aus  der  erst  durch  Bewegung
  subjektiv  oder  objektiv  eine  Form  wird.  Um  ferner  noch  auf
den  Inhalt  zu  kommen,  d.  h.  festzustellen,  ob  sie  fest  oder  flüssig  ist,  muß
sie  betastet  werden.  Um  also  etwas  als  Körper  festzustellen,  gebrauche
ich  drei  einfache  Empfindungen  und  zwar  die  Licht-,  Bewegungs=  und
Tastempfindung.  Da  aber  diese  Empfindungen  einzeln  und  unabhängig
voneinander  auf  mich  einwirken,  muß  in  mir  ein  Faktor  vorhanden  sein,
der  sie  irgendwie  und  irgendwo  als  Einheit  verknüpft,  in  der  sie  sich  mir
als  Körper  vorstellt.  «

Welcher  Faktor  ist  es  nun,  der  aus  drei  einfachen  Empfindungen
eine  einzige  Wahrnehmung  macht?  Und  welcher  Faktor  ist  es  ferner,
der  von  dieser  Wahrnehmung  einen  Begriff  bildet  und  diesen  beliebig
zu  Gedanken  und  Urteilen  in  mir  verwendet?

Auch  hier  ist  es  die  Entwicklungstheorie,  die,  wenn  sie  zu  Recht
besteht,  auf  die  einzige  von  mir  entdeckte  Möglichkeit  hinweist,  hier
ohne  metaphysische  Hilfsmittel  auszukommen  und  die  materialistische
Weltanschauung  zu  festigen.  Wie  bereits  weiter  oben  bemerkt,  kann  es
nach  der  Entwicklungstheorie  in  den  verschiedenen  Sinnesnerven  nichts
spezifisch  Psychologisches  geben;  d.  h.  z.  B.,  die  Vorstellung  eines  Bildes
geschieht  zwar  mit  Hilfe  des  Auges,  aber  nicht  im  Auge,  sondern  im
Nervenzentrum;  denn  wenn  die  Vorstellung  im  Auge  stattfände,  müßte
man  mit  zwei  Augen  zwei  Vorstellungen  haben.  Da  nun  die  verschiedenen
  Sinnesnerven  in  der  Qualität  gleich  sind,  d.  h.  die  gleiche
anatomische  Beschaffenheit  und  physiologische  Tätigkeit  haben,  so  kann
auch  ihre  Unterschiedlichkeit  nur  in  der  Wellenlänge  und  Geschwindigkeit
  ihrer  Molekularbewegung  bestehen.  Das  heißt  also,  nicht  nur  die
zentrifugalen  und  zentripetalen  Neurokyme  können  ein  resultierendes
Neurokym  bilden,  sondern  auch  die  Sinnesnerven  können  unter  sich  ein
resultierendes  Neurokym  bilden,  das  in  einer  resultierenden  Empfindung
  als  Einheit  zur  Rußerung  kommt.  Die  Formempfindung  ist  da-
        <pb n="203" />
        nach  nicht  zusammengesetzt  aus  Licht-  und  Bewegungsempfindung,  sondern
  sie  ist  das  Resultierende  aus  diesen  und  kommt  als  solche  schon
physisch  als  resultierendes  Neurokym  zur  Außerung.

Mit  Hilfe  der  resultierenden  Empfindungen  kann  man  sowohl
den  Raum  als  auch  die  Zeit  als  reine  Verhältnisse  der  Dinge  empfinden
und  zwar  empfinde  ich  den  Raum  objektiv  als  Möglichkeit  der  Ortsveränderung
  und  subjektiv  als  Möglichkeit  der  Veränderung  überhaupt,
hingegen  die  Zeit  als  Tatsache  aller  Veränderung.  Mit  anderen
Worten:  Raum  und  Zeit  haben  keine  Wirklichkeit,  die  direkt  empfunden
werden  kann,  wohl  aber  werden  sie  als  Möglichkeit,  d.  h.  als  Voraussetzung
  aller  Wirklichkeit  überhaupt  empfunden.

Es  ist  dieses  so  zu  verstehen,  daß  bei  der  Körperempfindung  der
mannigfachen  Veränderung  unserer  Empfindungsresultierenden  als
Wirkung  eine  entsprechende  Mannigfaltigkeit  der  objektiven  Ursachen
entsprechen  muß.  Unser  Empfindungsvermögen  bringt  uns  nun  diese
Mannigfaltigkeit  der  Ursachen  als  verschiedene  Formen  der  Substanz
zur  Vorstellung.  In  der  Möglichkeit,  daß  sich  unsere  Empfindung  insolge
  äußerer  Einwirkung  überhaupt  verändern  kann  und  in  der  Möglichkeit
  einer  mannigfachen  Veränderung  empfinden  wir  den  Raum.
Wir  können  also  den  Raum  nicht  konkret,  sondern  nur  als  Verhältnis
der  Dinge  zu  einander  und  inbezug  auf  unsere  subjektive  Empfindungsäußerung
  wahrnehmen:;  d.  h.  aber  auch:  Wir  empfinden  den  Raum
a  posteriori.  «

Genau  so  ist  es  mit  der  Zeit.  Bei  der  Veränderung  unserer
Empfindungsresultierenden  durch  äußere  Ursachen  empfinden  wir  das
subjektive  Nacheinander,  dem  auch  ein  Nacheinander  der  objektiven
Veränderungen  entsprechen  muß.  Wir  können  also  auch  die  Zeit  nicht
konkret  empfinden,  sondern  nur  als  Verhältnis  der  Dinge  außer  uns
und  inbezug  auf  unsere  Empfindung,  wir  können  sie  infolgedessen  auch
nur  a  posteriori  empfinden;  d.  h.  aber  auch:  Die  Zeit  als  auch  der
Raum  sind  vom  Subjekt  unabhängige  Verhältnisse  der  Dinge,  die  auch
vorhanden  sind,  wenn  kein  empfindendes  Wesen  sie  wahrnimmt.

Bei  der  Betrachtung  der  synthetischen  Urteile  a  priori  Kants
kommen  wir  zu  ähnlichen  Resultaten.  Nehmen  wir  z.  B.  das  Urteil:
Zwei  Parallele  schneiden  sich  nicht.  Hiervon  ist  jeder  fest  überzeugt.
obwohl  es  noch  niemandem  gelungen  ist,  dieses  durch  die  Erfahrung
feststellen  zu  können.  Wir  können  uns  auch  damit  nicht  herausreden,
daß  wir  sagen,  wir  setzten  das  Nichtschneiden  beim  Parallelismus  voraus,
  denn  wir  können  schließlich  betreffs  der  Unendlichkeit  vieles  voraussetzen;
  auch  der  Materialismus  ist  bei  solchen  Urteilen  an  das
Subjekt  gebunden.
        <pb n="204" />
        200

Wenn  wir  das  Nichtschneiden  als  sicher  annehmen,  so  müssen  wir
hierfür  ein  Kriterium  haben,  das  in  der  Endlichkeit  liegt.  Wir  haben
auch  ein  solches  und  zwar  in  dem  Empfinden  der  Unveränderlichkeit  des
Empfindungsvermögens  als  des  Beharrungsprinzips.  Wir  empfinden
unter  diesem  Prinzip,  daß  gleiche  Empfindungskomponenten  gleiche
Empfindungsresultierende  geben.

Ein  anderes  synthetisches  Urteil  haben  wir  in  der  Behauptung.
daß  z.  B.  547  Einheiten  nebeneinander  das  Gleiche  als  12  Ein.
heiten  nacheinander  geben.  Beide  Urteile  sind  gleich  aber  nicht  identisch.
Die  Sicherheit  für  dieses  Urteil  empfinden  wir  darin,  daß  unser
Empfindungsvermögen  sowohl  räumlich  als  zeitlich  an  sich  unveränderlich
  ist.

Schließlich  sei  auch  hier  noch  das  Urteil  erwähnt,  daß  die  Gerade
zwischen  zwei  Punkten  die  kürzeste  ist.  Hier  hat  man  sich  erst  klar  zu
machen,  was  eine  Gerade  ist.  Das  Merkmal  der  Geraden  ist  aber,  daß
sie  um  sich  selbst  gedreht  nicht  aus  ihrer  Lage  kommt.  Wir  empfinden
also  bei  solcher  Drehung,  daß  sie  hierbei  zwischen  den  beiden  Punkten
die  geringste  Menge  Empfindungssubstrat  beansprucht  gegenüber  solchen,
die  ihre  Lage  dabei  verändern,  in  dem  Weniger  empfinden  wir  dabei
das  kürzere.  Es  ist  dieses  so  zu  verstehen,  daß  sich  das  Extensive  der
Komponenten  als  intensiv  in  der  Resultierenden  äußert.  D.  h.  die
Resultierende  empfindet  das  Quantitative  im  Grad.  Wir  haben  es
also  auch  hier  mit  einem  vollständigen  Erfahrungsurteil  zu  tun.

Die  resultierenden  Empfindungen  haben  aber  für  unseren  einseitigen
  Monismus  ferner  noch  die  große  Bedeutung,  daß  man  nur
mit  ihrer  Hilfe  zu  einer  wechselseitigen  Kausalität  innerhalb  der  Kausalreihe
  kommen  kann  und  diese  ist  ja,  wie  schon  hervorgehoben,  das
alleinige  und  notwendige  Merkmal  des  Materialismus,  d.  h.  der
mechanischen  Welterklärung  überhaupt.

Wie  schon  bemerkt,  versteht  man  unter  Kausalität  überhaupt  das
Verhältnis  von  Ursache  und  Wirkung.  Hier  haben  wir  uns  nun  zuerst
die  Frage  vorzulegen,  welches  Kriterium  wir  denn  für  die  Annahme
haben,  daß  von  zwei  zeitlich  folgenden  Erscheinungen  die  erste  die
Ursache  und  die  zweite  die  Wirkung  ist,  um  so  mehr  als  wir  dem  Irrtum
unterworfen,  das  Wesen  der  Dinge  doch  nicht  erfassen  können.

Die  Annahme  eines  Ursachsverhältnis  stützt  sich  in  erster  Linie
auf  die  Erfahrung,  die  uns  lehrt,  daß  Erscheinungen  unter  denselben
Bedingungen  räumlich  und  zeitlich  immer  wiederkehren;  wobei  die  Erfahrung
  ihre  Allgemeingültigkeit  durch  das  Beharrungsprinzip  erhält.
Ein  Kriterium  für  die  Kausalität  bietet  uns  aber  allein  der  subjektive
Teil  unserer  Empfindung  und  zwar  dadurch,  daß  ich  eine  Veränderung
der  Empfindungsresultierenden  der  anderen  unmittelbar  folgend
        <pb n="205" />
        empfinde.  Mit  anderen  Worten:  Ein  Kriterium  für  die  Kausalität
empfinde  ich  in  der  Stetigkeit  der  Empfindung  und  zwar  nur,  wie  wir
noch  sehen  werden,  mit  Hilfe  der  resultierenden  Empfindungen,  und
aus  der  Stetigkeit  der  subjektiven  Empfindung  schließe  ich  durch  die
Erfahrung  auf  diejenige  der  objektiven.

Da  ich  nun  im  Beharrungsprinzip  eine  einheitliche  Fortsetzung
des  Weltalls  empfinde,  so  kann  ich  auch  in  diesem  Sinne  über  meine
läumlichen  und  zeitlichen  Grenzen  hinaus  folgern.  D.  h.  ich  kann  annehmen,
  daß  das  Ursachsverhältnis  jenseits  meiner  räumlichen  und
zeitlichen  Empfindungsgrenzen  denselben  Gesetzen  unterliegt  als  innerhalb
  derselben.

Gerade  in  der  Stetigkeit  der  Empfindung  empfinde  ich,  daß  sich
die  Empfindungskomponenten  zu  einer  Empfindungsresultierenden
vereinigen.  Denn  wenn  hierbei  die  eine  Komponente  verändert  wird,
so  wird  auch  die  Resultierende  verändert  und  von  dieser  auch  die
anderen  Komponenten.  Da.  die  Resultierende  aber  unser  Bewußtsein,
d.  h.  unser  Psochisches  oder  Seelisches  ist,  hingegen  die  Komponenten
dieser  unsere  physischen  Energien,  so  kann  man  sich  die  Wechselwirkung
leicht  erklären,  wenn  man  ferner  noch  berücksichtigt,  daß  unser  Lebensprinzip
  in  seinen  physischen  Ursachen  in  nichts  weiter  besteht  als  Umwandlung
  der  einen  Energie  in  die  andere.  .

Unterhalten  wird  diese  Umwandlung  dadurch,  daß  von  der  einen

Energie  ein  Uberschuß  vorhanden  ist.  Dieser  Überschuß  ist  die  in  den
Nahrungsstoffen  befindliche  latente.  Wärme,  die  von  der  Sonne  stammt
und  die  durch  Verbrennung  in  uns  nutzbar,  d.  h.  in  Bewegung  umgesetzt
  wird.  «  ,  "
-  Dieselben  Ursachen  liegen  auch  den  Veränderungen  unserer
Außenwelt  zugrunde;  auch  hier  ist  es  die  Sonnenwärme,  die  alles  durch
Bewegung  geäußerte  Leben  verursacht.  Anderseits  wirkt  auch  die
Außenwelt,  wie  schon  weiter  oben  hervorgehoben  ist,  nur  über  unsere
physischen  Komponenten  auf  unsere  Resultierende,  d.  h.  Psyche  ein.

Wenn  ich  z.  B.  etwas  Schönes  sehe,  so  wird  mein  Auge  durch  die
Lichtstrahlen,  die  durch  das  Schöne  in  der  Art  und  Weise  ihrer  Wirkung
beeinflußt  find,  derartig  physisch  erregt,  daß  ich  vermittels  der  Resultierenden
  in  den  physischen  Komponenten  meines  Ichs  ein  harmonisches
Verhältnis  empfinde,  das  ich  inbezug  auf  die  objektive  Ursache,  d.  h.  das
Bild,  als  schön  anspreche.

Man  muß  sich  hier  unbedingt  darüber  klar  werden,  daß  ich  zu
einem  Kriterium  für  ein  Ursachsverhältnis  nur  vermittels  der  resultierenden
  Empfindungen  kommen  kann,  da  ich  hier  den  Zusammenhang
von  Ursache  und  Wirkung  in  der  Stetigkeit,  d.  h.  Unmittelbarkeit  meiner
Empfindungsresultierenden  nur  direkt  und  unmittelbar  empfinden
        <pb n="206" />
        202
kann;  denn  verändert  sich  die  eine  Komponente,  so  verändert  sich  auch
die  Resultierende  und  über  diese  unmittelbar  die  anderen  Komponenten.
  Von  letzteren  erfolgt  unmittelbar  eine  Rückwirkung,  die  wieder  in
ähnlicher  Weise  zur  Ursache  wird.  Auch  wenn  der  Wille  eines  anderen
auf  uns  wirkt,  so  kann  dieses  nicht  unmittelbar,  d.  h.  durch  seelische
Übertragung  geschehen,  sondern  nur  durch  physische  oder  körperliche.

Für  den  formalen  Idealismus  Kants  handelt  es  sich  auch  bei
der  Kausalität  um  ein  synthetisches  Urteil  a  priori  und  zwar  um  das
wichtigste.  Mit  Hilfe  der  resultierenden  Empfindungen  kommt  man
aber  zu  einer  Empfindung  der  Kausalität  und  dieses  ist,  wie  gesagt,
für  eine  materialistische  Weltanschauung,  die  mehr  sein  soll  als  ein  dogmatischer
  Unglaube,  unbedingt  notwendig,  denn  andernfalls  bedarf  man
übersinnlicher  Hilfsmittel;  wobei  es  schließlich  keinen  grundsätzlichen
Unterschied  bedeutet,  ob  man  sich  auf  eine  Seele,  ein  seelisches  Organ
oder  ein  seelisches  Prinzip  stützt.  Alle  drei  Unterschiede  sind  übersinnlich
und  als  solche  in  ihrem  Wesen  unserer  Erkenntnis  niemals  zugänglich,
und  da  hiernach  die  Erkenntnis  unserer  selbst  aus  diesem  Prinzip  hervorgeht,
  so  wird  auch  unsere  erschöpfende  Selbsterkenntnis  ein  frommer
Wunsch  bleiben  müssen.

Daß  mit  Hilfe  meiner  Lehre  der  resultierenden  Empfindungen
wir  und  die  Welt  restlos  als  Mechanismen  erklärt  werden  können,  wird
noch  verständlicher,  wenn  man  sich  klar  macht,  was  denn  eigentlich
empfunden  wird.

Der  Wille.

Wenn  wir  unsere  Empfindung  inbezug  auf  uns  und  unsere
Außenwelt  näher  betrachten,  so  werden  wir  finden,  daß  wir  uns  und
auch  die  Außenwelt  nur  an  der  ununterbrochenen  Veränderung  empfinden,
  d.  h.  am  Werden  und  Vergehen  der  Formen.  D.  h.  wir  empfinden
das  Sein  der  Materie  überhaupt  nur  an  der  Veränderung  ihrer  Formen,
  deren  eine  auch  der  Mensch  ist;  wir  empfinden  also  genau  genommen
  das  Sein  der  Formen  nur  am  Anderssein  derselben.  Wenn
z.  B.  der  Kreislauf  des  Blutes,  der  durch  eine  ununterbrochene  Veränderung
  des  Blutes  selbst  verursacht  wird,  aufhört,  so  hört  auch  alle
unsere  Empfindung  auf.  Auch  bei  dieser  Betrachtung  wird  es  uns  verständlich,
  daß  wir  das  Wesen  der  Materie  nicht  aus  den  Formen,
sondern  nur  aus  der  Art  und  Weise  der  Formung  ergründen  können.

Wenn  wir  nun  nach  den  Ursachen  der  ununterbrochenen  Umformung
  suchen,  so  werden  wir  bald  finden,  daß  diese  in  der  Anziehung
und  Abstoßung,  d.  h.  dem  wechselseitigen  Wollen  und  Nichtwollen  der
Elemente  liegen.  Mit  anderen  Worten:  Das  Wollen  und  Nichtwollen
        <pb n="207" />
        203

in  der  Natur  und  auch  im  Menschen  hat  seinen  alleinigen  Ursprung  in
der  chemischen  Verwandtschaft  der  Elemente  oder  in  der  Umsetzung  von
physikalischen  Energien.  Was  es  hierbei  für  eine  Bewandtnis  mit  der
berühmten  menschlichen  Willensfreiheit  hat,  werden  wir  im  folgenden
noch  sehen.  Tatsache  ist,  daß  durch  chemische  Umsetzung  auf  der  Sonne
Wärmeenergie  frei  wird,  diese  wird  durch  chemische  Tätigkeit  in  den
Pflanzen  wieder  in  chemische  Energie  umgewandelt  und  zwar  durch
Aufbau  zusammengesetzter  chemischer  Verbindungen  wie  Stärke,  Zucker,
Eiweiß  u.  a.  aus  einfachen  wie  Wasser  und  Kohlensäure.“  Die  chemische
Energie  wird  in  uns  durch  Verbrennung  wieder  in  Wärmeenergie  umgesetzt,
  indem  die  zusammengesetzten  Verbindungen  wieder  in  die  einfachen
  zerfallen,  aus  denen  sie  entstanden  sind.  Die  Wärmeenergie  wird
dann  in  Bewegungsenergie  umgesetzt,  und  letztere  wieder  durch  Nutzbarmachung
  der  Sonnenwärme,  z.  B.  beim  Ackerbau  in  Wärmeenergie.
In  diesem  Kreisprozeß,  in  dem  nie  ein  Gleichgewichtszustand  eintreten
darf,  äußert  sich  alles  Leben  überhaupt.  Das  Leben  ist  also  genau  genommen
  nichts  weiter  als  ein  Wollen  und  Nichtwollen,  ein  Lieben  und
Hassen  der  Elemente,  auf  das  sich  die  menschliche  Willensfreiheit,  so
verwickelt  sie  auch  erscheinen  mag,  immer  voll  und  ganz  zurückführen
  läßt.

