40  Das  Deutschtum  in  der  Zerstreunng.  Deutsche  Diaspora  in  Europa

—  —  —  —

von  der  Erörterung  ihrer  Verhältnisse  abgesehen.  Unsere  Betrachtung,

die  alle  Deuischgebürtigen  und  Deutschsprachigen  im  Ausland  ohne

Rücksicht  auf  ihre  Staatsangehörigkeit  umfassen  will,  muß  die  unendliche

  Vielheit  verschiedenster  Verhältnisse  und  Beziehungen,  die  dabei

in  Frage  kommen,  nach  wenigen  klar  erfaßbaren  Merkmalen  zu  gliedern
  versuchen.  Wir  unterscheiden  demgemäß:

1.  nach  rein  geographischen  Gesichtspunkten  das  Deutschtum  in  der
Zerstreuung:  in  Europa  und:  in  Ubersee,

2.  innerhalb  dieser  verschiedenen  Gebiete:  bodenständige  Siedlung,  die
in  der  Fremde  eine  danernde  Stätte  auf  eigener  Scholle  gewinnt,  und:
die  unsteter  flutende  Bewegung  Erwerbsuchender  aller  Berufe,  die
seltener  feste  Wurzeln  in  der  Fremde  schlägt  und  doch  ständige
Sammelpunkte  deutschen  Einflusses  im  Ausland  zu  bilden  vermag.
Bodenständige  deutsche  Siedlungen  sind  außerhalb  des  geschlossenen

deutschen  Sprachgebietes  an  verschiedenen  Stellen  unseres  Erdteils

nachzuweisen,  z.  T.  Rückstände  früher  germanischer  Völkerzüge  oder

Ausläufer  der  mittelalterlichen  deutschen  Kolonisation,  z.  T.  in  neuerer

Zeit  erfolgte  Verpflanzungen.  Es  soll  hier  nicht  verfolgt  werden,  wieviel

  von  früheren  Absplitterungen  unseres  Volkstums  zugrunde  gegangen

  ist.  Was  im  italienischen  Alpengebiet,  vielleicht  schon  von
den  Zeiten  der  Völkerwanderung  herstammend,  Zubehör  des  deutschen

Volkstums  geworden  war  und  langsam  dahingeschmolzen  ist,  das  bleibt

hier  ebenso  außer  Betracht  wie  die  versprengten  deutschen  Koloniegründungen

  des  18.  und  19.  Jahrhunderts  in  Spanien  oder  Griechenland,
  wo  nur  noch  blonde  Kinderköpfe  und  verballhornte  deutsche

Familiennamen  an  die  deutschen  Einwanderer  erinnern.  „Es  war  einmal“

  —  so  lautet  überall  der  Kehrreim.  Wir  fragen  nur,  wo  in  der

Fremde  deutsche  Auswanderer  die  angestammte  Sprache  und  Art  bis

zur  Stunde  bewahrt  haben.  Solche  bodenständige  deutsche  Siedelungen

  gibt  es  in  nennenswertem  Umfange  heute  nur  in  den  östlichen

Staaten  Europas,  in  den  österreichischen  Nebenlanden  (Galizien,  Bukowina

  und  Bosnien),  in  Ungarn,  in  Rußland  und  in  Rumänien.
Die  allgemeinen  Verhältnisse  der  zu  Zisleithanien  gehörigen  deutschen

  Sprachinseln  sind  bereits  im  Zusammenhang  der  Erörterungen
über  das  österreichische  Deutschtum  berührt.  Hier  sei  nur  noch  ergänzend
  angemerkt,  daß  nach  den  Angaben  der  Statistik  das  Deutschtum

Galiziens  in  rettungslosem  Verfall  begriffen  scheint.  1880  sind  in

Galizien  323.000  Deutsche  gezählt  worden,  1890:  227000,  1900: