20  Tas  Deutschtum  in  d.  v.  neuen  Reich  getrennten  ehemalig.  Reichslanden

französische  oder  der  italienische  Schweizer  schielt  hie  und  da  über  die
Grenze  und  spielt  mit  dem  Gedanken  eines  Anschlusses  an  die  Volksgenossen
  außerhalb  der  Schweiz.  Der  Schweizerdeutsche  ist  fast  ängstlich
  bemüht,  einen  solchen  Verdacht  nicht  aufkommen  zu  lassen.

Bei  alledem  ist  auch  heute  der  deutsche  Grundcharakter  der  Schweiz
noch  unversehrt.  Niemals  ist  die  kulturelle  Verbindung  der  Schweiz
mit  Deutschland  unterbrochen  worden.  An  der  Entfaltung  der  deutschen
  Kultur  hat  die  Schweiz  stets  mit  dem  deutschen  Mutterland  gleichen
Anteil  gehabt.  Unter  den  Wegbereitern  unserer  klassischen  Literatur  haben
Schweizer  den  Vortritt  gehabt.  Unser  Schiller  gilt  der  ganzen  deutschen
  Schweiz  als  Nationaldichter.  Der  Professorenaustausch  ist  zwischen
  der  Schweiz  und  dem  gesamten  Deutschland  eine  alteingebürgerte
Einrichtung.  Immer  von  neuem  erwächst  aus  den  Reihen  des  Brudervolkes
  der  deutschen  Dichtung,  der  deutschen  Kunst,  der  deutschen  Wissenschaftunmittelbarer
  Gewinn.  Gottfried  Keller,  Konrad  Ferdinand  Meyer,
Jacob  Christoph  Hcer,  Ernst  Zahn,  Arnold  Böcklin,  Karl  Stauffer-Bern,
  Ferdinand  Hodler,  Jakob  Burckhardt,  Johann  Kaspar  Bluntschli
  u.  a.  m.  sind  Zeugen  unlösbarer  schweizerischer  und  deutscher  Gemeinschaft
  auf  allen  Gebieten  geistigen  und  künstlerischen  Schaffens.
Kein  Zweifel,  daß  auf  dem  Boden  der  heutigen  Schweiz  auch  der  Welsche
sein  gutes  Recht  hat.  Wie  die  deutsche  Schweiz  ein  Stück  deutschen
Kulturgebietes  ist,  so  macht  der  enge  Zusammenhang  von  Sprache  und
Kultur  die  Westschweiz  zu  einer  französischen  Provinz.  Kein  Deutscher
hat  je  an  der  Betonung  dieser  Auffassung  Anstoß  genommen.  Früher
hat  niemand  das  gleiche  Verhältnis  für  die  deutsche  Schweiz  angezweifelt.
  1841  schrieb  ein  Züricher,  Orelli,  in  der  Vorrede  eines  wissenschaftlichen
  Werkes:  „Und  mit  diesem  kleinen  Denkmale  erfülle  ich  eine
heilige  Pflicht  gegen  meine  Nation,  die  deutsche;  denn  in  allem  Geistigen,
  Wissenschaftlichen,  Künstlerischen  bildet  Deutschland  und  die
Schweiz  nur  ein  Volk.“  Damals  war  Deutschland  lediglich  ein  geographischer
  Begriff.  Als  zwei  Menschenalter  später  Professor  Ferd.
Vetter-Bern  in  ähnlichem  Sinne  sich  äußerte,  da  gab  es  einen  seltsamen
  Widerhall.  Es  war  1902,  bei  der  Jubelfeier  des  Germanischen
Museums  zu  Nürnberg.  Vetter  sagte:  „Im  Schweizervolk  gibt  es  viele,
die  vergessen  haben,  daß  unsere  Vergangenheit  die  gleiche  ist  wie  die  des
alten  großen  Deutschen  Reiches,  daß  Karl  der  Große  und  die  Nibelungen
auch  uns  gehören,  daß  die  Vorbilder  unserer  ehrwürdigsten  und  großartigsten
  Baudenkmäler  in  Ulm  und  Hirsau  stehen,  daß  wir  geistig  Deut-