Unser  ganzes  Dasein  besteht  in  nichts  anderem  als  in  einer
Umformung  durch  chemische  Umsetzung,  und  was  hierbei  gut  und  brauchbar
  ist,  wird  aufgenommen,  alles  andere  dagegen  abgestoßen.  Da  wir
uns  aber  als  Ganzes  am  Ganzen  empfinden,  so  sind  wir  nicht  schlechthin
Naturwille,  sondern  sich  bewußt  empfindender  organisierter  Naturwille,
und  zwar  bewußt  allein  durch  das  Prinzip  sich  fortschrittlich  umformen
zu  können.  Mittelbar  empfinde  ich  den  Naturwillen  und  unmittelbar
meinen  Ichwillen.  Daß  wir  auch  den  Naturwillen  in  uns  empfinden,
das  hat  seine  Ursache  darin,  daß  wir  auch  uns  mittelbar  empfinden.
Unsere  unmittelbare  Empfindung  ist  aber  immer  unsere  Empfindung  als
etwas  geformtes  Ganzes.  Wir  empfinden  aber  unseren  Ichwillen  nur
am  Naturwillen  und  den  Naturwillen  umgekehrt  nur  am  Ichwillen.

Unsere  Empfindungsresultierende  ist  also  inbezug  auf  den  Inhalt
unsere  Willensresultierende,  und  unsere  Empfindungskomponenten  sind
unsere  Willenskomponenten.  Und  die  ununterbrochene  Veränderung
der  Resultierenden  ist  nur  ein  beständiges  Schwanken  zwischen  Wollen
und  Nichtwollen,  dadurch  verursacht,  daß  die  durch  Umformung  bedingte
Veränderung  der  einen  Komponente  über  die  Resultierende  eine  Veränderung
  der  anderen  bedingt,  und  daß  von  diesen  Verhältnissen  entsprechend
  wieder  eine  Rückwirkung  erfolgt,  welche  Wechselwirkung  durch
den  Uberschuß  einer  Energie  und  zwar  der  von  der  Sonne  stammenden
Wärme  dauernd  unterhalten  wird.  ·
        <pb n="208" />
        204

Unsere  Willensresultierende  befindet  sich  also  in  einem  beständig
gestörten  Gleichgewicht;  wir  haben  aber  das  Bestreben,  sie  in  ein  labiles
ungestörtes  zu  bringen,  und  in  dem  mehr  oder  weniger  Gelingen  dieses
Bestrebens  hat  unsere  ganze  Gemütsverfassung  ihren  Ursprung.

Als  sich  bewußt  empfindender  Naturwille  weiß  der  Mensch  aber
nicht  nur,  daß  er  will,  sondern  auch,  was  er  will,  da  er  innerhalb  bestimmter
  Grenzen  eine  Wahl  hat,  das  labile  Gleichgewicht  seiner
Willensresultierenden  herzustellen.  Diese  Wahlfreiheit  hat  aber  eine
bedenkliche  Kehrseite,  da  sie  gerade  die  Quelle  des  Zweifels  und  des
Irrtums  ist.  D.  h.,  auch  in  der  bewußten  Wahlfreiheit  liegt  die  Ursache,
daß  es  für  uns  ein  Ding  an  sich  gibt.

Der  durch  Verbrennung,  d.  h.  durch  Verdauung  in  uns  erzeugte
Überschuß  der  einen  Energie,  der  von  der  Sonne  stammt  und  in  der
Pflanzenwelt  für  uns  nutzbar  gemacht  wird,  ermöglicht  es  uns  allein,
uns  fortschrittlich  umformen  zu  können,  worin  ja  unser  menschliches
Dasein  seinen  Zweck  findet;  und  zwar  können  wir  uns  einerseits  persönlich
  umformen,  anderseits  aber  auch,  da  unser  persönliches  Dasein
einen  Anfang  und  ein  Ende  hat,  in  unseren  Nachkommen,  indem  diese
sich  schon  unsere  Erfahrungen  nutzbar  machen  können.  In  Hinsicht  auf
unsere  Nachkommen  ist  unser  Wollen  ein  Wachsenwollen,  für  welches
wir  die  bewußte  Wahlfreiheit  haben,  bewußt  dadurch,  daß  sie  vergrößerungsfähig
  ist.  Dieses  Bewußtsein  der  Vergrößerungsfähigkeit  ist  von
unserem  Standpunkt  ein  weiteres  Merkmal,  das  uns  von  den  höheren
Tieren  trennt.  Die  Tiere  haben  auch  eine  Wahlfreiheit,  ihre  Willensresultierende
  in  ein  labiles  Gleichgewicht  zu  bringen,  da  sie  aber  keine
Empfindung  dafür  haben,  daß  sie  diese  zweckmäßig  vergrößern  können,
so  haben  sie  die  Wahlfreiheit  nur  instinktartig  und  unbewußt.

Daß  wir  überhaupt  eine  Vergrößerungsfähigkeit  der  Wahlfreiheit,
  die  die  Mutter  aller  übrigen  Freiheiten  ist,  haben,  haben  wir
einerseits  der  Sonne  zu  verdanken,  anderseits  aber  auch  der  Tatsache,
daß  wir  den  Kampf  ums  Dasein  gesellschaftlich  führen.  Denn  nur
durch  gesellschaftlich  geregelte  Arbeitsteilung  kann  zweckmäßig  gearbeitet
werden,  d.  h.  durch  systematisch  geregelte  Arbeit  kann  der  von  der
Sonne  stammende  Energieüberschuß  für  die  Erde  und  für  das  animalische
  Dasein  erheblich  dadurch  vergrößert  werden,  daß  er  in  den  Kulturpflanzen
  im  größeren  Maße  latent  gemacht  wird,  und  hierin  liegt  allein
die  Quelle  für  eine  Vergrößerungsfähigkeit  einer  menschlichen  Wahlfreiheit
  überhaupt.  .

Da  wir  bei  unserer  Empfindung  und  bei  der  Kausalität  schon
festgestellt  haben,  daß  wir  an  dem  Empfinden  der  Unveränderlichkeit
des  Empfindungsvermögens  ein  Beharrungsprinzip  in  der  Welt  gesunden
  haben,  das  uns  berechtigt,  über  unsere  Erfahrung  hinaus  von  uns
        <pb n="209" />
        205

auf  eine  Weltempfindung  zu  schließen,  so  können  wir  ähnlich  auch  bei
unserem  Willen  folgern.  Da  wir  sehen,  daß  sich  die  Welt  beständig  umformt,
  so  können  wir  auch  hier  den  Schluß  ziehen,  daß  sie  organisiert,
und  daß  aus  dem  gesamten  Wollen  und  Nichtwollen  des  Weltalls  ein
Weltwille  resultiert.  Z  "

Auch  dieser  Wille  kann  zwei  Seiten  haben:  Einmal  ist  er  das
resultierende  Wollen  und  Nichtwollen  der  Natur  selbst,  d.  h.  die  Resultierende
  des  gesamten  Naturwillens,  anderseits  aber  auch  die  Summe
aus  dem  selbst  schon  resultierenden  Einzelwillen  der  organisierten  Materie.
  Während  wir  uns  als  Einzelwille  am  Naturwillen  empfinden,
kann  sich  der  Weltwille  umgekehrt  an  den  Einzelwillen  empfinden.  Der
Weltwille,  den  wir  ohne  unser  wissenschaftliches  Gefühl  zu  verletzen
ruhig  Gott  nennen  können,  ist  in  diesem  Sinne  die  Resultierende  aus
der  Summe  der  Einzelwillen  und  aus  dem  gesamten  Naturwillen,  dem
die  Materie  des  Weltalls  als  Substrat  oder  Träger  dient.

Wenn  man  auf  diesem  Wege  zu  einem  Anhalt  für  das  Dasein
eines  Gottes  gekommen  ist,  so  läßt  sich  auch  hier  genau  wie  bei  der  Betrachtung
  der  Empfindung  weiter  folgern,  daß  wir  in  der  Qualität
gottähnliche  Geschöpfe  sind,  und  sehen  wir  uns  als  solche  als  die  Verkörperung
  eines  Zweckprinzips  an,  so  läßt  sich  auch  sehr  gut  von  unserem
materialistischen  oder  monistischen  Standpunkt  aus  die  Ansicht  wissenschaftlich
  verfechten,  daß  wir  nicht  nur  die  echten  Kinder  Gottes  sind.
sondern  daß  wir  auch  mindestens  im  Mittelpunkt  unseres  Planetenspstems,
  wenn  nicht  gar  der  Welt  stehen;  sicher  ist  aber  unser  Planetensystem
  unseretwegen  da.

Auch  diese  Willensbetrachtung  kann  uns  zu  der  Überzeugung  führen,
  daß  wir  das  Weltganze  sowohl  monistisch  als  auch  dualistisch  auffassen
  können.  Wenn  wir  Gott  als  den  sich  bewußt  empfindenden  Weltwillen
  als  mit  dem  Weltinhalt  identisch  auffassen,  haben  wir  einen
Monismus.  Nehmen  wir  aber  Gott  als  den  sich  erkennenden  organisierten
  Weltwillen,  dem  die  Materie  als  Träger  dient,  so  hat  er  unstreitig
  einen  dualistischen  Charakter,  selbstverständlich  grundverschieden
von  dem,  der  ihm  von  der  Kirche  angedichtet  wird

Da  ein  Gott  als  der  das  All  umfassende  Weltgeist  sich  in  einem
ungestörten  labilen  Gleichgewicht  befinden  muß,  und  nicht  an  Raum  und
Zeit  gebunden  ist,  so  ist  er  mehr  ein  sich  erkennender,  d.  h.  die  Welt  ist
ihm  mehr  mittelbares  als  unmittelbares  Objekt.  In  diesem  Sinne
möchte  ich  mich  für  das  Weltganze  immerhin  für  einen  Dualismus  entscheiden.
  Bei  diesem  Dualismus  kann  man  sich  also  Gott  von  der
Welt  losgelöst  und  ihr  gegenüber  stehend  nicht  denken,  infolgedessen
kann  man  ihm  auch  keine  schöpferische  Tätigkeit  in  dem  Sinne  zumuten,
wie  es  die  Bibel  lehrt,  d.  h.  die  Welt  aus  nichts  schaffen.  Mit  anderen
        <pb n="210" />
        206
Worten:  Gott  hat  das  Materielle  der  Welt  mit  seinen  Energien  nicht
geschaffen,  da  es  als  Summe  von  Kraft  und  Stoff  unwandelbar  in  alle
Ewigkeit  gegeben  ist,  und  als  materieller  Träger,  gewissermaßen  als
Körper  Gottes,  seine  eine  Seite  selber  ist.

Wohl  aber  kann  man  das  Dasein  der  Formen  der  Materie,  von
denen  auch  der  Mensch  eine  ist,  als  von  Gott  geschaffen  ansehen  und
zwar  in  der  Weise  geschaffen,  als  Gott  die  Richtung  der  Energieumwandlung
  bestimmt  hat.  Mit  anderen  Worten:  Gott  kann  und  hat  kein
Empfindungsvermögen  geschaffen,  da  dieses  nach  unserem  Beharrungsprinzip
  der  Materie  als  ihr  unveränderliches  Wesen  in  alle  Ewigkeit
innewohnt;  wohl  aber  kann  Gott  resultierende  Empfindungen  schaffen,
und  in  diesem  Sinne  können  wir  nun  nicht  nur  davon  sprechen,  daß
Gott  den  Menschen  überhaupt  geschaffen  hat,  sondern  daß  er  ihn  auch
nach  seinem  Bilde  geschaffen  hat.  Wir  können  um  so  mehr  davon
sprechen,  als  auch  wir  in  diesem  Sinne  eine  schöpferische  Tätigkeit  ausüben
  können.  Auch  wir  können  in  der  Entwicklung  von  Organismen
die  Entwicklungsrichtung  bestimmen  und  dirigieren,  was  uns  nicht  nur
die  Tier=  und  Pflanzenzucht,  sondern  der  Ackerbau  überhaupt  täglich
vor  Augen  führt.

Unsere  Gottähnlichkeit,  geäußert  durch  eine  schöpferische  Tätigkeit
zugunsten  der  Vergrößerung  unserer  Wahlfreiheit,  denn  diese  haben
wir  bei  unserer  schöpferischen  Tätigkeit  nur  im  Auge,  besteht  darin,
daß  wir,  wenn  wir  notgedrungen  eine  Kausalreihe  ins  Leben  rufen
müssen,  unter  verschiedenen  diejenige  wählen  können,  die  mit  der  geringsten
  Summe  von  Ursachen  und  Wirkungen  den  verhältnismäßig
größten  Zweck  für  uns  verbindet.  Wir  rufen  eine  Kausalreihe  z.  B.
dadurch  ins  Leben,  daß  wir  ein  Samenkorn  der  Erde  anvertrauen;  ein
hierdurch  hervorgerufener  chemischer  Vorgang  ist  die  Wirkung;  dieser
chemische  Vorgang  ist  wieder  die  Ursache  für  das  Keimen  als  Wirkung:;
hingegen  das  Keimen  die  Ursache  des  Wachsens  als  Wirkung  und  das
Wachsen  die  Ursache  für  das  Samenbilden  u.  s.  f.  Wir  sehen,  die  eine
Wirkung  ist  immer  die  Ursache  der  folgenden  und  eine  solche  Folge
von  Ursache  und  Wirkung  ist  ein  Kausalnexus.

Wir  müssen  aber  einen  Kausalnexus  zwischen  Säen  und  Ernten
ins  Leben  rufen,  und  zwar  nicht  nur  um  uns  zu  nähren,  sondern  um  uns
schrankenlos  fortpflanzen  zu  können.  Rufen  wir  einen  solchen  Kausalnexus
  nun  derartig  ins  Leben,  daß  wir  mit  der  geringsten  Menge  von
menschlichen  Hilfsaktionen  als  Kultur  und  Düngung  die  größte  Ernte
erzielen,  so  haben  wir  mit  der  geringsten  Summe  von  Ursachen  und
Wirkungen  den  verhältnismäßig  größten  Zweck  für  uns  erzielt,  und
dadurch  unsere  Wahlfreiheit  vergrößert.  Unsere  Wahlfreiheit,  die,  wie
gesagt,  die  Mutter  der  Willensfreiheit  ist,  besteht  also  einzig  und  allein
        <pb n="211" />
        207

darin,  daß,  wenn  wir  notgedrungen  eine  Kausalreihe  ins  Leben  rufen
müssen,  wir  unter  mehreren  diejenige  wählen  können,  die  mit  der  geringsten
  Summe  von  Ursachen  und  Wirkungen  für  uns  den  relativ  größten
Zweck  verbindet,  die,  mit  anderen  Worten,  mit  der  geringsten  Menge
von  Arbeit  den  größten  Überschuß  von  Sonnenenergie  für  uns  nutzbar
macht,  da  die  gewinnbare  Sonnenenergie  nicht  proportional,  sondern
progressiv  der  dabei  angewandten  Arbeit  steigerungsfähig  ist.

Der  Zwech.

Wir  haben  festgestellt,  daß  unser  irdisches  Daseinsprinzip  darin
besteht,  uns  sowohl  persönlich  als  auch  in  unseren  Nachkommen  umzuformen,
  infolgedessen  ist  die  Frage  wohl  sehr  naheliegend,  weshalb  oder
wozu  wir  uns  denn  eigentlich  umformen.  Diese  Frage  ist  nicht  nur
berechtigt,  sondern  sehr  wichtig;  sie  wird  aber  weder  von  der  Kirche  noch
vom  Idealismus  gestellt  und  beantwortet,  obwohl  auch  sie  diese  Umsormung
  täglich  vor  Augen  haben.  Der  sozialdemokratische  Materialismus
  läßt  überhaupt  keine  Zielstrebigkeit  gelten.  Auch  hier  kann  uns
nur  der  Materialismus  mit  meiner  Auffassung  der  Entwicklungstheorie
eine  befriedigende  Antwort  geben.

Von  unserem  Standpunkt  hat  sich  der  Mensch  aus  bewußtseinloser
  Materie  bis  zu  sich  bewußt  empfindender  umgeformt,  wobei  wohl
unschwer  zu  erkennen  ist,  daß  hierin  ein  gewaltiger  Fortschritt  liegt.
Der  Mensch  hat  sich  also,  kurz  gesagt,  hierbei  zu  etwas  Besserem  umgeformt;
  da  er  das  Beste  aber  nicht  erreicht  hat,  so  ist  wohl  die  Folgerung
  berechtigt,  daß  er  sich  noch  weiter  umformt  und  zwar  solange,
bis  er  etwas  Vollkommenes  darstellt.

Hier  können  wir  nun  weiter  fragen,  welcher  Zustand  denn  schließlich
  ein  vollkommener  für  uns  sein  kann?  Ob  wir  uns  noch  aus  dem
Menschentum  heraus  entwickeln,  oder  ob  wir  schon  als  Mensch  etwas
Vollkommenes  werden  können?  Diese  Frage  ist  von  uns  unschwer  zu
beantworten,  wenn  wir  uns  als  sich  bewußt  empfindende  Materie  ansehen,
  die  noch  dem  Irrtum  unterworfen  ist,  denn  als  solche  können  wir
nur  noch  sich  erkennende  werden  und  zwar  dann,  wenn  wir  uns  irrtumslos
  empfinden.  Diese  irrtumslose  Zeit  ist  da,  wenn  unsere  Erfahrung
ein  Maximum  erreicht  hat,  und  zwar  hat  sie  ein  solches  erreicht,  wenn
unsere  Wahlfreiheit  ein  Maximum  erreicht  hat,  da  sie  dann  für  jeden  Einzelnen
  ein  Optimum  enthält.  D.  h.  wenn  die  Menschheit  tatsächlich
in  einer  Entwicklung  begriffen  ist,  dann  muß  letztere  einen  Höhepunkt
erreichen.

Daß  der  Mensch  sich  aber  tatsächlich  noch  entwickelt,  geht  daraus
hervor,  daß  er  nicht  nur  einen  gesellschaftlich  geführten  Kampf  ums  Da-
        <pb n="212" />
        208

sein  kämpft,  sondern  innerhalb  der  Gesellschaft  einen  Kampf  um  das
bessere  Dasein,  das  im  Prinzip  ein  vollkommeneres  Dasein  sein  soll,
und  das  durch  die  Vergrößerungsfähigkeit  der  Wahlfreiheit  gewährleistet
  ist.  Z.  B.  streben  alle  Eltern  der  unteren  Klassen  nicht  nur
dahin,  daß  ihre  Kinder  eine  bessere  Existenz.  sondern  auch  eine  bessere
Erziehung  haben,  als  sie  selbst.

Dieser  Kampf  ist  sogar  notwendig,  denn  die  Menschheit  kommt
nicht  einfach  durch  den  Kampf  ums  Dasein  vorwärts,  sondern  sie  kommt
nur  durch  einen  Kampf  um  das  bessere  Dasein  innerhalb  der  Gesellschaft
vorwärts,  und  wie  wir  noch  sehen,  liegt  hierin  vorläufig  allein  das
Steigerungsmotiv.  Dieser  Kampf  ist  auch  nicht  nur  innerhalb  eines
Gesellschaftsverbandes,  sondern  auch  zwischen  verschiedenen  Gesellschaftsverbänden.
  -

Die  ungleiche  Entwicklung  der  verschiedenen  Staaten,  d.  h.  Gesellschaftsverbände,
  ist  nach  unserer  Annahme  der  wechselseitigen  Kausalität
  bedingt  durch  die  verschiedenen  religiösen,  politischen  und  wirtschaftlichen
  Verhältnisse,  infolgedessen  ist  ihr  gegenwärtiger  Stand  sehr
verschieden;  woraus  wir  folgern  können,  daß  das  Geschick  der  Gesellschaftsverbände
  diesen  insofern  in  die  Hand  gegeben  ist,  als  sie  zwar
die  innern  Kräfte  weder  hemmen  noch  unterdrücken  können;  wohl  aber
können  sie  die  Richtungen  dieser  Kräfte  beeinflussen.

