10  Das  Deutschtum  in  d.  v.  neuen  Reich  getrennten  ehemalig.  Reichslanden

tionalität  ansieht,  einen  vom  Deutschtum  gesonderten  Platz  zu.  Der  holländische
  Bauer  hat  nicht  so  weit  von  deutscher  Art  sich  entfernt  wie
der  Gebildete  in  der  Stadt.  Noch  vor  zwei  Menschenaltern  klang  nach
dem  Zengnis  W.  H.  Riehls  dem,  der  von  Kleve  nach  Holland  hinüberwanderte,
  in  den  Dörfern  diesseits  und  jenseits  der  holländischen  Grenze
dasselbe  unverfälschte  niederdeutsche  Platt  entgegen.  Aber  nicht  die
Bauern,  sondern  die  Gebildeten  entscheiden  über  die  Kulturwerte  und
die  Kulturstellung  eines  Volkes.  Und  die  führenden  Elemente  in  Holland
wollen  derzeit  —  wir  müssen  es  offen  aussprechen  —  mit  Deutschland
nicht  allzuviel  gemein  haben.

Dieses  Holland  ist  heute  nur  ein  Schatten  seiner  einstigen  Größe.
Vorzeiten  eine  Großmacht,  die  eine  führende  Stellung  im  Welthandel
einnahm,  hat  es  nach  mancherlei  harten  Schicksalsschlägen  mit  einer  bescheideneren
  Rolle  sich  begnügen  müssen.  Die  letzte  Erklärung  dafür  ist
in  dem  Umstand  zu  suchen,  daß  das  Ausmaß  von  Land  und  Volk  keine
ausreichende  Machtgrundlage  gewährte.  Holland  ist  von  seiner  Höhe
herabgestiegen,  weil  es  von  dem  angestammten  Volkstum  sich  getrennt
hat.  —  Die  Holländer  haben  den  Spieß  umgedreht.  Man  hat  die  Deutschen
  angeklagt,  daß  sie  dem  Lande  in  seinem  Kampf  mit  Spanien  keine
genügende  Deckung  gewährt  höätten.  Daher  wäre  die  politische  Verbindung
  mit  den  Westmächten  und  die  Abwendung  von  Deutschland  zur
Notwendigkeit  geworden.  Zudem  hat  von  alter  Zeit  her  wirtschaftlicher
Wettkampf  Holländer  und  Deutsche  in  einen  gewissen  Gegensatz  gebracht.
  Die  verwandtschaftlichen  Gefühle  Hollands  sind  auch  heute  dem
deutschen  Volke  gegenüber  nicht  gerade  die  allerherzlichsten.

Seit  der  Aufrichtung  des  neuen  Deutschen  Reiches  sind  die  Holländer
erregt  und  reizbar  geworden.  Ihre  größte  Sorge  war,  daß  Mutter
Germania  noch  einmal  die  Hand  nach  ihnen  ausstrecken  könnte.  Solange
der  Altreichskanzler  im  Amt  war,  haben  die  radikalen  Blätter  in  Holland
  den  Appetit  Bismarcks  nach  dem  holländischen  Käse  als  Schreckmittel
  für  große  Kinder  benutzt.

Bei  uns  hat  die  Absicht  einer  Bergewaltigung  Hollands  niemals  bestanden.
  Allerdings  bedauern  wir  es  mit  gutem  Grund,  daß  das  Mündungsland
  des  Rheins  mit  seiner  seetüchtigen  Bevölkerung  dem  deutschen
Volkstum  im  engeren  Sinne  verloren  gegangen  ist.  Heute  dürfte  in
Holland  die  Befürchtung  vor  angeblichen  reichsdeutschen  Eroberungsgelüsten
  hinter  anderen  Sorgen  zurücktreten.  Die  Annexion  Kubas  und
der  Philippinen  durch  Nordamerika,  der  Burenkrieg  und  neuerdings