Osterreich;  innere  Umbildungen;  deutsche  Spaltungen  31

nissen  des  Staates  und  der  Dynastie.  Ministerpräsident  Taaffe  hat
schließlich  erklärt:  der  Kaiser  könne  es  versuchen,  auch  einmal  mit
tschechischen  Ochsen  zu  pflügen.  Bis  zu  gewissem  Grade  trägt  die  politische
  Haltung  der  Deutschösterreicher  eine  Mitschuld  daran,  daß  das
offzielle  Osterreich  sich  entschiedener  ihren  nationalen  Gegnern  zuwandte.
Die  Deutschen  versagten  sich  den  militärischen  Forderungen  der  Regierung.
  Daraufhin  erfolgte  die  Aufhebung  der  deutschen  Amtssprache
in  Böhmen,  die  Bewilligung  der  tschechischen  Universität  in  Prag.
Ein  mehrmaliger  Pairsschub  beseitigte  im  österreichischen  Herrenhause
die  deutsche  Mehrheit  und  im  Reichsrat  drückte  die  Zersplitterung  der
deutschen  Parteien  ihr  politisches  Gesamtgewicht  immer  tiefer  herunter.
Die  Deutschen  Osterreichs  waren  echte  Deutsche  auch  darin,  daß  unter
ihnen  alle  die  Parteiungen  sich  geltend  machten,  die  im  deutschen  Leben
überhaupt  Platz  gegriffen  haben:  die  Gegensätze  strengerer  Kirchlichkeit
und  freierer  Auffassung,  alle  Schattierungen  der  rein  politischen  Parteistellung,
  die  wirtschaftlich  und  sozial  auseinandergehenden  Strebungen
—  von  Großgrundbesitz  und  Großindustrie,  von  Bürgertum  und  Bauerntum,
  von  Besitzenden  und  Besitzlosen  —,  all  das  wirkte  unter  den  Deutschen
  unmittelbar  trennend.  Alle  anderen  Nationalitäten  ordnen  die  an
sich  meist  weniger  scharf  ausgeprägten  Differenzen  ihres  inneren  Lebens
  dem  nationalen  Gedanken  unter.  Das  ermöglicht  jeder  von  ihnen
eine  einheitlicher  geschlossene  politische  Betätigung,  während  die  deutschen
  Kräfte  allzulange,  ohne  Rücksicht  auf  die  drängenden  nationalen
Gefahren,  sich  zersplitterten.  Manch  anderer  politischer  Mißgriff  trat
hinzu,  der  dem  deutschen  Einfluß  Abbruch  tat.  So  haben  die  Deutschen
es  lange  grundsätzlich  abgelehnt,  in  gemischtsprachigen  Bezirken  die
fremde  Sprache  zu  lernen.  Das  hat  namentlich  in  Böhmen  zu  einer
Verstärkung  des  tschechischen  Elements  in  den  Amtsstellen  beigetragen.
Die  Tschechen  lernten  Deutsch.  Tschechische  Beamte  rückten  zunächst  in
den  gemischtsprachigen  Bezirken  Böhmens  ein,  sie  drangen  selbst  in  rein
deutschen  Gebieten  vor,  weil  es  an  deutschen  Anwärtern  fehlte.  Unter
dem  Ministerium  Taaffe  hat  man  deutscherseits  die  Fernhaltung  vom
Staalsdienst  geradezu  als  nationale  Pflicht  hingestellt.  Ebenso  versehlt
  waren  gelegentliche  deutschradikale  Demonstrationen,  z.  B.  das
Hoch  auf  die  Hohenzollern,  das  Herr  v.  Schönerer  im  Wiener  Reichsrat
  ausbrachte.  Man  wird  solche  Fehler  und  Mißgriffe  nicht  zu  scharf
betonen  dürfen.  Sie  haben  sicherlich  die  Entwicklung  nicht  ausschlaggebend
  bestimmt.  Die  gelegentlichen  Entgleisungen  fallen  gegenüber