In  dieser  Annahme  unterscheidet  sich  der  philosophische,  d.  h.  der
wirkliche  Materialismus  wesentlich  von  dem  sogenannten  historischen
der  Sozialdemokratie,  der,  wie  wir  im  ersten  Abschnitt  gesehen  haben,
genau  genommen  nur  ein  politischer  oder  volkswirtschaftlicher  Materialismus
  ist.  Der  philosophische  Materialismus  muß  sich  darauf  beschränken,
  die  Menschen  und  ihre  Entwicklung  so  zu  nehmen,  wie  sie
sind,  denn  nur  hieraus  allein  läßt  sich  eine  richtige  Nutzanwendung  für
die  Zukunft  des  Menschen  finden.  Die  Kirche  und  auch  der  politische
Materialismus  der  Sozialdemokratie  gehen,  wie  bereits  hervorgehoben,
davon  aus,  wie  es  in  der  Welt  sein  könnte,  oder  wie  es  sein  müßte,  und
folgern  daraus  für  die  Zukunft,  wodurch  sie  mit  den  tatsächlichen  Verhältnissen
  und  der  tatsächlichen  Entwicklung  meistens  in  unlösbare
Widersprüche  geraten.  Wo  sie  ober  versuchen,  die  Widersprüche  politisch
und  gewaltsam  zu  ihren  Gunsten  zu  lösen,  da  müssen  sie  der  menschlichen
  Natur  Gewalt  antun  und  bringen  nur  Unheil  über  die  Menschen,
wie  die  Glaubenskriege  des  Mittelalters  genügend  bewiesen  haben.
Und  schließlich  stellt  sich  doch  bald  hinterher  heraus,  daß  sie  den  tatsächlichen
  Verhältnissen  gegenüber  machtlos  sind,  und  daß  ihr  Glaubenseifer,
  so  gut  er  gemeint  ist,  doch  nur  ihre  ganze  Rat=  und  Hilfslosigkeit
bloßstellt,  so  daß  auch  weniger  Einsichtige  an  der  Richtigkeit  ihres
Wirkens  zu  zweifeln  anfangen.
        <pb n="213" />
        209

Der  historische  Materialismus  nimmt  an,  daß  das  Unsittliche  nicht
in  der  menschlichen  Natur,  sondern  ausschließlich  nur  in  der  Gesellschaftsordnung
  seine  Begründung  hat;  wird  letztere  dementsprechend
verändert,  so  fällt  ohne  weiteres  das  Unsittliche  des  Menschen  fort.
Die  Sozialdemokratie  setzt  also  die  sittliche  Reife  des  Menschen  ohne
weiteres  voraus.  Das  heißt  aber  auch,  sie  nimmt  den  Menschen  als
etwas  Fertiges,  als  etwas  Vollkommenes,  das  für  die  Zukunft  außerhalb
  der  Entwicklung  steht.  Hiernach  muß  dann  notwendig  gefolgert
werden,  daß  der  Mensch  entweder  in  einer  naturgeschichtlichen  Entwicklung
  mit  dem  Eintritt  in  die  kulturgeschichtliche  den  Höhepunkt  der
Entwicklung  erreicht  hat,  oder  daß  er  eine  naturgeschichtliche  Entwicklung
  überhaupt  nicht  hat,  sondern  nur  eine  kulturgeschichtliche.  Das
letztere  schließt,  wie  wir  gesehen  haben,  einen  philosophischen  Materialismus
  überhaupt  aus,  während  die  erstere  Annahme  ihn  sehr  fraglich
macht.  Wir  wissen  bestimmt,  daß  die  geistigen  Fähigkeiten  bei  den
Menschen  sehr  verschieden  sind  und  daß  dieses  nicht  allein  auf  die  Verschiedenheit
  der  Erziehung  zurückgeführt  werden  kann,  sondern  daß
dieses  noch  mehr  auf  eine  verschiedene  Veranlagung  zurückgeführt
werden  muß.  Nach  der  materialistischen  Weltanschauung  ist  das  Geistige
  aber  ausschließlich  Abhängigkeit  und  Außerung  des  Körperlichen.
Eine  verschiedene  geistige  Veranlagung,  wenn  auch  nur  im  Grad  setzt
also  notwendig  eine  verschiedene  körperliche  Veranlagung  und  zwar
wesentlich  des  Gehirns  voraus,  und  macht  damit  auch  eine  weitere  Entwicklung
  des  Menschen  nicht  nur  möglich,  sondern  muß  sie  ebenfalls  als
notwendig  voraussetzen.  Man  sieht  auch  hier,  daß  der  historische  Materialismus
  der  Sozialdemokratie  nichts  weiter  als  eine  politische  und
volkswirtschaftliche  Redensart  ist,  die  dadurch  etwas  philosophischen
Anstrich  hat,  daß  sie  mit  geistigen  Abhängigkeiten  rechnet,  die  aber  dem
philosophischen  Materialismus  ebensowenig  entspricht  wie  der  Materialismus
  des  Judentums,  sondern  die  ihn  nur  verdächtigt.

Hingegen  lehrt  die  Kirche,  daß  das  Unsittliche,  d.  h.  die  Sünde,
zwar  nicht  zur  Natur  des  Menschen  gehört;  sie  ist  aber  als  Erbteil  von
den  ersten  Vorfahren  unzertrennlich  mit  ihm  verknüpft.  Und  nur  die
wahre  Betätigung  in  der  christlichen  Religion  kann  ihn  von  ihr  zu
einem  ewigen  Leben  erlösen.  Nach  dieser  Auffassung  ist,  wie  im  Vorhergehenden
  genügend  erörtert,  selbstverständlich  keine  andere  als  eine
kulturgeschichtliche  Entwicklung  möglich.

Nach  dem  philosophischen  Materialismus  ist  das  Unsittliche  insofern
  in  der  menschlichen  Natur  begründet,  als  es  auf  der  Unzulänglichkeit
  der  menschlichen  Erkenntnis  über  den  Zweck  des  Menschen  beruht.
Der  Mensch  sündigt  danach  nicht  aus  angeborener  oder  angeerbter
Schlechtigkeit,  sondern  er  irrt  aus  Mangel  an  Erfahrung  über  seinen

binze,  Soztalbemotratle,  Ehristentum,  Nuterlallem#s  und  der  Krieg.  14
        <pb n="214" />
        210

Weltzweck  und  der  darin  liegenden  Glückseligkeit,  nach  der  er  strebt.
Unsittlich  wird  der  Irrtum  erst  in  Anschauung  auf  die  Gesetze  des  gesellschaftlichen
  Lebens.  Eine  Anderung  des  gesellschaftlichen  Lebens
könnte  das  Irren  der  Menschen  aber  nur  aus  der  Welt  schaffen,  wenn  die
abgeänderte  Gesellschaftsordnung  selbst  der  einzige  Irrtum  wäre.  Daß
letzteres  nicht  der  Fall  ist,  sondern  daß  der  Irrtum  einen  anderen  Ursprung
  hat,  das  kann  nach  meinen  Ausführungen  nicht  mehr  zweifelhaft
  sein.  ·

f  Wie  wir  gesehen  haben,  besteht  das  Eigentümliche  des  Menschen
gegenüber  den  anderen  Geschöpfen  darin,  daß  er  einen  Kampf  um  das
gesellschaftliche  Dasein  kämpft;  daß  dieser  Schattenseiten  und  Unvollkommenheiten
  hat,  liegt  in  der  Schwierigkeit  der  richtigen  Verteilung
des  gewonnenen  Überschusses  an  Wahlfreiheit.  Da  der  Mensch,  wie
schon  bemerkt,  seinen  Weltzweck  nicht  kennt,  so  fehlt  ihm  ein  Maßstab
für  die  richtige  Verwendung  der  Wahlfreiheit.  Bei  dem  Streben  nach
Erweiterung  der  Wahlfreiheit  scheinen  die  Menschen  zu  übersehen,  daß
einer  Erweiterung  der  objektiven  Wahlfreiheit  auch  eine  solche  der
subjektiven  parallel  gehen  muß,  wenn  sie  für  die  Zukunft  ersprießlich
sein  soll.  Die  Menschen  streben  aber  meistens  nur  nach  der  Erweiterung
der  objektiven  Wahlfreiheit,  um  ihre  körperlichen  Energien  zu  schonen
und  die  geistige  Potenz  des  Körpers  zu  steigern,  und  zwar  nicht  nur  für
sich  persönlich,  sondern  auch  für  ihre  Nachkommen.  Da  der  Mensch  die
Zukunft  seiner  Nachkommen  aber  nicht  kennt,  so  strebt  er  leicht  über
die  Notwendigkeit  hinaus  und  zwar  auf  Kosten  seiner  Mitmenschen,
denen  dadurch  sogar  das  Notwendige  oft  entzogen  wird.  In  dieser
ungerechten  Verteilungsmöglichkeit  liegt  die  Quelle  der  sogenannten
Erbsünde,  von  der  die  Kirche  wie  auch  die  Sozialdemokratie  mit  ihren
Beglückungsbestrebungen  ausgehen.

Diese  Verteilungsmöglichkeit  ist  aber  eine  entwicklungsgeschichtliche
  Notwendigkeit,  da  sie  die  Zugkraft  im  Menschen  rege  hält.  Diese
Zugkraft  hat  schließlich  keinen  andern  Zweck,  als  in  seinen  Nachkommen
sein  Lebensprinzip  noch  so  lange  zu  erweitern  als  es  möglich  ist.  Dieses
ist  dann  nicht  mehr  möglich,  wenn  die  Erde  mit  Bevölkerung  gesättigt
ist,  und  hat  diese  Bevölkerung  dabei  dieselben  sittlichen  Anschauungen,
so  ist  a6=  auch  sittlich  reif,  den  Kampf  ums  Dasein  lediglich  gesellschaftlich
zu  führten.

Die  christliche  Religion  führt,  in  ihrer  Ursprünglichkeit  genommen,
  schon  ohne  weiteres  zu  derselben  Gleichheit  und  Brüderlichkeit
als  der  sozialdemokratische  Materialismus.  Sie  enthält  also  das
Prinzip  des  vollkommenen  Demokratismus;  ja,  sie  muß  folgerichtig
sogar  zu  einem  Kommunismus  führen.  Daf  sie  dieses  heute  übersieht
und  sogar  eine  vorhandene  Ungleichheit  auch  heiligt,  selbst  wenn  diese
        <pb n="215" />
        211

ein  Erfolg  niedriger  Gesinnung  und  unsittlicher  Handlungen  ist,  das
beweist  nur,  daß  das  Christentum  beider  Konfessionen  in  seiner  heutigen
Aufmachung  nur  noch  ein  Zerrbild  seiner  ursprünglichen  Form  ist,  und
daß  aus  einer  früheren  Herrin  der  Philosophie  eine  Magd  der  Politik
geworden  ist,  was  für  uns  Protestanten  schon  die  Bezeichnung  „Landeskirche“
  ausdrückt.  Die  Diener  dieser  Kirche  sind  denn  auch  nichts  weiter
als  gute  Staatsbürger  und  Beamte,  die  in  der  Regel  ein  moralisch  einwandfreies
  und  vielleicht  auch  vorbildliches  bürgerliches  Leben  führen,
die  im  übrigen  aber  dem  Seelenleben  ihrer  Mitbürger  kein  allzu  großes
Interesse  entgegenbringen.

Das  Verhalten  der  Kirche  beweist  aber  auch,  daß  sie  sich  der
Widersprüche  ihrer  Lehren  mit  den  Tatsachen  des  Lebens  und  ihrer
Ohnmacht  dagegen  bewußt  ist,  und  daß  sie  sich  mit  Entsagung  in  das
Unvermeidliche  fügt  und  zufrieden  ist,  daß  sie  im  Schutze  der  Politik
neben  anderen  Faktoren  des  öffentlichen  Lebens  geduldet  wird.

Dasjenige,  das  die  Kirche  am  meisten  um  ihre  Kreditfähigkeit
bringt,  ist  die  Tatsache,  daß  sie  ein  Sittengesetz  aufgestellt  hat,  dessen
Erfüllung  sie  nicht  beansprucht  und  auch  nicht  beanspruchen  kann.  Wenn
schließlich  die  Weltanschauung  einer  Nation  zu  einem  schäbigen  und
ungesunden  Egoismus  ausartet,  so  ist  die  einzige  Rettung,  das  Krankhafte
  zu  beseitigen,  aber  nicht  den  Egoismus  durch  einen  krankhaften
und  unmöglichen  Altruismus  zu  ersetzen,  wie  es  das  Christentum,  wenn
auch  in  der  besten  Absicht,  getan  hat.  .

Eine  Christengemeinschaft,  die  den  christlichen  Altruismus  folgerichtig
  in  die  Praxis  übersetzen  will,  ist,  sobald  ihre  Größe  die  Sektenbildung
  überschreitet  und  ein  Gemeinwesen  ausfüllt,  nur  auf  kommunistischer
  Grundlage  denkbar.  In  einem  solchen  Staatswesen  würde  die
Zufriedenheit  und  Anspruchslosigkeit  einen  Wunsch  nach  Verbesserung
und  ein  Bestreben  nach  Fortschritt  gar  nicht  aufkommen  lassen.  Es
läßt  sich  nun  gar  nicht  verkennen,  daß,  wenn  die  Angehörigen  des  Gemeinwesens
  hierbei  einen  Zustand  vollkommener  Glückseligkeit  erreicht
haben,  dieses  immerhin  auf  Kosten  einer  beschränkten  Lebensauffassung
geschehen  ist,  die  schließlich  zur  Verweichlichung  und  Verdummung  führen
  muß.  Ein  solcher  Zustand  ist  dann  überhaupt  nur  solange  möglich,
als  er  von  den  politischen  Nachbarn,  bei  denen  andere  Grundsätze  maßgebend
  find,  geduldet  wird.  Der  Altruismus  des  Christentums  ist  aber
solange  noch  unmöglich,  als  auf  der  Erde  die  Bewohner  in  philosophischer
und  infolgedessen  sittlicher  und  wirtschaftlicher  Hinsicht  ungleich  sind.
Im  einzelnen  ist  es  aber  erst  recht  nicht  angebracht  und  nach  der  bürgerlichen
  Auffassung  überhaupt  nicht  zulässig.  Denn  wenn  heute  ein
Reicher,  der  Angehörige  besitzt,  sein  Vermögen  restlos  unter  die  Bedürftigen
  verteilen  würde,  so  würde  er  von  seinen  Angehörigen  mit

140%
        <pb n="216" />
        212

Recht  für  nicht  zurechnungsfähig  erklärt  werden  und  die  Staatsgewalt
würde  ihn  ohne  weiteres  entmündigen.

Die  Sozialdemokratie  sucht  der  sittlichen  Ungleichheit  in  den  verschiedenen
  Staaten  dadurch  Rechnung  zu  tragen,  daß  sie  für  ihre  Lehre
die  Internationalität  voraussetzt  und  überall  dieselbe  Wirtschaftsweise
einführen  will.  Die  philosophische  Ungleichheit  soll  als  Folge  der  wirtschaftlichen
  dann  von  selbst  verschwinden.  Nun  ist  es  aber  unschwer
einzusehen,  wie  schon  weiter  oben  auseinander  gesetzt,  daß  die  wirtschaftliche
  Ungleichheit  eine  Folge  der  philosophischen  und  nicht  umgekehrt  ist.
Nehmen  wir  z.  B.  die  Landwirtschaft,  so  können  Boden,  Klima  und
Lage  dieselbe  sein;  auch  stehen  jedem  dieselben  Erfahrungen  der  Wissenschaft
  und  Praxis  zur  Verfügung  und  doch  ist  das  Ergebnis  sehr  verschieden.
  Es  kann  aber  hierbei  gar  keinem  Zweifel  unterliegen,  daß
dieses  allein  an  der  Persönlichkeit  liegt  und  zwar  an  ihrer  Veranlagung
und  Erziehung,  und  diese  sind  das  Ergebnis  der  philosophischen  Entwicklung,
  d.  h.  in  diesem  Sinne  der  Entwicklung  des  Gehirns.  Wenn
die  Sozialdemokratie  mit  ihren  Lehren  daher  erfolgreich  sein  will,  dann
muß  sie  erst  für  eine  gleiche  Veranlagung  und  Erziehung  sorgen  und
dieses  dürfte  auf  friedlichem  Wege,  bloß  mit  Durchdringung  ihrer  Ideen
recht  lange  dauern,  wenn  es  nicht  ganz  unmöglich  ist.  Also  auch  der
sozialdemokratische  Materialismus  kann  sich  als  Weltanschauung  nur
mit  Gewalt  durchsetzen,  da  er  genau  wie  das  Christentum  Widernatürliches
  verlangt,  und  die  Sozialdemokratie  müßte  folgerichtig,  um  zum
Ziele  zu  gelangen,  eine  Eroberungspolitik  verfolgen,  statt  eine  solche  zu
bekämpfen.

Anders  der  philosophische  Materialismus.  Dieser  setzt  die  Ungleichheit
  voraus;  d.  h.  er  legt  sie  als  einen  natürlichen  Entwicklungszustand
  seinem  System  zugrunde.  Er  will  aber  als  Ziel  der  Entwicklung
auf  der  Höhe  derselben  ebenfalls  die  Gleichheit  und  zwar  eine  philosophische
  Gleichheit  der  Menschen,  bei  der  sie  die  gleiche  Verantagung
und  Erziehung  haben  und  bei  der  die  wirtschaftliche  Entwicklung  soweit
vorgeschritten  ist,  daß  kein  Fortschritt  mehr  möglich  ist,  und  nichts  mehr
zu  wünschen  übrig  bleibt.  Das  heißt  also  mit  anderen  Worten:  Der
Zukunftsstaat  der  Sozialdemokratie  wird  erreicht,  aber  nur  auf  evolutionärem
  Wege  und  zwar  evolutionär  für  die  Menschen  durch  Auslese  und
nicht  für  die  Produktions=  und  Austauschweise,  infolgedessen  kann
dieser  Zustand  der  vollkommenen  Glückseligkeit  auch  erst  in  unabsehbarer
  Zeit  erreicht  werden.  Die  erste  Voraussetzung  ist  aber  hierbei,
daß  die  Erde  mit  Bevölkerung  gesättigt  ist;  solange  dieses  nicht  der  Fall,
liegt  die  Entwicklungskraft  eines  Staates  oder  einer  Nation  in  der
Zunahme  seiner  Bevölkerung,  da  er  hierin  allein  eine  Sicherung  für  die
Beschleunigung  der  Entwicklung  hat,  und  daß  er  schließlich  infolge  der
        <pb n="217" />
        213

Auslese  durch  den  Kampf  ums  bessere  Dasein  nicht  Mittel,  sondern
Zweck  der  Entwicklung  ist.

