Hollaud;  Bildung  eines  neuen  germanischen  Vollstums  9

Anfängen  ihrer  selbständig  gerichteten  Entwickelung  waren  die  niederländischen
  Städte  dem  geschäftlichen  Streben  der  deutschen  Hansa  vielfach  unbequem
  geworden.  Jetzt  wurde  der  neue  Freistaat  reich  und  mächtig,  eine
stolz  aufblühende  Handels-,  See-,  und  Kolonialmacht,  ein  überlegener
Milbewerber  im  wirtschaftlichen  Kampf  auch  für  das  deutsche  Mutterland.
  Eine  zunehmende  Entfremdung  war  die  unvermeidliche  Folge.

Von  Hause  aus  bildeten  Friesen,  Niedersachsen  und  Franken  den
Grundstock  der  niederländischen  Bevölkerung.  Das  Vokkhatteseine  mundartlichen
  Besonderheiten  wie  andere  deutsche  Stämme  auch.  Aber  noch
im  Anfang  des  17.  Jahrhunderts  zweifelte  niemand  anseiner  Zugehörigkeit
  zum  Deutschtum.  In  der  zu  jener  Zeit  begründeten  niederländischen
Siedlung  in  Nordamerika,  in  Neuamsterdam,  dem  heutigen  Neuyork,
hatten  in  den  ersten  Jahrzehnten  ihres  Bestehens  ein  Deutscher  aus  Wesel
und  ein  anderer  aus  Franksurt  a.  M.  das  Gouverneursamt  inne.  Bis
tief  ins  17.  Jahrhundert  hinein  wird  Deutsch,  Holländisch  und  Flämisch
nicht  klar  geschieden.

Aber  in  dieser  Zeit  beginnt  doch  die  sprachliche  Entwickelung  auseinanderzugehen.
  Luther  hatte  eine  gemeindeutsche  Schriftsprache  geschaffen,
die  Ober=  und  Niederdeutsche  im  Hochdeutschen  einte.  Die  Nordniederlande,
  die  mehr  und  mehr  unter  veränderte  Lebensbedingungen  traten,
die  vom  eigentlichen  Deutschland  sich  abwendeten,  denen  Zuzügler  aus
England  und  Frankreich  und  sonstige  Fremde  in  größerer  Zahl  zuströmten,
  haben  die  hochdeutsche  Schriftsprache  nicht  übernommen.  Die  Holländer
  lernten  als  eigenes  Volk  sich  fühlen.  Sie  haben  in  der  Welt  aus
eigener  Kraft  sich  emporgerungen  und  dementsprechend  ihr  eigenes  Wesen
ausgeprägt.  Ihren  niederdeutschen  Dialekt  haben  sie  zu  einer  selbstandigen
  Schriftsprache  fortgebildet.  Die  alte  Streitfrage,  ob  das  heutige
Holländisch  eine  deutsche  Mundart  ist  wie  die  Sprache  Fritz  Reuters
oder  Klaus  Groths,  oder  eine  selbständige  nationale  Sprache,  wird  man
im  Sinne  der  holländischen  Auffassung  zu  eutscheiden  sich  bequemen
müssen.

Wir  sehen  hier  im  hellen  Lichte  der  Geschichte  die  Bildung  eines  neuen
Volkstums  sich  vollziehen.  Die  Holländer  sind  in  eine  Entwickelung  eingetreten,
  die  sie  aus  dem  damals  in  sich  zusammenschrumpfenden  deutschen
Kulturleben  herausführte  bis  zur  Ausgestaltung  einer  neuen  Erscheinungsform
  germanischen  Wesens.  Es  ist  das  uns  am  nächsten  stehende
germanische  Volkstum.  Aber  seine  eigene  Schriftsprache  weist  ihm  für
jede  Betrachtung,  die  die  Sprache  als  das  wichtigste  Merkmal  der  Na-