14  Das  Deutschtum  in  d.  v.  neuen  Reich  getrennten  ehemalig.  Reichslanden

im  flämischen  Gebiet  eingriff.  Die  Absicht,  die  Flamen  zu  französieren,
trat  unzweideutig  zutage.  Allen  Widerständen  zum  Trotz  hat  die  flämische
Bewegung  sich  durchgesetzt.  Heute  hat  in  Kirche  und  Schule,  vor  Gericht
und  in  der  Gemeinde,  in  Staatsverwaltung  und  Volksvertretung  das
Flämische  gleiches  Recht  mit  dem  Französischen  erstritten.  Wenigstens
auf  dem  Papier.  Aber  die  Beamtenschaft  ist  in  ihrer  ungeheuren  Mehrheit
  französisch  erzogen  und  gewöhnt,  und  die  gesellschaftlich  führenden
  Kreise  sind  ganz  auf  das  Französische  eingeschworen.  Um  solchen
Verhältnissen  gegenüber  ihre  Sache  zu  besserer  Geltung  zu  bringen,
erstreben  die  Flamen  eine  eigene  Hochschule.  Das  soll  das  Flamenvolk
  heben,  es  wieder  stark  und  groß  machen.  Es  ist  schwer  zu  sagen,
ob  und  wann  solcher  Forderung  Genüge  geschehen  wird.  Die  flämische
Sprache  ist  als  Kultursprache  dem  Französischen  nicht  ganz  gleichwertig
Das  Flamentum  hat  neuerdings  die  holländische  Rechtschreibung  übernommen.
  Das  erweitert  den  Geltungsbereich  der  niederländischen  Schriftsprache.
  Aber  selbst  unter  Einrechnung  der  Buren  bleiben  die  Träger
dieser  Sprache  in  ihrer  Gesamtheit  ein  Kleinvolk,  dessen  flämische  Vertreter
  auch  in  Belgien  der  Weltstellung  und  den  Kulturwerten  der  französischen
  Sprache  gegenüber  keinen  leichten  Stand  haben.  Gleichwohl
darf  man  auf  ein  weiteres  Erstarken  der  flämischen  Bewegung  rechnen.
Das  flämische  Volk  findet  einen  zuverlässigen  Rückhalt  bei  seiner  Geistlichkeit.
  Die  flämischen  Pfarrer  treten  für  die  Forderungen  ihres  Volkes
ganz  ebenso  ein,  wie  der  Klerus  in  Tirol  eine  wichtige  Stütze  des  Deutschtums
  im  Kampfe  gegen  die  Italianissimi  geworden  ist.  Bezeichnenderweise
  geschieht  das  an  beiden  Stellen  in  rein  katholischen  Staaten.  Unter
allen  Umständen  bietet  das  nationale  Erwachen  des  Flamentums  eine
Sicherunggegen  die  fort  chreitende  Französierung  Belgiens.  Man  wünscht
flämischerseits,  ohne  sich  in  politische  Abhängigkeit  zu  begeben,  ein  gutes
Verhältnis  zum  Deutschen  Reich.  Als  im  Oktober  1910  der  Deutsche
Kaiser  den  Besuch  des  belgischen  Königspaares  erwiderte,  äußerten  sich
die  französischen  Zeitungen  Belgiens  wenig  freundlich,  die  sozialistischen
sogar  feindlich.  Die  flämische  Presse  hat  den  kaiserlichen  Gast  freudig
und  würdig  begrüßt.  Die  „Vlaamsche  Gazet"“  schrieb  damals:  „Wir
werden  uns  wohl  hüten,  in  die  Falle  zu  laufen,  die  man  uns  von  anderer
Seite  aufgestellt,  die  trachtet,  Deutschland  und  Belgien  in  Uneinigkeit
zu  bringen.  Das  wird  niemals  geschehen.“  Der  Empfang,  der  in  Brüssel
  dem  Deutschen  Kaiser  bereitet  wurde,  war  trotz  allen  voraufgegangenen
  Zeitungslärms  ein  äußerlich  herzlicher.  Sein  in  deutscher