Es  ist  naheliegend,  daß  alle  Weltverbesserer  alles  Unheil  der  Welt
und  der  Menschheit  im  Egoismus  des  Menschen  und  der  daraus  hervorgegangenen
  Unzufriedenheit  sehen,  zumal  derselbe  in  seinen  Ausartungen
  weitgehende  üble  Wirkungen  verursachen  kann.  Selbstverständlich
  wird  alles  Handeln  der  Menschen  in  erster  Linie  von  der
Selbstsucht  und  Eigenliebe  geleitet.  Selbst  wo  es  sich  um  gemeinnützige
Tätigkeit  handelt,  ist  meistens  die  Eigenliebe  beteiligt  und  wenn  auch
nur,  um  sich  im  Bewußtsein  und  in  der  Selbstzufriedenheit  über  eine
gute  Tat  zu  spiegeln.  Der  Egoismus  hat  aber  auch  entschieden  eine
gute  Seite  und  diese  ist  von  hervorragender  Bedeutung  für  die  menschliche
  Gesellschaft  überhaupt.  Nicht  nur,  daß  die  Familie  und  der
Staat  Institutionen  sind,  die  dazu  geschaffen  find,  daß  sich  der  Egoismus
  entfalten  kann  und  seine  Befriedigung  findet,  sondern  aller  Fortschritt
  in  der  Kultur,  die  den  Menschen  erst  zum  Menschen  geprägt  hat,
und  ihm  das  irdische  Leben  lebenswert  macht,  ist  auf  ihn  zurückzuführen.
Ebenso  ist  es  mit  der  Unzufriedenheit.  Ein  zufriedener  Mensch  mag
ungefährlich  und  harmlos  sein,  es  fehlt  ihm  aber  auch  die  Initiative
zu  jeder  Tat.  Zufriedenheit  ist  gewöhnlich  eine  Folge  des  Fatalismus,
und  was  dieser  für  den  Fortschritt  leistet,  und  wo  er  hinführt,  das  sieht
man  bei  den  Anhängern  des  Buddha  und  Mohammed.  Hingegen  ist
die  Unzufriedenheit  gleich  einem  Sauerteig,  der  die  Menschheit  in
Gärung  und  Bewegung  bringt,  die.  aber  schließlich  den  Abschaum  der
Menschheit  doch  als  unbrauchbar  abscheidet  und  das  reine  geläuterte
Menschentum  zur  Geltung  bringt.

Nach  der  Entwicklungstheorie  ist  der  Egoismus  auch  durchaus
nichts  Unnatürliches,  sondern  er  hat  seinen  Ursprung  in  der  Natur  der
chemischen  Verwandtschaft,  d.  h.  in  der  Affinität  der  chemischen  Elemente;
  letztere  besteht  darin,  daß  sich  das  Wesen  der  Elemente  im
gegenseitigen  Anziehen  und  Abstoßen  äußert.  Angezogen  wird  das
Brauchbare  und  abgestoßen  das  Unbrauchbare.  Im  Menschen  sind  es
nun  bieselben  Kräfte  der  Elemente,  die  Brauchbares  verlangen  und
Unbrauchbares  abstoßen,  und  zwar  sind  sie  hier  zum  menschlichen  Willen
organisiert.  Der  Wille  hat  hierbei  aber,  wie  bereits  auseinandergesetzt,
  als  Voraussetzung  eine  Wahlfreiheit,  die  anderseits  aber  auch
die  Möglichkeit  des  Irrtums  ist.

Um  dem  Egoismus  das  Ungehörige  zu  nehmen,  kann  es  sich  also
nur  darum  handeln,  den  Irrtum  zu  beseitigen,  und  dieses  vermag  nur
die  Erweiterung  unserer  Erkenntnis  durch  die  Erfahrung.  Hierzu  gehört
  aber  neben  der  Einsicht  und  Urteilsfähigkeit  auch  die  Zeit.
        <pb n="218" />
        214

Jedenfalls  ist  es  ein  Unding,  den  Egoismus  praktisch  zu  dulden
und  politisch  zu  fördern  und  ihn  theoretisch  zu  bekämpfen;  deshalb  kann
auch  das  natürliche  moralische  Gebot  in  uns  nicht  heißen:  Liebe  Gott
über  alles  und  deinen  Nächsten  als  dich  selbst!  Sondern:  Liebe  Gott
und  deinen  Nächsten  um  deinetwegen!  —  Alle  stillschweigende  Voraussetzung
  bei  dem  gemeinschaftlichen  Handeln  der  Menschen  und  ihren  gesellschaftlichen
  Gesetzen  und  Übereinkommen  stützt  sich  auf  letzteres
Gebot,  wobei  dem  Ich  selbstverständlich  auch  die  Nachkommen  eingerechnet
  werden  müssen.  Das  Gebot  ist  deshalb  nicht  nur  der  kategorische
Imperativ  des  Materialismus,  sondern  auch  ein  natürliches  Sittengesetz
  in  uns,  das  uns  den  Willen  Gottes  offenbart.

Handeln  wir  nach  diesem  Gebot,  so  werden  wir  zu  einem  seelischen
Gleichgewicht  kommen,  in  dem  wir  unsere  ganze  Glückseligkeit  finden,
die  schließlich  objektiv  nur  darin  bestehen  kann,  daß  wir  uns  in  unseren
Nachkommen  als  harmonischer  Teil  des  Ganzen  weiter  entwickeln
können.  Subjektiv  gibt  es  uns  die  Selbstzufriedenheit,  daß  wir  uns  in
unserem  Tun  und  Treiben  in  Übereinstimmung  mit  unserem  Weltzweck
befinden;  dieses  heißt  aber  auch,  daß  ausschließlich  die  Erde  ·  unser
paradiesischer  Himmel  ist,  so  daß  wir  aus  dieser  Glückseligkeit  weder  zu
dem  Postulat  von  dem  Dasein  einer  menschlichen  Seele  noch  zu  demjenigen
  von  dem  Dasein  Gottes  kommen.

Wie  wir  aber  bereits  bei  der  Erörterung  der  Empfindung  und
des  Willens  gesehen  haben,  hat  die  materialistische  Betrachtung  dieser
sowohl  zu  der  Möglichkeit  und  Wahrscheinlichkeit  einer  Weltempfindung
als  auch  Weltwillen  geführt,  die  wir,  ohne  uns  wissenschaftlich  Gewalt
anzutun,  ruhig  Gott  nennen  können.  Inbezug  auf  unseren  Weltzweck
kann  unsere  materialistische  Auffassung  des  Weltgeschehens  ohne  Bedenken
  für  das  Dasein  Gottes  sogar  den  physiko-theologischen  Beweis
der  Theologie  für  sich  reklamieren.

Wie  wir  bei  der  Erörterung  der  Kantschen  Philosophie  gesehen
haben,  schließt  dieser  Beweis  aus  der  Zweckmäßigkeit  der  Natur  auf
die  absolute  Weisheit  und  Macht  eines  Urhebers.  D.  h.  nach  unserer
materialistischen  Anschauung  geschieht  innerhalb  einer  Kausalreihe
nichts  aus  Freiheit,  sondern  alles  aus  Notwendigkeit.  Auf  eine  bestimmte
  Ursache  muß  notwendig  infolge  der  Naturgesetzmäßigkeit  innerhalb
  der  Reihe  eine  bestimmte  Wirkung  erfolgen.  Innerhalb  eines
Kausalnexus  gibt  es  aber  keine  Wahl,  daher  auch  keine  Freiheit  und
keinen  Zweck.  Nun  kann  aber  ein  ganzer  Kausalnexus  von  einer
geistigen  Ursache  ausgehen,  da  der  Mensch  die  Wahlfreiheit  hat,  diesen
oder  einen  andern  veranlassen  zu  können.  Die  Ursache  für  den  ganzen
Kausalnexus  ist  also  der  Zweck.  D.  h.  Wahl  und  Freiheit  setzen  überhaupt
  eine  Zweckmäßigkeit  voraus  und  umgekehrt.
        <pb n="219" />
        215

Wenn  man  also  in  dem  ganzen  Weltgeschehen  eine  Zweckmäßigkeit
  sieht,  so  muß  man  für  diese  notwendig  auch  auf  eine  geistige  Ursache
und  eine  Willensfreiheit  schließen.  Die  Zweckmäßigkeit  im  Weltgeschehen
  läßt  sich  aber  nicht  darin  finden,  daß  sich  die  Welt  nach  ewigen
unveränderlichen  Gesetzen  in  einer  ununterbrochenen  Umformung  befindet,
  sondern  diese  läßt  sich  allein  darin  finden,  daß  in  der  Umformung
  der  organischen  Natur  ein  Entwicklungsprinzip  liegt,  d.  h.  daß
die  Umformung  in  der  organischen  Natur  nicht  nur  eine  Veränderung
bedeutet,  sondern  in  der  Fortpflanzung  auch  eine  Verjüngung  und
inbezug  auf  eine  Zielstrebigkeit  für  den  Menschen  auch  eine  Vervollkommnung.
  Nur  in  der  Zielstrebigkeit  für  den  Menschen,  d.  h.  in  seiner
Entwicklung  ist  eine  Zweckmäßigkeit  in  der  Welt  zu  erkennen  und  dieses
führt  ohne  weiteres  zu  der  Folgerung,  daß  der  Mensch  als  oberste  Stufe
der  Entwicklung  überhaupt  der  Zweck  der  Welt  inbezug  auf  ihr  Geschehen
  ist,  und  daß  sich  hierdurch  ausschließlich  der  dem  Weltgeschehen
gegenüberstehende  Weltwille,  d.  h.  das  Dasein  Gottes  offenbart.

Nimmt  man  mit  der  christlichen  Theologie  an,  daß  die  organischen
Formen  als  unvergängliche  Typen  geschaffen  sind,  so  bedeutet  alle  individuelle
  Umformung  nur  eine  Veränderung;  die  Fortpflanzung  ist  dann
überhaupt  keine  Umformung,  die  zur  Vervollkommnung  führen  kann,
sondern  nur  ein  Naturtrieb,  der  zur  Unterhaltung  und  nebenbei  zur
Erhaltung  der  Art  dient.  Nach  solcher  Auffassung  läßt  sich  dann  im
irdischen  Dasein  der  Menschheit  sehr  schwer  eine  Zweckmäßigkeit  des
Weltgeschehens  finden.  Daß  in  einer  gesellschaftlichen  Klassengliederung
  eine  Mehrheit  wirkt  und  schafft,  damit  eine  Minderheit  das
irdische  Dasein  etwas  üppiger  und  sorgloser  genießen  kann,  und  daß
Kriege  geführt  werden,  die  Hekatomben  von  Menschen  verschlingen,
bloß  um  diesen  Zustand  zu  sichern,  das  kann  es  allein  nicht  begründen,
daß  sich  die  Mutter  Erde  täglich  um  ihre  eigene  Achse  dreht,  um  allen
Teilen  Licht  und  Wärme  von  der  Sonne  zu  verschaffen.  Die  Kirche
kann  also  im  irdischen  Dasein  des  Menschen  an  sich,  wie  wir  es  aus
der  Kulturgeschichte  kennen,  keinen  Weltzweck  finden.  Und  da  nach
ihrer  Seelentheorie  und  ihrer  Lehre  von  der  Erbsünde  sich  die  Menschen
  in  Zukunft  nicht  zu  ihrem  Vorteil  verändern,  so  faßt  sie  das
irdische  Dasein  nur  als  Mittel  auf,  und  verlegt  den  Zweck  des  Menschen
in  ein  jenseitiges  Leben  nach  dem  Tode.  Aus  dieser  Zweckmäßigkeit
folgert  ie  dann  das  Dasein  Gottes,  das  dadurch  dieselbe  Wahrscheinlich-Et
  und  Möglichkeit  erhält  als  das  Seelendasein  nach  dem  irdischen

e.

Der  Materialismus  hingegen  verlegt  die  Zweckmäßigkeit  des
Weltgeschehens,  das  sich  allein  im  Dasein  des  Menschen  äußert,  in  das
irdische  Dasein  desselben,  und  zwar  sind  hiernach  die  Vergangenheit
        <pb n="220" />
        216

und  Gegenwart  mit  ihren  Nöten  und  Kümmernissen,  die  durch  einen
Mangel  an  Erfahrung  verursacht  werden,  nur  die  Mittel  für  eine
bessere  Zükunft.  Diese  Ansicht,  die  sich  allein  auf  eine  Entwicklungstheorie
  stützen  kann,  hat  nicht  nur  eine  uns  verständliche  Möglichkeit
für  sich,  sondern  sie  bietet  auch  einen  hohen  Grad  von  Wahrscheinlichkeit,
  und  fie  bietet  sogar  die  Aussicht,  daß  mit  der  Zunahme  der  Erfahrung
  selbst  ihre  Gewißheit  festgestellt  werden  kann,  womit  dann
selbstverständlich  auch  das  Dasein  Gottes  dem  Verständnis  näher  gebracht
  ist.

Wenn  wir  den  Zweck  des  Menschen  und  hiermit  überhaupt  das
Zweckmäßige  im  Weltgeschehen  in  einer  Entwicklung  des  Menschen  zur
Vollkommenheit  sehen,  so  müssen  wir  ohne  weiteres  zu  der  Frage  kommen,
  worin  sich  nach  dieser  Ansicht  die  Vollkommenheit  desselben  im
irdischen  Dasein  äußern  kann.  Auch  hier  kann  uns  der  entwicklungsgeschichtliche
  Materialismus  eine  befriedigende  Antwort,  die  sich  mit
den  Tatsachen  nicht  in  Widerspruch  befindet,  geben.  Wie  schon  bemerkt,
können  wir  uns  von  diesem  Standpunkt  nur  ausschließlich  als  Materie
ansehen,  d.  h.  als  Körper,  der  zwar  ein  geistiges  Leben  aber  keine  Seele
hat,  die  unabhängig  existenzfähig  ist.  Wir  sind  also  nur  Materie,  die
sich  aus  bewußtseinloser  Form  bis  zu  sich  empfindender  schon  entwickelt
hat,  und  die  nur  noch  sich  erkennende  werden  kann.  Und  zwar  sind  wir
letztere,  wenn  wir  auf  dem  Höhepunkt  der  Entwicklung  unseren  Daseinszweck
  erkennen.  Einen  Höhepunkt  der  Entwicklung  muß  es  aber
geben,  da  die  Erde  in  ihrer  gegenwärtigen  Bedeutung  ein  Ende  nehmen
muß,  wenn  sie  einen  Anfang  gehabt  hat;  letzteres  ist  aber  für  eine  Entwicklungstheorie
  die  Voraussetzung.  Anderseits  kann  man  sich  auch  eine
aufsteigende  Entwicklung  ins  Unendliche  nicht  denken.

Inbezug  auf  unsere  Wahlfreiheit  haben  wir,  wie  bereits  hervorgehoben,
  den  Höhepunkt  der  Entwicklung  erreicht,  wenn  die  Gesamtwahlfreiheit
  für  die  Menschen  ein  Maximum  und  damit  für  den  einzelnen
  ein  Optimum  erreicht  hat.  Damit  ist  die  Quelle  der  Ungerechtigkeit
  beseitigt  und  die  Erde  mit  ihrer  Bevölkerung  in  das  Zeichen  des
Weltfriedens  getreten.  Wenn  wir  jetzt  als  sich  bewußt  empfindende
Materie  gottähnlich  sind,  so  sind  unsere  Nachkommen  jener  Epoche  als
sich  erkennende  Materie  Gott  gleich.  Die  ganze  Erde  ist  dann  ein
Paradies,  von  gottgleichen  Geschöpfen  bewohnt,  dessen  Freuden  aber
nicht  mit  der  Harmlosigkeit  spielender  Kinder,  sondern  mit  der  Würde
gereister  Männer  genossen  werden.

Mit  dieser  Betrachtung  müssen  wir  zu  der  Überzeugung  kommen,
daß  die  Entwicklung  von  bewußtseinloser  Materie  bis  zu  sich  erkennender
das  Zweckprinzip  nicht  nur  der  Menschen,  sondern  der  Welt  überhaupt
ist.  Für  uns  Menschen  auf  der  gegenwärtigen  Entwicklungsstufe  be-
        <pb n="221" />
        217

deutet  dieses,  daß  wir  unser  Zweckprinzip  darin  zu  suchen  haben,  unsere
Erfahrung  noch  solange  zu  erweitern,  bis  es  für  uns  kein.  Ding  an  sich
mehr  gibt.

Nach  dieser  Annahme  heißt  also  das  Dogma  des  Materialismus:
„Das  Wesen  der  Materie  besteht  in  einer  Entwicklungsmöglichkeit  zu
organischen  Formen,  die  auf  der  höchsten  Stufe  eine  geistige  Außerung
haben  und  Gott  gleich  find.  In  diesem  Sinne  ist  die  Welt  eine  organische
  Form  und  Gott  selber.  Das  Eigentümliche  der  Materie  besteht
also  in  ihren  chemischen  und  physikalischen  Kräften,  die  Resultierende
entwickeln  können,  die  auf  der  höchsten  Stufe  erkennen,  vorstellen  und
denken  können.“  Wie  letzteres  vor  sich  geht,  ist  philosophisch  von  untergeordneter.
  Bedeutung.  Uns  genügt  es  zu  wissen,  daß  die  Materie
die  Eigentümlichkeit  hat.

Wenn  nun  auch  schließlich  die  Erde  einen  Anfang  und  ein  Ende
hat,  so  haben  wir  doch  gesehen,  daß  es  ein  Beharrungsprinzip  in  der
Welt  gibt,  und  zwar  in  der  Tatsache,  daß  wir  das  Empfindungsvermögen
  der  Substanz  in  der  uns  zugänglichen  Welt  als  unverändert
empfinden.  Da  diese  uns  zugängliche  Welt  infolge  Fernrohr  und
Spektroskop  weit  über  unser  Sonnensystem  hinausgeht,  so  können  wir
hier  ohne  Bedenken  folgern,  daß  das  Entwicklungsprinzip  in  der  ganzen
Welt  dasselbe  ist;  d.  h.  daß  der  Zweck  der  Entwicklung  in  der  ganzen
Welt  derselbe  ist  und  zwar  die  Entwicklung  von  ungeformter  Materie
bis  zu  sich  erkennender,  da  dieses  der  vollkommenste  Zustand  von  geformter
  Materie  ist.  D.  h.  wenn  Welten  vergehen  und  andere  entstehen,
so  können  und  werden  sie  nur  den  Zweck  haben,  daß  sich  auf  ihnen  die
Materie  im  Menschen  bis  zu  einer  sich  erkennenden  Form  entwickelt.
Die  Menschheit  wird  also  bis  in  alle  Ewigkeit  wiederkehren.  Wenn
wir  dieses  als  dem  Irrtum  noch  unterworfen  nur  glauben  und  ahnen
können,  so  wissen  unsere  Nachkommen  auf  der  Höhe  der  Entwicklung
dieses  genau;  für  sie  gibt  es  dann  keine  dunkle  Zukunft  mehr;  infolgedessen
  hat  für  sie  der  Tod  auch  seine  Bedeutung  verloren,  sie  glauben
dann  nicht  nur  an  eine  Auferstehung,  sondern  sie  wissen,  daß  fie  auferstehen.
  In  diesem  Sinne  kann  auch  der  Materialismus  nicht  nur  von
einer  Auferstehung,  sondern  auch  von  einem  ewigen  Leben  sprechen,  und
zwar  wird  derjenige  ewig  leben,  der  selbst  schon  vollkommen  ist,  oder
der  sich  in  seinen  Nachkommen  zur  Vollkommenheit  entwickelt.

