Schweiz;  deutsche  Kulturbeziehungen  21

sche  sind  und  Deutsche  bleiben  wollen.  Dieser  Zugehörigkeit  wollen  wir
uns  freuen.  Die  Schweiz  ist  in  geistiger  Beziehung  eine  deutsche  Provinz
—  allerdings  mit  bedeutenden  Reservatrechten.  Sind  wir  auch  politisch
  abgetrennt  von  den  deutschen  Stämmen,  von  der  deutschen  kulturellen
Entwickelung  trennt  uns  nichts.  Wenn  Gottfried  Keller  sagte,  daß  man
„Schweizer  sein  darf  und  Deutscher  sein  muß,  so  sagen  wir:,  Als  Schweizer
  sind  und  bleiben  wir  Deutsche““  Darauhhin  hagelte  es  Vorwürfe
gegen  Vetter  in  der  welschen  Presse,  selbst  deutsch-schweizerische  Zeitungen
  wandten  sich  gegen  ihn.  Dreihundert  Berner  Studenten  brachten
  ihm  eine  Katzenmusik  und  die  Berner  Professorenschaft  sprach  ihr
„Bedauern“  über  die  Haltung  des  Kollegen  aus.  Als  gegenüber  all
diesem  wüsten  Lärm  Professor  Vetter  von  seinem  Lehramt  zurücktreten
wollte,  lehnte  die  bernische  Regierung  das  Rücktrittsgesuch  allerdings
ab.  Ein  Teil  der  schweizerischen  Presse  entdeckte  nachträglich,  daß  Vetter
nichts  anderes  gesagt  habe  als  Gottfried  Keller  und  andere  hervorragende
  Schweizerdeutsche  auch.  So  ging  der  Vetterkrieg  wie  das  Hornberger
  Schießen  aus.  Aber  der  Vorgang  ließ  doch  deutlich  die  frauzösischen
  Neigungen  maßgebender  Kreise  in  der  Schweiz  erkennen.

Eine  ruhige  Betrachtung  wird  nicht  übersehen  dürfen,  daß  altgeschichtliche
  Einflüsse  zugunsten  der  französischen  Sprache  und  des  französischen
  Wesens  gewirkt  haben.  In  den  gebildeten  Kreifen  hatten  die
Beziehungen  zum  Kalvinismus  eine  Förderung  der  französischen  Sprache
gebracht.  In  den  Massen  erhielten  altgewohnte  Solddienstverbindungen
  die  französischen  Sympathien  wach.  Bis  1792  gab  es  schweizerische
  Fremdenregimenter  in  Frankreich.  Von  erheblicher  Bedeutung
war  weiter  das  langdauernde  Übergewicht  der  französischen  Kultur  und
die  starke  politische  Beeinflussung,  die  in  der  Epoche  der  Revolution
ihren  Höhepunkt  erreichte  und  namentlich  in  den  tieferen  Schichten  die
Hinneigung  zu  Frankreich  stärkte.  Die  Hauptsache  ist  doch,  daß  die
welschen  Schweizer  unter  lebhafter  Unterstützung  von  seiten  ihrer  Volksgenossen
  in  Frankreich  eifrig  bestrebt  sind,  ihrer  Sprache  und  Nationalität
  erhöhte  Geltung  zu  verschaffen.  Hier  lebt  ein  angriffslustiger
Geist.  Und  derselbe  Geist  beherrscht  die  italienische  Propaganda.  Gleichgeartete
  deutschnationale  Absichten  gibt  es  in  der  Schweiz  überhaupt
nicht,  und  selbst  die  Verteidigung  wurde  auf  deutscher  Seite  bislang
meist  schwächlich  und  matt  geführt.

Nur  in  den  gebildeten  Kreisen  der  deutschen  Schweiz  wird  neuerdings
  ein  ehrliches  und  klares  Deutschbewußtsein  lebendiger  betont.