44  Das  Deurschtum  in  der  Zerstreuung.  Deutsche  Diaspora  in  Europa

reich  oder  wenigstens  ein  großer  Teil  davon  nach  und  nach  germanisiert,
  das  ungarische,  zu  Revolutionen  und  Unruhen  geneigte  Geblüt
mit  dem  deutschen  temperiert  und  mithin  zur  beständigen  Treue  und
Liebe  ihres  natürlichen  Erbkönigs  und  Herrn  aufgerichtet  werden  möchte“.
Mit  dem  Beginn  des  18.  Jahrhunderis  setzt  in  der  Tat  eine  neue  umfassende
  deutsche  Kolonisation  in  Ungarn  ein.  Josef  I.  und  Karl  VI.
haben  sie  eröffnet,  Maria  Theresia  und  Josef  II.  sie  besonders  eifrig
gefördert.  Geistliche  und  weltliche  Magnaten  schlossen  sich  an.  Man
zog  Kolonisten  ins  Land,  vorzugsweise  Deutsche.  Sie  sollten  frisches
Leben  in  die  verödeten  Ortschaften  tragen,  oder  wüste  Landstrecken  erstmalig
  urbar  machen.  Auch  Handwerker,  an  denen  großer  Mangel  war,
suchte  man  in.  Deutschland  zu  gewinnen.  Ein  Teil  der  nen  organisierten
  „Militärgrenze“  wurde  deutscher  Bewachung  überantwortet.  —
Die  Kolonisation  erstreckte  sich  hauptsächlich  auf  die  in  der  Türkenzeit
schwer  heimgesuchten  Gegenden  des  mittleren  Ungarn  und  auf  die
den  Türken  entrissenen  südlichen  Gebiete.  Eine  Reihe  älterer  deutscher
Siedlungen  erfuhr  damalsverjüngenden  Zuzug.  Im  Temesvarer  Banat,
in  der  Batschka  und  in  der  sogenannten  schwäbischen  Türkei  wurde
recht  eigentlich  Nenland  gewonnen.  Dort  sind  ausgedehnte  Sumpfstrecken
  in  lachendes  Fruchtgelände  umgewandelt  worden.  Die  neuen
deutschen  Zuzügler  stammten  aus  der  Kleinstaatenwelt  des  deutschen
Westens,  vom  Bodensee  bis  nach  Westfalen  und  Braunschweig,  am  zahlreichsten
  aus  Württemberg,  Baden,  Hessen,  aus  der  Rheinpfalz  und  aus
den  vorderösterreichischen  Landen.  Sie  wurden  in  Ungarn  unter  dem
Namen  der  „Schwaben“  zusammengefaßt.  Im  Fortgang  der  Bewegung
sind  seit  den  30  er  Jahren  Protestanten,  zum  Teil  aus  den  österreichischen
Kronlanden,  nach  Siebenbürgen  verpflanzt  worden,  die  dort  das  Deutschtum
  in  willkommener  Weise  verstärkten.  Kräftig  und  ohne  ernstere  Beeinträchtigung
  hatte  seit  dem  Ende  der  Türkennot  das  gesamte  ungarländische
  Deutschtum  bis  gegen  die  Mitte  des  vorigen  Jahrhunderts
sich  entwickelt.  Wohl  gab  es  gelegentlich  störende  Maßnahmen  mißgünstiger
  magyarischer  Kreise  und  ungeschickte  Eingriffe  der  österreichischen
  Regierung.  Aber  die  zähe  Widerstandskraft  der  Deutschen  hat
jede  Gefährdung  ihres  nation  alen  Wesens  abgewendet.  So  überlegen
erwiesen  sich  die  deutschen  Ansiedler,  daß  etliche  von  französischredenden
  Lothringern  begründete  Dörfer  im  Banat  (St.  Hubert,  Charlesville,
  Soltour  und  Lovrin)  zum  Deutschtum  übergegangen  sind.  Die
Maggyaren  hatten  selbst  noch  keine  entwickelte  Kultur.  Als  allgemeine