Und  betrachten  wir  nun  noch  unsere  Wahlfreiheit  inbezug  auf  das
ewige  Leben,  so  haben  wir  eine  solche,  um  am  ewigen  Leben  teilnehmen
zu  können  oder  nicht.  D.  h.  wir  haben  es  in  der  Hand  uns  in  unseren
Nachkommen  zur  Vollkommenheit  umformen  zu  können  oder  nicht.  Wir
haben  es  in  der  Hand  Mittel  oder  Zweck  der  Entwicklung  zu  sein.
        <pb n="222" />
        218

In  diesem  Sinne  können  wir  nach  den  Lehren  des  Materialismus
zu  einer  Glückseligkeit  nur  durch  richtige  Anwendung  der  Wahlfreiheit
kommen,  und  zwar  indem  wir  danach  streben,  daß  sich  die  Resultierende
unserer  eigenen  und  unserer  Nachkommen  Körperkräfte  in  einem  labilen
Gleichgewichtszustand  befindet,  das  sich  als  seelisches  Gleichgewicht  in
der  Selbstzufriedenheit  darüber  äußert,  daß  wir  uns  in  Übereinstimmung
  mit  unserem  Weltzweck  befinden.  Mit  anderen  Worten:  Es  kann
für  uns  nur  eine  Glückseligkeit  geben,  die  das  Körperliche  zur  Grundlage
  hat,  und  die  im  Geif  tigen  zur  Außerung  kommt.  In  diesem  Sinne
ist  die  erste  Bedingung  für  die  wahre  Glückseligkeit  nicht  nur  ein  gut
entwickelter,  sondern  auch  ein  geistig  und  in  seinem  Organismus  materiell
  gesunder  Körper.  Gesundheit  und  gute  Entwicklung  wird  aber
nur  durch  Anstrengung,  d.  h.  durch  geistige  und  körperliche  Arbeit  erreicht
  und  zwar  nicht  durch  die  Arbeit  anderer,  sondern  allein  durch
die  eigene.  Da  der  Mensch  als  Entwicklungsprodukt  seiner  Herkunft
entsprechend  den  Kampf  ums  Dasein  mit  körperlicher  und  denjenigen
um  das  bessere  Dasein  mit  geistiger  Arbeit  bestreiten  muß,  so  ist  unschwer
  einzusehen,  daß  er  es  mehr  ein  Produkt  körperlicher  als  geistiger
Anstrengung  ist.  Infolgedessen  haben  sich  die  Organe  des  Körpers
durch  langfristige  Entwicklung  der  körperlichen  Tätigkeit  und  Anstrengung
  angepaßt.  Ein  harmonisches  Zusammenarbeiten  der  Organe
ist  deshalb  nur  möglich,  wenn  die  Tätigkeit  und  Ernährung  der  Organe
nicht  eigenartig  schroff  geändert  wird.  D.  h.  also,  der  Mensch  ist  am
gesündesten  und  hat  Aussicht,  in  seinen  Nachkommen  das  Ziel  der
Menschheit  zu  erreichen,  der  sich  in  Ernährung  und  Tätigkeit  den  Bedingungen
  der  Entwicklung  am  besten  dadurch  anpaßt,  daß  er  mehr
körperliche  als  geistige  Arbeit  leistet.  In  dieser  Tatsache,  daß  jeder,
wenn  er  nicht  Mittel,  sondern  Zweck  der  Entwicklung  sein  will,  für  sich
selbst  eintreten  und  arbeiten  muß,  enthält  unser  Materialismus  das
Prinzip  ausgleichender  Gerechtigkeit.  Alle  Religionssysteme  suchen  die
Unzulänglichkeit  des  Menschen  zu  entschuldigen;  sie  suchen  ihn  zu  entlasten
  und  wollen  ihm  Trost,  Hilfe  und  Glückseligkeit  ohne  sein  Zutun
von  außen  verschaffen,  wenn  er  dafür  nur  gläubig  ist  und  den  Anforderungen
  der  kirchlichen  Außerlichkeiten  entspricht.  Ob  er  dabet
etwas  heuchelt,  das  wird  so  genau  nicht  genommen,  zumal  sich  die
Kirche  der  Wirkung  ihrer  Gnadenmittel  doch  nicht  ganz  sicher  ist.

Anders  nach  den  Grundsätzen  des  Materialismus.  Hier  rächt  sich
jede  Unterlassung  des  Richtigen  als  Sünde  nicht  nur  bis  ins  dritte
und  vierte  Glied,  sondern  sie  rächt  sich  bis  zum  Aussterben  des  Geschlechts.
  Nach  dem  Materialismus  ist  die  Degeneration  der  größte
Fluch  und  die  größte  Strafe,  da  sie  vom  ewigen  Leben  ausschließt,
denn  nur  in  seinen  Nachkommen  konn  man  am  ewigen  Leben  teil-
        <pb n="223" />
        219

nehmen,  da  das  zeitlich  Individuelle  körperlich  und  geistig  einen  Anfang
  und  ein  Ende  hat.  Nach  dieser  Ansicht  ist  das  Ansammeln  von
Reichtum,  teils  um  der  Arbeit  überhaupt  aus  dem  Wege  zu  gehen  und
teils  aber  auch,  um  zugunsten  des  Kopfes  Arme  und  Beine  zu  schonen,
für  eine  gesunde  Entwicklung  wenig  ersprießlich.  Nur  ein  gesunder  Körper
  kann  auf  die  Dauer  auch  geistig  und  körperlich  gesunde  Nachkommen
erzeugen,  und  nur  in  der  Schönheit  kann  auf  die  Dauer  die  Sittlichkeit
und  schließlich  auch  Glück  und  Zufriedenheit  wurzeln.

In  dieser  Tatsache,  daß  jeder  für  sich  selbst  arbeiten  muß,  liegt
auch  die  Grundlage  einer  sittlichen  Lebensordnung,  die  den  tatsächlichen
  Verhältnissen  in  jeder  Weise  gerecht  wird.  Da  das  Schlechte  der
Maßstab  und  das  Gegenteil  des  Guten  und  Zweckmäßigen  ist,  so  ist
vom  Standpunkt  des  Materialismus  das  schlecht,  was  der  gesunden
Entwicklung  eines  Gesellschaftsverbandes  hinderlich  und  das  gut,  was
ihm  förderlich  ist,  um  so  mehr  als  ein  Gesellschaftsverband  die  Wahlfreiheit
  hat,  Mittel  oder  Zweck  der  Entwicklung  zu  sein.

Nach  unserem  Materialismus  äußert  sich  im  Menschen  das
Streben,  nicht  nur  Mittel,  sondern  Zweck  der  Entwicklung  zu  sein,  einzig
und  allein  im  Geschlechtstrieb,  der  das  Tun  und  Treiben  der  Menschen
über  alles  beherrscht,  und  in  dem  in  natürlicher  Auffassung  die  Sehnsucht
  nach  der  Ewigkeit  liegt.  Philosophisch  genommen  dokumentiert
dieser  das  Wachsenwollen  und  zwar  mit  einer  Heftigkeit,  hinter  der
alles  andere  zurückstehen  muß.  Der  Geschlechtstrieb  ist  in  seiner
Zügellosigkeit  auch  der  Erzeuger  der  Leidenschaft  und  in  seinen  Auswüchsen
  die  Quelle  der  Sündhaftigkeit  des  Menschen.  Hingegen  ist  er
in  seiner  Reinheit  der  Gründer  des  Familien=  und  Staatslebens  und
deren  Sitten=  und  Moralgesetze.  Immerhin  ist  der  Wille  zum  ewigen
Leben,  der  im  Wachsenwollen  seine  Zweckmäßigkeit  und  seine  höchste
Bejahung  findet,  etwas  Natürliches  und  infolgedessen  auch  der  Egoismus,
  in  dem  er  sich  seinen  Mitmenschen  gegenüber  zur  Geltung  bringt.
Da  aber  bei  einem  fortschrittlichen  Wachstum  der  eine  auf  den  anderen
angewiesen  ist,  so  ist  es  selbstverständlich,  daß  sich  der  Egoismus  in
seinem  eigenen  Interesse  durch  die  Nächstenliebe  Grenzen  zu  setzen  hat.

Da  eine  fortschrittliche  Entwicklung  der  Menschen  nur  in  gesellschaftlicher
  Zusammengehörigkeit  möglich  ist,  so  hat  sich  der  Einzelne
nur  als  Teil  des  Ganzen  anzusehen,  dementsprechend  darf  der  Egoismus
  auch  nur  soweit  gehen,  als  er  der  Entwicklung  des  Ganzen  förderlich
ist.  Da  der  Mensch  aber,  wie  bemerkt,  noch  dem  Irrtum  unterworfen
ist,  so  ist  es  Sache  der  Allgemeinheit,  dafür  zu  sorgen,  daß  der  Egoismus
  in  seinen  Auswüchsen  der  Entwicklung  des  Ganzen  nicht  umgekehrt
  hinderlich  ist.  Den  Ausgleich  hierfür  zu  finden,  ist  die  Aufgabe
der  Politik.
        <pb n="224" />
        220

Wenn  beispielsweise  der  Egoismus  sich  darauf  beschränkt,  durch
Anstrengung  irdische  Güter  zu  erwerben  ohne  Rücksicht  auf  eine  Fortpflanzung,
  so  ist  dieses  dem  Ganzen  solange  nicht  schädlich,  als  andern
dadurch  nicht  die  Entwicklungsbedingungen  geschmälert  werden,  denn
die  Güter  selbst  muß  er  ja  dem  Produktionsprozeß  immer  wieder  zur
Verfügung  stellen.

Nach  dieser  Auffassung  kann  der  Zweck  der  Politik  eines  Gesellschaftsverbandes

  oder  einer  Nation  nur  darin  liegen,  Entwicklungsmöglichkeit
  für  ein  fortschrittliches  Umformen  ihrer  Angehörigen  zu
sichern,  damit  diese  nicht  Mittel,  sondern  Zweck  der  Entwicklung  sind.
Die  Allgemeinheit  soll  aber  auch  den  Einzelnen  dadurch  als  Mittel  zum
Zweck  ansehen,  daß  sie  seine  Individualität,  soweit  sie  dem  Ganzen
dienstbar  ist,  zur  Entfaltung  kommen  läßt.  Denn  für  eine  Entwicklungstheorie
  ist  die  körperliche  und  geistige,  d.  h.  philosophische  Ungleichheit,
  die  sich  in  der  Individualität  äußert,  die  Voraussetzung.
»  Die  ökonomische  Ungleichheit  ist  nur  eine  Folge  der  philosophischen
  und  als  solche  gewissermaßen  auch  die  gegenwärtige  Anerkennung
für  die  Tätigkeit  des  Menschen  im  Interesse  des  Ganzen.  Als  solche
ist  sie  für  den  Menschen  als  Zugkraft  für  die  äußerste  Anstrengung  noch
solange  notwendig,  bis  die  erforderliche  sittliche  Reife  erreicht  ist.  Die
ökonomische  Ungleichheit,  die  nach  unserer  materialistischen  Auffassung
etwas  Natürliches  ist,  müßte  nach  den  Lehren  des  Christentums  ebenso
  gut  als  schreiende  Ungerechtigkeit  bezeichnet  werden  als  nach  denjenigen
  der  Sozialdemokratie,  da  beide  eine  philosophische  Ungleichheit,
die  eine  Folge  körperlicher  Entwicklung,  und  nur  mit  dieser  verständlich
ist,  als  ausgeschlossen  ansehen.  Das  Endziel  der  Entwicklung  und  das
Ideal  des  Materialismus  kann  hiernach  nur  sein,  wie  bereits  hervorgehoben,
  durch  eine  körperliche  Ebenmäßigkeit  eine  philosophische  und
damit  ökonomische  Gleichheit  der  Menschen  auf  hoher  Kulturstufe  zu
erreichen,  und  dieses  ist  nur  möglich,  daß  sich  die  unteren  Klassen  in  die
höheren  hineinentwickeln  und  nicht,  daß  die  oberen  durch  politische  Gewalt
  den  unteren  auf  einer  mittleren  Linie  gleich  gemacht  werden.

Wenn  aber  der  philosophische  Materialismus  die  Klassierung  der
Bevölkerung  noch  für  absehbare  Zeit  als  seine  natürliche  Voraussetzung
ansieht,  so  muß  er  notwendig  zu  der  Folgerung  kommen,  daß  neben  der
bürgerlichen  gesellschaftlichen  Abstufung  auch  ein  Adel  in  der  Gesellschaft
als  Klasse  durchaus  nichts  Unnatürliches  ist.  Selbstverständlich  darf  es
sich  hierbei  nicht  um  eine  Kaste  handeln,  die  sich  mit  ihren  Unvollkommenheiten
  und  Auswüchsen  in  der  Gegenwart  als  Selbltzwea  ansieht,
und  die  ihre  Geburtsvorrechte  nur  ökonomisch  ausnutzt,  d.  h.  eine  Kaste,
die  ihren  Daseinszweck  nicht  in  erhöhter  Leistungsfähigkeit,  erhöhtem
Pflichtgefühl  und  vorbildlicher  Lebensweise,  sondern  in  erhöhter  Genuß-
        <pb n="225" />
        221

sucht  sucht.  Ein  Adel,  der  seine  Bedeutung  nicht  in  der  Rasse,  sondern
ausschließlich  in  der  Klasse  sucht,  mag  mit  seinem  bißchen  Formenwesen
in  seiner  Exklusivität  vorbildlich  und  erstrebenswert  für  bürgerliche
Emporkömmlinge  ohne  Stolz  sein,  dem  stolzen  Rassebewußtsein  einer
bürgerlichen  Bevölkerung  gegenüber  kann  er  aber  nur  solange  Bedeutung
  haben,  wie  letztere  über  ihr  Endziel  nicht  einig  ist  und  sich
gegenseitig  bekämpft  und  dadurch  politisch  schwächt.  Es  ist  nicht  zu  verkennen,
  daß  der  Adel  ursprünglich  seine  Bedeutung  dadurch  erlangt  hat,
daß  er  mehr  Willen,  Mut  und  Überlegung  gezeigt  hat  als  seine  übrigen
Volksgenossen,  wobei  aber  der  Uberlegung  den  einfachen  Verhältnissen
entsprechend  nur  eine  untergeordnete  Bedeutung  zukam.  Die  Entwicklung
  hat  aber  dahin  geführt,  daß  sowohl  im  Wirtschaftsleben  als  auch
in  der  Landesverteidigung  die  Überlegung  heute  an  erster  Stelle  steht.
Inbezug  auf  die  Kriegführung  heißt  dieses,  daß  nicht  der  Säbel,  sondern
  die  Maschine,  ganz  gleich  in  welcher  Form,  heute  die  entscheidende
Waffe  ist.  Die  Konstruktion  und  Bedienung  der  Maschine  erfordern
aber  Kenntnisse  und  letztere  sind  nur  durch  Arbeit  und  Anstrengung  zu
erwerben.  Für  derartige  Arbeit  und  Anstrengung  ist  aber  das  Bürgertum
  seiner  Vergangenheit  entsprechend  besser  entwickelt  als  der  Adel,
infolgedessen  wird  die  kulturelle  Bedeutung  des  letzteren,  wenn  er  sich
nicht  den  veränderten  Verhältnissen  anzupassen  versteht,  mit  der  Zeit
ganz  von  selbst  verschwinden.

Dem  Geburtsadel  gehört  auch  in  Staaten  mit  monarchischer  Regierungsform
  das  Staatsoberhaupt  an,  wenn  es  in  diesem  schließlich
auch  eine  Klasse  für  sich  bildet.  Demzufolge  gilt  für  den  Monarchen
dasselbe,  was  für  den  Adel  gilt.  Für  unseren  Materialismus  bedeutet
die  Monarchie  an  sich  durchaus  kein  naturnotwendiges  Moment  der
Entwicklung,  sondern  sie  kann  nur  vom  Standpunkt  der  Zweckmäßigkeit
für  die  Entwicklung  beurteilt  werden.  Sie  ist  in  diesem  Sinne  gewissermaßen
  nur  eine  Frage  der  Politik.  D.  h.  für  unseren  Materialismus
kann  es  über  das,  was  wir  erreichen  wollen,  keine  Meinungsverschiedenheit
  geben.  Wir  wollen  Entwicklungsfreiheit  und  Entwicklungsmöglichkeit
  auf  nationaler  Grundlage  für  uns  und  unsere  Nachkommen.
Wie  wir  dieses  aber  am  besten  erreichen,  darüber  können  die  Ansichten
geteilt  sein,  und  hier  einen  Ausgleich  und  das  Richtige  zu  treffen,  das
ist  die  Aufgabe  der  Politik.

Da  wir  nun  in  unserer  Entwicklung  eine  Klassierung  der  Bevölkerung
  voraussetzen,  so  müssen  wir  auch  in  der  Politik  zu  einer  solchen
kommen.  D.  h.  wir  müssen  folgerichtig  zu  einer  vorläufigen  verschiedenen
  politischen  Bewertung  und  Bedeutung  der  Klassen  kommen.  Es  soll
damit  aber  nicht  gesagt  sein,  daß  diese  lediglich  nach  Geburt,  Reichtum  und
politischer  Geschwätzigkeit  abzustufen  sind,  sondern  von  unserem  Stand-
        <pb n="226" />
        222

punkt  aus  sollen  sie  mehr  nach  geistiger  Überlegenheit  und  Einsicht,  d.  h.
nach  philosophischer  Bedeutung  für  den  Fortschritt  des  Ganzen  bewertet
werden.

Eine  politische  Gliederung  der  Staatsangehörigen  läßt  selbstverständlich
  auch  ein  monarchisches  Staatsoberhaupt  zu,  d.  h.  aber  nicht
ein  solches,  daß  sich  von  Gottes  Gnaden  als  Zweck  des  Staates  geschaffen
ansieht,  und  daß  die  Untertanen  in  dem  Sinne  zu  regieren  hat,  daß  sie
ihm  die  Mittel  für  eine  luxuriöse  irdische  Lebensweise  verschaffen.  In
unserem  Sinne  soll  sich  der  regierende  Fürst  als  erster  Diener  des
Staates  ansehen,  der  insbesondere  Interpret  und  Repräsentant  der
allgemeinen  Stimme  ist,  der  durch  diese  den  Volkswillen  zur  Außerung
zu  bringen  hat  und  dabei  die  Verantwortung  für  die  Exekutive  trägt.
Hat  er  außerdem  noch  staatsmännische  Fähigkeiten,  so  kann  er  diese,
soweit  seine  Macht  und  Befugnisse  reichen,  infolge  seiner  bevorzugten
Stellung  im  Dienste  des  Ganzen  auch  sehr  leicht  zur  Geltung  bringen,
denn  ebensowenig  wie  der  Materialismus  eine  Monarchie  ausschließt,
ebensowenig  kann  er  folgerichtig  den  Absolutismus  einer  solchen  mit
seinen  Theorien  im  Widerspruch  finden,  d.  h.  selbstverständlich  nur  solange,
  als  dieser  für  die  Entwicklung  des  Ganzen  die  beste  Regierungsform
  ist.  Wie  wir  weiter  oben  gesehen  haben,  waren  bereits  die  englischen
  Materialisten,  Bacon  und  Hobbes,  Verfechter  des  absoluten  Königtums.
  Anderseits  hat  der  Absolutismus  der  Hohenzollern  Friedrich
Wilhelm  I.  und  Friedrich  d.  Gr.  der  Entwicklung  Preußens  und  mit
ihm  Deutschlands  unschätzbare  Dienste  geleistet.  Bei  vorgeschrittener
Bildung  und  Erfahrung  aller  Bevölkerungskreise  bringen  es  die  verwickelten
  politischen  und  wirtschaftlichen  Verhältnisse  schon  von  selbst
mit  sich,  daß  die  Bevölkerung  durch  die  Legislative  und  Kontrolle  der
Exekutive  die  Verantwortung  für  ihre  Zukunft  selbst  zu  tragen  hat.

Wenn  schließlich  der  Materialismus  vom  Standpunkt  der  Entwicklung
  die  republikanische  oder  demokratische  Regierungsform  als
die  höhere  anzusehen  hat,  so  ist  er  immerhin  noch  nicht  gezwungen,  sie
für  die  Gegenwart  auch  als  die  bessere  anzusehen  und  zwar  aus  dem
einfachen  Grunde,  weil  sie  in  Wirklichkeit  nicht  das  ist,  was  sie  sein  will.
Wie  leicht  verständlich  und  wie  uns  Frankreich  und  die  Vereinigten
Staaten  beweisen,  ist  im  Zeitalter  des  Kapitalismus  eine  wirkliche  Republik
  oder  Demokratie  überhaupt  noch  eine  Unmöglichkeit  und  zwar
deshalb,  weil  die  im  Zeichen  des  Kapitalismus  emporstrebenden  Elemente
  durch  ihr  Emporkommen  in  eine  größere  wirtschaftliche  Abhängigkeit
  geraten,  die  der  Kapitalismus  naturgemäß  politisch  in  seinem
Interesse  ausnutzt.  Und  da  der  Kapitalismus  in  seinen  Vertretern
aus  Mangel  an  Erfahrung  und  Einsicht  dem  Irrtum  genau  so  unterworfen
  ist  als  die  von  ihm  abhängigen  Elemente,  und  da  der  Kapitalis-
        <pb n="227" />
        223

mus  im  Interesse  der  Selbsterhaltung  seine  Sicherung  und  Erweiterung
in  den  Vordergrund  aller  Bestrebungen  stellen  muß,  so  können  die
politischen  Interessen  des  Kapitalismus  denen  des  Ganzen  oft  in  einem
unversöhnlichen  Gegensatz  gegenüberstehen,  und  wenn  es  ersteren  gelingt,
sich  auf  mehr  oder  weniger  anständige  Art  durchzusetzen,  so  können  sie,
wie  beispielsweise  der  letzte  Krieg  für  Frankreich  gezeigt  hat,  dem
Ganzen  schließlich  verhängnisvoll  werden.

