Osterreich;  die  Lage  in  Böhmen  35

—  .---  --Die

  Überspannung  des  nationalen  Kampfes  machte  es  endlich  allen
Einsichtigen  klar,  daß  ein  nationaler  Ausgleich  eine  Lebensbedingung
für  den  Staat  sei.  Auch  die  Regierung  stellte  sich  auf  diesen  Boden,  und
wiederholt  hat  der  Kaiser  mit  persönlicher  Bemühung  im  Sinne  der
Herstellung  des  nationalen  Friedens  eingegriffen.  Seit  1910  erstrebt
man  ernsthafter  den  deutsch-tschechischen  Ausgleich.  Das  erste  Parlament
des  allgemeinen  Wahlrechts  war  Ende  März  1911  aufgelöst  worden.
Die  Neuwahlen  haben  einen  entschiedenen  Fortschritt  der  deutsch-nationalen
  Gruppen  gebracht,  hauptsächlich  auf  Kosten  der  damals  national
noch  etwas  lauen  Christlich-Sozialen,  z.  T.  auch  der  internationalen
Sozialdemokraten.  Die  Sachlage  war  also  für  die  Deutschen  gebessert.
Das  neue  Parlament  hat  der  greise  Kaiser  mit  einer  Thronrede  eröffnet,
  in  der  er  mit  eindringlichen  Worten  zu  den  Parteien  Böhmens
redete.  Er  forderte  Duldsamkeit  und  Entgegenkommen  in  nationaler
Beziehung;  völkisches  Bewußtsein  und  Staatsgedanke  sollten  sich  versöhnen.
  Trotz  dieser  erusten  Mahnung  sind  die  Prager  Ausgleichsverhandlungen
  nicht  zum  Abschluß  gediehen.  Monatelang  ging  es  nur  mühsam
und  stockend  vorwärts.  Alle  halbwegs  wichtigen  Punkte  wurden  zurückgestellt.
  Die  Tschechen  beantragten  bei  jeder  schwierigen  Frage  Ausschaltung,
  angeblich  aus  zartfühlender  Rücksichtnahme,  um  Reibungen
vorläufig  zu  vermeiden.  Auf  deutscher  Seite  regte  sich  der  Verdacht,
daß  die  Tschechen  eine  Verschleppungspolitik  trieben,  die  zu  den  dringendsten
  Forderungen  nicht  Stellung  nehmen  wolle.  Die  endlosen  Debatten,
  die  nichtigen  Einwendungen,  die  fortwährenden  Winkelzüge  von
tschechischer  Seite  weckten  wirklich  den  Eindruck,  als  ob  alle  Mühe  und
Zeit  vergeudet  wäre  und  die  Deutschen  letzten  Endes  genarrt  werden
sollten,  daß  die  Tschechen  ernstlich  den  Ausgleich  gar  nicht  wünschten.
Sie  nutzten  die  Teilnahme  an  den  Verhandlungen  taktisch  dazu  aus,
um  in  Wien  soviel  als  möglich  an  wirtschaftlichen  und  sonstigen  Zugeständnissen
  für  sich  herauszuschlagen.  Seit  dem  Frühjahr  1912  veränderte
  sich  das  Bild.  Es  schien,  als  ob  man  sich  gegenseitig  näherkäme.
Man  tagte  bis  in  den  Juli  hinein.  Hoffnungsfrohe  Gemüter  erwarteten,
daß  dem  Kaiser  zu  seinem  Geburtstage  am  18.  August  der  Ausgleich
als  Angebinde  würde  dargebracht  werden  können.  Allseitige  Erschöpfung
hat  wiederum  zu  einer  Vertagung  gezwungen.

Die  ungeheuere  Schwierigkeit  liegt  in  den  ungerechtfertigten  Vorteilen,
die  das  Tschechentum  an  sich  gerissen  hat.  Man  darf  sich  nur  der  Verteilung
  der  Amtsstellen  und  der  Verwendung  der  Steuergelder  erinnern.

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