32  Das  Deutschtum  in  d.  v.  neuen  Reich  getrennten  ehemalig.  Reichslanden
der  tausendfach  bewährten  Hingabe  an  den  Staat  und  an  das  Herrscherhaus
  kaum  ins  Gewicht.  Tschechen,  Polen,  Slowenen  und  Serben
  —  der  Magyaren  ganz  zu  geschweigen  —  haben  wider  den  österreichischen
  Staatsgedanken  und  wider  die  Dynastie  unendlich  schwerer
gefrevelt.  Gleichwohl  hat  nur  der  deutsche  Einfluß  in  Osterreich  eine
Herabdrückung  erfahren.  Die  rückblickende  Betrachtung,  die  in  erster
Linie  den  Hergang  erklären  und  nicht  die  beteiligten  Personen  sittenrichterlich
  aburteilen  will,  wird  vor  allem  ihr  Augenmerk  den  treibenden
  Kräften  der  Entwickelung  zuwenden  müssen.

Das  Aufstreben  der  slawischen  Massen  trat  nach  1866  scheinbar  unvermittelt
  und  überraschend  zutage,  als  die  politischen  Verhältnisse  sich
zuungunsten  der  Deutschen  verschoben.  Esistfraglich,  ob  die  deutsche  Volkszahl
  dabei  einen  wirklichen  Rückgang  erlitten  hat.  Die  zahlenmäßigen
Fortschritte,  die  seit  der  Mitte  des  18.  Jahrhunderts  das  Slawentum
in  Osterreich  nach  den  statistischen  Ermittelungen  aufzuweisen  hat,  entschleiern
  nur  einen  längst  vorhandenen,  aber  für  Fernerstehende  verhüllten
  Zustand.  Die  erfte  Zählung,  die  die  Nationalität  der  Bevölkerung
  feststellte,  ist  in  Osterreich  1846  erfolgt.  Seit  1880  sind  alle  zehn
Jahre  statistische  Erhebungen  über  die  Umgangssprache  vorgenommen
worden.  Wenn  1880  gegenüber  den  Zählungsergebnissen  von  1846
die  deutschsprachige  Bevölkerung  in  den  gemischtsprachigen  Bezirken  im
Rückgang  begriffen  erscheint,  so  liegt  das  zum  guten  Teil  daran,  daß
Fremdstämmige,  die  der  deutschen  Sprache  kundig  waren,  früher  unbedenklich
  als  Deutschsprachige  sich  bekannten,  während  neuerdings  jede
Bolkszählung  zur  nationalen  Kraftprobe  wird.  Die  fremdsprachige  Unterschicht
  hatte  längst  im  stillen  ihre  Kräfte  gestärkt,  dann  ward  sie  von
der  nationalen  Bewegung  mit  steigendem  Selbstbewußtsein  erfüllt  und
endlich  durch  die  konstitutionelle  Umwandlung  des  Staates  an  die  Oberfläche
  getragen.  Durch  diese  Umstände  ist  heute  das  vordem  selbstverständliche
  Ubergewicht  des  Deutschtums  in  den  nationalen  Kampfgebieten
  durchweg  bestritten,  z.  T.  zurückgedrängt,  und  die  Herüberziehung
der  von  den  Deutschen  in  wirtschaftlicher  Abhängigkeit  stehenden  fremdsprachigen
  Zuzügler  zum  Deutschtum  findet  nicht  mehr  in  alter  Weise
statt.  Eine  letzte  Gefahr  für  das  Deutschtum  bedeutet  die  1907  erfolgte
  Einführung  des  allgemeinen,  gleichen  und  geheimen  Wahlrechts  in
Osterreich  Das  demokratische  Wahlrecht  beeinträchtigt  am  schwersten  die
von  Hause  aus  aristokratische  Stellung  der  Deutschen.  Zu  den  schon  vorher
  wirksamen  Parteigegensätzen  tritt  seitdem  noch  die  Abschwenkung