In  einer  wirklichen  Monarchie  —  eine  Scheinmonarchie  hat  die
Nachteile  der  Republik  —  bildet  die  erbliche  Staatshoheit  mit  den  von
ihm  abhängigen  Elementen  der  Exekutive,  zu  denen  auch  die  Heeresangehörigen
  zu  rechnen  sind,  dem  politischen  Wechsel  gegenüber  vorläufig
  noch  ein  Prinzip  der  Beharrung.  Sie  bilden  gewissermaßen  einen
Fels  in  den  Strömungen  politischer  Leidenschaft,  an  dem  die  heftigen
aber  wenig  reinlichen  Wogen  der  großkapitalistischen  Interessenpolitik
mehr  oder  weniger  zerschellen.  Daß  es  auch  Monarchien  gibt,  in  denen
die  Organe  des  Staates  am  liebsten  mit  den  schmutzigen  Strömungen
der  kapitalistischen  Interessenwirtschaft  schwimmen,  das  bestätigt  als
Ausnahme  gerade  die  Regel.  Aber  schließlich  ist  die  Regierungsform
jeder  Nation  ein  kulturelles  Entwicklungsprodukt  derselben,  d.  h.  jede
Nation  hat  die  Regierung,  die  sie  hervorgebracht  hat,  die  ihr  dem  zufolge
angepaßt  ist,  und  die  sie  verdient.

Wie  weiter  oben  auseinander  gesetzt  ist,  hat  jeder  die  Wahlfreiheit,
  am  ewigen  Leben  teilzunehmen  oder  nicht,  und  zwar  äußert  sich
diese,  soweit  die  persönliche  Entwicklung  in  Frage  kommt,  in  der
Freiheit  im  gesellschaftlichen  Zusammenleben,  daß  solche  inbezug  auf  Erziehung,
  Vermögen,  Ort  und  Tätigkeit  in  gewissen  Grenzen  gewährleisten
  kann.  Die  größte  Bedeutung  hat  aber  die  Wahlfreiheit,  bei  der
die  Weiterentwicklung  durch  die  Nachkommen  in  Frage  kommt,  nämlich
die  Wahlfreiheit  betreffs  der  Ehehälfte,  und  zwar  deshalb,  weil  bei
dieser  der  Irrtum  über  die  Zweckmäßigkeit  des  Menschen  in  der  Welt
am  folgenschwersten  zur  Geltung  kommt.  Es  dürfte  wohl  feststehen,
daß  besonders  in  den  höheren  Gesellschaftskreisen  bei  der  ehelichen  Verbindung
  nicht  so  sehr  auf  die  Gesundheit  der  Rasse  gesehen  wird  als  auf
Besitz,  Stellung  und  Bildung,  d.  h.  auf  Vorzüge  der  Klasse.  Es  dokumentiert
  sich  hierbei  ein  ungesunder  Egoismus,  der  nur  das  individuelle
irdische  Dasein  in  den  Bereich  seiner  Interessen  zieht,  und  der  seinen
ganzen  Daseinszweck  im  irdischen  Ichleben  erschönft.

Aber  schließlich  ist  dieser  ungesunde  Egoismus  von  unserem
Standpunkt  aus,  wie  bereits  hervorgehoben,  nichts  weiter  als  eine  Versündigung
  an  sich  selbst,  die  eine  gerechte  Vergeltung  in  unerbittlicher
Konsequenz  schon  dadurch  mit  sich  bringt,  daß  in  solchen  Ehen  bei  den
Nachkommen  Krankheit,  Verkümmerung,  Häßlichkeit  und  bei  weitgehen-
        <pb n="228" />
        der  Inzucht  Verblödung  häufiger  sind  als  in  denen,  die  vom  Gesichtspunkt
  der  Rassigkeit  aus  geschlossen  werden.

.  Es  läßt  sich  nicht  verkennen,  daß  in  dieser  Beziehung  die  unteren
Stände  besser  daran  sind,  da  ihre  Wahlfreiheit  für  die  Ehe  durch  Rücksicht
  auf  gesellschaftliche  Werte  wenig  beengt  wird,  so  daß  die  Herkunft
aus  kinderreicher  Familie  für  die  Ehe  durchaus  kein  Nachteil  ist.  Das
letztere  kann  sogar  zum  Glück  gereichen,  wenn  sich  auch  diese  Generation
wieder  dadurch  auslebt,  daß  sie  sich  in  der  Kindererzeugung  keine  Beschränkung
  auferlegt.  Für  das  weitere  Fortleben  in  seinen  Nachkommen
ist  es  entschieden  sicherer,  mehrere  Kinder  in  geringerer  gesellschaftlicher
Stellung  zu  hinterlassen  als  eins  in  höherer.  Die  höhere  Gesellschaft,
soweit  sie  überhaupt  nicht  die  Ehelosigkeit  vorzieht,  ist  mit  ihrem  Einoder
  Zwei-Kindersystem  mehr  oder  weniger  Anhänger  des  letzteren
Prinzips,  womit  sie  aber  weder  vorbildlich  noch  staatserhaltend  wirkt.
Indirekt  nützt  sie  aber  dadurch  dem  Ganzen,  daß  sie  Platz  für  aufstrebende
  Elemente  macht,  und  so  für  eine  lebhafte  Bewegung  der  Entwicklung
  sorgt.  Von  diesem  Standpunkt  aus  kann  man  sogar  eine  gewisse
  Berechtigung  dafür  finden,  daß  diejenigen,  die  als  Schrittmacher
der  Entwicklung  nur  Mittel  und  nicht  Zweck  dieser  sein  wollen,  sich
dafür  durch  ein  sorgloseres  Ichdasein  zu  entschädigen  versuchen.

Vom  entwicklungsgeschichtlichen  Standpunkt  muß  die  Ehe  und
zwar  in  der  Form  der  Monogamie  gewissermaßen  als  der  Ursprung
des  gesellschaftlichen  Zusammenlebens  angesehen  werden.  Der  Grund
hierfür  war  die  bewußte  fortschrittliche  Weiterentwicklung  des  Verstandes,
  denn  die  sogenannte  freie  Liebe  beansprucht  nur  ein  geselliges
Zusammenleben,  das  lediglich  einen  Kampf  ums  Dasein  führt,  um  die
Art  zu  erhalten,  aber  nicht  um  sie  mit  Bewußtsein  zu  verbessern.  Für
das  gesellige  Zusammenleben  genügte  ein  durch  Anpassung  und  Gewohnheit
  beeinflußter  Instinkt  und  die  den  Verhältnissen  entsprechend
entwickelten  Organe.  Eine  Weiterentwicklung  hierbei  ist  zufällig  und
kann  nur  dadurch  geschehen,  daß  diejenigen  im  Kampf  ums  Dasein
Sieger  bleiben,  die  sich  den  äußern  Verhältnissen  durch  Zufall  am
besten  anzupassen  verstehen.

Um  die  Art  mit  Bewußtsein  zu  verbessern  mußte  aus  dem  Kampf
ums  Dasein  erst  ein  Kampf  ums  bessere  Dasein  werden.  Das  letztere
mag  zielbewußt  damit  eingesetzt  haben,  als  bei  unseren  Vorfahren  der
dämmernde  Zustand  des  Verstandes  durch  einen  Lichtblick  der  Einsicht
aus  der  regelmäßigen  Hintereinanderfolge  bestimmter  Erscheinungen
Grund  und  Folge  in  Zusammenhang  bringen  konnte,  und  aus  dieser
Erfahrung  Nutzen  für  sich  zu  ziehen  wußte.  Als  der  Mensch  z.  B.  eingesehen
  hatte,  daß  in  gewisser  Beziehung  mit  einem  spitzen  Stein  mehr
zu  erreichen  war  als  mit  einem  runden,  hatte  er  die  Verbesserung  eines
        <pb n="229" />
        225

Handwerkszeuges  erfunden,  mit  dem  er  die  Tätigkeit  seiner  Organe
vergrößern  konnte.  Das  Erfinden,  das  Vervollkommnen  und  die
zweckmäßige  Anwendung  der  Waffen  und  Handwerkszeuge  sind  es  gewesen
  und  sind  es  noch  heute,  die  das  Dasein  der  Menschen  auf  einem
gegebenen  Territorium  erweitern  und  verbessern  können.  Dieses  kann
aber  nur  in  einem  gesellschaftlichen  Dasein  durch  Arbeitsteilung  zur
Geltung  kommen,  und  die  Grundlage  der  Arbeitsteilung  ist  durch  die
Monogamie  zustande  gekommen.

Im  geselligen  Beisammensein  heißt  es:  Für  das  Dasein  kämpfen;
in  gesellschaftlicher  Zusammengehörigkeit  heißt  es  hingegen:  Für  den
Fortschritt  arbeiten.  In  dieser  Beziehung  unterscheidet  sich  der  entwicklungsgeschichtliche
  Adam  nur  dadurch  vom  biblischen,  daß  dieser
seine  Neugierde  damit  büßen  mußte,  im  Schweiße  seines  Angesichts
sein  Brot  zu  essen;  während  jenen  der  Lichtblick  der  Erkenntnis  um
seine  paradiesische  Arbeitslosigkeit  brachte.  Für  letzteren  war  es  aber
keine  Strafe,  sondern  das  Geschenk  einer  gütigen  Vorsehung,  das  ihm
die  Möglichkeit  bot,  sich  von  nun  an  zu  einem  gottgleichen  Wesen  entwickeln
  zu  können.

Eine  notwendige  Folge  der  Familie  war  die  Gemeinschaft  der
Familien  in  Stämmen  und  Verbänden,  die  auf  Gegenseitigkeit  gegründet,
  die  Bestimmung  hatten,  sich  durch  vollkommene  Ausnutzung  der
Gegenwart  die  Zukunft  zu  sichern.  D.  h.  aus  dem  Kampf  ums  Dasein
des  Einzelnen  wurde  ein  gesellschaftlicher  Kampf  um  ein  besseres  Dasein
  für  Alle.  Eine  solche  Gemeinschaftseinordnung,  die  als  eine  Folge
der  Überlegung  als  freiwillig  angesehen  werden  muß,  konnte  im  Anfang
  nur  durch  Verwandtschaft  des  Blutes,  durch  Versippung,  durch  die
Anfänge  der  Sprache  und  durch  gemeinsame  Gewohnheiten  zusammengehalten
  werden.  Sie  war  ein  durch  die  Vernunft  gerechtfertigtes  Vertrauensverhältnis,
  das  notwendig  ein  Rechts=  und  Pflichtgefühl  hervorrufen
  mußte.  Wirtschaftlich  bildete  die  Institution  der  Gemeinschaftseinordnung,
  die  wir  heute  als  Staat  und  Nation  haben,  die  Voraussetzung
  für  eine  weitere  Arbeitsteilung,  die  dann  auch  erfolgt  ist  und
die  uns  den  gewaltigen  Fortschritt  gebracht  hat  und  noch  bringt.

Wenn  unser  materialistisches  Entwicklungsprinzip  die  Ungleichheit
  der  Menschen  infolge  ungleicher  Veranlagung  und  Erziehung  zur
Voraussetzung  hat,  so  muß  es  auch  die  Ungleichheit  der  Nationen  und
Staatsgebilde  als  eine  natürliche  und  im  Interesse  einer  fortschrittlichen
  Entwicklung  durchaus  nicht  überflüssige  Folge  dieser  ansehen.

Gerade  dieser  letzte  Krieg  zeigt,  daß  selbst  Staaten,  die  ähnliche
wirtschaftliche  Entwicklungsbedingungen  haben,  und  die  sich  die  Kulturfortschritte
  gegenseitig  austauschen,  noch  weit  davon  entfernt  sind,

dia  ze,  Sejlalbemekratkt,  ehrisentum,  Materlaltemus  und  der  artes.  16
        <pb n="230" />
        226

die  gleiche  Moral  und  die  gleiche  Gesinnung  zu  haben.  Da  jede  Nationalität
  Eigenheiten  entwickelt  hat,  mit  denen  sie  glaubt,  ihren  Weltzweck
  am  besten  erreichen  zu  können,  so  wird  sie  es  als  ihr  gutes  Recht
betrachten,  soweit  es  in  ihrer  Macht  liegt,  sich  als  Nation  unter  allen
Umständen  zu  behaupten  und  durchzusetzen.  Und  der  moralische  Grundsatz
  eines  Völkerrechts  vom  materialistischen  Standpunkt,  der  ja,  wie
dieser  Krieg  zeigt,  in  der  Praxis  allein  maßgebend  ist.  kann  dann
auch  nur  besagen,  daß  solches  Bestreben  anzuerkennen  ist,  soweit  die
Entwicklungsbedingungen  einer  anderen  Nation  nicht  dadurch  beeinträchtigt
  werden.  Solange  die  Erde  für  eine  Bevölkerungszunahme
noch  hinreichend  groß  ist,  kann  überdies  infolge  der  internationalen
Freizügigkeit  ein  jeder  nach  seiner  nationalen  Fasson  selig  werden.

Solange  die  philosophische  Ungleichheit  nicht  durch  Entwicklung
ausgeglichen  ist,  werden  die  Gegensätze  innerhalb  der  Staaten  ebensowenig
  verschwinden  wie  diejenigen  der  Staaten  zueinander.  Und  obwohl
  die  internationale  Verbrüderungstheorie  des  Christentums  bereits
  19  Jahrhunderte  hinter  sich  hat,  so  gehen  die  Nationen  mit  Recht,
ohne  sie  zu  beachten,  zur  Tagesordnung  über,  sobald  sie  ihre  Lebensinteressen
  bedroht  sehen.

Ebensowenig  wie  die  Ethik  des  Christentums  einen  homogenen
internationalen  Völkerbrei  herstellen  konnte,  ebensowenig  kann  dieses
die  Ethik  des  sozialdemokratischen  Evangeliums,  und  ebensowenig
wird  dieses  jede  andere  Ethik  auf  philosophisch-idealistischer  Grundlage
können,  am  allerwenigsten  kann  es  aber  diejenige  der  praktischen  Krämervernunft.
  «

Der  Staat  ist  ebensowenig  eine  von  Gott  unmittelbar  geschaffene
Einrichtung,  in  der  die  Sündhaftigkeit  des  Menschen  ihren  gesicherten
Tummelplatz  findet,  als  das  Entwicklungsprodukt  der  ökonomischen
Kräfte.  Der  Staat  ist,  wie  ich  bereits  weiter  oben  auseinander  gesetzt
habe,  als  Ganzes  ein  kulturgeschichtliches  Entwicklungsprodukt.  In
seinen  Anfängen  ist  er,  wie  ferner  oben  hervorgehoben,  herausgewachsen
aus  einer  nationalen  Zusammengehörigkeit  der  Angehörigen.  Die
nationalen  Bindemittel  und  Triebkräfte  waren  dabei  die  Blutsverwandtschaft,
  die  gemeinsame  Sprache  und  gemeinsame  Sitten  und  Gebräuche.
  In  der  Entfaltung  ist  die  Nation  dann  im  besonderen  das
Produkt  ihrer  politischen  Entwicklung  nach  Maßgabe  der  philosophischen
  Entwicklung  ihrer  Angehörigen  geworden.  D.  h.  aber  auch,  sie
ist  in  ihrer  Gesundheit,  Kraft  und  Bedeutung  das  Produkt  ihrer
inneren  Gestaltungskraft.  Im  weiteren  Verlauf  hat  die  Nation  dann
aus  angeblichen,  aber  für  die  Folge  nicht  immer  angebrachten  Zweckmäßigkeitsgründen
  auch  heterogene  Elemente  in  ihrem  Staatsgebilde
aufgenommen.  Je  nachdem  nun  der  Staat  das  Produkt  einer  organi-
        <pb n="231" />
        27

schen  Entwicklung  oder  einer  gewaltsamen  politischen  Zusammensetzung
ist,  hat  er  mehr  oder  weniger  komplizierte  Verhältnisse,  und  ist  als
Ganzes  dementsprechend  gesund  und  lebensfähig.

«  Diese  nicht  immer  opportunen  inneren  Verhältnisse,  die  noch
durch  konfessionelle  und  Klassengegensätze  wirksamer  werden,  sind  neben
den  natürlichen  Expansionsbestrebungen  die  Kräfte,  die  eine  dauernde
internationale  Verständigung  auf  philosophisch-idealistischer  Grundlage
unmöglich  machen.  -

Vom  philosophisch-materialistischen  Standpunkt  aus  ist  deshalb
ein  dauernder  Friede  auch  nur  dadurch  möglich,  daß  die  germanischen
Nationen,  für  deren  Weltgeltung  dieser  furchtbare  Krieg  am  letzten
Ende  nur  zum  Austrag  gebracht  wird,  sich  gegenseitig  anerkennen
müssen,  da,  wie  dieser  Krieg  zeigt,  die  eine  oder  andere  Nation  durch
Waffenaustrag  weder  vernichtet  noch  wirtschaftlich  und  politisch  ausgeschaltet
  werden  kann.  Streben  diese  blutsverwandten  Nationen,  die
wohl  fast  die  gleiche  Veranlagung  haben,  dahin,  sich  mit  der  Zeit
philosophisch  immer  ähnlicher  zu  werden,  so  hört  es  ganz  von  selbst
auf,  daß  sie  sich  mit  Mißtrauen,  Neid  und  Haß  gegenüber  stehen.  Sie
werden  dann  im  Gegenteil  besorgt  sein,  möglichst  gegenseitig  voneinander
  nur  die  gute  Seite  in  Betracht  zu  ziehen.  Sie  können  dann
auch  unbedingt  daran  gehen,  die  kostspieligen  Rüstungen  den  Verhältnissen
  entsprechend  nicht  unwesentlich  einzuschränken.  Die  romanischen
  und  slavischen  Stämme  und  Nationalitäten,  denen  vorläufig  noch
die  Veranlagung  fehlt,  gleichwertige  Bundesbrüder  zu  werden,  bilden
dann  keinen  politischen  Faktor  mehr,  der  die  internationale  Lage  stören
und  trüben  kann.  Wie  weit  später  eine  Verständigung  mit  ihnen  und
mit  den  mongolischen  Rassen  möglich  ist,  wird  die  Zeit  lehren.  «

Bündnisse  mit  Nationen  ungleicher  Veranlagung,  wie  solche
Ignoranten  der  Philosophie,  politische  Adepten  und  dilettantenhafte
Staatsmänner  vorschlagen,  können  nur  unnatürliche  diplomatische  Errungenschaften
  sein,  die  nur  eine  zeitliche  Bedeutung  und  einen  zeitlichen
  Wert  haben,  und  die  immer  wieder  zu  politischen  Verwicklungen
führen,  und  die  schließlich  immer  wieder  zu  einem  kriegerischen  Austrag
  drängen.

