Ungarn;  Schwabensiedlungen.  —  Magharische  Ziele  45

Verständigungssprache  überwog  im  Lande  das  Deutsche,  das  der  Oberschicht
  der  Gesellschaft  durchweg  geläufig  war.  Die  innere  Amts=  und
Gerichtssprache  war,  da  das  Magyarische  nicht  zureichte,  bis  1848
lateinisch.  Erst  die  nationale  Bewegung  des  19.  Jahrhunderts  hat  ein
magyarisches  Nationalprogramm  mit  scharfer  Spitze  gegen  die  Anderssprachigen
  gezeitigt.  Besonders  schroff  gestaltete  sich  dabei  das  Verhältnis
  der  Magyaren  gegenüber  den  Deutschen,  die  als  die  Schildhalter
  des  österreichischen  Regiments  erschienen.  Seit  der  Begründung
der  habsburgischen  Herrschaft  über  Ungarn  steht  das  Magyarentum
im  Kampf  mit  der  Dynastie.  Man  wandte  sich  gegen  den  Absolutismus
  und  gegen  die  religiöse  Unduldsamkeit  der  Wiener  Hofburg.  Die
stets  erneuten  Aufstandsversuche  blieben  ohne  durchschlagenden  Erfolg.
Zum  letztenmal  sind  die  Magyaren  nach  ihrer  siegreichen  revolutionären
  Erhebung  von  1848  bewältigt  worden,  bekanntlich  mit  russischer
  Hilfe.  Erst  1866  gab  die  Niederlage  Osterreichs  den  Magyaren
die  Bahn  frei.  Der  österreichisch-ungarische  Ausgleich  von  1867  machte
Ungarn  zu  einem  selbständigen  Staate  und  gab  dem  Lande  eine  moderne
  konstitutionelle  Verfassung.  Siebenbürgen  wurde  damals  mit
Ungarn  vereinigt  und  Kroatien  und  Slawonien  fester  an  Ungarn  angegliedert.
  Das  Königreich  Ungarn  blieb  durch  Personalunion  mit  Österreich
  vereinigt.  In  der  auswärtigen  Politik  soll  die  gemeinsame  Kriegsmacht
  und  die  einheitliche  diplomatische  Vertretung  den  festen  Zusamschluß
  verbürgen.  In  der  Wirtschaftspolitik  wurde  ein  zehnjähriges
Abkommen  vereinbart,  das  bei  jeder  Erneuerung  steigende  Schwierigkeiten
  zu  überwinden  hat.  Diese  österreichisch-ungarische  Ehe  ist  keine
glückliche.  Ungarn  begehrt  die  Scheidung,  oder  doch  etwas  wie  eine
Trennung  von  Tisch  und  Bett.  Merkwürdig  gegensätzlich  mutet  die
Entwickelung  Osterreichs  und  Ungarns  in  den  letzten  Jahrzehnten  an.
In  Osterreich  war  den  Deutschen  die  Führung  zugedacht,  in  Ungarn
den  Magyaren.  Aber  Osterreich  hat  seitdem  aus  einem  Einheitsstaat
in  einen  Nationalitätenstaat  sich  umgebildet.  In  Ungarn  schien  es  bis
vor  kurzem,  als  ob  das  magyarische  Übergewicht  jedes  andere  Volkstum
  zur  Bedentungslosigkeit  herabdrücken  könute,  als  ob  aus  dem  lokkeren
  Gebilde  dieses  national  so  außerordentlich  zerklüfteten  Gemeinwesens
  ein  festgefügter  Einheitsstaat  sich  gestalten  solle.  Wohl  gibt  es
das  vielberufene,  noch  immer  zu  Recht  bestehende  Nationalitätengesetz
von  1868,  das  den  Völkern  Ungarns  die  nationale  Schule  und  ihre
Mutterfprache  in  Gemeindeverwaltung  und  Rechtspflege  zuspricht.  Der