12  Das  Deutschtum  in  d.  v.  neuen  Reich  getrennten  ehemalig.  Neichslanden

giehen  wir  die  Summe:  Holland  ist  noch  heute  ausgeprägt  germa—
nisch,  aber  es  ist  nicht  deutsch.  Die  wirtschastlichen  Verknüpfungen  mit
dem  einstigen  Mutterlande  stehen  für  Holland  in  vorderster  Reihe  und
auch  die  politischen  Interessen  weisen  Holland  doch  wohl  am  ehesten
auf  das  Deutsche  Reich  hin.  Die  Neigung  zum  Anschluß  nach  dieser
Richtung  wird  in  Holland  um  so  mehr  wachsen,  je  kräftiger  das  Deutsche
Reich  seine  Seemacht  entwickelt.

Belgien.  Ahnliche  Erwägungen  haben,  allerdings  mit  gewissen  Einschränkungen,
  bezüglich  Belgiens  Geltung.  Die  Einschränkungen  ergeben
  sich  vor  allem  aus  dem  Umstand,  daß  Belgien  ein  national  gemischtes
  Gebiet  ist.  Der  südliche  Teil  des  Landes  ist  von  französischredenden
  Wallonen  bewohnt.

Belgien  stand  in  seinen  politischen  Beziehungen  zum  alten  Deutschen
  Reich  mit  Holland  auf  gleicher  Linie.  Erst  der  Abfall  der  Nordniederlande
  führte  die  vordem  verschwisterten  Landesteile  auseinander.
Belgien  blieb  nominell  Reichsland.  Nach  dem  Erlöschen  der  spanischen
Habsburger  ist  Belgien  in  österreichischen  Besitz  übergegangen,  in  der
großen  Revolution  in  französischen.  Die  auf  dem  Wiener  Kougreß  erfolgte
  neue  Verkoppelung  Belgiens  mit  Holland  ist  in  der  Revolution
von  1830  zerrissen  worden.  Seither  hat  Belgien  die  Rechte  eines  selbständigen
  neutralen  Staates.

Das  heutige  Belgien  steht  kulturell  weit  überwiegend  in  französischer
  Abhängigkeit.  Schon  die  Sprache  des  burgundischen  Hofes  zu
Brüssel  war  französisch  gewesen.  Die  spanische  wie  die  österreichische
Epoche  hat  das  Französische  nicht  verdrängt  oder  beeinträchtigt.  Seit
der  Zeit  der  Revolution  und  des  Napoleonischen  Kaiserreichs  ist  der
französische  Einfluß  im  Lande  nachdrücklich  gesteigert  worden,  namentlich
  durch  die  lebendige  Förderung,  die  in  der  Zeit  der  Kontinentalsperre
  der  Industrie  Belgiens  zuteil  wurde,  und  durch  die  tatkräftige
Unterstützung  Frankreichs  bei  der  Begründung  eines  eigenstaatlichen
Daseins.  Seitdem  hat  die  Französierung  unverkennbare  Fortschritte
gemacht.  Die  besitzende  und  gebildete  Oberschicht  neigte  ausgesprochenermaßen
  zu  Frankreich.  Nach  ihren  Absichten  sollte  durch  die  Begünstigung
  der  französischen  Sprache  die  Kluft  vertiefi  werden,  die
Belgien  von  Holland  schied.  Unter  diesem  Gesichtspunkt  ist  in  der
belgischen  Verfassung  das  Französische  zur  Staatssprache  erhoben  worden.
Belgien  erscheint  heute  dem  flüchtigen  Besucher  als  französisches  Land.