Schweiz;  Mehrsprochigkeit.  Zukunft  der  deutschen  Sprache  19
meist  in  die  Städte.  Französische  Kirchengemeinden,  französisches  Vereinswesen
  halten  sie  dort  national  zusammen.  Die  Welschen  also  werden
auf  deutschem  Boden  nur  halb  gewonnen.  Die  Deutschen  geraten  auf
welschem  Boden  in  Gefahr,  ihre  Nationalität  ganz  zu  verlieren.  Sie
legen  größeren  Wert  auf  die  Erlernung  des  Französischen,  passen  sich
leichter  an,  gehen  rückhaltloser  über.  Es  handelt  sich  bei  diesen  Binnenwanderungen
  meist  um  kleine  Leute.  Die  Deutschen  reden  ihre  Schweizer
Mundart;  bei  den  Welschen  hat  seit  der  Reformation  die  französische
Schriftsprache  sich  entschiedener  durchgesetzt.  So  tritt  hier  die  französische
  Schriftsprache  dem  deutschen  Dialekt  gegenüber,  und  das  macht
den  Kampf  ungleich.  Es  kommt  die  Wirkung  der  innerpolitischen  Umgestaltung
  der  Eidgenossenschaft  hinzu.  „Vor1798  kam  der  deutsche  Auswanderer
  in  welsches  Gebiet  als  der  staatsrechtlich  Bevorzugte,  als
ein  Glied  jener  Eidgenossenschaft,  die  für  die  Welschen  entweder  Obrigkeit
  oder  Schützerin  war.  Er  war  der  Träger  des  Staatsgedankens;
gab  er  seine  Muttersprache  auf,  so  paßte  er  sich  dem  für  geringer  geachteten
  Volksteil  der  Schweizer  an.  Seit  der  Rechtsgleichheit  ist  er
ein  fremder  Gast.“  Endlich  bleibt  noch  zu  erwähnen,  daß  das  zielbewußte
  Vordringen  der  französischen  Sprache  z.  T.  durch  die  Behörden
degünstigt  wird.  Wenn  vorerst  der  Nationalitätenstreit  in  der  Schweiz
noch  keine  schrofferen  Formen  angenommen  hat,  so  ist  das  nur  der
friedfertigen  Haltung  der  starken  deutschen  Mehrheit  zu  danken.  Unser
Gewährsmann  urteilt:  „Der  Schweizerdeutsche  ist  am  meisten  geneigt,
den  anderen  entgegenzukommen,  sich  anzupassen  und  anzubequemen,
die  Sprachen  der  anderen  zu  lernen  und  am  wenigsten  irgendwie
Zwang  oder  Rücksichtslosigkeit  zu  üben.“  Nationale  Duldsamkeit  für
die  anderssprachige  Minderheit  lebt  nur  auf  deutscher  Scite.  Dagegen
wird  jede  leise  Regung  deutschen  Volksbewußtseins  bei  einem  Schweizer
  als  politisch  gefährlich  gebrandmarkt.  Ein  anonymer  Antor  äußerte
  kürzlich  in  den  „Grenzboten“,  er  habe  vor  Jahren  einen  wegen
seiner  scharfen  Zunge  gefürchteten  Züricher  sagen  hören:  „Ja,  sehen
Sie,  daß  wir  Schweizer  Deutsche  sind,  das  ist  ein  —  Staatsgeheimnis,
  das  jeder  kennt,  und  wer  es  ausspricht,  ist  ein  Landesverräter.“
Auch  in  der  Schweiz  spuken  in  einzelnen  Köpfen  Besorgnisse  vor  au—
geblichen  reichsdeutschen  Macht=  und  Eroberungsplänen.  Endlich  sträubt
sich  der  „Republikanerstolz“  des  Schweizerdeutschen  gegen  die  Hinneigung
  zu  einem  monarchischen  Staat.  Der  Schwetzerdeutsche  ist  der
zuverlässigste  Hüter  des  eidgenössischen  Staatsgedankens.  Nur  der
2.

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