36  Das  Deutschtum  in  d.  v.  neuen  Reich  getrennten  ehemalig.  Reichslanden

—.  N

Die  vollberechtigte  Forderung  der  Deutschen  nach  deutschen  Beamten
im  deutschen  Sprachgebiet  Böhmens  und  an  den  Zentralstellen  in  Prag
muß  zahllose  tschechische  Beamte  aus  ihren  Brotstellen  drängen  und
ebenso  müssen  die  ungemessenen  Zuwendungen  aus  dem  Landeshaushalt
fürtschechische  Sonderinteressen  eine  weitgehende  Einschränkung  erfahren.
Der  Ausgleich  kann  nicht  zustande  kommen,  ohne  daß  die  Tschechen  mehr
geben,  als  sie  erhalten.  Die  Lage  erscheint  in  diesem  Augenblicke  völlig
ungeklärt.  Aber  gerade  die  Deutschen  dürfen  mit  ruhiger  Zuversicht  in
die  Zukunft  blicken.  Ein  Scheitern  des  Friedensgedankens  braucht  sie
nicht  zu  entmutigen.

Es  hat  neuerdings  eine  für  das  österreichische  Deutschtum  unverkennbar
  günstige  Wendung  sich  vollzogen.  Als  in  der  Balkankrife,  die
die  österreichische  Annexion  Bosniens  und  der  Herzegowina  herbeiführte,
  Serben,  Slowenen  und  Tschechen  in  ihren  panflawistischen  Hetzereien
  bis  an  die  Grenze  des  Hochverrats  sich  verirrten,  da  haben  die
Deutschen  den  politischen  Fehler  von  1879  reichlich  wettgemacht.  Das
deutsche  Element  erwies  sich  als  die  zuverlässigste  Stütze  des  Kaiserhauses.
Es  kam  die  opferwillig  bewährte  Bundestreue  des  Deutschen  Reiches
hinzu,  die  ihr  sehr  erheblich  Teil  zur  Uberwindung  der  Krise  beitrug.

Das  alles  hat  zu  einer  veränderten  Haltung  der  österreichischen
Regierung  geführt.  Die  einseitige  Begünstigung  der  deutschfeindlichen
Nationalitäten  hat  ein  Ende  gesunden.  Mißtrauen  und  Übelwollen  der
offiziellen  Kreise  gegen  das  Deutschtum  sind  sichtlich  zurückgestellt.  Man
begreift  es  heute  auch  in  der  Wiener  Hofburg,  daß  „„mit  tschechischen
Ochsen  zu  pflügen“  seine  ernsthaften  Bedenken  für  die  Dynastie  hat.
Schon  das  Ministerium  Bienerth  suchte  sich  gerecht  und  unpartelüsch
über  dem  Streit  der  Nationalitäten  zu  behaupten.  Eben  darum  wurde
es  den  Tschechen  unbequem.  Bienerths  Nachfolger,  Herr  v.  Gautsch,
der  wieder  in  die  alten  Bahnen  einer  Benachteiligung  der  gutmütigen
Deutschen  einlenken  zu  wollen  schien,  hatte  sehr  rasch  abgewirtschaftet.
Der  derzeitige  Ministerpräsident,  Graf  v.  Stürgkh,  hat  in  seiner  parlamentarischen
  Tätigkeit  sich  das  Vertrauen  seiner  deutschen  Volksgenossen
  erworben.  Vor  allem  haben  die  Deutschen  selbst  sich  kräftiger
zusammengerafft.  Ihre  nationalen  Schutzvereine  erstarken,  und  man
strebt,  trotz  beklagenswerter  Rückfälle,  mit  besserem  Erfolg  als  früher
ein  Zusammenwirken  aller  Deutschen  unter  Beiseitestellung  politischer
und  konfessioneller  Streitpunkte  an.  Unverkennbar  hat  die  Not  endlich
  das  nationale  Pflichtgefühl  der  Deutschen  geschärft.  Es  kommt