Holland;  deutsch-holländische  Beziehungen  11
das  Schicksal  der  Türkei  haben  es  vor  aller  Welt  klargestellt,  daß  es
wieder  zugreifende  Eroberermächte  gibt,  denen  kein  ungenügend  geschütztes
  Recht  heilig  ist.  Und  ein  solch  ungenügend  geschütztes  Recht  ist  der
noch  immer  hochwertige  Rest  des  holländischen  Kolonialbesitzes.  In
Holland  regt  sich  das  Verlangen  nach  einem  waffenstarken  Bundesgenossen.
  Alte  Überlieferungen  weisen  in  erster  Linie  auf  England  und
Frankreich.  Es  machen  sich  in  Holland  wohl  auch  andersgerichtete  politische
  Wünsche  geltend.  Das  Ubergewicht  liegt  offenbar  noch  auf  seiten
derer,  die  einer  Verbindung  mit  dem  Deutschen  Reich  widerstreben.
Das  trat  in  allerjüngster  Zeit  zutage,  als  in  Holland  die  Frage  der
Seebefestigung  zur  Erörterung  stand.  Der  wohlerwogene  Plan,  Holland
  nicht  gegen  einen  Vorstoß  von  der  Landseite,  sondern  gegen  einen
Angriff  von  der  Seeseite  zu  schützen,  ist  vorläufig  von  der  Tagesordnung
  abgesetzt.

Von  ungewissen  Möglichkeiten  kriegerischer  Verwicklungen  und  ihren
etwaigen  Folgen  braucht  man  vorzeitig  nicht  zu  reden.  Jedenfalls  verwachsen
  im  Frieden  die  Wirtschaftsinteressen  Hollands  immer  enger
mit  denen  des  Deutschen  Reiches.  Heute  besteht  der  weitaus  größte
Teil  des  holländischen  Handels  im  Durchgangsverkehr  von  und  nach
dem  Deutschen  Reich.  Amsterdam  und  Rotterdam  sind  die  natürlichen
Häfen  für  den  deutschen  Westen.  Die  beiden  Plätze  nähern  sich  infolge
dieser  nachbarlichen  Verkehrsbeziehungen  der  Bedeutung  unserer  großen
Hafenplätze  Hamburg  und  Bremen.

Der  Besitz  der  Rheinmündungen  ist  für  Holland  eine  Quelle  reichen
Gewinns,  für  das  Deutsche  Reich  schließt  die  Beherrschung  seiner  wichtigsten
  Binnenwasserstraße  durch  eine  auswärtige  Macht  unverkennbare
Gefahren  ein.  Für  unser  rheinisch-westfälisches  Industriegebiet  ist  ein
Ausgang  nach  dem  Meer  durch  den  Dortmund-Ems-Kanal  geschaffen.
Die  Durchführung  des  Kanals  bis  zum  Rhein  würde  uns  für  den  Notfall
  von  der  Wasserstraße  durch  Holland  unabhängig  machen.  Holland
aber  würde  durch  eine  Umlenkung  des  westdeutschen  Warenzugs  auf
das  empfindlichste  betroffen  werden.  Unter  solchen  Umständen  könnte
eine  Zollunion  zwischen  Holland  und  dem  Deutschen  Reich  als  der  vernünftigste
  Ausgleich  erscheinen.  Es  wäre  zugleich  der  Abschluß  einer
von  der  Natur  gewiesenen  Entwickelung.  Vorerst  sind  die  Aussichten
für  eine  solche  Verständigung  gering.  Ist  doch  selbst  eine  postalische
Annäherung  zwischen  Holland  und  dem  Deutschen  Reich  auf  bisher
noch  unüberwindliche  Hindernisse  gestoßen.