Osterreich;  geschichtliche  Entwicklung;  Haus  Habsburg  25

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Mähren  und  Schlesien  die  Herrschaft  erst  antraten,  als  die  mittelalterliche
  Kolonisation  ihren  Höhepunkt  überschritten  hatte,  lag  der  Gedanke
einer  planmäßigen  Durchdringung  der  fremdvölkischen  Elemente  mit
deutscher  Kultur  fern.  Das  Haus  Habsburg  folgte  ganz  den  Antrieben,
die  an  den  andern  Höfen  wirksam  waren,  wenn  es  im  16.,  17.  und  18.
Jahrhundert  vornehmlich  auf  Abwehr  religiöser  Spaltungen  und  auf
Festigung  der  unbeschränkten  Herrschermacht  bedacht  war.  Gerade  im
Hinblick  auf  das  bunte  Völkergemisch  ihres  Staates  galt  dem  Herrscherhause
  der  katholische  Einheitsglaube  als  ein  unentbehrliches  Bindemittel.
Und  dem  dynastischen  Interesse  hat  man  ganz  nach  den  Gepflogenheiten
damaliger  Staatskunst  das  nationale  Moment  hintangestellt.

Trotz  alledem  schießt  das  Urteil,  daß  Habsburg  Verrat  am  Deutschtum
  geübt  hätte,  über  das  Zielhinaus.  Gewiß  hat  Habsburg  am  Deutschtum
  sich  versündigt.  Die  Unterdrückung  des  Protestantismus  hat  dem
deutschen  Osterreich  ein  gut  Teil  seiner  gesunden  Kraft  geraubt.  Und
unter  den  alten  österreichischen  Verwaltungsgepflogenheiten  hat  etwas
von  gedankenloser  Leichtlebigkeit  und  gemütlichem  Gehenlassen  sich  eingenistet.
  Das  sind  Schädigungen,  die  in  der  Oberschicht  der  Bevölkerung
  —  und  die  war  vorzugsweise  deutsch  —  lange  nachwirkten.  Sie
haben  jene  politische  Zerfahrenheit  und  Unentschlossenheit  gezeitigt,  die
namentlich  in  der  Phäakenstadt  Wien  als  österreichische  Besonderheit
so  oft  hervortrat.  Aber  bewußt  deutsch-feindliche  Absichten  des  offiziellen
  Osterreich  sind  erst  in  den  Schwankungen  der  letzten  Jahrzehnte
mit  der  zeitweiligen  Begünstigung  flawischer  Ansprüche  zutage  getreten,
seit  Osterreich  aus  dem  Deutschen  Reich  sich  ausgeschlossen  sah  und  gerade
  die  Deutschen  in  Osterreich  den  dringendsten  Staatsnotwendigkeiten
sich  widersetzten.  Soviel  wird  man  allerdings  sagen  müssen:  rein  deutschnationale
  Gesichtspunkte  haben  die  habsburgische  Politik  nie  bestimmt
und  werden  sie  in  Zukunft  erst  recht  nicht  bestimmen.  Denn  heute  tritt
der  Herrscher  notwendig  in  den  Dienst  seines  Volkes.  Der  Hohenzoller,
der  in  Rumänien  regiert,  oder  der  Koburger,  der  in  Bulgarien  die
Krone  trägt,  muß  in  erster  Linie  rumänische,  beziehungsweise  bulgarische
Interessen  sich  zu  eigen  machen.  In  Osterreich-Ungarn  hat  nach  diesem
Grundsatz  die  Dynastie  die  sehr  verschiedenartigen  Wünsche  bunt  zusammengewürfelter
  Nationalitäten  zu  beachten.  Ein  rein  deutscher  Zentralismus
  ist  menschlicher  Voraussicht  nach  in  Osterreich  ausgeschlossen.
Wohl  aber  läßt  sich  erwarten,  daß  in  Osterreich  das  deutsche  Element
wieder  die  Stellung  erlangt,  die  seiner  tatsächlichen  Bedeutung  ent-