Osterreich;  Zurückdrängung  des  deutschen  Einfluises  29

Element  begeisterte  sich  für  die  politische  Freiheit  und  übersah  nur,  daß
gerade  damit  die  eigene  nationale  Stellung  in  Gefahr  kam.  Karl  Lamprecht
  erhellt  die  verzwickte  Sachlage  mit  einem  kurzen  Satz:  „Der  Liberalismus,
  weil  demokratisch,  widersprach  im  Grunde  der  hergebrachten
aristokratischen  Stellung  der  Deutschen,  war  aber  gleichwohl  für  sie,
als  unabweisbarer  Bestandteil  der  Kultur  eines  deutschen  subjektivistischen
  Zeitalters,  höhere  geschichtliche  Notwendigkeit.“  Die  tieferen
slawischen  Schichten  bekundeten  jedenfalls  eine  gesündere  Selbstsucht,
wenn  sie  ihrerseits  den  Gedanken  des  politischen  Fortschritts  im  Sinne
nationaler  Gleichberechtigung  erfaßten.  Mit  jeder  liberalen  Errungenschaft
  holten  die  Deutschen  für  die  tieferstehenden  Nationalitäten  die
Kastanien  aus  dem  Feuer.  Der  deutsche  Liberalismus  hat  den  Nationalitäten
  die  Bahn  zu  politischem  Einfluß  freigemacht,  hat  ihnen  erst
die  wirksamsten  Kampfmittel  gegen  das  Deutschtum  in  die  Hand  gespielt.

Das  zweite  bedeutsame  Moment  ist  der  immer  entschiedener  hervortretende
  Übergang  Osterreichs  vom  Agrarstaat  zum  Industriestaat.  Die
Anfänge  dieser  Entwicklung  reichen  bis  in  die  Zeit  der  Kontinentalsperre
  zurück,  wo  die  Fernhaltung  englischer  Konkurrenz  ein  Aufblühen
des  Fabrikwesens  namentlich  in  Deutschböhmen  herbeiführte.  Die  Entwicklung
  der  Industrie  lockte  fremdsprachige  Arbeiter  in  die  deutschen
Gebiete.  Seit  dem  Beginn  des  Nationalitätenkampfes  widerstrebten
diese  Zuzügler  der  Eindeutschung.  Mit  ihrer  rasch  wachsenden  Zunahme
  erhoben  sie  ihrerseits  nationale  Forderungen.  Auch  die  Großgrundbesitzer
  kamen  ins  Gedränge.  Sie  selbst  gehörten  fast  durchweg
der  deutschen  Kulturschicht  an.  Mehr  und  mehr  sahen  sie  sich  auf  die
billigeren  nichtdentschen  Arbeitskräfte  angewiesen,  denen  man  nunmehr
nationale  Zugeständnisse  machen  mußte.

Man  wird  zugeben  dürfen,  daß  eine  Umschichtung  der  nationalen
Kräfte  und  ihres  Einflusses  im  öffentlichen  Leben  Osterreichs  auf  die
Dauer  schwerlich  aufzuhalten  war.  Aber  ohne  die  plötzliche  politische
Umgestaltung,  die  Osterreich  seit  1866  erfuhr,  hätte  sich  die  für  das
Deutschtum  ungünstige  Wendung  zweifellos  nicht  so  rasch  und  unvermittelt
  vollzogen.  Bis  1866  war  der  deutsche  Grundcharakter  des
österreichischen  Staates  für  die  maßgebenden  Instanzen  das  selbstverständlich
  Gegebene.  Die  Dynastie  hatte  die  Führerstellung  im  Deutschen
Bunde  inne  und  sie  wollte  diese  Stellung  festigen  und  erweitern.  In
der  Hofburg  dachte  niemand  an  die  Begünstigung  eines  nichtdeutschen'
Einflusses.  Der  Staat  war  großdeutsch  nach  außen  und  großösterrei-