30  Das  Deutschtum  in  d.  v.  neuen  Reich  genennten  ehemalig.  Reichslanden

chisch  nach  iunen.  Erst  die  Niederlage  von  1866  und  die  vier  Jahre
später  folgende  Begründung  des  neuen  Deutschen  Reiches  legten  den
österreichischen  Staatslenkern  den  Gedanken  einer  veränderten  inneren
Politik  nahe.  Und  nun  sahen  die  Deutschen  sich  plötzlich  von  zwei
Seiten  gefährdet.  Die  Nationalitäten  erhoben  lauter  ihre  Ansprüche,
die  nur  auf  Kosten  der  Deutschen  befriedigt  werden  konnten.  Die  Monarchie
  aber  trat  nicht  mehr  in  alter  Weise  für  die  deutsche  Vorherrschaft
  ein.  Seit  Osterreich  ganz  auf  sich  gestellt  war,  hat  die  Monarchie
nach  ihren  neuen  Bedürfnissen  sich  eingerichtet.  Nicht  mehr  auf  die
Gesamtheit  des  deutschen  Volkes  hatte  sie  Rücksicht  zu  nehmen,  sondern
auf  die  Vielheit  der  ihr  zugehörigen  Volksstämme,  1867  machte  die
Aufrichtung  der  österreichisch-ungarischen  Doppelmonarchie  Ungarn
zum  selbständigen  Staat  neben  Osterreich  und  lieferte  die  ungarläudischen
  Deutschen  dem  Magyarentum  aus.  Die  Deutschen  Osterreichs
haben  der  magyarischen  Vorherrschaft  in  Ungarn  unter  der  Annahme
zugestimmt,  daß  in  Osterreich  das  Deutschtum  an  der  Spitze  bleibe.
Aber  in  Osterreich  rückte  das  Slawentum  gegen  die  Deutschen  vor.
In  Galizien  bekamen  1868/69  die  Polen  das  Heft  in  die  Hand.  Tschechen
  und  Slowenen  stellten  ihre  sich  überstürzenden  nationalen  Forderungen.
  Nur  schrittweise  wurde  ihnen  von  den  rasch  wechselnden
österreichischen  Ministerien  nachgegeben,  bis  das  Ministerium  Taaffe
die  grundsätzliche  Schwenkung  vollzog.  Die  Deutschen,  die  unter  den
neuen  Verhältuissen  die  vorher  kaum  in  Erwägung  gezogene  Notwendigkeit
  verspürten,  ihr  eigenes  Volkstum  zu  verteidigen,  waren  mehr
und  mehr  in  Opposition  gegen  die  Regierung  geraten.  Aus  nationalen
  Gründen  haben  sie  die  Abstoßung  Dalmatiens  betrieben.  Sie
überließen  Ungarn  den  Hafen  von  Fiume  und  das  zugehörige  Küstenland.
  Sie  wollten  Galizien  losgelöst  und  selbständig  gestellt  wissen;
alles,  um  die  flawische  Mehrheit  in  der  Westhälfte  der  Monarchie  zu
schwächen  und  dadurch  das  Gewicht  des  Deutschtums  in  Zisleithanien
zu  stärken.  Das  Schlimmste  kam,  als  die  Deutschen  1879  gegen  die
Okkupation  Bosniens  und  der  Herzegowina  sich  erklärten.  Die  Stellungnahme
  ist  begreiflich.  Die  Deutschen  widerstrebten  jeder  weiteren  Vermehrung
  an  fremden  Staatsgenossen.  —  Und  doch  war  die  Haltung
kurzsichtig.  Bismarck  hat  mit  einem  bitteren  Wort  die  Deutschösterreicher
  nach  ihrem  damaligen  Führer,  dem  früheren  Minister  Herbst,
als  die  „Herbstzeitlosen“  bezeichnet,  „die  nie  etwas  zu  rechter  Zeit  getan“.
  Die  Deutschen  setzten  sich  in  Widerspruch  zu  den  Lebensbedürf-