Osterreich:  Verhältnis  der  Deutschen  zu  den  übrigen  Nationalitäten  27

ihre  Zuflucht  nehmen  mußten  als  der  einzigen  Sprache,  die  eine  allseitige
  Aussprache  ermöglichte.  Mit  leidenschaftlicher  Erbitterung  führen
die  Tschechen  den  nationalen  Kampf  gegen  die  Deutschen.  Mehr  und
mehr  dringt  die  gleiche  Stimmung  unter  den  Südflawen,  namentlich
bei  den  Slowenen  durch.  Die  österreichischen  Polen,  deren  Domäne
Galizien  ist,  sind  außerhalb  dieses  Landes  weit  vorsichtiger.  Sie  haben
andere  politische  Ziele  als  die  Tschechen  und  Südflawen.  Die  Tschechen
sind  begeisterte  Verehrer  Rußlands.  Sie  lassen  sich  in  dieser  Hinneigung
auch  nicht  durch  das  griechisch-katholische  Bekenntnis  der  Russen  stören.
Die  Polen  sind  eifriger  römisch-katholisch,  und  der  russische  Zweig  der
Polen  fühlt  obendrein  den  Druck  des  Zarenreiches  am  eigenen  Leib.
Das  wirkt  auch  auf  die  österreichischen  Polen  zurück  und  scheidet  sie
politisch  von  den  Tschechen.  Den  griechisch-unierten  Ruthenen  vollends
stehen  die  galizischen  Polen  als  Bedrücker  gegenüber.  Diese  beiden  Slawenstämme
  sind  in  tödlichem  Haß  durch  tiefgehenden  sozialen  Gegensatz
geschieden.  Auch  die  Südflawen  stehen  konfessionell  in  verschiedenen
Lagern.  Slowenen  und  Kroaten  sind  römisch-katholisch,  die  Serben
griechisch-katholich.  Politisch  erstreben  die  Südflawen  den  selbständigen
südflawischen  Staat;  das  trennt  sie  von  den  Nordslawen.  —  Aus  solchen
Zwiespältigkeiten  erklärt  es  sich,  daß  bislang  alle  Bemühungen  in  Osterreich,
  einen  Zusammenschluß  im  panslawistischen  Sinne  zu  erzielen,  noch
ohne  rechtes  Ergebnis  geblieben  sind.

Es  handelt  sich  also  streng  genommen  nicht  um  eine  geschlossene
Kampfschar  von  17  Millionen  Slawen,  sondern  um:
6  435  983  Tschechen,  Nähren  und  Slowaken  —  23,02  v.  H.  d.  Gesamt-Bevölk.
4967984  Polen  —  17,77  „  „  „
3518  854  Ruthenen  [—  12,58,  „  „  ¾l!  „

1252949  Slowenen  4,18  „  „  „  „  5„
783  334  Serben  und  Kroaten  2,80  „  „  „  5  „

So  angesehen,  sind  die  10  Millionen  Deusche—  auch  der  numerisch
stärkste  Volksstamm  des  Donaustaates.  Aber  wollte  man  selbst  die  Gesamtheit
  der  Slawen  den  Deutschen  entgegenstellen,  die  nackte  Zahl  entscheidet
  doch  auch  in  unserm  demokratisch  angehauchten  Zeitalter  nicht
alles.  Der  Tscheche,  der  Pole,  der  Südslawe  bedeutet  nicht  dasselbe
wie  der  Deutschösterreicher.  In  kultureller  Beziehung  braucht  das  nicht
erst  umständlich  erwiesen  werden.  Da  bietet  schon  das  starke  Übergewicht
  der  Analphabeten  auf  flawischer  Seite  einen  Maßstab.  Ganz  ebenso
klar  ist  das  gleiche  Verhältnis  in  wirtschaftlicher  und  sozialer  Hinsicht