Da.  wie  im  obigen  auseinandergesetzt,  im  Interesse  der  fortschrittlichen
  Entwicklung  der  Menschheit  eine  philosophische  und  daraus
hervorgehend  auch  eine  wirtschaftliche  Gliederung  und  Klassierung  noch
notwendig  ist,  so  kann  es  sich  gegenwärtig  nur  darum  drehen,  daß  das
philosophisch  fortgeschrittene  und  gebildete  Bürgertum  in  den  Vereinigten
  Staaten,  England  und  Deutschland  die  politische  Macht  in
die  Hände  bekommt,  aber  dieses  nicht  durch  politische  Geschwätzigkeit
und  Überlistung,  oder  durch  wirtschaftliches  politisches  Geschäfremachen.

157
        <pb n="232" />
        228

sondern  einzig  und  allein  durch  den  Ausdruck  des  Anerkennens  und
des  Vertrauens  der  anderen  Klassen.  Ob  dann  in  den  Vereinigten
Staaten  ein  Präsident  und  in  England  und  Deutschland  Monarchen
die  Repräsentanten  der  allgemeinen  Stimme  sind,  das  ist  dann  für  die
internationale  Politik  und  für  einen  dauernden  Frieden  belanglos.

Vom  Standpunkt  der  Entwicklung  sind  Familie  und  Staat  also  keine
Einrichtungen,  die  der  Altruismus  geschaffen  hat,  sondern  sie  verdanken
ihr  Dasein  einzig  und  allein  dem  Egoismus  des  Menschen,  der  damit
seinen  Willen  und  sein  Begehren  nach  fortschrittlicher  Entwicklung
realisieren  konnte  und  durch  Besitz  und  Eigentum  eine  Freiheit  und
im  gewissen  Sinne  Unabhängigkeit  der  Naturgesetzmäßigkeit  gegenüber
  bekam,  die  ihn  vor  allen  Dingen  erst  einmal  zum  Eigentümer
seiner  selbst  machen  konnte.

Für  eine  fortschrittliche  Weiterentwicklung  war  und  ist  eine
philosophische  Ungleichheit  auch  deshalb  die  Voraussetzung,  da  eine
Gleichheit  keine  für  den  Vortschritt  notwendige  überragende  Persönlichkeiten
  entwickeln  und  bilden  kann.  Je  mehr  daher  die  philosophische
Ungleichheit  der  Bevölkerungsklassen  einer  Nation  verschwindet,  d.  h.
je  philosophisch  ähnlicher  sich  die  Menschen  einer  solchen  werden,  je
geringer  wird  die  Abweichung  der  überragenden  Persönlichkeiten.  Diese
philosophische  Ungleichheit  muß  von  unserem  Standpunkt  aus  ihre
Ursache  in  der  ungleichen  Entwicklung  des  Gehirns  haben.  Das  Gehirn
konnte  sich  mehr  oder  weniger  nur  auf  Kosten  anderer  Organe  entwickeln
  und  hierfür  war  die  Bedingung  gegeben,  als  das  Gehirn  durch
Überlegung  die  Fähigkeit  anderer  Organe  durch  Erfinden  von  Waffen
und  Handwerkszeug  ergänzen  und  erweitern  konnte.

Daß  die  Entwicklung  aber  nicht  zu  einem  vorzeitigen  Abschluß
gebracht  wurde,  sondern  stetig  weiterging,  dafür  wurde  es  notwendig,
wie  bereits  an  anderer  Stelle  hervorgehoben,  daß  der  Mensch  im  Kampf
ums  bessere  Dasein  einen  Gegner  fand,  der  ihm  in  der  Entwicklung
gleichwertig  war,  und  dieser  konnte  nur  seinesgleichen  sein.  In  diesem
Sinne  ist  die  Feindschaft  der  Menschen  untereinander  nicht  eine  Unsittlichkeit,
  die  verdammt  und  ausgemerzt  werden  muß,  sondern  eine
entwicklungsgeschichtliche  Notwendigkeit,  die  damit  überwunden  werden
muß,  daß  die  Stärkeren  und  damit  Besseren  solange  Sieger  bleiben,  bis
auf  hoher  Kulturstufe  eine  vollkommene  Ebenmäßigkeit  erreicht  ist.
Deshalb  soll  der  Mensch  seine  Feinde  nicht  lieben,  um  sie  zu  beschämen
und  sie  als  reuevolle  unsichere  Freunde  zu  gewinnen,  sondern  er  soll  sie
als  Gegner  danach  würdigen  und  schätzen,  wie  er  an  ihnen  seine  Kräfte
prüfen  und  bilden  kann.  Hat  er  aber  einen  ungleichwertigen  Gegner,
der  Mut  und  Kraft  durch  Hinterlist  und  Tücke  auszugleichen  versucht,
        <pb n="233" />
        229

und  der  dem  offenen  Kampf  die  feige  Hinterhältigkeit  vorzieht,  so  ist
hier  Verachtung  nicht  allein  am  Platze,  sondern  auch  Haß  und  ein
schonungsloser  Vernichtungskrieg.  Und  was  in  dieser  Beziehung  für
den  Einzelnen  gilt,  das  gilt  auch  für  ganze  Nationen.  Menschen  und
Nationen,  die  als  Parasiten  den  Fortschritt  hemmen,  sind  wert,  daß
sie  ausgerottet  werden.  Solche  Menschen  zu  schonen  und  ihnen  Licht
und  Freiheit  für  ihr  Gedeihen  zu  geben,  ist  nicht  nur  eine  Dummheit,
sondern  eine  schreiende  Ungerechtigkeit  gegen  sich  und  seine  Nachkommen.
  Der  Materialismus  ist  weder  eine  Religion  des  Genusses  noch
der  Entsagung,  sondern  er  ist  ausschließlich  eine  solche  des  Kampfes  und
der  Arbeit  und  der  Idealismus  als  sein  Regulativ  hat  nur  die  Aufgabe,
dahin  zu  wirken,  daß  der  Kampf  menschenwürdig  geführt  wird.  Das
christliche  Gebot  aus  der  Bergpredigt:  Liebet  eure  Feinde,  segnet,  die
euch  fluchen,  tut  wohl  denen,  die  euch  hassen,  und  bittet  für  die,  so  euch
verfolgen  und  beleidigen,  hat  für  ihn  keine  Gültigkeit,  da  es  naturwidrig
ist,  und  in  der  Entwicklung  nur  Memmen,  aber  keine  Männer  bildet.
Das  Gebot  mag  sich  sehr  gut  für  eine  Knechtsmoral  eignen;  für  freie
Männer  und  Herrennaturen  bedeutet  das  Befolgen  des  Gebots  ein
Zeichen  der  Schwäche  und  Dekadenz.

Der  freie  Mann  hat  auch  mit  sich  selbst  zu  kämpfen  und  sich  selbst
zu  überwinden,  aber  nicht  in  dem  Sinne,  daß  er  seinen  ihm  zukommenden
  Platz  am  vollen  Tische  des  Lebens  selbstlos  an  seinen  Nächsten  abtritt,
  sondern  er  soll  der  Versuchung  widerstehen,  einen  unsauberen  Gegner
  nach  dessen  eigener  Methode  zu  bekämpfen.  In  dieser  Beziehung
soll  der  freie  Mann  lieber  Unrecht  leiden  als  Unrecht  tun.  Den  unsauberen
  Gegner  packt  die  Nemesis  doch  mit  der  Zeit.

Wenn  der  Materialismus  nun  eine  Religion  des  Kampfes  ist,  bei
dem  der  Kämpfende  selbst  das  Leben  einzusetzen  hat,  so  kann  er  letzterem
aber  wie  die  Kirche  keine  individuelle  Auferstehung  und  kein  seelisches
Fortleben  im  Himmel  versprechen.  Aber  auch  für  den  Materialismus
gibt  es,  wie  bereits  oben  bemerkt,  nicht  nur  eine  Auferstehung,  sondern
auch  ein  ewiges  Leben  und  zwar  in  der  Form  einer  ewigen  Wiederkunft
der  Vollkommenen.

Wie  bereits  weiter  oben  ausgeführt,  hat  nach  dem  entwicklungsgeschichtlichen
  Materialismus  wohl  die  Erde  als  Planet  einen  Anfang
gehabt,  nicht  aber  die  Materie  derselben,  diese  ist  ein  Teil  der  Welt  und
als  solche  ewig.  Ihren  jetzigen  Zustand  hat  die  Erde  durch  einen  Abkühlungsprozeß
  erreicht,  der  in  einem  geeigneten  Stadium  das  organische
Leben  entwickelt  hat.  Bei  weiterem  Fortschreiten  der  Abkühlung,  wenn
auch  erst  in  unabsehbarer  Zeit,  wird  das  organische  Leben  folgerichtig
ein  Ende  nehmen.  Die  Menschheit  wird  demzufolge  auf  unserer  jetzigen
Mutter  Erde  aussterben;  sie  wird  aber  auf  einem  anderen  Planeten
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        230

unter  denselben  Entwicklungsbedingungen  als  Endzweck  der  Entwicklung
  in  derselben  Form  wiederkehren.  Da  sich  nun  die  vollkommenen
Menschen  nicht  nur  ähnlich,  sondern  in  allen  Einzelheiten  vollkommen
gleich  sind,  so  kann  man  von  diesen  wohl  von  einer  Wiederkunft
sprechen.  Es  ist  dieses  so  zu  verstehen.  daß  der  vollkommene  Mensch
auf  der  Höhe  der  Entwicklung  sich  in  seiner  Gleichheit  und  Ebenmäßigkeit
  ohne  Unterschiedlichkeit  fühlt,  und  dieses  sowohl  betreffs  seiner
Mitlebenden  als  auch  seiner  unmittelbaren  Vorfahren  und  Nachkommen.
  D.  h.  er  fühlt  sich  mehr  als  Gattung,  gewissermaßen  als
harmonischer  Teil  des  Ganzen,  denn  als  Individuum.  Je  weniger
der  Mensch  aber  das  Individuelle  selbst  fühlt,  je  weniger  fühlt  er  auch
das  Aufgeben  derselben.  Es  ist  verständlich,  daß  ein  solcher  Mensch
ohne  jede  Veränderung  wiederkehrt.  Für  ihn  bedeutet  das  Aufgeben
des  Ichs  nur  eine  Unterbrechung,  aber  keine  Veränderung  und  keinen
Abschluß.

Anders  für  den  unvollkommenen  Menschen;  dieser  ist  nur  Mittel
zum  Zweck.  Daß  bei  einer  Wiederkehr  der  ganzen  Entwicklungsreihe
des  Menschen  auch  wieder  Spielarten  der  Gattung  entstehen,  die  auch
nur  Mittel  zum  Zweck  sind,  ist  richtig.  Diese  find  als  solche  aber  untereinander
  ebenso  unterschiedlich  als  betreffs  der  unmittelbaren  Vorfahren
und  Nachkommen  sie  besitzen  deshalb  eine  stark  fühlbare  Individualität.
D.  h.  der  Mensch  ist  sich  seiner  Individualität  um  so  mehr  bewußt,  je
unterschiedlicher  er  von  anderen  ist  und  je  mehr  er  sich  einbildet,  daß
er  etwas  Besseres  und  unersetzlich  ist.  Immerhin  gilt  für  den  unvollkommenen
  Menschen  nur,  daß  wohl  ähnliche  Individuen  wiederkehren
aber  nicht  die  gleichen.  Für  ihn  bedeutet  also  der  Tod,  soweit  er  nicht
in  seinen  Nachkommen  weiterlebt,  einen  Abschluß.

Von  diesem  Standpunkt  läßt  sich  auch  die  Todesverachtung  im
Kriege  und  in  anderer  Gefahr  erklären.  Wenn  der  Mensch  bei  solcher
Gelegenheit  ohne  Bedenken  und  ohne  Besinnen  sein  Leben  aufgibt,  um
dem  Ganzen  zu  dienen,  so  fühlt  er  sich  in  dem  Augenblick  nicht  als
unterschiedliches  Individuum,  sondern  als  gleichwertiger  und  vollkommener
  Teil  des  Ganzen.

Vor  dem  Angriff  mag  der  Vaterlandsverteidiger  die  Gefahr  noch
vom  Standpunkt  der  Notwehr  betrachten,  bei  der  ihm  vielleicht  Wut
und  Haß  das  kritische  Bewußtsein  etwas  betäuben.  Bei  einzelnen  mag
es  auch  der  Ehrgeiz  sein,  der  mutig  mit  der  Gefahr  spielen  läßt.  Der
Einsatz  des  Lebens  wird  hierbei  noch  mit  einem  gewissen  Fatalismus
als  eine  Art  Lotterie  betrachtet,  bei  der  es  Zufall  ist,  wer  mit  dem  Gewinn
  des  Lebens  herauskommt.  Sobald  es  aber  zum  Sturm  geht,
erwacht  der  ganze  Mann  in  ihm;  in  diesem  Augenblick  fühlt  er  sich  losgelöst
  von  den  Sorgen  des  Ichs,  und  Raum,  Zeit  und  Unendlichkeit
        <pb n="235" />
        —

haben  ihre  Bedeutung  für  ihn  verloren.  In  diesem  Augenblick  ist  ihm
das  Dasein  keine  Angelegenheit,  die  der  Kritik  des  Verstandes  unterliegt,
  sondern  eine  reine  Gefühlssache,  bei  der  es  keine  Wahl  und  keinen
Irrtum  gibt.  In  solchem  Augenblick,  in  dem  ihm  das  Aufgeben  des
Ichs  gleichgültig  ist,  hat  er  in  Gemeinschaft  mit  gleichwertigen  Kameraden
  nur  das  Bewußtsein,  daß  er  ein  vollwertiger  Teil  des  Ganzen  ist.

In  diesem  Sinne  kann  man  wohl  behaupten,  daß  der  Krieg  in
seinem  ernstesten  Stadium  den  Menschen  veredelt,  und  nur  die  Begleitumstände,
  denen  er  bei  vollem  Bewußtsein  der  Individualität  ausgesetzt
  ist,  können  es  sein,  die  ihn  verrohen.

Wir  haben  gesehen,  daß  das  Gefühl  der  Individualität,  d.  h.  das
Gefühl  der  Unterschiedlichkeit  mit  der  Entwicklung  zum  Besseren  nachläßt;
  und  es  wird  überhaupt  verschwinden,  wenn  die  Menschen  auf
hoher  Kulturstufe  eine  körperliche  und  damit  auch  geistige  Ebenmäßigkeit
  erreicht  haben.  Auf  dieser  Kulturstufe  gibt  es  dann  keinen  Irrtum
mehr,  infolgdessen  auch  weder  Recht  noch  Unrecht,  sondern  einen  ewigen
Frieden.  Bei  solcher  Einfachheit  und  Erhabenheit  sind  dann  alle
Organe  ciner  Verwaltung  und  Verteidigung  überflüssig,  denn  der  Mensch
tut  hier  seine  Pflicht,  weil  er  kann  und  nicht  weil  er  muß.  Auf  dieser
Stufe  hat  der  Mensch  nur  wieder  für  sein  Dasein  zu  arbeiten,  weil  es
ein  Bessersein  für  ihn  nicht  mehr  geben  kann;  die  ganze  Tätigkeit  beschränkt
  sich  hier  produktiv  nur  für  die  Erhaltung,  ferner  auf  die  Erziehung
  und  Unterhaltung.  Da  hierbei  alle  Kräfte  aufs  vorteilhafteste
fürs  Ganze  nutzbar  gemacht  werden,  so  wird  die  notwendige  Arbeitszeit
  für  jeden  einzelnen  eine  sehr  geringe  sein,  und  die  Arbeit  selbst
wird  mehr  eine  Erholung  als  Anstrengung  sein.  Mit  Dankbarkeit  wird
der  Mensch  auf  dieser  Höhe  sich  seiner  Ahnen  erinnern,  die,  um  diesen
Hustand  des  menschlichen  Daseins  zu  erreichen,  gekämpft  und  gelitten

aben.
Der  entwicklungsgeschichtliche  Höhenmensch  wird  sich  aber  durchaus
  nicht  durch  Bedürfnislofigkeit  auszeichnen,  sondern  er  wird  an  die
Lebenshaltung,  an  edle  Unterhaltung  und  an  Pflege  die  höchsten  Anforderungen
  stellen,  nur  daß  diese  durch  eine  vollkommene  Regelung
und  ökonomische  Ausnutzung  aller  Hilfsmittel  für  jeden  in  gleicher
Weise  zur  Verfügung  stehen.

Wenn  man  in  Betracht  zieht,  daß  heute  für  die  Verteidigung  und
Verwaltung  des  Staates,  ferner  für  die  Beaufsichtigung  der  Arbeit,  für
den  Fortschritt  der  Produktion,  für  die  Verteilung  der  Güter  und  für
das  überflüssige  Luxusbedürfnis  der  höheren  Kreise  ein  riesiger  Apparat
notwendig  ist,  der  der  Produktion  entzogen  wird,  so  kann  man  ermessen,
wie  sehr  die  Arbeit  eingeschränkt  werden  kann,  wenn  nur  für  das  Bedürfnis
  einer  vernünftigen  Menge  gearbeitet  wird,  und  wieviel  Zeit  dann
        <pb n="236" />
        für  eine  edle  Unterhaltung  übrig  bleibt.  Für  die  nächste  Zeit  ist  dieser
Idealzustand  aber  nur  noch  eine  Unmöglichkeit,  und  vor  allen  Dingen
kann  er  nicht  durch  politische  Gewalt  herbeigeführt  werden,  sondern  die
Menschen  können  sich  nur  durch  Erlangung  eines  edlen  und  wohlproportionierten
  Körpers  und  durch  eine  sorgfältige  Erziehung  zu  sittlicher
  Reife  hinein  entwickeln.

Hier  bleibt  uns  nun  noch  die  Frage  zu  erörtern  übrig:  „Was  hat
die  gegenwärtige  Gesellschaft  zu  tun,  um  die  Entwicklung  in  jenen  angedeuteten
  Idealzustand  zu  fördern?“  Wir  können  die  Richtlinien
hier  nur  andeuten,  da  dieselben  in  den  Einzelheiten  festzulegen  die
Aufgabe  der  Politik  ist.

Wie  ich  bereits  im  ersten  Abschnitt  auseinandergesetzt  habe,  nimmt
das  Vermögen  der  Welt  im  allgemeinen  und  das  der  Nation  im  besonderen
  dadurch  zu,  daß  die  Menschheit  mehr  Werte  produzieren  und
zum  Verbrauch  nutzbar  machen  kann,  als  sie  nach  den  gesellschaftlichen
Anforderungen  verbraucht.  Dieses  ist  notwendig,  da  einmal  Produktionsund
  Unterhaltungsmittel  für  die  Zunahme  der  Bevölkerung  geschaffen
werden  müssen,  und  da  anderseits  der  Fortschritt  der  Allgemeinheit
darin  besteht,  die  Lebenshaltung  in  materieller  und  damit  ideeller  Beziehung
  zu  verbessern.  Diesen  Überschuß  nach  Möglichkeit  zu  steigern
und  ihn  gerecht  zu  verteilen,  ist  die  Aufgabe  der  Wirtschaftspolitik.  Die
Verteilungsform  ist  hierbei  die  kapitalistische  Wirtschaftsweise.  Der
Kapitalismus  ist  in  diesem  Sinne  nur  Mittel  zum  Zweck  und  nicht
Selbstzweck,  wie  sich  diejenigen  oft  einbilden,  die  im  Besitz  der  Kapitalien
sind.  Solange  der  Mensch  noch  die  Zugkraft  des  Eigentums  gebraucht,
um  der  Gesellschaft  gegenüber  seine  Schuldigkeit  zu  tun,  solange  hat
auch  der  Kapitalismus  noch  seine  Berechtigung  und  solange  ist  er  überhaupt
  noch  notwendig.  Die  kapitalistische  Wirtschaftsform,  der  der
Eigentumsbegriff  zugrunde  liegt,  bietet  die  einzige  Möglichkeit,  daß
bei  der  Güterverteilung  derjenige  den  verteilbaren  Überschuß  bekommen
kann,  der  ihn  verdient  hat.  Daß  er  ihn  nicht  immer  bekommt,  das  liegt
nicht  an  der  Verkehrtheit  des  Kapitalismus  an  sich,  sondern  an  seinen
Auswüchsen.  Der  Kapitalismus  ist  an  sich  nicht  unmoralisch;  er  wird
dieses  nur  dadurch,  daß  er  von  unmoralischen  Leuten  als  Selbstzweck
angesehen  und  dementsprechend  gemißbraucht  wird.  Die  Gesellschaft
kann  den  Kapitalismus  deshalb  auch  nicht  schroff  beseitigen  und  durch
einen  unfruchtbaren  Kommunismus  ersetzen,  für  den  die  Menschheit
noch  nicht  sittlich  reif  ist;  sie  kann  ihm  aber  die  Giftzähne  ausbrechen.

