28  Das  Deutichtum  in  d.  v.  neuen  Reich  getrennten  ehemalig.  Reichslanden

ausgeprägt.  Hier  gibt  die  direkte  Steuerleistung,  „in  der  alle  Quellen
wirtschaftlicher  Kraft  in  Ziffern  gefaßt  zusammenfließen“,  ein  völlig
klares  Bild.  Die  sozialökonomische  Stellung  der  Deutschösterreicher  wird
durch  die  Tatsache  gekennzeichnet,  daß  sie  64  v.  H.  der  direkten  Stenern
aufbringen,  obgleich  sie  nicht  ganz  36  v.  H.  der  Gesamtbevölkerung  ausmachen.
  Nach  den  Berechnungen  Rauchbergs  zahlt  ein  Deutscher  in
Osterreich  durchschnittlich  fast  doppelt  soviel  Steuern  wie  ein  Tscheche,
4  ½  mal  soviel  wie  ein  Pole  und  6  mal  soviel  wie  ein  Südslawe.

Gleichwohl  hat  unverkennbar  in  den  letzten  zwei  Menschenaltern  die
Stellung  des  österreichischen  Deutschtums  sich  gründlich  verschoben.  Im
alten  Osterreich  war  das  Deutschtum  die  anerkannt  führende  Macht.
Der  Vorrang  der  deutschen  Sprache  und  Kultur  war  unbestritten.  Der
Hof,  die  Verwaltung,  das  Heer  waren  deutsch.  In  den  Städten  war
für  alles,  was  über  die  tiefsten  Schichten  hinausragte,  das  Deutsche
die  selbstverständliche  Umgangssprache.  Was  an  fremdsprachlichen  Zuzüglern
  in  die  Städte  zog,  trat  weit  überwiegend  in  deutsche  Dienste,
und  es  wurde  in  Wien,  in  Graz,  in  Brünn  und  Prag,  selbst  in  Lemberg
  und  Czernowitz  ganz  ebenso  wie  im  nordböhmischen  Kohlenrevier
unter  der  Einwirkung  der  überlegenen  deutschen  Kultur  sehr  rasch  eingedeutscht.


Das  ist  allmählich  anders  geworden.  Scheinbar  sind  es  die  politischen
Umgestaltungen  von  1848  und  1866,  die  das  alte  Osterreich  innerlich
  umformten.  Im  tiefsten  Grunde  haben  die  Mächte  des  modernen
Lebens,  der  liberale  und  ver  nationale  Gedanke  und  die  zunehmende
Industrialisierung,  den  Umschwung  herbeigeführt.  Die  ersten  Spuren
moderner  Beeinflussung  treten  in  Osterreich  seit  184  8  hervor.  Aber  während
  überall  sonst  liberale  und  nationale  Ideen  in  engster  Gemeinschaft
  wirkten,  ist  in  Osterreich  der  nationale  Gedanke  mit  aller  Schärfe
zunächst  nur  bei  den  Slawen  durchgebrochen.  Das  kulturell  herrschende
deutsche  Element  verfocht  lediglich  die  abstrakt  liberalen  Grundsätze;
nationale  Forderungen  für  das  Deutschtum  gab  es  nach  der  Lage  der
Dinge  nicht.  Der  deutschösterreichische  Liberalismus  zielte  auf  die  freiheitliche
  und  einheitliche  Ausgestaltung  des  Gesamtstaates.  Hätte  man
in  vollem  gegenseitigem  Vertrauen  mit  der  Dynastie  sich  zusammengefunden,
  so  wäre  in  formaler  Beziehung  die  verfassungsrechtliche  Vorzugsstellung
  der  deutschen  Sprache  zu  sichern  gewesen.  Aber  dieser
deutsch-österreichische  Liberalismus  bekämpfte  doch  auch  den  Absolutismus,
  und  damit  setzte  er  sich  zwischen  zwei  Stühle.  Das  führende  deutsche