Belgien;  die  üemische  Bewegung  13

Aber  Belgien  ist  in  Wahhheit  doppelsprachig.  Die  Flamen  haben
sogar  ein  ziffernmäßiges  Übergewicht  über  die  Welschen.  Bei  einer
Seelenzahl  von  rund  7½  Millionen  zählen  die  Flamen  annähernd
4  Millionen,  die  Wallonen  etwa  3½  Millionen.  Das  Flamentum
war  seit  1831  beiseite  geschoben.  Die  Bevorzugung  des  Französischen
brachte  ihm  schwere  Nachteile.  Eine  empfindliche  Zurücksetzung  ergab
sich  schon  daraus,  daß  die  Flamen  ohne  Kenntnis  des  Französischen
von  den  Staatsämtern  ausgeschlossen  waren.  Im  Schulwesen  wurde
das  Französische  ungebührlich  begünstigt.  Es  war  sichtlich  auf  die  Alleinherrschaft
  der  französischen  Sprache  abgesehen.  Obendrein  wurde  die
flämische  Volkssprache  als  ein  nur  für  die  niedrigsten  Kulturbedürfnisse
  zulänglicher  Dialekt  verhöhnt.  Das  hat  schließlich  die  Flamen
aufgestachelt.

Die  flämische  Bewegung  setzte  leise  schon  im  ersten  Jahrzehut  des
selbständigen  Königreichs  Belgien  ein.  Zwei  flämische  Schriftsteller,
Jan  Frans  Willems  und  Hendrik  Conscience,  sind  als  die  ersten  begeisterten
  Sachwalter  ihrer  Muttersprache  hervorgetreten.  Durch  Vereine,
durch  Zeitungen  wurde  das  flämische  Volk  wirksam  bearbeitet.  Die
Flamen  haben,  angeregt  durch  die  neueren  geschichtlichen  Ereignisse,
ein  gewisses  Anlehnungsbedürfnis  an  die  deutsche  Kultur  bekundet.  Ihr
germanisches  Selbstgefühl  ist  durch  die  deutschen  Siege  über  Frankreich
angefeuert  worden.  Das  französische  Prestige  war  herabgesetzt  und  zugleich
  wurde  die  Bewunderung  für  die  dentschen  Waffentaten  und  für
germanisches  Wesen  geweckt.  Während  in  Holland  1870/71  lebhafte
Anteilnahme  für  Frankreich  hervortrat,  haben  die  Flamen  die  dentschen
  Erfolge  mitgefeiert.  Sie  hatten  allen  Grund  dazu,  denn  ein  Unterliegen
  der  Deutschen  hätte  den  belgischen  Franskiljons  ein  erdrückendes
Übergewicht  in  die  Hand  gespielt.

Das  Jahr  1890  brachte  eine  entscheidende  Wendung.  Die  75  jahrige
  Gedenkfeier  der  Schlacht  von  Waterloo  schied  Flamen  und  Wallonen
  noch  schärfer  in  zwei  Lager.  Flamen,  Deutsche  und  Engländer
begingen  die  Siegesfeier.  Die  Franskiljons  veranstalteten  Protestkundgebungen
  gegen  die  „von  Klerikalen  und  preußischen  Unteroffizieren
in  die  Wege  geleitete  lächerliche  Machenschaft“,  gegen  die  Beleidigung
für  die  Wallonen  und  für  Frankreich,  „unser  unvergeßliches  Vaterland“
Die  Erregung  pflanzte  sich  auch  nach  Frankreich  hinein  sort.  Seitdem
beginnt  die  Arbeit  der  Alliance  Frangçaise  in  Belgien.  1891  wurde
eine  Section  Belge  begründet,  die  mit  ihren  Bemühmigen  am  eifrigsten