Der  Krieg  hat  es  ja  schon  mit  sich  gebracht,  daß  die  Steuerschraube
  in  den  nächsten  Jahren  derartig  angezogen  werden  muß,  daß
die  kapitalistischen  Bäume  nicht  mehr  in  den  Himmel  wachsen.  Der
Krieg  hat  anderseits  nuch  bewiesen,  daß  das  Nationalvermögen  nur
        <pb n="237" />
        233

einen  gesellschaftlichen  Wert  hat,  d.  h.  daß  es  seinen  Wert  nur  in  und
durch  die  Gesellschaft  besitzt,  infolgedessen  gehört  es  überhaupt  nicht
denen,  die  es  gesellschaftlich  verwenden  können,  sondern  es  gehört  der
Gesellschaft,  der  das  vollständige  Verfügungsrecht  darüber  zusteht.  Dem
Einzelnen  wird  unter  dem  Begriff  „Privateigentum“  von  der  Gesellschaft
  nur  eine  erwerbbare  und  vererbbare  Dispositionsgewalt  über
irdische  Güter  verliehen,  die  in  der  Form  der  kapitalistischen  Wirtschaftsweise
  den  Besitzer  zu  erhöhter  Tätigkeit  im  Dienste  des  Ganzen
anspornen  soll.

Von  diesem  Standpunkt  aus  ist  es  die  sittliche  Pflicht  der  Gesellschaft,
  dafür  zu  sorgen,  daß  mit  dem  Vermögen  zum  Schaden  des
Ganzen  kein  Mißbrauch  getrieben  wird,  d.  h.  daß  der  Reichtum  nicht
in  den  Händen  solcher  Leute  bleibt,  dic  ihn  in  unsinniger  und  unsittlicher
Weise  verschwenden  und  die  sich  dabei  noch  von  jeder  nützlichen  Tätigkeit
drücken  können.  Nicht  nur  das  Produkt  der  Arbeit  gehört  der  Gesellschaft,
  sondern  auch  die  Arbeitskraft.  Die  von  der  Gesellschaft  in  dieser
Beziehung  gewährleistete  Freiheit  hat  inbezug  auf  die  Gesellschaft  selbst
nur  einen  relativen  Wert,  sie  kann  also  jederzeit  den  Bedürfnissen  der
Gesellschaft  entsprechend  eingeschränkt  werden.

.  Wenn  der  große  Reichtum  durch  steuerliche  Abgaben  empfindlich
geschmälert  wird,  so  ist  dieses  sicher  kein  nationales  Unglück,  sofern  dieses
Geld  für  werbende  Anlagen  und  innere  Kolonisation  ausgegeben  wird:
auf  diese  Weise  steigert  es  die  Produktion  und  kommt  überhaupt  dem
Kapitalismus  am  letzten  Ende  wieder  zugute.  Für  die  Zukunft  einer
Nation  ist  es  überhaupt  von  der  größten  Bedeutung,  daß  sie  eine  Unterschicht
  mit  guter  Lebenshaltung  und  einen  wohlhabenden  Mittelstand
hat.  Wenn  der  Kapitalismus  schließlich  das  Proletariat  zur  Voraussetzung
  hat,  so  gebraucht  es  ihn  auch  anderseits  als  Konfumenten.  Vom
Standpunkt  der  Produktion  kommt  auch  dazu,  daß,  je  mehr  Aussicht
der  Proletarier  und  zwar  hauptsächlich  der  in  gehobener  Lebensstellung
hat,  zu  Besitz  und  Eigentum  zu  kommen,  je  mehr  er  sich  anstrengt,  aus
sich  herauszuholen,  was  möglich  ist.  D.  h.  derjenige,  der  für  seinen
eigenen  Vorteil  denkt  und  arbeitet,  gibt  sich  mehr  Mühe  als  derjenige,
der  für  den  Vorteil  seines  Brotherrn  tätig  ist,  ganz  abgesehen  Vavon.
daß  sich  in  der  Unabhängigkeit  Kraft  und  Charakter  ganz  anders  entfalten
  können  als  in  der  Abhängigkeit.

Je  leichter  es  ist,  zu  Besitz  und  zu  einer  auskömmlichen  Existenz
zu  kommen,  je  geringer  find  die  Sorgen  für  den  Nachwuchs  und  je  mehr
fallen  die  Gründe  fort,  diesen  zu  beschränken.  Und  da  schließlich  das
Ansammeln  von  Reichtum  doch  nur  für  eine  möglichst  unabhängige  und
gesicherte  Existenz  der  Nachkommen  gelten  soll,  so  wird  die  Habsucht
und  Geldgier  schon  dadurch  gemildert,  daß  dem  Nachwuchs  das  Er-
        <pb n="238" />
        reichen  einer  auskömmlichen  Existenz  von  der  Allgemeinheit  erleichtert
wird.  Es  kommt  auch  ferner  dazu,  daß  der  Aufstieg  aus  den  unteren
Klassen  und  der  Ausgleich  mit  diesen  gefördert  wird,  wodurch  dem
Kastengeist  die  Stacheln  genommen  werden,  wodurch  überhaupt  an
dessen  Stelle  ein  geläutertes  Klassenbewußtsein  tritt,  das  als  der  Ausdruck
  eines  erhöhten  Pflichtgefühls  und  eines  stark  ausgeprägten  Ehrgefühls
  zu  gelten  hat.

Aus  Vorstehendem  ergibt  sich  nun  von  selbst  die  Frage,  ob  es  bei
der  kapitalistischen  Wirtschaftsform,  die  an  sich  noch  notwendig  ist  und
stellenweise  mit  größeren  Mitteln  arbeiten  muß,  erforderlich  ist,  daß
sich  überhaupt  große  Kapitalien  in  einer  Hand  befinden.  Diese  Frage
ist  aus  verschiedenen  Gründen  für  eine  absehbare  Zeit  noch  zu  bejahen.
Vor  allen  Dingen  soll  der  Erwerb  großer  Mittel  nicht  beeinträchtigt
werden,  soweit  dieser  auf  Initiative,  Unternehmungslust.  Erfindungsgeist
  und  angestrengte  Arbeit  zurückzuführen  ist,  damit  diese  Vorzüge
nicht  gelähmt  werden,  und  da  es  für  eine  vorteilhafte  Betätigung  derselben
  in  vielen  Fällen  notwendig  ist,  daß  der  Betreffende  unabhängig
über  größere  Mittel  verfügt.

Für  das  Großkapital  in  einer  Hand  kommt  neben  Großindustrie
und  Großhandel  hauptsächlich  der  Großgrundbesitz  in  Frage.  Wenn
es  auch  im  nationalen  Interesse  nicht  vorteilhaft  ist,  daß  sich  viel  Großgrundbesitz
  in  einer  Gegend  befindet,  so  ist  doch  anderseits  im  Interesse
der  großen  Städte  und  der  dicht  bevölkerten  Industriegebiete  ein  solcher
überhaupt  notwendig,  da  er  deren  Ernährung  vom  vaterländischen
Grund  und  Boden  gegenüber  dem  Kleingrundbesitz  erheblich  erleichtert.
Es  mag  ja  sein,  daß  der  Kleingrundbesitz,  dem  mehr  menschliche  Hilfskräfte
  zur  Verfügung  stehen,  den  Anbau  der  Hackfrüchte  bevorzugt  und
dadurch  relativ  mehr  Nährwert  aus  dem  Acker  herausholt  als  der
Großgrundbesitz.  Der  letztere  arbeitet  aber  wieder  mehr  mit  Maschinen,
  so  daß  er  verhältnismäßig  weniger  Arbeitskräfte  und  Zugvieh
beschäftigt,  wodurch  der  Verbrauch  bei  ihm  ein  relariv  geringerer  ist,
so  daß  er  einen  größeren  Uberschuß  zur  Verfügung  stellen  kann,  zumal
die  Arbeitskräfte  des  Großgrundbesitzers  auch  eine  erheblich  geringere
Lebenshaltung  haben  als  diejenigen  der  Kleinbauern.  Hierauf  aber
näher  einzugehen  und  es  mit  Zahlen  zu  belegen,  sowie  die  soziale  Bedeutung
  der  Großkapitalisten  klarzustellen,  das  überschreitet  den  Rahmen
  dieser  Schrift  und  soll  Aufgabe  einer  späteren  Arbeit  sein.

Für  die  Großindustrie  ist  es  weniger  erforderlich,  daß  sich  größere
Kapitalien  in  einer  Hand  befinden,  da  hier  Aktiengesellschaft  und  Gesellschaften
  mit  beschränkter  Haftung  Unternehmen  und  Risiko  für  den
Einzelnen  verringern  können.  Die  Großindustrie,  soweit  sie  durch
politische  Bestrebungen,  durch  Privatmonopole  und  Syndikate  andere  für
        <pb n="239" />
        235

sich  tributpflichtig  zu  machen  versteht,  sägt  überhaupt  an  dem  Ast,  auf
dem  sie  sitzt  und  treibt  mit  der  Zeit  unrettbar  der  Verstaatlichung  in
die  Arme.

Solange  der  sogenannte  Staatssozialismus  noch  eine  den  Fortschritt
  hemmende  Einrichtung  ist,  solange  ist  auch  noch  eine  freie  Vermittlung
  zwischen  Produzent  und  Konsument  notwendig,  d.  h.  solange
hat  auch  der  reelle  Handel  noch  seine  Berechtigung,  derselbe  macht  sich
auch  dadurch  verdient,  daß  er  befruchtend  und  ermunternd  auf  die  Produktion
  wirkt.  Außerdem  hat  er  auch  die  sehr  wichtige  Aufgabe,  den
internationalen  Ausgleich  der  Produkte  zu  vermitteln.  Da  bei  letzterem
oft  große  Werte  in  Frage  kommen,  und  da  hierbei  die  Freiheit  der
Initiative  des  Einzelnen  notwendig  ist,  so  ist  auch  hier  eine  Stelle,  an
der  der  Großkapitalist  noch  am  Platze  ist.

Angesichts  der  Tatsache,  daß  der  entwicklungsgeschichtliche  Materialismus
  noch  einen  langen  Weg  vor  sich  hat,  um  zum  Ziel  zu  kommen
  und  angesichts  der  verwickelten  nationalen  und  politischen  Verhältnisse
  und  der  notwendigen  Bildungs=  und  Besitzunterschiede  muß
das  Volk  eine  führende  Klasse  haben.  Diese  kann  nach  den  Anforderungen,
  die  an  sie  gestellt  werden  müssen,  in  Deutschland  aber  nur  der
akademisch  gebildete  Teil  der  Bevölkerung  sein.  Einmal  hat  sich  diese
Klasse  bereits  selbst  einen  Ehrenkodex  gegeben,  der  abgesehen  von
einigen  Auswüchsen  im  wesentlichen  doch  dahin  wirken  soll,  daß  die
Mitglieder  nicht  nur  besser  scheinen,  sondern  auch  sein  wollen.  Wenn
ihnen  in  dieser  Beziehung  auch  Kreise  anderer  Berufe  ebenbürtig
sind,  so  haben  sie  doch  anderseits  auch  eine  Vorbildung  voraus,  die  sie
qualifiziert,  sich  eine  Weltanschauung  zu  verschaffen,  die  auf  philosophischem
  Boden  gegründet  ist,  zumal  sie  in  der  Religion  nicht  mehr  festwurzeln.


Wenn  heute  der  eine  oder  andere  den  christlichen  Glauben  so
umgedeutet  hat,  daß  er  seinen  metaphysischen  Ansprüchen  gerecht  wird,
so  mag  dieses  seinen  eigenen  Bedürfnissen  genügen:  es  mag  auch  in
einzelnen  Fällen  als  Beispiel  wirken;  es  genügt  aber  nicht  für  die
geistige  Führung  eines  Volkes,  das  den  unsicheren  Hafen  des  Christentums
  verlassen  hat  und  einen  sicheren  Ankergrund  für  eine  solche  neue
Weltanschauung  sucht,  die  ohne  Widersprüche  für  die  naturnotwendigen
Geschehnisse  des  gesellschaftlichen  Lebens  ist.

Eine  solche  Weltanschauung  bietet  aber  allein  unser  Materialismus,
  der,  wie  wir  gesehen  haben,  sich  nicht  anmaßt,  die  Welt  zu  bekritteln
  und  zu  verbessern,  sondern  der  sich  begnügt,  sie  zu  ergründen
und  daraus  die  Nutzanwendung  für  die  Zukunft  zu  sichern.  Das
Einzige,  das  ihn  vielleicht  verdächtig  machen  kann,  das  ist  seine  Einfachheit
  und  leichte  Verständlichkeit,  bei  der  es  nur  ein  „entweder  oder“
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gibt,  d.  h.  man  nimmt  ihn  ganz,  oder  man  lehnt  ihn  ab;  Modifikationen,
Umdeutungen  und  Verwässerungen  läßt  er  nicht  zu.  Wie  anders  der
Idealismus!  Dessen  metaphysisches  Gebiet.  ist  so  groß  und  dunkel,
daß  sich  jeder  nur  einigermaßen  Begabte  eine  eigene  Weltanschauung
leisten  kann.  Man  nimmt  sich  einfach  eine  philosophische  Größe  der
Vergangenheit,  behauptet  an  einer  Stelle  eine  Abweichung,  was  um
so  erfolgreicher  ist,  als  es  für  die  Wahrheit  doch  keine  Kriterien  gibt,
man  kleidet  die  Abweichung  in  Worte;  bei  diesen  spart  man  den
terminus  technicus  nicht,  um  das  Ganze  möglichst  unverständlich  zu
machen,  und  man  gilt  bei  einem  harmlosen  Leserkreis  als  der  tiefsinnigste
  und  größte  Philosoph  des  Jahrhunderts,  von  dem  ein  Kant
noch  was  lernen  könnte.  —  Unser  Materialismus  hat  aber  neben  seiner
Einfachheit  auch  sittliche  Grundlagen,  die  denen  drr  Kirche  in  nichts
nachstehen,  sondern  die  auch  vielfach  mit  denen  der  Kirche  übereinsiimmen:
  die  aber  den  Vorzug  haben,  nicht  nur  unserem  Gemütsbedürfnis
  zu  entsprechen,  sondern  die  sich  auch  wissenschaftlich  rechtfertigen
  lassen.

Seine  wissenschaftliche  Rechtfertigung  und  Beweiskraft  nimmt
der  Materialismus  aus  der  Entwicklungslehre,  infolgedessen  kann  man
behaupten,  daß  die  Erkenntnis  der  Entwicklungstheorie  der  bedeutendste
Schritt  in  der  Richtung  ist,  die  dahin  führt,  daß  sich  der  Mensch  selbst
erkennt,  d.  h.  in  jenes  Zeitalter,  wo  die  Welt  dort  am  vollkommensten
ist,  wo  sich  der  Mensch  befindet,  da  dieser  als  ein  Abbild  der  Welt,
d.  h.  als  ein  wirklicher  Mikrokosmus  mit  sich  auch  die  Welt  erkennt.

-

Duqhbruderel  von  A.  W.  giafelbt,  Oserwieck  (Gar)).
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        E—  4  Bl-*


Philosophische  Werke  aus  dem  Verlage

7
2
:
7
9

EIEELII

1

·
Ins-»si-  sit-st-·"«kageneführtwerden.—D



LIII

A.  W.  Zickfeldt  in  Osterwieck  /  Harz.

Fichte  und  wir.

6  Vorlesungen  gehalten  2.—  7.  Oktober  1916  auf  der  Lauterberger

Weltanschauungswoche
von  Aniv.-Prof.  Herm.  Schwarz,  Dr.  D.  theol.  h.  c.

(112  S.)  Geh.  M.  2.—,  karton.  M.  2.40  u.  20  %  Teuerungszuschlag.

Inhaltslbersicht:  1.  Allgemeiner  Charakter  der  Pbilosophie  des  deutschen
Idealismus.  2.  Fichte,  der  Redner  an  die  deutsche  Nation.  3.  Die  Lehre  vom
sich  setzenden  Gokte.  4.  Der  nenschöpferische  Hervorgang  aus  der  Dhilosophie.
5.  Die  axiologischen  Urtathandlungen.  6.

Monaktsschrift  für  höhere  Schulen:  Niichts  ist  bezeichnender

für  veursche  Art,  als  daß  milten  im  Toben  des  Krieges  in  einem  idpyllischen  r#
:Gebirgsstädechen  von  Philosophen  und  Tbeologen  unter  starker  Beteiligung  :
:  von  geistig  angeregten  Männern  verschiedenster  Berufsarten  und  nicht  zum  :

arlegungen  in  den

wentigsten  unserer  deutschen  is-  lebhafte  Geetkrunge  über  Welkanschauungs.
w
nð  außerordentlich  zeitgemäß  und  verdienen  die  weitgehenbste  Beachtung  aller

:  kulturphilosopbisch  gerichteten  Erzieher,  da  die  neueren  Erlebnisse  unserer  schweren
:  und  so  großen  Zeit  zu  Möglichkeiten  künftiger  uns  Deutschen  besonders  gemäßer

  Weltanschauung  gestalten  helfen  wollen.

Grundriß  der  Ethik

mit  Bezlehung  auf  das  Leben  der  Gegenwart.)

Von  Univ.-Prof.  Dr.  W.  Rein-Jena.
Fünfte,  umgearbeitete  und  verbesserte  Auflage  1918.
(X,  343  S.)  Geh.  M.  5.50,  geb.  M.  6.60  u.  20%  Teuerungszuschlag.

Diese,  dem  Generalfeldmarschall  von  Hindenburg,  dem  Vorkämpfer  für
Kriegerheimstätten  und  für  eine  gesunde  Bodenreform  —  der  sozialen  Grundlage
  aller  Volksethik  —  zugeeignete  neue  Auflage  kann  als  eine  mehrfach
umgearbeitete  und  verbesserte  angesehen  werden.  Allerdings  mußte  sie  in  den
Grundzügen  sich  gleich  bleiben.  Denn  sie  sind  es  gewesen,  die  dem  Buche

die  Anzlehungskraft  des  Buches  gewachsen.  War  schon  vor  dem  Kriege  der
nationale  Grundcharakter  nicht  zu  verkennen,  so  ist  durch  die  gewaltigen  Ersahrungen
  der  letzten  Jahre  die  Darskellung  in  diesem  Betracht  noch  auf  einen

Ton  höher  gestimmt  worden.  Auch  die  großen  Führer  unseres  Volkes,  vor

allem  Kant  und  Fichte,  fanden  eine  weitere  Berücksichtigung.
Die  engen  Zusammenhänge,  in  denen  das  Buch  zur  Gegenwart

  steht,  werden  ihre  Anziehungskraft  auf  jeden  Leser  aus.

üÜüben,  dem  das  Wohl  seines  Volkes  am  Herzen  liegt.

—  mns  der  üÜbrigen  im  gleichen  Verlage  erschlenenen  Bücher

phllosophi

Wertung  der  Dbilosophie  Fichtes.:

arzischen  Vorlesungen  :

Eingang  und  Verbreitung  gesichert  haben.  Offenbar  ist  während  des  Krieges

en  und  ähnlichen  Inhaltes  kostenfrei.

ae  Die  Werke  sind  durch  jede  Buchhandlung  zu  beziehen.  a##
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