18  Das  Deutschtum  in  d.  v.  neuen  Reich  getreunten  ehemalig.  Reichslanden

lebens  der  verschiedenen  Volksstämme.  Das  Ideal  der  Schweizer  ist
eine  Mittlerstellung  zwischen  der  deutschen,  französischen  und  italienischen
  Kultur.  Und  tatsächlich  haben  auf  Schweizer  Boden  die  bemerkenswertesten
  internationalen  Kulturbestrebungen  eine  Stätte  gefunden.
Man  denke  an  die  Genfer  Konvention,  an  die  internationalen  Vereinbarungen
  auf  dem  Gebiete  des  Telegraphenwesens;  der  Weltpostverein
  hat  seinen  Sitz  in  der  Schweiz,  wie  die  Fäden  des  Weltfriedensbestrebungen
  dort  zusammenlaufen.  Aber  das  alles  hat  in  der  Schweiz
selbst  Störungen  des  nationalen  Friedens  nicht  verhütet.  Die  Reibungen,
die  aus  der  Nationalitätenmischung  sich  ergeben,  sind  neuerdings  auch
dort  stärker  bemerkbar  geworden.
Nach  der  Volkszählung  vom  Jahre  1900  hat  die  Schweiz  eine  Gesamtbevölkerung
  von  rund  3315  443  Seelen,  davon  sind:
2312949  deutsch  —  69  v.  H.  der  Gesamtbevölkerung

730917  französisch  =  22  „  „  „  „

221  182  italienisch  —  6,7  „  „

36  651  ladinisch  —  1,2  „  „  „  »

Von  den  22  Kantonen  sind  15  deutsch,  3  (Genf,  Waadt  und  Neuenburg)
  französisch  2  (Freiburg  und  Wallis)  überwiegend  französisch,
1  Tessin)  italienisch,  1  (Graubünden)  gemischt  italienisch,  ladinisch  und
deutsch.  Deutsche  Minderheiten  finden  sich  durchweg  auch  in  den  nichtdeutschen
  Kantonen.  Aber  wie  der  Vergleich  mit  früheren  Volkszählungen
  ergibt,  hat  das  deutsche  Element  dem  französischen  gegenüber
Verluste  zu  verzeichnen.  Das  tritt  besonders  deutlich  in  den  westschweizerischen
  Kantonen  Wallis  und  Neuenburg  hervor.  Im  Tessin  dringt
das  Italienertum  vor,  das  auch  in  Graubünden  Fortschritte  zu  verzeichnen
  hat,  wo  vordem  die  Ladiner  Anlehnung  an  das  deutsche  Element
  suchten.  Die  Verluste  erfolgen  weniger  durch  Verschiebungen  an
der  Sprachgrenze  als  durch  nationale  Auffangung  der  auf  welsches
Gebiet  übertretenden  Schweizerdeutschen.  Der  Austausch  in  der  Binnenwanderung
  gestaltet  sich  zugunsten  der  französischen  Sprache.

Mit  ruhiger  Sachlichkeit  hat  Pfarrer  Eduard  Blocher-Zürich  die
einschlägigen  Verhältnisse  dargelegt.  (Das  Deutschtum  im  Ausland.
Heft  11,  1912.  S.  528  ff.)  Er  zeigt,  daß  mehr  Schweizerdeutsche  in
das  französische  Sprachgebiet  wandern  als  französische  Schweizer  in
das  deutsche.  Die  Welschen,  die  dauernd  auf  deutschem  Boden  sich  festsetzen,
  sind  in  der  zweiten  Generation  doppelsprachig.  Sie  lernen  Deutsch,
aber  sie  halten  auch  ihre  französische  Muttersprache  sest.  Sie  kommen