Schweiz  Mehrsprachigkeit  1

lande  schon  früh  sich  auf  eigene  Füße  gestellt  und  ihren  staatlichen  Pflichten
  gegen  das  Reich  nach  Möglichkeit  sich  entzogen.  Auch  hier  hat  sich
in  den  Zeiten  der  Reformation  und  der  Gegenreformation  die  lockere
Verbindung  mit  dem  Reich  endgültig  gelöst  Im  Westfälischen  Frieden
hat  das  Reich  wie  für  Holland  so  für  die  Schweiz  die  in  Wirklichkeit
  schon  längst  bestehende  Lostrennung  und  die  staatliche  Unabhängigkeit
  als  geltendes  Recht  hingenommen.  Aber  in  der  Schweizz  ist,  auch
nach  der  staatlichen  Absonderung  vom  Deutschen  Reich,  Land  und  Volk
in  seiner  Hauptmasse  deutsch  geblieben.  Die  Schweiz,  die  stets  in  engster
  Verbindung  mit  dem  deutschen  Kulturleben  verharrte,  hatte  die
hochdeutsche  Schriftsprache  übernommen,  und  das  hat  die  geistige  Gemeinschaft
  niemals  untergehen  lassen.  Die  Eidgenossenschaft  war  von
Haus  aus  rein  deutsch  gewesen.  Sie  hat  in  der  Zeit  ihres  kraftvollen
Aufblühens  mit  fremdsprachigen  Gemeinwesen,  wie  z.  B.  mit  Geuf,
Schutzbündnisse  geschlossen,  und  sie  hat  romanische  Gebiete  erobert
und  zu  Untertanenlanden  gemacht.  Vollberechtigte  Eidgenossen  nichtdeutscher
  Zunge  gab  es  bis  1798  nicht.  Erst  in  der  Epoche  der  französischen
  Revolution  erlangten  die  französischen  und  italienischen  Anhängsel
  des  Bundes  politische  und  nationale  Gleichberechtigung.  Seit
1815  ist  die  damals  zum  neutralen  Staat  erklärte  Schweiz  offiziell
mehrsprachig,  wie  das  heutige  Belgien  oder  Osterreich-Ungarn.  Die
Bundesverfassung  von  1848  hat  die  drei  Hauptsprachen,  die  deutsche,
  französische  und  italienische,  als  Nationalsprachen  erklärt.  Nur
das  Rhätoromanische  oder  Ladinische,  das  als  vierte  Sprache  in  der
Schweiz  heimisch  ist,  hat  man  dabei  vergessen.  Und  man  hat  davon
abgesehen,  gesetzlich  einen  Vorrang  für  die  einstige  deutsche  Staatssprache
  festzulegen.  Mit  Freiheit  und  Gleichheit  glaubte  man  das  allgemeine
  Wohl  am  zuverlässigsten  verbürgt.

Das  schöne  Schweizerland  hat  in  bescheidenem  Rahmen  sein  Sonderdasein
  sicher  und  behaglich  zu  gestalten  vermocht.  Ohne  die  schweren
Lasten  der  Großstaaten  konnte  es  der  friedlichen  Entfaltung  seiner
Kräfte  sich  widmen.  Das  Schul=  und  Bildungswesen  ist  musterhaft
geordnet,  Gewerbe,  Handel  und  Verkehr  sind  in  stetigem  Aufstieg  begriffen.
  Dazu  locken  die  Wunder  der  Alpenwelt  wie  die  Heilkraft  der
Berglufteinen  gewinnbringenden  Fremdenzustrom  ins  Land.  Die  Schweizer
  haben  allen  Anlaß,  sich  wohlzufühlen.

In  nationaler  Hinsicht  erschien  die  Schweiz  trotz  ihrer  Vielsprachigkeit
  bis  vor  kurzem  als  eine  Musterstätte  friedlichen  Nebeneinander-ANuch

  402:  Hoeniger,  Deutschtum  im  Ausland.  2.  Ausl.  2